Der südöstliche Zipfel Zyperns

Di-Mi 20.-21. Feb 20118

1) Wanderung am Cap Greko:

Am Dienstagvormittag machen wir eine kleine Wanderung (oder einen sehr-sehr ausgedehnten Spaziergang) über die südöstlichste Halbinsel Zyperns, das Cap Greko. Schöne Natur, schöne Küste. Aber im Vergleich zu Einigem, was wir uns in den letzten Monaten erwandert haben nichts Atemberaubendes. (Ich glaube, wir werden, was das angeht, ganz schön anspruchsvoll…)

Eine natürliche Steinbrücke an der Küste.
Blumenwiese mit… (wie heißt die Frau noch gleich???)
Da also haben die Griechen das Design ihrer Säulen und Kapitäle her. Die Natur, Gott oder Zeus (wer auch immer) könnte sie auf Produktpiraterie verklagen.
Wenn man auf der Bank sitzt sieht man zum Glück nicht, wie prekär die eigene Lage ist.
Sah ein Weib ein Blümlein stehn, Blümlein auf der Heiden,…
Michel beim Müll einsammeln.

Das orangene Ding in meiner Hand ist ein wiederverwertbarer Müllbeutel vom Deutschen Alpenverein (DAV). Wir nennen ihn in Tradition meiner Familie die “Bergfextüte” oder das “Bergfex”, nehmen ihn auf jede Wanderung mit und bringen ihn niemals leer zurück. (Obwohl wir unseren eigenen Müll separat im Seitenfach des Rucksacks verstauen) Öfters müssen wir vor den schieren Mengen des die Landschaft verschandelnden Mülls kapitulieren.

Zypern hat viele Picknickplätze, an denen wir umsonst Trinkwasser aufnehmen und unser Campingklo artgerecht entsorgen können.

2) Blick in die Geisterstadt Varosha

Am Nachmittag werfen wir einen Blick auf Varosha. Als wir im Oktober in Famagusta waren (das griechisch Amochostos und türkisch Gazimagusta heißt), haben wir uns die Geisterstadt Varosha vom Norden her angesehen. Diesmal “genießen” wir den Blick vom Süden her. Also den Blick über die grüne Linie in den türkisch besetzten Norden der Insel.

Obwohl dem Weg hierher Hinweisschilder nach “Amochostos/Famagusta” gab, ist hier Schluß. – Hinten sieht man die Geisterstadt.
Blick in die Geisterstadt mit dem Zoom der Kamera.

Anfang der 70er Jahre war Varosha der aufstrebende neue Stadteil Famagustas mit 40.000 Einwohnern, einem breiten Strand und vielen (häßlichen) Hotels. Bei der Türkischen Invasion 1974 wurde Varosha ethnisch gesäubert und ist nun militärisches Sperrgebiet. Von der türkischen Armee besetzt und von den blauhelmen den UN-Blauhelmen regelmäßig bestreift und kontrolliert.

Wir besuchen das griechisch-zypriotische Informationszentrum, von dessen Dach aus man mit Ferngläsern nach Varosha sehen kann. Der 8-minütige Propagandafilm, den sie hier auch auf Deutsch zeigen, ist in seiner Plumpheit kaum zu überbieten. Was schade ist, denn sie haben ja recht: in Varosha lebten griechische Zyprioten, sie wurden bei der Invasion des türkischen Militärs vertrieben, und heute ist Varosha eine Geisterstadt.

Aber sie vermischen Famagusta und Varosha. Famagusta ist (anders als ihr Stadtteil Varosha) eine lebendige Stadt. Sie verschweigen die türkischen Zyprioten, die dort auch vor 1974 schon gewohnt haben. Sie malen dermaßen Scharz-Weiß und übertreiben so maßlos (die Idylle vor 1974, die barbarischen Türken…), dass sie sich vollkommen unglaubwürdig machen.

Dabei gibt es hoffnungserweckende Grautöne: Es gab in letzter Zeit regelmäßig große orthodoxe Gottesdienste in einer der alten Kirchen von Famagusta, zu denen viele vertriebene ehemalige Einwohner Famagustas und ihre Nachfahren kamen. Rund um diese Gottesdienste hat sich ein guter Austausch von den vertriebenen griechischen Zyprioten und den heute (immer noch) dort wohnenden türkischen Zyprioten entwickelt. Mit Einladungen zum Essen, gemeinsamem Picknick, Flohmarkt, Stadtspaziergängen und so weiter. – Die Utopie des wiedervereinigten, befreiten Famagusta wurde gelebt, und bekam praktisches Fleisch auf ihre theoretischen Knochen.

Im letzen Jahr wurde es der türkisch zypriotischen Obrigkeit dann zu viel mit dem gelebten Friedensprozess. Die Anzahl der erlaubten orthodoxen Gottesdienste in Famagusta wurde rigoros beschränkt. Und um ein Zeichen zu setzen wurde der “Türkische Strand” eröffnet. Ein Strand nur für Türken und türkische Zyprioten. Ausländer und griechische Zyprioten verboten. Ein Apartheidsstrand! – Tolle Idee!

Aber soweit wir wissen, haben diese Maßnahmen der türkischen Obrigkeit dem gelebten Friedensprozess der (Ex-)Einwohner von Amochostos/Gazimagusta eher gestärkt als geschadet.

3) Agia Napa: Ballermann der Levante

Am frühen Abend waschen wir unsere Wäsche in einer Self-Service Laundry in Agia Napa. Toll, schon wieder eine Geisterstadt! Aber diesmal nur, weil wir außerhalb der Saison da sind. Wenn man in Deutschland einen billigen Pauschalurlaub mit Sonne und Strand auf Zypern bucht, dann landet man vermutlich in Agia Napa. Im Sommer steppt hier offensichtlich der Bär. Kneipen, Diskos, Hotels, Restaurants, Läden, Strand. Derzeit aber alles leer und verlassen. – Eine eigenartige Stimmung!

Zum Schlafen stellen wir uns wieder an die Küste am Cap Greko.

4) Über die SBA in den Norden

Am Mittwochfrüh fahren wir über die Souveräne Britische Militärbasis “Dekelia” (“Souvereign Base Area” = “SBA”) in den türkisch besetzten Norden Zyperns. Die beiden “Souvereign Base Areas”, die etwa 7% der Fläche Zyperns ausmachen, sind tatsächlich souveränes Territorium des Vereinigten Königreichs, mit eigener Polizei und allem.

Innerhalb der SBA Dekelia gibt es jedoch zwei griechisch Zypriotische Enklaven, zwei Dörfer, die komplett zur Republick Zypern gehören.

EOKA-Denkmal in der Exklave Xylotymvou. (Nein, es ist keine Katze über die Tastatur gelaufen, das Dorf heißt wirklich so. – Keine Ahnung, wie man es ausspricht.)

Offensichtlich haben sie im letzten Jahr in dieser Enklave im britischen Gebiet ein Denkmal für die EOKA aufgestellt. Die EOKA ist die Griechische Terror- oder Guerillaorganisation, die auf Zypern von 1955 bis 1959 einen Guerillakrieg gegen die britische Besatzung der Insel nach dem Vorbild der Irischen IRA geführt hat. – Im Gegensatz zur IRA, die immer eine linke Organisation war, war die EOKA jedoch (als einzige Organisation dieser Art) eine stramm rechte Organisation. Sie kämpfte nicht für ein freies Zypern, sondern für den Anschluß der Insel an das damals faschistische Griechenland.

Es sagt vermutlich viel über die Stärke der Rechten im griechischen Teil Zyperns aus, und darüber wie die griechischen Zyprioten zu den Souveränen Britischen Basen stehen, dass sie an speziell diesem Ort genau dieses Denkmal errichtet haben.

Bina versucht immer diese typischen Nadelbäume Zyperns gut aufs Photo zu kriegen. Endlich ist es ihr einigermaßen gelungen.

diese bäume faszinieren mich in der tat. manche sehen aus, als kämen sie grad frisch vom friseur. ich dachte erst, die werden so zurechtgeschnitten, aber dieser nadelwuchs ist natürlich. Sehr stylisch!!!

Ein Stück weiter ist die SBA keine 100m breit. Nur die Straße und ein schmaler Grünstreifen rechts und links gehören zur SBA, die hier außerdem die Grenze zwischen Nord- und Südzypern bildet.

Der Bulli steht auf britischem Territorium, rechts beginnt nach wenigen Metern das türkische Nordzypern, links das griechische Südzypern.
Nach Süden ist die Grenze der SBA so durchlässig, dass man sie nur auf der Karte sieht, nach Norden ist dicht, wie dieses Schild am Straßenrand zeigt. (Ja, photoscheue Wachposten gibt es auch. – Das Übliche eben.)
Blick von der SBA ins türkische Militärgebiet: Die verlassene Kirche einer griechische Geisterstadt.
Die selbe Geisterstadt mit der selben Kirche aus leicht anderem Blickwinkel.

Am Ende dieser Grenzstraße liegt eine Britische Kaserne und dahinter ein Grenzübergang, über den wir in den Norden fahren.

Bilderbuchmoschee und gemischtes Dorf

Mo. 19. Feb. 2018

Wir fahren nach Osten, zunächst von Limassol bis kurz vor Larnaka, zur Hala Sultan Tekke, einer Moschee, die aus einem Märchenbuch entsprungen zu sein scheint.

die tekke war schon im oktober ein bezaubernder ort, aber jetzt, wo alles blüht, ist es noch mal so schön. der salzsee führt um diese jahreszeit wasser und beherbergt flamingos, die hier rasten und futter suchen.

Die ersten Passionsblumen ist schon da!
Im Oktober stand hier nur trockenes Gras.
Der erste Marienkäfer des Jahres.

die vielen katzen waren im oktober auch schon da. aber mit welcher ruhe sie mitten auf dem parkplatz liegen und sich im schlaf von besuchern in keiner weise stören lassen, ist immer wieder erstaunlich. manchmal möchte eine schmusen, dann sucht sie sich ein herumstehendes zweibein, schmeißt ihren schnurrapparat an, läßt sich knuddeln und geht wieder weg, wenn sie genug hat. – oder setzt sich in den kaktus und meditiert.

Schmusebedürftige Katze mit Beschmuser.
Meditierende Katze im Kaktus. – Bloß nicht bewegen!
Wir fragen uns: Was fressen Flamingos aus einem Salzsee? – Eigentlich kann in einem solchen völlig versalzenen und jedes Jahr austrocknenden Temporärgewässer kaum Leben geben. Außer vielleicht Salinenkrebsen – den Urzeitkrebsen aus dem YPS.
Wir haben auf unserer Reise nun ja schon einige Moscheen gesehen. Aber diese ist, auch auf Grund ihrer Lage auf einer palmenbestandenen Halbinsel im Salzsee, einfach die Märchenhafteste. Disney hätte sie sich nicht klischeehafter ausdenken können.

Dann geht es weiter nach Osten, bis nach Pyla, kurz hinter Larnaka. Pyla ist eines der beiden Dörfer, die komplett in der UN-Pufferzone liegen und eine gemischte griechisch und türkisch Zypriotische Bevölkerung haben. Hinzu kommt, dass Pyla an die souveräne Britische Basis grenzt. Auch als die “Grenze” zwischen Zyperns Norden und Süden komplett dicht war, unterhielten die Briten einen eignen Grenzübergang in den Norden und beschäftigten griechische und türkische Zyprioten auf ihrer Militärbasis. Dadurch war Pyla der einzige Ort, aus dem Friedensaktivisten aus beiden Teilen der Insel sich treffen konnten. Außerdem war und ist Pyla eine Hochburg des Schmuggels, denn die türkischen Einwohner des Ortes können ohne kontrolliert zu werden in den Norden und die griechischen Einwohner ohne Kontrollen in den Süden der Insel fahren. – Zusammen haben sie also die “Erlaubnis” zum zollfreien Warenverkehr über eine EU-Außengrenze.

auf dem platz steht ein UN-posten, auf dem der wachhabende auch gleich unruhig wird, weil wir fotografieren. das kennen wir ja schon. also schnell ein bischen wahllos in die luft geknipst und demonstrativ diese unnützen bilder gelöscht. dann den curser in die gegenrichtung bewegt, wo kein bild mehr gespeichert ist und der soldat ists zufrieden.

es ist an dieser stelle von vorteil, daß die kameras technisch so hochgerüstet und damit mit so vielen kleinen tasten versehen sind, daß man schon sehr genau hinschauen muß, um zu erkennen, welchen knopf jetzt jemand wie drückt.

Der UN-Posten direkt am Dorfplatz. Der freundlich winkende Herr weist uns gerade auf das hier herrschende Photographierverbot hin. Kurz danach werden zwei Kollegen von ihm überprüfen, ob wir das Bild auch gelöscht haben…

wir laufen ein wenig herum, klettern auf den venizianischen turm und freuen uns an der aussicht. trinken einen kaffee bei den türken mit blick auf das griechische cafe auf der anderen seite.

es herrscht eine idyllische ruhe, die ein wenig angespannt wirkt. würde man nicht wissen, was hier los ist, wäre das ein stilles, verschlafenes dorf. ist es wahrscheinlich auch, aber ein komisches gefühl bleibt zurück.

mal ehrlich: ich kann griechen und türken nicht auseinander halten. je länger wir hier sind, desto mehr gemeinsamkeiten sehe ich und denke mit meinem kleinen naiven herzen: mal ernsthaft leute, was soll der scheiß…! ja, vertreibungen und ermordungen gebierten großes leid und die besatzung ist nicht schön. aber schaut euch doch mal an: ihr eßt und trinkt die selben sachen, ihr sitzt beide gern im schatten und schaut den leuten auf der straße zu, ihr beide spielt backgammon in der bar, mögt eure autos und eure kinder. denkt doch mal darüber nach!

Kirche und Moschee in Pyla.
Zweisprachiges Straßenschilde auf Griechisch und Türkisch. Aber leider gibt es keine echten Straßennamen, die Straßen sind einfach durchnummeriert. Alles andere würde wohl Streß geben.
In voller Blüte.
Rechts hinter dem Venizianischen Turm sieht man die türkische Stellung oberhalb des Ortes.
Blick über den türkischen Kaffee auf das griechische Kafenaion auf der anderern Seite des Dorfplatzes. – Der fotoscheue UN-Posten liegt rechts außerhalb des Bildbereichs zwischen den beiden Lokalen.

Das griechische Kafenaion hat noch geschlossen als wir ankommen. Es ist Grünmontag, ein Feiertag an dem die Griechen zu Massen zu vegetarischen Großfamilienpicknicken in die Natur fahren. Dieser Umstand erleichtert uns die Wahl unseres Kaffees dankenswerterweise sehr. Als ich im türkischen Kaffee dann zwei “Zypriot Coffee” bestelle, werde ich barsch zurechtgewiesen, dass es hier nur “Turkisch Coffee” gäbe. – Naja, es ist halt doch noch ein weiter Weg…

Südlich des Dorfes überquert die Straße diesen Panzergraben, der dem Schutz der Republik Zypern vor einer Invasion aus dem Norden dient.

Wir fahren weiter nach Osten, ganz bis zum südöstlichen Zipfel der Insel. Dem Kap Greko. Also fast bis zum Kap, denn ganz am Ende ist militärisches Sperrgebiet. (Mal wieder.) Die Briten haben sich hier mit einer Abhörstation breit gemacht. – Wir fahren eine Bucht zurück und übernachten dort. – Inzwischen wissen wir ja, dass die Briten etwas paranoid reagieren, wenn wir direkt am Zaun ihrer Spionage- und Militäreinrichtungen übernachten.

Karneval in Limassol

So. 18. Feb. 2018

Da das orthodoxe Osterfest dieses Jahr eine Woche später als das katholische liegt, liegt auf Zypern auch der Karneval eine Woche später. – „Da simmer dabei! Dat is prima! Viva Kypria! Wir lieben dat Leben, die Liebe und die Lust. Wir glauben an den lieben Gott un ham uch immer Durscht! “

Wir finden diesen Parkplatz keinen Kilometer vom „Zoch“ entfernt, der auch unser Schlafplatz wird. – Wegen Allohol un so…
Die einzige Politikerin, die hier auf’s Korn genommen wird, kennen wir sogar.
Nicht nur die Temperaturen sind brasilianisch.
Das Bier kostet nur 1€. – Das hat natürlich Nebenwirkungen…
Umweltschützer nutzen die Gelegenheit und fordern einen Nationalpark für die letzte echte Wildnis Zyperns: die Akamas Halbinsel.
Wir Touristen werden auf’s Korn genommen.
Die Vietnamesen kommen mit Drachen.
Diese Punkx haben keinen Spaß…
…diese Punkx schon!
Ein Schneewittchen von 180 Pfund.
Eine Gruppe Philippinas (vermutlich vor allem Hausangestellte) hat ihre Kostüme aus Einweglöffeln gemacht.

Nächstes Jahr fahren wir zum Karneval nach Köln! Weil Limassol für einen Wochenendausflug leider doch zu weit weg ist.

Katzenkloster & Flamingos

Sa. 17. Feb 2018

Wir fahren ganz in den Süden Zyperns, auf die Halbinsel Akrotiri bei Limassol. Hier, auf dem Gebiet einer der beiden großen souveränen britischen Militärbasen, liegt das Kloster “Agioas Nikolaios von den Katzen”, dessen Besuch im Oktober letzten Jahres leider ausfiel, weil unser Bulli sich illegal in der Republik Zypern befand (er war über den illegalen nordzypriotischen Hafen von Girne/Kyrenia eingereist) und mit Eskorte rausgeschmissen wurde.

Das Nonnenkloster ist an sich nichts Besonderes. Aber sie halten eine Unmenge von Katzen, aus Dank dafür, dass diese die Gegend einmal vor einer Schlangenplage befreit haben (…sollen). – Natürlich bringen wir etwas Katzenfutter als Opfergabe mit.

Katze mit bina.
Katzen ohne bina.
Auf dem Rückweg bewundern wir die Flamingos auf dem großen Salzsee der Halbinsel.

Anschließend gehen wir noch ins “Hofbräuhaus” in Akrotiri, wo wir die schottischen Bedienungen vom letzen Oktober wieder treffen. Es gibt Weißbier (gut), Weißwürste (naja) und ein Gespräch über Fremdgehen und queeren Sex und so mit den Bedienungen (interessant – aber vielleicht hätten wir vorher weniger Bier trinken sollen). Und NEIN! Nicht wir, sondern die Bedienungen haben das Thema angefangen und am Laufen gehalten. – Wirklich!!!

Am Abend, nachdem wir unseren Rausch ausgeschlafen haben, gehen wir in Limassol ins Kino: “Downsizing”. Nettes Popcornkino, aber belanglos. Schade, es sind so gute Ansätze drin.

Wieder eine Woche Nikosia

Sa-Fr 10.-16. Feb. 2018

Wir holen unseren Laptop doch erst Samstagfrüh vom PC-Doktor ab und fahren dann nach Nikosia.

endlich! wir haben unseren rechner wieder. es hat weniger gekostet, als wir befürchtet haben und nun erstrahlt er wieder im neuen glanze. sowohl inwendig mit neuer software als auch äußerlich, denn der pc-doctor hat ihn gründlich gereinigt. – danke victor!

nun kann der 2. teil der reise beginnen, denn mittlerweile haben wir das bergfest hinter uns.

wir fahren nach nikosia, stellen bulli in einer beschaulichen straße in der altstadt an der UN-pufferzone ab und gehen in den buchclub, wo es für 5.-€ tagesmitgliedschaft gutes internet und zwei getränke umsonst gibt.  mails beantworten, mal wieder nachrichten online lesen, bilder hochladen und blog schreiben. wir sind wieder da!

Da wir im südlichen, also griechisch kontrollierten Teil Nikosias stehen, bekommen wir diesmal mehr von diesem Teil der Stadt mit. Die südliche Altstadthälfte ist (zumindest abseits der druchkommerzialisierten Ledrastreet) genauso liebenswert verwinkelt und leicht pitoresk heruntergekommen, wie die türkisch kontrollierte Nordhälfte, wie diese Bilder aus dem Süden belegen:

Abendstimmung am Ankunftstag.
Grüne Oasen. Wenn es darum geht, sich die eigene Gasse durch Guerillagardening zu verschönern, haben die Griechen die Nase vorn.
Straßenkatzen sind hier genauso häufig wie im Norden. Es sind auch die selben Katzen. Nein, nicht die Gleichen! Denn sie wanderten schon immer über die Grüne Linie hin und her, wie es ihnen gefällt. Aydin sagte dazu: Die Katzen sind weder griechisch noch türkisch, sie haben ihre eigenen Pässe.
Direkt an der UN-Pufferzone sieht es mal wieder so aus, wie wir uns Havanna vorstellen. Oldtimer und Häuser mit dem Charme des Verfalls.

 

Blick über die UN-Pufferzone. Durch die Bäume sieht man die türkischen Fahnen auf der anderen Seite.

Im Laufe der Woche stellen wir irgendwann Bulli um. Davor stehen wir am östlichen Rand der Altstadt, direkt an der Pufferzone. Danach am westlichen Rand der Altstadt, ebenfalls direkt an der Pufferzone. Und zwar keine 200 Meter von unserem Standplatz im Oktober letzten Jahres entfernt. Damals standen wir am türkischen Checkpoint, diesmal am griechischen Checkpoint des Übergangs Ledrapalace.

Blick aus dem Bulli am neuen Standplatz. Der weiße Turm, ist ein UN-Wachturm in der Pufferzone.
Am Stacheldraht der Spanischen Reiter (vor der Bullischnauze) ist für Zivilisten Schluß. Rechts hinten sieht man den roten Giebel der Villa des Goethe-Instituts, das zwischen den Checkpoints liegt und somit von beiden Seiten unkompliziert zu erreichen ist.

Wir nutzen die Woche, um unseren (diesen) Blog auf Vordermann zu bringen. Seit Mitte Januar hatten wir ja nichts mehr geschrieben. Und wir daddeln und surfen auch mal wieder einfach nur so am Computer rum. – Ja, auch das muß mal sein.

Das “Home for Cooperation”, kurz H4C, liegt am Übergang Ledrapalace in der Un-Pufferzone gegenüber dem UN-Haupqatier im (genau) Hotel Ledrapalace. Hier treffen sich die Friedens- und Versöhnungsinitiativen. Und es hängen auch erstaunlich viele Deutsche hier rum, die beim Gothe-Institut oder der Friedrich-Ebert-Stiftung arbeiten. – Auch einige echt naive PraktikantInnen.
Irgendjemand im H4C macht Solidaritätsarbeit für Lateinamerika. Daher gibt es hier auch Zapatistischen Kaffee zur unterstützung der EZLN zu kaufen. – Prima. Der Nachfolger der guten alten Nica-Dröhnung. Wir decken uns ein!
Der Buchclub “Weaving Mill” ist ein ein tolles Projekt: Tagesmitgliedschaft inclusive zwei Getränke nach Wahl für 5€. Gute Arbeitsatmosphäre. Sonntags trifft sich eine Strickrunde und bringt Kuchen für alle mit. Und abends gibt es manchmal politische Diskussionen, Kino oder so. – Nachahmenswert!

neben computerarbeit in unseren lieblingscafes weavingmill und h4c machen wir auch natürlich auch andere dinge. wir nehmen immer irgendwie andere wege durch die altstadt und kommen oft an netten, spannenden oder kuriosen ecken heraus.

wir besichtigen ein ethnografisches museum im nordteil der altstadt zum leben in einem türkischen haus der oberen gesellschaftsschicht.

Die gute Stube, in der Besuch empfangen wird.

am freitag besuchen wir die moschee im griechischen teil nikosias. wir müssen warten, weil grade gebetszeit ist und nutzen die chance und essen am imbisswagen nebenan einen happen. die falaffel im pita schmecken wunderbar und das gespräch mit weiteren gästen, die aus guatemala kommen und jetzt in nikosia wohnen, ist nett.

die moschee ist wieder mal wunderschön und hat eine wechselvolle geschichte hinter sich.

Paradoxerweise ist diese Moschee im griechischen und somit griechisch orthodoxen Süden der geteilten Hauptstadt zum Freitagsgebet rappelvoll. Während die Moscheen im türkischen und somit islamischen Norden nur mittelmäßig bis schwach besucht sind. Der Grund sind die Gastarbeiter aus dem arabischen Raum, Schwarzafrika und Indonesien im Süden der Insel. Sie sind frommer als türkischen Zyprioten.

Die kleinste Imbissbude mit der besten Falaffel der Stadt. Riecht und schmeckt wie Palästina!
Die Moschee ist voll. Also wird auch vor der Tür gebetet.
Die Moschee war mal eine Kirche. Dem Eingang sieht man die gothische Kathedrale noch an.
Auch von hinten sieht man: Kirchengothik mit angebautem Minarett.

ganz oben auf der liste steht auch ein besuch in unserem hamam. es ist noch recht früh am mittag und wie immer warte ich vor der tür, während michel fragt, ob wir beide reinkommen dürfen. durch den vorhang höre ich einen begeisterungsruf, der nur von dem masseur kommen kann. als ich reinkomme, fällt er mir tatsächlich strahlend um den hals und weiß sich fast nicht zu lassen vor freude. ein anruf bei seinem chef und der gibt sein okay, daß ich mit rein darf. wir werden wieder mal von oben bis unten mit heißem wasser begossen, dann geschrubbt und geseift, durchgeknetet und massiert. der gute mann nimmt sich wirklich jeden körperteil vor. das ist zugegebenermaßen auch bitter nötig.

Interessanterweise gibt es auch im griechischen Teil Nikosias ein Hamam. Es stellt sich aber leider als überteuerter Touristenchichi raus. Sphärenklänge, Düfte, Orientkitsch und Wellnessanwendungen. Nur das Angebot, das gesamte Hamam mit einer Gruppe von bis zu 6 Personen exklusiv für sich zu haben und dann noch Wein, Naschzeug und eine Bauchtänzerin dazu, würde mich reizen. – Ansonsten bleiben wir unserem authentischen, türkischen Hamam treu.

anschließend trinken wir ein bier im hoi polloi, so heißt die queer-kneipe, die wir beim letzten besuch schon so nett fanden.

Das Hoi Polloi: Die queer, anarchisch, antimilitaristische Oase in türkischen Teil Nikosias.

wir kommen mit ni… und na… ins gespräch. ni…ist so etwas wie heilkräutertherapeutin, ich habs auch nicht ganz verstanden. sie hat das hoi polloi mit gegründet und arbeitet dort nebenbei. sie kommt aus der türkei, ist aber der liebe wegen nach zypern gekommen. na…macht irgendwas mit design und ist zyperntürkin. es entspinnt sich ein spannender dialog über den zypernkonflikt. beide sind der meinung, daß nun langsam mal gut sein muß mit diesem grenzkram und sie sind genervt von der UN, weil die das friedliche leben behindern. ni… wohnt ziemlich dicht an der buffer-zone und hat in ihrem hinterhof oft drohnen der UN fliegen, von denen sie sich gestört, weil beobachtet fühlt.

andererseits sagt auch na…, daß sie froh ist, daß das türkische militär da ist, sie wüßte nicht, was sonst die griechen machen würden. aber das ist es ja grade! solange sie diese denke nicht abstellt, wird das nichts. es gibt demnächst einen umzug von griechen und türken über die grenzen hinweg. da wollen wir unbedingt dabei sein.

ich diskutiere mit ni… die anwendung von heilkräutern bei schwerstkranken anstelle von chemischen arzneien. nein, ich bleibe dabei: heilkräuter sind gut und hilfreich. aber bei manchen diagnosen, wie krebs z.b., können sie höchstens eine unterstützende rolle spielen. da darf es dann gerne die chemo-therapie-keule sein. ich bin auch froh, daß ich für meine diabetiker insulin habe und nicht auf die wiese gehen muß, um kräuter zu suchen. aber um jemandem die zur heilung nötige nachtruhe zu verschaffen, ist ein becher baldriantee mit kamille bestimmt besser, als irgendwelche schlafmittel.

dann gibt es noch zwei runden zypriotischen schnaps. Zivania (gespr. siwana) heißt der, schmeckt wie grappa und wird auch aus traubentrester gemacht. aber vorsicht. er ist sehr lecker und hat es in sich! Wir haben ihn sowohl im türkischen teil, als auch in griechischen läden gefunden. Noch etwas, was beide seiten gemeinsam haben.

aydin und konstantinos von cyclists across barriers liefen uns auch zwischendrin vor dem h4c über den weg. wie schön, die beiden gesund und munter wieder zu sehen. hoffentlich klappt es mit einem treffen, daß wir in aller ruhe von israel/palästina berichten können.

Thematisch passendes Stencil im griechischen Teil der Stadt. “Enosis” ist eigentlich die Forderung rechter Zyperngriechen nach “Wiedervereinigung” Zyperns mit Griechenland. “Kypros” und “Kibris” sind der türkische und griechische Name der Insel. “Enosis” wird also griechisch-türkisch zur Wiedervereinigung Zyperns gewendet.

Des weiteren gibt es viele kleine Begebenheiten und Erlebnisse.

  • So treffen wir uns mit T… auf ein Bier und einen Tag später mit A… auf einen Kaffee, um wieder mal Kontakt zur queeren Szene zu bekommen.
  • Ich träume mehrfach von dem Hundewelpen, den ich in Hebron erschlagen habe. Wir fanden es auf einer kleinen Müllhalde. Er hatte das Rückgrad gebrochen, konnte weder essen noch trinken und jede Berührung tat ihm weh. Er war am Verenden. Ich habe einen großen Stein genommen, ein Gebet gesprochen, ihn erschlagen und begraben. Mit Wurst und Wasser als Grabbeigaben. – Wenn er mir im Traum erscheint, fühlt sich das nicht schlecht an, sondern warm und gut. Ich habe ihn von seinem Leid erlöst. Egal wo er jetzt ist, es ist ein besserer Ort.

ich bin froh, daß michel den welpen erschlagen hat. ich hätte es auch getan. nichts zu tun, hätte mir das herz über wochen schwer gemacht. von mir bekam er eine zitrone von dem baum, der neben dem eingang vom YAS früchte trug, in einem nest von olivenzweigen von e…’s 2000 jahre alten bäumen ans grab gelegt. es lag noch da, als wir hebron verließen.

  • Wir sehen zwei Ausstellungen, eine über indonesische Dienstmädchen in Hong Kong, wo sich persönliche und gobalisierte Ausbeutung aufs Übelste ergänzen, eine über die enge Verwandschaft und Ähnlichkeit griechisch und türkisch Zyperns.
Ein japanischer Photograph hat jeweils die gleiche Szene zweimal arangiert: einmal im Süden, einmal im Norden. Nur das hier zu sehende Titelbild der Ausstellung ist gemeinsam. Besonders gefällt uns die Katze, die einfach so über die Grenze spaziert.
Am letzten Abend entdecken wir in Nordnikosia dieses Haus: Familie Potemkin – 1. Stock rechts 😉

Strand und Antike in Kourion

Mi.-Fr. 7.-9. Feb 2018

Auf dem Parkplatz in am Hafen in Paphos treffen wir die Familie mit dem Bulli und das Pärchen mit dem Hanomag wieder.

w… wird morgen nach hause geflogen samt kind und hund, j… fährt das auto nach deutschland. viel glück euch allen!!!!!

auf dem parkplatz stehen auch f… und d… und wir gehen abends alle zusammen zum abschied pizza essen. wie schön, mal nicht kochen zu müssen, obwohl mir das grundsätzlich immer noch spaß bringt.

Am Freitag können den reparierten Laptop abholen. Aber da wir keine Lust haben, noch eine Nacht (und diesmal alleine) auf dem Parkplatz am Hafen von Paphos zu stehen, fahren wir nach Kourion. Die wichtigste griechisch-antike Ausgrabung im Südteil der Insel. Die Bullifamilie hatte uns den Strand unterhalb der Ausgrabung ans Herz gelegt.

der kieselstrand unterhalb der alten siedlung ist mal wieder ein paradeplatz für uns. in schöner umgebung bei meeresrauschen vor bulli sitzen, zum frühstück die vorhänge aufziehen und in die erste sonne blinzeln.

Nein, nicht das Frühstück, der Kaffee am Nachmittag vorher.
Die Natur als Künstlerin.
Selbst die schönste Aussicht verliert irgendwann gegen eine aktuelle deutsche Zeitung. (Dahinter steckt immer ein kluger Kopf.)

am freitag morgen sehen wir uns kourion an. die türken haben ihr salamis, die griechen eben dies.

Genaugenommen haben die Britten Kourion. Es liegt nämlich auf dem Gebiet einer ihrer Souveränen Basen auf Zypern.

hier graben die archäologiestudenten, um ihren studien den letzten schliff zu geben. auch hier kann man einfach zwischen den steinen herumlaufen und wir machen am nymphentempel hemmungslos fotos, die grade so eben noch jugendfrei sind. und der fühling kommt. ich kann mich an den blümlein und dem satten wiesengrün nicht satt sehen: wilde alpenveilchen, raps im februar, rosmarin.

Blütenpracht mit emsigen Bienen im Februar.
Alte Steine in guter Lage.
Marmor, es kommt drauf an, was man daraus macht!
Bina im Nymphäum, dem den Nymphen, den Töchtern des Poseidon, geweihten Tempel.
Kein Nymphäum ohne Wasserbecken.
Bodenmosaik im sogenannten „Haus der Gladiatoren“.

ein netter ‘zwischenfall’: einer der gärtner, die grade überall arbeiten, sieht unsere kefiye aus hebron, die wir immer noch gern tragen, begrüßt uns auf arabisch und freut sich, das wir auf arabisch antworten können. ich befürchtete schon, daß selbst meine kümmerlichen kenntnisse wieder versanden werden, wenn ich mich nicht jeden tag damit beschäftigen muß.

anschließend fahren nach paphos, tanken wasser auf und leeren porta potti, was dort beides problemlos am hafenparkplatz möglich ist. dabei kommen plötzlich zwei menschen auf uns zugeschossen und fragen uns löcher in den bauch, wie wir es mit bulli hier her geschafft haben.

es sind l… und g…, die seit september hier leben und diese insel seit 18 jahren zu jeder jahreszeit besucht haben. es endet bei einem gemeinsamen kaffee am hafen mit erfahrungsaustausch und fröhlichem klönen.

ich frage l…, was wir uns hier ihrer meinung nach unbedingt anschauen sollten.

sie denkt eine weile nach und sagt dann was ganz wunderbares: ihr könnt euch freuen, denn ihr seid genau zur richtigen jahreszeit nach zypern gekommen. egal, was euch interessiert: im frühjahr ist die insel am schönsten. wartet noch zwei wochen, dann leuchten die wiesen gelb und die mandeln blühen rosa und die kirschen weiß und alles ist bunt.’

das ist es!!! keine sehenswürdigkeiten, keine besonderen cafes oder restaurants. einfach die blütenpracht einer mittelmeerinsel im frühling!

danke l…, das war der schönste tip ever!

Anschließend holen wir unseren Rechner ab und fahren nach Nikosia.

Am Bad der Aphrodite

Mo.-Mi. 5.-07. Feb. 2018

zwei tage später hat w… einen erneuten arzttermin und wir fahren westlich von polis zum bad der aphrodite, wo es einen tollen wilden campingplatz und schöne wanderwege geben soll.

mir ist nach bewegung. zudem steht auf dem platz ein pärchen mit einem alten hanomag, die für 5 jahre auf dem ‘hippie-trail’ richtung indien unterwegs sein wollen. mit denen treffen sich w… und j… schon seit der türkei und wir sind sehr gespannt auf die beiden.

das wetter ist nachts noch sehr kühl, aber tagsüber um die mittagszeit schon richtig warm. manchmal bewölkt es noch und regnet auch noch ein bischen, aber die trockenheit kommt bestimmt und noch haben die zypriotischen wasserreservoirs zu wenig wasser für den sommer. im troodosgebirge liegt auch noch schnee.

in der zwischenzeit haben wir auch einen computerdoctor in pafos gefunden, der zuversichtlich ist, unsere daten retten zu können. michel hatte in hebron versucht, die neuste ubuntu-version zu installieren. danach ging beim laptop gar nichts mehr.

die fahrt zum bad der aphrodite auf der östlichsten halbinsel zyperns ist entspannt. wir müssen erst wieder damit klarkommen, daß die straßen einfach nur straßen sind, die ALLE menschen, die wollen befahren dürfen, dass sie einfach nur von einem ort zum anderen führen und keine grenzen sind, keine bypässe für siedler in ihre siedlungen oder maßnahmen, palästinensische bauern von ihren olivenhainen zu separieren.

Wir stellen Bulli direkt an die Klippe und genießen diesen Ausblick!

der platz ist wirklich toll. Im sommer gibt es hier viele zypriotische dauercamper, es gibt toiletten und wasserstellen und von einem schon anwesenden nachbarn werden wir willkommen geheißen und über den platz aufgeschlaut. s… kommt mit seiner frau m… schon seit 30 jahren her und unterhält eine kleine improvisierte bar. später gesellt sich noch p… dazu, der für irgendeinen fernsehsender arbeitet und morgens früh schon ouzo trinkt. ziegen laufen herum und die hunde von p… und s…, das meer rauscht und dann kommen diese freundlichen herrn:

Sie wollen nicht zu uns. Ausnahmsweise!

wir befürchten schlimmes, denn das gelände gehört eigentlich einem türken, der nach der invasion den griechischen teil verlassen hat und sich nicht mehr darum kümmert. die griechen fühlten sich auch nicht zuständig, so dass dieser wilde campingplatz entstehen konnte. bis jemand offizielles auf die idee kam, die gegend zu einem naturschutzgebiet zu machen. deshalb hängt jetzt eine räumung des platztes in der luft. aber die polizei macht hier nur eine dreitägige geländeübung und will gar nichts von uns.

aber ich hab genug von polizei und militär. ich will endlich meine ruhe! wenigstens stellen sie nachts den generator ab.

d… und f… sind wirklich nett, das gemeinsame abendessen macht spaß und ihr alter hanomag ist eine bunt bemalte augenweide.

wir verbringen den dienstag mit faulenzen in der sonne und bücher lesen (neues lesefutter wurde mit w… und j… getauscht).

Nur ein kleiner Brandunfall, weil sich die Schraube am Kocher gelöst hatte und Feuer fing. Kein Schaden, aber viel Putzarbeit, weil sich das Pulver vom Feuerlöscher überall verteilt hat. – Schuld sind wir! Der palästinensische Gaslieferant hat nix damit zu tun.

am mittwochfrüh haben wir bewegungsdrang: die wanderung ist wirklich schön. das bad der aphrodite haut uns nicht wirklich von hocker. ja, ein schönes plätzchen, lauschig und einer nackerten, göttin würdig, aber nach den gumpen auf korsika… darin durfte man wenigstens baden!

Aphrodite muß heißblütig sein. Das Wasser sieht bitterkalt aus.
Eine Raupenparty!
Bewegungslust großartiger Landschaft.
Zyperns Küste in ihrer ganzen Pracht.
Pause mit Aussicht.
Die Bank könnte auch im Bayrischen Wald stehen. – Hätte dann aber keinen Meerblick!
Schön, unseren Bulli an der Klippe zu sehen.

weniger schön ist, daß auf den anderen hügeln grad gejagt wird. das erzählte f… schon: grad am wochenende sei hier schwer was los. singvögel schießen ist hier volkssport. fasane, rebhühner gibt es hier auch viele, die werden auch gejagt. aber das macht mich nicht so wütend. die geben wenigstens eine anständige mahlzeit ab. singvögel werden aber nur zum vergnügen geschossen.

Von daher sind wir absolut für die Einrichtung eines Nationalparks in diesem Gebiet. Auch wenn dann leider der schöne wilde Campingplatz futsch ist.

der rechner ist noch beim arzt, wir wir schauen noch mal nach j… und w… in pafos. auf dem weg dorthin gibts im irish pub zwei guinness und einen netten schwatz mit dem hausbetrunkenen aus limerick.

Ein echter Pub mit irischer Tresenkraft und irischem Hausbetrunkenem. Sehr zu empfehlen.

Als einige englische Gäste über Irland lästern, verteidigt die Frau hinterm Tresen ihr Heimatland und wir springen ihr beherzt zur Seite!

Tage mit Gleichgesinnten

Sa.-Mo. 3.-5. Feb. 2018

die familie(vater  j…, mutter w… und sohn k…) hatten wir anfang november getroffen, als wir mit der fähre von zypern im hafen von tasculu landeten und sie dort auf die fähre nach zypern warteten.

wir rufen sie an. sie sind tatsächlich noch auf der insel und stehen in pafos. w… mit verletztem fuß, wo noch nicht klar ist, ob gebrochen, mit bänderriss oder nur verstaucht.

wir kaufen für ein gemeinsames abendessen größer ein incl. 4 flaschen rotwein und feiern ein herzliches wiedersehen.

ich bin überrascht, wie sehr sich alle drei freuen, uns zu treffen. aber sie hängen auch schon seit tagen in pafos in wartestellung, ständig in verhandlung mit dem adac und ärzten, ein kind dabei, das sich langweilt und nicht wissend, wie die diagnose lautet und ob wiebke nach hause fliegen muß, um sich so schnell wie möglich operieren zu lassen. einen hund haben sie mittlerweile auch.

wir verbringen den abend mit einem gut gedeckten arabischen mezze-tisch und (ja, ich gebe es zu) ich betrinke mich gründlich.

das brauche ich grade. ich muß es irgendwie schaffen, die emotionalen strapazen aus palästina hinter mir zu lassen, damit ich mich auf die weitere reise freuen kann, ohne die wut im bauch zu verlieren, die dafür sorgen wird, daß ich zu hause mit der arbeit gegen die besatzung weitermachen kann. da kommt der gute zypriotische rotwein in gesellschaft von michel und interessanten, lieben bekannten grade recht.

Eine temporäre Campingplatz-Idylle auf dem Parkplatz. Von links nach rechts: Ex-Straßenhund Erica, bina sitzt am Tisch mit W…, dahinter Sohn K… an der Beifahrertür des Familienbullis, J… beim Abwasch.

wir genießen tiefe gespräche, politische diskussionen, den austausch von erfahrungen, die gemeinsamen mahlzeiten. und wir lassen uns von k… die umgebung zeigen, die tuffsteinhöhlen nebst höhlenkirche in der nähe und den schönen weg am strand. so ist auch der kleine mal mit was anderem beschäftigt und die eltern können ein stündchen pause machen.

Zurück nach Zypern

Fr. 02. Feb. 2018

ich bin mit der gesamtsituation unzufrieden: da versuchen wir in israel/palästina alles, um endlich vom mossad oder wem auch immer beachtet zu werden und der weigert sich einfach. keine interviews am flughafen, keine durchsuchungen von bulli, nichts. wir werden einfach durchgewunken. es ist ein skandal.

ich frage mich, was die horrenden hafengebüren und die sonstigen kosten rechtfertigt, die wir sowohl in haifa als auch in limasol zu entrichten hatten.

Es hat sich anscheinend ausgezahlt, dass wir in Hebron meistens lieber einen Umweg gegangen sind, als eine Datenspur beim Checkpoint zu hinterlassen, dass wir beim Verlassen des Westjordanlands meistens über einen bestimmten Checkpoint gefahren sind, der keine Kamera zum Aufzeichnen der Autokennzeichen hat, dass wir kein Smartphone haben, dass wir Facebook und Twitter meiden und dass wir “Leo und Molly” erfunden haben.

Wir hatten uns auf ein solides Kreuzverhör am Flughafen Tel Aviv eingestellt, wie wir es aus Erzählungen anderer Aktivisten kannten. Aber alles was kommt ist: “Wo kommen Sie gerade her?” – “Tel Aviv.” – “Wo haben sie dort geschlafen?” – “Bei Freunden.” – “Danke.”

In der Reihe vor uns fliegt eine Hochzeitsgesellschaft.

In Israel hat das orthodoxe Rabbinat das Monopol auf Eheschließungen für Juden. Eine Zivilehe gibt es für Juden nicht, und die Eheschließung durch liberale Rabbiner ist illegal. Juden, die zivil oder liberal heiraten wollen, können dies nur im Ausland tun, was zu einem regelrechten Heiratstourismus von Israel nach Zypern führt.

Ob es die Zivilehe für palästinensische Israelis gibt, und wie Mischehen geschlossen werden, wissen wir nicht.

wie dem auch sei: in aller herrgottsfrühe lassen wir uns von tel aviv zum flughafen fahren, checken ohne schwierigkeiten ein, fliegen mal eben nach larnaka und fahren von da aus mit dem bus nach limasol, bulli aus dem hafen kratzen.

wir sind tatsächlich eher im hafen als bulli, dessen schiff gegen 12.30 anlanden soll. wir müssen warten und ich werde langsam nervös, weil der zoll um 15.00h feierabend macht, es freitag ist, am wochenende nicht gearbeitet wird und wir keine lust haben, zwei tage im hostel zu verbringen.  nach 5 std. hin und her klappt aber alles grade noch rechtzeitig. sogar ohne agenten, der uns durchs abfertigungsgewirr hätte leiten sollen und auch noch was kosten würde. um 10 min nach 3 muß der hafenarbeiter, der uns bulli aus seinem vergitterten hafenareal aushändigen muß, zwar aus seinem feierabend zurückgepfiffen werden, nachdem ich demjenigen, der uns vom tor dorthin fuhr, klar mache, daß bulli unser zuhause ist und wir ohne ihn aufgeschmissen sind, aber dann ist die familie wieder vereint.

unseren ersten zypriotischen kaffee bekommen wir übrigens geschenkt. am zollbüro ist ein cafe, wo wir uns die wartezeit verkürzen. der kaffee wird nicht einfach über einer gasflamme erhitzt, sondern in einer metallschale mit heißem sand, der die kanne von allen seiten wärmt. das schmeckt man und die bedienung freut sich offentsichtlich über unser interesse, das sie nichts für die beiden tassen haben will.

Bulli nach von Israel nach Zypern verschiffen kostet uns knapp über 1.500€ – woran die Hafengebühren einen guten Anteil haben.

zum strand, wo wir mit bulli an der wasserkante stehen können, ist es nicht weit und wir haben mal wieder einen stellplatz mit aussicht. – Hallo! Cäsarea und die Bucht südlich von Haifa waren auch toll!

Beim Fahren durch eine Bodenwelle ditschen wir mit dem Huckepackschrank auf und Michel muß (oder darf) mal wieder McGyver spielen.

wir machen aber auch einen traurigen fund in der brandung:

Sie muß erst vor kurzem gestorben sein, denn sie ist noch ganz intakt.

Wie friedlich sie aussieht und wie wunderschön. Wollen wir mal hoffen, daß sie an Altersschwäche gestorben ist, so groß wie sie wurde und nicht am Plastikmüll, den Meeresschildkröten mit Quallen verwechseln und fressen.

Israel/Palästina: Versuch eines vorläufigen Fazit

Die Situation:

Die Situation im Westjordanland und Ostjerusalem ist meiner Meinung nach mit den Begriffen “Apartheid” und “Ethnische Säuberung in Zeitlupe” richtig beschrieben.

In Israel selber ist das nicht ganz so einfach. Hier gibt es auf jeden Fall eine “in allen staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen verfestigte rassistische Diskriminierung”. De jure sind die hiesigen Palästinenser Bürger mit Wahlrecht. De facto erfolgt der Zugang zu Wasser, Land, Wohnraum, Bildung, Arbeit und so weiter nach Volks- und Religionszugehörigkeit. Darüber hinaus es gibt die durchgängige “Verdrängung und Leugnung der ethnischen Säuberung von 1948” sowie aller damit verbundenen Grausamkeiten.

Über Gaza kann ich aus eigener Anschauung wenig sagen. Als ich vor 6 Jahren am Grenzzaun des Gazastreifens stand, hatte ich das Gefühl vor einem riesigen dystopischen Knast zu stehen. Israel hält den Gazastreifen nur in dem Sinne nicht besetzt, wie ein Gefängniswärter das Innere einer abgeschlossenen Zelle nicht besetzt hält. – Die Hamas wiederum herrscht in Gaza nur in dem Sinne, in dem ein Schlägertyp im Inneren einer überbelegten Gefängniszelle herrscht.

Der Traum von einer Sache

Die sogenannte “Zweistaatenlösung” halte ich für eine Chimäre und für schädliche Augenwischerei. Wo soll der zweite Staat liegen? Diesen Weg hat Israel mit seinen Siedlungen wortwörtlich verbaut! Aber durch die jahrzehntelangen Verhandlungen über diese “Zweistaatenlösung” gewinnt Israel Zeit, viel Zeit. Diese nutzt es zum Siedlungsbau und der ethnische Säuberung in Zeitlupe.

Man muß den Konflikt meiner Meinung nach nicht als nationalen Befreiungskampf begreifen, sondern als Bürgerrechtsbewegung. Es geht um gleiche Rechte und Möglichkeiten für alle zwischen Mittelmeer und Jordan lebenden Menschen, nicht um einen neuen Nationalstaat.

Israel hat das ganze Land genommen, jetzt muß es auch die Menschen nehmen!

Israel sollte das Westjordanland auch offiziell komplett anektieren und allen hier lebenden Palästinensern die israelische Staatsbürgerschaft inclusive Wahlrecht geben. Ebenso sollten die in Ostjerusalem lebenden Palästinensern die volle Staatsbürgerschaft erhalten.

In Israel selbst sollten die Palästinenser wirklich zu Bürgern mit gleichen Rechten und gleichen Möglichkeiten werden. Israel sollte die ethnische Säuberung von 1948 anerkennen, dafür um Entschuldigung bitten und Wiedergutmachung leisten. – Ob Wiedergutmachung dann Rückkehrrecht oder Reparationszahlungen bedetutet? Vermutlich zum Teil das Eine und zum Teil das Andere.

Gaza sollte entweder ein Teil Israels oder Ägyptens werden und seine Bewohner vollwertige Bürger des entsprechenden Landes. – Vermutlich müßte man Ägypten einiges an Geld zahlen, damit es Gaza nimmt. Warum nicht?

Und die Palästinenser? Sie müßten sich von ihrem Traum von Palästina verabschieden. Sie werden ihr Land nicht zurückbekommen. Aber das Israel/Palästina, in dem sie dann leben könnten, wäre ein anderes. Schon deshalb weil sie über 40% der wahlberechtigten Bürger des Staates stellen würden. (Also ohne Gaza und Rückkehrrecht.)

binas gedanken:

ich gehe mit michels ideen mit, möchte aber einen weiteren grund hinzufügen, warum israel nicht so weitermachen kann wie bisher. nach unseren beobachtungen würde das land, die infrastruktur und die gesellschaft als idee einer jüdischen gemeinschaft implodieren.

die haredim werden aufgrund ihrer geburtenrate immer zahlreicher und die säkularen israelis müssen immer mehr leisten im hinblick auf armee und steuerzahlungen zum beispiel.

gleichzeitig gibt es immer häufiger streit über religiöse regeln des zusammenlebens, die die haredim für alle israelis durchsetzen möchten. kleidervorschriften für schulkinder, sitzordnung im bus, straßenseite wechseln für frauen vor synagogen. das betrifft derzeit vor allem die wohngebiete der haredim wie bnei brak in tel aviv oder mea shearim in jerusalem, es gibt aber bestrebungen, das zumindest in jerusalem, auf die ganze stadt auszuweiten.

kein wunder, daß es immer öfter israelis vorziehen, aus israel weg zu gehen. zumal das leben in Tel Aviv sehr teuer geworden ist.

irgendwann wird es nicht mehr möglich sein, eine armee wie die jetzige aufrecht zu erhalten oder ein steuersystem, das trägt.

ich werde palästina vermissen. dies bunte dreckige chaos, was mich zugegebenermaßen auch sehr angestrengt hat. die menschen, seien es die jungs vom YAS oder die vielen leute in den straßen, grüßend, über uns staunend, sich sichtlich über unsere anwesenheit freuend. die läden, die immer wie kleine oasen wirkten.

ein letzter beobachtungsschniepsel:

– in deutschland wird beim abwiegen einer ware auf 10 gramm genau abgewogen. in palästina nimmt mans nicht so genau. da sind 100-200gr noch absolut im rahmen. und die handvoll datteln kriegt man vielleicht auch noch in die tüte gelegt. einfach so.

mir ist ein satz eingefallen, der mir sehr gefällt:

palästina haut einem das leben rechts und links um die ohren. mit allen guten und schlechten aspekten, aber immer mit einem lächeln im gesicht und einem guten kaffee oder tee in der hand.

wir bleiben weiter am ball. unsere arbeit ist noch nicht beendet. wenn wir wieder zu hause sind geht es weiter. wir bleiben dran. – “man ist ein leben lang für das verantwortlich, was man sich vertraut gemacht hat.” sagte der fuchs.

Youth Against Settlements

Wer mehr über “Youth Against Settlements” erfahren will, die Organisation für die wir als Internationale Freiwillige in Hebron waren, dem seien folgende Broschüre und Hompages empfhohlen: