wir fahren ein letztes mal nach girne über den checkpoint metehan, wo wir uns das ach so wichtige gelbe formular für bulli abholen. selbst der mensch am schalter macht zu diesem unsinnigen papierkram eine mehr als ironische bemerkung.
Das „gelbe Formular“ haben wir bei unserem ersten Zypernaufenthalt im Oktober bei der Einreise im Hafen von Girne bekommen. Also einen Monat vor der Ausreise. Diesmal müssen wir es am Tag der Ausreise (keinen Tag früher) an der Inlandsgrenze (und nicht im Hafen) beim Zoll abholen. Da wir ja diesmal über die Republik Zypern und nicht über die Türkei nach Nordzypern eingereist sind.
im hafen von girne bekommen wir anstandslos unsere tickets für gewohnt kleines geld. die fähre fährt schon nachmittags um drei. so bleibt leider keine zeit mehr für ein parting glas guinness in ‘unserem’ pub, aber wir kriegen einen letzten zypriotischen kaffee am hafen und kaufen noch eine flasche zivania als erinnerung. die wartezeit am schiff beim verladen hält sich in grenzen. heute ist nicht viel los, alles verläuft routiniert. die einzige aufregung hat bulli, der zum ersten mal fahrstuhl aufs oberdeck fahren darf.
Bulli im Hafen – wieder mal – inzwischen wird er auch gar nicht mehr seekrank.Blick aus Bulli im LKW-Fahrstuhl auf der Fähre. Eine völlig ungewohnte Perspektive. Wie passt hier ein ganzer Laster drauf?
nach dem wir an deck mit dem einen oder anderen passagier ein pläuschen halten, verbringen wir die überfahrt im bett. im gegensatz zu den fähren, die wir sonst gewohnt sind, darf man hier nämlich während der überfahrt im auto bleiben.
in tusucu im hafen werden wir spätabends zum ersten mal auf dieser reise etwas ernsthafter durchsucht. der mensch läßt sich unser oberes klamottenfach zeigen, sowie den kühlschrank und die spüle, in der vermutung dahinter, bzw. darunter befindet sich ein blinder passagier. er fragt auch nach dem raum unter dem teppich, dabei ist offensichtlich, daß sich dort nur das bodenblech und dann die straße befindet. unsere charmeoffensive kommt dies mal nicht an. er ist wenig beeindruckt von bulli. die großen stauräume hinten unten findet er trotzdem nicht. ansonsten gibt es keine schwierigkeiten und wir sind schnell auf der straße richtung mersin, wo wir einen schönen stellplatz am strand finden und eine nacht bei meeresrauschen verbringen.
in fahrradnähe ist der campingplatz von ayshe, wo wir im letzten jahr ein paar tage verbrachten. dort gehen wir am nächsten tag auf einen tee ins internet. erst erkennt uns ayshe nicht, aber dann will sie mich gar nicht wieder loslassen, so freut sie sich. natürlich gibt es nicht nur das glas tee, sondern gleich eine ganze kanne und es biegt sich der tisch, als wir nach einer kleinigkeit zu essen fragen. ihre w-lan verbindung können wir nutzen, solange wir wollen. als wir schon zum abschied im flur stehen, gibts noch schnell ein tellerchen erdbeeren und die zitronen, die ayshe uns noch mitgeben will, kann michel mit knapper not abwehren.
Unser Stellplatz am Strand: Im Hintergrund spätrömische Ruinen. Ach ja, und Kaiser Barbarossa soll hier seine letzte Nacht geschlafen haben, bevor er im Fluß ertrank.
unsere letzte und längste wandertour auf zypern. die burg st. hilarion liegt auf einem gipfel des pentadaktylosgebirges oberhalb von girne/kyrenia und soll angeblich die sein, von der sich walt disney hat inspirieren lassen. so schön sie liegt: nein, wir glauben das nicht. das halten wir für eine illusion. wir werden sieben stunden unterwegs sein, es wird deutlich bergauf und -ab gehen.
Da gehts hinauf.
jetzt muß ich meiner begeisterung mal ausdruck verleihen. was ich hier an blühenden mimosenbäumen und -büschen gesehen habe, geht auf keine kuhhaut. es ist kaum auszuhalten. mimosen kenne ich sonst nur als kleine, teure zweiglein aus dem blumengeschäft. hier tun einem die augen weh vor lauter gelb. nicht hier und da ein busch, nein, ganze haine überall. und die zweige hängen voll mit diesen kleinen blütenbällchen. ohne worte!
Pause, bevor es richtig steil wird und ein bischen gekraxelt werden darf.
Nein! Ich bin nicht nackt! Ich habe eine kurze Hose und Wanderschuhe an. Ich habe mir nur der Hitze wegen das T-Shirt ausgezogen. Wir sind ja alleine am Berg. Also außer bei der Burg, zu der werden die Pauschaltouristen Busladungsweise hingekarrt.
Es ist schön, das Ziel so malerisch vor Augen zu haben.
oben an der burg ist viel los. ganze busladungen mit touristen werden abgeworfen. wir haben glück und haben die eine oder andere ecke dieser schönen anlage für uns. bei der größe verläuft sich der trubel schnell.
Außerdem surfen wir quasi vor dem Touristentsunami her. Auf dem Rückweg vom Bergfried zum Burgtor schwimmen wir dafür wie die Lachse gegen den Strom.
Die Kirche der Kreuzritterburg.Ein sagenhafter Ausblick auf die Küstenebene um Girne/Kyrenia.Ein schöner Durchblick.Wie im Fantasyfilm.Das Standartmotiv aus jedem Reisebuch.
die burg hat drei ebenen. in den unteren lebten die soldaten, gesinde und das einfachere volk, oben in der 3. etage am gipfel des berges die adligen. die treppen nach oben sind uneben und anstrengend, aber der ausblick lohnt sich. vom burgtor zum bergfried sind es gut 150 höhenmeter.
Michel auf dem Gipfel (knapp oberhalb der Grundmauern des Bergfrieds).
am eingang kehren wir noch auf ein bier ein und machen uns auf den weg wieder nach unten. keinen moment zu spät, denn es ziehen wolken auf und die sicht ist nicht mehr so spektakulär. es bleibt steil, kraxelig und ein vielfältiger weg, bis es dann weiter unten flacher und auf feldwegen bequem wird.
Trotz der aufziehenden Wolken wird es nicht kalt, eher schwül. Aber ein Gewitter bleibt aus.
Binas Knie macht alles brav mit. Dank Stöcken, Knieschiene und ihrer geliebten guten Wanderschuhe.Beim Abstieg lohnt sich der immer mal wieder der Blick zurück.
Müde und glücklich kommen wir wieder am Bulli an und fahren ein letztes Mal zum Schlafen zum Checkpoint Ledra-Palace in Nikosia.
einmal muß es noch sein. wandern im troodos- gebirge. wir nehmen eine einfache tour rund um den gipfel des hiesigen olymps, mit 1952 m der höchste berg der insel. 2-3 stunden und keine steigungen. ein besserer spaziergang in einer ansehnlichen höhe von 1850m. der wald ist wunderschön. so viele seltsam gewachsene bäume haben wir noch nie gesehen. hier oben sammeln sich die wolken, schieben sich die täler hoch und über die gipfelkämme. kühl ist es und an den nordhängen liegt zum teil noch harschiger schnee. ein bischen verwunschen wirkt der wald und nach jedem gelaufenen kilometer sieht er anderes aus.
Wald und Wolken.Jeder Stamm ein Unikum. Wenn hier mal nicht ein Wesen wohnt…Ein Weiblein steht im Walde… (Auf dem zweitgrößten Schneefleck, den wir gefunden haben.)Kühl ist es hier oben.
Als Kind und Jugendlicher bin ich leidenschaftlich Ski gefahren. Aber nachdem ich als Teenager mit meiner Familie auf dem Fernwanderweg E5 über die Alpen gewandert bin und dabei zwei Skigebiete im Sommer durchquert habe, kann ich das nicht mehr. (OK, einmal bin ich rückfällig geworden.) Wir sind damals durch großartige Natur gewandert, aber auch über “Meran 2000” und durch das Pitztal. Und da habe ich gesehen, was Skifahren der Bergwelt antut. – Das Skigebiet hier ist zwar sehr klein (nur drei Lifte), trotzdem habe ich einen Knoten im Bauch.
Für wenige Wochen eine Skipiste. Das ganze Jahr der ökologische Wert eines Parkplatzes.Ausblick in die Ebene von Nikosia.
zurück am bulli haben wir ein immer mal wiederkehrendes erlebnis: deutsche touristen, diesmal vater und sohn, sehen bulli, wundern sich ein bischen und sind höchst erstaunt, daß er ein pinneberger kennzeichen hat. oft werden wir dann angesprochen, man quatscht ein bischen und manchmal ergibt sich, wie auch jetzt, eine kurze diskussion über die politische lage der gegend oder wie man ein sabbathjahr auf den weg bringt.
die nacht verbringen wir am wanderweg im wald. wie schön, mal wieder in der natur zu stehen und nicht in der stadt.
Bulli ist erstaunlich geländegängig. “Home is, where you park it!” (Ja, wir wiederholen uns…)
Aydin vermittelt uns an “Unite Cyprus Now” (UCN), eine bikommunale (also türkisch-griechisch-zypriotische) Initative, die verhindern will, dass der Status Quo schleichend zur dauerhaften Teilung der Insel führt. Sie sind unter anderem jeden Samstag zwischen 11 und 12 Uhr in der UN-Pufferzone zwischen den Checkpoints am “Grenz”-Übergang Ledra-Street mit zypriotischer Musik vom Band und einer Ausstellung von Zypern-Cartoons präsent und verteilen Flugblätter. – So waren wir schon im Oktober an ihr Flugblatt und ihren Aufkleber gekommen. Damals aber ohne weiteren Kontakt.
Unite Cyprus Now hat auch einen Veranstaltungs- und Lagerraum mit Toilette und Teeküche in der Pufferzone. Nach der Flugblattverteilstunde halten sie hier ihr wöchentliches Gruppentreffen ab. Aber nicht drinnen, sondern öffentlich davor.
1. Samstag: Gruppentreffen in Pufferzone
Am ersten Samstag bittet Tina (unten im Bild links neben Michel) uns darum, kurz von unserem Aufenthalt in Israel/Palästina und unseren Erfahrung in Hebron zu erzählen und schlägt vor, dass wir am nächsten Samstag um 12 Uhr vor einem etwas größeren Publikum eine Slideshow zu dem Thema machen, für die dann auch gezielt auf der Facebookseite der Gruppe geworben wird. Unser kurzes Erzählen wird durch viele Nachfragen zu einem etwas längeren Erzählen, das dann mit dem Verweis auf nächsten Samstag abgebrochen wird. – Außerdem werden wir zu zwei Abendessen der Gruppe am Mittwoch und Freitag eingeladen.
Gruppentreffen von Unite Cyprus Now in der UN-Pufferzone des Übergangs Ledra-Street.
Anschließend gehen wir noch zum gemeinsam Mittagessen in ein nahegelegenes Restaurant mit. Als wir am Ende unseren Anteil zahlen wollen, sind wir zu spät dran. Alles ist schon beglichen.
so ein essen erschlägt einen fast. in nullkommanix biegt sich der tisch vor leckereien, der wirt kommt mit einem schüsselchen nach dem anderen. daß wir eigentlich nur ein bier mit trinken wollen, wird nicht akzeptiert. es werden drei gespräche auf einmal geführt, alles quatscht durcheinander, es geht lebhaft durch alle themen kreuz und quer.
wir haben das gefühl, sofort in dieser gruppe nicht nur herzlich empfangen, sondern auch auf verschiedensten ebenen sofort aufgenommen worden zu sein. michel quatscht mit thomas über religion (thomas gehört hier zur maronitischen minderheit), ich hocke neben tina und wir plaudern über meditation, mit ioli berate ich, welcher zivania am besten ist und verschiedene andere dinge. mir gegenüber hockt natalie, die mich über das katzensterilisationsprogramm auf zypern aufschlaut. viele dieser menschen sind auch über die politischen interessen hinaus hoch interessant.
Mittwoch: Zypernkonflikt trifft Israelkonflikt
Am Mittwochabend ist Unite Cyprus Now mit einer etwa 40 Personen zählenden Gruppe des israelischen Projekt “Living Together” verabredet. “Living Together” lädt ein und zahlt das Abendessen. Die Gruppe besucht für eine paar Tage Zypern, um über den Zypernkonflikt einen anderen Blickwinkel auf ihren eigenen Konflikt zu bekommen. Doch anders als von Unite Cyprus Now erwartet, bildet die “Living Together”-Gruppe nicht den israelisch-palästinensischen Konflikt ab, sondern die innerisraelischen Konflikte. Sie besteht vor allem aus nationalreligiösen Siedlern, ultraorthodoxen Haredim und säkularen Zionisten, dazu einige linke Israelis (die in Deutschland als rechts gelten würden) und drei arabischen Israelis (die alle drei die israelische Staatsbürgerschaft haben und von denen sich zwei als Israelis und nur eine als Palästinenserin bezeichnet). – Palästinenser aus dem Westjordanland, Gaza, Ostjerusalem, nicht anerkannten Dörfen in Israel und so weiter fehlen vollständig.
Entsprechend einseitig israelisch geprägt sind die Sichtweisen in der Gruppe auf den israelisch-palästinensischen Konflikt. Die Konfliktfragen innerhalb der Gruppe drehen sich darum, wie die grundverschiedenen israelischen Gesellschaften aus denen sie kommen zusammenleben können. – Palästinenser kommen (außer bei der einen Palästinenserin) nur als “die Anderen” vor, die zu einem Problem werden, weil die Nationalreligösen das “ganze Land”, die säkularen einen “demokratischen Staat” und die Ultraorthodoxen einen “jüdischen Staat” haben wollen.
Wir werden zum Abendessen gemischt auf die Tische verteilt und es ist furchtbar interessant:
So sitze ich neben einem nationalreligösen Siedler aus einer Siedlung bei Hebron, der mich sogar zu sich einlädt.
Eine ultraorthodoxe Jüdin rauscht beleidigt ab, als ich sie wegen ihres Kopftuchs für eine muslimische Palästinenserin halte.
Der Aufwand, der für das koschere Essen der Haredim getrieben wird, ist unglaublich. Nicht nur koscher zubereitetes Essen, auch steriles Einweggeschirr, dass garantiert nicht kontaminiert ist und zu Trinken nur aus der eigenen Einwegdose, nicht aus der Wasserflasche auf dem Tisch, aus der auch die Goi (wir Nichtjuden) trinken.
Ich beobachte als mit beiden Konflikten bekannter Außenstehender gebannt, wie Israelis und Zyprioten permanent aneinander vorbei reden, weil sie die Kategorien des jeweils eigenen Konflikts auf den den jeweils anderen Konflikt übertragen. So gehen sowohl die Fragen, als auch die Antworten und das Hören der Antworten an den jeweils Anderen vorbei. (Ein interessantes Anwendungsbeispiel für Luhmanns Systhemtheorie! Grob vereinfacht: Jedes Systhem verarbeitet alles in den ihm eigenen Kategorien.)
Leider durfte zum Schutz der jüdisch religiösen Teilnehmer nicht photographiert werden, da zum Beispiel die ultraorthodoxe Frau, mit der ich am Tisch saß, massiven Ärger ihrer Gemeinde bekommen würde, wenn die mitbekäme, dass sie mit wildfremden Männern, mit Säkularen und Goi gemeinsam am Tisch sitzt.
an meinem tisch saßen ein national-religiöser jude, die eine linke israelin, ein weiterer, gemäßigter orthodoxer, der erfreulicherweise tatsächlich ‘palästinenser’ sagte und nicht ‘araber’ und der meinte, der zypern-konflikt sei ein sehr komfortabler konflikt. thomas von unite cyprus now und auch c… war dabei, die wir ja ein paar tage vorher im H4C mit mann und ihrer tante getroffen hatten, sowie ein weiterer israelischer palästinenser.
wir diskutierten u.a. über das palästinensische bildungssystem, das den konflikt nur sehr einseitig lehre und darin eine ursache für die nichtlösbarkeit des problems zu suchen sei. zum glück gab es auch meine stimme und die der linken israelin, daß die israelischen schulbücher auch nicht besser seien.
Freitag: Zypriotischer Kneipenabend
Am Checkpoint für Autofahrer am westlichen Stadtrand von Nikosia liegt (eigentlich schon in der Pufferzone) ein Restaurant, das so banal und nichtssagend aussieht, dass jeder Tourist achtlos daran vorbeifährt. Hier hat Unite Cyprus Now zwei Tische für insgesamt 30 Personen reserviert. Sarkastisch ausgedrückt machen wir genau das, was alle Pauschaltouristen in ihren Hotels auch machen: “Zypriotischer Abend, all inclusive!”
Für zwanzig Euro pro Person gibt es ein dreigängiges Menue, Getränke, zypriotische Livemusik, Tanzeinlage und Tombola. Nur dass dies das Original von Zyprioten für Zyprioten ist. Das dreigängige Menue ist ein Mezze, bei dem zeitlich nach Vorspeisen, Hauptgerichten und Desserts gestaffelt Unmengen von Speisen auf den Tisch gestellt werden, von denen dann alle kreuz und quer nehmen. Das Mezze, so wird uns erzählt, sei jeden Tag anders, aber immer vielfältig und gut. Die Getränke (die im Preis inbegriffen sind) werden quasi in Gruppen geordert. Wenn also jemand Bier, Wein oder Schnaps bestellt, so kommt gleich ein Gebinde, dass ihn und alle um ihn herum versorgt. Das Ganze ist unglaublich gesellig.
Durch KEO-Bier, zypriotischen Wein, Zivania geförderte Geselligkeit.Griechische, türkische und maronitische Zyprioten bunt gemischt an einem (äh zwei) Tischen. – Umgangssprache ist daher Englisch.Vorne wird zypriotische Musik gespielt und je weiter der Abend fortschreitet auch dazu getanzt. Wobei die Tänzer statt mit Konfetti mit Papierservietten beworfen werden.
Irgendwann während des fließenden Übergangs von den Hauptgerichten zu den Desserts werden dann Lose für die Benefiztombola zugunsten der Gruppenkasse verkauft. Wobei die Gewinne so üppig sind, dass sie vermutlich mehr als der gesamte Verkaufserlös der Lose wert sind. Wir kaufen 4 Lose für 20€ und gewinnen eine große Flasche Barcardi, eine hochwertiges Schminkset (einer Marke, die bina kennt, im Gegensatz zu mir) und ein DIN A3-Cartoon zum Zypernkonflikt nach freier Auswahl. OK, eine Niete ist dabei.
da ist man schon satt von der grillplatte, da kommt von links noch eine schale mit kartoffeln und gekochtem hammel, von gegenüber schenkt mir jemand noch köstlichen weißwein ein und von rechts kommt die ansage, ich müßte unbedingt noch den oktopus probieren. wir sitzen auch nicht steif auf den stühlen, sondern alle gehen mal hier- und dorthin, plaudern und naschen von den anderen tellern.
2. Samstag: Slidshow Hebron & Irish Pub
Wir sind zu früh da. Einige von den anderen auch und sitzen schon mit irgendeinem Dokumentarfilmer im Yaja Viktoria auf der griechischen Seite des Checkpoints. Irgendwann schleiche ich mich weg, um diesmal der Einladende, der Zahlende zu sein. Als der Kellner mir die Rechnung hinhält und ich das Portmonnaie schon in der Hand habe, ruft Thomas etwas auf Griechisch und ich bin aus dem Rennen. – Der Kellner gestikuliert “Entschuldigung – Basta”. Thomas hat Heimvorteil und lädt uns ein.
Pünktlich um 11 Uhr werden dann in der Pufferzone Flugblätter verteilt, Musikanlage raus- und angestellt, Transparent und Cartoons aufgehängt.
Flugblätter verteilen geht mit einem Lächeln besser.Zwischendrin geben wir ein Interview für ein hiesiges Freies Radio.
Wir denken schon: “Whow, sind die gut organisiert!” Doch dann: “Welcome to the Middle East!” Das Kabel vom Laptop zum Beamer passt nicht , das herbeitelefonierte Kabel kommt zu spät und ist das falsche, der Beamer ist zu lichtschwach…
Wir beginnen unseren Vortrag mit einer halben Stunde Verspätung, dem Laptopbildschirm als Beamerersatz und einer handgezeichneten Skizze am Flipchart statt einer ausgedruckten Karte. – Aber alle außer uns scheinen das gewohnt zu sein. Von den etwa 40 Zuhörern wäre ohnehin kaum die Hälfte rechtzeitig da gewesen.
jungejunge, bin ich nervös! auf deutsch hätte ich meine beiträge so rausgehauen, aber mit meiner stümperhaften englisch-grammatik finde ich das dreimal schwieriger. ich hab vorher richtig ein bischen geübt. als wir dann vor dem publikum stehen und ich sehe, wie sie erschrocken sind über das, was wir ihnen erzählen und ich das gefühl habe, auf offene ohren und herzen zu stoßen, ist es ganz leicht. michel hat da keine probleme. er steht ja auch zu hause jeden tag vor einer schulklasse.
Anschließend gehen wir noch ins Finnbars mit. Ein Irish Pub, in dem wir mit den Aktivisten den Hauptgewinn der gestrigen Tombola, einen Verzehrgutschein über 100€, gemeinsschaftlich auf den Kopf hauen. Was darüber hinausgeht, wird durch die Anwesenden geteilt. – Irgendwann kommt sogar einer der UN-Polizisten, die am Vormittag in der Pufferzone auf uns aufgepasst haben, dazu.
das sowas aber auch immer in ein gelage ausarten muß! schon wieder biegt sich der tisch, jeder nascht bei jedem und auch der von michel versehentlich zuviel bestellte teller nachos mit käse wird im laufe des nachmittags von allen wegschnabuliert. gespräche gehen kreuz und quer, mal ernsthaft, mal als plauderei. an einem tisch sitzen eine griechische zypriotin und ein türkischer zypriot neben einer deutschen sympathisantin und klamüstern die nächsten aktionen aus. ich liebe diese truppe.
So endete jedes unserer Treffen mit UCN: Michel und Thomas, ein maronitischer-britisch-zypriotischer Linksradikaler, beim Bier ins Gespräch vertieft. – Da haben sich echt zwei gefunden!
Mit der notwendigen Autoreparatur beginnt unser dritter längerer Aufenthalt in Nikosia, und diesmal wird es nicht nur eine Woche, wie bei den ersten beiden Malen, sondern anderthalb.
Wir genießen diese Zeit in der geteilten Hauptstadt Zyperns, deren Teilung für uns bedeutet, dass wir die Vorteile beider Seiten genießen. Hier eine ordentliche EU-europäische Infrastruktur mit Lidl-Supermarkt und roaminggebührenfreiem Telephonieren, dort Orient mit Hamam, kleinen Tante-Emma-Läden und halb so hohen Preisen. Wir passieren täglich mehrfach die Grenze. Inzwischen haben wir hier gefühlt bald mehr Bekannte als zu Hause in Wedel. Kein Gang durch die charmante Altstadt ohne Grüßen, kurzem Plausch oder gemeinsamem Kaffeetrinken. – Wir scheinen kaum noch als Touristen wahrgenommen zu werden, weil die ja nur ein bis zwei Wochen auf der Insel und davon lediglich einen halben Tag in Nikosia sind.
An beiden Freitagen gönnen wir uns Hamambesuche mit Massage und allem. Im H4C und der Weavingmill sind wir Stammgäste, im Hoi Polloi und Yaja Vikotoria zumindest wiederkehrende Laufkundschaft.
Unsere Hauptbeschäftigung während dieses Nikosiaaufenthalts ist aber “Unite Cyprus Now”. Gruppentreffen, Kneipenbesuche, Flugblätter verteilen und vor allem eine Slideshow (die moderne Form des Lichtbildvortrages) über unsere Erlebnisse in Hebrons Geisterstadt. – Aber das Thema ist so groß, dass wir dazu einen komplett eigenen Blogeintrag machen.
Autowerkstatt und Zahnarzt
Bei unserer Rückkehr nach Nikosia steuern wir als Erstes London Dry, “unsere” Reinigung im Nordteil der Stadt, an. Serdar, der Inhaber, ist türkischer Zypriot, hat lange in London gelebt und gehört für uns bei jedem Nikosiabesuch zum Pflichtprogramm. Nicht nur wegen der Wäsche, sondern auch wegen der guten Gespräche und vielen Informationen. Von ihm stammten die Tipps eine muslimische Beerdigung, das Freitagsgebet und das “Blaue Haus” (die ehemalige Villa eines Mafiabosses) zu besuchen; sowie die Informationen wie wir was finden, wo wir uns wie zu benehmen haben und allerhand wissenswertes über Zypern aus türkisch-britisch-zypriotischer Sicht.
Serdar hinter seiner Wäschereitheke.
Da wir wissen, dass Serdar Ralley fährt, vermuten wir, dass er gute Autowerkstätten kennt. Tut er auch! Aber seine beiden Werkstätten haben keine Zeit, weil gerade Inspektionssaison ist. Der zweite Werkstattmensch bringt uns aber zur nordzypriotischen VW-Werkstatt. Die sagen uns, dass sie uns frühestens Mittwoch drannehmen können und frühestens Mittwoch eine Woche später die Ersatzteile bekommen. – Wir haben Serdars Warnung vor der Verschleppungs- und Verteuerungspolitik dieser Werkstatt noch im Ohr und verzichten.
Die offizielle Ersatzteilbeschaffung dauert im Norden so lange, weil wegen des Embargos alles über die Türkei läuft. – In Wirklichkeit fahren die Werkstattleute, wie uns hier jeder erzählt, aber einfach in den zur EU gehörigen Süden und haben die Teile innerhalb eines Tages.
Wir warten also bis Montag, rufen den ADAC an und lassen uns eine Werkstatt im Süden empfehlen. Yiannos Christoforides kann uns zwar auch erst am Mittwoch drannehmen, braucht ab dann aber nur zwei Tage. Am Freitagfrüh ist Bulli wieder fit wie ein Turnschuh. Bulli schläft über Nacht im Werkstatthof und wir schlafen im Bulli. Tagsüber radeln wir mit unseren Bromptis (unseren Falträdern) in die Stadt. Kostenpunkt für Elektrik, Dieselleck und Achsmanschette (oder wie das Ding heißt): Kostengünstige 200€!
Bulli am Donnerstag in der Werkstatt.
Am Freitag ist auch mein zweiter Zahnarzttermin in Nordnikosia. Es dauert zwar über eine Stunde, weil er so vorsichtig und gründlich ist. Dafür läuft alles glatt und tut kaum weh!
Kochen und Politik mit Aydin
aydin (gesprochen wie der komponist haydn, aber ohne ‘h’) hatten wir im oktober schon kennen gelernt. eine türkisch-britisch-zyriotische aktivistin, die zusammen mit dem griechisch-zypriotischen konstantinos die fahrradtour ‘cyclists across barriers’ veranstaltet, an der wir teilgenommen und mit der wir am nächsten tag das großartige gespräch im hoi palloi hatten.
vor etlichen tagen hatten wir sie schon am H4C getroffen und sie war neugierig auf unsere berichte aus israel/palästina. ihr versprechen, uns zu sich ein zu laden, gemeinsam zu kochen und dann zeit zum erzählen zu haben, macht sie tatsächlich wahr.
das ist es, was an dieser frau begeistert: sie hat überall ihre finger drin. ist überall aktiv, plant, organisiert und bringt auf den weg und ist zuverlässig bis in die haarspitzen. nebenbei erwähnt sie, wir könnten eine fotoschau über unsere erfahrungen in hebron veranstalten. vielleicht bei ihr zu hause, mal schauen… tage später kommt die nachricht, wir sollten uns mit tina von unite cyprus now in verbindung setzen, in deren räumen gäbe es die möglichkeit zu einer veranstaltung.
außerdem würde sie nächste woche nach brüssel zu einer lesung fliegen, wolle uns aber vorher noch sehen, sie würde sich melden, wann am freitag. der anruf kommt zuverlässig, und pünktlich um 19.00h steht sie am treffpunkt und wir gehen zusammen zur ‘not a gallery’, wo eine vernissage stattfindet. zwischen den kunstbeflissenen, schicken menschen fühle ich mich deplatziert, die kunst sagt mir nichts und ich bin froh, als wir zu aydin nach hause verschwinden.
Vernissagebesucher in der “Not a Gallery”. Ganz nach Klischee geht es offensichtlich nicht um die Ausstellung, sondern ums Sehen und Gesehenwerden.Im Gespräch mit Aydin vor der Galerie. (Die Zypriotin empfindet den Abend als kalt der Deutsche nicht.)
Nach dem (kurzen) gemeinsamen Galeriebesuch radeln wir zu ihr nach Hause. Sie wohnt im Südteil Nikosias, gleich außerhalb der Altstadtmauer, mit Blick auf die alte Mauer und die UN-Pufferzone. Die Wohnung ist (typisch Politnick) halbfertig. Einerseits hat sie tausend künstlerische Ideen, andererseits ständig zu viele politische Eisen im Feuer, so dass vieles halbfertig liegen bleibt.
Das gemeinsame Kochen und Essen macht riesigen Spaß. Schon beim Schnippeln machen wir zwei Flaschen Rotwein auf und es entspinnt sich ein großartiges Gespräch, das zwischen Privatem und Politischem, zwischen Erzählen, gespanntem Zuhören und Nachfragen hin und her mäandert. Unglaublich, dass diese Powerfrau auf die 80 zugeht. Unglaublich, was sie schon alles gemacht hat. Politisch und privat! (Bei ihr gilt der alte Spruch: “Das Private ist politisch!”) Und Thatcher haßt sie noch heute. Egal ob die tot ist. – Das kennen wir von unseren irischen Republikanern aus Belfast.
Wie ihr Arbeitszimmer verrät, ist Palästina neben Zypern der zweite Konflikt, dem sie mit Leidenschaft verfallen ist. Irgendwann klappen wir den Laptop auf, zeigen unsere Bilder aus Israel/Palästina, vor allem natürlich aus Hebron, und erzählen. Sie fragt nach, steuert ihre Sicht und Wissen bei. Wir alle brennen lichterloh und die Zeit vergeht wie im Flug. Als wir auf die Uhr schauen ist es weit-weit nach Mitternacht. – Wir verabschieden und umarmen uns. Versprechen uns, uns wiederzusehen. – Dann radeln wir quer durch die Altstadt zu Bulli. Home is, where you park it!
Wir sehen uns schneller wieder, als gedacht. Ein paar Tage später treffen wir uns noch einmal mit Aydin im Yaja Viktoria an der Südseite des Checkpoints Ledra-Street (nicht zu verwechseln mit dem Checkpoint Ledra-Palace), weil wir ihr noch ein englisches Exemplar der Broschüre “Ghost Town Hebron” geben wollen. (Die deutsche Version haben wir als PDF unter “Visit Palestine” abgelegt.) Dabei entspinnt sich sofort wieder ein längeres gutes Gespräch mit herzlichem Abschied.
Griechisch Nationalistische Demo
es sind nicht alle nur nett in nicosia. am samstag abend, hieß es, sollte eine demo von rechten zyperngriechen am checkpoint ledra-straße statt finden. vermutlich würden sie den übergang blockieren wollen. niemand von den uns bekannten leuten wollte hingehen und eine gegendemo starten. zu gefährlich, weil es sehr schnell richtig streß geben könnte. mit den rechten sei nicht zu spaßen.
wir gehen aber hin und stellen uns zum beobachten in die pufferzone, die kamera in der hand. Etwa 50 menschen stehen herum, nichts ungewöhnliches eigentlich. ein paar polizisten sind auch da. deren schilde und helme lehnen in einer seitengasse an der wand, sie selber tragen schlagstöcke. nach unseren erfahrungen in hebron, wo wir so manches mal in die gewehrläufe der soldaten schauten, macht sich das regelrecht harmlos aus. es werden flugblätter verteilt, plakate hochgehalten, ein transparent gespannt.
Die etwa 20 griechisch-zypriotischen Polizisten bleiben mit den zugehörigen Zöllnern auf griechisch-zypriotischem Territorium. In der Puffezone selbst hat sich ein halbes Dutzend UN-Polizisten (aus einem halben Dutzend verschiedenen Ländern) eingefunden. Sie wirken aber entspannt; kein Knüppel und nix!
dann tauchen ca. 100 nazis auf. richtige schwarzgekleidete, oft glatzköpfige stiernacken. wir fragen jemanden von der UN, der in der pufferzone steht, was das für typen sind. sie sagen, sie wüßten es nicht, eine neue gruppierung vielleicht. wie wir später erfahren, sind das rechte motorradfahrer, die an zwei kollegen erinnern, die vor jahren nach einem zusammenstoß mit türkischen rechtsradikalen (den grauen wölfen) getötet worden sind. jetzt fordern sie die schließung der checkpoints. die demo steht mitten vor dem checkpoint im weg, aber passanten werden durchgelassen.
Aber man muß als Normalmensch schon ziemlich mutig sein, um sich durch diesen Haufen stiernackiger, schwarzgekleideter, finster dreinblickender Männer zu schieben.
So richtig haben wir die rechten Biker, die kurz nach diesem Bild die Straße quasi dicht machen werden, leider nicht draufgekriegt, weil sowohl sie als auch beide Polizeien das verhindert haben.
irritierend finden wir, daß einige polizisten oder leute vom grenzposten aktiv zu den demonstranten gehen, hallo sagen, mit ihnen kameradschaftllich quatschen, die hand schütteln.
Zypern ist halt klein. Jeder kennt jeden entweder direkt ober über eine, maximal zwei Ecken.
alles verläuft friedlich, bis ich versuche, ein paar fotos zu machen. sofort haben das ein paar nazis gesehen, stürmen auf uns zu und verlangen lautstark, daß ich das foto lösche. da wir in der pufferzone stehen, stellen sich sofort UN-polizisten vor uns. ich ‘lösche’ die fotos und alles beruhigt sich wieder. wir setzen uns an die seite auf eine türschwelle. bis einer der nazis uns fotografiert. wir beschweren uns. es kann nicht sein, daß mir das photographieren verboten wird, ich auch brav die bilder lösche, aber selber photographiert werde.
Der Typ, der uns photographiert hat, ist dazu zu uns in die Pufferzone gekommen und hat sich direkt vor uns aufgebaut. Ich halte ihn fest und bestehe darauf, dass auch er sein Bild löscht. Sofort habe ich es mit einem Dutzend Schlägertypen zu tun. Zum Glück gehen sofort sowohl die griechisch-zypriotischen Polizisten (die die Pufferzone eigentlich nicht betreten dürfen) und UN-Polizisten dazwischen. Letztere bitten uns die Pufferzone in Richtung türkisch besetztem Gebiet zu verlassen, um die Situation nicht weiter zu eskalieren. Wir gehen, aber nur bis kurz vor den türkischen Checkpoint.
wir lassen uns zeit. nur nicht zu viel gehorsam zeigen! das bier im hoi polloi schmeckt mir an diesem abend nicht wirklich.
Mahnwache: Kurden ohne Papiere
Auf dem Weg von der Autowerkstatt zur Innenstadt radeln wir am Präsidentenpalast vorbei. In einem kleinen Park neben einem der Eingänge stehen einige Zelte mit Transparent und zypriotischen Flaggen. Eine Mahnwache! Wir halten und schauen mal rein.
Mahnwache am Präsidentenpalast.Mutter und Tochter aus dem syrischen Teil Kurdistans.
Wir treffen zwei Kurdinnen, Mutter und Tochter, an. Die Tochter kann einigermaßen gut Englisch. Sie erzählt uns, dass sie im Jahr 2009, also schon vor Beginn des Syrienkrieges im Jahr 2011, nach Zypern gekommen seien, da sie als Kurdin in Assads Syrien schikaniert worden seien. Seit neun Jahren leben sie nun ohne Papiere auf Zypern. Ständig werden sie vertröstet. Ohne Paß könne sie auch keine Schule besuchen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk sei eingeschaltet, würde aber auch vertröstet. Seit einem Jahr demonstrieren sie nun schon vor dem Präsidentenpalast, um Papiere zu bekommen.
Ich glaube ihr. Sie dürfte etwa 20 Jahre alt sein. Und wenn stimmt, was sie sagt, enthält Zypern ihr seit 9 Jahren (also etwa seit dem 11ten Lebensjahr) das Grundrecht auf Bildung vor. Sie wirkt intelligent, aufgeweckt und strebsam. (Ja, ich weiss, dass ist nur mein erster Eindruck.) Wenn sie die letzten 9 Jahre in Deutschland verbracht hätte, hätte sie jetzt möglicherweise ein dauerhaftes Bleiberecht sowie das Abitur. – Von wegen Europa und einheitliche Menschenrechtsstandards. – Ich muß an M…, D… und G… denken, drei Schwestern, die 2015 aus dem syrischen Bürgerkrieg nach Uetersen kamen. Wie gut, dass ihre Mutter Deutschland als Zielland ihrer Flucht gewählt hat.
Privates Klavierkonzert
Eines Abends hören wir auf dem Heimweg durch die Altstadt Klaviermusik aus einem offensichtlich mittelalterlichen Gebäude, das wir bis dahin noch nie bewußt wahrgenommen hatten, obwohl wir schon mehrfach daran vorbeigegangen waren.
Das Grundstückstor ist nur angelehnt, wir gehen hinein und folgen lauschend der Musik. Wir gehen um das Gebäude rum, die Hintertür ist nicht abgeschlossen, und schlüpfen hinein. Wir befinden uns in einem Mittelalterlichen Saal, der als Konzertsaal bestuhlt ist vorne sitzt eine Frau am Flügel. Wir sind mucksmäuschenstill, sie bemerkt uns aber trotzdem und lädt uns ein, uns hinzusetzen und zuzuhören.
Klaviermusik in einer mittelalterlichen Halle lauschen.
Sie spielt unter anderem Rachmaninow und Chopin. Wir lauschen und genießen die Atmosphäre. Irgendwann verabschieden wir uns, schlagen die Einladung zum “richtigen Konzert” aus, weil wir dann schon nicht mehr auf der Insel sein werden und gehen beschwingt in die Nacht hinaus.
Draußen lesen wir eine Informationstafel, derzufolge die Halle früher entweder Teil eines Klosters oder eines Palastes war und wohl im zwölften Jahrhundert erbaut wurde. Genaueres weiß man nicht.
Jengastammtisch
Am Sonntag nimmt uns ein griechischer Zypriot mit zu einem queeren Stammtisch in Larnaca. Unser Auto kommt ja erst Mittwoch in die Werkstatt und wir wollen die Strecke zweimal halb über die Insel nicht riskieren.
Der Stammtisch ist echt nett. Sie haben hier eine kleine, aber angenehme Szene. Wobei die Hälfte der anderthalb Dutzend Anwesenden Ausländer sind, aus Irland, Estland, den USA und (wir) Deutschland. Völlig neu ist uns die hiesige Methode wildfremde Menschen schnell ins Gespräch zu bringen. Es stehen zwei Jengatürme auf dem Tisch, auf jedem Klotz steht ein Stichwort, das man beim Ziehen aber nicht sieht. Jeder muß zu dem von ihm gezogenen Stichwort etwas erzählen, alle anderen dürfen. – Das klappt erstaunlich gut.
Beobachtungsschniepsel
Das Mandarinenbäumchen und Michel befinden sich in der “Republik Zypern”. Links vom Bäumchen verläuft die Grüne Linie (der Natodraht). Die Stadtmauer gehört zur “Türkischen Republik Nordzypern”.
bei uns sind madarinen exotische früchte. hier gehören sie, wie orangen und manchmal auch grapefruit, zum gewöhnlichen ‘grünzeug’ am straßenrand. manchmal pflückt sie jemand, meist vergammeln die früchte aber an den zweigen oder im straßengraben. grad ist blütezeit und an den bäumen hängen wir früchte und blüten gleichzeitig.
überall wachsen riesige pflanzen, die wie dill aussehen. mir lachte schon das herz aus vorfreude auf nudeln mit dill in olivenöl. aber das zeug sieht nur lecker aus, schmecken tuts nach nichts. ich habs probiert.
die maroniten haben eine eigene sprache. eine mischung aus aramäisch und arabisch. es gibt in nordzypern noch etwa 350 sprecher.
grillkultur: man kann alles, auf allem, überall und immer grillen. es reichen 2-3 menschen dafür. es ist völlig egal, welche uhrzeit ist. alles, was essbar ist, kann auch gegrillt werden. und seien es ‘nur’ süßkartoffeln, die schnell auf den rost gelegt werden. brot und tomaten daneben, fertig. oder mandeln in alufolie gepackt und eben ins feuer geworfen. wo gegrillt wird hängt von der situation ab. das kann die terrasse sein, der innenhof, ein stück rasen neben dem parkplatz, die offizielle picknick-area, der bürgersteig vor der teestube. worauf gegrillt wird, ist nicht egal. kohle oder holz muß es sein, qualität ist nebensächlich. es kann der gemauerte ofen hinter dem haus sein oder ein standgrill aus metall. wenns nur eine feuertonne gibt, wird ein rost draufgelegt und fertig ist der grill. das einzige, was unter keinen umständen benutzt wird, sind die modernen ‘binford 5000’-gas-smokeyfunktion-high-tech-geschosse, die in deutschland grade so gehypt werden. dies haben wir von der türkei über zypern bis palästina erlebt. wir können jetzt die freude am ‘schnell was aufs feuer schmeißen’ unserer syrischen freunde viel besser nachvollziehen.
Eigentlich hatten wir eine längere Wanderung zum Ruine der Kreuzfahrerburg “St. Hilarion” vor. Doch mit der frisch gezogenen Zahnwurzel und dem Antibiotikum im Körper traue ich mich das nicht so richtig. Also gibt es nur eine kleine Tour von 3 Stunden im Westen des Pentadaktylosgebirges.
Klar, wo es blüht, da gibt es auch Bienen.Das könnte jetzt auch Korsika sein. (Aber dann hätten sie die landschaftszersiedelnden Neubauten vermutlich längst weggesprengt.)Der übliche Trick: “Michel” rufen und wenn er sich umdreht das Photo schießen.Blick auf Klosterruine, Landschaft, Landschaftszersiedelung und Küste.Rastplatz mit Blick (siehe Bild oben).Ziegen, die auf Menschen starren.Der Aquädukt des Klosters.Die Klosterkirche. Wir glauben, es ist eine katholische Kirche und eine alte Ruine. Somit wären die Türken diesmal nicht Schuld, sie hätten sie nicht zerstört. Beziehungsweise: Als sie sie zerstörten, waren sie noch Osmanen.
Nach der Wanderung haben wir noch Zeit und fahren aufs nordwestliche Kap der Insel (auf der Karte oben links). Hier gibt es noch vier maronitische Dörfer. Die Maroniten sind Christen, die ihre Messe nach orthodoxem Ritus feiern, aber den Papst anerkennen. Das ergibt auch insofern Sinn, als dass sie ein Ergebnis des Streits zwischen katholischer und orthodoxer Kirche um die Frage sind, ob Jesus Christus gleichzeitig göttlich und menschlich ist oder nur göttlich. Die Mönche des Klosters Maron im heutigen Libanon lösten diese Frage für sich, in dem sie sagten: Jesu Körper sei menschlich und göttlich zugleich, sein Geist aber rein göttlich. Dies galt zunächst als der ideale Kompromiß, bis alle Seiten zu dem Schluß kamen, dass es Häresie sei.
Auf jeden Fall haben die Maroniten zusammen mit den Katholiken (die hier übrigens Lateiner heißen, weil die Maroniten sich selber auch Katholiken nennen) eine gewisse Sonderstellung. Sie zählen weder zu den orthodoxen griechischen, noch zu den muslimischen türkischen Zyprioten. Daher durften sie, auch als die Grenze geschlossen war, auf beiden Seiten der grünen Linie wohnen und diese auch überqueren. (Was sie zu großen Schmugglern werden ließ!
Ganz so einfach ist war es aber wohl doch nicht. Denn bis zur Grenzöffnung im Jahr 2003 lebten die Maroniten im türkisch besetzten Nordzypern de facto unter Quarantäne. Mißtrauisch als Sympathisanten der Griechen beäugt und schikaniert.
Wir besuchen Korukam, die heimliche Hauptstadt der zypriotischen Maroniten. Hier finden wir neben den offiziellen türkischen Straßenschildern inoffizielle dreispachige. Zwei maronitische Kirchen. Ein Kafenaion. Und offen zur Schau gestelltes Griechentum, wie sonst nirgendwo in Nordzypern. Von einem komplett blau-weiß gestrichenem Haus, bis zu Griechenlandfähnchen und -mützen.
Inoffizielles dreisprachiges Straßenschild neben dem offiziellen türkischspachigem. Im hintergrund der Kirchturm der kleineren maronitischen Kirche.Das Schild des Kafeneion. (Die Backgammon spielenden Männer darunter haben wir aus Respekt nicht photographiert.)
In Kourukam bemerken wir, dass Bulli massiv Diesel verliert und dass eine Manschette an der Vorderachse komplett aufgebogen ist. Die Hälfte der Anzeigen ist seit zwei Wochen eh kaputt (seit wir durch eine drei Kilometer lange Pfütze gefahren sind. (Da es hier nicht häufig regnet, sind Gullis quasi unbekannt.) Also vorsichtig zurück nach Nikosia fahren und eine Werkstatt suchen.
Auf dem Weg dorthin fahren wir durch das ausgedehnteste Rotlichtgebiet Nordzyperns. In Nordzypern boomen Spielcasinos, Nachtclubs und Bordelle. Glücksspiel und Prostitution sind in der Türkei und den meisten anderen Ländern des Nahen Ostens verboten. Und Nordzypern ist die Sündenoase der Region. – Auf jeden Fall sehen wir über etwa 20km links und rechts der Straße nur Nachtclubs und Bordelle.
Ein Playboyclub an der Autobahn. (Mit ziemlicher Sicherheit ohne Lizenz des Playboys – immerhin ist der ganze Staat Nordzypern nicht anerkannt.)Vom Lipstick hatte Michel schon von mehreren UN-Soldaten gehört.Diesem Schaf wünschen wir, dass es zum Decken und nicht zum Schächten gefahren wird.
Nachtrag zu dem Photo mit der Raupenprozession bei der Tunnelwanderung:
V… (ein regelmäßiger Leser unseres Blogs) schrieb: “das Bild der „putzigen“ Raupen, die aber weniger putzig sind, wenn man weiss, dass es sich um Prozessionsspinner handelt, die gesundheitsschädlich sind und auch zur Landplage werden können, Näheres dazu könnt ihr ja googeln.”
Ja, es sind Prozessionsspinner. (Wir haben nachgesehen.) Ihre Härchen sind giftig und können beim Menschen starke allergische Reaktionen auslösen. Und sie können, wenn sie in Massen auftreten, große Schäden anrichten. Aber soweit wir es verstehen, gehören sie in diese Weltgegend natürlicher Weise hin.
Am Montagabend hat bina im Suff ihre Brille in der Schiebetür des Bullis eingeklemmt. Fassung kaputt, ein Glas unauffindbar. (Also im Dunkeln und in unserem Zustand unauffindbar…) – Am morgen findet sich das Glas dann ein. Wir gehen auf eine der schicken Einkaufsstraßen Girnes/Kyrenias, um eine passende Fassung zu kaufen und finden eine für 25€.
Anschließend bringen wir Bulli in die Autowäsche. Das letzte Mal war er im Oktober in der Waschanlage. Unglaublich was da runter kommt. (Wußtet ihr, dass er in Wirklichkeit weiß ist?) Naja, 4 Monate mit viel Landstraße, Offroad und Wüste.
Während wir das erledigen, wird mein (Michels) Zahnweh schlimmer. Es war gestern schleichend losgegangen, aber der Alkohol hatte es betäubt. Und jetzt wird es den Tag über schlimmer. Den Rest des Tages sitze ich im Bulli, lenke mich ab und hoffe, dass es vorbei geht.
Am Mittwochfrüh fahren wir dann nach Nikosia zur “Kolon British Hostpital”, einer Art Poliklinik-Plus, die auch einen Zahnarzt hat. Eigentlich erwarten wir das Schlimmste. Denn W…, die Mutter der Familie “JWK” hatte sich im Süden der Insel das Fußgelenk gebrochen und schlechte Erfahrungen mit dem dortigen Gesundheitssystem gemacht. Aber wir werden mehr als positiv überrascht. Der Zaharzt ist wirklich gut. Er nimmt sich Zeit, ist behutsam und gründlich. Ich sitze zweimal auf seinem Stuhl (heute und Freitag in einer Woche) jedesmal eine gute Stunde. Er zieht mir eine Wurzel, verschreibt mir Antibiotikum und repariert den Zahn. Das Ganze kostet umgerechnet 200€. Als ich das Antibiotikum (Markenprodukt) in der Apotheke gegenüber kaufe, glaube ich erst, die Apothekerin hätte den Preis in Euro genannt, so billig ist es. Nein, Türkische Lira, also durch 4,65 zu teilen. Ich beginne zu ahnen, wie hoch die Gewinnspannen der Pharmafirmen und Apotheken in Deutschland sind. Das läßt Drogenhändler bescheiden aussehen.
Michel wartet auf den Zahnarzt und lenkt sich mit dem Internet ab.
Auch das Betriebsklima in der Klinik ist deutlich besser, als wir es von einer gewinnorientiert arbeitenden Privatklinik erwarten. Vielleicht haben sie erkannt, dass es sich langfristig lohnt, wenn die Mitarbeiter zufrieden sind. Alle scheinen zwischendrin Zeit für kleine Pläuschchen zu haben. Die Gesichter wirken entspannt, zugewandt und wirklich freundlich. Nicht diese falsche Firmenfreundlichkeit amerikanischer Kaffeeketten.
zwischendrin, als bei michel die betäubung wirken muß, kommt der doktor selber nach mir schauen. er nötigt mich eine ecke weiter, wo ein fernseher, kaffee und tee auf mich wartet und natürlich internet, so daß ich eine ausführliche mail an meine mutter schreiben kann. so geht wartezimmer!!!!!
Dann stehen wir wieder für eine Nacht auf der türkischen Seite des Grenzübergangs am Ledrapalace und genießen den Nachmittag über das Flair Nikosias. Wir gewinnen die Stadt immer lieber.
wir fahren zurück in richtung girne. wir machen noch einen kleinen abstecher nach sipahi, auch ein griechisch-türkisch-gemischtes dorf. das einzige, was wir finden, ist die kirche, die noch in betrieb ist und deren glocken über ein seil geläutet werden. ich kann michel zum glück davon abhalten, daran zu ziehen. aber auch mich würde interessieren, was dann passiert.
Anscheinend wagt keiner außer dem Priester, das Seil zu nehmen. Sonst würde es schon längst nicht mehr dort hängen.
Zwar ist Dikarpaz/Rizokarpaso das bekannteste gemischte Dorf im Nordzypern und hat absolut auch die größte griechisch-zypriotische Bevölkerung. Im kleineren und unbekannteren Sipahi ist der relative (also prozentuale) Anteil der griechischen Zyprioten höher. Daher dürfen sie in Sipahi auch noch ihre Kirchenglocke läuten, was ihnen in Dikarpaz/Rizokarpaso verboten ist. – So gesehen ist das Seil der Kirchturmglocke tatsächlich die Hauptatraktion des Örtchens.
Nachmittags und kurz vor Girne/Kyrenia machen wir eine Wanderung zu einem natürlichen Tunnel (ja, sowas gibt es). – Danke für die Empfehlung an die Familie “JWK” (Vater “J” Mutter “W” und Sohn “K”)!
Schöne zweifarbige Blütendolde.Klein, dunkelrot und schön.Eine Raupenprozession.
Es wäre eine schöne, aber durchschnittliche Bergwanderung, wenn da nicht der Tunnel wäre. Wir steigen in eine Tal ab das sich unten zu einem natürlichen Graben verengt. Am Grunde des Grabens gehen wir Richtung Talausgang, bis wir vor einer Felswand stehen in welcher zu “ebener Erde” am Talgrund der Tunneleingang liegt. Der Tunnel macht eine S-Kurve und ist so lang, dass man in der Mitte für eine paar Schritte zu keiner Seite auch nur einen Schimmer Tageslicht sieht.
Michel im natürlichen Tunnel.Bina kurz vorm Tunnelausgang.Der Tunnelausgang.Sagten wir schon, dass hier Frühling ist? Nur wärmer!
Abends gehen wir noch in “unseren” Irish Pub in Girne/Kyrenia. Die Wirtin erkennt uns wieder. Wir genießen das Guinness und diskutieren leidenschaftlich mit einer Brexit-Befürworterin.
wir fahren wieder auf der äußersten spitze der karpazhalbinsel. im dorf dipkarpaz machen wir kurz halt. diesmal hat auch das griechische kafeneion geöffet und wir trinken einen kaffee. wir werden sofort an den tisch gebeten, wo schon andere sitzen und schnacken mit dem besitzer und seinen gästen mit viel spaß. die männer am tisch sind teils griechische teils türkische zyprioten. wir hätten es nicht bemerkt, wenn einige nicht türkischen tee vor sich stehen hätten. es sind stammgäste. auf meine frage, ob er auch rüber gehen würde zum tee trinken sagt er: klar, selbstverständlich, warum nicht? er wirkt ehrlich.
dann werden busladungen von touristen vor dem haus ausgekippt. die meisten gehen rüber ins türkische cafe, weil dort die sonne schon auf die terrasse scheint. ein paar kommen zu ‘uns’ und fragen nach einem typischen schnaps. wahrscheinlich meinen sie ouzo, aber weil wir grad über zivania gesprochen hatten, kriegen sie den ausgeschenkt. ich hätte ja auch lust auf einen, aber dann kann ich die wanderung heute vergessen. heute hab ich doch hoffnung, daß sie irgendwann wieder ohne arg miteinander friedlich leben.
Schild des griechischen Kafeneion in Dikarpaz/Rizokarpaso.Verwirrte französische Touristen, die statt eines griechischen Ouzo oder türkischen Raki einen zypriotischen Zivania bekommen.
Vom gemischten Dorf Dikarpaz/Rizokarpaso fahren wir erst zum Andreaskloster, dem wir einen kurzen Besuch abstatten und dann ganz zum Inselende, um hier zu übernachten. Anders als letzten Oktober haben wir diesmal aber keine wolken- und mondlose Nacht, so dass wir keinen so großartigen Sternenhimmel haben.
Auf dem Weg zum äußersten Ende der Insel. Im Oktober war hier alles braun und sonnenverbrannt. Jetzt ist es so grün, dass man es auch für Irland halten könnte.Esel sind hier wirklich überall. Nur gut versteckt in den Büschen und auf geheimen Trampelpfaden. Gesehen haben wir sie wirklich nur am Andreaskloster und am Eingang vom Nationalpark.
wir stellen bulli an der alten stelle neben der polizeiwache ab. der wachmann ist ein anderer, aber auch er hat kein problem damit, daß wir hier über nacht stehen.
am späten nachmittag machen wir machen noch eine kleine aber wunderschön wanderung. die felder sind ganz gelb von blumen. das sieht man auf dem foto leider nicht so. es geht durch die büsche auf eselspfaden und immer an der steilküste entlang, bis runter zum strand. dort erschlägt uns der müll. so viel plastik hab ich noch nie gesehen. ich hätte auch keine idee, wie man es schaffen soll, den strand zu säubern. der müll sammelt sich in felsecken, in kleinen meerwassertümpeln, klemmt in steinritzen und häuft sich an der wasserkante und das über gut und gern 2 km strandlänge. das einzige, was mir dazu einfällt ist: verbietet plastikflaschen und tüten jeder art. gebt pfand auf alles, was aus kunststoff ist. das ist ja wahnsinn!!!
Ich komme abgeschätzt und hochgerechnet auf grob 100.000 (in Worten: einhunderttausend) Plastikflaschen für die 2 km Strand an der Nordküste. Die Plastikflaschen machen den Hauptteil des Plastikmülls hier aus, doch es gibt auch erstaunlich viele Plastiksandalen, Kanister und sonstiges. Das ganze Plastikzeugs ist hier angeschwemmt worden, offensichtlich führt die Strömung vom Nordwesten der Insel und des gegenüberliegenden türkischen Festlands hierher. Vielleicht sogar von Antalya.
Die Felsenküste auf der Südseite der Halbinsel.Ein Küstenfelsen auf der Nordseite der Halbinsel.Brandung an der Nordküste mit Blick aufs Inselende.Plastikmüll an der Nordküste. Alles, was glänzt, ist Müll. Bis zum Horizont. Und was zu sehen ist, ist noch lange nicht alles, was hier tatsächlich liegt.
Während Deutschland von einer Kältewelle heimgesucht wird, verleben wir sonnige Tage am Strand. Bulli steht mit Strandblick in den Dünen hinter einem kaum besuchten Picknickplatz bei Iskele (griechisch Trimoko) mit Frischwasser, WLAN und sommerlichen Temperaturen. Nur das Mittelmeer ist uns zum Baden noch ein wenig zu kalt, obwohl Nord- und Ostsee im Sommer auch kaum wärmer sind.
Bullistandplatz in den Dünen.Strand mit Internetzugang – nur die Sonne blendet so! (#Luxusprobleme)Aktueller Wetterbericht auf tagesschau.de.Man kann ja nicht nur rumliegen. Man muß auch mal spazieren gehen.Jeckyl und Hurtz genießen den Ausblick.Beim Rumgammeln entstandener Schnappschuß. – Ja, wir haben auch am Strand gelegen, davon aber kein Bild gemacht.
Doch es ist ein dem Untergang geweihtes Paradies. Bei unseren Strandspaziergängen und dem Radausflug zum nächsten Laden und Cafe sehen wir haufenweise Baustellen in Vorbereitungen und die Anzeigetafeln, die ankündigen, dass hier Spielcasinos, Luxusressorts, Wellnessoasen, Ferienhaussiedlungen und Hotels mit Swimmingpools “für uns” gebaut werden, sind vermutlich das Todesurteil für diesen schönen langen Dünenstrand.
Überall in Nordzypern werden wir in den nächsten Tagen Werbetafeln begegnen, die uns auffordern “Buy your Home at Long Beach – Iskele!” Auch darin sind sich die Machthaber im Norden und Süden Zyperns einig: “Die Schönheit dieser Insel muß doch kaputt zu kriegen sein! Sie muß sich doch in Geld verwandeln lassen!”
Wehmütig denke ich an Korsika, wo die FLNC jahrzehntelang die Verschandelung der Insel verhinderte, indem sie die Investitionen der Tourismuskonzerne, diese Beton gewordenen Schändungen der Schöpfung, mit schöner Regelmäßigkeit im Winter in die Luft sprengte. – Wir haben dort einmal an einem wunderschönen Strand mit einer Investitionsruine an einem Ende einen Schweizer Banker getroffen, der uns empört erzählte: “Ich verstehe ja, dass die Korsen etwas gegen die Franzosen haben. Aber es war ein Schweizer Investment, und sie haben es gesprengt. Dann haben wir es wieder aufgebaut und jetzt haben sie es wieder gesprengt!” – Ja, man hat es schon schwer als Schweizer Banker, der die Schönheit Korsikas in Profit ummünzen will. Aber vielleicht waren die Korsen ja jetzt deutlich genug. Sie bleiben lieber bei ihren kleinen familiengeführten Pensionen. So bleiben Geld, Arbeit und Naturschönheit auf der Insel.
PS: Diese Begebenheit auf Korsika haben wir uns nicht ausgedacht. Das ist uns wirklich passiert!