Slava Ukraini

Fr. 10. – So. 12. April

ja, wer sich unsere route genauer auf der karte anschaut und uns kennt, wird es sich schon gedacht haben.

Am späten Freitagnachmittag setzen wir mit der Fähre über die Donau über, von Rumänien in die Ukraine. – Ein wenig seltsam fühlt es sich schon an, aus der EU in ein Land auszureisen, in dem Krieg herrscht. – Wir haben uns das vorher lange überlegt; Sicherheit und Moral abgewägt. Wir halten es für sicher genug, sofern wir uns ausreichend weit von der Front weghalten und nicht neben kritischer Infrastruktur (Umspannwerke, Häfen…), militärischen Einrichtungen oder Militär übernachten. Und moralisch: Wir unterstützen mit unserem Geld die ukrainische Wirtschaft, berichten aus dem Land und zeigen allen, denen wir begegnen, dass sie nicht alleine sind.

Autofähre über die Donau!

Die Grenzkontrolle, bei der Ausreise aus Rumänien bewegt sich im Rahmen des Üblichen. Sie sind zwar offensichtlich etwas irritiert, dass diese beiden komischen Deutschen mit ihrem VW-Bus in die Ukraine wollen, und das noch über den am weitesten von Deutschland entfernten Grenzübergang, kommen aber zu dem Schluß, dass das nicht ihr Problem ist.

Die Einreisekontrolle in die Ukraine ist hingegen gründlich. Ein Spürhund beschnüffelt Bulli innen und außen. Und sie schaffen einen echten Profi herbei, der unser Auto durchsucht und auch gut Englisch spricht. Es ist das erste Mal, dass ein Zöllner tatsächlich das große Fach hinten unterm Bett, vor der Heckkiste inspiziert, welches wir „die Grube“ nennen. Und im Gespräch fühlt er uns „nebenbei“ gehörig auf den Zahn. „Wieso wollt ihr als Touristen in die Ukraine? – Ihr wisst schon, das wir hier einen Krieg haben? – Auch hier sind schon russische Drohnen gefallen!…“ – Bei der letzten Aussage weist er auf eine Wellblechhalle mit einem großen Loch, neben uns.

das loch scheint allerdings älter zu sein, denn die provisorische holzabdeckung ist schon reichlich verwittert.
und es wird für lange zeit die einzige einschlagsstelle einer russischen drohne sein, die wir sehen.

die felder, an denen wir vorüberfahren sind noch weitläufiger als in rumänien und die dörfer sehen alle gleich aus. kolchosendörfer halt. die häuser, die quer zur straße stehen, sind aus den 60er/70er jahren, teilweise mit farbigen mustern verziert oder auch bunt angestrichen. und alle mit teilweise absurd bombastisch verschnörkelten metallenen toren abgesperrt. aber auch hier steht vieles leer.
die vielen fasane fallen uns auf. es ist grade balz und sie stolzieren auf der straße herum als seien sie lebensmüde. ich kenne das aus italien. man könnte ihnen eine schwanzfeder im vorbeigehen ausreissen ohne das sie das sonderlich interessiert, so hormongesteuert sind sie.
wir landen in der kleinstadt ismajil. eine planstadt mit rechtwinkeligen straßen und der großen kirche in der mitte. dort stellen wir bulli an die kirchenwand und gehen erst einmal hinein.

drinnen läuft der k-freitagsgottesdienst. es ist das orthodoxe osterwochenende. der raum ist voll. in der überzahl sind es frauen. es riecht nach weihrauch, die popen tragen prächtige brokatgewänder, die messdiener sind ebenso prächtig in leuchtendem gelb gewandet. ein kleiner chor singt in terzen mit den popen in endlosen wechselgesängen, und die gemeindemitgleider bekreuzen sich immer wieder, verbeugen sich und jede/r hat eine kerze in der hand. das alles hat eine absolut meditative wirkung. dazu die komplett ausgemalte kirche in tausend farben mit vielen goldenen schnörkeln.
wir fragen uns, wie sich die evangelische kirche mit ihrer kargheit durchsetzen konnte.

michel kauft uns auch zwei kerzen. eine davon ist für samara, die morgen ihre deutschprüfung hat.

und während wir uns den klängen, der umgebung und dem ort hingeben, gehen draußen die sirenen mit fliegeralarm los.
wir werden unruhig. was passiert jetzt? wie reagieren die menschen um uns herum?
und wir sehen mit erstaunen: es passiert nichts.
der gottesdienst geht weiter, menschen kommen und gehen, ein paar kinder spielen ein bisschen fangen zwischen den vielen menschenbeinen, bis sie von der mutter gebeten werden, nicht ganz so wild zu sein.
wir beruhigen uns und bald heulen die sirenen auch zur entwarnung.
so entspannt hier alles wirkt: einige sachen sind dann doch anders.
z.b. sind dash-cams für autos verboten. militäreinrichtungen, checkpoints und frische bombeneinschläge dürfen nicht photographiert werden. spionagegefahr. je nach stadt oder ort herrscht eine nächtliche ausgangssperre.
wir bleiben heute an der kirche stehen und am frühen abend koche ich wie immer.

aber anschließend gönnen wir uns ein ukraine-willkommens-bier in der bar auf der anderen seite der straße. dort sitzen etliche leute, essen und trinken und wir haben nicht das gefühl in einem kriegsland zu sein. ein pärchen spricht englisch und erklärt uns bereitwillig, wie das hier mit dem alarm läuft.
er kommt und geht. meist abends und nachts. er wird deshalb auch ‚putins lullaby‘ ( also: ‚putins schlaflied‘) genannt.
man muß aber darauf achten, ob man shahed-drohnen hört. die klingen wie fliegende mofas mit kaputtem auspuff und dann sollte man in deckung gehen. ach ja die ausganssperre gilt von mitternacht bis 5 uhr morgens. das alles erzählen sie uns in einem freundlichen, leicht ironischen ton.
und so tun wir, nachdem wir nach zwei bier im bulli und im bett sind und noch ein alarm kommt. aber die entwarnung kommt auch gleich danach.
draußen ist es sehr still. schon am frühen abend ist kein mensch mehr auf der straße. die straßenlaternen sind alle dunkel, alle überflüssigen lichter sind aus, und uns begeistert, daß wir mitten in der stadt einen prächtigen sternenhimmel haben.

die erste nacht in der ukraine ist bis auf einen weiteren sirenenalarm am frühen morgen ruhig.
wir sitzen grade beim frühstück als es am fenster klopft und der pope uns sehr freundlich sagt, daß wir bitte wegfahren möchten. gleich begänne der gottesdienst, es gäbe eine prozession um die kirche herum und bulli stünde mittendrin. so jedenfalls interpretiert michel als gelernter katholik seine gesten und ukrainischen worte.
wir sehen dann auch, das alle autos auf der anderen seite vom platz stehen und machen uns sofort auf den weg.

Ismajil liegt direkt an der Donau, also an der Grenze zur EU. Auf die Sirenenalarme folgt… NICHTS! Außer irgendwann die Entwarnung. Kein Donnern der Flak, keine Dröhnen einer Drohne, kein Knall eines Einschlags. Die Drohnen müssen also schon weit entfernt abgefangen worden sein. Oder sie sind ganz woanders lang geflogen. An den Ein- und Ausgängen der Stadt sind Checkpoints, an denen ältere Männer in Uniform alle Autos, die in die Stadt fahren, oberflächlich kontrollieren. Vermutlich ist es eine Art Nationalgarde, die der regulären Armee den Rücken frei hält. Hier sind auch Panzersperren, und transportable Bunker zu sehen. (Wir photographieren sie nicht, um keinen Ärger zu machen.) Ansonsten ist in der Stadt, nichts vom Krieg zu sehen. (Ja, OK außer der fehlenden Straßenbeleuchtung, der nächtlichen Ruhe wegen der Ausgangssprerre, und dem höheren Frauenanteil an der Bevölkerung.)

Wir befinden uns im unteren-linken Füßchen der Ukraine (südwestliche Ecke). Dieses Füßchen ist durch eine Bucht vom Rest der Ukraine getrennt. Es gibt zwei mögliche Wege nach Odessa: Über eine Landzunge (Nehrung) und eine Brücke direkt am Scharzen Meer entlang. Oder ein kurzes Stück durch Moldawien, auf der Landseite der Bucht.

es geht weiter gen nord-osten.
das wetter ist deutlich kälter, es regnet immer wieder und der frühling ist noch längst nicht so weit wie in bulgarien.
die frage ist, wie wir fahren. man kann über die nehrung und eine brücke ins landesinnere kommen oder über ein kleines stück moldawien weiter westlich.
da unser adac-autoatlas kurz vor odessa aufhört, sind wir auf internetpläne angewiesen und die deuten uns den weg über moldawien. die brücke wird nach einem russischen drohnentreffer im märz noch repariert.
ursprünglich wollte michel sich ja moldavien wenigstens mal kurz anschauen, wo wir schon hier sind und auch die nicht anerkannte abtrünnige republik transnistrien lockt. aber das östereichische auswärtige amt stuft moldawien aufgrund von kriminalität und korruption mit einer 3 (von 4) als gefährlich ein. das lassen wir besser bleiben.
an der abzweigung zur nehrung warten wir eine weile und beobachten den verkehr. der kommt tatsächlich hauptsächlich von der moldawischen grenze und geht dorthin. so geht es auch für uns in diese richtung weiter.
hier hat die eu eine transitstraße eingerichtet. es gibt ukrainische kontrollen am anfang und ende der straße. und ist wieder in der ukraine, ohne richtig nach moldawien und in die eu eingereist zu sein.

am frühen abend finden wir einen picknickplatz am fluß dnistr zum übernachten.

inclusive einem glücklichen hund, der von anderen nutzern, die hier grad picknick machen, einen tollen frischen knochen mit viel fleisch bekommen hat.
ein stückchen weiter steht ein bauwagen neben einer alten hütte und von dort kommt ein mann zu uns. ein wenig abgerissen mit einer tüchtigen alkoholfahne. er deutet auf die unterstände und wundert sich, warum wir nicht dort sitzen. als ich andeute, daß uns kalt ist, läßt er uns auch in ruhe.

morgens klopft er dann nachdrücklich am fenster. um halb sieben!!!!!!!!
mit gesten deutet er uns, wir sollen wegfahren. warum fragen wir uns. keine ahnung und deshalb mache ich erst mal in aller ruhe frühstück.
vor uns hat eine familie eine der unterstände besetzt und macht sich zum angeln fertig.
der mann und seine frau können englisch, die mutter nicht. sie erklären michel, dass diese hütten heute am ostersonntag an angler vermietet sind, diese bald kommen, und wir ihren platz besetzen. aber es sei kein problem, wir sollen uns hinter ihr auto stellen, da sei genug platz und wir nehmen niemandem etwas weg.

Der Picknickplatz am Dnister ist so weit ab von allem, dass wir in der Nacht nicht einmal einen Sirenenalarm hören. Das auf der Karte so kleine linke Füßchen der Ukraine ist, wenn man durchfährt, mehrere hundert Kilometer lang. Im letzten Monat hat die russische Armee 25 Quadratkilometer erobert. Im Monat davor haben sie mehr Gelände verloren als gewonnen. Und die Ukraine ist so groß! Durch reguläre Geländegewinne wird Russland sie niemals erobern. Zumindest nicht, sofern der Ukraine nicht Waffen, Wirtschaftsleistung oder Menschen ausgehen.

Bis Odessa sind es vom Picknickplatz nur 50 Kilometer. Ein Katzensprung. Auf dem Weg bieten wir einem Paar, dessen Auto liegen geblieben ist, unsere Hilfe an. Aber ihre Lenkung ist kaputt, und der Pannendienst schon unterwegs. Als Gegengeschenk für zwei Brötchen und zwei Äpfel, die wir ihnen zur Aufmunterung geben, erhalten wir einen „Osterpanetone“. – Keine Ahnung, wie das Gebäck richtig heißt. Es entspricht ziemlich genau, dem traditionellen italienischen Weihnachtsgebäck, dem „Panetone“. Und es ist hier Teil des Osterkorbes, einer jeden Familie hat. Also ist es für uns ein „Osterpanetone“.

Etwas später nehmen wir eine Autostop fahrende Hausfrau mit, die nach Odessa will. Sie kann kein Englisch, aber mit Gebärden klappt die Kommunikation ganz gut. Wir setzen sie in der Innenstadt ab, weigern uns Geld zu nehmen und bekommen dafür einen kleinen Blumenstrauß. – Wir haben Spaß!

Durchs unwilde Bulgaristan

Mo. 6. – Fr. 10. April
Wir sagen dem Mittelmeer für „Auf Wiedersehen!“ und fahren nach Norden. Quer durch Ost-Thrakien, den kleinen europäischen Teil der Türkei, nach Bulgarien, das hier „Bulgaristan“ heißt.

Etwas mehr als 50 Kilometer vor der Grenze, beginnen die Kontrollen. Auch wir werden zweimal rausgewunken. Die recht oberflächlichen Durchsuchungen verraten: Hier wird nicht nach Drogen oder Waffen gesucht, sondern nach Flüchtlingen, die nach Europa wollen. Die Türkei ist ja gewissermaßen der Torwächter Europas. Die EU und insbesondere Deutschland entlohnen diese Dienstleistung so gut, dass Erdogans Schergen ihren Job auch wirklich ernst nehmen.

Die Grenze selbst ist links und rechts des Übergangs mit hohen Zäunen und Natodraht gesichert. Und Bulli wird einmal auf türkischer, sowie zweimal auf bulgarischer Seite nach Flüchtlingen durchsucht. (Wie schon im ersten Sabbatjahr kommt auch diesmal keiner der Durchsuchenden darauf, dass Bulli hinten unten die „Grube“ hat. Unser großes Geheimfach, in dem wir problemlos einen Menschen über jede Grenze schmuggeln könnten. – Selbst der Israelische Zoll und der türkische Geheimdienst in Kurdistan waren da blind.)

Back to EU!

Nach der Grenze kommen in Bulgarien erst einmal über 30 Kilometer Wald. Am Ende des Waldes, sobald die ersten Felder anfangen, kommt dann nochmal eine Straßenkontrolle auf der Suche nach Flüchtlingen. Wieder rauswinken, oberflächlich reingucken, weiterfahren lassen.

parole: das hawaii-hemd sitzt und die laune ist prächtig.

in diesem riesigen wald gibt es bestimmt bären.
und doch fühlt sich alles ein bischen nach zu hause an.
die straßenschilder haben wieder ihr gewohntes aussehen, ortsschilder sind zweisprachig und wir lernen die ersten worte. hallo heißt sdrazdi und vielen dank blago daria (mit betonung auf dem ‚i‘). die leute hier freuen sich wie bolle, wenn wir damit ankommen.

das schwarze meer ist gar nicht schwarz. aber hier entlang zu fahren ist schon besonders, denn hier waren wir beide noch nie.
burgas ist die erste größere stadt. seltsam ist es, kein türkisch mehr zu hören. und in der stadt müssen wir uns erst einmal orientieren.
uuups, diese spur ist eine bus-und-taxi-spur und ähhh…was heißen die unterschiedlichen farben der straßenrandbemalung? darf man hier nun stehen oder nicht.
an einem sportzentrum übernachten wir, nachdem wir ein sehr leckeres, hiesiges burgasko-bier in der sportsbar getrunken haben. auch der wirt freut sich über unsere umfangreichen (2 worte) bulgarischkenntnisse sehr.

leider ist die nacht unruhig. erst spielen nebenan die alt-herren bis spätabends unter flutlicht neben uns fußball, dann klopft es gegen mitternacht an den bulli. wir vermuten einen test, ob jemand zu hause ist, denn als wir uns rühren, ist alles wieder still.
morgens wartet michel draußen, während ich bulli fahrtauglich mache. dann sagt er: beeil dich bitte, hier ist ein „spezialist“.
neben ihm steht ein nur bulgarisch lallender mann, der auch noch an seinem schritt herumfummelt, als er mich sieht. aber er hört zum glück auf, als ich ihn einmal lange und streng anschaue.
zum glück bin ich schnell fertig und wir machen uns wieder auf den weg.

Der Mann hat eindeutig eine geistige Behinderung. Bei uns wäre so jemand in einer Einrichtung. Ob das besser wäre?

die häuser in den dörfern sind oft sehr marode und stehen leer.
michel muß beim fahren höllisch aufpassen weder in ein schlagloch zu knallen, noch eine straßenschwelle zu übersehen. beides gibt es unfassbar häufig und macht das fahren wirklich anstrengend.

Auch im kleinsten Ort gibt es mehrere Straßenschwellen, und sie sind meiste wirklich steil und hoch, so dass man mit unter 20km/h darüber schleichen muss, wenn einem die Achsen und Stoßdämfer des Autos lieb sind.

auf den warnschildern an der landstraße sind auch nicht einfach schleudernde autos abgebildet. man sieht autos im graben oder komplett umgekippt.
zudem sehen wir oft riesige werbeschilder für online-wetten und wettbüros.
bulgarien: das land der raser und spieler?

nessebar

aber dann machen wir eine vollbremsung bei nessebar, dessen altstadt weltkulturerbe ist.
hä???? nie davon gehört !!!!
also hin da, auto geparkt und die touri-info aufgesucht.
und zum ersten mal (seit z. am türkischen checkpoint in nikosia) taugt diese wirklich etwas. die angestellte spricht super englisch, zeigt uns schnell und kompetent, was wir uns anschauen sollten. für bulli weiß sie sofort geeignete parkplätze, die kein geld kosten und wo wir auch über nacht stehen könnten.
sie weiß, welche kirchen wegen renovierung geschlossen sind und wo es guten kaffee gibt. zudem hat sie karten und prospekte für uns.

ein damm führt zur altstadt hinüber, die auf einer insel liegt. der parkplatz kostet allerdings etwas … aber nur in der saison, und die hat hier noch nicht angefangen. ein kleiner zettel an der offenen schranke weist darauf hin, daß man nicht bezahlen muß.
wir schlendern vorbei an putzigen häusern und schmucken kirchen durch enge gassen.
leider erzählt keine broschüre und kein hinweisschild, warum die häuser aussehen, wie sie aussehen, wer hier gelebt hat und warum und überhaupt.
so bleiben wir etwas ahnungslos zurück.
die cafes haben zum größten teil noch geschlossen, vor den offenen werden wir auch gleich angesprochen, und damit vergeht uns die lust auf einen kaffee. ja, vielleicht sind wir da komisch, aber uns stört das.

es geht also weiter. michel beschliesst, einen campingplatz zu suchen.

in einem ort hält uns dann ein polizist an. sehr freundlich weist er darauf hin, dass in bulgarien auch über tag mit abblendlicht gefahren werden muß. mehr will er nicht von uns, außer noch einen erstaunten blick durch die scheibe in den bulli werfen. und wie er breit lacht, als wir uns in seiner sprache bedanken!
gleich danach ist ein campingplatz ausgeschildert. durch eine längere strecke durch einen wald und ein paar dörfer landen wir in shkorpilovci. das besteht eigentlich nur aus ein paar hotels, einem schönen strand und dem campingplatz.
der ist mehr auf dauercamper eingerichtet.
offiziell ist er noch nicht geöffnet. aber natürlich dürfen wir bleiben. und es gibt waschmaschinen und wäscheständer und eine dusche mit unfassbar wunderbarem heißen wasser. was für eine wonne! saubere wäsche und saubere haare!!!!!
der strand gleich auf der anderen straßenseite ist sogar in der vorsaison sauber. aber das schwarze meer ist noch zu kalt zum baden.
wir verbummeln einen tag. es ist kalt und windig und sonne und regen wechseln sich ab.
aber die wäsche wird sauber und auch trocken.

ich muß mich emotional ein wenig abhärten, merke ich.
wie in diesem teil der welt mit tieren umgegangen wird, finde ich teilweise grenzwertig.
ein hund hockt an einer viel zu kurzen kette und wartet, das mal irgend etwas passiert.
ich sehe ein pferd einsam auf einer wiese, zwei beine straff zusammengebunden gegen weglaufen.
in burgas jagten jungens ihre maultiere vor den karren unter stockhieben im gestreckten galopp die steile straße hoch. die tiere sind schweißnass und es tropft der schaum aus den aufgerissenen mäulern.
das kann ich nur schwer aushalten.
die hunde von campingplatzbesitzer sind unfassbar hungrig nach krauleinheiten. doch ich sehe zum glück auch, daß er sie auf einen spaziergang mitnimmt und nicht nur in seinem abgezäunten kabuff läßt.
und es gibt auch schöne sichtungen:
auf dem weg zum campingplatz einen fasan auf der balz. ein wiedehopf fliegt uns knapp vor die windschutzscheibe und der waldboden besteht streckenweise aus einem teppich von blauen blumen. weiß blühende bäume säumen die straße, während alle anderen bäume hier noch kahl sind und tatsächlich hören wir kurz nach der dämmerung die schakale im wald heulen.

donnerstag nachmittag machen wir uns wieder auf den weg.
ein einkauf bei einem lidl beschert michel ein pfund kaffee, der hier wieder einigermaßen bezahlbar ist.
die landschaft ist flach wie die norddeutsche tiefebene. und der himmel sieht richtig norddeutsch aus. es ist kalt und teilweise regnet es wirklich heftig. die straße geht immer am schwarzen meer entlang, oft durch bade-und urlaubsorte mit einem hotel neben dem nächsten.
wir schlafen in kawarna an der uferpromenade.

in einem rutsch durch rumänien

da wir wirklich nur hindurchfahren, machen wir keinen eigenen beitrag aus diesem land.

die grenze ist auch dieses mal kein problem. ein weiterer trick ist, den grenzern bereitwillig alles zeigen zu wollen. ‚was darf ich ihnen noch zeigen, was wollen sie noch sehen?‘ und schon winken sie ab.

beobachtungsschniepsel:

  • die straßen sind sehr viel besser als in bulgarien.
  • in den dörfern sind die häuser quer zur straße in ausgerichtet und immer von sehr massiven zäunen aller art umgeben.
    es sind niedrige häuser, manchmal nur eine wild gewordene datscha, oft mehr oder weniger frisch zweifarbig bunt angestrichen. meist grüntöne, mit blauen, gelben, roten fensterramen und türstürzen.
    aber viele stehen leer und verfallen vor sich hin.
    wir sehen auch neubauten und die haben auffallend oft knallblaue dachschindeln. die scheinen hier grade modern zu sein.
  • insgesamt ist alles hier weniger marode als in bulgarien.
  • wie in bulgarien wehen viele nationalfahnen. während sie aber ’nebenan‘ an privathäusern flattern, ist hier von staats wegen konsequent jeder zweite laternenmast bestückt.
  • wir können die schrift wieder lesen, wenn auch die worte nicht verstehen.
  • wir sehen mehr pferdefuhrwerke, mehr storchennester mit störchen und mehr raubvögel.
    es sind nicht nur bussarde, sondern ich meine auch eine kornweihe gesehen zu haben. ganz genau konnte ich sie nicht bestimmen.
  • am straßenrand sehen wir einmal auch einen überfahrenen „???“. fast denke ich, es könnte ein wolf sein. aber vielleicht auch ein goldschakal. ich weiß es nicht. er war für einen fuchs zu groß und nicht rot genug und für einen hund hatte er auch die falsche färbung.
    aber wenns tatsächlich ein wolf war…..wow!!!!
  • die landschaft ist übersichtlich. ist das noch die flubereinigte landwirtschaft aus ostzonenzeiten oder schon der übergang zur steppe?
  • einmal sehen wir einen bauern, der mit seinem trecker flüssigkeit ausbringt. es riecht sehr streng sehr süßlich und wir fragen uns, welches gift da wohl auf seinem acker landet.

„Their lonely graves are by Suvla’s waves“

Sa. 5. April
Das Überschriftenzitat stammt aus der Irishen Ballade „Foggy Dew“, welche den Osteraufstand 1916 besingt und dabei aber auch zweimal auf die Suvla-Bucht auf der Gallipoli-Halbinsel verweist.

Während des ersten Weltkrieges, hatte die Britische Marine, den Plan, mit einer Flotte vom Mittelmeer aus durch die Dardanellen-Meerenge zu fahren, vom dahinter liegenden Bosporus aus Istanbul mit schwerer Schiffsartillerie zu beschießen und so das Osmanische Reich zur Kapitulation zu zwingen. Da der Durchbruch durch die, an der engsten Stelle nur eine Meile breiten, Dardanellen nicht gelang, beschloss man eine große Landeoperation. Bei Tagesanbruch des 25. April 1915 landeten Britische und Französische Truppen an der Spitze der Halbinsel, sowie Australische und Neuseeländische einige Kilometer entfernt an der mittelmeerseitigen Flanke derselben.

Die Gallipoli-Kampagne wird in den verschiedenen beteiligten Ländern sehr unterschiedlich erinnert. In Frankreich wird sie durch die Schlachten auf dem heimischen Boden (wie Verdun) überdeckt. In England wird vor allem der erfolgreiche Rückzug am Ende der ansonsten katastrophal erfolglosen Kampagne erinnert. Entgegen Clausewitzes Aussage, „Nichts ist schwerer als der Rückzug aus einer Unhaltbaren Position.“, war es nach mehreren Monaten erbitterten Stellungskrieges gelungen mehrere zehntausend Soldaten so heimlich und dann so überraschend abzuziehen, dass die Osmanen es erst mitbekamen, nachdem das letzte Boot mit den letzten Soldaten abgelegt hatte. Einen besonderen Platz haben die Schlachten um Gallipoli aber in den Erinnerungen der Türkei, Australiens, Neuseelands und Irlands.

Türkei:
Hier ist Gallipoli zentraler Bestandteil des Atatürk-Mythos. Dieser war damals Offizier auf Gallipoli. Ihm wird das Verdienst zugeschrieben, die Linien gehalten und den Feind wieder ins Meer geworfen zu haben. Unter anderem soll er am Landungstag, den Soldaten des 57ten Regimentes, nachdem ihnen die Munition ausgegangen war und ihnen nur noch ihre Bajonette blieben, befohlen haben „nicht zu kämpfen, sondern zu sterben“, was erstaunlicher Weise tatsächlich funktioniert hat. Das gesamte Regiment wurde ausgelöscht, hielt die Landungstruppen aber lange genug auf, dass neue Soldaten ihre Stellungen übernehmen konnten.

Gallipoli war der größte Erfolg, der ansonsten nicht besonders erfolgreichen osmanischen Armee im ersten Weltkrieg. Und dann noch mit Atatürk himself! – Natürlich sind die türkischen Stellungen und Gräber eine nationale Pilgerstätte. Und das zugehörige Museum strotzt nur so vor Kraft und Nationalstolz. – Weshalb wir es uns auch nur von außen angesehen und nicht photographiert haben.

Australien & Neuseeland:
In beiden Ländern ist der 25. April, der Tag der Landung, als „ANZAC-Day“, ein nationaler Feiertag. Der ANZAC-Spirit, der Kampfgeist des „Australian-New-Sealand-Army-Chorps“ Er wird als Ausgangspunkt des eigenen Nationalbewusstseins und Nationalstolzes betrachtet. Bis dahin habe man sich nur als britische Kolonie betrachtet, nicht als eigene Nation.

Australische Gräber auf einem der Commonwealth-Soldatenfriedhöfen in der ANZAC-Bucht.

Während bei Sud-el-Bahr an der Spitze der Halbinsel, die gelandeten Truppen wenigstens einige Kilometer weit vordringen konnten, bevor sie im Stellungskrieg feststeckten, gelang es an der ANZAC-Bucht nur ein paar hundert Meter hinter den Strand zu kommen.

Nach mehreren Monaten erbitterten Stellungskrieges versuchten die Briten im August mit einer weiteren Landung an der Suvla-Bucht hinter die osmanischen Stellungen zu gelangen und die Front wieder in Bewegung zu bringen. Aber nach wenigen Quadratkilometern Geländegewinn steckte sie wieder fest. Diesmal bis zur endgültigen Evakuierung der Brückenköpfe im Dezember.

Die Suvla-Bucht.

Irland:
An der Landung in der Suvla-Bucht waren besonders viele Soldaten aus Irland beteiligt, das damals noch komplett vom Vereinigten Königreich besetzt war. Und so starben hier auch besonders viele irische Soldaten. – In „Foggy Dew“ heißt es dazu:
„‚Twas better to die ’neath an Irish sky than at Suvla or Sud-el-Bar.“
Es war also besser als irischer Rebell im Aufstand gegen die verhassten Engländer zu sterben, als weit entfernt der Heimat in ihren Diensten. In einem Land das einem nichts getan hatte. Und später im Lied:
„But their lonely graves are by Suvla’s waves, or the fringe of the great North Sea. Oh, had they died by Pearse’s side or fought with Cathal Brugha,“
Ihre einsamen Gräber liegen an fremden Gestaden fern der Heimat. Oh, wären sie doch mit Patrick Pearse (also im Osteraufstand) gestorben oder hätten an der Seite von Cathal Brugha (für die Freiheit Irlands) gekämpft.

Das Schlachtfeld von vor über hundert Jahren ist heute flächendeckend Gedenkstätte und Nationalpark. Für die Natur ist das hervorragend. Ohne die Schrecken von damals würden an diesen tollen Stränden und Buchten heute sicherlich große Hotelanlagen für Touristen stehen. Nachdem wir dem Wahnsinn des ersten Weltkrieges und seiner Opfer gedacht haben, gönnen wir es uns, den Nachmittag über die Naturschönheit der Suvla-Bucht zu genießen.

Da Camping hier in nachvollziehbarer Weise aus Gründen des Naturschutzes und der Pietät verboten ist, fahren wir zum Übernachten (mit einigen Umwegen) zur nördlichsten Bucht der Halbinsel. Also ganz zur oberen rechten Ecke des Mittelmeeres auf der Karte. Hier erleben wir einen letzten schönen Sonnenuntergang am Mittelmeer, bevor wir dieses in Richtung Schwarzes Meer verlassen werden:

(Und hier kann bina auch ohne Vorhänge in der Natur schlafen! – Vom Bett aus betrachten wir durch die offene Tür die aus der Dämmerung auftauchenden ersten Sterne und die Fledermäuse.)

Großstadtgeflüster

2.april-5.april

jetzt ist endlich wieder die straße unser zuhause.
da es schon spät ist und wir nicht im dunkeln fahren wollen, übernachten wir gleich in köycegiz. auf der fahrt von sultaniye kommt man durch diesen ort, der auch an dem tollen paddelsee liegt.
vorgestern war er noch ganz still und paddler trainierten mit ihren rennkajaks, von uns sehnsüchtig im vorbeifahren beäugt.
heute sieht er so aus und ich möchte unter gar keinen umständen im kajak sitzen:

es ist tatsächlich noch kabbeliger als es auf dem bild wirkt.

es geht am nächsten morgen gleich weiter nach norden, nach izmir/smyrna. eine progressive und moderne stadt.
es ist regnerisch. überall sieht man überschwemmungen. wasser steht auf den feldern, hier und da hat es erdrutsche gegeben. wir kommen an schaf- oder ziegenherden vorbei, die am straßenrand den tag verbringen, immer bewacht von ihrem hirten.
einmal sehen wir eine kleine hütte. daneben große erdhaufen aus denen es qualmt. hier arbeitet noch ein richtiger köhler und macht holzkohle. leider schaffe ich es nicht, ein foto zu machen.
die hügel sind waldig und manchmal voll mit ulkigen felsen.

ich gebe zu: ich photographiere schnöde während der fahrt aus dem auto heraus. eigentlich finde ich, man sollte einem ort wenigstens durch kurzes anhalten respekt erweisen, aber dann kämen wir nie voran.
so entsteht auch dieses bild:

wir sammeln in gedanken tatsächlich warnschilder. die vielfalt ist erstaunlich. wir kennen die warnung vor wildwechseln aus deutschland. so weit, so normal.
aber hier wird vor allem möglichem gewarnt.hier wildschweine. es gibt sie auch mit ziege, schaf und kuh. an schildkrötenschildern sind wir vorbei gefahren und vor einer straßenhunde-einrichtung an einem schild mit hund. gleich danach lagen zwei auch schon als verkehrsinsel auf der straße. ein schild warnt vor radfahrern, das steht an der autobahn.
und auf zypern gab es mufflonschilder.

in izmir schüttet es wie aus eimern. der viele verkehr ist ungewohnt und michel ist nach der langen fahrt mehr als angestrengt. einen schönen stellplatz finden wir erwartungsgemäß nicht. michel will auch nicht lange herumkurven und suchen. in einer seitenstraße finden wir einen parkplatz. leider kommt der gemüse-ladenbesitzer von gegenüber an und wundert sich. eine passantin hilft beim übersetzen. sie freut sich ungemein, daß sie mal wieder englisch sprechen kann. der gemüsemann möchte, daß wir morgen ab 7uhr den platz wieder frei machen, weil dann seine lieferung kommt. aber als michel sich sofort wieder ans steuer setzen will, schaut er sich das noch mal an und meint, wenn er noch ein bisschen zurücksetzt, wird es gehen.
die passantin erzählt, in izmir würde es seit tagen regnen und alle seien total genervt. das soll auch in den nächsten tagen so bleiben. daher beschließen wir, gleich morgen weiter zu fahren und auf die suche nach einem waschsalon und einem bezahlbaren hamam zu verzichten.

bazar von izmir

auf eine kleine stadtbesichtigung lege ich dann aber doch wert. zumal der bazar gleich in der nähe ist. das wetter ist auch einigermaßen trocken.
wir merken, daß wir in einer wirklich ulkigen gegend gelandet sind.
die hauptstraßen sind gesäumt von einem brautkleidladen nach dem nächsten. alle von edelster güte, mit kleidern wie buttercremetorten und mit glitzer noch und nöcher in den schaufenstern.
in den nebenstraßen sind die läden etwas weniger schick, aber sie verkaufen auch brautbedarf.
es gibt schuhgeschäfte und läden mit festlicher kinderkleidung, besonders für jungs zum beschneidungsfest, die dann immer wie kleine husaren ausstaffiert werden.
wir fragen uns: wer kauft dort. wer kann sich das leisten? wie rentiert sich so ein laden, wenn die ganze nachbarschaft voll davon ist? wie oft heiratet eine frau in der türkei?
ich sehe in keinem der geschäfte irgendeine kundin. gut, es ist noch vor 10uhr, vielleicht deswegen.

auch der bazar ist noch still. aber die cafes sind schon geöffnet und die händler fangen auch hier an uns anzukobern. einer läuft sogar eine ganze weile hinter uns her. und michel sieht, wie ein blinder mit seiner begleitung geradezu bedrängt wird. der händler stellt sich dem blinden derart in den weg, daß michel kurz davor ist, einzugreifen.
da geloben wir uns die insel capri. wie wir lesen durften ist dort das massive ankobern von touristen mittlerweile unter strafe gestellt. dort haben sie verstanden, daß das ansprechen und bedrängen von passanten diese eher vertreibt als anlockt, und daß es schädlich für alle geschäfte ist.
aber es gibt auch stille ecken auf dem bazar und solche, wo die einheimischen kaufen und auch wohnen. dort werden wir freundlich gegrüßt und in ruhe gelassen.

eine sehenswürdigkeit ist dieser uhrenturm.
auf dem platz gibt es unfassbar viele tauben. eine ist dicker als die andere. kein wunder, da straßenhändler weizenkörner zum füttern verkaufen, damit touristen fotos machen können.
izmir verabschiedet sich mit hochhäusern vor schwerem himmel, nachdem ich bei ‚unserem‘ gemüsehändler noch eingekauft habe.

Izmir ist eine durch und durch neue und moderne Stadt. Es gibt quasi keine Altstadt und kaum historische Häuser. Das liegt daran, dass hier bis 1922 das griechische Smyrna lag. Dieses wurde nach der Eroberung durch die türkische Armee geplündert und niedergebrannt. Seine Bevölkerung zum einen Teil abgeschlachtet, zum anderen vertrieben. Ihre Nachfahren leben heute zum Großteil in den Athen.

beobachtungsschniepsel:

  • immer wieder haben trecker eine art schonbezug über ihrem motorgehäuse. die sind aus stoff, wildgemustert und bunt, wie schonbezüge für autositze. sie sehen dann ein bischen aus wie kinderspielzeug
  • es gibt immer wieder verkaufsstellen für tiny-häuser in verschiedensten ausführungen, die scheinen hier sehr beliebt zu sein. auch ’nur-dach-häuser‘ (gebäude, deren dach bis auf den boden hinunter geht) sehen wir oft. besonders in ferienorten für gäste.
  • an den straßen stehen oft reihenweise bienenstöcke und überall wird honig verkauft. auch die orangenernte ist hier in vollem gange, und an der straße steht alle 200m ein verkaufsstand für früchte, frisch gepressten saft und marmelade.
  • diese wechseln sich ab mit verkaufsständen für tonware aus der fabrik. amphoren, blumentöpfe, krüge in allen formen und größen, dazu windmühlen aus ton, aber mit beweglichen flügeln, die man sich in den vorgarten stellt.
  • wohnblocks haben oft sehr große balkone. viele davon sind dunkel, ja fast schwarz verglast. wir fragen uns: wie dunkel muß es dann in den räumen dahinter sein und würden wir da wirklich wohnen wollen?

die dardanellen

und dann verlassen wir tatsächlich den asiatischen kontinent.
eigentlich wollen wir in canakkale übernachten, nachdem wir uns orientiert haben, wie das mit der fähre funktioniert.
aber nachdem wir am hafentor 16.-€ gezahlt haben, winkt uns der mensch gleich weiter. die fähre liegt in sichtweite und legt auch gleich ab, nachdem wir an bord gefahren sind.
also werden wir wieder in europa (naja, auf dem kontinent) schlafen.
die überfahrt dauert nicht lange und ich muß tatsächlich ein bisschen heulen, als ich dem asiatischen ufer nachschaue, wie es immer schmaler am horizont wird.

wir fahren noch von eceabat auf die andere seite der halbinsel richtung anzac-bucht, die sich michel anschauen will.
ich wünsche mir nach so vielen nächten mal wieder einen schlafplatz in der natur, an dem wir nicht alle fenster verhängen müssen.
wir finden auch schnell einen picknickplatz mit toilette und ebener fläche direkt am meer unter bäumen, gleich neben einem denkmal (siehe nächstes kapitel).
aber während in der dämmerung unser gasbrenner die tomatensauce kocht, hält ein polizeiauto, und ein freundlicher polizist erklärt uns in gebrochenem englisch, daß wir hier leider nicht übernachten dürften. wir könnten zwar zuende kochen und essen, aber mögen dann doch bitte zurück nach eceabat zurück fahren.
und so machen wir bulli wieder fahrtauglich.
michel hat ja recht. der polizist ist überaus freundlich und wir stehen ja auch quasi auf einem friedhof, das wäre schon pietätlos. aber ich bin so enttäuscht, daß ich bei bisschen mit den bullitüren knalle um mich abzureagieren. (entschuldige, kleiner gefährte!).
so stehen wir wieder in eceabat am hafen hinter einem ehemaligen hotel. wenigstens haben wir meeresblick.
aber der nächste morgen entschädigt alles:
wir sind grade mit dem frühstück fertig, michel bringt den müll weg und macht einen gang an der mole entlang.
dann kommt er angerannt: ‚komm schnell, die delfine sind in der bucht!!!!!!‘
rasch die kamera, den restlichen tee und die becher gegriffen und sich ans ufer gesetzt:

besser kriege ich es leider nicht hin…..

drei oder vier stück sehen wir. offensichtlich ist die futtersituation in der bucht nicht die schlechteste, denn sie tauchen auf und ab, schwimmen hin und her und sind sichtbar auf der jagd.
danke schön für diese entschädigung!
wie so häufig finden wir einen tolleren stellplatz oder erleben etwas schönes, wenn wir irgendwo nicht stehen dürfen.

Achsbruch & Therme

Fr. 27. März – Do. 2. April
Das Unangenehme zuerst:
Am Freitagabend stehen wir mit Achsbruch auf unserem malerischen Flußufer gelegenen Übernachtungsparkplatz in Dalyan. In einem, als harmlose Pfütze getarnten, bodenlosen Schlagloch habe ich unsere Vorderachse geschrottet. Der Bulli fährt zwar noch, doch bestimmt nicht sehr weit, und von „verkehrssicher“ kann keine Rede sein. Also brauchen wir (wieder Mal) eine Werkstatt. Ich frage einen Einheimischen, der mit seinem ebenfalls kaputten Auto (kein Witz!) in Dalyan neben uns am Flußufer steht, nach der Autowerkstatt seines Vertrauens, und bekomme eine VW-Vertragswerkstatt im Nachbarort Ortaca genannt.

Am Samstag früh schleichen wir mit unserem fahrenden Zuhause langsam und vorsichtig zur Werkstatt. Diese kann uns zwar nicht selber helfen, vermittelt uns aber an die andere örtliche VW-Vertragswerkstatt, 200m weiter, im selben Industriegebiet. Ein halbes Dutzend Straßen besteht (fast) nur aus Betrieben, die in irgendeiner Weise auf Autoreparatur beschäftigt sind. Dazu ein paar Imbisse für die Essenspausen.

Wir warten den gesamten Samstag über. Zwar wird zwischendrin am Auto rumgeschraubt, die alten Achsteile ausgebaut. Aber am Ende des Arbeitstages steht Bulli ohne Vorderachse da. Wir müssen also das Wochenende über in der Werkstatthalle wohnen. Unsere Stimmung ist mau, und dass es den ganzen Tag über kalt ist und regnet, macht es nicht gerade besser. Immerhin haben wir ein offenes Werkstatttor, Strom und einen Grundversorgungsladen um die Ecke.

In der Nacht auf Sonntag schüttet es dann so stark, dass das Zeltdach der Halle einknickt:

Der tiefste Teil des Daches war vor dem Einknicken der höchste!

Zum Glück wird kein Auto beschädigt und unser Bulli steht in der sichersten Ecke der Halle. Wir entlasten also das Dach, indem wir so viel Wasser wie möglich aus den verschiedenen Beulen rausschwappen, und warten auf Montag.

Am Montagmorgen kümmern sich die Werkstattleute erst notdürftig um ihre Halle, dann um Bulli. So verbringen wir Montagnachmittag und Dienstag an der naheliegenden Therme. (Siehe unten!) Doch leider sind (unabhängig vom Achsbruch) auch die Bremsen ziemlich hinüber. Die Werkstatt hatte schon die Bremsbacken ausgewechselt. Doch es muss mindestens auch ein neuer Bremskraftverstärker her. Der kann erst am Mittwoch eingebaut werden.

Als wir am Mittwoch wiederkommen, wird nach und nach die gesamte Bremsanlage ausgetauscht oder repariert. Bremskraftverstärker, Leitungen, die Schienen, auf denen die Bremsbacken laufen. Dank unserer besten Mechanikerin Conny, bei der ich vor fast 10 Jahren mal gelernt habe, wie man eine Bremse wartet und Bremsbacken austauscht, verstehe ich zum Glück genug von der Sache, um zu verstehen, dass sie uns hier nicht reinlegen und abziehen. Und als wir am Donnerstag Abend ENDLICH ENDGÜLTIG(!) vom Werksgelände rollen, fährt Bulli sich so leise und die Bremsen funktionieren so gut wie lange nicht mehr. Die Jungs haben hervorragende Arbeit geleistet. Der Preis reißt zwar ein Loch in unsere Reisekasse, liegt aber weit unter dem, was wir in einer Werkstatt in Deutschland gezahlt hätten.

Ein paar Sachen fallen an der Werkstatt noch auf:
– Die Länge der Arbeitszeit! Die fangen tatsächlich zwischen 7:30 Uhr und 8:00 Uhr morgens an, haben nur eine Mittagspause, und hören erst um 19:00 Uhr auf.
– Der Chef wäscht selbst auch mal die benutzten Teegläser ab und bereitet neuen Tee vor.
– Die Stimmung ist gut. Bei der Arbeit hören wir die Kollegen lachen, scherzen und erzählen.
– Die Lehrlinge! Es gibt ein halbes Dutzend Lehrlinge. Und die werden wirklich gut ausgebildet. Als unsere Bremsbacken gewechselt werden, bekommen zwei von ihnen das genau so erklärt, wie Conny es damals mir erklärt hat. (Also soweit ich das trotz Türkisch beurteilen kann.) Und abends scheint der Chef eine feste Stunde zu haben, wo er den Lehrlingen an der Werkbank Unterricht gibt.

den tag über, während an bulli geschraubt wird, sitzen wir meist in der ecke, wo auch der tee steht. wir holen unsere campingmöbel und haben es bei all der warterei doch gemütlich.
hier haben wir tee, können ab und zu bei den mechanikern vorbeischauen und sitzen im trockenen. ich glaube, wir kommen denen ein bisschen seltsam vor, aber was sollen wir machen…
michel liest nachrichten am rechner, ich stricke, lese oder surfe auch im internet.
an einem morgen kommt einer der angestellten und legt uns einen schokoriegel hin. an einem anderen tag bekommen wir eine handvoll bonbons. dies sei eine spezialität aus konya und sei nicht immer zu haben. es sind große, knallsüße traubenzuckerartige stücke, die ein bisschen nach rosenwasser und mastix (weihrauch) schmecken.
ich mache mal einen spaziergang durch das viertel, michel bleibt lieber sitzen.
am mittwoch liegen bei uns die nerven aber ein wenig blank.
es hieß, es dauere nur zwei stunden, dann sei bulli fahrbereit. dann sind wir nachmittags immer noch da, sollen aber abends wieder auf die straße kommen. und nach verschiedenen probefahrten wird klar, daß sie doch nicht fertig werden und wir eine weitere nacht bleiben müssen.
am donnerstag wird es dann noch schwerer, die ruhe zu bewahren. michel hat aufgehört nach bulli zu schauen und hört per kopfhörer podcasts. ich vergrabe mich in einem buch.
‚der marsianer‘ von andi weir. wir reden nicht mehr, laufen nicht mehr herum, nur ich werfe ab und zu einen blick in die werkstatt und bin erleichtert, als ich höre, das bulli beim spur einstellen ist, danach macht der chef die letzte probefahrt und dann… ist bulli endlich heil!

Baden in heißen Quellen

Den Montagnachmittag und den Dienstag verbringen wir im Thermalbad von Sultaniye. Der kürzere Weg nach Sultaniye führt über den Ort Dalyan und per Fähre über den gleichnamigen Fluss.

wegen des herrn auf dem rechten bild muß die kleine fähre noch mal zurück ans ufer. er hatte die ganze zeit dort an der seite gesessen und mit einem anderen mann gequatscht und dabei vergessen, daß er ja mit wollte. wir lachen sehr miteinander darüber.

Die heißen Quellen von Sultaniye liegen am Ufer des Sees, welcher den Fluss speist. Hier kommt fast 40°C heißes, schwefelhaltiges, leicht radioaktives Wasser aus dem Boden und den Felsen. Schon die Römer haben hier Thermen errichtet und gebadet. Der Eintritt kostet nur 1€ (in Worten: einen Euro) pro Tag. Und ein paar römische und osmanische Ruinen, sowie ein Schlammbad sind im Preis mit drin. In Deutschland wäre das hier nicht zu bezahlen.

bina im mittelwarmen Becken, in dem man es wirklich lange aushalten kann!
Michel sitzt mitten im heißen Becken, auf einer römischen Säule. In diesem Becken sollte man nicht länger als 20 Minuten bleiben, sonst wird einem beim rausgehen schwindelig.
In den Becken wachsen irgendwelche algenartigen Einzeller, die Matten bilden. Sie scheinen keine Photosynthese zu betreiben, sondern den im Wasser enthaltenen Schwefel zu verstoffwechseln. Sobald man die Matten anfasst, werden sie zu Schleim, den die einheimischen Frauen sich als Verjüngungskur ins Gesicht schmieren.
Im Schlammbad!

Die Preise für Hamburger, Pommes und Getränke sind auch zivil, so dass wir uns an beiden Tagen einen Imbiss gönnen.

Am zweiten Tag sind mittags ein paar Boote aus Dalyan da, die Touristen zum Baden hierher schippern. In der Hochsaison ist das hier vermutlich nicht mehr wirklich gemütlich, da laut und überlaufen.

Todesstrafe in Israel
Jetzt EU-Handelabkommen aussetzen!

So heißt die aktuelle Kampagne von Amnesty-International! Zur Begründung schreiben sie:

„Das israelische Parlament hat am 30. März 2026 das Gesetz zur Ausweitung der Todesstrafe verabschiedet. Dieses Gesetz ist zutiefst diskriminierend, da es die Todesstrafe im Grunde ausschließlich für Palästinenser*innen vorsieht. Es verstößt gegen mehrere menschenrechtliche Abkommen.  
Erneut überschreitet Israel damit eine „rote Linie“ – nach zehntausenden von getöteten Palästinenser*innen in Gaza, dem Aushungern der dortigen Bevölkerung, der Fortsetzung der illegalen Besatzung des Westjordanlands, dem Vorantreiben der de-facto Annexion und der aktuellen Vertreibung von hunderttausenden Menschen aus dem Südlibanon. Doch all das hatte keine spürbaren politischen oder wirtschaftlichen Konsequenzen. Auch in diesem Fall kommen von EU und Bundesregierung bisher nur sorgenvolle Worte. Das reicht nicht!“

https://www.amnesty.de

Hier der Link zur Kampagne:
Aktion: Todesstrafe in Israel – jetzt EU-Handelsabkommen aussetzen!