Aus der Republik Zypern rauseskortiert

Montag 23.10.17.

heute wollen wir uns endlich um die überfahrt nach haifa kümmern.

salamis-shipping fährt regelmäßig. in deren büro werden wir zum neuen hafen weiter geschickt, nachdem die angestellte unsere geschichte gehört hat und skeptisch geworden ist. bulli und menschen nach israel verschiffen? an sich kein problem. aber wir wären über den norden und somit illegal eingereist und bräuchten jetzt viel glück. wenn wir im ‚customer-office‘ eine ausreisegenehmigung bekommen, kann sie alles organisieren, sonst nicht.

im customer-office wird man sofort blaß, als wir unser anliegen vorbringen und an den vorgesetzten vom vorgesetzten weitergereicht. der wird richtig sauer, weil wir offentlichtlich eine größere eselei verzapft haben, da wir über girne gekommen sind. telefonate werden geführt und wir werden mehrfach deutlichst ermahnt, so einen mist nicht wieder zu machen. die ausreisegenehmigung bekommen wir nicht, aber die ansage, daß jemand unseren fall weiter bearbeiten und dann zur grenze nach nikosia/lefkosia eskortieren wird.

ich habe den eindruck, das die leute dezent überfordert sind, weil so etwas wahrscheinlich selten bis gar nicht vorkommt. (ich frage mich, warum eigentlich nicht?) sie können nicht nachvollziehen, warum man uns an den grenzen durchgelassen hat. und außerdem hätten wir keine ausfuhrgenemigung für unseren bulli, beim nächsten mal mögen wir uns bitte schön über die regeln informieren. wir wüßten ja hoffentlich, in welcher situation man hier auf der insel ist.

im nächsten büro hat der mensch am schreibtisch etwas mehr humor, läßt sich alles erzählen, wundert sich nur und hofft, daß wir trotz dieser malesche ein wenig vom schönen griechisch-zypern gesehen haben. wir kriegen sogar einen kaffee.

wir dürfen sogar während des jetzigen aufenthaltes wieder nach süden einreisen.

nur den menschen, der uns eskortieren wird, müssen wir mit knapp 95€ bezahlen. dafür gibt es noch mehr formulare und stempel und dann kriegen wir endlich auch unsere eskorte zur grenze, die in diesem teil der insel aber nicht so genannt werden darf.

Unsere Eskorte vom (griechisch) zypriotischen Zoll.

Dass die Einreise nach Zypern über Nordzypern aus südzypriotischer Sicht illegal ist, war uns bewußt. Auch dass sie Nicht-EU-Bürger dafür durchaus für ein paar Tage in den Knast stecken, uns aber (EU-Freizügigkeit sei Dank) nichts anhaben können. Was Bulli angeht, haben wir damit gerechnet, eine Strafe zahlen zu müssen, und dann weiterfahren zu können. Das Konzept, „Sie sind illegal eingereist, also müssen Sie auch illegal ausreisen!“, finde ich allerding juristisch innovativ.

Die Eskorte zum Checkpoint bekamen wir nicht, weil wir über den Norden eingereist waren, sondern weil wir uns an der Grenze kein CP-5-Dokument für Bulli haben aushändigen lassen. Nachdem wir zurück im Norden sind, könnten wir das beim erneuten Übertritt über die nicht anerkannte Grenze zwar nachholen, aber Ausreisen dürfen wir trotzdem nur über den „illegalen Hafen“ in Girne/Kyrenia. Wir beschließen Bulli im Norden zu lassen, werden aber in der nächsten Woche, die wir in Nikosia verbringen, bis zu 8 mal täglich mit dem Fahrrad über die „Grenze“ fahren.

abends stehen wir in nordnikosia/lefkosa wieder auf unserem geliebten stammplatz unterhalb des türkischen checkpoints am übergang ledra-palace.

Scheunendachkirchen: Außen Pfui – Innen Hui!

Sonntag 22.10.17

wir fahren ins troodos-gebirge, scheunenkirchen ansehen. ich stelle mir kirchen vor, die in der gegend stehen und erst mal wie schafställe aussehen. durch die doppelten wände haben sich diese kirchen verdammt gut erhalten,weshalb sie zum unseco-kulturerbe zählen.

michel kennt sie ja schon von vor 12 jahren. ich bin gespannt.

von den drei kirchen, die wir uns anschauen, will ich vor allem von der zweiten berichten, die erste hatte zwar ältere fresken (aus dem 12. jahrhundert) aber die zweite hat uns am meisten beeindruckt.

es geht los mit diesen herrn hier, der im cafe sitzt, wo man sich bei bedarf den schlüssel zur kirche holen kann.

Der Priester der Kirche wird uns gleich mitnehmen.

er legt gesteigerten wert darauf, nicht mit seiner zigarette photographiert zu werden, und auch darauf, uns den kaffee auszugeben, den wir bestellen und fährt sehr rasant die berge hinauf, laute musik im radio.

ich habe schon öfter festgestellt, daß die popen sehr gewichtig aussehen und ihre gemeinde im griff haben, aber bestimmten weltlichen dingen durchaus zugeneigt sind. neulich sah ich einen, der sich, gemeinsam durch eine gasse bummelnd, im gespräch mit einer frau befand und dabei genüßlich sein großes eis aß.

von außen ist diese kirche tatsächlich wie eine scheune.

Scheune oder Kirche?

aber innen erschlagen mich die fresken. gut erhalten ist völlig untertrieben!!!! so leuchtend, präsent, vollständig. und doch aus dem 15. jahrhundert. nicht wie in kathedralen zig meter hoch unter der decke, sondern direkt vor mir, weil die kirche so klein ist. jede ecke ausgemalt, jeder pinselstrich zu sehen, jedes gesicht zu erkennen. die geschichte jesu wie ein bilderbuch vor mir ausgebreitet.

Die Farben sind in Wirklichkeit viel leuchtender.
Aus dem Bilderzyklus ‚Die Geschichte Jesu‘ in der Scheunendachkirche: Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld.

die außenwände desgleichen. hier ist die hölle abgebildet und was man für welche sünden bekommt.

Strafenregister für Sünden. Die untere Reihe von links nach rechts: Mord, „Haben-wir-vergessen“, falsch Wiegen, seinen Eid Brechen.

die farben auf den fotos werden der wirklichkeit nicht gerecht. durch die beiden massiven wände konnten sie sich erhalten, wie tee, der in einer doppelwandigen thermoskanne lange heiß bleibt.

nach dem wir uns zwar nicht satt- aber müde gesehen haben, schließt der pope seinen schatz mit dem riesigen, alten schlüssel wieder ab, wässert noch schnell die tagetes-rabatten und nimmt uns in ebenso rasanter fahrt wieder mit ins dorf zurück.

nebenbei: so langsam wird es herbst. zumindest im gebirge.

Auch im Troodosgebirge wird es so langsam ein wenig herbstlich.
Ein Unwetter zieht über dem Troodos auf.

wir wollen an der souveränen britischen basis bei limassol schlafen, finden nach längerer fahrt durch etwas unwegsames gelände die südlichsten frei zugänglichen stelle am meer mit fulminantem sonnenuntergang.

Sonnenuntergang am südlichsten freizugänglichen Punkt Europas. (Links der erste Zaun der britischen Airbase.)

und während wir gemütlich noch ein bischen im bett lesen, kommt die polizei. diesmal britische von der „souvereign base area“, die hier stationiert ist. wir streifen sofort wieder unsere hawaii-hemden über. personalien werden aufgenommen, das kennen wir ja schon, und wir werden weggeschickt. hier schlafen ginge auf keinen fall. sie selbst seien ja nur von der polizei und noch entspannt, aber wenn erst die soldaten der royal airforce ihre patrouille machten, gäbs richtig ärger. also fahren wir besser, obwohl es schon dunkel ist. bedauerlicherweise werden wir diesmal nicht eskortiert.

wir landen in der englischen siedlung direkt vorm eingang der luftwaffenbasis und sehen plötzlich große fahnen, auf denen ‚münchner hofbräu‘ steht. anhalten und reingehen! und wieder fallen wir in ein dimensionsloch. die bedienungen in hübschen dirndln, ein deutscher fernsehsender, bayrische festzeltmusik. brezn auf einem ständer, haxn auf der karte und anständige bayrische biere im zapfhahn.

Jürgen aus Dortmund und bina im Münchner Hofbräu, im britischen Gebiet bei Limassol.

der mann hinterm zapfhahn heißt jürgen, kommt aus dortmund und scheint halb wirt und halb freier journalist zu sein. er erzählt uns ein bischen von sich und spannende dinge von seinen reisen durch den nahen osten, die durchaus nützlich für uns sind, und schlaut uns ein wenig über die briten auf zypern auf.

aus dem einen bier werden drei und ich bin froh, daß bulli gegenüber auf dem hausparkplatz steht und wir selbstverständlich dort schlafen dürfen.

ist oft so, daß, wenn wir von einem stellplatz weggeschickt werden, etwas besseres, spannenderes oder ungewöhnlicheres zum übernachten finden.

Wobei es auf dieser Reise das erste Mal ist, dass wir weggeschickt werden. Dass wir in solchen Fällen meist was besseres finden, ist eine Erfahrung aus früheren Urlauben.

Hala Sultan Tekke & Gebeine des Heilige Barnabass

Samstag 21.10.17

Am Vormittag besuchen wir die Hala Sultan Tekke bei Larnaka, eine Moschee wie aus dem Bilderbuch: Eine Halbinsel in einem Salzsee, darauf zwischen Palmen die Moschee mit Kuppel und Minarett, wie man sie sich vorstellt.

die Hala-Sultan-Tekke

Das wichtigste muslimische Heiligtum der Insel liegt im griechischen Inselsüden, sozusagen als Gegengewicht zum Andreaskloster, das als wichtigstes orthodoxes Heiligtum im türkischen Norden liegt. Nach Meinung der hiesigen Muslime ist sie das viertwichtigste muslimische Heiiligtum nach der Kaaba in Mecka, dem Schrein von Mohammed in Medina und dem Felsendom in Jerusalem. Da besteht aber offensichtlich noch Diskussionsbedarf, denn nach Meinung der Syrer ist die Ommaiyadenmoschee in Damaskus und nach Meinung der Palästinenser das Patriarchengrab (Abraham / Ibrahim & co) in Hebron das viertwichtigste Heiligtum des Islam. Vermutlich gibt es noch mehr Viertwichtigste…

Im ältesten Teil der Moschee liegt Umm Haram begraben, die oft fälschlicher Weise als Mohammeds Tante bezeichnet wird, in Wirklichkeit aber „nur“ eine von ihm sehr geschätzte „mütterliche“ Beraterin war. Sie soll an dieser Stelle im Jahr 649 (unserer Zeitrechnung, also nach Christi) beim ersten Überfall der Muslime auf die Insel vom Esel gefallen und gestorben sein.

Interessant finden wir hier insbesonder drei Dinge:

1) Die Omnipräsenz der Katzen in und um die Moschee:

Durstige Katze beim rituellen Füßewaschen.
Katzen in der Moschee sind offensichtlich erlaubt!

Ob die Katzen hier offiziell gehalten werden, wie die Katzen im orthodoxen Kloster „St. Niclas of the Cats“ bei Limassol, welche die Stadt angeblich von einer Schlangenplage befreit haben, wissen wir nicht.

2) Die Bildlichen Ornamente und die Davidsterne, die die Gebetsnische umrahmen:

Es gibt sie doch! Bildliche Darstellungen in einer Moschee.

Unseres Wissens sind bildliche Darstellungen in Moscheen ein Tabu. Und Davidsterne… Naja…

3) Umm Haram ist eine wundertätige Heilige:

So haben beispielsweise die Einwohner von Damaskus, als sie von einer langen Dürre geplagt waren, zu ihr gebetet, dass sie Gott bitten möge, ihnen Regen zu schicken. Und auch jetzt noch kommen Pilger zu ihrem Grab, um sie im Beistand zu bitten. Dies ist in sofern erstaunlich, als dass es im Islam ein Beistellungsverbot gibt. Man darf eigentlich nur zu Gott direkt beten. Das katholische Konzept der Fürbitte durch Heilige ist dem Islam fremd. Aber zumindest in dieser Region scheint die „Tante des Propheten“ Umm Haram die Rolle einzunehmen, die für viele Katholiken die „Gottesmutter“ Maria hat.

Bina auf dem Salzsee mit (genau!) Salz in der Hand.

Nachmittags sind wir in Lympia, dem griechischen Ort gleich unterhalb der südlichsten Stellung der türkischen Armee auf Zypern. Also dem Ort und der Stellung, die wir vor einer Woche vom UN-Posten aus photographiert haben. Diesmal halten wir uns an die Demarkationslinie, können uns ein Photo aber nicht verkneifen:

Türkische Stellung oberhalb von Lympia. Diesmal vom griechischen Dorf aus. (Ja, innerhalb der türkischen Stellung befindet sich eine orthodoxe Kirche.)

Abends bleiben wir unplanmäßig in Peristerona, nördlich des Troodosgebirges, obwohl wir eigentlich noch im Gebirge übernachten wollten. Aber in Peristerona ist Kirchweihfest. Das ganze Städtchen ist auf den Beinen. Das Hauptsträßchen ist von Buden mit Süßkram, Kinderspielzeug und Klamotten gesäumt. Gegen Sonnenuntergang gibt es eine Messe, die per Megaphon auch auf den Marktplatz und in die umliegenden Cafes übertragen wird. Die Messe dauert die (bei den orthodoxen) üblichen drei Stunden. Aber sie ist keine geschlossene Veranstaltung. Vorne in der Kirche sind Heiligkeit und Andacht, hinten das pralle Leben. Die Leute unterhalten sich, gehen ein und aus, und auch die Kinder schauen zwischendrin mal rein, während sie draußen Fußball spielen.

Am Ende der Messe werden Teller mit gekochter Getreidemischung geweiht. Eigentlich wollen wir aus Höflichkeit nichts davon nehmen. Aber da haben wir unsere Rechnung ohne die griechischen Hausfrauen gemacht…

Als die Kirche sich nach der Messe weitgehend geleert hat, gehen wir noch einmal hinein, um uns in Ruhe umzusehen. (Vorher hatten wir uns hinten im Pralles-Leben-Bereich gehalten.) Die Reliquien des Heiligen Barnabas, dem die Kirche geweiht ist, sind in einer offenen Silberschatulle vorm Altarraum ausgestellt. Schädel, Oberschenkelknochen und … tja dann versagen meine anatomischen Kenntnisse.

(fingerknochen diagnostiziert die altenpflegerin)

Die Gläubigen küssen sie genauso wie die verschiedenen Ikonostasen. Sogar zwei Mädchen, die ihr Fangenspiel vom Marktplatz in die Kirche geführt hat, schlagen schnell das Kreuz, küssen die Gebeine des Heiligen und rennen dann in ihrem Spiel durch die Stuhlreihen wieder nach draußen.

Wasserrutschenpark und Strandtag

Donnerstag 19.10.17, Fr. 20.10.17

einer der größten wasserrutschenparks europas wartet auf uns. es ist großartig. weil nachsaison ist, gibt es keine langen warteschlagen und wir haben muskelkater vom vielen treppensteigen, prächtige laune und abends einen herrlichen strandstellplatz zum schlafen.

Hier der Link zum Wasserpark:

http://waterworldwaterpark.com/de/

morgens hab ich kopfweh bis zur übelkeit und wir beschließen einen strandtag pause zu machen.

schlafen, lungern, ein bischen schwimmen.

Ruhetag am Strand

Ab in den Süden / zwei Gleichgesinnte

Mittwoch 18.10.17

eigentlich wollen wir über die britische area südlich von famagusta nach griechisch-zypern einreisen. aber der mensch am grenzerhäuschen erlaubt uns das nicht. wir sollen zum übergang nach lefkosa fahren, dort kämen wir rüber. na gut, es ist ja nicht weit. wir machen uns auf probleme gefaßt, schließlich sind wir irgendwie immer noch illegal im land, aber der polizist legt nur unsere pässe wie üblich in den scanner und winkt uns weiter. vielleicht macht er nur einfach die augen zu, weil er keine lust hat. bulli stellen wir an der stadtmauer ab, gleich auf der anderen seite vom ledra-palas. wir können sogar rüberschauen. die häuserzeile, an der wir auf dem weg von der stadt vorbei mußten. der kleine laden, wo michel morgens brot gekauft hat. ich hab komischerweise schon jetzt sehnsucht.

südnikosia brummt. es fühlt sich wie eine großstadt an. diese vielen eleganten geschäfte. daneben h&m, mc-doof, starbucks. die häuser in den seitenstraßen sehen genau so aus wie auf der anderen seite. nur meist weniger kaputt. und immer wieder stoßen wir auf die grenze. sie wirkt von dieser seite bunter, entspannter, weniger bedrohlich.

Meine Lieblingsstraßensperre in Lefkosia/Nicosia auf griechischer Seite.

und dann treffen wir g… und s… nach ein bischen plauderei stellen wir bei einem gemeinsamen kaffee fest, das wir die selben bekannten haben, michel und g… kommen beide aus der graswurzelbewegung, ich müßte s… noch aus der hafenstraße kennen und wir haben uns eigentlich sehr viel zu sagen. aber die beiden hatten die letzten tage schon so viele verabredungen und wollten sich jetzt einfach nur mal entspannt die stadt ansehen und abends zum abendessen in pafos wieder im hotel sein, das wir uns beizeiten verabschiedeten.

als michel und ich am bulli ankommen und grade bedauern, das wir nicht auf die idee gekommen sind, uns mit ihnen nach dem essen in pafos zu verabreden, kommen s… und g… um die ecke und haben die idee, daß wir uns ja nach dem essen in pafos… ist das nicht wundervoll?????

also ab nach pafos in den süden und einen wunderbaren abend mit netten gesprächen und plaudereien im pub neben dem hotel verbracht. es ist auch mal schön, gleichgesinnte am tisch zu haben, denen man nicht ständig widersprechen möchte.

Die Beiden hatten sich unmittelbar vorher mit einem Zypriotischen Kriegsdienstverweigerer getroffen, und die politischen Gespräche waren wirklich gut und zum Thema „Griechenland, Türkei, Zypern“ sehr informativ für uns. Aber wir gehen hier aber nicht weiter drauf ein. Privatsphäre und so. Auch bei queeren Themen haben wir einige Berührungspunkte mit ihnen.

Auf dem Weg nach Pafos kommen wir dann an der Stelle vorbei, an der Aphrodite dem Schaum des Meeres entstiegen sein soll. Da muss bina natürlich…:

bina, die Schaumgeborene

Hausaufgabe für geneigte LeserInnen über 18: Woraus entstand der Schaum, dem Aphrodite entstieg?

Ein muslimischer Friedhof im Süden der Insel. Genauso verlassen, wie die Kirchen im Norden.

Famagusta und ein türkischer Hitler-Fan

Dienstag 17.10.17

ein tag in famagusta. ich bin irgendwie dermaßen voll mit eindrücken und erlebnissen aus den letzten tagen, daß mir nur stichpunkte im gedächtnis geblieben sind.

ich erinnere mich an eine kathedralenruine neben der nächsten. zypern war, nachdem die kreuzfahrer aus dem heiligen land rausgeflogen waren, deren letzte bastion und da haben sie natürlich noch einmal richtig zeichen setzen müssen. als ob es kein morgen gäbe. auch hier wurde eine kathedrale in eine moschee umgewandelt. mittlerweile kommen so viele touristen, daß die moschee innen mit absperrband gesichert ist.

und von den grabplatten der luisignans, die michelvor 12 jahren noch vom hausmeister gezeigt bekommen hat, weiß der mensch, der am eingang sitzt, nichts. er achtet auch nicht auf angemessene kleidung der frauen, obwohl ich glaube, das dies sein job ist. dann eben nicht.

wieder sind es nur einige wenige straßen in der altstadt, in denen die touristen herumlaufen. schon am othello-turm an der stadtmauer ist es stiller und wir genießen die ausblicke über die stadt.

Die Luisignans haben sich in Famagusta noch zu Königen von Jerusalem krönen lassen, als in Jerusalem selbst schon lange wieder die Muslime regierten. Und so viele Kirchen und Kirchenruinen wie hier gibt auf einem Quadratkilometer sonst vermutlich nirgends. Alleine drei ordentliche gothische Kathedralen keine 200m auseinander. Dazu Extrakirchen für die Tempelritter, die Hospitaliter und was weiß ich wen noch.

Absperrung gegen zu viele Touristen
Die Konsequenz, mit der Gebetsräume neben WCs und WCs neben Moscheen liegen, ist bemerkenswert.
Kathedralen in Steinwurf-Abstand. Die dritte Kathedrale ganz links passte nicht mehr aufs Bild.
Kathedralen-Durchblick
Kartenstudium. Zu welcher Kathedralenruine gehen wir jetzt?

am rand irgendwo sind auch unterirdische kirchen. mit dem stadtplan ist das suchen ein bischen wie eine schnitzeljagd und wo die eine kirche eingezeichnet ist, finden wir einen kleinen laden. der besitzer erlebt es wohl öfter, das leute kommen und sich wundern und er zeigt uns voller freundlichkeit die richtige straßenecke. nach der besichtigung kaufen wir bei ihm ein.

Diese Untergrundkirche war mal katholisch und mal orthodox.
Straßenkatzen sieht man hier überall, und erstaunlich viele Menschen füttern sie regelmäßig.

und dann treffen wir zufällig serkan aus istanbul, seinen bruder und seine mutter wieder, mit denen wir schon in girne zusammen mit den beiden irischen pärchen im pub zusammengesessen hatten.

bei einem kaffee haben wir nun ein sehr interessantes und anstrengendes gespräch, denn serkan sagt uns, wie toll er adolf hitler findet. die stärke, die dieser mann vermittelt hat, beeindruckt ihn über alle maßen.

Serkan (li.) und seine Familie

Solche Hitlerfans haben wir in der Türkei schon ein paar getroffen, und natürlich sofort gegengehalten. Aber da die Betreffenden bisher immer kein oder kaum Englisch konnten, war es uns kaum möglich, auch nur zu versuchen, ihnen klar zu machen, dass Hitler ein Verbrecher und Massenmörder war, und wir Deutschen wirklich nicht stolz auf ihn sind. Oder dass, wenn Hitler heute in Deutschland an die Macht käme, sein erstes Ziel vermutlich wäre das Land „türkenrein“ zu machen.

Michel und ich versuchen ihm klar zu machen, daß wir in keiner weise stolz auf hitler sind. sondern dass wir uns schämen, das der holocaust geschehen konnte, daß wir auf die zeit des 3. reiches als deutsche eine komplett andere sichtweise haben. er jedoch erwidert, die schaffung eines großdeutschen reiches sei doch eine gute absicht. michel versucht es mehrfach. aber für serkan sind die 8 millionen ermordeten nur eine fußnote, für ihn zählt vor allem, dass hitler deutschland stark gemacht hat, dass alle welt ihn respektiert hat. wir dringen gar nicht zu ihm durch. er kann oder will uns nicht verstehen, und fragt mehrfach, welches hitlers fehler war, mit dem er den eigentlich guten nationalsozialismus verdorben hat.

irgendwann geben wir auf. dennoch bin ich ein bischen zufrieden. wir haben unsere meinung gesagt und wir verabschieden uns trotz allem freundlich voneinander.

Und der Mann ist Anwalt und lebt in Istanbul. Sollte also zur aufgeklärten Elite des Landes gehören…

hinter famagusta fängt gleich wieder die grenze an. das müssen wir uns noch anschauen.

Vorne Sonnenliegen auf dem Strand, hinten Ruinen im militärischen Sperrgebiet. Mit Einschußlöchern von 1974.

hier in varosha entstand in den 70ern der ballermann von zypern. ein hochhaushotel neben dem anderen, bars, geschäfte. dann kamen das türkische militär, das gebiet wurde zur miltärzone und verfällt. gespenstisch ist das einzige wort, was mir dazu einfällt. vor allem, weil direkt am strand der zaun anfängt, der immer noch wie ein provisorium aussieht. davor badende menschen, dahinter ruinen. serkan und familie treffen wir dort wieder, sie stört das überhaupt nicht, nehmen es zur kenntnis und schwärmen von dem tollen strand.

eine weitere nacht schlafen wir bei salamis. dahin ist es ja nur ein katzensprung.

Wanderung, Chamäleon, Antikes Salamis

Montag 16.10.17

Wir holen die Wanderung von Kantara zur Burg und zurück nach. Die uns vor einer Woche aufgrund, der Autorallye nicht sehr attrakiv erschien. Eine schöne dreistündige Bergwanderung ohne große Höhenunterschiede. Auf der einen Seite des Bergzuges hin und auf der anderen zurück. Vor allem der Hinweg wartet mit atemberaubenden Ausblicken auf.

Ausblicke

Den Höhepunkt bildet jedoch unsere zweite Chamäleonsichtung. Auf dem Weg ist es leicht zu übersehen, wenn man es jedoch einmal gesehen hat, ist seine Tarnung futsch. Im Gebüsch ist das etwas ganz anderes, selbst wenn es nur 20cm entfernt ist, und man genau weiß, wo es ist, ist es kaum zu sehen. Wir verlieren es immer wieder aus den Augen, und als es kaum 40cm von uns entfernt verschwindet es endgültig. Neben seiner farblichen Tarnung, ist es aufgrund seines Körperbaus schwer im Auge zu behalten (von oben ist es erstaunlich schmal) und aufgrund der Tatsache, dass es nicht huscht. Wenn etwas huscht, sieht man es sofort. Das Chamäleon bewegt sich jedoch langsam bis mittelzügig und wechselt ständig Geschwindigkeit und Richtung.

Das Chamäleon ist im Gebüsch nicht zu sehen. Wirklich nicht!!!
Auf der Wanderung

Im Abendlicht besuchen wir noch Salamis, die antike griechische Stadt und spätere antike römische Stadt am Strand bei Famagusta. Außer der Tatsache, dass nichts abgesperrt ist und man überall drauf und rein kann, beeindrucken mich insbesondere die Thermen, von denen noch erstaunlich viel erhalten ist. Warum gibt es keine nachgebaute antike griechische Therme? So mit allem: Mosaiken, Fußbodenheizung, warmen und kalten Schwimmbecken, feuchtheißem Raum zum Schwitzen und einem Säulengang zum Wandeln. Das müßte doch eine Marktlücke sein, so etwas originalgetreu nachzubauen und zu betreiben.

Das Heißwasserbecken des Bades

Außerdem fasziniert mich die öffentliche Toilette. Man saß ein einem Halbkreis von etwa 8m Durchmesser, jeder konnte jeden sehen und mit ihm reden, und der Halbkreis war zum Forum hin geöffnet, gleich gegenüber lagen die Thermen. So wohnte man auch beim erledigen seines Geschäftes noch den Staatsgeschäften, der Gerichtsverhandlung oder dem Markt bei. Das gibt dem Begriff „öffentliche Toilette“ eine ganz neue Dimension. Die Toilette selbst ist übrigens fast ein modernes WC. Vorne eine Rinne, in der frisches Wasser fließt, hinten eine tiefere Rinne, in die man hineinscheißt. Es lagen Schwämme an Stielen bereit, mit denen man sich anschließend säuberte. (Diese öffentlichen Schwämme müssen ein hervorragender Verbreitungsweg für Parasiten gewesen sein.)

Öffentliche Toilette im wahrsten Sinne des Wortes

wenn ich es mir recht überlege, finde auch ich unsere deutsche sauna- und badekulur armselig. trotz allen bioenergethik,-salz,-und sonstigen dekosaunen. ein römisches bad, der hamam, auch die russische banja, japanisches zento und natürlich eine finnische schwitzhütte mit 120 grad.

es gibt so tolle beispiele in der welt. ich wünschte mir eine sauna- und badelandschaft, die diese schwitz- und badekulturen unter einem dach vereint.

salamis ist faszinierend. so vieles ist noch da. die steine und fliesen, auf denen wir wandeln, sind original. wer hat da nicht alles schon seinen fuß hingesetzt, wo ich zufällig grad stehe. irgendwo hat jemand scherben gefunden und sie auf einem säulenrest abgelegt, wie zum mitnehmen. teile der fußbodenheizung sind sichtbar. fast meine ich den lärm, die gespräche der badegäste zu hören. irgendwo bietet jemand schreiend seine ware an, jemand macht musik, von ferne höre ich pferdehufe auf der straße. mir bleibt so manches mal der mund offen stehen.

Das Theater von Salamis
Wunderschön, aber warum versammeln sich Schnecken am oberen Ende eines Pflanzenstiels um zu sterben?
Eine erstaunlich große Echse oder ein erstaunlich kleiner Drache.
Je nachdem.

Nach einem Bad in den Wellen schlafen wir oberhalb des Strandes 100m von den Ruinen entfernt.

Das Mafiahaus

Sonntag 15.10.17

Wir besuchen auf Empfehlung unseres Reinigungsinhabers das „Blaue Haus“, das Haus eines italienisch-griechischen Mafioso und Waffenschmugglers in den Bergen am Ostende der Nordküste Zyperns, bei Camlibel.

Das Haus liegt auf einem türkischen Militärgelände und ist trotzdem der Öffentlichkeit zugänglich. Es muss dem türkischen Militär also sehr wichtig sein, denn sonst lassen sie nichts und niemanden auf ihre Stützpunkte, Kasernen und Übungsplätze (von denen es in Nordzypern übrigens unglaublich viele gibt). Leider bleiben sie aber so paranoid, dass sie auch im Haus das Photographieren verbieten, wie in und um jedes Militärobjekt.

Es ist wieder das gleiche Spiel wie im Museum des Nationalen Kampfes. Hier wollen sie vor allem zeigen, wie gut die Drahtzieher der Griechen lebten, während die Inseltürken unter ihrer Brutalität litten. Und wieder werden Zahlen, Daten und Fakten weggelassen. Diesmal ersetzt durch Geschichten, die zwar gut sind, aber schon einem oberflächlichen Plausibilitäts-Check nicht standhalten.

– Vor 1960 ging es den Inseltürken nicht schlechter als ihren griechischen Landsleuten. Danach vermutlich ja. Aber der Beweis wird hier nicht geführt.

– Der Inhaber des Hauses lebte offensichtlich gut (immerhin in einer Villa mit Pool). Aber überschwelgend? Nein! Da haben es der Zeitungsmogul Hearst, Ludwig II von Bayern oder Berlusconi ganz anders krachen lassen.

– Zwar wird behauptet, dass der Hausbesitzer einer der größten Waffenhändler des Nahen Ostens war, aber es wird keine einziger Transport oder Deal von ihm als Beispiel konkret benannt.

– Die Geschichte, dass er seine Villa deshalb geschickt in die Berge gesetzt hat, dass er einerseits einen guten Blick auf Umgebung und Küste hat, man andererseits das Haus von außerhalb des Grundstückes nicht sehen kann, weil seine Waffentransporte über seine Villa liefen, ist unglaubwürdig. Kein Mafiapate lagert seine illegale Ware in der eigenen Villa. Deshalb ist er ja der Pate. Dieses Risiko lagert er (im Wortsinne) aus und schiebt es irgendeinem kleinen Gefolgsmann zu.

Was wir sehen ist eine 50er-Jahre-Villa, die vermutlich wirklich einem Mafioso gehörte. Dafür sprechen u.a. die Existenz eines Fluchttunnels und das versteckte liegende Wachhäuschen mit Schiessscharten. Aber vor allem fällt mir auf, dass sie erstaunlich funktional und geschmackvoll eingerichtet ist. Die Lage und Größe der Räume empfinde ich als angenehm. Und es gibt viele kleine Details, die zeigen, dass Architekt und Innenarchitekt wirklich nachgedacht haben. Zum Beispiel:

– Das nach Süden liegende Esszimmer hat einen überdachten Balkon, der dafür sorgt, dass es morgens und abends Sonne, mittags jedoch Schatten hat.

– Auf der Anrichte im zentralen Flur des Gebäudes steht eine bronzene Ballerinenstatue, die so ausbalanciert ist, dass sie bei einem leichten Erdbebenstoß mit lautem Krachen umfällt, was im ganzen Haus zu hören ist. Da leichte Erdbebenstöße oft Vorbeben für stärkere Stöße sind, ist dies ein geniales und elegantes Frühwarnsystem.

Einen Nebenaspekt der Führung, den ich bezaubernd finde ist, dass den Besuchern, die ja meist Muslime sind, beim einem Gemälde der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm erklärt wird, wen das Bild zeigt, dass dies ein im Christentum häufiges Motiv ist und dass die Kreise aus Blattgold hinter den Köpfen (die Heiligenscheine) die Heiligkeit der Personen darstellen. – Dass die Verwendung von Blattgold für die Heiligenscheine als Beleg für den Luxus und die Prunksucht des Hauseigentümers gewertet wird, ist hingegen keine glaubwürdige Argumentation. Blattgold war und ist erstaunlich billig. Wir haben zu hause genug Blattgold für mindestens zweieinhalb Heiligenscheine herumliegen.

Anschließend fahren wir noch bis zur Küste unterhalb der Burg Kantara und verbringen den Nachmittag mit herumlungern und lesen.

Lungern im Bulli

Versehentlicher illegaler Grenzübertritt

Samstag 14.10.17

Eigentlich wollten wir uns nur kurz die innerzypriotische Grenze bei Akincilar angucken, bevor wir an die Norküste der Insel fahren. Aber es kam anders…

Ankinclar ist ein nordzypriotisches Dorf, dass am Ende einer etwa sechs Kilometer langen „Halbinsel“ des Nordens in den Süden liegt. Von drei Seiten vom Süden umgeben und nur über eine einzige Straße zu erreichen.

Der Weg nach Akincilar führt durch ein im Krieg von 1974 völlig zerstörtes Dorf und wird von Hügeln gesäumt, auf denen Stellungen der türkischen Armee liegen. Wir fahren in das Dorf hinein, hindurch und hinten wieder heraus. Die Straße biegt nach Osten und wird zum gut ausgebauten Schotterweg. Auf den Hügeln links und rechts sehen wir türkische Militärposten. Wir werden langsamer und halten zwischendrin sogar an, um Landschaft und Karte genau zu betrachten. „Hier müßten doch jetzt die Grenzanlagen kommen.“ Aus unserer Erfahrung mit den türkischen Grenzen zu Griechenland, zu Syrien und in Nikosia wissen wir ja, dass die Türkei dazu neigt, ihre Grenzen sehr(!) ordentlich zu sichern und kenntlich zu machen. Hier nicht! Kein Schild, kein Zaun, keine Schranke, kein Soldat. Nur der Posten auf dem Hügel rechts von uns, der zwar kurz zu uns runter sieht, dann aber telephonierend weiterschlendert. Wir fahren also weiter und stehen unvermittelt vor einer weißen UN-Tonne, die die Grüne Linie (also die von der UN überwachte Waffenstillstandslinie) markiert. Wir sind in die UN-Pufferzone geraten und fahren auf der Grünen Linie weiter zur nächsten Tonne und einen Hügel hoch, auf dem wir einen UN-Posten sehen.

Der Posten ist unbemannt. Wir schnappen uns Fernglas und Kamera, steigen aus, gehen in den Posten, und betrachten und photogaphieren die Gegend. Wir finden die Situation schon cool, wissen aber auch nicht so richtig, was wir jetzt machen sollen. Weiter zu den Griechen? Oder zurück zu den Türken? Deren Posten uns übrigens inzwischen mit ihren Ferngläsern anstarren. – Humor ist mit ziemlicher Sicherheit keine Stärke des türkischen Militärs. Und die Jungs sind bewaffnet! – Zum Glück sehen wir in der Entfernung ein UN-Patroullie mit dem Auto die Grüne Linie entlang auf uns zufahren. Wir fahren ihnen zum Fuße des Hügels entgegen.

Michel im UN-Posten.
Der Blick aus dem UN-Posten.
Ein zypriotischer Schmetterling (weder türkisch noch griechisch).

Es sind Blauhelmsoldaten aus Slowenien. Sie sagen uns, dass dies die „Verbotene Zone“ sei. Betreten Verboten! Photographieren verboten! Nur sie dürfen (und müssen) uns photographieren. Sie wollen uns „zurück“ zur griechischen Seite begleiten und glauben uns nicht, dass wir von der türkischen Seite gekommen sind. Das sei absolut unmöglich! Unsere Reisepässe mit den nordzypriotischen Stempeln sehen sie erstaunt an, eskortieren uns dann aber trotzdem auf die griechische Seite. Dort steht nur ein verwaister Grenzposten. Wir sind also plötzlich in Südzypern, ohne ordentlich eingereist zu sein.

Die Blauhelme geleiten uns zur griechischen Seite.

Wir fahren schnurstracks zum nächsten Innerzypriotischen Grenzübergang.

Die griechisch zypriotischen Zöllner an diesem Übergang kontrolliern nur die Autos, die aus dem Norden in den Süden fahren. Sie sind für uns also kein Problem.

Mit den türksich zypriotischen Grenzern ist das nicht ganz so einfach. Sie wissen nicht, was sie mit uns anfangen sollen. Sie wollen wissen, wie wir aus Nordzypern ausgereist sind, weil unser Ausreise nicht in ihrem Computersystem registriert ist. Wir sagen es ihnen und sie meinen, das könne nicht sein, das sei noch nie vorgekommen. Wir können es ihnen aber anhand unserer Photos beweisen. Dann geht ein gut viereinhalb Stunden dauerndes Spiel los. Die Grenzpolizei und die Sicherheitspolizei versuchen sich gegenseitig den Schwarzen Peter der Entscheidung zuzuschieben. Die Ränge der uns befragenden Polizisten werden immer höher. Von „kein Streifen auf der Schulter“ bis „drei Streifen auf der Schulter“ und „extra aus Nikosia hergefahren“. Auch die Telephonate scheinen immer weiter weg zu gehen. Anfangs sind die Nummern noch eingespeichert, dann werden sie auf der Pinnwand nachgesehen und schließlich erfragt, aufgeschrieben und angerufen. Am Ende unterschreiben wir ein Geständnis, dass wir die Grenze der „Türkischen Republik Nordzypern“ verletzt haben und versprechen, dies nicht wieder zu tun. – Natürlich machen wir das nicht noch mal! Wir sind ja nicht wahnsinnig.

Der Grenzübergang, an dem wir 4 1/2 Stunden gewartet haben, von der Straße vorm Cafe aus gesehen.

Als wir anschießend im ersten Cafe hinter der Grenze sitzen und zur Entspannung einen türkischen Kaffe trinken (der übrigens von einem zypriotischen, griechischen oder albanischen Kaffee nicht zu unterscheiden ist – aber bei der Bestellung bloß nicht verwechseln!) – auf jeden Fall, als wir da sitzen hält der extra aus Nikosia angereiste Polizist mit den vielen Pommes auf der Schulter extra noch mal an, um kurz mit uns zu schnacken und uns alles Gute zu wünschen.

Wir schlafen wieder an unserem altenbekannten Platz am Ledra Palace. Heute keine Experimente mehr!

ich denke, was uns im umgang sowohl mit den un-soldaten als auch mit den grenzern sehr geholfen hat, war unsere zum gutteil gespielte naivität.

natürlich war uns klar, daß hinter akincilar die un-zone anfängt. aber bitte, wenn die nicht in der lage sind, ihre grenzen anständig zu makieren und zu schützen … fahren wir halt weiter.

als uns die soldaten abfingen, haben wir bewußt, aber auch nicht zu betont auf naiv gemacht. wir streiften sozusagen unsere bunten hawaii-hemden über und lächelten sonnig.

das führte auf jeden fall erst einmal dazu, das auch die soldaten lächelten. dann begrüßten wir sie mit einem netten hallo und gaben ihnen die hand und der ärger verschwand aus ihren gesichtern. zurück blieb erstaunen und ungläubigkeit, es folgte ein netter dialog und das gemeinsame bemühen, diese offentsichtlich sehr ungewöhnliche situation gemeinsam zu bewältigen. zurück auf der hauptstraße verabschiedeten wir uns herzlichst, nicht ohne einer ermahnung, so was nie wieder zu machen. wie man halt kinder ein wenig ausschimpft.

ich bin überzeugt davon, die hätten auch anders gekonnt.

an der grenze nach nord-zypern war es ähnlich. mit einem lächeln, guten tag sagen, die hand reichen und der bereitwilligkeit, mehr fragen zu beantworten als die grenzer eigentlich stellten, kann man sehr deeskalierend sein.

jeder, der neu ankam, mußte erst mal bulli kontrollieren. unser kleiner gefährte hat immer wieder für erstaunen und leuchtende augen gesorgt, wenn offenbar wurde, was wir in ihm alles verwahren. küche, schlafplatz, gepäck in so einem kleinen auto. der gartenschrank erntete besondere bewunderung.

im laufe der stunden entspannte sich die lage immer mehr. die polizisten hatten mit telefonieren zu tun und nachdem wir uns erst nicht vom fleck rühren durften, konnten wir uns bald frei auf dem grenzgelände bewegen. bücher, wasser und kekse aus dem bulli holen und es uns im schatten gut gehen lassen.

auf toilette gehen, den polizisten bei der arbeit zuschauen, ein bischen johannisbrot naschen, dass uns eine von ihnen zum probieren gab. und michel hat in der küche in alle schränke geguckt und den abwasch gemacht. auch die verdeckte geheime pinnwand mit den wichtigen telefonnummern haben wir gefunden.

und wir wurden auch beim fünften erzählen unserer geschichte nicht ungeduldig. auch in dieser sache bin ich sicher: wären wir unwirsch geworden oder hätten angefangen zu nörgeln, wären wir nicht so schnell weitergekommen.

ich fühlte mich immer unbedingt sicher. wir hatten etwas getan, was wohl noch niemals vorher passiert war. wir blieben beim erzählen immer bei der wahrheit. wir wollten niemandem etwas böses. kein grund zur sorge.

ich fürchte nur, das irgendwo bei der türkischen armee ein kleiner, unbedeutender grenzsoldat jetzt einen höllenärger bekommt, weil er für einen moment unaufmerksam war. ich glaube, da versteht die armee keinen spaß.

PS: Hier der Blick aus dem UN-Posten noch mal als PDF, damit man hineinzoomen kann [Nach einer technischen Verbesserung des Blogs kann man sich nun zwar auch das JPG-Bild selber groß anzeigen lassen, wir lassen das PDF aber trotzdem drin.]:

Blick-vom-UN-Posten.pdf

In der Mitte die Schotterstraße auf der wir gekommen sind. An ihrem hinteren Ende sieht man den Rand des Nordzypriotischen Dorfes, an ihrem vorderen die weißen UN-Tonnen, die die Grüne Linie makieren. Links von der Straße hinten ein hoher Hügel und etwas weiter vorne ein niedriger. Beide mit türkischen Stellungen oben drauf. Das Dorf links von den beiden Hügeln gehört schon zum Süden. Die Berge im Hintergrund sind das Troodosgebirge.

Muslimische Beerdigung & queere Politkneipe

Freitag 13.10.17

Jeden Tag finden nach dem mittäglichen Muezzinruf auf dem großen Friedhof von Nordnikosia die Beerdigungen statt. Und da unser Reinigungsinhaber uns versichert hat, dass es absolut in Ordnung ist, wenn wir der Zeremonie pietätvoll und mit etwas Abstand beiwohnen, machen wir das heute.

Auf dem Friedhof steht vor einer kleinen Moschee, auf einem Tisch ein schlichter grüner Sarg, der offensichtlich wiederverwendbar ist. Nach und nach trifft die Trauergemeinde ein, und der eine oder andere stellt einen Blumenkranz mit Banderole an den Sarg. Dann beginnt mit etwas Verspätung die Zeremonie. Auf mich wirkt sie eher wie ein militärischer Appel, als wie eine Beerdigungszeremonie. Die Trauernden stellen sich wie eine Kompanie in Reih und Glied auf. Gesicht zum Sarg. (Und nach Mekka – aber das kann Zufall sein.) Dann sagt der Hodscha einige offensichtilich liturgische Worte auf die die Gemeinde im Chor antwortet. Das ganze dauert kaum fünf Minuten, dann ist es vorbei. Der Sarg wird zum Leichenwagen getragen und langsam, mit dem Trauerzug dahinter zum offenen Grab gefahren. Dort wird der in ein Leichentuch gewickelte Tote dem Sarg entnommen ins Grab gelegt. Während die engsten Angehörigen noch am Grab weinen, zerstreut sich schon die Trauergemeinde.

Zwar weiß ich, dass es auch die Tradition des Trauersitzens gibt. Aber als sozialisierter Katholik hatte ich mir die Beerdigungszeremonie schon länger und ritualbeladener vorgestellt. Da sind ja protestantische Abschiedsgottesdienste und Beerdigungen ausladender. (Auch wenn ich nicht verstehe, wie aus dem opulenten katholischen Leichenschmaus der norddeutsch protestanische Beerdigungskuchen – diese staubtrockene Kargheit – werden konnte.)

Anschließend holen wir unsere frischgereinigte Wäsche ab, was erneut zu einem guten, informativen Gespräch mit dem Inhaber führt, und besuchen „unser“ Buchcafe.

Abends geht’s dann in eine queere Politkneipe ganz in der Nähe des Grenzüberganges in der Innenstadt. Vermutlich sind der nahe Übergang und die Touristen ein guter Schutz für die Andersliebenden und Andersdenkenden.

Der Laden war uns schon bei unserem ersten Altstadtbummel aufgefallen. Regenbogenfahne auf dem Dach und lauter linkspolitische Plakate im Fenster, wie beispielsweise die Ankündigung eines israelisch-ziypriotisches LGBT-Treffens oder eines antimilitaristisches Konzertes. Letzteres auf Türkisch und Griechisch(!):

Es tut gut mitten in Nordnikosia vor der Kneipe in der lauen Sommernacht zu sitzen (OK, inzwischen ist es so kühl, dass sich bina ein Tuch um die Schultern legt.) und die bunten Pärchen an den Nachbartischen zu sehen. Zwei Lesben liebkosen und küssen sich ganz offen, eine absolut offensichtliche Tunte neckt sich mit anderen Schwulen und eine türkisch-griechisches Paar unterhält sich auf Englisch. – Dass in einer türkischen (Halb-)Stadt so etwas so offen möglich ist, hätten wir nicht gedacht. – Es freut uns und wir glauben zu ahnen, wie schwer es diese kleine qeer-libertäre Gemeinde im komplett durchmilitarisierten, und vermutlich noch recht patriarchalen Nordzypern hat. „Wir wünschen euch viel Kraft und Erfolg sowie möglichst wenig Repression von Staat und Gesellschaft!“