Sa. 5. April Das Überschriftenzitat stammt aus der Irishen Ballade „Foggy Dew“, welche den Osteraufstand 1916 besingt und dabei aber auch zweimal auf die Suvla-Bucht auf der Gallipoli-Halbinsel verweist.
Während des ersten Weltkrieges, hatte die Britische Marine, den Plan, mit einer Flotte vom Mittelmeer aus durch die Dardanellen-Meerenge zu fahren, vom dahinter liegenden Bosporus aus Istanbul mit schwerer Schiffsartillerie zu beschießen und so das Osmanische Reich zur Kapitulation zu zwingen. Da der Durchbruch durch die, an der engsten Stelle nur eine Meile breiten, Dardanellen nicht gelang, beschloss man eine große Landeoperation. Bei Tagesanbruch des 25. April 1915 landeten Britische und Französische Truppen an der Spitze der Halbinsel, sowie Australische und Neuseeländische einige Kilometer entfernt an der mittelmeerseitigen Flanke derselben.
Die Gallipoli-Kampagne wird in den verschiedenen beteiligten Ländern sehr unterschiedlich erinnert. In Frankreich wird sie durch die Schlachten auf dem heimischen Boden (wie Verdun) überdeckt. In England wird vor allem der erfolgreiche Rückzug am Ende der ansonsten katastrophal erfolglosen Kampagne erinnert. Entgegen Clausewitzes Aussage, „Nichts ist schwerer als der Rückzug aus einer Unhaltbaren Position.“, war es nach mehreren Monaten erbitterten Stellungskrieges gelungen mehrere zehntausend Soldaten so heimlich und dann so überraschend abzuziehen, dass die Osmanen es erst mitbekamen, nachdem das letzte Boot mit den letzten Soldaten abgelegt hatte. Einen besonderen Platz haben die Schlachten um Gallipoli aber in den Erinnerungen der Türkei, Australiens, Neuseelands und Irlands.
Türkei: Hier ist Gallipoli zentraler Bestandteil des Atatürk-Mythos. Dieser war damals Offizier auf Gallipoli. Ihm wird das Verdienst zugeschrieben, die Linien gehalten und den Feind wieder ins Meer geworfen zu haben. Unter anderem soll er am Landungstag, den Soldaten des 57ten Regimentes, nachdem ihnen die Munition ausgegangen war und ihnen nur noch ihre Bajonette blieben, befohlen haben „nicht zu kämpfen, sondern zu sterben“, was erstaunlicher Weise tatsächlich funktioniert hat. Das gesamte Regiment wurde ausgelöscht, hielt die Landungstruppen aber lange genug auf, dass neue Soldaten ihre Stellungen übernehmen konnten.
Gallipoli war der größte Erfolg, der ansonsten nicht besonders erfolgreichen osmanischen Armee im ersten Weltkrieg. Und dann noch mit Atatürk himself! – Natürlich sind die türkischen Stellungen und Gräber eine nationale Pilgerstätte. Und das zugehörige Museum strotzt nur so vor Kraft und Nationalstolz. – Weshalb wir es uns auch nur von außen angesehen und nicht photographiert haben.
Australien & Neuseeland: In beiden Ländern ist der 25. April, der Tag der Landung, als „ANZAC-Day“, ein nationaler Feiertag. Der ANZAC-Spirit, der Kampfgeist des „Australian-New-Sealand-Army-Chorps“ Er wird als Ausgangspunkt des eigenen Nationalbewusstseins und Nationalstolzes betrachtet. Bis dahin habe man sich nur als britische Kolonie betrachtet, nicht als eigene Nation.
Australische Gräber auf einem der Commonwealth-Soldatenfriedhöfen in der ANZAC-Bucht.
Während bei Sud-el-Bahr an der Spitze der Halbinsel, die gelandeten Truppen wenigstens einige Kilometer weit vordringen konnten, bevor sie im Stellungskrieg feststeckten, gelang es an der ANZAC-Bucht nur ein paar hundert Meter hinter den Strand zu kommen.
ANZAC-Bucht mit Vorbereitungen für den Gedenkgottesdienst am Jahrestag.„Sphinx“: Bekannteste Landmarke der Bucht.
Nach mehreren Monaten erbitterten Stellungskrieges versuchten die Briten im August mit einer weiteren Landung an der Suvla-Bucht hinter die osmanischen Stellungen zu gelangen und die Front wieder in Bewegung zu bringen. Aber nach wenigen Quadratkilometern Geländegewinn steckte sie wieder fest. Diesmal bis zur endgültigen Evakuierung der Brückenköpfe im Dezember.
Die Suvla-Bucht.
Irland: An der Landung in der Suvla-Bucht waren besonders viele Soldaten aus Irland beteiligt, das damals noch komplett vom Vereinigten Königreich besetzt war. Und so starben hier auch besonders viele irische Soldaten. – In „Foggy Dew“ heißt es dazu: „‚Twas better to die ’neath an Irish sky than at Suvla or Sud-el-Bar.“ Es war also besser als irischer Rebell im Aufstand gegen die verhassten Engländer zu sterben, als weit entfernt der Heimat in ihren Diensten. In einem Land das einem nichts getan hatte. Und später im Lied: „But their lonely graves are by Suvla’s waves, or the fringe of the great North Sea. Oh, had they died by Pearse’s side or fought with Cathal Brugha,“ Ihre einsamen Gräber liegen an fremden Gestaden fern der Heimat. Oh, wären sie doch mit Patrick Pearse (also im Osteraufstand) gestorben oder hätten an der Seite von Cathal Brugha (für die Freiheit Irlands) gekämpft.
Das Schlachtfeld von vor über hundert Jahren ist heute flächendeckend Gedenkstätte und Nationalpark. Für die Natur ist das hervorragend. Ohne die Schrecken von damals würden an diesen tollen Stränden und Buchten heute sicherlich große Hotelanlagen für Touristen stehen. Nachdem wir dem Wahnsinn des ersten Weltkrieges und seiner Opfer gedacht haben, gönnen wir es uns, den Nachmittag über die Naturschönheit der Suvla-Bucht zu genießen.
Strandpicknick mit Blick!Steingewordene Wellen!
Da Camping hier in nachvollziehbarer Weise aus Gründen des Naturschutzes und der Pietät verboten ist, fahren wir zum Übernachten (mit einigen Umwegen) zur nördlichsten Bucht der Halbinsel. Also ganz zur oberen rechten Ecke des Mittelmeeres auf der Karte. Hier erleben wir einen letzten schönen Sonnenuntergang am Mittelmeer, bevor wir dieses in Richtung Schwarzes Meer verlassen werden:
(Und hier kann bina auch ohne Vorhänge in der Natur schlafen! – Vom Bett aus betrachten wir durch die offene Tür die aus der Dämmerung auftauchenden ersten Sterne und die Fledermäuse.)
jetzt ist endlich wieder die straße unser zuhause. da es schon spät ist und wir nicht im dunkeln fahren wollen, übernachten wir gleich in köycegiz. auf der fahrt von sultaniye kommt man durch diesen ort, der auch an dem tollen paddelsee liegt. vorgestern war er noch ganz still und paddler trainierten mit ihren rennkajaks, von uns sehnsüchtig im vorbeifahren beäugt. heute sieht er so aus und ich möchte unter gar keinen umständen im kajak sitzen:
es ist tatsächlich noch kabbeliger als es auf dem bild wirkt.
es geht am nächsten morgen gleich weiter nach norden, nach izmir/smyrna. eine progressive und moderne stadt. es ist regnerisch. überall sieht man überschwemmungen. wasser steht auf den feldern, hier und da hat es erdrutsche gegeben. wir kommen an schaf- oder ziegenherden vorbei, die am straßenrand den tag verbringen, immer bewacht von ihrem hirten. einmal sehen wir eine kleine hütte. daneben große erdhaufen aus denen es qualmt. hier arbeitet noch ein richtiger köhler und macht holzkohle. leider schaffe ich es nicht, ein foto zu machen. die hügel sind waldig und manchmal voll mit ulkigen felsen.
hier hilft nur ein paddelbootwie diese felsen wohl entstehen?ausblick bei einer pause
ich gebe zu: ich photographiere schnöde während der fahrt aus dem auto heraus. eigentlich finde ich, man sollte einem ort wenigstens durch kurzes anhalten respekt erweisen, aber dann kämen wir nie voran. so entsteht auch dieses bild:
wir sammeln in gedanken tatsächlich warnschilder. die vielfalt ist erstaunlich. wir kennen die warnung vor wildwechseln aus deutschland. so weit, so normal. aber hier wird vor allem möglichem gewarnt.hier wildschweine. es gibt sie auch mit ziege, schaf und kuh. an schildkrötenschildern sind wir vorbei gefahren und vor einer straßenhunde-einrichtung an einem schild mit hund. gleich danach lagen zwei auch schon als verkehrsinsel auf der straße. ein schild warnt vor radfahrern, das steht an der autobahn. und auf zypern gab es mufflonschilder.
in izmir schüttet es wie aus eimern. der viele verkehr ist ungewohnt und michel ist nach der langen fahrt mehr als angestrengt. einen schönen stellplatz finden wir erwartungsgemäß nicht. michel will auch nicht lange herumkurven und suchen. in einer seitenstraße finden wir einen parkplatz. leider kommt der gemüse-ladenbesitzer von gegenüber an und wundert sich. eine passantin hilft beim übersetzen. sie freut sich ungemein, daß sie mal wieder englisch sprechen kann. der gemüsemann möchte, daß wir morgen ab 7uhr den platz wieder frei machen, weil dann seine lieferung kommt. aber als michel sich sofort wieder ans steuer setzen will, schaut er sich das noch mal an und meint, wenn er noch ein bisschen zurücksetzt, wird es gehen. die passantin erzählt, in izmir würde es seit tagen regnen und alle seien total genervt. das soll auch in den nächsten tagen so bleiben. daher beschließen wir, gleich morgen weiter zu fahren und auf die suche nach einem waschsalon und einem bezahlbaren hamam zu verzichten.
bazar von izmir
auf eine kleine stadtbesichtigung lege ich dann aber doch wert. zumal der bazar gleich in der nähe ist. das wetter ist auch einigermaßen trocken. wir merken, daß wir in einer wirklich ulkigen gegend gelandet sind. die hauptstraßen sind gesäumt von einem brautkleidladen nach dem nächsten. alle von edelster güte, mit kleidern wie buttercremetorten und mit glitzer noch und nöcher in den schaufenstern. in den nebenstraßen sind die läden etwas weniger schick, aber sie verkaufen auch brautbedarf. es gibt schuhgeschäfte und läden mit festlicher kinderkleidung, besonders für jungs zum beschneidungsfest, die dann immer wie kleine husaren ausstaffiert werden. wir fragen uns: wer kauft dort. wer kann sich das leisten? wie rentiert sich so ein laden, wenn die ganze nachbarschaft voll davon ist? wie oft heiratet eine frau in der türkei? ich sehe in keinem der geschäfte irgendeine kundin. gut, es ist noch vor 10uhr, vielleicht deswegen.
auch der bazar ist noch still. aber die cafes sind schon geöffnet und die händler fangen auch hier an uns anzukobern. einer läuft sogar eine ganze weile hinter uns her. und michel sieht, wie ein blinder mit seiner begleitung geradezu bedrängt wird. der händler stellt sich dem blinden derart in den weg, daß michel kurz davor ist, einzugreifen. da geloben wir uns die insel capri. wie wir lesen durften ist dort das massive ankobern von touristen mittlerweile unter strafe gestellt. dort haben sie verstanden, daß das ansprechen und bedrängen von passanten diese eher vertreibt als anlockt, und daß es schädlich für alle geschäfte ist. aber es gibt auch stille ecken auf dem bazar und solche, wo die einheimischen kaufen und auch wohnen. dort werden wir freundlich gegrüßt und in ruhe gelassen.
ein bunter taubenschlagund davon ist die gegend voll!!!!
eine sehenswürdigkeit ist dieser uhrenturm. auf dem platz gibt es unfassbar viele tauben. eine ist dicker als die andere. kein wunder, da straßenhändler weizenkörner zum füttern verkaufen, damit touristen fotos machen können. izmir verabschiedet sich mit hochhäusern vor schwerem himmel, nachdem ich bei ‚unserem‘ gemüsehändler noch eingekauft habe.
Izmir ist eine durch und durch neue und moderne Stadt. Es gibt quasi keine Altstadt und kaum historische Häuser. Das liegt daran, dass hier bis 1922 das griechische Smyrna lag. Dieses wurde nach der Eroberung durch die türkische Armee geplündert und niedergebrannt. Seine Bevölkerung zum einen Teil abgeschlachtet, zum anderen vertrieben. Ihre Nachfahren leben heute zum Großteil in den Athen.
beobachtungsschniepsel:
immer wieder haben trecker eine art schonbezug über ihrem motorgehäuse. die sind aus stoff, wildgemustert und bunt, wie schonbezüge für autositze. sie sehen dann ein bischen aus wie kinderspielzeug
es gibt immer wieder verkaufsstellen für tiny-häuser in verschiedensten ausführungen, die scheinen hier sehr beliebt zu sein. auch ’nur-dach-häuser‘ (gebäude, deren dach bis auf den boden hinunter geht) sehen wir oft. besonders in ferienorten für gäste.
an den straßen stehen oft reihenweise bienenstöcke und überall wird honig verkauft. auch die orangenernte ist hier in vollem gange, und an der straße steht alle 200m ein verkaufsstandfür früchte, frisch gepressten saft und marmelade.
diese wechseln sich ab mit verkaufsständen für tonware aus der fabrik. amphoren, blumentöpfe, krüge in allen formen und größen, dazu windmühlen aus ton, aber mit beweglichen flügeln, die man sich in den vorgarten stellt.
wohnblocks haben oft sehr große balkone. viele davon sind dunkel, ja fast schwarz verglast. wir fragen uns: wie dunkel muß es dann in den räumen dahinter sein und würden wir da wirklich wohnen wollen?
die dardanellen
und dann verlassen wir tatsächlich den asiatischen kontinent. eigentlich wollen wir in canakkale übernachten, nachdem wir uns orientiert haben, wie das mit der fähre funktioniert. aber nachdem wir am hafentor 16.-€ gezahlt haben, winkt uns der mensch gleich weiter. die fähre liegt in sichtweite und legt auch gleich ab, nachdem wir an bord gefahren sind. also werden wir wieder in europa (naja, auf dem kontinent) schlafen. die überfahrt dauert nicht lange und ich muß tatsächlich ein bisschen heulen, als ich dem asiatischen ufer nachschaue, wie es immer schmaler am horizont wird.
wir fahren noch von eceabat auf die andere seite der halbinsel richtung anzac-bucht, die sich michel anschauen will. ich wünsche mir nach so vielen nächten mal wieder einen schlafplatz in der natur, an dem wir nicht alle fenster verhängen müssen. wir finden auch schnell einen picknickplatz mit toilette und ebener fläche direkt am meer unter bäumen, gleich neben einem denkmal (siehe nächstes kapitel). aber während in der dämmerung unser gasbrenner die tomatensauce kocht, hält ein polizeiauto, und ein freundlicher polizist erklärt uns in gebrochenem englisch, daß wir hier leider nicht übernachten dürften. wir könnten zwar zuende kochen und essen, aber mögen dann doch bitte zurück nach eceabat zurück fahren. und so machen wir bulli wieder fahrtauglich. michel hat ja recht. der polizist ist überaus freundlich und wir stehen ja auch quasi auf einem friedhof, das wäre schon pietätlos. aber ich bin so enttäuscht, daß ich bei bisschen mit den bullitüren knalle um mich abzureagieren. (entschuldige, kleiner gefährte!). so stehen wir wieder in eceabat am hafen hinter einem ehemaligen hotel. wenigstens haben wir meeresblick. aber der nächste morgen entschädigt alles: wir sind grade mit dem frühstück fertig, michel bringt den müll weg und macht einen gang an der mole entlang. dann kommt er angerannt: ‚komm schnell, die delfine sind in der bucht!!!!!!‘ rasch die kamera, den restlichen tee und die becher gegriffen und sich ans ufer gesetzt:
besser kriege ich es leider nicht hin…..
drei oder vier stück sehen wir. offensichtlich ist die futtersituation in der bucht nicht die schlechteste, denn sie tauchen auf und ab, schwimmen hin und her und sind sichtbar auf der jagd. danke schön für diese entschädigung! wie so häufig finden wir einen tolleren stellplatz oder erleben etwas schönes, wenn wir irgendwo nicht stehen dürfen.
Fr. 27. März – Do. 2. April Das Unangenehme zuerst: Am Freitagabend stehen wir mit Achsbruch auf unserem malerischen Flußufer gelegenen Übernachtungsparkplatz in Dalyan. In einem, als harmlose Pfütze getarnten, bodenlosen Schlagloch habe ich unsere Vorderachse geschrottet. Der Bulli fährt zwar noch, doch bestimmt nicht sehr weit, und von „verkehrssicher“ kann keine Rede sein. Also brauchen wir (wieder Mal) eine Werkstatt. Ich frage einen Einheimischen, der mit seinem ebenfalls kaputten Auto (kein Witz!) in Dalyan neben uns am Flußufer steht, nach der Autowerkstatt seines Vertrauens, und bekomme eine VW-Vertragswerkstatt im Nachbarort Ortaca genannt.
Am Samstag früh schleichen wir mit unserem fahrenden Zuhause langsam und vorsichtig zur Werkstatt. Diese kann uns zwar nicht selber helfen, vermittelt uns aber an die andere örtliche VW-Vertragswerkstatt, 200m weiter, im selben Industriegebiet. Ein halbes Dutzend Straßen besteht (fast) nur aus Betrieben, die in irgendeiner Weise auf Autoreparatur beschäftigt sind. Dazu ein paar Imbisse für die Essenspausen.
Wir warten den gesamten Samstag über. Zwar wird zwischendrin am Auto rumgeschraubt, die alten Achsteile ausgebaut. Aber am Ende des Arbeitstages steht Bulli ohne Vorderachse da. Wir müssen also das Wochenende über in der Werkstatthalle wohnen. Unsere Stimmung ist mau, und dass es den ganzen Tag über kalt ist und regnet, macht es nicht gerade besser. Immerhin haben wir ein offenes Werkstatttor, Strom und einen Grundversorgungsladen um die Ecke.
In der Nacht auf Sonntag schüttet es dann so stark, dass das Zeltdach der Halle einknickt:
Der tiefste Teil des Daches war vor dem Einknicken der höchste!
Zum Glück wird kein Auto beschädigt und unser Bulli steht in der sichersten Ecke der Halle. Wir entlasten also das Dach, indem wir so viel Wasser wie möglich aus den verschiedenen Beulen rausschwappen, und warten auf Montag.
Am Montagmorgen kümmern sich die Werkstattleute erst notdürftig um ihre Halle, dann um Bulli. So verbringen wir Montagnachmittag und Dienstag an der naheliegenden Therme. (Siehe unten!) Doch leider sind (unabhängig vom Achsbruch) auch die Bremsen ziemlich hinüber. Die Werkstatt hatte schon die Bremsbacken ausgewechselt. Doch es muss mindestens auch ein neuer Bremskraftverstärker her. Der kann erst am Mittwoch eingebaut werden.
Als wir am Mittwoch wiederkommen, wird nach und nach die gesamte Bremsanlage ausgetauscht oder repariert. Bremskraftverstärker, Leitungen, die Schienen, auf denen die Bremsbacken laufen. Dank unserer besten Mechanikerin Conny, bei der ich vor fast 10 Jahren mal gelernt habe, wie man eine Bremse wartet und Bremsbacken austauscht, verstehe ich zum Glück genug von der Sache, um zu verstehen, dass sie uns hier nicht reinlegen und abziehen. Und als wir am Donnerstag Abend ENDLICH ENDGÜLTIG(!) vom Werksgelände rollen, fährt Bulli sich so leise und die Bremsen funktionieren so gut wie lange nicht mehr. Die Jungs haben hervorragende Arbeit geleistet. Der Preis reißt zwar ein Loch in unsere Reisekasse, liegt aber weit unter dem, was wir in einer Werkstatt in Deutschland gezahlt hätten.
Ein paar Sachen fallen an der Werkstatt noch auf: – Die Länge der Arbeitszeit! Die fangen tatsächlich zwischen 7:30 Uhr und 8:00 Uhr morgens an, haben nur eine Mittagspause, und hören erst um 19:00 Uhr auf. – Der Chef wäscht selbst auch mal die benutzten Teegläser ab und bereitet neuen Tee vor. – Die Stimmung ist gut. Bei der Arbeit hören wir die Kollegen lachen, scherzen und erzählen. – Die Lehrlinge! Es gibt ein halbes Dutzend Lehrlinge. Und die werden wirklich gut ausgebildet. Als unsere Bremsbacken gewechselt werden, bekommen zwei von ihnen das genau so erklärt, wie Conny es damals mir erklärt hat. (Also soweit ich das trotz Türkisch beurteilen kann.) Und abends scheint der Chef eine feste Stunde zu haben, wo er den Lehrlingen an der Werkbank Unterricht gibt.
den tag über, während an bulli geschraubt wird, sitzen wir meist in der ecke, wo auch der tee steht. wir holen unsere campingmöbel und haben es bei all der warterei doch gemütlich. hier haben wir tee, können ab und zu bei den mechanikern vorbeischauen und sitzen im trockenen. ich glaube, wir kommen denen ein bisschen seltsam vor, aber was sollen wir machen… michel liest nachrichten am rechner, ich stricke, lese oder surfe auch im internet. an einem morgen kommt einer der angestellten und legt uns einen schokoriegel hin. an einem anderen tag bekommen wir eine handvoll bonbons. dies sei eine spezialität aus konya und sei nicht immer zu haben. es sind große, knallsüße traubenzuckerartige stücke, die ein bisschen nach rosenwasser und mastix (weihrauch) schmecken. ich mache mal einen spaziergang durch das viertel, michel bleibt lieber sitzen. am mittwoch liegen bei uns die nerven aber ein wenig blank. es hieß, es dauere nur zwei stunden, dann sei bulli fahrbereit. dann sind wir nachmittags immer noch da, sollen aber abends wieder auf die straße kommen. und nach verschiedenen probefahrten wird klar, daß sie doch nicht fertig werden und wir eine weitere nacht bleiben müssen. am donnerstag wird es dann noch schwerer, die ruhe zu bewahren. michel hat aufgehört nach bulli zu schauen und hört per kopfhörer podcasts. ich vergrabe mich in einem buch. ‚der marsianer‘ von andi weir. wir reden nicht mehr, laufen nicht mehr herum, nur ich werfe ab und zu einen blick in die werkstatt und bin erleichtert, als ich höre, das bulli beim spur einstellen ist, danach macht der chef die letzte probefahrt und dann… ist bulli endlich heil!
Baden in heißen Quellen
Den Montagnachmittag und den Dienstag verbringen wir im Thermalbad von Sultaniye. Der kürzere Weg nach Sultaniye führt über den Ort Dalyan und per Fähre über den gleichnamigen Fluss.
wegen des herrn auf dem rechten bild muß die kleine fähre noch mal zurück ans ufer. er hatte die ganze zeit dort an der seite gesessen und mit einem anderen mann gequatscht und dabei vergessen, daß er ja mit wollte. wir lachen sehr miteinander darüber.
Die heißen Quellen von Sultaniye liegen am Ufer des Sees, welcher den Fluss speist. Hier kommt fast 40°C heißes, schwefelhaltiges, leicht radioaktives Wasser aus dem Boden und den Felsen. Schon die Römer haben hier Thermen errichtet und gebadet. Der Eintritt kostet nur 1€ (in Worten: einen Euro) pro Tag. Und ein paar römische und osmanische Ruinen, sowie ein Schlammbad sind im Preis mit drin. In Deutschland wäre das hier nicht zu bezahlen.
bina im mittelwarmen Becken, in dem man es wirklich lange aushalten kann!Michel sitzt mitten im heißen Becken, auf einer römischen Säule. In diesem Becken sollte man nicht länger als 20 Minuten bleiben, sonst wird einem beim rausgehen schwindelig.In den Becken wachsen irgendwelche algenartigen Einzeller, die Matten bilden. Sie scheinen keine Photosynthese zu betreiben, sondern den im Wasser enthaltenen Schwefel zu verstoffwechseln. Sobald man die Matten anfasst, werden sie zu Schleim, den die einheimischen Frauen sich als Verjüngungskur ins Gesicht schmieren.Im Schlammbad!Die kühlste Quelle ist kaum 20°C warm……und kommt direkt aus einer Felsspalte.
Die Preise für Hamburger, Pommes und Getränke sind auch zivil, so dass wir uns an beiden Tagen einen Imbiss gönnen.
Am zweiten Tag sind mittags ein paar Boote aus Dalyan da, die Touristen zum Baden hierher schippern. In der Hochsaison ist das hier vermutlich nicht mehr wirklich gemütlich, da laut und überlaufen.
Todesstrafe in Israel Jetzt EU-Handelabkommen aussetzen!
So heißt die aktuelle Kampagne von Amnesty-International! Zur Begründung schreiben sie:
„Das israelische Parlament hat am 30. März 2026 das Gesetz zur Ausweitung der Todesstrafe verabschiedet. Dieses Gesetz ist zutiefst diskriminierend, da es die Todesstrafe im Grunde ausschließlich für Palästinenser*innen vorsieht. Es verstößt gegen mehrere menschenrechtliche Abkommen. Erneut überschreitet Israel damit eine „rote Linie“ – nach zehntausenden von getöteten Palästinenser*innen in Gaza, dem Aushungern der dortigen Bevölkerung, der Fortsetzung der illegalen Besatzung des Westjordanlands, dem Vorantreiben der de-facto Annexion und der aktuellen Vertreibung von hunderttausenden Menschen aus dem Südlibanon. Doch all das hatte keine spürbaren politischen oder wirtschaftlichen Konsequenzen. Auch in diesem Fall kommen von EU und Bundesregierung bisher nur sorgenvolle Worte. Das reicht nicht!“
weiter gehts richtung westen. immer auf der D 400. immer noch wechselt diese straße zwischen vierspuriger autobahn und besserer landstraße. mal geht es bergauf/bergab, mal stumpf durch den felsen hindurch. am wasser entlang oder weiter nördlich durch hügelige waldlandschaft. hin und wieder kommt ein dorf, ein städchen. so landen wir in göcek (auch mit häckchen unter dem c geschrieben), einem ort am meer. dort hoffen wir, wieder ein kanu oder kajak mieten zu können. aber schon nach kurzem gang am hafen entlang kriegen wir einen rappel. so viel geld, so ein reichtum. die schiffe an den stegen wechseln zwischen luxusyacht und katamaran. darunter gibt es nichts. hier werden wir garantiert nichts mit kajak leihen und fahren weiter.
Es ist wirklich schade dass es hier keine Kajaks zu leihen gibt. Denn das Meer vor Göcek ist durch eine weite Bucht relativ ruhig. Und in dieser Bucht liegen Inseln mit schönen Sandstränden, die es wert wären erpaddelt zu werden.
dalyan
so heißt der nächste ort. hier bleiben wir ganz bestimmt, denn es gibt felsengräber zu bestaunen. auf dem foto sehen sie ein bisschen aus wie die gebäude in petra.
Leider scheint man die Felsengräber nicht besichtigen zu können. Die Klettertour würde uns reizen.
wir finden einen anbieter von geführten kajak-touren und sind ziemlich sicher, daß wir auch so kajaks privat mieten können. aber wir ernten ein völlig entgeistertes gesicht bei dem menschen im büro. nein, das machen sie nicht. auf gar keinen fall. zu gefährlich wegen der vielen ausflugsboote. die mieter/innen hätten keine erfahrung, würden sich, die boote und auch die tiere in gefahr bringen. die erfahrungen damit seien zu schlecht. wir ziehen enttäuscht wieder ab. später auf unseren wegen durch die gegend müssen wir zugeben: diese haltung ist nicht die schlechteste. in erinnerung daran, was unerfahrene paddler auf der alster und der altmühl anrichten, wie sie kreuz und quer und in die schilfgürtel fahren, kentern und müll hinterlassen, müssen wir zugeben: die entscheidung ist richtig. die ufer des sees und deltas sind mit schilf gesäumt,es summt und brummt, flötet und pfeift. und wir möchten uns hier nicht in der hochsaison die paddlerhorden ausmalen.
dalyan ist dennoch mehr als reizvoll. auch wieder ganz auf touristen eingestellt, aber entspannt und überschaubar. am hafen liegen die ausflugsschiffe dicht an dicht. sie fahren auf festen routen durch das flußdelta oder zum schildkrötenstrand oder nach sultaniye zu den heißen quellen. aber davon später.
wir genemigen uns ein bier in einer netten bar und parken am nachmittag direkt unter den berühmten felsengräbern am wasser. dorthin kommt man über schmale straßen mit geschäften und restaurants rechts und links. noch darf man hier fahren. in der hochsaison ist das alles fußgängerzone. und wieder wirkt bullis niedlichkeitsfaktor, denn niemand hat etwas dagegen, daß wir hier nächtigen. tagsüber kommen die touristen an die promenade, die katzen warten auf futter oder schmuseeinheiten. eine kommt in den bulli, macht es sich auf dem beifahrersitz gemütlich und hält schönheitsschlaf.
abends treffen sich jugendliche an der mauer, die gräber sind hübsch beleuchtetund wir haben morgens wieder mal einen tollen platz zum frühstücken.
wir fahren nach itzuzu zum strand . wenn es nicht noch so kühl und windig wäre könnte man denken: südsee pur. einsam (noch), weicher sand, flaches wasser, endlos lang und rechts und links bewaldete berge. wir stellen uns neben das expeditionsmobil von n. und f., die mit ihren kindern auch ein jahr lang unterwegs sind. wir haben zusammen einen netten nachmittag. das wasser ist so warm, daß auch ich mich hineintraue.
an diesen strand kommen schildkröten zur eiablage und hier wird wirklich auf sie aufgepasst. es gibt EIN restaurant an unserem ende des strandes, geöffnet ist er nur von 9 -19 uhr, man kommt auf EINER straße mit dem auto an EIN ende oder mit einem boot-bus von dalyan, das einen abends wieder zurück fährt. hotels, unnötige lichtquellen? fehlanzeige. die stangen für sonnenschirme stehen auch nur an unserer seite.und hunde am strand sind strikt verboten
ein krankenhaus für schildkröten
acht schildkröten leben hier momentan. carretta caretta natürlich aber auch eine grüne meeresschildkröte. hier werden verletzte tiere behandelt, operiert, aufgepäppelt.auch beschädigte eier werden hier repariert und notfalls ausgebrütet. eine ist schon seit sieben jahren hier. sie hat irgendein neurologisches problem. keiner weiß, welches. sie weiß nicht, daß sie zum fressen auf den beckengrund tauchen muß. deshalb wurde ihr eine stange auf den panzer geklebt, damit man sie hinunterdrücken kann.
wenn die schildkröten gelernt haben zum fressen auf den grund zu tauchen, sind sie bereit zum auswildern. drei von ihnen werden wohl in den nächsten wochen frei gelassen.
das hauptproblem für sie ist im meer tatsächlich der plastikmüll. wir schrieben darüber ja schon im letzten reiseblog.der wird für quallen gehalten und gefressen. so passiert es, daß die tiere den magen voll haben und elendig verhungern. verletzungen durch schiffschrauben sind nicht minder dramatisch. einem tier haben sie erfolgreich ein 3-d-gedrucktes kiefernteil-implantat eingesetzt, mit dem es hoffentlich noch durch die meere schwimmt. dazu kommen schleppnetze und verbaute strände.
rechts und links am panzer und am kopf sieht man die verletzungen durch eine schiffsschraube
diese kleine maus hier wird demnächst entlassen:
ihre gelege haben auch ein problem. je wärmer es ist, desto mehr weibchen und weniger männchen kommen zur welt.und von tausend tieren ereicht grade mal eines das geschlechtsfähige alter. der rest ist fisch- und vogelfutter. denn die finden babyschidkröten sehr lecker. da stellt sich wieder die frage: warum gibt es sie überhaupt noch? so sieht ein gelege aus. wenn die schildkröten zur eiablage am strand waren, bekommen die stellen einen korb auf den sand gestellt .
Nein! Die Eier liegen nicht unter einem gepflastertem Weg! Das ist eine Spiegelung!
aber wenn sie dann nach dem schlüpfen glücklich das wasser erreicht haben, nicht gefressen wurde und geschlechtsreif sind, legen sie tausende von kilometern in den meeren zurück, bevor sie alle 2-3 jahre zu ihrem geburtsstrand zurück kehren, um ihrerseits eier abzulegen. freigelassene schildkröten werden mit einem tracker versehen und man kann an einem display nachvollziehen, wo sie sich herumgetrieben haben.
am nachmittag kommt kräftiger wind auf, wir erwarten auch regen, der strand wird geschlossen und so fahren wir zurück nach dalyan. leider mit einem zwischenstop am straßenrand. unter dem bulli fängt es an massiv zu klappern. und beim drunterschauen kann michel es nicht glauben: die werkstatt in nicosia hat das unterbodenblech nicht richtig montiert. die hatten ja die löcher aufgebohrt, damit vernünftige schrauben hineinpassen und das ist wohl schief gegangen. eine schraube hatte kein gewinde, in das sie greifen konnte, das andere ende war mit kabelbindern fixiert und jetzt hatte sich das blech gelöst und schlug bei jeder bodenunebenheit. also spielt michel wieder mcgyver, diesmal muß ein stück seiner alten flipflops als dämpfer herhalten. aber die landschaft ist herrlich.
beobachtungsschniepsel:
die produktion der italienischen ape (dreirädriges lastenmofa mit dach) ist ja schon lange eingestellt. hier ist die türkische variante immer noch zu sehen.
steht man irgendwo in der landschaft, wie in ölüdeniz, ist garantiert in der dämmerung ein käuzchen zu hören.
Dalyan ist wirklich Großartig. Ursprünglich sollte an dem langen Sandstrand, der das Delta vom Meer trennt eine Touristen-Bettenburg mit mehreren Tausend Betten entstehen. Umweltschützer haben das mit einer groß angelegten Kampagne und Sitzblockaden verhindert. Damit war Dalyan dann aber (leider) auch bekannt und die Touristen kamen. Aber es ist ein zweites Wunder geschehen: Der Ort Dalyan ist zwar gewachsen, weil alle aus und angebaut haben, aber es kam zu keinen massiven Touristenbunker-Bausünden. Und die Einheimischen scheinen wirklich verstanden zu haben, dass die Schildkröten und die Natur, in der sie leben, ihr Kapital sind. Im Sommer fahren Boote wie Busse von Dalyan durch das Delta zum Traumstrand. So haben die Einheimischen Arbeit. Es braucht keine riesigen Zufahrtsstraßen und Parkplätze. Und es wird darauf geachtet, dass alles sauber bleibt und die Touristen nachts (wenn die Schildkröten kommen) wieder weg sind. Auch das Delta selbst ist eine ökologischer Schatz. Mehr als 150 Vogelarten leben hier. Wir haben das alles nur vom Rand gesehen. Und das ist gut so!
Für die Meeresschildkröten sehe ich insgesamt langfristig schwarz. Es sind zu viele menschliche Umweltsünden, die sie jede einzeln alleine ausrotten könnten. Die Klimaerwärmung, wegen der es weniger (vielleicht bald keine) Männchen mehr gibt. Der Tourismus, der ihnen die Sandstrände nimmt. Der Plastikmüll im Meer, den sie fressen, und der sie ersticken lässt. Der Meeresspiegelanstieg, durch den die Strände verschwinden. Die Schiffsschrauben und Speedboote, die sie zerhäckseln. – Schön zu sehen, dass hier lokal und derzeit mit den Schildkröten aufwärts geht. Aber global und langfristig? 🙁
wir haben richtig trübes norddeutsches wetter. kalkan lassen wir links liegen, auch xanthos und patara, obwohl wir uns beides eigentlich anschauen wollten. In fethiye fängt es dann richtig an zu schütten und wir freuen uns, daß wir in einem netten restaurant sitzen können, bei rechner laden, pizza, pide und viel chay.
wir landen in ölüdeniz. einem richtig ausgewachsenen ferienort. bars, restaurants, touren-anbieter, bootsfahrten an jeder ecke, paragliding, parkplätze, die geld haben wollen und einem hotel neben dem nächsten. aber auch mit einem langen sandkiesstrand. der eintritt für den hauptstrand belaufen sich auf 2.- pro tag (und ein auto, gar ein womo zu parken, kostet deutlich mehr). das ist total in ordnung. der platz ist super begrenzt und dafür gibt es einen sauberen strand und alle 100m toiletten und duschen. aber hier ist die saison noch in weiter ferne. in kas ist man schon viel weiter. trotzdem werden wir schon ständig angesprochen. aber mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt. wir sagen freundlich nein danke und gehen weiter. paraglider landen direkt auf der wiese am strand. erstaunlich, daß bei der derzeitig unsicheren wetterlage und nach lediglich einer einführung am boden, die kundschaft auf den berg gelassen wird.
und ein völlig absurdes partyschiff liegt hier auch am strand:
ganz hinten, an der lagune, wenn man denkt, hier kommt nichts mehr, kommt doch noch ein kleiner wendeplatz an einem noch nicht eröffneten beach-club. ein paar touren-boote liegen in der lagune und warten auf kundschaft, wanderer kommen auf dem weg nach kayaköy vorbei.
unter einem bienensummenden baum haben wir einen tollen platz und hier machen wir es uns gemütlich. hier stehen wir nämlich gratis! wir gehen erst mal einkaufen. kaffee ist in eigentlich allen supermärkten unfassbar teuer. 16.-€ kostet ein pfund markenkaffee. so steigt michel auf morgentlichen tee um. dafür ist türkisches brot ausgesprochen billig. bei uns heißt es „brotchen“. groß wie ein normales brot, aber fluffig wie ein billiges brötchen. eines reicht fürs frühstück und kostet grade mal 15 türkische lira (30 cent) michel lästert ein bisschen. es gibt einen sechsten aggregatzustand. fest, flüssig, gasförmig. dann überflüssig (michel bemerkt: korrekt heißt das bose-einstein-kondensat) und plasma. sowie als sechstes die konsistenz eines brotchens. und überraschenderweise kostet auch eine dose guinness im örtlichen micros nur knapp über 2.-€. wir decken uns ein, schnappen unsere klappstühle und setzen uns mit dem guinness an die slip der lagune, wo schon ein türkisches pärchen ebenfalls beim bier sitzt. sie haben musik angemacht. man hört tatsächlich ein klavierkonzert von rachmaninoff und das passt ganz hervorragend zu der stillen lagune, den bergen dahinter und dem bienengesumm aus dem baum. sie schenken uns zum abschied noch zwei dosen bremen-bier. das ist tatsächlich trinkbar und michel findet, wir haben einen erfolgreichen tag: einen tollen stellplatz, eine schöne aussicht und mittags schon betüddelt.
so sieht es am abend aus
Wir stellen hier gefühlt so häufig Bilder von mir mit einem Bier ein, dass es den Eindruck entstehen muss, ich würde mir hier gezielt Leber und Gehirnzellen weg saufen. – Dem ist nicht so!!! Es sind halt oft Situationen, die so nett sind, dass bina die Kamera rausholt, um sie festzuhalten.
auch die nächsten tage haben wir regenschauer. wir machen es uns im bulli gemütlich, lesen, stricken, dösen. im ort hat das ‚tiger-restaurant‘ schon geöffnet, dort bekommen wir für erstaunlich wenig geld limonade und laden die rechner auf. auch das hätten wir in diesem, ganz auf touristen eingerichteten ort, nicht erwartet: im größten restaurant an der promenade, direkt am strand sind die preise zivil, die bedienung ist so lieb und organisiert ein kabel, damit wir strom haben. und eine wohlgefütterte katze, legt sich ein bischen auf meinen schoß.. einen tag legen wir uns an den weitläufigen sandkiesstrand, der noch erfreulich leer ist.
Nur beim Reingehen ist es etwas kalt. Sobald man drin ist, ist es wunderbar!
wanderung nach kayaköy
dieses geisterdorf ist eigentlich eine griechische stadt. sie wurde 1922 im zuge des sogenannten „bevölkerungsaustausches“ zwischen griechenland und der türkei geräumt. – „ethnische säuberung“ wäre die passendere vokabel. – ihre bewohner, bzw. ihre nachfahren leben auf den peloponnes, und ein erdbeben gab den verlassenen häusern in den 50er jahren den rest.
die wanderung führt bergauf-bergab durch wald und bietet wunderbare ausblicke.
wildschweine gibt es hier offenbar zu hauf. überall sehen wir aufgewühlte flächen, wo sie nach pilzen, wurzeln, vielleicht trüffeln gewühlt haben. und hier ist ihre wellnessoase:
kajaköy hat sich nicht viel verändert. es wirkt immer noch so, als käme gleich die alte griechin vom besuch der kirche auf dem weg nach hause die gasse herauf und ihr nachbar mit seinen ziegen vom weidegang ihr entgegen. mich bewegt es sehr, wie dieser ort immer noch atmet, obwohl hier schon seit hundert jahren niemand mehr lebt. es gibt eine jause neben einer ruine und ich nehme mir reichlich von dem wilden oregano, der überall wächst. er wird wieder unsere tomatensoße zur abendmahlzeit abrunden.
Wanderer über dem Ruinenmeer!
überall blüht es. in ölüdeniz ist alles gelb von mimosen, die bougainville stehen in den startlöchern.und mohn gibt es in vielen farben. kennt jemand noch gummibäume, die in den 70er jahren als zimmer- und büropflanzen so beliebt waren? die sind hier stattliches straßenbegleitgrün.
lila mohnkeine ahnung was das ist, aber bienen lieben esvom blitz getroffen
nach sechs tagen dauercampen habe ich etwas angst, daß wir die einheimischennerven, die sich um vorsaisonale kundschaft für ihre boote bemühen. aber an einem morgen kommt ‚käpt’n funda‘ (den wir so nennen, weil sein boot so heißt) und fragt ein bisschen neidisch nach dem bus. ‚ein einfaches leben, ihr macht es richtig!‘. meine sorge ist überflüssig. das passiert nicht zum ersten mal. immer wieder sehen wir ein breites grinsen angesichts unseres bulli, erhobene daumen oder fröhliches winken. offentsichtlich hat bulli an niedlichkeitsfaktor noch dazu gewonnen. ich bin gespannt, wie das sein wird, wenn wir die pril-blumen zum aufkleben bekommen, die wir über unserer patentochter bestellt haben.
15.-20. März Leider haben wir unseren heiß geliebten Plünnkahn nicht mit. Unser zweisitziges, seetüchtiges Klepper-Faltboot, dessen Skelett zum größten Teil noch aus den 50er Jahren ist. Im Bulli ist einfach kein Platz! – Also mieten wir uns in Kas für 6 Tage zwei Seekajaks.
Wir bekommen zwei Tsumami-Seekajaks samt aller Ausrüstung (Paddel, Rettungsleinen, Lenzpumpe, Spritzdecken, Schwimmweste) und (wie bina schon schrieb) eine gute Einführung in das Seegebiet. Wir wollen von Kas nach Kekova paddeln. Im Prinzip sind das 3 Tage hin und 3 Tage zurück. Aber wir haben deutlich schlechteres Wetter als im Hochsommer. Am ersten Tag weht der Wind mit 18 km/h (und das an Land, nicht auf See). Wir haben uns leider sehr windige Tage ausgesucht. Normal sind hier oft so um die 3km/h.
Trotzdem geht der Tag gut los. Das Meer an der Einsetzstelle ist ruhig, weil es in einer windgeschützten Bucht innerhalb einer Bucht liegt. Wir haben am Anfang etwas Probleme, die Steuerung richtig einzustellen. Aber mit etwas Geduld klappt das dann auch.
erst mal habe ich erhebliche startschwierigkeiten. die spritzdecke krieg ich nicht angezogen, das ruder will nicht, das lenkseil reißt und michel muß improvisieren. beim ein-und aussteigen brauche ich unterstützung. das nervt uns beide und ich hab eigentlich schon keine lust mehr. aber sitze ich erst mal in meinem kleinen boot und tauche die paddel gleichmäßig rechts und links ins blaue meer, ist alles in ordnungund das leben wieder schön.
Das Problem kommt, in dem Moment, wo wir die schützende Landzunge an einer schmalen Stelle übertragen und aufs „echte“ Meer kommen. Die Wind ist stark, die Böen stärker. Die Dünungswellen sind so hoch, dass wir in den Tälern verschwinden. Aber sie sind harmlos, sie kommen langsam, heben einen sanft hoch und setzen einen sanft wieder ab. Die kleineren kabbeligen Wellen sind das Problem. Ich entscheide schnell, dass wir die weite Bucht von Kas nur queren und auf der andere Seite in einer kleiner geschützteren Bucht einlaufen. Aber die Querung verlangt uns alles ab.
Als wir auf der anderen Seite eine Pause auf der noch unbenutzten Terrasse eines Ausflugslokals machen, sieht man bina an, wie abgekämpft sie ist:
Wir bleiben dann den Tag in der Bucht. Fahren noch ein wenig rum, um die Bucht zu erkunden, einen brauchbaren Übernachtungsstrand zu finden und ein wenig zu trainieren.
danach klappt auch der ein-und ausstieg ohne hilfe und ich kriege auch die spritzdecke selbst angezogen.
Der Strand gehört zu einem Restaurant-, Bungalow-, Camping-Betrieb und war sogar noch besser, als erhofft. Als der Inhaber mitbekam, dass wir dort übernachten wollen, hat er uns nicht etwa (wie befürchtet) verjagt, sondern uns als Gäste in eines der Bungalow-Zimmer eingeladen. Gratis! Einfach aus Gastfreundschaft!
ich bin froh, daß wir nur bis zur nächsten bucht paddeln. und dort sogar das kleine zwei-bett-kabuff benutzen dürfen statt am strand zu schlafen. das bett ist ungewohnt. nach so vielen nächten im bulli, wo links michel liegt und rechts die wand ist, hab ich tatsächlich angst, rauszufallen. ich schlafe auch automatisch gefährlich nah an der kante.
Am nächsten Tag stehen wir mit Sonnenaufgang auf. Weil der Wind morgens früh schwächer ist. Doch je weiter wir aus der inneren und der äußeren Bucht kommen, desto deutlicher wird, dass „schwächer“ eine relative Aussage ist. Und die Küste besteht hier fast durchgehend aus Felsen die senkrecht ins Meer abfallen. Kilometerweit kein Strandabschnitt. Wenn einer von uns kentert, gibt es keine Möglichkeit, an Land zu kommen. Dann hilft nur Seekajakrettung, wie wir es im Kurs gelernt haben. Zum Glück liegen die Boote trotz allem Gekabbel der Wellen, wirklich gut im Wasser.
Wir fahren trotzdem eine Bucht weniger weit als geplant. Was wir vorfinden, ist ein kleines Paradies, oder eine Müllkippe. Je nachdem wie man hinschaut!
Das Paradies:
Versehentlicher Schnappschuß aus dem Zelt raus….
Die Müllkippe:
Angschwemmter Müll!Zurückgelassener Müll!Hier hatte sich jemand eingerichtet……und dahinter seine private Müllkippe hinterlassen.
Am Dritten Tag fahren wir weiter bis zu einer Bucht mit Strand und Campingplatz. Danach käme das am weitesten ins Meer hinausragende Kap der Gegend. Vor den Wind- und Wellenbedingungen vor diesem Kapp hatte Alkan von Amber-Tours uns ausdrücklich gewarnt. Wir beschließen, abenteuerlustig aber nicht lebensmüde zu sein, und verzichten auf die Umfahrung. Ich gehe los, um den Bulli aus Kas zu holen. Das geht schneller als erwartet. Denn meine Erfahrungen von 1990 gelten immer noch: Zum Autostoppfahren ist die Türkei ist das beste Land der Welt. Es nimmt mich zweimal das erste(!) Auto mit, das vorbeikommt.
Der Securitymensch vom Campingplatz sagt zwar zunächst, dass er das Tor nicht aufmachen darf, damit wir Bulli reinfahren können. Als er dann aber sieht, dass wir die Kajaks die etwa 400m zum Bulli tragen wollen, hat er doch ein weiches Herz.
Auf dem Weg vom Campingplatz zur Hauptstraße stirbt bina tausend Tode. Das Auto ist mit den Kajaks hinten drin überladen, der Weg steil und eher offroad als Straße. Einmal drehen die Reifen durch und schleudern einen Steinhagel nach hinten und gegen das Unterbodenblech des Autos. Aber irgendwann sind wir heil oben.
Wir fahren mit dem Bulli nach Kaleücagiz, dem Hafen gegenüber der Insel Kekova. Das Meer gleicht hier eher einem Binnensee. Im Ort selber gibt es keinen kostenlosen Parkplätze, aber zwei Kilometer weiter ist ein öffentliches Werftgelände. Hier können wir direkt am Wasser stehen:
Am späten Nachmittag paddeln wir noch in den Ort, um einzukaufen und an der Marina den St. Patricks Day zu feiern:
Der nächste Tag ist komplett verregnet und wir muckeln uns glücklich, gemütlich im Bulli ein.
Auf Regen folgt dann, wie es sich gehört, Sonne! Das Paddeln zur Insel rüber, um kleinere Inseln herum und überhaupt macht Freude!
Auf einer der kleinen Inseln, die alle voll mit antiken lykischen Ruinen sind, wohnt eine Ziege:
Bina (im Kajak) mit Ziege (auf Insel).Inselziege ohne bina.
Die versunkene Stadt stellt sich (wie befürchtet) als recht unspektakulär heraus. Ja, die Insel ist ein wenig abgesackt und deshalb stehen die Grundmauern der antiken Hafengebäude einige Dezimeter unter Wasser. Von den Anbietern der Bootstouren wird es aber verkauft, als wäre es Atlantis.
aber was für riesige quallen unter wasser zu sehen sind. und die fische, die sich mit gekonntem sprung aus dem wasser vor fressfeinden schützen. manchmal flitschen sie auch über die oberfläche wie flitschesteine.
Dafür ist die Sandbucht am Ende der Ruinenstadt großartig! Wie man auf dem letzten Bild sieht, ist es sogar warm genug zum Baden!
simena besuchen wir anschließend nur kurz. es soll ein städtchen sein, das man entweder nur per boot oder zu fuß erreichen kann.das stimmt nun leider nicht so ganz. autos kommen ohne weiteres bis an den stadtrand oben an der burg, die über dem ort thront. wir laufen ein bischen durch die durchaus niedlichen gassen und sind dann aber glücklich, wieder weiterpaddeln zu können.
Am letzten Tag packen wir die Kajaks und alle Ausrüstung wieder in den Bulli. (Ja, die Kayaks ragen hinten aus der offenen Heckklappe raus.) Und bringen alles zurück nach Kas.
12.-14. märz aufbruch zu den nächsten abenteuern. die katzen nehmen es gelassen. neben uns stehen zwei türkische wohnmobile, bei denen sie sich schon häuslich niedergelassen haben.
wir machen einen zwischenstop in kemer, um daten für die simkarte zu kaufen. aber im touristenteil der stadt behaupten alle, unsere karte, in nord- zypern angeschaft, würde hier keine gültigkeit haben und eine neue sollte 80.-€ kosten. soweit kommt’s noch! solche touristenpreise sind wir nicht bereit zu zahlen.also weiter fahren….
wir schlängeln uns hoch in das bergdorf beycic. von dort wollen wir auf den tahtagli dagi wandern. uns lockt dieser schneebedeckte gipfel sehr. laut reisebuch soll man in sybill’s restaurant nach wanderkarten fragen. dies ist auch schon an der straße immer wieder ausgeschildert und soll gleich am ortseingang rechts zu finden sein. aber die erste frage lautet: wo fängt der ort überhaupt an? mit den ersten wohnhäusern oder dem ersten laden?das ist überhaupt nicht eindeutig. und die zweite frage: wo ist das restaurant? rauf und runter fahren wir, fragen einen einheimischen, der uns den weg beschreibt: die straße runter und dann nach 500 metern. das einzige, was wir finden ist ein hinweisschild. die frau im laden kennt sybills restaurant überhaupt nicht und deshalb geben wir es irgendwann auf. ohne karte auf einen berg steigen, der keinen wirklichen ausgewiesenen wanderweg hat, an dem wir unterhalb der baumgrenze ein basislager mit unserem zelt errichten würden, um dort auf hin- und rückweg jeweils eine nacht zu schlafen … nee, das lassen wir besser. und ich fange an, unserem 12 jahre alten reiseführer nichts mehr zu glauben. zu viel hat sich in der zwischenzeit verändert.
die kühe, die durchs dorf streifen, stimmen immerhin mit den aussagen des buches überein
kumluca heißt die nächste größere stadt. dort erzählt man uns das selbe wie in kemer, aber hier kostet die simkarte nur 40.-€. das ist doch ein anderer schnack und wir bekommen sogar noch einen tee gereicht. kumluca ist eine erfreulich normale stadt. kaum touristen, normale geschäfte und vernünftige preise. entlang der küstenstraße werden die berge wieder beeindruckender und die gewächshäuser auch. ganze täler liegen wieder unter folie. die straße ist kurvenreich. vor vielenlinkskurven sehen wir ein kleines schild, das eine bademöglichkeit anzeigt. dann kommt an der bergseite der straße ein kleiner parkplatz und vielleicht eine bar oder ein cafe und man sieht einen weg die klippen hinunter führen. in der kleinen nische unten ist dann ein kleiner strand, der um diese jahreszeit noch verwaist ist. aber im sommer wird dort einiges los sein. über so einem strand sehen wir es mit freuden: jemand hat ganz frisch und neu ‚free palestine‘ an die mauer gemalt. dazu die flagge palestinas. ein schöner anblick. dann sind wir endlich in kas. der name wird eigentlich mit einem häkchen unter dem ’s‘ geschrieben und folgedessen ‚kasch‘ gesprochen. ich weiß aber nicht, wo ich das auf meinem computer finde. kas lebt wieder hauptsächlich von touristen und erwacht auch grade aus dem winterschlaf. auf einer großen freifläche wird morgen der freitagsmarkt stattfinden und daneben finden wir einen platz für die nächsten tage.
unsere frühstücksnachbarn
am nächsten tag stromern wir durch die stadt. bei amber-tours mieten wir ohne weiteres zwei seekajaks für sechs tage. altan (der inhaber) informiert uns gut und präzise über tour- und üernachtungsmöglichkeiten. er versteht vollkommen, daß wir lieber zelten, als auf einem campingplatz zu nächtigen. wir bekommen die wetterdaten für die nächsten tage ausgedruckt sowie eine brauchbare landkarte. er erzählt uns, worauf wir achten müssen und das es leider nicht möglich ist, auf der griechischen insel anzulanden, die kaum 2 kilometer vor kas liegt. wie schade. unsere paddelscheine will er gar nicht sehen. Leute, die sechs tage unterwegs sein wollen, wissen was sie tun. da braucht er das nicht. am sonntag soll es losgehen. wir bummeln durch die gassen, die unfassbar griechisch aussehen (weil sie bis 1922 griechisch waren!). bei der ‚rose laundry‘ können wir die wichtigste wäsche waschen lassen. nachmittags wird sie fertig sein. der kleine kiesstrand am ende der bucht ist wirklich süß:
am hauptplatz werden wir von den restaurants wieder recht aufdringlich angekobert. aber wir gehen einfach, „nein danke“ sagend, vorbei. an der marina gegenüber von unserem stellplatz trinken wir bei sonnenuntergang ein bierchen und schwatzen online mit michels eltern. das ist immer wieder nett.
der nächste tag ist regnerisch und wird verschlummelt. ich mache aber eine eigene runde durch den ort. noch ist der hauptplatz so leer, daß kinder platz zum fußball spielen haben. die mädchen fahren roller und jung gebliebene erwachsene skateboard. sobald ich mich irgendwo hinsetze, kommt eine katze zum schmusen, dazu ertönt von allen seiten hämmern, sägen, flexgeräusche. überall in der stadt stößt man auf antikes. sarkophage zuhauf. wer keinen im vorgarten hat, ist arm dran. sie stehen an der promenade, auf verkehrsinseln und werden meist als zusätzliche mülleimer genutzt.
abends werden paddelsachen gepackt. hilfe, kommt da immer viel zusammen! ich bin gespannt, wie wir das alles in die boote kriegen.
2. März 2026 Eigentlich hätten wir in den letzten Tagen auf Zypern noch neue Reifen aufziehen lassen wollen. Die alten sind einfach durch. Doch aus Krankheitsgründen hat das nicht geklappt.
Eigentlich will ich Markenware und Ganzjahresreifen. Doch nachdem wir das einen kompletten Tag lang erfolglos versucht haben, gebe ich mich mit türkischen Lassa-Sommerreifen zufrieden.
Wir schlafen eine Nacht neben der Reifenwerkstatt. Am nächsten Morgen bekommt Bulli dann neue Schuhe:
Der Reifenmensch ist echt ein Schatz!Bulli, Kiste und Fahrräder werden (wie so oft) bestaunt.
Anschließend muss bei einer anderen Werkstatt noch die Spur eingestellt werden, weil die Vorderräder nicht ganz parallel stehen:
Roadtrip nach Antalya
3. -. 5. März Anschließend fahren wir die türkische Südküste entlang, um Kap Anamur herum nach Antalya. Mit langen Pausen an schönen Stellplätzen am Meer, auf einer beeindruckenden Küstenstraße, die sich meist schmal und verschlungen das Küstengebirge entlang windet, um dann für ein paar Dutzend Kilometer vierspurig als Quasi-Autobahn durch in den Fels gesprengte Tunnel und über teure Brücken zu laufen.
die geschwindigkeitsregeln sind wirklich seltsam. auf vielen abschnitten sind je nach autotyp sind unterschiedliche höchstgeschwindigkeiten erlaubt. 500 m vor baustellen darf man manchmal von 50 auf 70km/h beschleunigen, um 50m vorher wieder vom gas runter auf 30km/h zu müssen. dann gibt es schilder, die auf viele kurven hinweisen und darüber ein schild, daß man 70 fahren darf. in einer linkskurve sehen wir auch prompt einen laster, der sich in ihr kurz vorher auf die seite gelegt hat. es ist wohl niemandem etwas passiert, denn der fahrer krabbelt grade wieder ins fahrerhaus, vielleicht um etwas zu holen. und netterweise hat sich der truck auch so in den graben gelegt, daß er niemanden blockiert.
Das warme Klima hier erlaubt in Treibhäusern den Anbau von Bananen. Hier können wir sie also als Obst der Region und der Saison ohne schlechtes Gewissen genießen. Im Hintergrund ragen über 3.000 Meter hohe schneebedekte Berge auf.
Bananenplantagen unter Glas.Schneebedecke Dreitausender.
Zwischendrin bekomme ich die Ehre eine Schildkröte von der Straße zu retten:
Und in Gazipasa bekommen wir einen Sonnenuntergang, wie aus dem Bilderbuch:
antalya
5. & 6. märz 2026 beobachtungsschniepsel:
in dieser gegend sehen ältere menschen irgendwie alle gleich aus. frauen tragen diese weiten pluderhosen, meist in kleinteiligen blümchenmustern, dazu einenpullover und eine lange strickweste oder -jacke. auch männer ab ca. 60 jahre sehen sich meistens ähnlich.und auffällig viele haben hüft- oder knieprobleme. das sehe ich am gangbild.
wir lassen auch bulli waschen für 14.-€. er hat bei der überfahrt am offenen oberdeck gestanden, hat die ganze gischt abbekommen und ist ganz überzogen mit salz. dazu bekommen wir noch einen kaffee und die beiden jungs, die sich um ihn kümmern, putzen und polieren in aller gründlichkeit. michel muß sie daran hindern, auch noch die reifen zu reinigen, weil wir die sowieso austauschen lassen wollen. hinterher leuchtet unser gefährt wieder.
es ist ja grade ramadan. es ist in etlichen orten üblich, zu beginn von iftar, dem fastenbrechen, einen kanonenschlag oder böller abzuschießen, daß alle wissen, daß sie jetzt essen dürfen.
beim ersten mal kriegen wir noch einen schreck. nach den erfahrungen in hebron bedeuten schußgeräusche, egal womit nichts gutes. aber wir gewöhnen uns daran.
ansonsten bekommen wir vom ramadan erstaunlich wenig mit. das ist bestimmt in ländlichen gebieten im inneren anatoliens anders. aber hier spürt man vom fastnmonat weniger, als in einem türkischen stadteil einer deutschen großstadt.
michel hat für antalya im vorwege kostenpflichtige parkplätze ausfindig gemacht. aber den einen finden wir nicht und der andere am hafen will zu viel geld haben. aber außerhalb der touristenzone gibt es in den kleinen straßen viele plätze zwischen den wohnhäusern und dort kommen wir auf einem für 3.-€ pro tag unter. selbstverständlich können wir über nacht bleiben und der begrüßungstee fehlt auch nicht.
wir laufen gleich los in die altstadt. die touri-info ist das erste ziel und eine enttäuschung, wie so häufig. die frau dort spricht kaum englisch. es gibt keine stadtpläne. und wandertouren rund um antalya kennt sie auch nicht. sie hat nur ein paar allgemeine broschüren über bootstouren, jeep-safaries und sonstige reklame. die altstadt lockt. noch ist keine saison, und es ist recht still. trotzdem werden wir in den hauptgassen alle 10 meter angekobert. restaurants, souvenir-shops, bars und teppichgeschäfte reihen sich aneinander. ein ‚irischer pub‘ sieht spannend aus. aber wir haben noch nicht mal die letzten stufen zur terrasse genommen, wird uns auch schon ein tisch zugewiesen und aufdringlich gefragt, was wir trinken möchten. das läßt uns auf dem absatz kehrt machen. die hamami, von denenwirso gern eines besucht hätten, sind alle überteuert. und der waschsalon, der im reisebuch erwähnt wird, existiert nicht mehr. so laufen wir noch ein bischen durch die gegend, und ändern unsere pläne wieder. angesichts des tollen parkplatzes hatten wir spontan noch einen weiteren tag aufenthalt in erwägung gezogen. aber jetzt gibt es für uns eigentlich keinen grund mehr länger zu bleiben.
das hadrianstor ist spannend:
ja, es ist der selbe römische kaiser hadrian, der denn wall zwischen england und schottland hat bauen lassen, der noch heute die englisch-schottische-grenze bildet. wir werden auf unserer tour noch so manchem hadrains-tor begegnen. jede bessere antike stadt hatte eines.
wir gönnen uns ein essen in einem restaurant in der fußgängerzone außerhalb der altstadt. eigentlich ist es eher ein imbiss für einheimische. der gastraum ist funktional eingerichtet, die portionen sind großzügig und günstig, auf jedem tisch steht eine plastikbox mit frischem brot zur selbstbedienung, so viel man will, und ein teller mit frischen, scharfen paprika steht auch bereit. an den nebentischen essen die eineimischen aus großen schüsseln einfache suppen. hier fühlen wir uns wohler als in der altstadt. auf dem rückweg zum bulli kommen wir an einem geschäft vorbei, das nicht nur cds und filme auf vhs-kassetten verkauft, sondern tatsächlich auch ein großes sortiement an musikkassetten im schaufenster zum verkauf anbietet. geboten wird musik von pink floyd, the who und türkischen interpreten. ein paar häuser weiter gibt es einen laden, der saz verkauft. eine saz ist ein türkisches saiteninstrument, ähnlich einer laute. darin sitzen ein paar männer und machen musik. eine trommel und ein elektrisches klavier ist dabei und natürlich ein saz-spieler. ich war leider zu feige zu fragen, ob ich sie fotographieren darf. am nächsten morgen machen wir uns wieder auf den weg und fahren weiter.
Termessos
6. März 2026 An der türkischen Südküste gibt es mehr antike Ruinenstädte, als man in zehn Urlauben besichtigen könnte. Wir entscheiden uns für Termessos, weil es gleichzeitig eine nette Bergwanderung ist. Termessos war eine lykische Stadt, gehörte also im weiteren Sinne zur antiken griechischen Welt, hatte ihre Blütezeit aber in den Jahrunderten um das Jahr Null unter römischer Oberherrschaft.
Etwa ein Dutzend Kilometer hinter der Stadtgrenze Antalyas beginnt das Sträßlein nach Termessos sich ins Gebirge hochzuschrauben. Und ab dem Parkplatz beginnt die etwa 3 Stunden dauernde Besichtigungs-Bergwanderung. Die Stadt galt als uneinnehmbar. Das glauben wir gerne. Aber wovon die hier gelebt haben, verstehen wir nicht so ganz.
Die Besichtigung
s-Bergwanderung macht wirklich Spaß. Gerade weil es unübersichtlich ist und die Natur sich vieles zurück geholt hat. Mal fühle ich mich wie Indiana Jones (weil ich mich durch Buschwerk arbeite und über Felsen klettere, um zu einer abgelegenen Ruine zu kommen), mal wie in Ankor Wat (weil manche Ruine malerisch überwuchert ist) und mal wie Machu Picchu (wegen der überwältigenden Lage in den Bergen).
Das Gymnasion kurz oberhalb der Stadtmauer. Das Theater liegt wirklich kolossal in dieser Bergwelt!Überall liegen tolle Steine rum……oder schweben im Baum eingewachsen in der Luft.Der Zeus-Tempel ist nur mit Kraxelei zu erreichen. Eine Machete hätte geholfen.
ich fühle mich nicht wohl. irgendwie klapprig und schlapp. trotzdem versuche ich mit zu halten. aber irgendwann kann ich nicht mehr und freue mich, daß michel bereit ist, wieder zum bulli zurück zu gehen. ich hoffe, ich kriege nicht die probleme, die er in den letzten tagen auf zypern hatte. wir fahren weiter nach cirali, wo ich hoffe, mich erholen zu können.
strandtage in olympos
7.-11. märz 2026 letztes mal – oje, wie oft schreiben wir in unseren erzählungen ‚letztes mal‘? – hatten wir olympos schon besucht. dies mal wollen wir ein bischen länger bleiben und wandern. wobei wir den strand und unseren stellplatz in wunderbarer erinnerung haben. die hotels, lodges und pensionen am weg zum ort hinunter sind noch alle im winterschlaf. einsam stehen die zitronen-und orangenbäume in den gärten, sie sind alle noch nicht abgeerntet. nur in und wieder steht schon ein auto vor einer tür und deutet auf einen menschen, der vielleicht schon die spuren des winters beseitigt.
wir kommen von der anderen seite ins dorf und sehen, daß man mittlerweile eine brücke gebaut hat. der fluß hat eine steinerne böschung bekommen und wir brauchen uns nicht durch den fluß über eine furt zu wagen, sondern können trockenen fußes an den strand fahren. wir finden eine lauschige ecke vor dem strand. dort stehen auch schon ein paar pkw. es gibt ein schild, daß es verboten ist auf den strand zu fahren. die karettschildkröten legen von juni bis august hier ihre eier ab. das schild liegt zwar auf dem boden, aber wir wollen niemanden ärgern und halten uns trotzdem daran. sich direkt vor das strand-cafe zu stellen, ist auch nicht grad nett. auch wenn es die einheimischen tun, und es noch nicht geöffnet hat.
es ist noch recht früh am tag. wir machen es uns am strand auf der decke gemütlich. bei der suche nach ihr finde ich die seit zypern vermißten wandersocken. und ich dachte schon, sie sind im waschsalon in nikosia liegen geblieben. aber sie hatten sich hinter unseren klamottekisten versteckt.
die sonne ist schon heiß und wir sind über den leichten windhauch froh. michel macht eine erkundungsrunde den strand entlang. aber ich bleibe nicht lange allein. ganz still, aber bestimmt kommt eine tigerkatze an mich herangeschlichen und ich bemerke sie erst, als sie sich hinter mich im schatten an meinen rücken kuschelt. irgendwann kommt sie auf den schoß, schnurrt, läßt sich streicheln und verschwindet erst, als andere menschen auftauchen, von denen sie sich etwas zu essen erhofft. die sonne verschwindet früh hinter den bergen.
abends stellt sich ein pkw neben uns, und wir sehen zwei jungs, die sich zum schlafen im kofferraum vorbereiten. das könnt ich ja nicht mehr. es wäre mir zu unbequem, zu viel improvisation, zu spartanisch. ich möchte nicht mehr aufs portapotti oder warmes wasser für die katzenwäsche verzichten. die beiden kommen aus leipzig, wollen ein paar tage wandern und lassen sich gern auf ein gemeinsames frühstück am strand ein.
tigerkatze, schon im bullilorenz und raffi aus leipzig
natürlich kommt der tiger in der hoffnung auf futter dazu, und ich habe meine freude daran, wie lieb lorenz und raffi mit ihm umgehen.
abends machen wir einen spaziergang nach olympos hinein. wir verstehen es nicht ganz: tagsüber kostet der eintritt irrwitzige 10.-€. aber um 17.00h machen die angestellten feierabend, und man kommt ohne zu bezahlen auf das gelände.
nach termessos ist diese antike stadt enttäuschend. alles ist sehr schmuck aufgearbeitet, die wege sind bequem und man kann alles nacheinander abgehen. es gibt alles, was eine antike stadt braucht: steinerne sarkophage, ein gymnasium, die akropolis, ein theater, ein bad, tempel. nicht überraschend, da an einem fluß gelegen, auch eine mühle, wohnhäuser. eines davon mit resten von mosaiken. aber ausnahmsweise kein hadrianstor. man geht hindurch und denkt nicht mehr als: aha….sehr schön.
während ich koche, ist draußen richtig was los. im gebüsch nebenan raschelt und kruschelt es: eine schildkröte kommt vorbei und nascht ein paar blätter und anderntags ein für diese jahreszeit unfassbar dicker igel, der das ganze katzenfutter wegfrißt, das auf dem boden liegt:
abendstimmung im bullibesuch……auch von einem dicken igel
Insgesamt verbringen wir dreieinhalbTage damit am Strand rumzulungern.
Wanderung nach Chimaira
10. März 2026 An unserem vorletzten Tag in Olympos unterbrechen wir unsere Faulenzerei am Strand für eine Wanderung zu den „Ewigen Flammen“ von Chimaira. Zunächst geht eine Stunde lang durch Cirali, das ist ein lang gezogener größtenteils improvisierter Touristenort für Individualreisende und Rucksacktouristen, der den größten Teil der Strandbucht einnimmt, an deren südlichen Ende wir stehen. Dass hier keine großen Hotelressorts stehen, liegt daran, dass hier eigentlich außer Orangenbäumen und Wald gar nichts stehen dürfte. Die gesamte Bucht befindet sich im Olympos-Nationalpark. Daher rührt auch der provisorische Charme des Ganzen. Da alle Häuser illegal unter dem Damoklesschwert des Abrißbaggers stehen, gibt es keine allzu großen Investitionen.
Blick in einen verwunschenen Garten, der ein wenig weiter weg von Strand liegt.
Am Ende der Bucht geht es dann landeinwärts den Berghang hoch zu den „Ewigen Flammen“ von Chimaira. Chemisch betrachtet ist es ein Erdgasgemisch, das hier aus den Felsspalten austritt, welches sich beim Kontakt mit Luft selbst entzündet. Die Flammen lodern schon seit der Antike und müssen damals deutlich größer gewesen sein. Heute reicht es noch für normale Lagerfeuergröße.
In archaischer Zeit soll hier die legendäre Chimäre gelebt haben. Ein feuerspeiendes Ungeheuer mit einem Löwenkopf, einem Ziegenleib und einer Schlange als Schwanz. Der griechische Held Bellerophon ist dann auf dem fliegenden Pferd Pegasos gekommen und hat es getötet.
Der „Nachmieter“ der Chimäre war dann der griechische Götterschmied Hephaistos, dem der unterhalb des Flammenfeldes liegende Tempel geweiht war:
Von Chimaira aus führt unser Weg weiter hoch auf den Bergrücken, von dem aus wir beim Picknick einen tollen Blick auf den lykischen Olymp genießen, welchen die Türken heute Tahtali Dagi nennen.
Der Abstieg auf der Rückseite des Bergkammes führt dann durch spektakuläre Natur. Sogar fast ein bisschen zu spektakulär! Dreimal müssen wir den im Talgrund fließenden Bach überqueren. Im Sommer ist er ausgetrocknet. Im Frühling keineswegs!
Die erste Überquerung gelingt uns auf einer natürlichen Brücke umgefallender Bäume. Die zweite barfuß watend. Bei der dritten Überquerung sind der Bach so tief und die Strömung so stark, dass wir die Wanderstiefel anlassen müssen. Wir kommen heil hinüber, aber die letzte Stunde nach Hause laufen wir in nassen Schuhen.
Die ersten beiden Flußquerungen, von der dritten gibt es leider keine Bilder:
Unser Reiseführer ist über 10 Jahre alt. Der darin beschriebene Pfad für die letzten Kilometer des Rückwegs ist leider nicht auffindbar. Also tapern wir auf der Asphaltstraße nach Hause.
Nachrichten aus Hebron
Issa und YAS sind stabil. Über Purim gab es die an jüdischen Feiertagen üblichen verstärkten Angriffe und Belästigungen durch Siedler.
Mit dem Beginn des israelisch-amerikanischen Krieges gegen den Iran, gab es in Hebron eine Ausgangssperre für alle Palästinenser. Und die Regierung tut alles, um die Ausweitung der Siedlungen zu beschleunigen. Issa erzählt davon in seinem Videopodcast, das er ab jetzt monatlich zusammen mit Friends of Hebron von seiner Terrasse senden will:
Unser Freund D. der mit dem „Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee (DMFK)“ in Israel und Palästina war, und auch eine Woche in Issas Haus in Hebron verbracht hatte, ist nach Beginn des israelisch-amerikanischen Krieges gegen den Iran, sicher über Jordanien nach Deutschland ausgereist. Er hat sich zusammen mit den Leuten von EAPPI evakuiert.
Über die Erlebnisse des Mannes einer Mitevakuierten schrieb er: „Von C., EAPPI aus Schweden bekam ich leider noch Übles mit: Ihr Mann wollte sie für eine Woche besuchen und wurde stattdessen bei der Einreise abgewiesen. Aber nicht nur das: Er wurde stundenlang befragt, er musste sich nackt ausziehen, kam eine Weile in eine Dunkelzelle, kein Essen, kein Trinken, ihm wurde ins Gesicht gespuckt, die Botschaft wurde belogen (er sei im Duty-Free shoppen und werde gut versorgt). Um ihn herum wurden Menschen offenbar auch geschlagen, denn als er eine Wunde versorgen wollte, kam die Wache und schrie, dass er nicht helfen solle. Dieser Ehemann hat internat. Erfahrung und wurde schon in einem ostafrik. Land festgenommen, aber so etwas hatte er noch nicht erlebt. Das alles auf der Basis falscher Vorwürfe gegen das EAPPI-Programm, da seine Frau schon als Mitglied identifiziert worden war („Was, Menschenrechte? EAPPI befürwortet Gewalt. EAPPI ist gegen Israel etc.“).“
Das „Ecumenial Accompaniement Programm in Palestine and Israel (EAPPI)“, wurde von den Quäkern gegründet. – Ja genau jene Quäker, die als Erste in den USA die Sklaverei abgeschaft, im Vereinigten Königreich für Frauenwahlrecht gekämpft, während des Holocaust so mehr Juden als jede andere Religionsgemeinschaft gerettet, und nach dem 2. Weltkrieg die Deutsche Bevölkerung mit CARE-Paketen versorgt haben! Historisch standen diejenigen, welche die Quäker als Feindbild hatten, eigentlich immer auf der ethisch falschen Seite. – Inzwischen sind übrigens so gut wie alle Kirchen mit bei EAPPI dabei. In Deutschland sowohl die Katholiken, als auch die Protestanten.
und dann wird michel richtig krank. hulya, eine aktivistin von united for palestine, besucht uns am dienstag zum abendessen im bulli. wir gehen anschließend zusammen zum UfP-treffen, wo wir den morgigen filmabend besprechen. jedes jahr wird anläßlich der schließungen der läden in der shuhada-street in hebron vor dies mal 32 jahren die ‚open-shuhada-street-campagne‘ gestartet und der film ‚soldiers on the roof‘ von esther hertog gezeigt. michel soll ein paar worte zur einführung sprechen. aber es geht ihm plötzlich richtig schlecht und wir müssen das treffen vorzeitig verlassen.
am nächsten tag ist es mit michel nicht besser. er liegt im bett, mag nicht essen und schon gar nicht die einführung zum film halten und schläft viel. so schreibe ich eine einführung und fahre damit alleine los.
zwischen aufbau und vorführung lerne ich noch von chrisa, wie man löcher in klamotten mit gestickten blümelein verziert. das hatte ich schon vor wochen bei ihr gesehen und es selbst versucht, aber das ergebnis ist mehr als dilletantisch. danach wird es aber nur bedingt besser. das liegt nicht an chrisa sondern an meiner mangelnden übung und talent. aber für den anfang reichts.
leider ist die veranstaltung kaum besucht. grade mal neun leute sind gekommen und davon ist nur eine person dabei, die aufgrund der gehängten plakate interesse hat. aber so ist es eben manchmal. wir machen die veranstaltung trotzdem. und meine einführung ist wirklich sinnvoll. denn man muß ’soldiers on the roof‘ gegen den strich schauen, und wenn man das nicht weiß, wird sich der zuschauer schnell denken: was ist das denn für ein pro-zionistischer film. was soll das? es kommen eigentlich nur siedler zu wort, die ganz offen erzählen, wie sie sich das mit der besiedelung von hebron denken und dass ihnen egal ist, wo die palästinenser bleiben. und die palästinenser (ganz abgesehen davon, daß sie nur als araber bezeichnet werden) seien ja diejenigen, die böse sind. gleich danach sieht man ein siedlerkind, das steine in richtung palästinesische kinder wirft und auf die frage, ob er mit ihnen schon mal geredet, vielleicht gespielt hat, bedröppelt guckt und „nein“ sagt.
eigentlich wollten wir uns auch um bullis neue reifen kümmern, aber das muß warten. michel ist auch am nächsten tag zu nichts in der lage und am freitag muß er fit für die fahrt sein. der donnerstag wird verschlafen, ich verbringe den halben tag im H4C, dann hat michel im bulli die ruhe, die er braucht.
freitag: endgültiger abschied
wir lassen den tag ruhig angehen. fahren zum reifenhändler, der pirelli-reifen hat und müssen aber erfahren, daß nur drei reifen vor ort sind und der vierte in famagusta liegt. morgen könnten wir … aber das geht nicht, weil die fähre leider nicht wartet. also werden wir versuchen in tasucu neue reifen zu bekommen. abends ist michel dann fahrtauglich und bringt mich auf dem weg nach girne bei hulya vorbei.
dies ist hulya von united for palestine und eine ihrer katzen, juno, bei denen ich schlafen darf:
sie hat noch eine weitere kleine katze, ebenfalls schwarz, und die schaut mich mit noch größeren augen an und läßt sich nicht anfassen. dafür ist ihre alte hündin unfassbar streichelbedürftig und schläft die nacht neben meinem bett. ich genieße ein bequemes bett, die heiße dusche und dass uns emine, hülyas mutter, die im selben haus wohnt, bekocht.
ich mache meine eigene abschiedsrunde in nicosia. es gibt menengic kavesi (kurdischen pistazienkaffee) im kurdischen cafe. er schmeckt genau so wie in meiner erinnerung. omman, der betreiber, süßt ihn mit honig und es gibt dazu ein paar scheiben mit käse gefülltes brot, das seine frau gebacken hat und die herzlichsten grüße an michel.
ich blicke auf den musikalienladen gegenüber. der zeichnet sich durch eine große palästinensiche fahne im schaufenster und wassermelonen-aufkleber aus, wie so manches geschäft in der süden.
im griechischen teil von nicosia häufen sich die pro-palestinensischen bekundungen. graffiti, nicht nur von eiva, auch aufkleber und slogans an den wänden haben sich in den letzten wochen sehr vermehrt. und eben fahnen in vielen läden und fenstern. das finde ich beruhigend, denn bisher wurde derlei im griechischen teil meist unterbunden. so ist auch unser lieblingsgraffito von eiva, auf dem ein zimmermädchen den genozid unter einen teppich kehrt, mittlerweile übergetüncht.
erfreulicherweise hat heute ziba an der touri-ifo am checkpoint dienst, so kann ich auch sie noch mal in den arm nehmen. ich trinke zwei murphys im hoi polloi, aber leider ist niemand da, den ich kenne oder verabschieden möchte. nur zwei palästinensische jungs sprechen mich auf meine kefiye an und einer schenkt mir einen sticker für meinen computer, den er von seinem smartphone knibbelt. im ‚yalla‘ sage ich auch noch tschüs und esse ein letztes hallumi-sandwich am aramäischen imbiss. und dann radle ich zurück zu hulya. leider im dunkeln, was ich vermeiden wollte, denn sie wohnt ein bischen außerhalb kurz vor der schnellstraße nach famagusta. aber am checkpoint ist so viel los, wie die ganzen zwei monate nicht. ich brauche mindestens eine halbe stunde, bis ich endlich durch bin. keine ahnung, was heute so besonders ist.
sonntag morgen geht die fahrt nach girne schnell. nicht nur, weil es sich hulya nicht nehmen läßt, mich zum hafen zu fahren. um 8.00h gibt es noch keine staus in der stadt. das fähr-procedere stellt keine schwierigkeit dar, ich darf mein brompti bei den autos in einer ecke anschließen, dann muß ich es nicht an deck mit mir herum schleppen. auch mein rucksack geht als handgepäck durch.
von ferne grüßt ein letztes mal st. hilarion. der himmel über der karpaz-halbinsel ist schwer. ich denke an die wandertouren, die wir nicht geschafft haben (strandwanderung), die straßen, die wir nicht kennengelernt haben. wir wollten einen kleinen artikel über ein viertel im norden schreiben, das wir ‚die fuggerei‘ nennen, was aber ’saman bahca‘ heißt. eine autofreieansammlung von gassenmit kleinen weißen reihenhäuschen in einer sehr besonderen architektur. ein sozialprojekt für arme leute aus dem 19. jahrhundert, in dem ältere bis alte leute für wenig geld wohnen. andererseits habe ich auch das gefühl, daß mit zypern jetzt auch mal schluß sein muß. und deshalb kann ich sehr entspannt einen letzten blick auf die insel werfen und mich tagebuch schreibend auf meinen sitz an deck verziehen.
die überfahrt wird anstrengend. wir haben richtig schwere see und so mancher, einschließlich mir, muß ein bischen die fische füttern. dagegen helfen zum glück ein paar maßnahmen: nicht ganz vorne sitzen, da merkt man den seegang am schnellsten, sondern eher hinten. einen festen punkt anpeilen, den horizont zum beispiel. oder ein bischen dösen bis schlafen. es gibt tee an einem snackstand umsonst. aber nur in küstennähe, sonst landet die hälfte, des seegangs wegen, sowieso auf den oberschenkeln oder am boden.
wieder in tasucu
kurz nach mittag stehe ich schon michel gegenüber, der bulli wieder neben dem zeus-hotel geparkt hat, wo wir letztes jahr auf der hinfahrt schon standen. die wirtin des hotels begrüßt mich freudig. sie kennt uns noch. tasucu wacht grade ganz vorsichtig aus dem winterschlaf auf. hier und da sind an den hotels schon die türen geöffnet, die terrassen sind aber noch geschlossen. ein paar restaurants sind bereits geöffnet, aber auf den großen trubel wird noch gewartet.
am strand macht eine frau yoga und spricht uns nach ihren übungen an. ihr mann sei noch mit ihrem vw-us im hafen und würde seit drei stunden komplett vom zoll auseinander genommen. sie hätte man fort geschickt, mit den worten, es ginge ganz schnell. nun hat sie kein geld, kein handy und ihr wasser sei auch alle. sie ist völlig genervt. michel drückt ihr erst mal umgerechnet 20€ in die hand. und ich mache ihr tee und füttere sie mit keksen. darüber ist sie so glücklich, daß sie uns eine übernachtung in der nähe von salzburg in ihrem yoga-ressort schenkt, sollten wir dort vorbei kommen. österreicher also. irgendwann kommt dann ihr mann und wir haben noch eine gemütliche stunde am bulli, bis die beiden weiter wollen. sie schlafen nicht in ihrem bus, sondern bevorzugen hotels, denn mit einem yoga-ressort dreiviertel jahr haben sie mehr als gut zu tun. und da ist es auch mal schön, sich bedienen zu lassen.
hilfe, ist das heiß! bulli steht in tasucu an der straße am hafen, dort weht nur ein lüftchen, wenn ein laster von der oder zur fähre fährt. mit dem fahrrad in den ort zum fährbüro bringt der fahrtwind auch etwas abkühlung. wir bekommen tickets für die fähre samstag nacht und sollen morgen wieder kommen.
damit haben wir zwei tage strandurlaub. es gibt internet und kaltes efes an der strandbar des zeus-hotels. wir können uns dort verlustieren und bekommen die strandliegen und den schirm dazu geschenkt. dafür kaufen wir noch mehr efes vor allem aber gibt es MITTELMEER! es ist warm wie eine badewanne. ist das normal? oder ist das schon klimaerwärmung? ich mache mir ernsthaft sorgen. das kann doch nicht gesund sein. aber ich bin dankbar, das mein wunsch, zwei tage pause am meer zu machen, in erfüllung geht.
für die zweite nacht verholen wir bulli auf ein baustellenlager und haben es am nächsten tag nur 200 meter zum strand. wir schlafen unter palmen und bestaunen abends die große anzahl an fledermäusen, die über uns hinwegschießen.
beobachten auch eine ameisenstraße und fragen uns, warum sie nachts nicht arbeiten, wenn sie sich nicht mit den augen orientieren, sondern mittles geruch und tastsinn. tageslicht brauchen sie demnach ja nicht….
der zweite tag am strand ist genau so entspannend. lesen, dösen, zwischendrin der versuch einer abkühlung im meer.
aber ich bin unruhig. ich kann mein handy nicht finden und befürchte, ich ließ es beim fährbüro, oder gestern am strand oder vielleicht auch bei der post , bei der wir noch waren, verloren. nun, es war kein lebensnotweniges smartphone, aber ein paar wichtige telephonnummern waren darin doch gespeichert.
dafür gibt es für mich eine dusche. nach einer woche genieße ich fließendes kühles wasser von oben mit seife in den haaren. am strand kann man sich für umgerechnet einen knappen euro schrubben so lange man will.
abends fahren wir mit bulli wieder zum fährbüro, dort kriegen wir unsere tickets und dann ab zum hafen. mein handy wurde nicht gefunden…
ich erkenne den hafen nicht wieder. vor sieben jahren sind wir von hier aus ebenfalls nach zypern geschippert. nur an die ewige wartezeit erinnere ich mich. gegen 21.00h sind wir vor ort, nach diversen pass-, ticket-, und autopapier-kontrollen, ewigem schlange stehen nach mehrmaligem hin- und herlaufens, bis die richtigen schalter in der richtigen reihenfolge besucht worden sind, stehen wir noch mal deutlich über zwei stunden vor der fähre und warten aufs boarding.
in der not fange ich deine socken zu stricken an, voti. oh, da ist ja auch mein handy. und wieso lag es bei der strickwolle???????
endlich gehts los.
Blick aus dem Bull im Fahrstuhl von Deck zu Deck auf der Fähre.
Bulli steht auf dem Oberdeck unter freiem Himmel, so dass wir über Nacht in unserem Auto schlafen und morgens auch Frühstückskaffee kochen können.
ich gäbe was drum, wenn ich wüßte nach welchem system die fährleute hier mal ein paar laster, dann wieder pkw von hinten in der schlange, dann wieder ein paar aus unserer ‚nachbarschaft‘, noch drei laster und dann wieder lange nichts an bord lassen.
an bord weiß ich wieder wo ich bin. die fähre kenne ich von 2017. aber diesmal hat uns keiner einen tee nach draußen gebracht (was ich schade finde) und das sofa direkt vor dem fernseher frei gehalten (was zu verschmerzen ist, denn dort konnte ich schon damals ob des kraches nicht schlafen). statt dessen gibt es jetzt sitze wie im flugzeug.
wir schlafen im bulli kurz aber gut.
morgens setze ich mich mit meinem strickzeug aufs außendeck und genieße einen kurzen, schönen sonnenaufgang über dem meer. ich bin zu faul wieder zum bulli zu gehen und die kamera zu holen. dafür setzt sich eine türkin zu mir und wir fachsimpeln übers stricken. keine spricht die sprache der anderen und doch funktioniert es.
die bilder hat michel etwas später gemacht:
Anfahrt und Ankunft Girne/Kyrenia (Nordzypern). Auch hier wurde einiges neu gebaut. Der Bauboom ist aber zum Glück nicht so krass ausgefallen, wie an der türkischen Festlandküste zwischen Mersin und Tasucu. Dass diese Immobilienblase noch nicht geplatzt ist, kann eigentlich nur an der galoppierenden Inflation und/oder staatlicher Marktverzerrung liegen.
und beim runterfahren von der fähre knallt der keilriemen ein weiteres mal durch. yeahh, diesmal bin ich nicht die fahrerin!!! das problem muß allerdings warten, denn wir müssen noch mal durch das ganze grenzprocedere.
passkontrolle, autoversicherung für zypern kaufen, wofür es zwei formulare braucht. zum extraschalter mit extraschlange, wo kontrolliert wird, ob wir alle papiere haben. dann bulli holen und zum zoll, der in ihn kurz reinschaut, die heckkiste aufgemacht haben will, aber als michel sagt, darin seien schlafsäcke, war das für ihn ok.
Ich glaube ja, dass der Zöllner vor allem zeigen wollte dass er uns kontrollieren und überall reingucken kann. Als er dann begriff, dass ich zum öffnen der Kiste erst umständlich die Fahrräder und Campingmöbel abmontieren muss, war ihm dass dann doch zu anstrengend. Es ging ihm ja nicht wirklich um Kontrolle, sondern um die Demonstration von Macht.
kann mal wer ein buch über grenzkontrollen und deren idiotie schreiben, bitte!!!! das schlägt jeden commedian auf der bühne.
gleich gehts weiter nach nicosia. unterwegs noch schnell den keilriemen gewechselt, diesmal deutlich(!) unter 30 min.
und jetzt stehen wir mit dem kleinen wieder am ledra palace auf der türkischen seite, fast unter dem selben baum wie 2017. es hat sich NICHTS geändert.
die toiletten sind noch da, das h4c (house for cooperation), das hoi polloi, die queere kneipe, unser hamam, wo ich hoffe auch als frau wieder von ramazan geschrubbt zu werden, sogar s. an der touri-info beim übergang ledra-street in der stadt ist noch da, sie erinnert sich dunkel an uns.
auf unserem parkplatz steht ein 2. womo mit deutschem kennzeichen. darin wohnt d., türke aus deutschland, er arbeitet grade auf zypern. wir kommen mit ihm und seinem freund b., der türkischer soldat auf zypern ist, sofort ins klönen und ich denke, das wird eine nette nachbarschaft.
wir essen auswärts in einem imbiss, der 2017 zu unseren favoriten gehörte. aber er ist teuer geworden, sein kebab reicht grade eben zum satt werden und beim bezahlen wird versucht, michel gehörig übers ohr zu hauen, trotz vorher besprochenem preis. aber das gelingt nur bedingt (michel kann schließlich rechnen!) und wir werden dort zum letzten mal gewesen sein.
die nacht beschließen wir mit d. und bier und gesprächen über dies jenes und noch etwas.
Wir stehen direkt außerhalb der venzianischen Altstadtmauer, und direkt an der grünen Linie, der UN-Zone, die seit 1964 (also seit 61 Jahren) Nord- und Sydzypern trennt. Die Bäume sind übrigens zum größten Teil Eukalyptus. Was praktisch ist. Man zerreibt einige Eukalyptusblätter auf der Haut und die Mücken und Fliegen bleiben weg. Und im Bulli steht ein Becher mit zerriebenen Eukalyptusblättern zur „Territorialverteidigung“ 😉