Slava Ukraini

Fr. 10. – So. 12. April

ja, wer sich unsere route genauer auf der karte anschaut und uns kennt, wird es sich schon gedacht haben.

Am späten Freitagnachmittag setzen wir mit der Fähre über die Donau über, von Rumänien in die Ukraine. – Ein wenig seltsam fühlt es sich schon an, aus der EU in ein Land auszureisen, in dem Krieg herrscht. – Wir haben uns das vorher lange überlegt; Sicherheit und Moral abgewägt. Wir halten es für sicher genug, sofern wir uns ausreichend weit von der Front weghalten und nicht neben kritischer Infrastruktur (Umspannwerke, Häfen…), militärischen Einrichtungen oder Militär übernachten. Und moralisch: Wir unterstützen mit unserem Geld die ukrainische Wirtschaft, berichten aus dem Land und zeigen allen, denen wir begegnen, dass sie nicht alleine sind.

Autofähre über die Donau!

Die Grenzkontrolle, bei der Ausreise aus Rumänien bewegt sich im Rahmen des Üblichen. Sie sind zwar offensichtlich etwas irritiert, dass diese beiden komischen Deutschen mit ihrem VW-Bus in die Ukraine wollen, und das noch über den am weitesten von Deutschland entfernten Grenzübergang, kommen aber zu dem Schluß, dass das nicht ihr Problem ist.

Die Einreisekontrolle in die Ukraine ist hingegen gründlich. Ein Spürhund beschnüffelt Bulli innen und außen. Und sie schaffen einen echten Profi herbei, der unser Auto durchsucht und auch gut Englisch spricht. Es ist das erste Mal, dass ein Zöllner tatsächlich das große Fach hinten unterm Bett, vor der Heckkiste inspiziert, welches wir „die Grube“ nennen. Und im Gespräch fühlt er uns „nebenbei“ gehörig auf den Zahn. „Wieso wollt ihr als Touristen in die Ukraine? – Ihr wisst schon, das wir hier einen Krieg haben? – Auch hier sind schon russische Drohnen gefallen!…“ – Bei der letzten Aussage weist er auf eine Wellblechhalle mit einem großen Loch, neben uns.

das loch scheint allerdings älter zu sein, denn die provisorische holzabdeckung ist schon reichlich verwittert.
und es wird für lange zeit die einzige einschlagsstelle einer russischen drohne sein, die wir sehen.

die felder, an denen wir vorüberfahren sind noch weitläufiger als in rumänien und die dörfer sehen alle gleich aus. kolchosendörfer halt. die häuser, die quer zur straße stehen, sind aus den 60er/70er jahren, teilweise mit farbigen mustern verziert oder auch bunt angestrichen. und alle mit teilweise absurd bombastisch verschnörkelten metallenen toren abgesperrt. aber auch hier steht vieles leer.
die vielen fasane fallen uns auf. es ist grade balz und sie stolzieren auf der straße herum als seien sie lebensmüde. ich kenne das aus italien. man könnte ihnen eine schwanzfeder im vorbeigehen ausreissen ohne das sie das sonderlich interessiert, so hormongesteuert sind sie.
wir landen in der kleinstadt ismajil. eine planstadt mit rechtwinkeligen straßen und der großen kirche in der mitte. dort stellen wir bulli an die kirchenwand und gehen erst einmal hinein.

drinnen läuft der k-freitagsgottesdienst. es ist das orthodoxe osterwochenende. der raum ist voll. in der überzahl sind es frauen. es riecht nach weihrauch, die popen tragen prächtige brokatgewänder, die messdiener sind ebenso prächtig in leuchtendem gelb gewandet. ein kleiner chor singt in terzen mit den popen in endlosen wechselgesängen, und die gemeindemitgleider bekreuzen sich immer wieder, verbeugen sich und jede/r hat eine kerze in der hand. das alles hat eine absolut meditative wirkung. dazu die komplett ausgemalte kirche in tausend farben mit vielen goldenen schnörkeln.
wir fragen uns, wie sich die evangelische kirche mit ihrer kargheit durchsetzen konnte.

michel kauft uns auch zwei kerzen. eine davon ist für samara, die morgen ihre deutschprüfung hat.

und während wir uns den klängen, der umgebung und dem ort hingeben, gehen draußen die sirenen mit fliegeralarm los.
wir werden unruhig. was passiert jetzt? wie reagieren die menschen um uns herum?
und wir sehen mit erstaunen: es passiert nichts.
der gottesdienst geht weiter, menschen kommen und gehen, ein paar kinder spielen ein bisschen fangen zwischen den vielen menschenbeinen, bis sie von der mutter gebeten werden, nicht ganz so wild zu sein.
wir beruhigen uns und bald heulen die sirenen auch zur entwarnung.
so entspannt hier alles wirkt: einige sachen sind dann doch anders.
z.b. sind dash-cams für autos verboten. militäreinrichtungen, checkpoints und frische bombeneinschläge dürfen nicht photographiert werden. spionagegefahr. je nach stadt oder ort herrscht eine nächtliche ausgangssperre.
wir bleiben heute an der kirche stehen und am frühen abend koche ich wie immer.

aber anschließend gönnen wir uns ein ukraine-willkommens-bier in der bar auf der anderen seite der straße. dort sitzen etliche leute, essen und trinken und wir haben nicht das gefühl in einem kriegsland zu sein. ein pärchen spricht englisch und erklärt uns bereitwillig, wie das hier mit dem alarm läuft.
er kommt und geht. meist abends und nachts. er wird deshalb auch ‚putins lullaby‘ ( also: ‚putins schlaflied‘) genannt.
man muß aber darauf achten, ob man shahed-drohnen hört. die klingen wie fliegende mofas mit kaputtem auspuff und dann sollte man in deckung gehen. ach ja die ausganssperre gilt von mitternacht bis 5 uhr morgens. das alles erzählen sie uns in einem freundlichen, leicht ironischen ton.
und so tun wir, nachdem wir nach zwei bier im bulli und im bett sind und noch ein alarm kommt. aber die entwarnung kommt auch gleich danach.
draußen ist es sehr still. schon am frühen abend ist kein mensch mehr auf der straße. die straßenlaternen sind alle dunkel, alle überflüssigen lichter sind aus, und uns begeistert, daß wir mitten in der stadt einen prächtigen sternenhimmel haben.

die erste nacht in der ukraine ist bis auf einen weiteren sirenenalarm am frühen morgen ruhig.
wir sitzen grade beim frühstück als es am fenster klopft und der pope uns sehr freundlich sagt, daß wir bitte wegfahren möchten. gleich begänne der gottesdienst, es gäbe eine prozession um die kirche herum und bulli stünde mittendrin. so jedenfalls interpretiert michel als gelernter katholik seine gesten und ukrainischen worte.
wir sehen dann auch, das alle autos auf der anderen seite vom platz stehen und machen uns sofort auf den weg.

Ismajil liegt direkt an der Donau, also an der Grenze zur EU. Auf die Sirenenalarme folgt… NICHTS! Außer irgendwann die Entwarnung. Kein Donnern der Flak, keine Dröhnen einer Drohne, kein Knall eines Einschlags. Die Drohnen müssen also schon weit entfernt abgefangen worden sein. Oder sie sind ganz woanders lang geflogen. An den Ein- und Ausgängen der Stadt sind Checkpoints, an denen ältere Männer in Uniform alle Autos, die in die Stadt fahren, oberflächlich kontrollieren. Vermutlich ist es eine Art Nationalgarde, die der regulären Armee den Rücken frei hält. Hier sind auch Panzersperren, und transportable Bunker zu sehen. (Wir photographieren sie nicht, um keinen Ärger zu machen.) Ansonsten ist in der Stadt, nichts vom Krieg zu sehen. (Ja, OK außer der fehlenden Straßenbeleuchtung, der nächtlichen Ruhe wegen der Ausgangssprerre, und dem höheren Frauenanteil an der Bevölkerung.)

Wir befinden uns im unteren-linken Füßchen der Ukraine (südwestliche Ecke). Dieses Füßchen ist durch eine Bucht vom Rest der Ukraine getrennt. Es gibt zwei mögliche Wege nach Odessa: Über eine Landzunge (Nehrung) und eine Brücke direkt am Scharzen Meer entlang. Oder ein kurzes Stück durch Moldawien, auf der Landseite der Bucht.

es geht weiter gen nord-osten.
das wetter ist deutlich kälter, es regnet immer wieder und der frühling ist noch längst nicht so weit wie in bulgarien.
die frage ist, wie wir fahren. man kann über die nehrung und eine brücke ins landesinnere kommen oder über ein kleines stück moldawien weiter westlich.
da unser adac-autoatlas kurz vor odessa aufhört, sind wir auf internetpläne angewiesen und die deuten uns den weg über moldawien. die brücke wird nach einem russischen drohnentreffer im märz noch repariert.
ursprünglich wollte michel sich ja moldavien wenigstens mal kurz anschauen, wo wir schon hier sind und auch die nicht anerkannte abtrünnige republik transnistrien lockt. aber das östereichische auswärtige amt stuft moldawien aufgrund von kriminalität und korruption mit einer 3 (von 4) als gefährlich ein. das lassen wir besser bleiben.
an der abzweigung zur nehrung warten wir eine weile und beobachten den verkehr. der kommt tatsächlich hauptsächlich von der moldawischen grenze und geht dorthin. so geht es auch für uns in diese richtung weiter.
hier hat die eu eine transitstraße eingerichtet. es gibt ukrainische kontrollen am anfang und ende der straße. und ist wieder in der ukraine, ohne richtig nach moldawien und in die eu eingereist zu sein.

am frühen abend finden wir einen picknickplatz am fluß dnistr zum übernachten.

inclusive einem glücklichen hund, der von anderen nutzern, die hier grad picknick machen, einen tollen frischen knochen mit viel fleisch bekommen hat.
ein stückchen weiter steht ein bauwagen neben einer alten hütte und von dort kommt ein mann zu uns. ein wenig abgerissen mit einer tüchtigen alkoholfahne. er deutet auf die unterstände und wundert sich, warum wir nicht dort sitzen. als ich andeute, daß uns kalt ist, läßt er uns auch in ruhe.

morgens klopft er dann nachdrücklich am fenster. um halb sieben!!!!!!!!
mit gesten deutet er uns, wir sollen wegfahren. warum fragen wir uns. keine ahnung und deshalb mache ich erst mal in aller ruhe frühstück.
vor uns hat eine familie eine der unterstände besetzt und macht sich zum angeln fertig.
der mann und seine frau können englisch, die mutter nicht. sie erklären michel, dass diese hütten heute am ostersonntag an angler vermietet sind, diese bald kommen, und wir ihren platz besetzen. aber es sei kein problem, wir sollen uns hinter ihr auto stellen, da sei genug platz und wir nehmen niemandem etwas weg.

Der Picknickplatz am Dnister ist so weit ab von allem, dass wir in der Nacht nicht einmal einen Sirenenalarm hören. Das auf der Karte so kleine linke Füßchen der Ukraine ist, wenn man durchfährt, mehrere hundert Kilometer lang. Im letzten Monat hat die russische Armee 25 Quadratkilometer erobert. Im Monat davor haben sie mehr Gelände verloren als gewonnen. Und die Ukraine ist so groß! Durch reguläre Geländegewinne wird Russland sie niemals erobern. Zumindest nicht, sofern der Ukraine nicht Waffen, Wirtschaftsleistung oder Menschen ausgehen.

Bis Odessa sind es vom Picknickplatz nur 50 Kilometer. Ein Katzensprung. Auf dem Weg bieten wir einem Paar, dessen Auto liegen geblieben ist, unsere Hilfe an. Aber ihre Lenkung ist kaputt, und der Pannendienst schon unterwegs. Als Gegengeschenk für zwei Brötchen und zwei Äpfel, die wir ihnen zur Aufmunterung geben, erhalten wir einen „Osterpanetone“. – Keine Ahnung, wie das Gebäck richtig heißt. Es entspricht ziemlich genau, dem traditionellen italienischen Weihnachtsgebäck, dem „Panetone“. Und es ist hier Teil des Osterkorbes, einer jeden Familie hat. Also ist es für uns ein „Osterpanetone“.

Etwas später nehmen wir eine Autostop fahrende Hausfrau mit, die nach Odessa will. Sie kann kein Englisch, aber mit Gebärden klappt die Kommunikation ganz gut. Wir setzen sie in der Innenstadt ab, weigern uns Geld zu nehmen und bekommen dafür einen kleinen Blumenstrauß. – Wir haben Spaß!