bei der ganzen fahrerei machen wir trotzdem ein bischen sightseeing. den ersten zwischenstop machen wir bei der burg mamure am Kap Anamur, der am besten erhaltenen und größten burg des gesamten mittelmeers, aus dem 12. jahrhundert.
leider ist sie wegen restaurierung geschlossen und wir stehen ein wenig deppert in der gegend herum. da kommt ein einheimischer angeschlendert, den wir ansprechen, aber so wie es aussieht, bleibt die burg bis ins nächste jahr geschlossen. wir plaudern ein bischen und dann sagt mit einem verschmitzten grinsen: ‘es gibt einen weg in die burg rein, den kann ich euch zeigen, aber dazu müßt ihr ein bischen kraxeln. könnt ihr das?’ klar können wir. wir müssen die überwachungskameras ein wenig umgehen, ein paar meter am strand entlang und über einen mauerrest kraxeln und schon sind wir drin. der einheimische führt uns duch die burg, erklärt dies und das und wir dürfen fotos machen. dann verabschiedet sich wieder, nachdem er uns einen anderen weg nach draußen gezeigt hat.
Es geht immer an der wunderschönen Küste entlang.Alle 36 Türme der Burg stehen noch.Der äußerste der vier Burghöfe.Der Ausblick ist atemberaubend.Die Moschee stammt natürlich nicht aus dem 12. Jahrhundert.
die fahrt geht weiter. irgendwo unterwegs machen wir dieses photo:
Eine landestypische Ansammlung von Bankautomaten.
manchmal stehen noch viel mehr automaten nebeneinander. einmal haben wir neun stück gezählt. das prinzip durchschauen wir nicht. gibt es ein gesetz, daß bankautomaten nur an bestimmten stellen erlaubt und sie sich deshalb sammeln? greift hier auch das basar-prinzip, wo sich die geschäfte nach straßen sortieren und man einen juwelier oder schneider neben dem anderen sieht?
kurz vor alanya werden wir dann doch wieder an einem checkpoint kontrolliert. diesmal wollen die uniformierten (miliär oder nur polizei?) nicht nur die pässe sehen, sondern auch das smartphone. aber wir haben nur ein altmodisches handy und das auslesen der ISMI-nummer (sozusagen der fahrgestellnummer des telefons) bringt keine ergebnisse. Desweiteren fragt er nach unserer handynummer, unserer e-mail-adresse und will zugang zu unserem facebookprofilen, um den verlauf zu kontrollieren. er gibt sich erstaunlicherweise damit zufrieden, dass michel sagt, wir hätten weder smartphone, noch facebook oder email-adresse. der uniformierteschicktdie handydaten an irgendeine zentrale, hört sich staunend unsere sabath-jahr-geschichte an, während er auf antwort wartet und läßt, als ihm die überwachungszentrale, an die er all unsere daten geschickt hat, das ok gibt, nach einer gefühlten halben stunde weiterfahren. was sind wir froh, daß wir unser handy so selten benutzen!
Eigentlich dachten wir, wir seien raus aus der kritischen Zone. Doch kurz vor den Touristenhochburgen Alanya und Antalya kommt die heikelste Kontrolle. Das hätte auch ganz schnell schief gehen können. Zum Glück haben wir keinen Facebookaccount, das Liken einer Erdogansatire oder einer Kritik am türkischen Einmarsch in Afrin hätten katastrophale Folgen für uns haben können. Wie gut, dass der Computer weitgehend durchsuchungssicher in der “Grube” verstaut ist, dass wir unser Handy meistens ausgeschaltet hatten und nur zwei harmlose Telephonate nach Deutschland gemacht haben. – Solltest du, lieber Leser, also vor haben, Urlaub in der Türkei zu machen, räume vorher dein Facebookprofil, dein Emailkonto, deinen Browser und deine Festplatte auf.
dann geht es durch die türkischen touristenhochburgen. ganz ehrlich: es könnte schlimmer sein. natürlich stehen die hotels dicht an dicht und manchmal paßt nur eine schmale reihe palmen dazwischen. aber wir haben immer 70er-jahre-hotelbunker vor augen gehabt, wenn wir antalya hörten und was wir hier sehen, ist meist interessant gestaltete, durchaus vielfältige hotelarchitektur.
Mitten in Atalya: Diese spannenden Berge im Hintergrund haben wir hier nicht erwartet.
das etappenziel für heute ist olympos/türkei südlich von kemer. dort gibt eine art hippiekolonie am strand, die es sich dort mit kleinen hotels, bunten läden und bars und freizeitaktivitäten gemütlich eingerichtet hat. der platz ist optimal. ein breiter strand, viele wanderwege, berge zum ernsthafteren klettern, ruinen und der ‘brennende berg’, den wir morgen anschauen wollen.
Frühstück am Strand vor schöner Kulisse.Blick in Gegenrichtung auf dem schöne-Kulissen-Frühstücks-Strand.Um zum Strand hin und wieder zurück zu kommen, muß Bulli durch den Bach und bekommt mal wieder nasse Füße.
chimaira heißt der der ort, wo seit jahrtausenden methanhaltiges gas aus dem felshang strömt. ein gut angelegter fußweg führt von einem parkplatz und ein paar buden aus hinauf. das solche gasquellen vor sich hin brennen, ist nicht die frage. warum entzünden sie sich selbst? das ist uns ein rätsel. kein wunder, daß hier auch die ruinen eines tempels des feuergottes hephaistos stehen.
Eine der ewigen Flammen von Chimaira.Der Brennende Berg sieht nachts bestimmt beeindruckend aus.Unten am Parkplatz mag die sehr verschmuste Wachkatze tatsächlich Eis am Stiel!
Olympos ist wirklich unglaublich. Der perfekte Urlaubsstrand, wenn das Problem mit Erdogan und der Demokratie nicht wäre. Tolles Meer, spannende Berge zum Klettern und Wandern, alte Ruinen, Baumhaus-Camps zum Übernachten, wilde Gebirgsbäche zum Canyoning und Rafting, coole Strandkneipen mit Reggea-Party-Musik, alles direkt auf einem Haufen und als Dreingabe ein brennender Berg und die niedrigen Preise (weil die türkische Lira so schlecht steht). – Sobald die Türkei wieder demokratischer wird, kommen wir wieder. Flug nach Antalya, Sammeltaxi und fertig.
Gestern abend haben wir Bulli auf einem Vorsprung an den Hängen des Musa Dagh (des Mosesberges) mit tollem Blick auf die Mittelmeerküste abgestellt. Doch irgendwann in der Nacht wurde es so stürmisch, dass uns mulmig wurde und wir unser Schneckenhaus lieber an einen etwas windgeschützteren Ort weiter weg vom Abrund umbeparkt haben.
Die “40 Tage des Musa Dagh” spielen in der Geschichte des Völkermordes an den Armeniern in etwa die gleiche Rolle, die der Aufstand im Ghetto Warschau in der Geschichte des Holocaust spielte. Anstatt sich widerstandslos deportieren und umbringen zu lassen, haben sich die hiesigen Armenier in die Gipfelregionen des Musa Dagh zurückgezogen und dort verschanzt. Nach 40 Tagen der Belagerung wurden sie von einem französischen Kriegsschiff entsetzt.
Der österreichische Schriftsteller Franz Werfel hat diesem Ereignis mit dem Roman “Die 40 Tage des Musa Dagh” ein literarisches Denkmal gesetzt. Das Buch war Marcel Reich-Ranicki zufolge übrigens eine wichtige Inspirationsquelle für die Kämpfer des Warschauer Ghettos. Vor dem Aufstand ging es von Hand zu Hand.
Als der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk 2005, zum 90ten Jahrestag des Völkermordes anregte, die Türkei solle sich bei den Opfern, den Armeniern entschuldigen, wurde er wegen “öffentlicher Herabsetzung des Türkentums” angeklagt. Er kam jedoch mit einer relativ geringen Schadensersatzzahlung von 6.000 türkischen Lira davon. Wozu vermutlich beigetragen hat, dass er zwischenzeitlich den Literaturnobelpreis erhalten hatte und der Fall deshalb unangenehm viel Aufmerksamkeit erhielt.
An den Hängen des Musa Dagh liegt Vaklifi, das letzte armenische Dorf der Türkei. Nach dem 1. Weltkrieg war die Region um Antiochia zunächst Syrien zugeschlagen worden, zu der sie historisch auch gehört. Erst 1939 schloß sie sich freiwillig der Türkei an. (Die Alternative wäre gewesen, von den französischen Kolonialtruppen erobert zu werden.) Damals gab es hier noch sechs armenische Dörfer. Aber als Antiochia (Antakya/Hatay) an die Türkei ging, wurden fast alle Armenier in den Libanon verfrachtet.
Die Kirche von Vaklifi, dem letzten armenischen Dorf der Türkei.
Heute leben noch 130-140 Armenier in Vaklifi. Überwiegend ältere Menschen. Es scheint dem Dorf gut zu gehen. Wir haben den Verdacht, dass die Türkei das Dorf als Schaufenster mißbraucht. Nach dem Motto: “Seht her! So nett sind wir zu den Armeniern! Wir bezahlen ihnen sogar eine neue Kirche und all die schönen Parkbänke.
Von Vaklifi aus wollen wir immer die Küste entlang nach Westen fahren, bis Istanbul. Doch schnell fällt uns auf, dass die direkte Küstenstraße nicht immer der klügste Weg ist.
OK, ist halt eine Nebenstrecke…Die Straße wird immer mehr zur Piste.Vielleicht hätten wir die Schilder “Durchfahrt Verboten” und “Steinschlag” doch ernst nehmen sollen?Irgendwann wird die “Straße” wieder besser. Im Hintergrund der Musa Dagh.Durch das Offroad-Geruckle ist das Regalblech hinten im Schrank durchgebogen. Endlich mal wieder ein Fall für McGyver!
Als wir nach etwa 40 Kilometern wieder die Hauptstraße erreichen, beschließen wir, auf ihr zu bleiben, legen an diesem Tag noch mehrere hundert Kilometer zurück und erreichen (fast) den Golf von Antalya.
ab sanliurfa verlassen wir langsam kurdistan. eine richtige grenze gibt es nicht, aber es ist auffallend, daß die checkpoints weniger werden und auch nicht mehr so bedrohlich wirken. fast immer werden wir einfach weitergewunken, die sandsackbarrikaden werden kleiner und es steht auch nicht jedesmal ein radpanzer daneben. die baustellenschilder, die in kurdistan noch auf ein militärfort hindeuteten, weisen wieder richtige baustellen aus. aber die landschaft ist nach wie vor beeindruckend.
Landschaft unterwegs. Es gibt immer etwas zu sehen.
auffallend sind die geisterfahrer, die uns auf autobahnen und landstraßen auf der standspur entgegen kommen. die straße hat über lange strecken eine mittelleitplanke. bei dörfern oder größeren abzweigungen kommt relativ selten mal ein kleiner kreisverkehr, wo u-turns ausdrücklich erlaubt sind. aber wer aus einer ausfahrt raus nach links will, muß erstmal lange in die gegenrichtung fahren, ehe der nächste kreisel kommt. also werden wie warnblinker angeschaltet und der eine oder andere kilometer mal eben geistergefahren. da das vermutlich alle machen und es deshalb öfter vorkommt, rechnen auch alle damit und es gibt keine unfälle.
Einer der vielen Geisterfahrer.
Irgendwann kommen uns tatsächlich innerhalb einer halben Stunde in halbes Dutzend Geisterfahrer entgegen. Auf einer Straße, die in Deutschland problemlos als Autobahn durchginge. Dort würde sich jetzt der Verkehrsfunk überschlagen und zusammenbrechen. Hier dauert es eine Weile, bis uns auffällt, dass das etwas Berichtenswertes für unseren Blog sein könnte.
wir besuchen ein zweites mal antiochia. die hamami rufen, der bazar und auch das leckere künefe.
michel verschwindet im männerhamam, ich in dem für frauen. ich bin erst etwas entäuscht. die kassiererin drückt mir unfreundlich ein eimerchen, shampoo und ein paar gebrauchte lappen in die hand, heißt mich umziehen und in die hinteren räume zum waschen gehen. dort nimmt mich die masseurin in empfang. sie ist resolut aber netter, sorgt erst mal dafür, daß ich eine gute schale und einen neuen lappen nebst seife bekomme. haarewaschen verbietet sie mir, das sei später ihr job. auf dem heißen stein im hamam sitzen etliche frauen und quatschen. wie peinlich: alle haben wenigstens einen schlüpfer an, nur ich bin nackt. ich hätte mich gern dazu gesellt, aber die masseurin platziert mich allein auf einem stein an der seite, während sie sich um die anderen gäste kümmert.
dann fangen einige frauen an zu singen und auf ihren mitgebrachten spüleimern zu trommeln. ich setze mich hin, begeistert von der musik. aber als sie das bemerken, stellen sie klönen und singen ein und auf dem stein wird es still. eine alte frau kommt am stock aus einem seitenbad, starrt mich an und reagiert nicht auf meinen gruß. ich fühle mich wie ein störfaktor und äußerst unwohl. am liebsten würde ich gehen, aber das wäre ja auch blöd.
dann kommt die masseurin und hat drei frauen im schlepptau. mutter, tochter, enkeltochter. die tochter spricht fließend deutsch, ist aus trier und besucht grad ihre familie. sie will mir erklären, wie hamam geht. als ich erkläre, daß ich schon mal hier war und hamam kenne, nicht aber die speziellen regeln in diesem bad, wofür ich um entschuldigung bitte und sie alles übersetzt hat, wird es plötzlich wieder laut und fröhlich. sie erklären mir die zahlungsüblichkeiten, das man der masseurin ein trinkgeld von 10-20 türkischen lira direkt gibt und das man hier seine spülschalen und tücher meist selbst mitbringt. also bezahle ich erstmal. mein geld ist draußen in meiner umkleidekabine bei meinen sachen. auf dem weg hocken etliche frauen im vorraum auf einem kalten stein im halbdunkel und machen picknick. ich soll mich dazu setzen, aber ich mache ihnen klar, daß ich erst bezahlen und baden möchte, ich käme dann später dazu.
das bad, die waschungen, die massage sind herrlich, mit der masseurin, die kurdin ist, unterhalte ich mich mit händen und füßen und protze ein bischen mit meinen drei worten kurdisch, worüber sie sich freut. anschießend setze ich mich zu den anderen frauen draußen, werde mit großem hallo begrüßt, bekomme essen in den mund geschoben und softdrinks in die hand gedrückt, sie wollen wissen, woher ich bin und dann fangen sie wieder an zu singen und ihre spüleimer als trommeln zu benutzen. eine fängt an zu tanzen und auch ich stehe auf und versuche mich. die freude ist groß.
noch größer wird sie, als ich mir einen trommeleimer schnappe und ein jiddisches lied singe, zu dem man sich auf einer trommel begleitet. aber dann muß ich los. michel wartet bestimmt schon bei unserem künefeladen und wundert sich, wo ich bleibe. ich werde wie eine freundin verabschiedet. fotos von und aus dem hamam gibt es leider nicht. es wäre unpassend gewesen, welche zu machen.
das künefe ist wie immer köstlich. m… erkennt uns von unserem letzten besuch wieder und zeigt uns voller stolz die urkunde: der laden wurde 2017 als das beste künefelokal der stadt ausgezeichnet. und das zu recht.frisch aus der großen pfanne ist es immer noch am besten.
Das Zertifikat: Hier gibt es das beste Künefe der Stadt. Und Hatay/Antakya/Antiochia hat vermutlich das beste Künefe der Welt.
der basar der stadt kommt uns anders als beim letzten mal gar nicht mehr so exotisch und orientalisch vor. das liegt vermutlich daran, dass wir seit über einem halben jahr im orient sind, und vieles nicht mehr als exotisch, sondern als normal empfinden.
wir haben in antiochia alles erledigt. sind geschrubbt und satt vom künefe und können beruhigt zum musa dagh und dem letzten armenischen dorf der türkei weiterfahren.
Urfa oder Sanliurfa, das heilige Urfa, gilt als die religiöseste Stadt der Türkei. Tatsächlich ist der Anteil der Frauen mit Kopftuch oder gar Gesichtsschleier höher als in der übrigen von uns bereisten Türkei.
Begegnung beim Tanken. Diese Herren fallen hier weniger auf, als wir mit unserem Bulli.Die Geburtsgrotte Abrahams (der hier Ibrahim genannt wird) in Urfa.
Während an Abrahams (Ibrahims) Grabeshöhle in Hebron nach Religionen und Geschlechtern getrennt gebetet wird, wird an seiner Geburtshöhle nur nach Geschlechtern getrennt gebetet. – Und rund um Abrahams Geburtshöhle ist alles mögliche heilig, Tauben, Karpfen, Teiche und sogar Rosenbeete (in die er gefallen sein soll).
Automat für Futter für die heiligen Tauben.Die heiligen Tauben haben einen abgesperrten Teil auf dem Platz mit einem kleinen Bächlein zum trinken und baden.Die heiligen Karpfen. Wer einen ißt, der erblindet – heißt es.
Interessanter als die heiligen Orte finden wir (natürlich) den Basar.
Wirklich absolut typische Auslage eines Kleidungsgeschäftes: Keusches und Züchtiges für tagsüber und oben drüber, Verruchtes und Neckisches für nachts und unten drunter. – Die Auswahl drinnen läßt normalerweise Beate Uhse blass aussehen.Bina sucht sich in der Schmiedegasse Kaffeekannen für türkischen (griechischen, zypriotischen), arabischen und kurdischen Kaffee aus.Gegenüber auf der anderen Gassenseite befindet sich die Werkstatt.An die ausgesuchte Ware wird letzte Hand angelegt.Michel entdeckt ein Stück die Gasse runter eine Werkstatt, in der gerade Hamamschalen gefertigt werden.Gegenüber der Werkstatt befindet sich der Laden, wo die Schalen verkauft werden. Er kauft sich zwei.
bei dem menschen, der mir die kannen verkauft, bekomme ich gleich eine einführung in qualitätskunde. schwer müssen die kannen sein. und die kanten oben müssen rund sein. ich soll die kannen auf eine grade fläche stellen, um zu schauen, ob der boden plan ist, der stiel darf nicht wackeln. er zeigt mir auch billigware, um zu demonstrieren, was er meint. in keinem moment habe ich das gefühl, daß er mir das billige zeug ausreden und das teure verkaufen will. 90 türkische lira zahle ich für drei kannen. das sind keine 8€ pro stück. handgemacht und wunderschön. wo kann man sonst den kupferschlägern auf die finger schauen, die das auch gern zulassen und im laden gegenüber handel treiben. ich liebe das und würde am liebsten den hammer in die hand nehmen und mitspielen.
Nach getätigtem Einkauf gehen wir noch einen Tee trinken. Kein Basarbesuch ohne Teetrinken in einer der Karawansereien.
Diese Augen!Das Teehaus ist eine Männerdomäne.
Wir fahren weiter Richtung Antiochia (Antakya/Hatay).
Im Abendlicht legen wir eine kurze Pause ein und knipsen am Ufer des Euphrat ein Beweisbild, dass wir da waren.
wir fahren immer an der mauer (an der grenze) entlang nach mardin. ein wachposten folgt dem nächsten. jeder ist besetzt. wer mit dem auto anhält, macht sich verdächtig.
Auf der anderen Seite ist Syrien. Dort liegt Rojava.Straßenverengung vor einem der Militärforts. Das Fort liegt rechts von der Straße.
wohlgemerkt: diese fotos zu machen ist nicht ungefährlich. die türkische armee versteht mit dem photographieren ihrer militäranlagen keinen spaß. hätten sie uns mit diesen (und anderen) bildern erwischt, wären wir für vermutlich wegen spionage im gefängnis gelandet. grade deshalb zeigen wir sie im blog immer wieder. so sieht es aus an der türkisch-syrischen grenze. ein zaun nach dem anderen, die mauer, ein geharkter sandstreifen, damit man fußspuren sehen kann, besetzte wachposten, radpanzer, dann wieder ein zaun und gelände, das nicht betreten werden darf und irgendwann dann die straße.
ungefähr alle 5-10km hat die armee forts eingerichtet. der verkehr wird auf die gegenfahrbahn umgeleitet, damit platz ist für betonwände, um das fort vor anschlägen zu schützen. oft stehen auch da radpanzer davor, vielleicht auch noch ein wasserwerfer. dann fahren wir möglichst ruhig in gleichmäßigem tempo daran vorbei. bloß kein aufsehen erregen.
nach den gefährlichen bildern machen wir immer sofort ein paar harmlose, die wir bei kontrollen zeigen können, wenn das verlangt wird.
Auf dem Weg nach Mardin.Die Stadt windet sich um den halben Berg herum.
wir stellen bulli am straßenrand ab, um in einem vorort mardins obiges foto zu machen. währenddessen schaut eine gruppe frauen mit kindern sehr neugierig in den bulli hinein. ich denke mir: sei mal nett, zeig ihnen unseren kleinen, so einen bus haben sie bestimmt noch nie gesehen und mache die seitentür auf. aber sie interessieren sich nicht für bullis innenleben, sie fragen ‘mardin, mardin?’ und steigen alle miteinander ein. die erwachsenen quetschen sich auf die bank, die kinder davor, tüten und taschen irgendwie dazwischen. oben in der stadt rufen sie irgendwas, weil sie aussteigen wollen. wir machen noch fotos und sie verschwinden in ihren häusern, vor denen ihre männer sitzen und ungläubig schauen, mit was für einem gefährt ihre frauen zurück kommen.
Bulli als Taxi. Wir nehmen oft Anhalter mit. Aber so voll und so lustig war es im Bulli noch nie!
mardin ist eine herrlich lebendige kleinstadt. ausnahmsweise noch intakt, denn sie wurde beim städtekrieg nicht bombardiert. menschen unterschiedlichster kulturen und religionen leben hier und es macht spaß, durch die gassen zu bummeln.
Dieser Junge wollte unbedingt mit aufs Bild. Meist fragen wir, wenn wir jemanden photographieren möchten. Selten hören wir ein Nein.Eine Gasse in Mardins AltstadtDer Blick über die mesopotamische Ebene von der Dachterrasse eines Cafes reicht bis weit nach Syrien hinein.Ein Radpanzer mitten in der Stadt. Für die Leute hier ein ganz alltäglicher Anblick.
Im für hiesige Verhältnisse touristischen Mardin und aus der sicheren Entfernung der Dachterrasse trauen wir uns einen der Panzer zu photographieren, die hier im Straßenbild so normal sind.
auffällig ist, wie oft wir auf der reise hochzeitspaaren beim photos machen treffen. die braut wie eine buttercremetorte, der bräutigam wie ein gentleman gekleidet. ein ganzes team von maskenbildnerin, helfern, die sich um licht, accessoires und kameras schleppen kümmern. vielleicht eine brautjungfer, die brautstrauß oder schleppe trägt und assistiert.
‘Making of Hochzeitsbild’ auf der Treppe der Post von Mardin, einem sehr sehenswerten Gebäude.Michel im Innenhof der vermutlich schönsten Post Nordkurdistans.Die Haupattraktion Mardins ist der Basar in den Altstadtgassen.Ein wunderschönes Minarett, das man schon unten von der Ebene aus sehen kann.
Durchs zivilisierte Kurdistan
Natürlich hatten wir, als wir nach Kurdistan fuhren Karl Mays Buchtitel “Durchs wilde Kurdistan” im Ohr. Erstaunlich wie sehr dieser Titel irrt. Nicht durchs wilde, nein, durchs zivilisierte Kurdistan fahren wir.
Die Kurden haben drei Sprachen, die zwar dem Arabischen, Griechischen und sogar entfernt dem indogermanischen Deutschen verwandt sind, nicht jedoch dem Türkischen, dessen Wurzeln viel weiter östlich liegen.Sie beherbergen viele alte Kulturen und Religionen. Die christlich aramäische und armenische, die jesidische und die muslimische, und überhaupt die traditionen des alten Mesopotamien. Die Kurden sind stolz, als Volk all diese Kulturen und Religionen zu beherbergen. – So habe ich bei mehreren muslimische Kurden Kreuze oder einen Anhänger gesehen, den ich von einem jesidischen Kollegen kenne. Ein Wesen halb Mensch, halb Vogel. Auf Nachfrage, warum sie ihn tragen: Weil wir stolz sind, dass sie zu uns gehören! – Eine tolle Einstellung!
ja, sie sind stolz! das ist es, was ich in ihren gesichtern lese. eine angenehme art stolz. nicht arrogant oder überheblich. sie strahlen aus, daß sie rückgrad haben. kein wunder nach all dem, was ihnen widerfahren ist und noch widerfährt. sie haben trotz alledem auch das lachen nicht verlernt.
Die kurdische Gastfreundschaft ist überwältigend. Selbst nach Maßstäben des Nahen Ostens. Nicht einmal unsere Erlebnisse bei den Palästinensern reichen an das heran, was wir hier erleben. Wir werden förmlich durchs Land getragen. Jede Türe, an die wir klopfen, öffnet sich. Jede Hilfe, die wir brauche könnten, wird uns angeboten. Wenn nötig und möglich wird jemand herbeigeholt, der Englisch oder Deutsch spricht. – Und ist es nicht möglich, so wird es möglich gemacht!
wir haben eine große freigiebigkeit erlebt. ich habe mir sehr schnell abgewöhnt, einer frau ein kompliment zu machen, weil ihr z.b. der ohrring mit den federn so gut stand, oder die haarspange toll zu ihren haaren paßte. weil in solchen fällen wollten sie mir das stück sofort schenken. ich habe mich in beiden oben genannten fällen nur schwer wehren können. zum glück habe ich keine ohrlöcher und die haarspange stand IHR gut, wüder sich aber in meinen haaren verlieren.
Zu den Punkten Gleichberechtigung, Organisationsfähigkeit, Zuverlässigkeit und Demokratie haben wir ja schon einiges geschrieben.
Und was Gesprächsthemen angeht, nur ein Beispiel: Wenn Türken uns auf einen berühmten Deutschen ansprechen, dann auf Hitler. Am Besten mit dem Hinweis, dass wir stolz auf ihn sein sollten, weil Deutschland groß gemacht habe, genau wie es Erdogan mit der Türkei mache. (Das ist uns tatsächlich mehr als einmal passiert.) Von Kurden wurden wir tatsächlich kein einziges Mal auf Hitler angesprochen. Dafür drei Mal von unterschiedlichen Leuten in völlig unterschiedlichen Situationen auf den Philosophen Kant. Diese Menschen trafen alsozwei Deutsche und wollten tatsächlich als Erstes mit ihnen darüber reden, dass Aufklärung “der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit” ist und den kategorischen Imperativ diskutieren.
Als Letztes sei das Verhalten im Straßenverkehr angeführt: Zwar würden die Kurden mit ihrem Fahrverhalten in Deutschland auch allesamt in kürzester Zeit ihre Führerscheine loswerden. Dennoch fahren sie viel rücksichtsvoller, als alle uns bekannten sie umgebenden Völker. Mit Ausnahme der Zyprioten!
Beobachtungsschniepsel:
frauen tragen oft schmuck. sehr viel schmuck. doch trotz der größe der stücke, des glitzern des goldes und der vielzahl an einer einzelnen person, wirkt er nicht aufdringlich. auch die farben der kleider sind zwar leuchtend und kräftig, aber insgesamt nicht schreiend.
was wahrer luxus ist: im hotel in diyarbakir/amed fand ich jeden tag ein neues schuhputzschwämmchen für meine verstaubten schuhe im schrank.
in diyarbakir/amed sind verkehrsampeln an kreuzungen üblich. aber es gibt nur unregelmäßig auch fußgängerampeln. oder nur für eine straßenhälfte. die fußgänger dürfen dann raten, wann sie gehen dürfen. zum glück halten die autos für fußgänger jederzeit an.
aus dem hotel ein tolles rezept für wasser mit natürlichem geschmack: petersilie, pfefferminze, äpfel und gurken grob zerkleinert, halbe zitronen, ganze zimtstangen in leitungswasser ziehen lassen und genießen. LECKER!
angesichts der steinigen landschaft habe ich den verdacht, daß strockensteinmauern von kurdischen schaf- oder ziegenhirten erfunden wurden. genauso wie die aufeinander gelegten steintürmchen, die wir überall sahen (nicht nur auf dieser reise , sondern auch auf korsika, in bayern und in irland). das sind bestimmt geduldsspiele zum zeitvertreib während eines langen, einsamen hütetages.
die alten häuser in diyarbakir/amed sind aus granitsteinen und wie auf etlichen fotos zu sehen, oft typisch grau-weiß gestreift. die ursprünglichen, teilweise richtig großen jurtenähnlichen nomadenzelte sind aus ziegenhaar gewebt und genau so grau-weiß gestreift. wir haben in einem solchen in hasankeyf am tigris beim tee gesessen.
Nach Befragung mehrerer Einheimischer und reiflicher Überlegung, beschließen wir, es zu riskieren und nach Cizre und von dort aus entlang der türkisch-syrischen Grenze nach Nusaybin zu fahren.
wir haben wirklich lange hin und her überlegt, uns gefragt: sind wir noch verrückt oder schon wahnsinnig. aber dann siegt die neugier und bei mir auch das gefühl, feige zu sein, wenn wir diese möglichkeit nicht wahrnehmen würden. all die menschen in diyarbakir/amed riskieren tag für tag ins gefängnis zu wandern, indem sie sich für ihre landsleute einsetzen und gegen die vernichtung ihrer kultur und indentität kämpfen. da werden wir es ja wohl auf die offizielle straße an der grenze nach syrien wagen! so locker-flockig, wie wir letztes jahr bei antiochia an den grenzübergang gefahren sind und lustig fotos gemacht haben, sind wir jetzt nicht mehr unterwegs. die 24-stunden-notfalltelefonnummer der deutschen botschaft ist im handy eingespeichert und im notizbuch notiert.
Doch erstmal stecken wir im Stau.Die jungen Lämmer werden in den Seitentaschen der Esel getragen.
Cizre: Phosphorbomben auf Zivilsten
Zwar gibt es an jedem Ortseingang Kontrollposten mit Panzern, Sandsäcken, verbunkertem Kontainern, Schießscharten und Soldaten mit Kalaschnikow im Anschlag, an denen Autos rausgewunken werden. Doch normalerweise werden wir als Freaks einfach durchgewunken. Der Kontrollposten am Ortseingang von Cizre ist deutlich solider und es wird offensichtlich wirklich jeder kontrolliert. Was insofern erklärlich ist, als Cizre wirklich direkt an der türkisch-syrischen Grenze liegt und die türkische Armee im Städtekrieg 2015/16 hier besonders heftig gewütet hat.
Zum Glück haben wir einen Anhalter mitgenommen, den wir am Kreisverkehr vor dem Checkpoint rauslassen. So haben wir kurz Zeit, die Situation einzuschätzen. Da wir keine glaubwürdige Touristenstory haben, warum wir nach Cizre wollen, entscheiden wir uns für die Umgehungsstraße.
Cizre mit dem Zoom von der Umgehungsstraße aus gesehen.
Von der Umgehungsstraße ist das Einzige, was einem an Cizre auffällt die selbst für hiesige Verhältnisse ernome Anzahl von Neubauten, die Bautätigkeit und das absolute Fehlen einer wie auch immer gearteten Altstadt.
Im von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Magazin “Aus Politik und Zeitgeschichte “ von 27. Februar 2017 (also kaum ein Jahr alt) steht dazu:
“Bis heute verweigert die Regierung Menschenrechts- und Nichtregierungsorganisationen sowie dem Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte den Zugang in die von Ausgangssperren und Sperrzonen betroffenen mehr als 20 Städte, um Menschenrechtsverletzungen bei Militäraktionen nachzugehen. Ungeklärt sind vor allem die schweren Vorfälle in Cizre während der Ausganssperre zwischen Dezember 2015 und März 2016. Nach Augenzeugenberichten sollen mehr als 100 Menschen – darunter Zivilisten und verletzte Kämpfer – von Sicherheitskräften bei lebendigerm Leib in Häuserkellern verbrannt worden sein, wo sie sich verschanzt hatten. Human Rights Watch dokumentierte die Tötung von acht Zivilisten in Cizre als widerrechtliche Tötungen durch Sicherheitskräfte, darunter ein 11- und ein 13-jähriges Kind und ein drei Monate altes Baby.”
Grenze: Deutschland finanziert Mauertote
Als wir am Ende der Umgehungsstraße auf die Straße nach Nusaybin und Mardin einbiegen kommt der nächste Kontrollposten. Aber hier sind sie entspannter. Vermutlich, weil sie glauben auf der Strecke weniger zu verbergen zu haben. Unsere Geschichte, dass wir zwei Freaks auf Weltreise sind, uns das berühmte Kloster bei Midyat angesehen haben und nun zum noch berühmteren Mardin wollen, wird geglaubt. – In sowas sind wir inzwischen ziemlich gut.
Die Straße führt unmittelbar an der türkisch-syrische Grenze entlang. Hinter der Mauer liegt Rojava, der kurdische Teil Syriens.
Wir sind stark an die ehemalige innerdeutsche Grenze erinnert. Eine hunderte Kilometer lange Mauer, Wärmebildkameras, Hinterlandzaun, Wachposten und Schießbefehl. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte starben von September bis März mindestens 42 Menschen bei dem Versuch, denn Grenzwall zu überwinden.
Das Ganze wurde von uns, Deutschland und der Europäischen Union, mit bezahlt. Laut dem Magazin “Der Spiegel” vom 24. März diesen Jahres haben wir der türkischen Regierung für über 80 Millonen Euro Überwachungstechnologie geliefert. Außerdem haben wir gepanzerte Militärfahrzeuge für 35,6 Millionen Euro (im “Spiegel” steht Milliarden, was wir für einen Druckfehler halten) bei der türkischen Firma OTOKAR und für 30 Millionen bei der türkischen Rüstungskonzern Aselan in Auftrag gegeben. (Wir fördern also noch nicht einmal unsere eigene Rüstungsindustrie, sondern die der Türkei!) Und wo wir schon dabei waren, schenkten wir Erdogan noch sechs niederländische Patrouillenboote für 18 Millionen Euro.
Der Spiegel kommentiert dies: “Es sterben nun weniger Menschen in der Ägäis, wo die Zahl der Bootsüberfahrten nach Griechenland nach Abschluß des Deals zurückgegangen ist. Sie sterben an der türkisch-syrischen Grenze”
Überwältigend weite Landschaft.Ölförderung auf kurdisch-syrischem Gebiet. – Herr Inspektor, wir haben ein Motiv.
Verlassene Dörfer
Über die Hälfte der Dörfer, auf der türkischen Seite der Grenze sehen, sind verlassen. Eines davon sehen wir uns genauer an.
Verlassenes Dorf.Traditionelle Lehmbauweise im verlassenen Dorf.
Die Häuser stehen offensichtlich schon länger leer. Aber warum? Normale Landflucht? Wir wissen, dass die Türkei in den 80er und 90er Jahren viele Döfer evakuiert hat, um die PKK zu bekämpfen, indem sie ihr die unterstützende Bevölkerung entzieht. Das ist eine klassische Methode der Guerrillabekämpfung: Da die Guerrilla sich, wie Che Guevara sagt, im Volk bewegt, wie der Fisch im Wasser, muß man das Wasser ablassen. Dann zappelt der Fisch auf dem Trockenen. – Risiken und Nebenwirkungen? Die tragen die Menschen, nicht das Militär. – Wir fragen uns, ob das hier ein Teil der betreffenden Dörfer ist?
Trotz allem: Die Landschaft ist herrlich,…
Nusaybin
Am Ortseingang von Nusaybin gibt es die gründlichste Kontrolle, die wir bisher auf dieser Fahrt erlebt haben. Nachdem die Typen vom Checkpoint die Daten unserer Personalausweise per Funk durchgegeben haben, eilen sogar extra irgendwelche Spezialisten herbei. Geheimdienst? Ausländerpolizei? Keine Ahnung. Auf jeden Fall serviert uns die Chekpointbesatzung Tee, während wir warten. Sie sind halt doch Türken und somit eigentlich supernette, gastfreundliche Kerle. Die Spezialisten lassen sich das Auto so gründlich zeigen wie kein anderer vor oder nach ihnen. Doch auch sie gehen nach Lehrbuch und Schema-F vor: Kofferraum aufmachen, Rückbank hochklappen und so weiter. Das Entscheidende übersehen sie aber, genau wie alle anderen: Zwischen Rückbank und Kofferraum (also dem Schrank hinten am Bulli) befindet sich unter unserem Bettzeug die sogenannte “Grube”, die so groß ist, dass wir problemlos einen Menschen schmuggeln könnten und in der wir alles Wichtige und Verdächtige verstaut haben. Vom Laptop, über Literatur, bis zu Tüchern in kurdisch-rot-gelb-grün.
Nusaybin. Man beachte die türkisch-syrische Grenze und die gleichmäßig grauen Flächen rechts oben und links unten.
Nusaybin ragt wie eine Nase nach Syrien hinein und ist im Städtekrieg 2015/16 sehr schwer beschädigt worden. Auf dem Satellitenbild von Google-Maps sieht man oben rechts und unten links graue Bereiche, wo Google-Maps zwar Straßen einzeichnet, aber keine Straßen und Häuser sind. Diese Stadtviertel wurden im Städtekrieg 2015/16 von Panzern, schwerer Artillerie und Bomben wortwörtlich ausradiert.
Auf dem Basar sind wir, nachdem wir Halstücher für Damen gekauft haben, zum Tee eingeladen.Quirliges Leben im noch stehenden Teil der Stadt.Augenschmaus: Kurdischer Kaffe ist ein Genuß für alle Sinne.Private Einladung zum Abendessen.
Wobei Einladung das falsche Wort ist. Sie hatten uns eine Falle gestellt! Nachdem die Einladung unserer Stellplatznachbarn zum Abendessen zwar höflich aber klar, eindeutig und wiederholt ausgeschlagen haben, laden sie uns zum Tee ein. Das können wir nicht ausschlagen, ohne ihre Ehre als Gastgeber zu verletzen. Also nehmen wir an. Doch sobald sie uns ins Haus gelockt haben, setzen sie uns das Abendessen vor.
Es gibt noch schönere Bilder von diesem Abend, auf dem auch unsere Gastgeber zu sehen sind. Aber wie bei all den anderen schönen, persönlichen Begegnungen in Kurdistan gilt: Um unsere Gastgeber in noch größere Gefahr zu bringen, als sie sich ohnehin schon begeben, indem sie uns eingeladen haben, verzichten wir darauf, Bilder von ihnen hochzuladen. – Und, ja, es reicht in diesem Land aus, Ausländer zu sich nach Hause eingeladen zu haben, um von der Polizei die Tür eingetreten zu bekommen.
Ein Frühstück, dass sich die Tische biegen.
Da wir unsere Chancen, im oder vorm Bulli zu frühstücken ohne von irgendwelchen Nachbarn eingeladen zu werden, auf 0% einschätzen, gehen wir zum Frühstück in ein Cafe direkt an der Grenze. Als das Frühstück aufgetragen wird, denken wir erst, es habe ein Mißverständnis bei er Bestellung gegeben. Aber nein, das ist hier tatsächlich ein Frühstück für zwei. Inklusive mehrer kurdischer Kaffees, Tees und Trinkgeld zahlen wir am Ende gerade einmal umgerechnet 10€.
Blick über den teilweise abgefressenen Frühstückstisch auf die Grenze und Syrien.
Bitte vergrößert das Bild mal durch draufklicken: Oberhalb der Ketchupflasche sieht man im Hintergrund einen Radpanzer vor einer Mauer. Das ist die Grenze, dahinter ist Syrien. Rechts neben binas Schulter sieht man oberhalb des Autos einen türkischen Wachturm.
Die alte aramäische Kirche von Nusaybin.Die Krypta mit dem Grab des Heiligen Jakob.Der provisorische Altar rührt uns durch seine Schlichtheit mehr an als der größte und eindrucksvollste Dom.Reste einer Barrikade aus dem Städtekrieg vor zwei Jahren.
es berührt immer wieder, wie sehr sich die leute freuen, uns zu sehen. in diyarbakir/amed war das schon auffällig, aber da waren wir auch in offizieller mission unterwegs. hier in nusaybin wissen wir uns gar nicht zu retten. wir werden nie belagert oder bedrängt, wir werden auch nicht mit offenem mund angestarrt. aber die augen, die die unseren treffen beim vorübergehen auf der straße, leuchten und der mund zeigt ein ehrliches lächeln. in einer winzigen drogerie, nur ein paar quadratmeter groß, die erstaunlicherweise voller männer ist, will ich nur meinen gewohnten deostift kaufen. ich muß mir erst mal ein paar lustige sprüche anhören, die ich nicht verstehe (aber ich verstehe das fröhliche gelächter) und mir eine wohl ausgesuchte parfümprobe auf die arme sprühen lassen. michel, der draußen wartet, kann sich nur mit mühe gegen das parfüm wehren, das für ihn ausgesucht wurde. noch tagelang hab ich das parfüm an meinem kleid und erinnert mich an die leute
beim frühstück spricht die bediehnung michel mit ‘brother’ an und es kommen leute vorbei, die uns einfach nur guten tag sagen wollen und uns dann aber wieder in ruhe essen lassen. als wir uns verabschieden, bekommen wir einen alten stadtplan von nusaybin geschenkt und alberne sonnenschirme an einem stirnband. letztere brauchen wir nun wirklich nicht, aber die geste ist bezaubernd
aber als wir in sichtweite der mauer in einem kleinen park spazieren gehen und offentsichtliich zu lange stehen bleiben, um zu schauen, schreit uns einer der soldaten von einem wachturm an, daß wir weiter gehen sollen.
midyat heißt unser nächstes ziel. hier gibt es noch eine realtiv große aramäische gemeinde. sieben christliche kirchen sind noch in gebrauch, vier davon regelmäßig. das war zumindest der stand vor dem städtekrieg. eine der kirchen besuchen wir. als wir einen parkplatz fürs auto suchen, wo wir eventuell auch übernachten können, fällt uns auf, daß es an jeder straßenecke kameras gibt. die bewohner dieser stadt und auch wir stehen unter ständiger beobachtung. wir sind ziemlich sicher, daß irgendwo ein mensch am monitor sitzt. nicht wie in deutschland, wo oft genug die kameras herumhängen und nur bei bedarf die bilder angeschaut werden.
Big Brother is watching you.
Eigentlich sind alle kurdischen Städte flächendeckend kameraüberwacht. Hasankeyf ist halt eine Ausnahme, weil es sich da einfach nicht mehr lohnt. Nächstes oder übernächstes Jahr ist es ohnehin weg.
Eine der aramäischen Kirchen in Midyat.
da die stadt uns ansonsten nicht weiter reizt, fahren wir nach einem imbiss und einem einkauf weiter und beschließen, bei dem kloster des heiligen gabriel, einem aramäischen kloster in der nähe zu übernachten, das unser reisebuch zur besichtigung empfielt.
unterwegs wird die sicht immer schlechter. schon gestern war es seltsam diesig gewesen, was wir mit dichter wolkendecke und dunst rechtfertigten. jemand in hasankeyf sagte, das sei ein staubsturm, der bei südwind aus syrien über das land geht. das gibt es ganz selten und viel schwächer auch in deutschland. bei bestimmten wetterbedingungen kriegen wir dort sogar saharastaub ab. aber hier in dieser gegend sehen wir jetzt immer weniger. die luft ist ganz gelblich, ich habe einen ungewöhnlich trockenen mund und noch vor dem horizont hört die welt irgendwie auf.
Staubsturm.
Der Begriff Sturm ist etwas irreführend. Es ist ein ganz normaler Südwind, der halt einen Nebel aus feinem Sand mit sich trägt.
als wir am kloster ankommen, macht das in einer halben stunde zu. wir schauen es uns morgen an und gucken gelbe luft auf dem klosterparkplatz. die landschaft dahinter muß herrlich sein…
dann fängt es an zu regnen. ein paar dicke tropfen nur und die reichen nicht, um die luft sauber zu waschen. im gegenteil. der regen ist so staubig, daß bulli völlig blind auf den scheiben wird.
Bulli am nächsten Morgen. Ein klarer Fall für eine Waschanlage.
Das Kloster ist beeindruckend. Es wurde im Jahr 397 gegründet und blickt auf ein 1621-jähriges durchgehendes Klosterleben zurück. Noch beeindruckender ist, dass die Mönche hier tatsächlich Altaramäisch sprechen. Wenn Jesus, der ja Aramäisch gesprochen hat (und nicht etwa Hebräisch oder Latein), hier und heute wiederauferstehen würde, könnte er sich mit den Mönchen problemlos in seiner Muttersprache unterhalten.
Eine der Kirchen und Kapellen des Klosters. (Bina liebt Kuppeln!)
keine ahnung, was mich an kuppeln so fasziniert. die architektur, sicher. die baukunst auch. es macht ein gebäude ungeheuer erhaben und wenn eine kuppel ausgemalt ist, bin ich besonders angetan.
Zugang zu einer der Krypten in denen die Äbte beigesetzt sind.Einer der Innenhöfe des Klosters.
Wir treffen einen Aramäer aus Stuttgart, der hier ist um neben Neu- auch Altaramäisch zu lernen. Traurigerweise haben die Türkei und die übrigen nahöstlichen Staaten die aramäischen Christen nämlich relativ erfolgreich vertrieben, so dass die Stadt mit der Größten aramäischen Gemeinde der Welt heute in Gütersloh ist. – Ja, Du hast richtig gelesen: Gütersloh!
jetzt wollen wir mal wieder ein bischen urlaub machen. einerseits, weil es nach den tagen in diyarbakir/amed auch wieder weniger politisch werden darf (auch wenn uns die eklatanten mißstände hier immer begleiten werden), andererseits, um dem türkischen staat glaubhaft zum machen, daß wir harmlose touristen sind. natürlich auch, weil kurdistan wunderschön ist und wir neugierig auf andere landesteile sind.
Wir haben eine Route ausgearbeitet, auf der wir zunächst kurdische Städte abklappern, die sowohl laut Loneley Planet sehenswert, als auch politisch interessant sind, um dann die touristische türkische Mittelmeerküste entlang zur Grenze nach Griechenland zu fahren. So hoffen wir unter dem Radar zu bleiben.
wir fahren durch weite grüne steppe. um batman (so heißt der ort wirklich!) herum gibt es erdöl. überall stehen die typischen pumpen. das könnte einer der gründe sein, weswegen die türkei so interessiert an der gegend ist. neben der straße führt eine stromleitung entlang und auf wirklich jedem mast steht ein storchennest und fast jedes zweite ist bewohnt. auch an beduinenlagern kommen wir vorbei. aber im gegensatz zu den armseligen hütten der berber in palästina sehen wir große, sorgfältig aufgebaute zelte, saubere pferche für ziegen und schafe und große herden mit oft mehr als einem hirten. die tiere sind wohlgenährt und die hirten wirken zwar nicht reich aber scheinen ihr auskommen zu haben.
Hier wartet jemand auf seinen Partner. Auf den Nachbarpfeilern ebenfalls.
Es befindet sich wirklich auf jedem zweiten Masten ein Storchennest. Wir werten dies als Zeichen dafür, dass es hier noch viele Feuchtgebiete gibt. – Noch…!
Ölpumpe bei Batman.Beduinenzelte.
über nacht stehen wir am tigrisufer in einer senke. am nächsten morgen steht ein pkw eine senke weiter, michel geht schauen, wer das sein könnte. er kommt lachend zurück. es sind angler, die ihn erst zum angeln, dann zum frühstück einladen und als er ablehnt, dann doch wenigstens zum tee nötigen. ihm bleibt nur die flucht zurück zum bulli und als wir nach dem frühstück fahren winken die angler noch einmal fröhlich und paddeln mit ihrem schlauchboot auf den fluß hinaus.
Schöne, dem Untergang geweihte Flußlandschaft.Noch schönere Flußlandschaft. Auch dem Untergang geweiht.
dann entdecken wir hobbingen einen besuch ab. solche wohnhöhlen gibt es auch in kappadokien. da diese in jeden reisefüherer stehen, sind sie entsprechend frequentiert, aber hier haben wir sie für uns allein. eine neben der anderen und manche werden noch als ställe genutzt.
Die ganze Landschaft ist voll von diesen Höhlen.Bina würde hier sofort einziehen. Bilbo Beutlin läßt grüßen.Die Steine forträumen, ein bischen fegen, Teppiche, Möbel und Tür hinein, und die Wohnung ist fertig.
Das sieht hier wirklich aus wie in Hobbingen, in Mittelerde! Die Höhlen waren zum Teil seit dem Neolithikum bewohnt und stehen erst seit wenigen Jahrzehnten leer. Bald werden sie, wie alles hier, in den Fluten eines neuen Stausees versinken.
der fluß mit frischem wasser ist gleich unten im tal. die straße dazwischen stört nicht weiter. bis hier her wird auch der stausee nicht reichen und fruchtbar ist das land auch. welch eine idylle!
Ein Blick nach draußen.Bina guckt in Sachen und überlegt schon, was sie in den Regalen neben ihr unterbringt.Michel, der Herr der Höhle.
es geht weiter nach hasankeyf. der tigris soll mit einem riesendamm aufgestaut werden und es sollen ganze täler, das dorf und vor allem traditionelle höhlendörfer ersäuft werden. seit jahrzehnten ist das geplant, jetzt hat der bau begonnen und nächstes jahr wird vom alten hasankeyf nichts mehr zu sehen sein. hasankeyf wurde in den ersten jahrhunderten christlicher zeitrechnung erwähnt und ist früher eine bedeutende stadt gewesen…
Hasankeyf, “Hobbingen” und ganze Tal, durch das wir fahren, wird in den Fluten eines Stausees verschwinden. Der Staudamm wird die gesamte Region zwischen Batman und Midyat unter Wasser setzen, historische Stätten, archäologische Schätze und über 37 Dörfer verschwinden lassen. Der Damm, der in diesen Wochen fertig wird, ist Teil des GAP-Projekts, das aus 22 großen Stauseen an Euphrat und Tigris besteht, die zum größten Teil schon fertig und geflutet sind.
Wir werden den Verdacht nicht los, dass Natur- und Kulturzerstörung kein in bedauernswerter Nebeneffekt des GAP-Projektes ist. Sondern dass sie gewollt ist! Immerhin ist es ja keine türkische Kultur, die hier zerstört wird, sondern arabische, aramäische, armenische, jesidische und kurdische. Einerseits begann die türkische Einwanderung und Landnahme in Antatolien erst 1071. (Sie sind das neueste Volk hier in der Gegend.) Und andererseits leben hier in der “Südosttürkei” kaum Türken, sondern eben… – Genau!
Auch Seitentäler werden geflutet.Neben Hasankeyf befindet sich eine Festung, die komplett in das Steilufer des Tigris geschlagen wurde.Radpanzer gehören hier fast so zum Straßenbild wie in Deutschland Taxis.Kleiner Teil der Höhlen von Hasankeyf.
Hasankeyf ist (noch) die Welthauptstadt der Höhlen. Nirgends gibt es so viele Höhlen auf einem Haufen wie hier. Nicht einmal in Kappadokien. Man kann die Besiedlung (wie schon bei “Hobbingen” erwähnt) bis ins Neolithikum zurück nachweisen.
Tee trinken mit Blick über den Tigris auf Hasankeyf.
Das Wasser wird bis knapp über die Spitze des Minarettes steigen! Das Meiste, was heute in Hasankeyf zu sehen ist, stammt aus der Zeit der Ayyurbiden im 14ten Jahrhundert. Ist also “relativ jung”, die älteren Sachen befinden sich unterhalb davon. Hasankeyf steht auf Hasankeyf (das vermutlich ebenfalls auf Hasankeyf steht).
Hoch genug über dem zukünftigen Wasserspiegel wird Neu-Hasankeyf gebaut.Das Grab von Zeynel Bey, wurde rückgebaut (Euphemismus für ‘abgerissen’) und wird nun bei Neu-Hasankeyf wieder aufgebaut.
„Es ist nicht dasselbe! Es ist nicht dasselbe! Es ist nicht dasselbe! Kulturbanausen! Vandalen!“
wenn ich so über die gegend schaue, bleibt mir einfach die luft weg. es könnte alles so friedlich sein. ich fühle mich gelähmt, so machtlos und kriege eine ungeheure wut. wie kann man nur so blöde sein und diese uralten stätten ersäufen!!!!!! die menschen entwurzeln, die hier schon so lange leben!!!!! das macht man doch nicht!!!!! ich besänftige mich ein bischen mit dem gedanken, daß diejenigen, die diesen staudamm verbockt haben, sei es in genehmigung, planung oder durchführung, sich irgendwann vor ihrem gott rechtfertigen müssen und dann so richtig alt aussehen.
PS: Wir würden euch gerne mehr Bilder von Hasankeyf zeigen. Leider haben wir auf unserem Spaziergang durch die Stadt versäumt, sie zu machen.
Das gestrige Abendessen war der Abschluß des von der HDP geplanten Delegationsprogramms, aufgrund Kommunikationsfehlers haben wir unser Hotelzimmer jedoch bis morgen gebucht und bezahlt. Wir freuen uns über einen Tag Luxusfaulenzen.
einen vormittag erlauben wir uns im bett zu bleiben. das wunderbare frühstück genießen wir in aller ausführlichkeit, anschließend erleuchtet an unserer tür wieder das ‘do not disturb’-zeichen.
erst am späten nachmittag machen wir uns auf den weg in die stadt. dort treffen wir d… wieder, eine angestellte der stadt. sie war ganz traurig, denn am tag vor newroz war jemand von der regierung gekommen und sie hat unterschreiben müssen, daß sie nicht zum fest geht. falls sie doch gegangen wär, hätte sie ihren job verloren. das gleiche haben sie wohl mit allen öffentlichen bediensteten gemacht. dabei hatte sie sich extra ein schönes tuch gekauft, das sie tragen wollte. michel macht ein foto mit dem tuch um meinen hals, damit es wenigstens nicht umsonst angeschafft wurde. anschließend bekomme ich es von d… geschenkt. mir kommen die tränen, so fühle ich mich geehrt.
Dieses Tuch hält bina in Ehren. Versprochen!
Um es mit Obelix zu sagen: “Die spinnen, die Türken!” Die Kurden sind stolz drauf Kurden zu sein und wollen das mit kurdischen Fahnen zeigen. Also verbietet die Türkei kurdische Fahnen. Daraufhin tragen die Leute rot-gelb-grüne Tücher. Also nehmen jeden fest, der es wagt, diese Tücher zu tragen. Nun tragen die Leute andere fröhlich bunte Tücher und ihnen fällt nichts besseres ein, als nun alle fröhlich bunten Tücher aus dem Straßenbild zu verbannen. – Hier grenzt ein Unrechtsstaat an seine eigene Satire.
im cafe, wo mein pass liegen geblieben ist, trinken wir noch einen kurdischen kaffee, der menengic-kahvesi heißt.
Wir haben unsere Geldprobleme für immer gelöst! – OK, nicht ganz…
am nächsten tag checken wir aus dem hotel aus und bummeln durch die stadt. bunte läden, die neugierig machen. vor einem geschäft, das hochzeiten ausstattet, kann man spielgeld kaufen. das wird für hochzeitsrituale gebraucht. mehr haben wir leider nicht herausbekommen, weil die verkäufer zu wenig englisch sprachen. in einem der alten innenhöfe werden u.a. kleider verkauft und wie immer ist es ein großes hallo, wenn sich eine der sehr seltenen touristinnen etwas ausucht. es geht nicht ohne die mitwirkung der gesamten anderen verkäufer und auch passanten mischen sich ein. es geht schon gar nicht ohne tee und wo wir grad dabei sind, müssen wir auch die erdbeeren und grünen mandeln probieren, die grad jemand vorbeigebracht hat.
Warten auf den Tee. In der Zwischenzeit hilft der Google-Übersetzer bei der Unterhaltung. An dieser Stelle sind Smartphones wirklich sinnvoll. (Auch wenn in der Türkei vermutlich der Staat so die Unterhaltung mitliest.)
wir gehen in einen hinterhof und hören uns die dengbêj-sänger an. an sechs tagen der woche sitzen sie dort zusammen und singen. jeder kann kommen und zuhören. dengbêj ist eine sehr gewöhnungsbedürftige, vorislamische sangeskunst. wir vermuteten erst, daß es ähnlich der korsichen paghielle klingen könnte, denn die art beisammen zu sein und zu singen ist ähnlich, aber dem war nicht ganz so . die sänger lernen es von ihren eltern und sind auf bestimmte liederarten (lieder zum tanzen, liebeslieder, aber auch balladen und erzählte geschichten) spezialisiert. natürlich war diese kunst zwischenzeitlich verboten. aber die tradition lebt und es kommen immer alte und junge kurden und touristen und hören eine weile zu.
Dieser Sänger hält die Hand ans Ohr, um sich selbst zu hören. Wir kennen das von den Korsen.Alte Bauern, Hirten und eine Hausfrau mit wunderbaren Stimmen.Bina beim Apneuzuhören. Ja, ihr bleibt beim Lauschen tatsächlich die Luft weg.
dann gibt es noch ein letztes köfte und ein künefe und wir verlassen diyarbakir/amed.
Wir haben die Stadt und ihre Bewohner lieb gewonnen. So absurd es klingt, haben wir uns trotz all der Zerstörung und der spürbaren militärischen Besetzung der Stadt sehr wohl gefühlt und bleiben ihr solidarisch verbunden.
In der Nacht haben die Delegationen aus Norwegen und Schweden noch Streß mit der Polizei gehabt.
Die Norweger: Saßen abends noch zu fünft vorm Hotel, als sie gegen 22.00 Uhr von Zivilpolizisten festgenommen wurden. Anlass war, dass sich einer von ihnen das rot-gelb-grüne Tuch, welches wir alle gestern geschenkt bekommen haben, ums Handgelenk gewickelt hatte. Nun sind die kurdischen Farben Rot-Gelb-Grün im Gegensatz zur kurdischen Fahne offiziell nicht verboten. Aber die Polizei geht gegen jeden vor, der es wagt, sie zu zeigen oder zu tragen.
Die fünf Norweger wurden mit einem gepanzerten Fahrzeug erst zum Krankenhaus gefahren, wo sie unterschreiben mußten, dass man sie nicht geschlagen habe und dann auf die Polizeiwache, wo man sie über 4 Stunden festhielt. Ich gebe aus dem Gedächtnisprotokoll eines der Norweger wieder, wie es auf der Polzeiwache ablief:
“Nein, ihr seid nicht festgenommen, aber wenn ihr weiter danach fragt, gehen zu dürfen, werden wir euch festnehmen.”
Polizisten machen das Zeichen der Grauen Wölfe. (Eine Art türkisch nationalistischer Nazis.)
“In den USA erschießen sie Leute auf der Straße einfach so.” (Dazu spielt der Polizist mit seiner Waffe rum.)
“Es liegt was gegen euch vor!”
Später: “Nein, es liegt nichts gegen euch vor!”
Unklare Drohungen und systhematisches im Unklaren lassen über die Situation.
“Ihr dürft in einer halben Stunde gehen.”
Eine Stunde später: “Nein, ihr dürft nicht gehen.”
“Dies war keine Festnahme, weil ihr nichts Illegales gemacht habt. Ihr müßt nur dieses Papier unterschreiben, dann könnt ihr gehen.”
Das Papier ist auf Türkisch, so dass sie nicht lesen können, was sie da unterschreiben, und es wird ihnen auch nicht erklärt. Aber danach können sie tatsächlich gehen.
Rechtsstaat geht anders!
Die Schweden: Haben noch mit einigen Kurden gefeiert (immerhin ist Newroz), wobei traditionelle kurdische Trommel gespielt wurden. Die Zivilpolizei tauchte auf und verbot das Trommeln. Als darauf gesungen und getanzt wurde, wurde auch das verboten.
Am Ende der Feier wurde dann einer der Kurden beim Verlassen des Lokals festgenommen. Die offizielle Begründung war, dass die Polizei gefilmt habe, wie er ein verbotenes Lied gesungen hat.
Die anderen Kurden, die gesungen haben, werden über Hinterausgänge, über Dächer und Mauern rausgeschmuggelt.
Früher waren die kurdische Sprache und Musik komplett verboten. Erst 1994 wurden sie erlaubt. Aber alle Lieder, die irgendwie als subversiv interpretiert werden können, werden einzeln verboten. Wenn man in Deutschland genauso vorgehen würde, wären die “Auf einem Baum ein Kukuck saß.” und “Was wollen wir trinken, sieben Tage lang?” verboten. Denn beides sind eigentlich alte Rebellenlieder.
ein einziges kurdisches newroz lied wurde nicht verboten (kein witz! alle anderen sind verboten! – ich habe gefragt.) und das lief vor der HDP-zentrale den ganzen tag. der ohrwurm war perfekt.
Newroz Piroz Be
Newroz ist das uralte Neujahrsfest in Mesopotamien. Es wird zu Frühlingsanfang, am Tag der Tag-und-Nacht-Gleiche gefeiert, dem 21. März. In Kurdistan hat es eine große politische Bedeutung. Nicht nur, weil es lange verboten war. Auch weil die Newrozfeuer mit der Legende von “Kaveh dem Schmied” verbunden sind. Dieser soll in mythologischer Vorzeit am Tag der Tag-und-Nacht-Gleiche den Tyrannen erschlagen und auf dem höchten Turm der Tyrannenburg ein Feuer entzündet haben, um allen das Ende der Tyrannei zu verkünden.
Keine Ahnung, warum Erdogan nach der Eroberung von Afrin als Erstes das Denkmal von Kaveh dem Schmied niederreißen ließ.
Früh morgens treffen wir uns am HDP-Haus, von dort aus geht es im Konvoi zum
Der Bus der den Konvoi anführt.
Das Newrozfest ist auf einen Platz zwischen noch nicht bezogenen Hochausneubauten am Rande der Stadt verlegt worden. Da wir VIPs sind, und ein Teil der internationalen Presse im Konvoi mitfährt, werden wir erst kurz vorm Festplatz das erste Mal kontrolliert und müssen auch “nur” durch drei Chekpoints.
Der erste Kontrollpunkt, hinter dem es nur zu Fuß weitergeht.
Am ersten Checkpoint werden unsere Reisepässe von 3 verschiedenen Polizisten abphotographiert. (Ich vermute Politische Polizei, Ausländerpolizei und eine Art Geheimdienst.) Bei den beiden folgenden Checkpoints reicht es ihnen dann, unser Daten durchzutelephonieren. Körperabtasten und Taschenkontrolle gehört bei allen drei Checkpoints zum Programm. Wobei es beim zweiten und dritten Checkpoint offensichtlich nur um Machtdemonstration geht. Denn alle drei Checkpoints liegen hintereinander auf einer zu beiden Seiten mit hohen Gittern abgesperrten Straße.
Bina bei der Taschenkontrolle am zweiten Checkpoint.
An den Checkpoints werden völlig willkürlich Sachen beschlagnahmt. Einigen nehmen sie am ersten Checkpoint ihr rot-gelb-grünes Tuch weg, anderen (wie bina) am zweiten Checkpoint, wieder anderen (wie mir) gar nicht. Bei Frauen beschlagnahmen sie Kugelschreiber, bei Männern nicht. Einigen nehmen sie die Wasserflaschen weg, anderen nicht.
Binas rot-gelb-grünes Tuch haben sie am zweiten Chekpoint beschlagnahmt. Aber dieses Band hat sie durchgschmuggelt.
diese tücher haben wir gestern geschenkt bekommen und es ist mir wichtig wie nur irgendwas, am heutigen tag die farben kurdistans zu tragen. das band bekam ich heute morgen bei der HDP von einer der peace mothers, die für ihr wunderschönes kleid ein großes kompliment von mir bekam. es ist einfach ein geflochtenes band aus rot-gelb-grünen wollfäden, aber ich tüdele es in meine haare, worauf sich die alte frau unbändig freut.
das soll ich am checkpoint jetzt abgeben? niemals. schon bei der ersten kontrolle wollen sie tuch und band von mir haben. als ich mich weigere, sind die uniformierten noch einverstanden, daß ich beides im rucksack verstaue. bei der nächsten kontrolle werd ichs dann doch los und bin stinkwütend. aber das band finden sie zum glück nicht.
Mit bina als Ablenkung photographierter Panzerwagen der Polizei.
Den dritten Checkpoint konnte ich leider nicht photographieren. Aber es war wieder das Gleiche: Ausweiskontrolle, Abtasten, Taschenkontrolle, willkürliche Beschlagnahmungen. Zum Glück waren wir VIPs, sonst wärs wohl heftiger gewesen.
Als Mitglieder der deutschen Delegation haben wir Plätze im VIP-Bereich neben der Bühne.Der gesamte Festplatz ist doppelt umzäunt. Zwischen innerem und äußerem Zaun patrouillieren Polizei und Militär (oder gilt das hier noch als Polizei?) mit Wasserwerfern, Radpanzern und Maschienengewehren.Bühne und VIP-Bereich sind noch einmal extra umzäunt. Damit die Polizei die Bühne im Griff hat.Wir verstehen kein Kurdisch, aber das Viktoryzeichen ist international.
Wir haben das Victoryzeichen schon oft in der Stadt gesehen. Dort machen sie es heimlich und vor der Polizei versteckt, um uns und sich gegenseitig zu zeigen, dass sie noch da sind. Hier machen sie es massenhaft und offen.
Das Newrozfeuer wird entzündet.Zwischen VIP-Bereich und Bühne befindet sich dieser Graben, durch den man das Klo und die Pressetribüne erreicht und in dem Zivilpolizisten rumlungern (die Typen mit den Sonnenbrillen).
Es fühlt sich seltsam an, wenn ein Zivilpolizist mit Sonnenbrille neben dem Pissoir steht und einem beim Pinkeln zuguckt!
Es sind über 100.000 (in Worten hunderttausend) Menschen gekommen. Unglaublich, wenn man bedenkt, wieviel Zivilcourage das erfordert.Als die Band Bandista (die wirklich toll sind) spielt, flippen die Jugendlichen aus. Sie überwinden den Trennzaun ihres Käfigs und stürmen die Bühne.Für kurze Zeit ist Newroz tatsächlich ein ausgelassenes Fest!Während die Überwachungspolizisten in den umliegeneden Häusern mit ihren Teleobjektiven filmen und photographieren, was das Zeug hält.
Nach etwas über einer Viertelstunde ist dann Schluß mit Lustig. Über die Lautsprecheranlage wird mitgeteilt, dass die Polizei die Veranstaltung wegen des Bühnensturms für beendet erklärt und alle schnell den Platz verlassen sollen, da die Polizei sonst eingreift. Es ist erstaunlich wie schnell die hunterttausend Menschen abziehen. Innerhalb weniger Minuten ist der Platz menschenleer.
Auf dem Rückweg gelingt es bina tatsächlich, ihr rot-gelb-grünes Tuch zurückzubekommen.
es wird gefeiert und getanzt, was das zeug hält. viele haben sich fein gemacht. all diese bunten prächtigen kleider der frauen, männer in feinen pluderhosen (ich hab den richtigen namen vergessen), dazu ein weißes hemd, eine farblich passende bauchbinde und ein jackett. so elegant! alte und junge und die kinder dazwischen. wir auf der tribüne haben zum glück auch etwas von der party, weil niemand erwartet, daß wir stocksteif auf unseren stühlen sitzen. selbst die großkopferten, die man daran erkennt, daß sie in der mitte der tribüne hocken und einen tisch mit blumen vor sich haben, laufen herum. die alte von den peace mothers muß mich immer wieder drücken und küssen, wenn wir uns begegnen. ich habe keine ahnung, warum sie mich so liebt, aber ich finde es schön.
oben auf der bühne werden reden geschwungen. die frau von der sur-plattform hält auch eine und läßt sich vorher von mir mut zusprechen, denn sie ist ziemlich nervös. das ist auch so eine besonderheit bei kurden. frauen sprechen wie männer von der bühne herunter, lautstark, wütend, anfeuernd und die zuhörer schenken ihr genau so viel aufmerksamkeit wie dem männlichen redner vorher. nicht aus höflichkeit, sondern weil sie interessiert, was sie zu sagen hat.
ein älterer kurdischer starsänger bringt das betagtere publikum zum schmelzen und die band bandista mit ihren ska-rhythmen heizt den jungen leuten ein.
dann wird der vorplatz gestürmt. ich krieg ein bischen muffensausen, weil ich nicht einschätzen kann, was jetzt passiert. ich schaue nach den friedensmüttern, nach e… und anderen mir bekannten gesichtern, aber die bleiben alle ganz gelassen. bandista spielt auch weiter, nachdem jemand eine durchsage gemacht hat, also besteht wohl keine gefahr. bei dem aufgebot an polizei und militär mit all ihren waffen weiß man nie. und dann verlassen alle geordnet den platz. ohne protest. sie wissen was sonst käme. festnahmen, vielleicht schießereien. das fest ist zuende.
zum grund der beendigung höre ich noch eine andere version. die polizei hat den veranstaltern ein festgelegtes zeitfenster gegeben. wer innerhalb dessen nicht gesprochen hat oder aufgetreten ist, hat halt pech gehabt.
auf dem rückweg zum bus liegen am mittleren checkpoint noch die tüten mit den einkassierten tüchern. ich verlange das meine zurück. tatsächlich darf ich es wiederhaben und die welt ist wieder in ordnung.
Abends gibt es noch ein Abschlußessen mit der HDP und allen Delegationen.Während der Parlamentsabgeordnete uns “Newroz Piroz Be” wünscht und für unser Kommen dankt, laufen hinter ihm türkische Jubelbilder aus Afrin im Fernsehen. Surreal!