Mo. 6. – Fr. 10. April
Wir sagen dem Mittelmeer für „Auf Wiedersehen!“ und fahren nach Norden. Quer durch Ost-Thrakien, den kleinen europäischen Teil der Türkei, nach Bulgarien, das hier „Bulgaristan“ heißt.

Etwas mehr als 50 Kilometer vor der Grenze, beginnen die Kontrollen. Auch wir werden zweimal rausgewunken. Die recht oberflächlichen Durchsuchungen verraten: Hier wird nicht nach Drogen oder Waffen gesucht, sondern nach Flüchtlingen, die nach Europa wollen. Die Türkei ist ja gewissermaßen der Torwächter Europas. Die EU und insbesondere Deutschland entlohnen diese Dienstleistung so gut, dass Erdogans Schergen ihren Job auch wirklich ernst nehmen.
Die Grenze selbst ist links und rechts des Übergangs mit hohen Zäunen und Natodraht gesichert. Und Bulli wird einmal auf türkischer, sowie zweimal auf bulgarischer Seite nach Flüchtlingen durchsucht. (Wie schon im ersten Sabbatjahr kommt auch diesmal keiner der Durchsuchenden darauf, dass Bulli hinten unten die „Grube“ hat. Unser großes Geheimfach, in dem wir problemlos einen Menschen über jede Grenze schmuggeln könnten. – Selbst der Israelische Zoll und der türkische Geheimdienst in Kurdistan waren da blind.)

Nach der Grenze kommen in Bulgarien erst einmal über 30 Kilometer Wald. Am Ende des Waldes, sobald die ersten Felder anfangen, kommt dann nochmal eine Straßenkontrolle auf der Suche nach Flüchtlingen. Wieder rauswinken, oberflächlich reingucken, weiterfahren lassen.
parole: das hawaii-hemd sitzt und die laune ist prächtig.
in diesem riesigen wald gibt es bestimmt bären.
und doch fühlt sich alles ein bischen nach zu hause an.
die straßenschilder haben wieder ihr gewohntes aussehen, ortsschilder sind zweisprachig und wir lernen die ersten worte. hallo heißt sdrazdi und vielen dank blago daria (mit betonung auf dem ‚i‘). die leute hier freuen sich wie bolle, wenn wir damit ankommen.
das schwarze meer ist gar nicht schwarz. aber hier entlang zu fahren ist schon besonders, denn hier waren wir beide noch nie.
burgas ist die erste größere stadt. seltsam ist es, kein türkisch mehr zu hören. und in der stadt müssen wir uns erst einmal orientieren.
uuups, diese spur ist eine bus-und-taxi-spur und ähhh…was heißen die unterschiedlichen farben der straßenrandbemalung? darf man hier nun stehen oder nicht.
an einem sportzentrum übernachten wir, nachdem wir ein sehr leckeres, hiesiges burgasko-bier in der sportsbar getrunken haben. auch der wirt freut sich über unsere umfangreichen (2 worte) bulgarischkenntnisse sehr.
leider ist die nacht unruhig. erst spielen nebenan die alt-herren bis spätabends unter flutlicht neben uns fußball, dann klopft es gegen mitternacht an den bulli. wir vermuten einen test, ob jemand zu hause ist, denn als wir uns rühren, ist alles wieder still.
morgens wartet michel draußen, während ich bulli fahrtauglich mache. dann sagt er: beeil dich bitte, hier ist ein „spezialist“.
neben ihm steht ein nur bulgarisch lallender mann, der auch noch an seinem schritt herumfummelt, als er mich sieht. aber er hört zum glück auf, als ich ihn einmal lange und streng anschaue.
zum glück bin ich schnell fertig und wir machen uns wieder auf den weg.
Der Mann hat eindeutig eine geistige Behinderung. Bei uns wäre so jemand in einer Einrichtung. Ob das besser wäre?
die häuser in den dörfern sind oft sehr marode und stehen leer.
michel muß beim fahren höllisch aufpassen weder in ein schlagloch zu knallen, noch eine straßenschwelle zu übersehen. beides gibt es unfassbar häufig und macht das fahren wirklich anstrengend.
Auch im kleinsten Ort gibt es mehrere Straßenschwellen, und sie sind meiste wirklich steil und hoch, so dass man mit unter 20km/h darüber schleichen muss, wenn einem die Achsen und Stoßdämfer des Autos lieb sind.
auf den warnschildern an der landstraße sind auch nicht einfach schleudernde autos abgebildet. man sieht autos im graben oder komplett umgekippt.
zudem sehen wir oft riesige werbeschilder für online-wetten und wettbüros.
bulgarien: das land der raser und spieler?
nessebar
aber dann machen wir eine vollbremsung bei nessebar, dessen altstadt weltkulturerbe ist.
hä???? nie davon gehört !!!!
also hin da, auto geparkt und die touri-info aufgesucht.
und zum ersten mal (seit z. am türkischen checkpoint in nikosia) taugt diese wirklich etwas. die angestellte spricht super englisch, zeigt uns schnell und kompetent, was wir uns anschauen sollten. für bulli weiß sie sofort geeignete parkplätze, die kein geld kosten und wo wir auch über nacht stehen könnten.
sie weiß, welche kirchen wegen renovierung geschlossen sind und wo es guten kaffee gibt. zudem hat sie karten und prospekte für uns.
ein damm führt zur altstadt hinüber, die auf einer insel liegt. der parkplatz kostet allerdings etwas … aber nur in der saison, und die hat hier noch nicht angefangen. ein kleiner zettel an der offenen schranke weist darauf hin, daß man nicht bezahlen muß.
wir schlendern vorbei an putzigen häusern und schmucken kirchen durch enge gassen.
leider erzählt keine broschüre und kein hinweisschild, warum die häuser aussehen, wie sie aussehen, wer hier gelebt hat und warum und überhaupt.
so bleiben wir etwas ahnungslos zurück.
die cafes haben zum größten teil noch geschlossen, vor den offenen werden wir auch gleich angesprochen, und damit vergeht uns die lust auf einen kaffee. ja, vielleicht sind wir da komisch, aber uns stört das.



es geht also weiter. michel beschliesst, einen campingplatz zu suchen.
in einem ort hält uns dann ein polizist an. sehr freundlich weist er darauf hin, dass in bulgarien auch über tag mit abblendlicht gefahren werden muß. mehr will er nicht von uns, außer noch einen erstaunten blick durch die scheibe in den bulli werfen. und wie er breit lacht, als wir uns in seiner sprache bedanken!
gleich danach ist ein campingplatz ausgeschildert. durch eine längere strecke durch einen wald und ein paar dörfer landen wir in shkorpilovci. das besteht eigentlich nur aus ein paar hotels, einem schönen strand und dem campingplatz.
der ist mehr auf dauercamper eingerichtet.
offiziell ist er noch nicht geöffnet. aber natürlich dürfen wir bleiben. und es gibt waschmaschinen und wäscheständer und eine dusche mit unfassbar wunderbarem heißen wasser. was für eine wonne! saubere wäsche und saubere haare!!!!!
der strand gleich auf der anderen straßenseite ist sogar in der vorsaison sauber. aber das schwarze meer ist noch zu kalt zum baden.
wir verbummeln einen tag. es ist kalt und windig und sonne und regen wechseln sich ab.
aber die wäsche wird sauber und auch trocken.
ich muß mich emotional ein wenig abhärten, merke ich.
wie in diesem teil der welt mit tieren umgegangen wird, finde ich teilweise grenzwertig.
ein hund hockt an einer viel zu kurzen kette und wartet, das mal irgend etwas passiert.
ich sehe ein pferd einsam auf einer wiese, zwei beine straff zusammengebunden gegen weglaufen.
in burgas jagten jungens ihre maultiere vor den karren unter stockhieben im gestreckten galopp die steile straße hoch. die tiere sind schweißnass und es tropft der schaum aus den aufgerissenen mäulern.
das kann ich nur schwer aushalten.
die hunde von campingplatzbesitzer sind unfassbar hungrig nach krauleinheiten. doch ich sehe zum glück auch, daß er sie auf einen spaziergang mitnimmt und nicht nur in seinem abgezäunten kabuff läßt.
und es gibt auch schöne sichtungen:
auf dem weg zum campingplatz einen fasan auf der balz. ein wiedehopf fliegt uns knapp vor die windschutzscheibe und der waldboden besteht streckenweise aus einem teppich von blauen blumen. weiß blühende bäume säumen die straße, während alle anderen bäume hier noch kahl sind und tatsächlich hören wir kurz nach der dämmerung die schakale im wald heulen.


donnerstag nachmittag machen wir uns wieder auf den weg.
ein einkauf bei einem lidl beschert michel ein pfund kaffee, der hier wieder einigermaßen bezahlbar ist.
die landschaft ist flach wie die norddeutsche tiefebene. und der himmel sieht richtig norddeutsch aus. es ist kalt und teilweise regnet es wirklich heftig. die straße geht immer am schwarzen meer entlang, oft durch bade-und urlaubsorte mit einem hotel neben dem nächsten.
wir schlafen in kawarna an der uferpromenade.

in einem rutsch durch rumänien
da wir wirklich nur hindurchfahren, machen wir keinen eigenen beitrag aus diesem land.
die grenze ist auch dieses mal kein problem. ein weiterer trick ist, den grenzern bereitwillig alles zeigen zu wollen. ‚was darf ich ihnen noch zeigen, was wollen sie noch sehen?‘ und schon winken sie ab.
beobachtungsschniepsel:
- die straßen sind sehr viel besser als in bulgarien.
- in den dörfern sind die häuser quer zur straße in ausgerichtet und immer von sehr massiven zäunen aller art umgeben.
es sind niedrige häuser, manchmal nur eine wild gewordene datscha, oft mehr oder weniger frisch zweifarbig bunt angestrichen. meist grüntöne, mit blauen, gelben, roten fensterramen und türstürzen.
aber viele stehen leer und verfallen vor sich hin.
wir sehen auch neubauten und die haben auffallend oft knallblaue dachschindeln. die scheinen hier grade modern zu sein. - insgesamt ist alles hier weniger marode als in bulgarien.
- wie in bulgarien wehen viele nationalfahnen. während sie aber ’nebenan‘ an privathäusern flattern, ist hier von staats wegen konsequent jeder zweite laternenmast bestückt.
- wir können die schrift wieder lesen, wenn auch die worte nicht verstehen.
- wir sehen mehr pferdefuhrwerke, mehr storchennester mit störchen und mehr raubvögel.
es sind nicht nur bussarde, sondern ich meine auch eine kornweihe gesehen zu haben. ganz genau konnte ich sie nicht bestimmen. - am straßenrand sehen wir einmal auch einen überfahrenen „???“. fast denke ich, es könnte ein wolf sein. aber vielleicht auch ein goldschakal. ich weiß es nicht. er war für einen fuchs zu groß und nicht rot genug und für einen hund hatte er auch die falsche färbung.
aber wenns tatsächlich ein wolf war…..wow!!!! - die landschaft ist übersichtlich. ist das noch die flubereinigte landwirtschaft aus ostzonenzeiten oder schon der übergang zur steppe?
- einmal sehen wir einen bauern, der mit seinem trecker flüssigkeit ausbringt. es riecht sehr streng sehr süßlich und wir fragen uns, welches gift da wohl auf seinem acker landet.
