Bürokratie in Jerusalem

Montag bis Dienstag, 13.–21.11.2017

Die Vormittage der Werktage der kommenden anderthalb Wochen verbringe ich im Wesentlichen mit einer Behördenodyssee in Jerusalem, um die Papiere zusammen zu bekommen, die wir brauchen, um Bulli hier drei Monate lang legal fahren zu dürfen. Nachmittags schauen wir uns Jerusalem an. Und das Wochenende verbringen wir im keine Stunde Fahrt entfernten Tel Aviv. Aber das werden eigene Blogeinträge.

Die Behördenodyssee in Kurzform:

1) Misrad Ha Raschui (allgemeine Zulassungsbehörde): Schickt mich zur Ausländerbehörde, weil ich kein Visum im Pass habe.
2) Ausländerbehörde: Will mir kein Visum in den Pass stempeln, weil Deutsche kein Visum brauchen und deshalb auch keins bekommen. Mit Hartnäckigkeit und Chuszpe bekomme ich irgendwann von der Chefetage eine Sondergenehmigung und somit das Visum, welches es eigentlich nicht gibt.
3) Misrad Ha Raschui: Schickt mich diesmal zum Optiker für das „Grüne Blatt“, das jeder(!) für einen Führerschein benötigt.
4) Optiker: Untersucht meine Augen nicht, weil ich ja einen deutschen Führerschein habe, händigt mir aber das „Grüne Blatt“ aus. (Ohne sonst irgendwas sonst getan zu haben!)
5) Misrad Ha Raschui: Stellt mir einen vorläufigen israelischen Führerschein aus, den man als Tourist zwar nicht für ein Mietauto braucht, aber für ein selbst mitgebrachtes Auto. Dann schicken sie mich zur Post und zur Steuer- und Zollbehörde.
6) Post: Hier muß ich den Führerschein bar bezahlen. (Die Misrad Ha Raschui hat keine Kasse.)
7) Steuer- und Zollbehörde: Eröffnet mir, dass ich neben einer Versicherung für den zweiten und dritten Monat (für den ersten Monat haben wir schon eine) auch eine Bankbürgschaft einer israelischen Bank über alle Steuern brauche, die ich dem israelischen Staat für ein Jahr schulden würde, wenn ich Bulli dauerhaft einführen würde. – Anmerkungen hierzu: Die meisten Staaten der Welt werden durch die internationale „Grüne Versicherungskare“ abgedeckt. Aber einige wenige (obskure) Staaten wie Nordzypern, Iran oder Nordkorea deckt sie nicht ab. Und zu diesen Staaten gehört auch Israel. Für die Bankbürgschaft gibt es auch ein weltweit einheitliches System, das „Carnet de Passage“, welches selbst im Iran und Nordzypern funktioniert. Die einzigen mir bekannten Staaten, die hier nicht mitmachen sind Nordkorea und eben Israel. Ach ja, und ganz nebenbei dürfen Touristen ihr Auto für drei Monate steuerfrei nach Israel einführen.
8) Normales Versicherungsbüro: Sie dürfen Bulli nur für Zeiträume von über einem Jahr versichern. Die staatliche Erlaubnis und Verpflichtung für Versicherungen für kürzere Zeiträume hat nur „Pool“.
9) „Pool“: Sie dürfen und müssen alle Zeiträume versichern. Stellen sich aber auf den Standpunkt, dass sie für Touristen nur Transitversicherungen für eine Woche ausstellen. Wenn ich drei Monate lang bleiben wolle, müsse ich mein Auto erst komplett in Israel zulassen, bevor sie es versichern. Nachdem ich am selben Tag drei Mal bei ihnen aufgelaufen bin, und immer wieder die Hotline angerufen habe, geht es dann plötzlich doch. Ich soll am nächsten Tag wiederkommen.
10) „Pool“: Am nächsten Tag bekomme ich schnell und unkompliziert meine Autoversicherung für die fehlenden zwei Monate.
11) Post: Hier muß ich die Versicherung bar bezahlen. Das Büro von „Pool“ hat weder eine Kasse noch eine normale Bankverbindung.
12) Etwa ein halbes Dutzend Banken: Von den Erlebnissen am Schalter will ich hier drei wiedergeben:
12a) Am Ausländerschalter: „Wir eröffnen prinzipiell keine Konten für Ausländer.“ – „Ah, das erklärt, warum der Ausländerschalter der einzige Schalter ohne Warteschlange ist.“
12b) „Kein Problem, Sie müssen nur 50.000$ als Einlage auf das Konto überweisen.“ – „Das kann ich nicht.“ – „Oh, Sie können die 50.000$ auch unkompliziert jetzt sofort in bar einzahlen.“ – „Sehe ich aus wie Pablo Escobar?“ (OK, das Letzte denke ich nur.)
12c) „Kein Problem, Sie müssen auch nur die Bürgschaftssumme einlegen. Wir können Ihnen einen Termin zur Kontoeröffnung am Mittwoch nächster Woche geben.“ – „PRIMA! Dann mache ich jetzt erstmal eine Woche Urlaub!“

Dass Kafka ein Prager Jude war, ergibt für mich inzwischen noch mal ganz anders Sinn. Er muß der heimliche Schutzpatron der Israelischen Bürokratie sein.

ich hab mir irgendwo eine kleine erkältung geholt. einen der tage bleibe ich komplett im bett und schlafe den schnupfen weg, an einem anderen mache ich einen längeren spaziergang auf den alten schienen. das ist wirklich eine nette idee: der erste bahnhof der stadt und die schienentrasse sind im laufe der jahre obsolet geworden. aus dem bahnhof wurde ein veranstalungsgelände geschaffen. mit fressbuden, restaurants, bühne, kinderbespaßung, toiletten und netten plätzen zum verweilen. die bahnsteige sind noch zu erkennnen und aus dem gleisbett wurde ein spazierweg mit grünstreifen und radweg gemacht. auf den wiesen rechts und links lagern elternteile mit ihren kindern unter bäumen, ältere leute sitzen auf den vielen bänken, es wird gejoggt, geradelt, in die stadt zur arbeit gegangen. und die rosmarinhecken stehen am rand zum teil noch in blüte und duftend.

ich bin recht froh, daß michel beim behördenmarathon die nerven behält. ich hätte sie längst verloren und den spaß an der sache dazu.

ja, wir wollen uns ein bishen mehr hier einbringen, tiefer bohren, leute kennenlernen, dieses land noch besser verstehen. aber doch nicht in sachen bürokratie! das haben wir zu hause auch.

ich muß jetzt wieder häufiger an unsere syrischen freunde zu hause denken. mir ist aufgefallen – ja, zugegebenermaßen war ich auch etwas amüsiert – dass die ersten worte, die sie in deutschland lernten, behördennamen wie ‚jobcenter‘ waren. typisch deutschland. jetzt geht es uns ähnlich. misrach…wiewardasnoch kann michel schon ganz flüssig sagen.

Bei der Ausländerbehörde

Sonntag, 12.11.2017

Wir hätten uns vom Känguru einen „Scheißverein-Aufkleber“ mitnehmen sollen. Eigentlich wollten wir schon am Donnerstag zur Ausländerbehörde, um unsere drei Monate geltenden Touristenvisa auf fünf Monate zu verlängern. Aber der freundliche Mensch in der Securityuniforn sagte, dass wir morgens zwischen 8 und 9 Uhr zu kommen hätten. Also sind wir heute um 7:25 Uhr da und stellen uns in die lange Schlange. Um 8:30 kapieren wir, warum es nicht vorwärts geht: Wir stehen in der Schlange für Asylbewerber und die wird nachrangig abgearbeitet. Also in die andere Schlange wechseln. Wir sagen unseren Mitwartenden Bescheid und etwa ein halbes Dutzend von ihnen wechselt ebenfalls die Schlange. Dann Nummer ziehen und vier Stunden warten. Nur um von der Sachbearbeiterin angeblafft zu werden, warum wir denn so lange bleiben müßten? Wir antworten, wir müßten nicht, wir seien Touristen und wollten so lange bleiben. Die Antwort ist kurz und knackig: Touristenvisa würden prinzipiell nie(!) verlängert. – Wie machen das dann die ganzen Israelis, die mit Touristenvisa in Berlin leben?

Naja, wenigstens ist der Strand nett und das Wetter gut.

Ach ja, und die Fledermäuse hier sind erstaunlich groß! Etwas größer als bei uns die Tauben. Zwar noch keine Flughunde, aber auf jeden Fall Flederratten.

für alle, die das känguru nicht kennen: die ‚känguru-chroniken‘, das ‚känguru-manifest‘ und die ‚känguru-offenbarung‘ von marc-uwe kling. witzig, subversiv und ein bischen gemein.
hörenswert: auf dem sehr bekannten filmchen-abspiel-kanal im internet ‚känguru – ausländerbehörde‘ eingeben. mich hebt’s vor lachen jedes mal aus den angeln.

Tel Aviv

Donnerstag bis Samstag, 9.–11.11.2017

Nachdem ich zwei Probleme am Bulli behoben habe, geht es auf nach Tel Aviv. (Es mußte die Glühlampe Abblendlicht Beifahrerseite ausgewechselt werden und der Motor verlor etwas Diesel. – Ein paar Schrauben hatten sich gelockert. Nachziehen und gut.)

Auf der Fahrt von Haifa nach Tel Aviv sehe ich zum ersten Mal im Leben wilde Pelikane. Im Flug sehen sie von weitem wirklich aus wie Flugsaurier.

Ansonsten erinnert mich die Gegend zwischen Haifa und Tel Aviv stark an die Niederlande: Intensivste Landwirtschaft; eine gigantische Infrastruktur von Autobahnen, Stromleitungen, Zugtrassen und so weiter; Firmengebäude, die aussehen wie notgelandete Ufos; und Städtchen, die offensichtlich am Reißbrett geplant wurden. Klar, die Niederländer haben ihr leeres Land dem Meer abgerungen, die Israelis den Palästinensern.

Was wirklich unglaublich ist, ist die Art wie hier Baustellen betrieben werden. Da kommen auf 200m Autobahnbaustelle 20 Baustellenfahrzeuge, die alle in Betrieb sind und mindestens 50 aktive Arbeiter. Auf diese Weise wird eine Baustelle, die bei uns monatelang die Autobahn verengt, in wenigen Tagen abgearbeitet. – Wir fahren durch eine solche Turbobaustelle, und ich weiß von vor sechs Jahren noch, was die in wenigen Tagen schaffen. Damals hatten sie in drei Wochen etwa 20km Autobahn komplett erneuert. Und ich meine komplett! Warum geht das bei uns nicht?

tel aviv hat kaum parkplätze und in 90% der fälle auch nur gegen entgelt. selbst über einen solchen parkplatz nur drüberzufahren kostet  5nis (neue israelische schekel). in einer seitenstraße finden wir einen stellplatz, werden aber weggebeten, weil der nur für anwohner ist. doch etwas außerhalb gibt es einen umsonstparkplatz, wo wir die nächsten drei tage stehen bleiben. die bromptis (unsere falträder) spreche ich irgendwann heilig.

tel aviv ist ohnehin die stadt der klapp- und falträder. fast alle haben einen e-motor und flitzen mit gefühlt 50 sachen über die fahrradwege. und es ist die stadt der jogger und fitnessbegeisterten. überall wird gejoggt, es gibt am strand sehr viele außensport-anlagen, die von allen generationen und geschlechtern genutzt werden. man macht yoga am strand, dehnübungen auf dem bürgersteig. soviel sport wird noch nicht einmal im sommer an der alster getrieben.

Novembertag in Tel Aviv

am nächsten tag (freitag) ist michel nicht wohl und bleibt lieber im bett.
ich erkunde die stadt.

grau ist die weiße stadt geworden. etwas morbide. nur wenige bauhaus-gebäude sind renoviert und werden dem namen der stadt gerecht. der berühmte „carmel-market“ ist tatsächlich auf den ersten blick schön. einerseits kunsthandwerk edelster güte, dann der lebensmittelmarkt wie ich ihn in antiochia sah. aber die stände werden meist von israelis betrieben. zuweilen gibt es arabische stände, einer sogar mit meinem geliebten künefe, aber nur wenige. mir kommen sie wie ein alibi vor. es ist gestohlene kultur.

nein, ich hab nichts dagegen, wenn man schöne dinge aus anderen kulturen oder von anderen völkern übernimmt. ich spiele ja auch die bodhran, obwohl ich weder irin bin noch dort lebe.
aber ich behaupte nicht, die iren würde es nicht geben oder die bodhran sei ein deutsches schlaginstrument.

diese haltung erlebt man in israel immer wieder. hummus wird als israelische nationalkost bezeichnet. selbst studierte menschen wie der mann in haifa, den wir wegen der kippa fragten und der anwalt ist, sagt ohne arg: ‚dies land wurde uns von gott gegeben.‘ als hätten hier nie palästinenser gelebt. so fühlt es sich auch auf diesem markt an und ich verlasse ihn mit einem flauen gefühl im bauch.

abends spiele ich dann endlich im „molly blooms“ in der session. ich werde herzlich aufgenommen.

die regeln sind etwas anders als ich sie kenne. sets bestehen aus 4 bis 5 tunes, wenn ein tune zuende geht, sagt einer kurz den nächsten an und spielt ihn an. nicht wie im irish rover in hamburg, wo einer ein set anführt und es auch in tempo und wiederholungen zuende leitet. hier sortieren sie nur nach reels und jigs, polkas u.s.w. wir sind drei bodhrani und wir alle spielen fröhlich und gleichzeitig drauflos. ich versuche, mich im spielmuster den anderen etwas anzupassen (das gelingt mir nur zeitweise). und als wir alle drei mal päuschen machen, gibt‘s gleich beschwerde von der fiddle: ‚wo seit ihr? ich kann ohne euch nicht spielen!‘

die jigs haben noch gemäßigtes tempo, die reels und polkas sind gradezu rasant. ich verziehe mich oft aufs halbe tempo und hoffe, ich bremse die session nicht zu sehr aus. na, immerhin werde ich später gefragt, ob ich nächsten freitag wieder dabei bin.

Im Molly Blooms

dann ist am nächsten tag erst mal sabbath. aber wir wären nicht in tel aviv, wenn man das sonderlich merken würde. die ultra-orthodoxen juden bleiben zu hause und die busse fahren weniger bis gar nicht. aber der säkulare teil der bevölkerung genießt den sonnigen novembertag am strand, macht mit der familie ausflüge, geht bummeln. am hafen haben auch die geschäfte geöffnet.

wir lümmeln ebenso am strand, im queerteil selbstverständlich, der am ende der bucht liegt. lustigerweise gleich neben dem abgesperrten teil für die orthodoxen juden, der völlig sichtgeschützt ist und am sabbath für alle offen, weil die orthodoxen samstags eh nicht an den strand gehen.

Der orthodoxe Strandabschnitt ist mit Palisaden vom übrigen Strand abgegrenzt und abwechselnd je einen Tag nur für Männer und einen nur für Frauen geöffnet. Da der Strand hier die Form eines „U“ hat, kann man vom schwulen Strand direkt zu den orthodoxen rübersehen. Wie man auf die Idee kam, den orthodoxen Strand ausgerechnet zwischen den schwulen Strand und den FKK-Strand zu legen ist mir ein Rätsel. Der FKK-Strand heißt hier übrigens tatsächlich ganz offiziell „Spanner-Strand“. Ist das nun Humor oder Realitätssinn?

der strand ist toll organisiert. alle paar hundert meter gibt es einen stand mit toiletten, süßwasserduschen für nach dem baden, günstigem essen und trinken, eventuell einem surfbrett-verleih oder einen büchertausch-wagen. strandliegen kann man für wenig geld mieten, muß man aber nicht. wer trotzdem nicht im sand liegen will, hockt sich einfach auf die treppe, die stellenweise auch rundungen wie liegen hat.

ab und zu ertönt eine lautsprecherdurchsage in vier bis fünf sprachen, daß das baden verboten ist, weil die life-guards nur von april bis oktober arbeiten. es hält sich aber keiner dran und als ich im molly blooms danach gefragt habe, lachten alle auch nur.

Tel Aviv und der zugehörige Strand sind echt toll. Kein Wunder, dass die Immobilienpreise hier mit die höchsten der Welt sind. Der Strand ist feinsandig und die Infrastruktur (wie Duschen, Klos und Fitnessgeräte) ist gut und kostenlos. Für wichtige Produkte gibt es einheitliche Sozialpeise. So kostet eine Pita mit Hummus überall am Strand 12 Schekel (also etwa 3€). Wir liegen in der Sonne und sehen den Schwulen zu, die sich gegenseitig beim Workout an den Fitnessgeräten zusehen. Zwischendrin gehen wir ins Wasser oder lesen in unseren Büchern. Das einzige, was mir die Idylle trübt ist, dass ich in der Ferne Jaffa sehe. Heute ein Stadtteil von Tel Aviv, bis 1948 eine Palästinensische Stadt, deren Bewohner ins Meer getrieben wurden. Sie mußten sich mit Booten aus ihrer belagerten Stadt evakuieren. Viele ihrer Nachkommen leben heute im Gazastreifen.

Auf nach Haifa

Montag bis Mittwoch, 6.–8.11.2017

jetzt wird‘s ernst. die flugtickets hat michel in der tasche, auch die 700 dollar hat er in bar dabei. am hafen in mersin treffen wir unseren ‚verbindungsmann‘, der michel durchs einschiffen von bulli geleiten wird. ich bin derart neben der kappe, das ich froh bin, derweil mit einem tee an der teestube gegenüber auf ihn warten zu können. nein, mir ist nicht wohl dabei, bulli allein aufs schiff zu lassen. überhaupt nicht! ich fühle mich, als würde ich unseren gefährten im stich lassen. er ist mein zuhause!!!!! die rucksäcke haben wir mit dem wichtigsten gepackt. das muß für die nächsten tage reichen.

und dann kommt michel mit dem kapitän des schiffes wieder, der total begeistert von bulli ist und mir in die hand verspricht, gut auf ihn aufzupassen. er ist richtig enttäuscht, daß auch michel fliegen wird und nicht mitfährt. mir geht es gleich viel besser. durchsucht wurde bulli nicht.

Der Kapitän des Schiffes war so begeistert von Bulli, dass er gleich ein Selfie mit Bulli machen mußte. Und dann für ein zweites Selfie zu bina aus dem Hafen rauskam.

mit dem bus fahren wir nach adana und mieten uns zum ersten mal auf dieser reise in ein hotel ein. 4 qm bett in einem 15 qm zimmer, samt fernseher und einem 5qm bad ganz aus marmor. mit endlos heißem wasser und strahlend weißen handtüchern. und wir können all unsere sachen im zimmer verstreuen und uns trotzdem noch bewegen! ich weiß mich gar nicht zu lassen. welch luxus!
mit ein bischen verpflegung und einem guten film bleiben wir einfach mal von nachmittags bis zum nächsten mittag im bett! unser flug geht ja erst abends.

Luxus im Hotel

Nach dem Regentag haben wir als gelernte Norddeutsche natürlich sofort auf „Herbst“ umgestellt: Lange Hose und Pullover. Wir schwitzen uns tot und kehren zum Sommeroutfit zurück. Das hiesige Kleinbussystem ist billig und superpraktisch. Man muß nie lange auf einen Bus warten, und die 80km
Mersin-Adana kosten umgerechnet gerade mal 3€.

Warten auf den Flieger
Schnee in den Bergen auf 3000m und Sommersonne im Tal

der flug ist anstrengend. viel übliche warterei, gate suchen, herumsitzen, schlangestehen beim einchecken. auch frieren, weils in istanbul erstaunlich kalt ist. irgendwann kann ich nicht mehr sitzen, aber da sind wir zum glück schon im landeanflug auf den ben-gurion-flughafen.

mitternächtens sind wir endlich in israel, finden ein sheruk (ein sammeltaxi) nach haifa, das uns in rasanter fahrt vor das passenger-gate am hafen bringt. die wachen dort schauen erstaunt und schicken uns wieder weg, weil jetzt natürlich keiner da ist, der uns helfen kann. es ist 3:00 Uhr morgens und wir müssen sehen, daß wir noch ein bisschen schlafen. wir finden irgendwo in der stadt eine leerstehende wohnung, auf deren terasse wir etwas versteckt ein paar stunden ruhe finden.

Unsere Schlafterasse in Haifa

morgens dann beginnt die aktion ‚bulli aus dem hafen befreien‘. das zu beschreiben würde den rahmen sprengen. deshalb hier der versuch es kurz, aber unterhaltsam zu machen:

gesamtdauer: 8,5 std.
persönlich beschäftigte menschen: mind. 10
telefonisch beschäftigte menschen: mind. 5
telefonate: mind. 15
besuche bei der versicherungsagentur: 2
besuche bei der zuständigen reederei: 3
anlaufstellen, die wir nacheinander abgehakt haben (davon ein paar mehrfach): insgesamt 10
kontrolle der unterlagen und papiere von verschiedenen hafenangestellten: 4
entzifferungsversuche von deutschen autopapieren durch hafenbeamte und versicherungsangestellte: 4
erklärung unsererseits, was ein camper oder caravan ist: 3
kosten für gebüren, versicherungen etc: reichlich
dazu kommen:
erstaunensausbrüche ob unserer reise: 3
neidisches fragen div. angestellter: ‚ich will auch, darf ich mit???‘ : 3
begeisterungsäußerungen über bullis innenleben: 3
freundlichkeits- und hilfsbereitschaftslevel auf einer skala von 1-10: 10
gründliches bulli-durchsuchen, vielleicht röntgen, drogenhunde holen o.ä.
(wir haben mit allem gerechnet): 0 (ohne witz!!!!)

unser besonderer dank gilt lissy von der schiffsgesellschaft, die ihre eigentliche arbeit im stich ließ, um uns zu helfen und christo, der unermüdlich mit uns im hafen a nach b und zurück fuhr, regelte, erklärte, die kontrolle am hafentor aufhielt, die eigentlich um 16:00 Uhr feierabend hatte, aber wir noch nicht fertig waren.

bulli steht tatsächlich wohlbehalten am kai. wir brauchen bloß einzusteigen und loszufahren. nur die radkappen hatte man abgenommen, aber sorgfältig im fußraum deponiert.

ja, ich gebe es zu: ich habe ihn zur begrüßung erst mal gestreichelt und vor erleichterung ein bischen geweint. wir fahren nicht weit. nur eben den karmel-berg hoch, oberhalb des garten der bahai, wo man am straßenrand gut stehen kann. essen, schlafen. mehr ist heute nicht mehr drin.

wir sind in israel/palästina. alle drei und wohlbehalten. wie wir uns das gewünscht hatten. ich kann es kaum glauben! wir haben es tatsächlich bis hierher geschafft!

wir haben ein visum für drei monate, eine autoversicherung für einen monat und eine adresse, wo wir beides verlängern können. mal schauen, ob es klappt.

und eine große frage wird auch gleich geklärt:

wie, zum teufel, halten diese kleinen kippas auf den stoppelhaaren der gläubigen juden. eigentlich müßten die ständig runterfallen, tun sie aber nicht.

wir fragen einen mit besonders kurzen haaren und einer kleinen und damit rutschgefährdeten kippa. er lacht und zeigt sie uns: innen befindet sich eine kleine anti-rutsch-matte, die ständige abstürze der kippa verhindert. das klämmerchen an der seite ist offentsichtlich nur zierde.

Haifa, das sich über dem Hafen den Hang des Karmel-Berg hinaufzieht, scheint eine wirklich lebenswerte Stadt zu sein. Nur leider waren wir schon mal in Israel/Palästina und kennen die große Schattenseite der so offenen liberalen israelischen Gesellschaft: die Besatzung der Westbank. Und wir wissen um die Vergangenheit: die ethnische Säuberung Palästinas. Denn hier lebten vor 1948 andere Menschen: Araber. Und die haben ihre Heimat nicht freiwillig verlassen. Sie wurden im Rahmen einer groß angelegten ethnischen Säuberung vertrieben. Planmäßig mit allem was dazu gehört, Massaker inklusive.

Ein sehr gutes Buch dazu ist „Die ethnische Säuberung Palästinas“ von Ilan Pappe, einem israelischen Historiker, der den „Plan D“ (oder „Dalet“) auf Grundlage des Archivs der Haganah, den Tagebüchern Ben Gurions und einiger anderer Quellen – wie dem Archiv des Roten Kreuzes – sehr gut aufgearbeitet hat. Er wird immer wieder mein innerer Reisebegleiter durch dieses Land sein.

Zu Haifa weiß ich noch, dass ein Großteil der Araber zur Deportation unten am Hafen zusammengetrieben worden war und dann von oben, von den Hängen des Karmel, auf die Menschenmenge geschossen wurde.

Die Armenierfrage

Sonntag, 5.11.2017

Gestern hatten wir ein längeres Gespräch mit zwei gut Englisch sprechenden und an sich gebildeten Türken. Als wir irgendwann im Gesprächsverlauf von den armenischen Zyprioten erzählten, deren Familien oft ursprünglich in Mersin, Tarsus oder Adana lebten, im 1. Weltkrieg in Hungermärschen nach Syrien vertrieben wurden und von dort nach Zypern kamen, war die Reaktion erschreckend:

Es hätte in dieser Gegegend (Tarsus-Mersin-Adana) nie Armenier gegeben. Die Vertreibung hätten sich Armenier ausgedacht. Sie seien immer und überall eine Minderheit, die der Mehrheit nur schaden wolle. Sie seien weinerlich und würden die Türken schlecht machen wollen. Und so weiter.

Das Ganze war historisch erschreckend fehlinformiert und hatte eine unglaubliche Ähnlichkeit mit dem deutschen (und mitteleuropäischen) Antisemitismus von vor 90 Jahren. Die gleichen Vorurteile, Denkstrukturen und Argumentationsmuster.

Ich will auf den Gesprächsverlauf nicht weiter eingehen. Sondern es zum Anlass nehmen, für unsere Lieblingssuchmaschine „Startpage“ zu werben:

Die Türkei schottet sich ja auch im Internet gegen die historische Wahrheit ab. Wikipedia ist gesperrt, und die Suchergebnisse von Google zu „genocide armenian“ sehen (sehr höflich ausgedrückt) etwas anders aus als in Deutschland. Startpage hingegen liefert auch in der Türkei die gleichen Suchergebnisse wie in Deutschland und man kann die gefundenen Seiten unkompliziert über die eingebaute Proxyfunktion aufrufen, um die Sperrung zu umgehen. So haben wir auch in der Türkei Zugriff auf den Wikipediaartikel zum Völkermord an den Armeniern. (Ach: Und natürlich gab es Armenische Gemeinden in Mersin, Tarsus und Adana.)

Dass Startpage die Privatsphäre seiner Nutzer respektiert, sie nicht überwacht und sich dies auch unabhängig zertifizieren lässt, sei auch noch erwähnt.

Drei Tage Tarsus (zwischen Mersin und Adana)

Freitag bis Sonntag, 3.–5.11.2017

tarsus, eine türkische stadt, die eine schöne altstadt haben soll.

wir finden ein großes einkaufszentrm, auf dessen parkplatz wir gut stehen können. es sind nur ein paar minuten zu fuß in die innenstadt.

Frühstück am Einkaufszentrum

eine schöne altstadt stelle ich mir anders vor als dieses kreuz und quer von morbiden straßen mit dunklen verstaubten läden, vielen autos und mehrheitlich männern. die wenigen frauen fast alle mit kopftuch. ich brauche eine weile, bis ich den charme und die schönheit dahinter und darin finde.

wir werden angeschaut und wenn ich grüße, lächelt und grüßt man zurück und winkt vielleicht. jemand brüllt uns ‚moin‘ hinterher, freut sich, daß wir tatsächlich aus hamburg kommen, wohin er morgen zurückfährt und fragt: ‚womit kann ich euch helfen?‘ leider brauchen wir grad keine hilfe.

männer, die vor der moschee unter bäumen an einer kleinen teeküche beim tee warten, bis das freitagsgebet losgeht. auch wir machen dort pause. ich bin die einzige frau an den vielen tischen. egal. nach und nach verschwinden alle in der moschee, einige beten davor und anschließend setzt man sich wieder zum tee und klönt weiter. mit welchem sichtbaren genuß sich die älteren männer die süßigkeiten in den mund schieben, die vor dem tor verteilt werden! und wie sie begeistert den karren an der straße umringen, der honig mit waben verkauft! mit ziemlichem hallo werden wir zum probieren genötigt und ich kaufe ein stückchen.

Eine Tafel vor der Moschee auf Türkisch und Englisch informiert über die Geschichte der Moschee. Das die Steine von einem „older building of worship“ stammen, übersetze ich mir mit: „Hier stand mal eine Kirche, die wir als Steinbruch für die Moschee genutzt haben.“

Eingang zur Moschee
Vor dem Gebet

die engen straßen und vielen gassen in tarsus sind wie ein freiluftbazar. schlachtereien mit ganzen kälberhälften im schaufenster. dazu gekröse, pansen, aus dem man eine leckere suppe kochen kann. läden mit süßigkeiten: traubensaft an der schnur, turish delight in allen varationen, türkischer honig, dazu berge von nüssen, torten, halva, bonbons. schneidereien, in denen man sich diese pluderhosen machen lassen kann, in denen die älteren männer fast alle herumlaufen. haushaltswarenläden, die so vollgestellt sind, das man den besitzer kaum erkennt. hin und wieder gemüsegeschäfte. kleiderläden, die ihre ware vor die tür gehängt haben, daß man den eingang kaum findet. gewürze, in großen haufen lose verkauft, hülsenfrüchte, johannisbrot, nüsse, oliven in großen säcken. darüber getrocknete paprika, pilze, feigen an dicken ketten aufgezogen, die aussehen, wie überdimensionierte hawaiianische blumenkränze. teestuben noch und nöcher und kleine bis kleinste restaurants. wunderbar! wir essen heißen hummus mit viel brot und scharfem chili. so lecker.

Der beste Hummus der Stadt

und dann der andere teil der stadt: eine breite fußgängerzone, moderne läden, junge menschen, mehr frauen und weniger kopftücher. eine moderne parkanlage.

am nächsten tag ist ein fest auf dem platz neben dem brunnen, aus dem petrus oder paulus getrunken haben sollen. viele gastronomen haben dort ihre stände aufgebaut. von dem hummuskoch werden wir freudig begrüßt. es gibt eine große bühne, man trifft sich, klönt, nascht an den ständen. bis auf reichlich viel presse aus allen teilen der türkei sind wir die einzigen nicht türkischen gäste und probieren uns für kleines geld durch granatapfelsaft mit irgendwas drin und spezieller zitronenlimonade, durch fett- und läuterzuckertriefendem teiggebäck und schlagen uns den bauch mit frischem köfte voll, bis es anfängt zu regnen. schade eigentlich, ich hätte zu gern gewußt, was auf und vor der bühne noch geboten wird.

Ja, der Fressmarkt ist eine Leistungsschau des türkischen Kalorienbombenterrorismus! Auch ohne den Nieselregen hätten wir nach wenigen Ständen mit vollen Mägen kapitulieren müssen.

Kalorienbomben
Atatürk ist noch überall

am nächsten tag hat es sich eingeregnet. das wasser kommt den ganzen tag geradewegs von oben runter und kein lüftchen bewegt sich. wir igeln uns im bulli ein und sind meilenweit davon entfernt zu jammern. so einen tag hatten wir schon seit ewigkeiten nicht mehr.

Ein richtiger Regentag! Nach dem wochenlangen Sonnenschein und den vielen neuen Eindrücken jeden Tag kann ich einen vergammelten Tag im Bett mit echtem Schietwedder tatsächlich ganz gut vertragen! Und abgesehen davon: Den Pflanzen tut’s gut und wir verschwinden ja bald nach Süden.

Eingeregnet!

Von Zypern in die Türkei

Donnerstag, 2.11.2017

Gestern früh haben wir die Fähre in die Türkei gebucht, den Tag über dann in Girne/Kyrenia rumgehangen (und noch mal den Irish Pub hier besucht). Abends ist Einchecken auf der Fähre und nachts die Überfahrt.

Wir merken wie deutsch wir sind. Die umständliche, langwierige Art die Fähre zu beladen irritiert uns. Sie brauchen vier Stunden für etwas, das in einem europäischen Hafen in einer Stunde erledigt wäre. (Wir sind ja schon häufiger mit Fähren gefahren.) Dann sechs Stunden Fahrzeit für etwas mehr als 60 Kilometer und vier Stunden Warten vorm Ankunftshafen, vermutlich auf den Schichtbeginn der Hafenarbeiter. Vom Öffnen der Entladerampe bis zum Beginn der Entladung vergeht noch einmal eine halbe Stunde. – Für einen sich als „links“ verstehenden Menschen ist „Rationalisierung“ in diesen globalisierten Zeiten ja ein Reizwort. Aber hier könnte ein guter Logistiker nicht schaden. Notfalls kann man die Fähre dann ja jeweils einen halben Tag im Hafen liegen lassen, während die Passagiere und Arbeiter schon zu Hause oder in der Kneipe sind.

Wir klären mit unserem Kontaktmenschen von der Frachtschiffgesellschaft in Mersin ab, dass wir Bulli am Montag früh zum Hafen bringen, 700$ in bar dabei haben und das Auto auf den RoRo-Frachter nach Haifa einchecken. Für uns buchen wir Flüge Adana-Istanbul-Tel-Aviv für Dienstagabend.

Als nette Einlage treffen wir „unsere Jungs“ von Hamburg Süd wieder.

Am späten Nachmittag fahren wir dann nach Tarsus. Eine etwas kleinere Stadt zwischen Mersin und Adana, die eine schöne Altstadt haben soll.

beobachtungsschnipsel (weder in zeitlicher noch örtlicher reihenfolge):

– in türkisch-zypriotischen und türkischen lokalen jeder art befinden sich die toiletten zu weit mehr als 50% im ersten stock des hauses. und gebrauchtes klopapier gehört in der regel nicht in die toilette, sondern in den eimer daneben (letzteres haben sie mit griechischen und griechisch-zypriotischen lokalen gemeinsam).

– manchmal haben sich frauen scheinbar nur lose ein dünnes tuch über die haare geworfen und es scheint ein wunder der physik, daß es nicht verrutscht. und es verrutscht tatsächlich NIE. wie machen sie das nur????

– in der türkei stehen an den schnellstraßen ab und zu polizeiautoattrappen, ähnlich wie pappaufsteller. in der gehobenen version mit solarbetriebenem blaulicht. das führt dazu, daß man die echten polizeiautos zu spät als solche erkennt.

– daß bulli sich immer mehr wie unser zuhause anfühlt, merke ich unter anderem daran, daß wir nach einem längeren tag der abwesenheit bei der rückkehr erst mal die fenster öffnen, wie man es in seiner wohnung an einem stickigen sommertag auch zu tun pflegt. alle gegenstände haben mittlerweile ihren festen platz und die handgriffe danach sind nicht mehr ständig mit der überlegung verbunden, wo was ist und was dafür beiseite geräumt werden muß. außerdem haben wir quasi eine separate toilette, seitdem wir unser porta potti nachts in den fußraum des dann umgedrehten und vorgezogenen beifahrersitzes stellen. (das klo steht dann hinter der beifahrerrückenlehne.)

– es gibt an den stränden keine möwen. diese nische haben sich tauben zu eigen gemacht, die schlanker und weniger aufdringlich und kurzschnäbeliger sind als die in deutschland. sie eignen sich deutlich mehr als friedenssymbol als unsere degenerierten großstadt-flugratten.

– mückenstiche jucken hier viel weniger und viel kürzer, als in mitteleuropa. und quaddeln gibt es auch keine auf der haut. muß ne andere sorte sein.

– manchmal singen zwei oder mehr muezzine aus verschiedenen moscheen gleichzeitig. nicht immer exakt zeitgleich und auch nicht unbedingt dieselbe melodie. das kann zuweilen recht hübsch klingen, wie ein kanon. öfter ist es aber die reinste katzenmusik. dazu hört man vor- und nachher oft das modem aus dem computerprogramm, welches den gesang überträgt. didududi… wir hätten das schon längst abgestellt, weil es irgendwie peinlich ist. lieber unser lieblingsadmin: da kann man doch was machen!

Der Zypernkonflikt

Mittwoch, 1. November

Die Wochen auf Zypern hat uns der Zypernkonflikt fast immer begleitet, mal im Vordergrund, mal im Hintergrund. Wir haben ihn an der Grünen Linie und im Gespräch mit Menschen erlebt. Und wir haben darüber gelesen und hier im Blog geschrieben.

Da wir Zypern heute in Richtung Türkei verlassen, wollen wir dazu „vorläufig abschließend“ Folgendes festhalten:

1) Es ist erstaunlich, was die Briten alles unternommen haben, um ihre Kolonie Zypern und später ihre souveränen Militärbasen auf der Insel zu behalten. Sie haben die türkischen und griechischen Zyprioten systematisch gegeneinander aufgebracht und die Türkei bewußt involviert, um ein Problem zu schaffen. Was ihnen gelungen ist. Dabei haben sie auch die zwischen 1930 und 1955 relativ guten Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei mutwillig, erfolgreich und nachhaltig beschädigt. Ihrer Verantwortung als Garantiemacht sind die Briten (insbesondere bei der Türkischen Invasion 1974) konsequent nicht nachgekommen.

Dass Großbritannien seine Basen immer noch hat und ausgerechnet Britische Soldaten im Ledra Palace sitzen und die Grüne Linie in Nikosia bewachen, ist im Lichte der Geschichte des Konfliktes gesehen, mehr als zynisch.

2) Die größten Grausamkeiten in der Kategorie „direkte Gewalt“ hat das Türkische Militär begangen: Die ethnischen Säuberung und den damit verbundenen Massenmord im Zuge der zweiten Phase der Invasion von 1974. – Wir verwenden die Gewaltdefinition des Friedensforschers Johann Galtung, der drei Arten von Gewalt unterscheidet: „direkte Gewalt“, „strukturelle Gewalt“ und „kulturelle Gewalt“

Dies heißt aber nicht, dass das Türkische Militär der einzige Schuldige oder der Hauptschuldige wäre. Alle drei Arten von Gewalt (direkte, strukturelle und kulturelle) wurden und werden von verschiedenen Akteuren beider Seiten (plus den Briten!!!) ausgiebig ausgeübt.

3) Was heute vor allem Not tut ist, dass sich die Menschen beiderseits der Barrikade kennenlernen, dass die Barrikaden in den Köpfen abgebaut werden. Denn sowohl im Norden als auch im Süden kennen die Zyprioten nur jeweils ihre sehr einseitige Version der Geschichte. Sie können sich einfach nicht vorstellen, dass die andere Seite auch gelitten hat. Sie stellen sich die jeweils anderen regelrecht als Monster vor. Die Feindbilder und Geschichtserzählungen sind so dermaßen platt, dass es schon wieder etwas Gutes hat: Bei einem Kontakt – also einem wirklichen Kontakt(!) – mit den Menschen auf der anderen Seite brechen sie sehr schnell in sich zusammen. Aber diesen Kontakt verhindern die Barrikaden in den Köpfen, den Schulbüchern, den Familien und so weiter.

Die verschiedenen deutschen Institutionen auf der Insel wie das Goethe-Institut, die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Deutsche Botschaft, leisten hier übrigens hervorragende Arbeit. Schon dass das Haus des Goethe-Instituts in der Pufferzone am Ledra Palace liegt und sie neben Kursen für Deutsch auch solche für Türkisch und Griechisch als Fremdsprache anbieten, sagt einiges. – Sie hängen ihr Engagement nicht an die große Glocke, aber überall, wo es darum geht, Brücken zwischen beiden Teilen Zyperns zu bauen, sind „die Deutschen“ mit dabei. Kein anderes Land ist hier auch nur annähernd so präsent. – Es fühlt sich seltsam für uns an, so stolz auf unser Land zu sein.

4) Allen, die etwas tiefer in das Thema eindringen wollen, empfehlen wir die Zypernausgabe des Magazins „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (ApuZ) der „Bundeszentrale für politische Bildung“ (bpb) erschienen im März 2009.

Es sind 40 Seiten, aber für einen umfassenden und ausgewogenen Überblick geht es nicht kürzer. Die Artikel sind gut zu lesen, und vor allem der Artikel „Griechischer, türkischer oder ‚zypriotischer‘ Kaffee?“ ist regelrecht amüsant und kurzweilig geschrieben.

Wanderung zu Armenischer Klosterruine

Dienstag, 31.10.2017

Heute ist Halloween oder Reformationstag, je nachdem. Für zypriotische Verhältnisse ist Herbst, für uns fühlen sich die Tage eher wie sehr(!) warme Spätsommertage an. Morgens ist es noch angenehm kühl, und erst im Laufe des Tages wird es heiß. Es gibt angenehme Wolken, aber keine Wolkendecke, die den ganzen Tag keine Sonne durchläßt. Und es hat in den letzten Tagen auch schon dreimal geregnet. Von der Intensität her waren es Nieselregen, von der Dauer her Schauer – ideale Wanderbedingungen!

mich dürstet danach, einen fuß vor den anderen zu setzen. es geht kreuz und quer in angenehmen steigungen durch den wald, über lichtungen, über feldwege irgendwo östlich vom fünf-finger-berg.

Der Fünf-Finger-Berg.

plötzlich ruft michel halloween-gerecht ‚eine schlange!!‘. eine viper lag auf dem weg und sonnte sich. von uns aufgeschreckt, verkriecht sie sich unter einen stein. unser abstand bleibt gebührlich. sollte sie sich ernsthaft bedroht fühlen, angreifen und zubeißen, wäre das nächste krankenhaus wahrscheinlich zu weit weg.

Unter dem Stein stehen einige Teile der Schlange hervor. (Leider etwas unscharf!)

wir kommen an der ruine des armenischen klosters ‚sourp magar‘ vorbei, das im 11. Jahrhundert gegründet wurde und nach der türkischen invasion 1974 aufgegeben werden mußte.

in den räumen stehen noch die betten, schränke, stühle und tische. die mönche lebten in dreibettzellen. ein zierbrunnen, den man nur ein wenig sauber machen müßte, der altar in der kirche zerstört und die fliesen davor noch fast vollständig. unter einem mandarinenbaum voller früchte die klosterquelle, die nur mit einer eisenplatte abgedeckt wurde. und hinter der küche noch zwei intakte backöfen aus ziegeln und lehm, wie sie überall in gärten und innenhöfen zu finden sind. einen so traurigen ort haben wir schon lange nicht mehr gesehen. weil so vieles noch da ist. ich laufe mit tränen in den augen über die innenhöfe und mir bleibt doch nur, drei mandarinen zu pflücken und sie als gruß und gebet auf die reste des altars zu legen.

Innenhof des Klosters, links die Klosterkirche, rechts der Mandarinenbaum.
Durchblick von der Kapelle zur Kirche.
Bina mit den gepflückten Mandarinen auf dem Weg zur Kirche.

wie zum trost entdecken wir, dass der wald und die wiesen nach der langen trockenheit ganz vorsichtig wieder grün werden. wir sehen die ersten blümchen, sprößlinge, die mit macht durch die ausgetrocknete erde brechen und den hiesigen herbst als zweite blütezeit nutzen. das beruhigt das herz.

Frisches Grün im Herbst.

die nacht verbringen wir auf einem öffentlichen picknickplatz im gebirge bei stürmischer kühle und unter ‚bewachung‘ eines katzenrudels, von denen einige, ungelogen, derart fett sind, dass wir sie, wären sie normale hauskatzen, sofort auf diät gesetzt hätten.

Unser Schlafplatz.

Eine Woche in Nikosia

Montag, 30.10.2017

Wir bleiben eine gute Woche in Nikosia. Bulli bleibt im Nordteil der Stadt am angestammten Platz zwischen dem türkischen Checkpoint am Übergang Ledra Palace und der venizianischen Stadtmauer, während wir uns zu Fuß und mit unseren Fahrrädern freier in beiden Teilen der Stadt hin und her bewegen als es manchem Grenzer lieb ist. – Einer hat uns ziemlich angeblafft, was wir denn ständig im anderen Teil der Stadt zu suchen hätten.

Zunächst müssen wir uns neu orientieren und unsere Weiterreise planen. Und das geht hier sehr gut, weil wir im Home for Cooperation (H4C) in der UN-Pufferzone gutes Internet haben, EU-Europäisches Mobilfunknetz ohne Roaminggebühren sowie die Möglichkeit schnell mal was auszudrucken. Während wir organisieren, stellen wir fest, dass es uns hier immer besser gefällt, wir mehr und mehr Kontakte kriegen, und die Stadt so zunehmend vielfältiger und interessanter für uns wird.

Was unsere weitere Reiseplanung angeht, so haben wir nach gründlicher Recherche nach Fähren, Flügen und Frachtschiffen, politischen und militärischen Lagen sowie einigen Botschaftsbesuchen beschlossen: Wir fahren Anfang November zurück in die Türkei. Bulli schicken wir dann mit dem RoRo-Frachtschiff von Mersin nach Haifa, während wir mit dem Flugzeug von Adana über Istanbul nach Tel-Aviv fliegen.

Wir werden nicht versuchen, diese Woche chronologisch wiederzugeben. Vieles ist einfach durch die Stadt radeln und schlendern, in netten Cafes sitzen, nette Menschen treffen und wiedertreffen. Und natürlich gehen wir auch noch einmal ins Hamam.

Im Folgenden wollen wir aber ein paar Ereignisse und Begegnungen wiedergeben, die sich in dieser Woche ergeben haben:

1) Die Unheimlichen Dattelwerfer

Nachts wird Bulli immer wieder mit halb aufgegessenen Datteln beworfen. Wobei die nächste Dattelpalme etwa 50m entfernt steht. Auch treten wir immer wieder in das Zeug (wie Hundescheiße, nur deutlich appetitlicher). Was ist hier los? Des Rätsels Lösung: Es gibt hier fruchtfressende Fledermäuse, endemisch hier im einzigen „Land“ in Europa. Und die Bäume, unter denen wir stehen, sind offensichtlich ihr Esszimmer. Die scharfen Blätter der Palmen sind anscheinend nicht wirklich gut geeignet, um sich als Fledermaus daranzuhängen. Also pflücken sie dort nur die Datteln und hängen sich zum Fressen in die Laubbäume über uns. In der Dämmerung sehen wir sie auch.

2) Das Katzenbaby

Beim Abendessen und die ganze Nacht hindurch hören wir irgendwo hinter unserem Bulli ein kleines Kätzchen nach seiner Mutter schreien. Aber immer wenn wir aufstehen, um es zu suchen, ist es ruhig. Wir können es einfach nicht orten. Morgens setze ich mich mit einem Buch hinter den Bulli und bin ganz ruhig. Nach einiger Zeit hab ich´s: Die Kätzchenschreie kommen nicht von hinter dem Bulli, sondern quasi aus dem Bulli. Das Kleine sitzt hinter dem linken Hinterrad im Radkasten.

Ich ziehe es raus und bina mutiert sofort zur Katzenmami. Das Woll­knäu­el ist 2-3 Wochen alt, kann schon normal essen und wird von uns „Heathcliff“ getauft. Von dem, was wir ihm anbieten können, mag es am liebsten Weichkäse.

Heathcliff mit Katzenmami bina beim Frühstück.

Wir verbringen den Tag damit es zu hätscheln und jemanden zu suchen, der es aufzieht. Mitnehmen können wir es ja nicht. Dabei schmuggeln wir es auch zweimal über die Grenze. Am späten Nachmittag treffen wir im H4C eine Frau mit Katzentick. Sie ist aus Limassol und wird Heathcliff aufziehen bis er alt genug ist, für sich selber zu sorgen.

Die Frau ist vom „Commitee on Missing People“ (CMP). Einer Organisation, in der griechische und türkische Zyprioten in gemischten Teams nach den etwa 2000 Menschen suchen, die auf der Insel vermisst werden. Die meisten seit der türkischen Invasion 1974. Etwa die Hälfte der Vermissten haben sie bisher gefunden, ausgegraben und den Angehörigen übergeben, so dass diese sie ordentlich beerdigen konnten. Neun von elf Suchteams graben im Inselnorden, denn die meisten der Vermissten sind Griechen, welche die türkische Armee 1974 bei ihrem Vormarsch, der gleichzeitig eine ethnische Säuberung war, umgebracht hat. Viele einfach deshalb, weil sie sich nicht vertreiben lassen wollten. Das Suchteam unserer neuen Katzenmami hat gerade Teamsitzung auf der Terasse des H4C . Sie reden auf Englisch, aber die beiden Griechen nehmen inzwischen Türkischunterricht und die beiden Türken Griechischunterricht. – Hier geschieht großartige Völkerverständigung im Kleinen.

Heathcliff auf der Schulter seiner neuen Mami. – Daneben eine den Tränen nahe bina.

3) Armenische Zyprioten

Wir sehen im H4C die Premiere des Films „Together“, in dem ältere armenische Zyprioten über ihre Geschichte und die Geschichte ihrer Familien interviewt werden. Es gibt auf Zypern schon sehr lange eine armenische Gemeinde, aber die Familien der meisten interviewten Armenier kamen erst am Ende des Ersten Weltkriegs als Flüchtlinge. Ihre Familien stammten aus Adana oder Mersin und waren im Zuge des Völkermordes und der Vertreibung der Armenier auf wochenlange Hunger-und-Durst-Märschen nach Syrien geschickt worden, die viele der Marschierenden nicht überlebten. Von Syrien aus kamen sie illegal über das Mittelmeer nach Zypern. In Nikosia siedelten sie sich vor allem in und am Rand der türkischen Stadtteile an, weil sie die türkische Sprache sprachen. Als 1963 die Auseinandersetztungen zwischen Griechen und Türken auf der Insel begannen (also so richtig begannen mit Barrikaden, Vertreibungen, Paramilitärs und so), wurden sie von der TMT (der türkischen paramilitärischen Organisation) aus diesen Vierteln vertrieben, da sie als Christen den Griechen zugeordnet wurden. Heute leben sie im Inselsüden. Das alte Armenische Viertel liegt direkt oberhalb unseres Bullis. Einer der Interviewten wohnte in dem Haus, auf das die Abendsonne immer so schön scheint:

Die Altstadthäuser oberhalb unseres Schlafplatzes im Abendlicht.

Als das Licht wieder angeht, sehen wir, dass etwa 2/3 der Interviewten im Publikum sitzen. Einige von Ihnen kommen noch nach vorne und sagen etwas. Sie sprechen im Wesentlichen Türkisch und werden auf Englisch übersetzt. Ihre Kernbotschaften sind Frieden und Versöhnung. Sie sind lebende innerzypriotische Bindeglieder: Türkisch sprechende Christen. (Oder sie sitzen zwischen den Stühlen, je nachdem, wie man es sieht.)

Besonders anrührend finde ich, dass einer der Interviewten den Filmemachern zum Dank ein Friedensgemälde schenkt. Er hat die Hala Sultan Tekke, die im griechischen Teil der Insel liegende wichtigste Moschee Zyperns, gemalt. Dass jemand, dessen Familie im 20. Jahrhundert zweimal von muslimischen Türken vertrieben wurde, eine Moschee als Vesöhnungssymbol wählt…

4) Freitagsgebet

Wir nehmen am Freitagsgebet in der „Kathedralenmoschee“ teil. (Also der Kathedrale Nikosias, die seit der Übernahme durch die Osmanen 1571 eine Moschee ist.) Das Ganze läuft auffallend leger ab. Was auch daran liegen kann, dass die Zyperntürken als die unmuslimischsten Muslime der islamischen Welt gelten. Ab dem Mittagsruf des Muezzin kommen die Gläubigen (überwiegend die Männer) nach und nach herein, verrichten ihr Gebet und setzen sich dann gemütlich lungernd, meditierend auf den Teppich. Ein „Imam“ (wir glauben, es ist ein Imam) sitzt in der Gebetsnische und liest eine Stelle aus dem Koran vor und interpretiert sie dann für die heutige Zeit. Offensichtlich geht es um die weltlichen Ablenkungen und Versuchungen von Handy und Facebook. Schließlich kommt der Mufti (wir glauben er ist es) und erzählt etwas von der Kanzel. Immernoch kommen nach und nach die Gläubigen hinzu. Erst ganz am Ende als gemeinsam gebetet wird, sind alle da.

Wir finden die ganze Atmosphäre sehr angenehm. Die Gebetsbewegungen schauen wir uns ab, verbinden sie aber mit einem „Vaterunser“. Wer oder was Gott/Allah auch immer ist, wird uns schon verstehen.

Zwei Dinge bleiben aber als unangenehmer Nachgeschmack:

Erstens: Menschen bringen sich tatsächlich gegenseitig um, weil der eine auf einer Holzbank und der andere auf einem Teppich zum gleichen Gott betet. Warum nicht freitags so und sonntags so, gerne auch im gleichen Haus.

Zweitens: Immer wieder ignorieren Touristengruppen sowohl die mitten im Eingang stehenden Schilder, dass jetzt Gebetszeit sei und der Besuch der Moschee unerwünscht, als auch deutlichen Hinweise, dass Frauen sich eines der bereit hängenden Tücher über die Haare legen mögen. Sie trampeln mitten durch den Gottesdienst und regen sich über mangelnde Toleranz auf, wenn sie höflich hinaus gebeten werden.

ich sitze derweil im hinteren teil des raumes bei den frauen. er ist nicht abgeschirmt oder auf einem balkon irgendwo, sondern großräumig mit einer kleinen balustrade abgegrenzt offen einsehbar.

eine frau geht sogar während des gebetes zwischen den männern hindurch zum bücherschrank, um sich ein surenbuch zu holen.

nur fünf oder sechs frauen sind da. suren lesend, bei den vorlesungen genau so bequem sitzend wie die männer, die gemeinsamen gebete mitmachend. ich falle höchstens dadurch auf, daß ich kein türkisch spreche und mit meinen gebetsbewegungen etwas hinterher hinke. aber ich fühle mich pudelwohl.

beim hinausgehen nimmt sich jeder eine kleine süßigkeit von einem tisch. einen bonbon, einen in alufolie gewickelten kleinen kuchen. was für eine schöne geste!

5) Kaugummi-Eis

mir war schon öfter der kleine eiswagen aufgefallen, dessen verkäufer einem immer ein ‚eiscreme!‘ entgegenbrüllt, wenn man vorbei geht und der so lustige bunte kleidung trägt. ich dachte immer: jaja, touristenshow…

einmal hält michel an, weil es sich um spezielles, kaugummiartiges eis handelt, von dem ihm schon einer seiner schüler erzählt hat. der verkäufer macht aus seinem verkauf eine richtige kleine schau. gibt mir die waffel… und doch nicht. füllt eis hinein… und doch nicht… jongliert damit in verschiedener weise, weil das eis irgendwie ein eigenleben führt, bis ich schon ein bischen genervt reagiere, weil ich endlich wissen will, wie es schmeckt. aber der verkäufer lacht und läßt sich zeit bis ich endlich mein eis in der hand habe. jaja, touristenshow… lecker ist es und tatsächlich ein wenig klebrig wie kaugummi. bis mir michel erzählt, dass diese schow zum eis dazu gehört. dass das jeder verkäufer macht und dass er das auch von seinem schüler weiß, mich aber überraschen wollte. ich schäme mich über meine eigene ungeduld und meine vorurteile.

Ja, E… hat recht gehabt: Eine großartige Show mit leckerem Eis!

6) Cycling accross Barricades

eine abendliche fahrradtour mit einem türkischen und einem griechischen zyprioten, kreuz und quer durch die altstadt nikosias, über die grenzen hinweg und wieder zurück. wir kennen die meisten ecken und gebäude, die wir passieren, und erhalten kaum neue informationen über den konflikt an sich.

Einblick in die Verbotene Zone, links die Griechen, rechts die Türken.

Aber es lohnt sich Aydin zuzuhören. Die 70 Jahre alte türkische Zypriotin und jahrzehntelange Friedens- und Völkerverständigungsaktivistin steuert vieles aus ihrer eigenen Erfahrung bei. Über ihre griechisch-zypriotische Mädchenfreundin aus dem Nachbarhaus, und wie eines Nachts 1963 plötzlich türkische Paramilitärs von der TMT in ihrem Schlafzimmer standen und von dort aus das Haus ihrer Freundin mit Molotow-Coktails bewerfen wollten. Oder wie es war, als ihre Heimatstadt plötzlich geteilt war und alle Köpfe voll mit Vorurteilen über die „andere Seite“.

Die Gruppe vor der alten britischen Kolonialverwaltung.

erstaunlich sind die anderen teilnehmer. hauptsächlich mitglieder eines erasmus-programms. dass zwei davon nicht rad fahren können… sei´s drum, aber es sind zwei griechische zypriotinnen aus nikosia dabei, anfang bis mitte 20, die für die caritas arbeiten und noch nie im türkischen teil waren. – ok, eine war einmal drüben, im auto, aber nicht ausgestiegen. sie waren unsicher, vielleicht sogar ängstlich auf unserer fahrt durch den türkischen teil. weiß der himmel, was man ihnen zeit ihres lebens von den menschen auf der anderen seite erzählt hat. kein schritt in die kathedralen-moschee und auf die frage, warum nicht, kam keine richtige antwort.

sie entspannten sich erst als wir wieder im griechischen teil waren. ich fürchte, mit solchen menschen wird es noch sehr lange dauern, bis ein entspanntes miteinander möglich ist.

Die beiden Friedensaktivisten, die die Radtour organisieren, schätzen, dass etwa die Hälfte der griechischen Zyprioten noch nie im Norden war, und über „die Türken“ nur Vorurteile aber keine persönlichen Erfahrungen hat. Das Gute daran sei, dass diese Vorurteile extrem leicht aufzubrechen seien, wenn man die Menschen nur einmal auf die andere Seite und in Kontakt mit den Menschen dort brächte. – Aber genau das zu schaffen sei sehr schwer.

Abendstimmung im Südteil der Stadt.

7) Aydin: Aktivistin für Frieden, Völkerverständigung, Radfahren und so

Aus einem kurzen, netten Gespräch mit den beiden Organisatoren der „Cycling-accross-Barricades“-Radtour ergibt sich eine Verabredung mit Aydin am kommenden Tag. Wir gehen zusammen in das queere Cafe in Nordnikosia.

Aydin redet und brennt lichterloh.

Die Frau ist ein Wirbelsturm. Unglaublich, dass sie 70 Jahre alt ist! Was sie schon alles an Projekten angeschoben hat geht auf keine Kuhhaut (andere Aktivisten im H4C, denen gegenüber wir sie erwähnen, bestätigen das ungefragt). Neben ihren persönlichen Erfahrungen und ihrem Geschichtswissen ist vor allem ihre ungeheure Power beeindruckend. Wenn wir mit 70 Jahren auch nur halb so energiegeladen und engagiert sind, ist alles gut gelaufen.

Vom Inhalt des Gesprächs will ich hier nur einen Splitter wiedergeben: Nordzypern wird immer mehr zum Spielplatz der Türkischen Mafia. Sie bauen Hotels mit Casinos, waschen Geld, betreiben Prostitution und so weiter. Eigentlich müßte dem spätestens jetzt Einhalt geboten werden. Aber die Mafia hat halt gut geschmierte Verbindungen zu den Mächtigen in Türkei, Nordzypern und Militär. – Mit diesem Wissen können wir einiges, was wir gesehen haben, besser einsortieren, beispielsweise ein Dorf am Westende der Nordküste, das nur aus Bordellen besteht (die Reeperbahn ist nix dagegen!), oder die vielen Spielcasinos.

Sie schenkt uns noch zwei Bücher, die sie (mit-)geschrieben hat, ihr Kurzgeschichtenbuch „Forbidden Zones“ schwerpunktmäßig über die heutige und historische Situation auf Zypern, und ein Buch über die Identität der türkischen Zyprioten in der Literatur. – Wir revangieren uns mit einer CD des Films „Together“ und dem Aufzeigen der zum Teil frappierenden Ähnlichkeiten zwischen Zypern und Nordirland.

8) „Museum des Nationalen Kampfes“ (zypern-griechische Version)

Auch Südnikosia hat ein „Museum of National Struggle“ es ist dem Guerillakrieg der griechisch-zypriotischen EOKA gegen die britischen Kolonialherren von 1955 bis 1959 gewidmet. Die türkischen Zyprioten kommen hier nur insoweit vor, als sie sich von den Briten im Rahmen von deren „Teile und Herrsche“ Politik instrumentalisieren ließen. Das Museum steht seinem türkisch-zypriotischen Gegenstück in Nordnikosia bezüglich Propagandasprache und Einseitigkeit nur wenig nach. Der 1. Platz in diesem Wettstreit geht jedoch trotz heftigen Bemühens des Südens an den Norden.

Zum Museum im Norden hatten wir ja schon etwas geschrieben, zu dem im Süden nur ein paar Anmerkungen:

I) Mit „The Holocaust at Kourdali“ wird ein Unfall bezeichnet, bei dem sich vier EOKA-Kämpfer mit ihrer eigenen Bombe in ihrem eigenen Haus in die Luft gesprengt haben. Zivilisten kamen nicht zu Schaden. Das ist sicherlich ein tragischer Unfall, aber es ist noch nicht mal ein Mord durch die Briten, geschweige denn ein Massenmord an Unschuldigen, keinesfalls zu reden von einem Völkermord, und das Ganze als Holocaust zu bezeichnen ist aus unserer Sicht schlicht und ergreifend geschmacklos.

II) Die Internierungslager, in welche die Britten über 3.000 mutmaßlichen EOKA-Unterstützer steckten, werden hier als „The Concentration Camps“ bezeichnet. Nun waren die Britten zwar selbst so feinfühlig, sie so zu nennen. Was sie übrigens auch mit ihren Internierungslagern in Nordirland taten. Aber die Iren sind so ehrlich und sprechen von „Internment Camps“ und „Internment without trial“. Denn es gibt einen massiven Unterschied zwischen diesen Internierungslagern, in denen keiner hungern mußte, in denen vielfältige Aktivitäten erlaubt waren und in denen vor allem keiner umgebracht wurde, und den deutschen Konzentrationslagern, welche die meisten Insassen nicht lebend verließen.

III) Eine sparsamere Verwendung von Begriffen wie „hero“ oder „sacrifice“ zugunsten einer objektiveren Sicht täte dem Ganzen, zumindest von außen gesehen, extrem gut. Wenn man in einem dreizeiligen Absatz fünfmal das Wort „Held“ liest, weil jeder EOKA-Kämpfer bei jeder Erwähnung als Held bezeichnet wird, hat das für einen Außenstehenden etwas absurdes. Aber bei den diese Propagandasprache gewohnten Einheimischen scheint es zu funktionieren. Genau wie im Norden bei den türkischen Zyprioten.

ich habs ja befürchtet: die griechen sind in dieser hinsicht auch nicht besser als die türken.

Und sonst:

Betyl im H4C. Eine spannende Gesprächspartnerin, die gerade auf ihre Tochter wartet, die im Goetheinstitut (das auch in der UN-Pufferzone liegt) den Deutschtest „A2“ macht.
Zeitungsbild der Demo gegen die Abholzung von Bäumen für Straßen vorm Parlament in Südnikosia. (Ganz links sind wir.)
Straßenfest zum Tag der Deutschen Sprache.
Bina tanzt auf dem Straßenfest zu Lateinamerikanischen Rhythmen mit dem 3. von der Deutschen Botschaft ausgegebenen Freibier in der Hand.
Im „Buchclub“ Tagesmitgliedschaft 5€, zwei Kaffee inklusive. Abends gibt es auch Kino und so.

Wir könnten unser halbes Sabbathjahr auf Zypern verbringen.

stimmt. dank aydins bekanntschaftsgrad in beiden teilen von nikosia und ihrer fähigkeit menschen miteinander bekannt zu machen, fällt es mir schwer, diese insel zu verlassen. sie stellte mich z.b. dem initiator des queer-cafes vor, an den ich gern einige fragen gerichtet hätte.

auch sie selbst hätte ich gern noch so einiges gefragt. ich hätte mich noch viel länger dem kultur- und stadtleben hingeben mögen, es genießend, auf beide seiten der grenze tiefer in die gesellschaft einzutauchen.

dann die natur. es gibt noch so viele wanderwege, die spannend sind, so viele kleine buchten, die beschnorchelt werden könnten. ich habe noch nicht genug chamäleons gesehen, noch nicht genug johannisbrot geknabbert und unser ‚baf sakisi‘, das zypriotische naturkaugummi, welches nach weihrauch schmeckt, geht auch zur neige.