so wie der name so auch das dorf oberhalb von girne.hier wohnt, wer geld hat. alle parkplätze an der ruine und im dorf selbst kosten etwas, also fahren wir bergauf und stellen uns zwischen zwei villen an den straßenrand und genießen den blick:
dieser fällt auch auf die grüne und unverbaute fläche mit den ruinen. ein militär-übungs-gebiet gleich neben an. hier wurde und wird vielleicht noch der häuserkampf geprobt. morgens haben wir frühstück mit aussicht und wandern nicht allzu früh los. schwierig wird nicht werden. aber es sind uns schöne ausblicke und die klosterruine als abschluß geweissagt. hier merken wir schon, wie es auf das frühjahr zugeht. alles ist schon grün und es gibt die ersten blüten:
das mit dem ausblick ist so eine sache…. wolken kommen und gehen:
aber an der klosterruine ist weitsicht nicht nötig. das empfangskomitee erwartet eine streicheleinheit und unser blick erfreut sich an details und orten zum schöner tot sein:
empfangskomiteeschöner tot sein
der eigentliche kirchenraum ist sehr prächtig und restauriert:
wir sind wieder in nicosia, denn wir beteiligen uns an der palästina-demo von ‚unitied for palestine‘. spaß macht es. nur das eis, was michel vor der demospendiert schmeckt noch nicht. bevor wir losgehen schauen michel und ich noch schnell bei der ukraine-kundgebung vorbei, die in unmittelbarer nähe vor unserer kundgebung stattfindet. es ist schön, die ukrarainische hymne mal wieder zu hören.
united for palestine organisiert mit uns auch die vorführung einer slideshow. wir brauchen uns um nichts zu kümmern. wir müssen nur den texte und bilder zusammenstellen. sie kümmern sich um ort und ankündigung auf den social media-kanälen, um das drucken der aushänge und um deren verteilung.
das ‚yalla‘ ist eine netter ort dafür, wo wir auch alles vorfinden, was wir brauchen. eine leinwand, projektor, soundsystem.
kleinigkeiten zwischendurch:
wir kommen immer häufiger an pro-palestina-graffitos vorbei:
die bulli-spüle leckt und michel darf mal wieder mcgyver spielen. dieses mal hilft keine büro-klammer, sondern nur eine gehörige menge silikondichtung.
und wir kehren immer mal wieder im hoi polloi auf ein bier oder mehr ein, wo wir den betreiber simon kennenlernen, der gesteigerten wert darauf legt, ein poster von unserer veranstaltung aufhängen zu können. das yalla wird wohl voll werden. hilfe, ich werde nervös!!!!!!
wir schauen auch in diese music-bar am ledra-palace hinein, die uns so oft mit ihrer live-musik nicht recht schlafen läßt. aber der laden wirkt so steril-schick und unsympathisch und die bedienungen finden uns wohl auch eher seltsam, das wir unser angebrochenes bier nehmen, das wir an einem unauffälligen seitentisch serviert bekommen und lieber zum bulli gehen.
wir versuchen, zwei briefe nach deutschland und irland abzuschicken und brauchen dafür ein postamt. aber mitnichten verkauft jedes postamt auch briefmarken! wir versuchen es an zwei ämtern, werden aber weggeschickt, sie hätten kein briefmarken-verkaufs-system. keine ahnung, was die sonst machen, denn im hinteren teil des raumes sehen wir kistenweise frankierte briefe. das dritte amt wird uns genannt. das liegt zum glück in der nähe von unserem lidl, wo wir immer einkaufen und dort bekommen wir endlich was wir brauchen. verstehe einer dieses system…..
außerdem haben wir mal wieder caravan-gesellschaft auf unserem parkplatz. zwei familien aus deutschland mit womo-oldtimern und ein womo aus russland haben es bis hierher geschafft. mit der einen familie kommen wir ein bisschen in kontakt und sie wird mit reise- und unternehmungstips versorgt. und wenn ich denke, wir sind im bulli mit unserer ausstattung wirklich luxuriös aufgestellt, dann ist diese familie superluxuriös, die haben sogar eine BROTBACKMASCHINE dabei. und die mutter ist grade dabei eine torte zu backen! mit geschmolzener schokolade oben drauf! ich fasse es nicht. überhaupt treffen wir viel mehr wohnmobile als 2017/18. mal kommt uns eines auf der straße entgegen, dann steht eines aus süddeutschland am weg einer wandertour, von der ich noch erzählen will. (wir schreiben diesen blog ja immer im nachhinein…)
dann geht auch unser deutscher spiritus zu neige und wir klappern super- und baumärkte und farbenläden nach derlei ab. aber ohne erfolg. ich werde mich mit gaskartuschen und unserem trucker-kocher begnügen, wenn die letzte flasche leer ist.
es sind einigermaßen entspannte tage, die wir verleben. bulli steht an der autowerkstatt. das rechte vordere radlager muß noch erneuert und die ölwanne untermontiert werden. das dauert erstaunlich lange. wir sind über einen tag heimatlos und verbringen die zeit im h4c. zum schlafen steht bulli aber vor der werkstatt, wir können darin schlafen. am nächsten mittag ist auch die ölwanne wieder an ort und stelle und wir können uns nach girne aufmachen. ja, die reparatur hat etwas länger gedauert, aber wir haben das gefühl, die werkstatt war wirklich gründlich. so hat die ölwanne noch den vormittag gebraucht, weil die unterschiedlichen schraubenlöcher auf gleiche stärke aufgebohrt wurden und jetzt neue, gleiche schrauben die wanne halten.
die fahrt nach girne geht schnell. wir bummeln durch die stadt. leider heißt unser cornischer pub von 2018 jetzt cosy’s, ist irgendwas anderes und zudem geschlossen. die als irischer pub annoncierte bar ist mehr als fragwürdig, aber das lokal daneben hat ebenfalls guinness, wenn auch in dosen. in der stadt wird gebaut, als gäbe es einen preis für die meisten baustellen zu gewinnen. der verkehr ist irrwitzig. das war er damals schon und die autos sind nicht weniger geworden.trotzdem haben wir einen guten stellplatz für die nacht zwischen modernem amphi-theater und dem castle of girne. naja, eigentlich ist es eine baustellenbrache, das ist uns aber egal, denn hier stehen auch etliche andere autos. das ohne park-gebühr und auch etwas außerhalb des ganzen trubels. nachdem wir in einem off licence-laden, die es an jeder straßenecke gibt, noch zwei flaschen bier gekauft haben, sitzen wir damit am hafen und gucken touristen. dieser laden ist wirklich eine sensation. wir waren so irritiert, daß wir vergessen haben, fotos zu machen. die werden aber nachgereicht. man kann dort alkohol im duty free kaufen. am meisten hochprozentiges in liter- oder größeren flaschen. 5-l-buddeln chivas regal stehen da kistenweise. richtig guten single malt gibt es allerdings nicht. nur amerikanischen bourbonund sonstige verschnitte. die gin- und rum-abteilungen sind nur geringfügig kleiner. zwischen den regalen drängt sich diemeist türkische kundschaft, es geht zu wie bei c&a im ausverkauf. an der kasse werden die flaschen mit den leeren kartons eingewickelt, dort sind bestimmt fünf leute beschäftigt. unfassbar!!!
wir fahren nach einer ruhigen nacht weiter und schlafen in den bergen auf einem picknick-platz direkt an der klippe, von wo aus ein schöner rundweg durch die berge führt. ein karpaz-esel lungert herum und läßt sich sogar streicheln. aber wieder liegt überall der müll und wurde besonders die klippen hinuntergeworfen. es ist so unverständlich und ebenso erschreckend, wie wenig die besucher sinn für die schönheit dieser gegend haben und das es vielleicht sinnvoll sein könnte, seinen müll in den container an der straße zu werfen, um diese schönheit zu erhalten. oder stört sie der ganze müll nicht? wir verstehen es immer weniger.
am nächsten tag machen wir eine schöne rundwanderung an einem alten armenischen kloster vorbei. auch das kennen wir noch von dem letzten besuch und es sieht immer noch aus, als hätten die möncheeben erst ihre klausen verlassen. die blicke ins tal zum meer hinunter sind phantastisch.
kaffee und kekse mit aussichtirgendwo dahinten steht bulli
und dann geht es auch noch eine zinne hoch, zu der ich zum ersten mal nach jahren wieder ein bisschen klettern muß. es ist herrlich und die knie spielen prima mit.
nachmittags fahren wir zurück nach nicosia zum parkplatz am ledra-palace. am abend gibt es eine kundgebung von ‚United for Palestine‚. diese organisation hilft uns, eine slideshow zu organsieren, in der wir über die drei monate in hebron berichten und über die möglichkeiten sprechen, selber nach palästina zu fahren und sich zu engagieren. anschließend besuchen wir das ‚yalla‘ im griechischen teil der stadt, wo die premiere statt finden soll.das dortige craft-bier ist erwähnenswert: ‚crossline‘ heißt es ist zypriotisch und ausgesprochen lecker. es wird ein netter abend.
nach dipkarpaz/rinokarpazo
dienstag, 20.1.26
michel hat schöne stellplätze am meer herausgesucht und auch wanderungen erdacht. wir freuen uns auf ein paar tage ohne menschen, denn hier oben ist meist nichts los, zu mal wir keine touristensaison haben und sich ohnehin nur wenige auf den weg dorthin machen. höchstens, daß sie sich das andreaskloster anschauen und nach den karpaz-eseln ausschau halten. dann fahren sie aber meist wieder zurück.
aber das wetter wird hier oben richtig schlecht. es ist sehr kalt, den wind kann man getrost als sturm bezeichnen und es regnet immer wieder. okay. aus deutschland hören und lesen wir von schnee, eiseskälte und glatteis. von schulausfällen, geschlossenen flughäfen und eingestelltem öffentlichem nahverkehr. wir beschweren uns nicht, aber wandern? och, nööö…..
so stehen wir an einer klippe, etwas unter uns das tosende meer und lassen den wind um bulli wehen, während wir uns lesend und strickend in die decken einmummeln. es ist schön, in der wildnis zu stehen und und nicht auf einem parkplatz. wir können wieder auf vorhänge und sichtschutz verzichten. nachts gibt es einen kurzen blick auf die milchstraße und morgens auf einen tollen sonnenaufgang. aber um draußen zu sitzen ist es zu kalt.
die beiden fische auf dem letzten bild wurden wohl mit einer großen woge vor nicht allzu langer zeit an den stand gespült, während sie an den klippen nach futter knabberten. und es gab keine weitere welle, die sie wieder zurück ins meer brachte.
nachts fängt es so dermaßen an zu winden, daß wir uns sorgen machen. wir stehen aber auch wirklich sehr prominent….. also machen wir den bulli flüchtig fahrtauglich und fahren weiter richtung dipkarpaz/rinokarpazo. an einer feldauffahrt finden wir einen wesentlich ruhigeren platz. und es gibt einen weiteren faulen tag. der regen läßt nur kurzfristig und der wind nur geringfügig nach. wir haben auch kein internet. so bleibt es wieder bei lesen und stricken. ich habe eine wolle gekauft, die so dünn und glatt ist und sich so schlecht strickt, daß ich fast zuviel kriege. an socken daraus bin ich schon gescheitert. allerdings war sie sündhaft teuer und deshalb mag ich sie nicht wegwerfen.und sie ist auch so wunderbar flauschig und ich finde die farben so toll. also mache ich stulpen für handgelenke daraus und kriege diese auch fast fertig.
so gibt es jetzt gelegenheit mal wieder ein bischen von bulli-leben zu erzählen. viel haben wir nach der letzten großen reise nicht geändert. die wichtigen dinge haben ihren selben platz wie damals. und wie immer haben die verschiedenen stauräume ihre eigenen namen. das erleichtert die kommunikation zwischen michel und mir. ‚die nase‘ (wahlweise links oben/unten oder rechts oben/unten) ist im hochdach die ausstülpung über der windschutzscheibe:dort sind links technische kleingeräte, kaffee,tee, spüli und spiritus untergebracht. rechts ist das waschzeug, aber auch sonstiger haushaltskram und die keks- und nudelvorräte. im ‚dimensionsloch‘, das so heißt, weil es von außen nach nichts aussieht, aber innen unfassbar viel platz hat, lagern die wanderstiefel und grad nicht gebrauchten schuhe,sowie meine stricksachen. es ist gleich neben dem kühlkasten an der seite. über dem bett ist die ‚bibliothek‘, dort sind unsere bücher untergebracht. dann die ‚adventsklappe‘. die heißt so, weil sie wie ein tor aufgeht, entsprechend dem weihnachtslied ‚mach hoch die tür, die tor mach weit..‘ . dahinter sind meine medivorräte (die brauchte ich bei der letzten reise in diesem umfang noch nicht) und auch auch weiterer spiritus für den herd, sowie kleinkram, der eher selten gebraucht wird. die ultimative neuerung ist allerdings die unschlagbare ‚badewanne‘. michel hatte das glück, vor der reise eine große metallkiste zu erstehen, die der vorbesitzer nicht mehr brauchte. er hatte sie für einen baugleichen bulli und dessen anhängekupplung selbst gebaut und war damit viel gereist. er hat uns damit sehr glücklich gemacht. nicht nur, daß sie anstandslos auf unsere kupplung passt, sie passt auch so unter das paulchen mit den fahrrädern, daß wir sie öffnen können, ohne die räder entfernen zu müssen.man kann sie hervorziehen, so daß man auch noch die heckklappe öffnen kann. das war damals mit dem schrank nicht möglich. die kiste heißt badewanne, weil sie so groß und zudem wasserdicht ist, daß wir darin baden könnten. darin befinden sich dinge, die wir nur selten brauchen. weitere vorräte, zelt und sonstiger campingkram, der am ende der reise noch wichtig wird, notfallwasser und – ganz wichtig – eine tüte katzentrockenutter für streunende, hungrige katzen.
freitag, 23.1.26
jetzt aber wirklich auf nach dipkarpaz/rinokarpaso, dem türkisch-griechischen dorf, aus dem die griechen bei der türkischen invasion nicht gegangen sind. wie damals haben wir das gefühl, daß die griechischen einwohner wieder weniger geworden sind. selbst im kafenaio sitzen gefühlt nur türken und ein paar touristen, die aber auch fast alle türkisch sprechen. dafür gibt es internet, wir schauen schnell in unsere mails und nehmen einen lunch. viel gibt es nicht und wir erwarten auch keine gourmet-küche. es soll für michel hamburger und für mich fish’n‘ chips geben. solche mahlzeiten im quasi nirgendwo sind immer spannend. was hier wohl unter hamburger verstanden wird????? michel bekommt pommes mit zwei scheiben fleisch und ich ebenfalls pommes und einen ganzen leicht panierten fisch mit kopf und allem. dazu gibt es brot, das der wirt noch aus dem laden gegenüber holt, wie auch den zivania, den ich anschließend trinken möchte, und eingelegte stücke von staudensellerie. hamburger als bausatz und fish’n’chips mal ganz anders. es schmeckt und wir werden satt.
und dann treffen wir schubat. geschrieben „subat“. das ’s‘ hat unten eigentlich ein häkchen, damit man es ’sch‘ spricht, aber das finde ich auf meiner tastatur nicht. also muß ich mir anders helfen. schubat trampt durch die welt und verdient sein geld dafür über verschiedene sozial-media-kanäle. er macht kleine filme über die menschen die er trifft und wir sehen ihn, wie er den einen oder anderen gast interviewt. vor der tür kommen wir ins gespräch und laden ihn ein, mit uns weiter auf die halbinsel zu kommen auf einen gemeinsamen abend. da er die gelegenheiten so nimmt, wie sie kommen, sagt er zu. ich habe seinen kanal leider noch nicht gefunden.
am andreaskloster machen wir halt. die esel kommen zum betteln. der wachposten auf dem klosterdach von 2018 ist mittlerweile verschwunden. wahrscheinlich haben die türken gemerkt, daß sowas schlechte reputation gibt. es sind tatsächlich einige der souvenir-stände geöffnet. im kloster zünden wir kerzen an und strolchen um das gebäude herum. es wird grade an allen ecken und enden renoviert. unter anderem auch unten an der heiligen quelle, die aber trotzdem zugänglich ist. heiliges wasser aus einem brunnen oder schnöde aus einem schlauch…wo ist der unterschied?
diese süßen cremeschnäuzchen!
wir finden einen schönen stellplatz am noch mehr tosenden meer, aberohne viel wind. schubat will tatsächlich im zelt schlafen, freut sich aber über eine warme mahlzeit. immer mal wieder regnet es und das nicht zu knapp und ich bin später wieder mal unfassbar glücklich, daß es bulli gibt.
die gespräche kullern durch die themen hin und her. über politische einschätzungen, reiseerfahrungen, warum es wichtig ist, ‚guten tag‘ und ‚danke‘ in möglichst verschiedenen sprachen zu können. ich merke mal wieder, daß ich zu einer anderen generation gehöre. wenn ich als langzeitreisende ohne geld-polster pleite wäre, würde ich eher in einer kneipe oder einem laden für eine weile um anstellung bitten und nicht auf die idee kommen, filme auf insta oder so einzustellen und durch die werbung geld zu generieren (so wie es, wie ich verstanden habe, funktioniert). das kommt mir so substanzlos vor.
samstag, 24.1. 26
die nacht wird nass und windig. aber schubats zelt steht auch morgens noch und als es gegen 8.00uhr frühstück gibt, ist er guter laune und hat nur einen leicht feuchten schlafsack.aber natürlich ein klatsch nasses zelt. trotz des miesen wetters lassen wir es uns nicht nehmen, einmal wenigstens zum kap zu fahren. die straße dahin ist matschwüste mit großen pfützen, aber bulli und michel manövrieren in schlangenlinien ganz prima hindurch. am ende der straße ist natürlich niemand. der wachposten ist nicht besetzt, selbst die fahnen, die sonst immer wehen, wurden nicht gehißt. sicht? kaum. und der wind peitscht uns um die ohren. aber das ist uns egal. wir sind am äußersten nord-östlichen ende der insel und das finden wir alle drei toll. michel und ich werden bei besserem wetter wiederkommen und dann auch wanderungen machen.
lands end
an der nordküste entlang fahren wir zurück nach girne. schubat möchte dort follower treffen und wir wollen schauen, ob das wetter besser ist. wenn nicht, fahren wir weiter nach nicosia. auf dem weg zurück entdecken wir auch das griechische restaurant, wo ich 2018 mit dem besitzer musik machte.es ist geschlossen und zwar schon ziemlich lange. wie schade. offensichtlich haben sich ihre vorhaben, einen veranstalungsort zu schaffen, nicht rentiert.
das wetter ist in girne nicht besser. nach einem herzlichen abschied von schubat geht es über die berge zurück nach nicosia. hier regnet es wenigstens nicht mehr und der wind ist weniger geworden. der parkplatz steht über weitere strecken unter wasser, aber wir finden ein trockenes plätzchen ein stück weiter am zaun zur buffer zone.
viele photos wird es dieses mal nicht geben, aber einen hoffentlich unterhaltsamen text.
während der warterei auf die letzte passkontrolle an der king-hussein-bridge stoßen wir auf den kanadier c., mit dem wir uns ein schickes taxi nach amman teilen. natürlich zahlen wir trotz feilschen mehr als gedacht. wir werden auch massiv von bettlerinnen mit kindern auf den armen bedrängt, die nach dinar oder auch schekel fragen. aber ‚la‘ heißt auch hier nein. beim losfahren stellen wir fest, das die einfachen taxis 100 meter weiter stehen, dort, wo die palästinenser ihren ausgang haben. aus irgendwelchen gründen ist das hier strikt getrennt. dort hätten wir wohl weniger bezahlt.
das hostel ist wirklich schnuckelig, die betten und räume sind gemütlich und die betreiberin zeigt uns schnell und gut vorbereitet alles, was wir über das hostel und den ersten gang in die stadt wissen müssen. der einzige aufreger für mich ist, daß ich mich zum ersten mal mit altersdiskiminierung auseinandersetzen muß. michel hatte es beim buchen ganz zum schluß noch wahr-, aber nicht richtig ernst genommen: dieses hostel ist gästen unter 45 jahren vorbehalten. zwar erklärt es die betreiberin, ich kann sie auch ein stück weit verstehen und sie sieht auch, daß wir nicht zur gewöhnlichen klientel der über 45-jährigen gehören, weshalb wir bleiben dürfen. aber ich hätte nicht gedacht, daß mir so etwas schon mit 60 jahren widerfährt. dieses hostel hat auf bewertungsportalen hauptsächlich von dieser altersgruppe schlechte noten bekommen, die zwar billig nächtigen wollten, aber komfort eines besseren hotels erwarteten. schlechte bewertungen können oder wollen sie sich nicht leisten. aha, soweit sind wir also: ich werde ausgegrenzt, weil die internetbewertungen meiner altersgruppe zu schlecht ausfallen. dafür habe ich mir nicht drei monate lang die seele in hebron eingerannt und mich siedlern, soldaten und der apartheid ausgesetzt. sie möge bitte selbst erst mal so alt werden wie ich und dann solche reisen machen. ich werde wütend und sehr deutlich und lasse mich auch durch michel nicht stoppen. WAS FÜR EIN IRRSINN. so weit sind wir also schon. das kann ja die nächsten 20 jahre noch lustig werden. ich frage mich gerhard seyfried zitierend (wenn den noch jemand kennt): wo soll das alles enden???????? aber ich beruhige mich wieder und lasse es gut sein, wir dürfen ja auch bleiben.
Ich breche jetzt eine Lanze für die beiden Betreiberinnen des Darna-Hostels. Sie schaffen hier mit viel Liebe und Hingabe einen wundervollen Ort. Ein Hostel, dass sowohl persönlich heimelig als auch professionell geführt ist. Es ist gemütlich und super sauber. Die beiden sind hilfsbereit, erklären einem alles und sorgen dafür, dass ihre Gäste nicht von Geldwechslern oder überteuerten Restaurants abgezogen werden. Und das für gerade einmal 10€ die Nacht, inklusive einfachem Frühstück.
Dass sie sich das nicht von alten deutschen Grantlern kaputt machen lassen wollen, das verstehe ich. Wir geben ihnen ein ganz klares „Daumen-hoch“. Wenn wir auf dem Weg von oder nach Hebron wieder in Amman nächtigen, werden wir das hier tun. Wir empfehlen die beiden und ihr Darna-Hostel auch aus vollem Herzen weiter:
aber jetzt erst einmal zu fuß in die stadt.es gibt die üblichen kleinen läden an den straßen, werkstätten, unebene fußwege, viel verkehr, viele menschen und lärm. aber alles ist sauberer und entspannter. weniger überfüllt. hebron wirkt wie ein zu enger käfig mit zu vielen ratten. in amman ist platz. auch platz für ein lächeln unter passanten. das flair ist europäischer geprägt. wir finden einen kleinen pizza-imbiss. wie herrlich, endlich wieder eine europäische mahlzeit zu haben, so lecker die palästinensische küche auch ist. eine saftige, gut belegte pizza mit viel käse!!!! die stimmung auf der straße ist entspannt. viele jordanische frauen sind ohne kopftuch unterwegs und wenn mit hijab, dann sorgfältig geschminkt. sie gehen anders als in hebron. aufrecht, entspannt, mit begleitung oder allein. neben uns am anderen tisch hockt ein teenagerpärchen wie sich teenager eben auf eine pizza verabreden. und auch auffällig viele touristen sind auf der straße. besonders viele junge frauen, die allein reisen. von letzteren mehrere in unserem hostel. eigentlich wollen wir noch irgendwo ein bier trinken, aber wir finden keine bar. nur läden wo wir welches kaufen können, was wir auch tun und mitnehmen. eines trinken wir auf dem weg zurück, das zweite dürfen wir im hostel auf der terrasse trinken, obwohl alkohol in den räumen verboten ist. die dachterrasse ist traumhaft schön, jetzt allerdings ein wenig kalt und nass. aber was wärmt mich ein bisschen? eine schmusebedürftige katze, die es sich gleich auf meinem schoß bequem macht. wie heißt dieser blog nochmal? mit 80 katzen um die welt? die beiden biere hauen uns sofort um. kein wunder nach drei monaten hebron. wir schlafen so gut. ohne kleidung und dem feuerlöscher neben uns. ohne nachtwache und einem offenen ohr nach draußen. jeder in der eigenen etagenbettenkoje.
Die Bevölkerung Ammans besteht zu 70% aus palästinensischen Flüchtlingen und ihren Nachkommen. Amman gibt einem also ein Gefühl dafür, wie Palästina ohne Besatzung wäre. Das entspanntere Lebensgefühl, die Tatsache, dass Menschen schlendern, dass sie gesünder und größer sind, dass sie weltlicher sind, weil sie keine Zuflucht zur Religion suchen müssen. So könnten auch Ramallah und Hebron sein. Wenn sie nicht unter Siedlern, Soldaten und Besatzung zu leiden hätten.
sylvester
morgens gibt es eine heiße dusche nebst gewaschenen haaren. und ein schlichtes frühstück mit toast und pulverkaffee. nein, wir vermissen pita, hummus und labneh nicht. das kommt irgendwann später. wir machen es uns im aufenthaltsraum gemütlich. michel schreibt blog, ich lese. meine gedanken wandern immer wieder nach hebron. wie es den anderen wohl geht? war die nacht ruhig, feiern sie heute auch sylvester? wie geht es adam und lilith? und ich friere wie ein schneider. daran ändern auch decke und schlafsack nichts, in die mich michel auf einem sofa einmummelt. ich schwanke zwischen glück, daß wir heile in amman sind, die wir ja in hebron wieder trafen und sorge. die anspannung und der streß fallen von mir ab. ich weiß, das ist völlig normal, deshalb gebe ich mich dem hin und warte ab. schon bald wird es abend und zeit, sich für den pub fertig zu machen. wir wollen im dubliners irish pub feiern. c. hat sein erscheinen zugesagt und auch k. aus kolumbien, die wir in hebron getroffen haben, zusammen mit einer freundin. wir gehen die 5 km zu fuß. nein, amman ist eigentlich nicht schön. viele prächtige neubauten, breite straßen, auf denen sich die autos reihen. viel polizei. so gut wie an jeder straßenecke und vor jedem wichtigeren gebäude. es gibt fußgängerampeln und autos, die daran halten, wenn für sie rot ist. erstaunlich. wir fragen uns, wovon amman lebt. von größerer industrie wissen wir nichts. nur, daß hier 70% der befölkerung palästinenser sind und diese stadt mal ein kleines dorf war. später erfahren wir, daß pottasche abgebaut wird. und man lebt offenichtlich von dem wasserkopf, den das jordanische königshaus installiert hat, um seine macht zu sichern.
noch ist der pub so gut wie leer. das guinness ist zwar aus dosen, schmeckt aber wie reines ambrosia. und ich darf mir eine gute portion fish’n’chips einverleiben, zu der es sogar vinegar für die chips gibt.
ich hatte mich ein bisschen auf irish folk gefreut, aber es gibt nur pop-musik und auf acht bildschirmen sportübertragungen. egal. das guinness ist köstlich, die gespräche mit verschiedenen gästen an tresen und tischen auch. dann taucht c. auf und später k. mit ihrer freundin und der erfahrungsaustausch, diskussionen und gespräche gehen hin und her. der pub ist bald bis auf den letzten platz besetzt.
dann geht irgendwann das lichtaus und es ist 00 uhr. alle jubeln, tanzen, klatschen. nur ich heule wie ein schloßhund und stehe mit michel stumm am tisch. es läuft ‚auld lang syne‚ auf techno. andere länder, andere sitten. anschließend gibt es aber auch noch eine besinnliche version, diewir mitsingen mögen. ich finde es unfassbar, das wir gesund und munter sylvester in amman feiern. wir bestellen mit c. ziemlich bald ein gemeinsames taxi und fahren ins hostel zurück. dort ist alles still. mittlerweile sind auch alle restlichen betten in unserem gemeinschaftszimmer belegt und wir gehen leise und nach raucherkneipe duftend schlafen.
zurück nach zypern
jetztkönnen wir es ja erzählen, wo wir alles hinter uns haben. michel hat seinen reisepass und das notizbuch verloren. vielleicht wurde es auch geklaut, wir haben keine ahnung. neujahrmorgen stellt er fest, das seine tasche leer ist. die suche im hostel bleibt erfolglos. aber zum glück hat er noch den 2. pass, nur ohne visum. das dubliners wird angeschrieben. c., der das taxi bestellt hatte, wird angefunkt. aber im taxi wurde nichts gefunden. wir packen unsere sachen und lassen uns in den dubliners fahren, der um 12.00h öffnet. der flug geht um 17.45 uhr, wir haben also noch ein gutes zeitfenster. aber im pub ist der pass auch nicht. vielleicht hat er ihn verloren, als wir an dem großen straßenkreisel die polizei nach dem weg fragten und er das smartphone aus der tasche zog? vielleicht haben die jugendlichen palästinenser nachts vor dem hostel, die von uns und unsreren kefiye um den hals so begeistert waren und selfies mit uns machten, in seine tasche gegriffen? vielleicht hat ihn aber auch jemand gefunden, an sich genommen und zur polizei gebracht? wir wissen es nicht. wir fahren zum flughafen.
natürlich kommen wir nicht durch die ersten sicherheitskontrollen, weil die stempel im zweiten pass fehlen. wir werden an die polizeistation am flughafen verwiesen. dort sind die räume voll mit polizisten, die rauchen und kaffee trinken. welchen job sie haben ist nicht klar. einige wenige können gebrochen englisch, verweisen auf den babbo hinter dem großen schreibtisch, der aber auch kaum englisch kann. dann kommt jemand mit besseren englischkenntnissen, der dem babbo aber untersteht. mit dem wird die sachlage geklärt. dann taucht ein ganz hoher babbo auf, der auch gut englisch spricht und besonders lametta auf der brust, aber keinen schreibtisch hat. dem hören dann alle zu, auch der am schreibtisch. er sagt, wir müssen nach amman zurück, weil die polizeistelle zuständig ist, in deren destrikt der vorfall passierte. aber das wissen wir ja nicht….. er wundert sich, das wir zwei pässe haben und will wissen, ob wir von der botschaft kommen. diesen ball nimmt michel gerne auf und sagt ja. er hebt unsere botschaftskontakte sehr hervor und zeigt auch sein elektronisches visum auf dem handy. dann geht alles erstaunlich schnell. der babbo telefoniert. wir sollen zum flughafen gehen und mit dem zweiten pass und dem e-visum einchecken und wenn fragen aufkommen, sollen die nochmal bei ihm anrufen. wir sind entlassen.
Als der Ober-Babbo erfährt, dass wir doppelte Pässe haben, hält er uns für Diplomaten. Sein Ton wird deutlich freundlicher und er wird deutlich vorsichtiger. Vorher war der Tenor: Alles nicht unser Job und unser Problem. Jetzt hat er merklich Sorge, dass er mit dem Ober-Ober-Babbo Ärger bekommt, weil er einen deutschen Diplomaten verärgert hat. – Ich lüge nicht direkt, bediene seinen Irrtum aber mit Freuden. Sein unzureichendes Englisch erledigt den Rest. Während ich so bluffe sitzt mein inneres „Ich“ mit Popcorn dabei und kann es gar nicht glauben, dass das wirklich klappt! – Aber es klappt reibungslos. Wichtige jiddische Vokabel an dieser Stelle: „Chuzpe!“
an den kontrollen und beim einchecken gibt es tatsächlich keineprobleme. sogar der piepende personensanner wird toleriert, ich zeige nur auf meine knie und ernte ein verständiges lächeln. im wartebereich treffen wir die nette deutsche wieder, die mit uns im hostel war und haben eine kurzweilig verplauderte zeit. der flug geht pünktlich. es gibt sogar einen imbiss an bord, was ja nicht mehr selbstverständlich ist. noch pünktlicher landen wir in larnaka und können, wartend aufs gepäck, in hebron bei issa entwarnung geben. auf issas terrasse ist grade wieder ein party mit gästen in gange. mit za’atar-pizza. za’atar ist eigentlich thymian auf arabisch. so heißt aber auch eine gewürzmischung hauptsächlich aus thymian, salz und sesam und sicher noch anderem. issa zeigt mich per handy herum. m. winkt, hatim steht mit amir in der küche am herd, umm temer wirft mir ein küßchen zu. sie trägt eine wunderschön bestickte stola. abu natschi steht in unserem(!) zimmer mal wieder auf der leiter und wandert damit durch den raum, wie er es so oft und sehr yirtuos tut. sie haben dort gleich nach unserer abreise mit der renovierung angefangen.für uns fühlt es sich wie ein gruß von zuhause an. das heißt, es geht ihnen gut und es ist friedlich. wie beruhigend.
und dann lesen wir, das heute keine busse mehr nach nicosia fahren. der fahrkartenschalter ist verwaist. och nööö! ein taxi soll 70.-€ kosten. aber zum glück fragt michel eine andere touristin, die sich wundert: ‚wieso, in 20 min. fährt doch einer!‘ der schalter ist plötzlich auch wieder besetzt. die damen haben sich nur was zu essen geholt. 9.-€ pro ticket bezahlt, noch ein bischen gewartet, in den bus gestiegen, ganz entspannt zur shuttlebus-haltestelle und von dort mit einem taxi nach nicosia zum übergang am ledra-palace gefahren. die letzten zwei kilometergehen wir zu fuß. ich träume von einer großen portion nudeln, nur mit öl, salz und oregano. tomatensauce wird nicht zu finden sein. wenn denn bulli überhaupt auf uns wartet und wenn in welchem zustand. wir können uns alles vorstellen. aber tatsächlich: da steht unser kleiner auf dem parkplatz. alles ist dran und drin. vögel haben in den drei monaten im dorf des werkstattchefs ihre kotspuren hinterlassen und der zypriotische staub liegt auch auf allen innenflächen. wir haben unser zuhause wieder und ich gebe es zu: ich weine! dann gibt es nudeln mit öl, salz und oregano.und ein bullibett und einen schlaf, wie wir ihn schon lange nicht mehr hatten. ich bin so glücklich, daß es fast weh tut.
wiedersehen mit nicosia
der erste gang morgens führt uns in die autowerkstatt. lange sucht der chef nach der rechnung. ganz vorne im auftragsbuch findet er sie und es ist wirklich alles gemacht und das zu einem fairen preis. natürlich reicht es, wenn wir erst montag bezahlen. als nächstes ist serdar dran. der besitzer unserer reinigung springt vor freude fast über den tresen, als er uns sieht. schnell sind die wichtigsten dinge erzählt und serdars freude wird noch größer, da wir heile wieder da sind. die kufiye, die wir ihm mitgebracht haben will er heute nicht mehr ablegen. und selbstverständlich können wir ihm montag unsere dreckigen sachen bringen, auch wenn man für einige stücke einen exorzisten rufen sollte.
ein einkauf ist jetzt an der reihe und dann laufen wir in die altstadt zu ziba, die hoffentlich heute an der touri-info an der ledra-street dienst hat. hat sie. sie räumt sich eine pause ein und zum erstaunen ihrer grenzposten-kollegen, mit denen sie sich hinter dem posten die infrastruktur (klo, kaffeeküche, katzenfütterstelle) teilt, dürfen wir uns an den tisch setzen und bekommen einen kaffee. auch hier tauschen wir die neusten neuigkeiten und wichtigsten erlebnisse aus. zu unserer freude hat sie beim touristenministerium endlich eine festanstellung bekommen. das ist für sie ein richtiger lottogewinn. meine bodhran ist nach wie vor bei ihrer mutter,sie wird sie heute abend bei uns vorbei bringen. sie klingt etwas seltsam nach drei monaten und ich muß mich selbst auch wieder auf irish-folk-tempo hoch trainieren. momentan bin ich für eine session viel zu langsam.
und dann koche ich im bulli erst einmal heißgeliebte nudeln mit tomatensoße, von uns immer nudeln a la herrschaft genannt. wie köstlich die schmecken!
ich frage mich, womit wir so viel glück verdient haben. es hätte so viel schief gehen können. aber es lagen auf der rückreise keine steine im weg. die menschen waren uns wohlgesinnt, die polizei in amman hat mitgespielt und uns nicht wieder nach ammen zurück geschickt. der flug hat reibungslos geklappt und die transfers auch. bulli wartete wie besellt. wir haben wunde seelen, sind aber körperlich wohlauf. entweder haben wir massiv schulden beim universum,oder es meint uns nach diesen drei monaten was schuldig zu sein. wie ich mich bei ihm bedanken soll, und das werde ich tun, weiß ich noch nicht.
es ist erfeulicherweise so ruhig, das man an friedenszeiten glauben könnte. alle augen der öffentlichkeit sind gerade auf bethlehem und die dortigen feierlichkeiten gerichtet, das verschafft uns hier noch mehr luft. wir genießen die sonne tagsüber auf dem ausguck, haben ein auge auf siedler, soldaten und sonstige passanten und die katzen neben uns. am 23.12. gehen wir in die stadt um, die weihnachtseinkäufe zu erledigen. am heiligen abend soll es ein großes fest geben. mit deutsch-dänischem essen und weihnachtsbeleuchtung. wo letztere herkommen soll ist noch nicht gewiss, aber issa sagt, er kümmert sich darum. wir kennen die leute hier mittlerweile so gut, daß wir uns entspannt zurücklehnen und denken: ‚wird schon werden‘. bina steht schon nachmittags in der küche und kocht die gerichte, die einen tag stehen können. wir haben ja nur einen zwei-flammen-gasherd. und am 24. 12. geht es morgens zusammen mit der amerikanisch-dänischen langzeitaktivistin richtig los. schnippeln und kochen wird begleitet durch gemeinsames singen von simon&garfunkel-evergreens.
währenddessenwird issas zimmer renoviert. schon seit tagen sind abu natschi und all die anderen unermüdlich von morgens bis abends dabei, das zimmer zu isolieren, neue elektrik zu installierenundzu streichen. unfassbar, welche energie sie haben.
die arbeit wird nur durch kurze kaffeepausen unterbrochen und heute durch einen ganz besonderen lunch: wir bauen unseren tisch draußen vor dem haus unter den olivenbäumen auf und decken dort die tafel. in der sonne mit dem blick auf die stadt ohne gitterzaun. natürlich schweifen die blicke immer wieder kontrollierend in die gegend und in richtung siedlung und soldaten. aber niemand läßt sich blicken und die jungs sitzen an der kante und filmen sich und den ausblick. durch den regen in der letzten zeit ist alles grün, sogar die eine oder andere wilde iris blüht.
wir können es sogar wagen inmitten der natodrahtabzäunungen einen alten olivenbaum zu fällen und als feuerholz ins haus zu holen, der von den siedlern abgebrannt wurde und nicht mehr ausgeschlagen ist.
es ist schon fast lustig: durch die checkpoints darf man aus sicherheitsgründen nicht das kleinste butterbrotmesser mitnehmen. unddurch die hintertür werden ganze kettensägen in die nachbarschaft geschmuggelt.
und dann ist plötzlich weihnachten. jemand hat ein halbes dutzend lichterketten aus der stadt mitgebracht, die issa zusammen mit den sternen, die eigentlich zu ramadan aufgehängt werden, montiert und die jetzt in der dunkelheit fröhlich vor sich hin blinken. über eine große box ertönt weihnachtspop, die großen tische werden aufgebaut und die ersten olivenbaumstücke brennen in der feuertonne. alle, die wir eingeladen haben, sind gekommen. wie es sich gehört, biegt sich der tisch vor lauter schüsseln und tellern und was in stunden vorbereitet wurde, ist innerhalb kürzester zeit aufgegessen.natürlich gibt es viel zu viel und wir werden die nächsten drei tage noch davon zehren. wie zuhause. frohe weihnachten euch allen. und ein schönes neues jahr!!!!
Anschließend sitzen wir lange gemeinsam am Lagerfeuer:
kinozeit
der erste weihnachtstag ist verplant mit großputz, terrasse, toiletten, küche, kinosaal, alles wird auf hochglanz gebracht. abends soll zum ersten mal ein richtiger film im ahmad-filmhouse gezeigt werden. ‚coexistensce, my ass‘vonamber faresmit und über noam shuster eliassi, einer israelisch-iranischen commedienne, und ihrem werdegang als komikerin und menschenrechts-aktivistin. inclusive einer anschließenden liveschalte zu noam mit der möglichkeit fragen zu stellen. mehrheitlich internationale gästekommen. etliche kennen wir. aber vor allem kommen unsere freunde und aktivisten von ’stay together‘ aus tel aviv, bei denen wir yom kippur feierten und unsere ersten tage verbrachten. ihnen unsere direkte umgebung zeigen zu können freut uns besonders. es wird während des films sogar popcorn gereicht und anschließend wartet leckeres essen und frisches knefe, das amir so lecker über dem feuer zuzubereiten weiß.
wir verlassen mit dem vizekonsul, seinerfrau und der frau des dänischen diplomaten das haus, weil wir noch auf den markt müssen. dieses mal geht es oben durch die siedlung, weil dort am rand ein taxi auf die diplomaten wartet. ich muss zweierlei gestehen: dort bin ich zum ersten mal seit wir issa und das sumud-zentrum kennen (auch 2017/18 waren wir nicht dort)undwasich im vorbeieilen sehe (die zeit drängt mal wieder) ist tatsächlichhübsch. alles ist blitzsauber, es gibt lauschige ecken zum sitzen mit kunstrasen und verwinkelte wege, die zu den häusern führen. so viel geschmack und dann so ein benehmen seinen palästinensischen mitmenschen gegenüber… fotos konnte ich wegen des eiltempos leider nicht machen.
wir erledigen unseren einkauf und versuchen es zum ersten mal , seitdem wir anfang oktober nicht durchgelassen wurden, wieder am checkpoint 56. eine junge frau wartet gerade im käfig, aber wir werden trotzdem hinein gelassen. diesmal war ich so schlau, meinen prothesenpass von den neuen knie mitzunehmen, den ich auch sofort zeige. der soldat schaut erst irritiert, dann, als der metalldetektor piept, verständig und vergisst darüber fast, mich meinen rucksack auspacken zu lassen, während michel mit seinem beschäftigt ist. leider erinnert er sich dann doch an seine pflicht. aber ich hüte mich, die tüte mit den keffiye rauszuholen. ich will nicht, daß er die konfisziert. der soldat gibt sich dann auch mit brot, minze und milch zufrieden, die ich ihm auf den tisch lege. wir warten 15 minuten auf die überprüfung unserer pässe und werden dann tatsächlich durchgewunken. damit sind wir die ersten internationalen seit ende september, die diesen checkpoint passieren dürfen. und es ist schön, den direkten weg nach hause nehmen zu können.
die junge frau darf leider nicht durch und mußein service nach karantina nehmen.
tour mit eu-parlaments-grünen & nela riehl von volt
Freitag, 12. Dezember 2025
esgeht schon um 8.00 uhr los. wir treffen die gruppe am markt, issa gibt eine runde kaffee aus und die tour startet wie immer am checkpoint 56. der einzige unterschied zu anderen gruppen ist lediglich, daß uns zwei herren von der security begleiten. ausgerechnet zwei iren! was für eine nette überraschung. sie werden pflichtgemäß schnell nervös, als sich michel mit einer teilnehmerin richtung checkpoint entfernt, um ihr das ki-gesteuerte maschienengewehr zu zeigen.
die tour führt wie immer durch den markt, der jetzt am freitag leider geschlossen ist. ich erzähle nicht noch einmal von den einzelnen stationen, an denen issa anhält, um die situation in hebron zu verdeutlichen.
auffallend ist, dass die teilnehmenden zwar eine ungefähre ahnung von den zuständen in der stadt haben, aber doch erschreckt sind, wenn sie die dann mit eigenen augen sehen. die abfanggitter über sich, weil die siedler aus ihren siedlungen über dem markt ihren müll, steine und anderes in die marktgassenwerfen. die zugemauerten wege, die jedes weiterkommen verhindern. die geschlossene gasse, die jetzt verwahrlost ist und mal der goldmarkt war. das ehemalige hotel. einst das erste haus am platze, nun nur mehr eine ruine. im shouk sind einige läden geöffnet und es gibt süßigkeiten und ein bisschen umsatz für die händler.
wir passieren problemlos den checkpoint an der moschee, wo yehuda von breaking the silence wartet, um die gruppe zu übernehmen.
wir begleiten die gruppe zur moschee, die sie noch besuchen will. eine soldatin erklärt die regeln: drinnen nicht essen und nicht trinken, photografieren ist erlaubt. wir erwähnen noch, daß es höflich von den frauen wäre, die haare zu bedecken. und die soldatin sagt tatsächlich, das sei nicht nötig. wir können es nicht fassen und bestehen darauf. zum glück haben alle wenigstens eine kapuze an der jacke, wenn nicht gar ein halstuch und hören auf uns. aber wir haben keine lust mehr und lassen den besuch seinals wir sehen, welche umstände schon am ersten checkpoint gemacht werden. ziemlich schnell ist auch die gruppe wieder zurück. es gab unstimmigkeiten am zweiten checkpoint drinnen und die gruppe beschloß auf den besuch zu verzichten.
issa darf als palestinenser an der kreuzung vorm fleischmarkt nicht weitergehen. das dürfen nur wir und die israelis. er muß einen großen umweg nehmen um wieder nach hause zu kommen.
yehuda fährt mit seinen erläuterungen fort, die ich jetzt ebenfalls nicht wiederhole. am eingang zum ehemaligen fleischmarkt passiert es dann. ich wundere mich, warum yehuda am durchgang stehen bleibt und auch mir deutet, nicht weiter zu gehen, obwohl ich zu gern die beiden gestohlenen esel gesehen hätte.
drei kinder kommen uns entgegen mit einer körperhaltung, die sagt: wir wollen euch hier nicht. fragen uns provokativ, ob wir palästinenser seien. yehuda spricht mit ihnen auf hebräisch und zieht sich mit uns auf die straße zurück. und dann fliegt das erste ei in unsere richtung. wir könnenes nicht glauben. kinder bewerfen erwachsene mit eiern und schaffen es, sie zu vertreiben. auch die delegation glaubt nicht, was sie sieht, aber jetzt kriegen sie am eigenen leib mit, was es heißt, hier zu leben.die jungens verschwinden die straße hinunter richtung moschee und ich sehe, daß sie noch mehr eier dabei haben, für die nächsten palästinenser. eigentlich ist der zeitpunkt dieses vorfalles perfekt. ausgerechnet eine eu-delegation anzugehen, also menschen, die wirklich auf politischer ebene etwas bewegen können, und dann auch noch kinder, die schon genau so radikal sind wie ihre eltern.
Die drei Siedlerkinder, die gleich darauf erst yehuda angehen und dann die eu-delegation mit eiern bewerfen werden.
interessant ist auch, was yehuda zu den veränderungen innerhalb der israelischen armee erzählt: der anteil nationalreligiöser juden in der armee ist seit der zeit, in der er gedient hat deutlich größer geworden. für die verschiedenen religiösen strömungen gibt es mittlerweile eigene einheiten. das bedeutet, daß es in der israelische armee immer mehr radikale juden gibt, die immer stärker gemeinsam mit den siedlern die palästinenser angehen. tagsüber sind sie soldaten und nach schichtende radikale siedler. das verschärft die situation immens.
Viele der im Westjordanland eingesetzten Soldaten, gehören den sogenannten „Regional Defence Battalions“ an. Hier bei uns ist des das Hebron-Battalion. Fast alle männlichen Siedler, die in der Armee gedient haben und in der Region Hebron leben, sind diesem Battalion zugeordnet. Einen Teil der Woche sind sie Zivilisten und drangsalieren ihre Nachbarn, wobei ihnen ihre Armee-Waffen und -Uniformen zur Verfügung stehen. Einen Teil der Woche sind sie Soldaten und schieben bei ihrer eigenen Siedlung Wache. Als Soldaten nehmen sie an die Sicherheits- und Aufklärungs-Briefings teil und führen Razzien in den Häusern durch, die sie ein paar Tage später als Siedler angreifen. – Während ihre Kameraden von der selben Einheit, die selber Siedler sind, wegschauen oder mitmachen.
nebenbei mache ich einen kleinen abstecher die straße hinunter zu dem haus, daß 2017/18 noch ‚zweigeteilt‘ war. im 2. stock wohnten palästinenser, der erste stock war durch siedler besetzt und im erdgschoß war ein armee-wachposten, der die siedler bewachte.
mittlerweile ist die palästinensische wohnung geräumt und im haus leben nur noch siedler.
ich diskutiere mit einer deutschen delegationsteilnehmerin länger über die öffentliche meinung zum thema genozid und ethnische säuberung. sie hat den eindruck, daß die bevölkerung nach wie vor die staatsräson unterstützt und dass das apartheitssystem nicht genug wahrgenommen wird. sie erlebe oft, wie aufwendig die gespräche sind, sobald das thema auf den tisch kommt. ich halte dagegen. da hätte sie die diskussionen erleben sollen, die wir nach unserer letzten reise 2017/18 führten. was haben wir uns anstrengen müssen, um unsere sicht zu erklären. mittlerweile ist das nur noch selten eine frage. das sieht man ja auch an der größe der demonstrationen, die, wie bei ‚all eyes on gaza‘ in berlin, 100.000 menschen auf die straße bringen. anfangs waren die teilnehmerzahlen auf demos gegen den genozid lediglich zwei- bis dreistellig. nur die bundesregierung hat das noch nicht verinnerlicht, macht weiter wie immer und hält an der unbedingten unterstützung der israelischen regierung fest. dabei muß sie dringend aufhören, israel waffen und waffenteile zu liefern, muß dringend sanktionen verhängen und, wie issa es ausdrückt, die apartheit teuer machen. das versuche ich ihr so eindrücklich wie möglich nahe zu bringen.
ich zeige ihr auch die kleinigkeiten, die yehuda nicht erwähnt: die verschweißten ladentüren in der shuhada street. das die jetzt so nicht mehr heißt, weil die arabischen straßennamen nach und nach gegen israelische ausgetauscht werden. und das nicht nur in hebron. erzähle ihr von den kindergärten, die yas ins H2–gebiet geschmuggelt hat, was überhaupt alles auf schleichwegen nach H2 geschmuggelt werden muß, um das leben hier möglich zu machen. zum sumud-zentrum führt diese tour heute nicht. schade eigentlich, issa erzählt immer so eindrücklich vom leben hier. die zeit reicht nicht und es gibt auch sicherheitsbedenken. am checkpoint 56 gibt es dennoch wieder einen eindruck davon, wie das leben hier ist. denn die delegation muß warten, bis sich der soldat mit den sicherheitsleuten der delegation einig geworden ist.
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eine mittelmeertarantel in unserer küche. die jungs wollen sie unbedingt umbringen, wir aber setzen zwischen einem olivenbaum und einer alten mauer in der nähe der siedler aus. und das mit allen verfügbaren sicherheitsmaßnahmen, denn diese spinne ist giftig.(soweit wir wissen, tut ihr biss höllisch weh, bringt einen aber nicht um. – die arachnologin unseres vertrauens ist angefragt)
heute ist ein rein- und rausgerenne am sumud-zentrum und erfreulicherweise sind weder siedler noch soldaten in sicht. michel macht dabei einen heimlichen ausflug zum siedlungseingang oberhalb von uns. zu unserem erstaunen steht dort nicht nureine picknick-garnitur sondern noch zwei weitere, die wir noch gar nicht gesehen haben. damit haben die siedler einen weiteren baustein für die erweiterung ihrer siedlung auf dem besitz der familie natschi installiert. das ist, gelinde gesagt, besorgniserregend.
blick hinunter in die stadt vom neuen siedlungsausgang aus.
und nun zum angenehmen:
ansonsten ist heute DER große tag.: das kino wird endlich mit einem großen fest eröffnet. jahrelang haben issa und YAS daran gearbeitet. den anbau heimlich gebaut und jede usb-platte, jeden nagel und jede schraube ins haus geschmuggelt. uns war nicht klar, wie sie die fertigstellung bis heute abend schaffen wollen. mohammad hat gestern noch gestrichen und gewerkelt. wir haben die oliven geerntet und issa war ständig unterwegs, um dinge zu organisieren. stühle, in denen man gemütlicher sitzen kann, eine soundanlage. nebenbei waren wir auch damit beschäftigt, uns gegen die siedler zu behaupten.
aber heute geht wie durch ein wunder alles relativ zügig.michel und ich sammeln die letzten oliven auf, denn jede noch so trockene oder zertretene frucht, die auf dem boden liegt, bringt ein paar tropfen öl. wir putzen die toiletten und fegen die terrasse. im saal wird gebohrt und gehämmert. als wir dann mal die nase hineinstecken, sind auf einmal die fenster fertig eingebaut, der fußboden blitzt und der riesige bildschirm hängt an der wand und eine soundanlage wird auch schon ausprobiert. es gibt nur nochkeine wirklich bequemen stühle. aber es stehen genug andere auf der terrasse, die sonst für die besuchergruppen gebraucht werden.
das film-team aus tel aviv, welches einen film über issa dreht und massgeblich bei der beschaffung des bildschirms geholfen hat, kommt schon am morgen und dreht die ersten szenen. wir schrubben noch schnell die terrasse und dann tauchen auch schon die ersten gäste auf. nachbarn, freunde, internationale aktivisten. es gibt tee. gegessen wird später.
relativ pünktlich fängt die eröffnung an. richtig zünftig, mit rotem zerschneide-band:
issa mit umm temer und der enkelin einer aktivistin
der bildschirm wird entblättert und issa hält eine schöne rede auf arabisch und englisch.
die wichtigsten anwesenden YAS-aktivisten holt er nach vorne. mohammad, abu natschi, izzat. auch uns stellt er vor und man hört ihm an, wie froh er über unsere anwesenheit seit jetzt zwei monaten ist.
es werden zwei kurzfilme gezeigt. einen von seinem bruder achmad, der 2022 an krebs starb, selbst filmemacher und YAS-mitbegründer war und nach dem das kino benannt ist. und einen vom regisseur, der auch den jetztigen film über issa dreht.beide handeln vom leben und den zuständen in der geisterstadt und in H2.
anschließend gibt es, wir sind schließlich in palästina, ein großes festessen:
mit gesprächen:
undkünefe zum nachtisch, das issa zwischendrin noch geholt hat, damit es ganz frisch und noch heiß ist:
es ist bemerkenswert, daß es draußen und in der siedlung still ist, als wären friedenszeiten. ein einsamer soldat steht am wachposten und bekommt von issa künefe angeboten. von den siedlern hört und sieht man nichts. nur am frühen abend sehe ich einige nach hause kommen. es wird eine klare ansage von oben gegeben haben, heute die füße still zu halten. wohl auch wegen des anwesenden film-teams und nicht zuletzt den zahlreichen internationalen aktivisten. nur von unten aus der stadt hört man party-getümmel. das sind die soldaten, die fast jeden abend ein fest feiern.
auffällig finde ich auch, daß sich alle palästinenser irgendwie am geschehen beteiligen und mithelfen. die jungs stehen in der küche und kochen, ein weiblicher gast stellt sich in die küche und wäscht schon mal die erste fuhre teller ab, ein junges mädchen geht mit einem kaffee-tablett herum, die jungs schneiden das künefe auf und verteilen es, ein anderer gast kocht noch schnell eine kanne neuen tee.
gegen zehn ist das fest zuende und alle kommen hoffentlich unbeschadet nach hause. wir bleiben zu fünft zurück, räumen schnell auf, waschen das restliche geschirr ab. für uns beide fängt wie gewöhnlich die nachtschicht um 1.00h an.
catcontent:
lilith haben wir am sonntag sterilisieren lassen. sie kommt schon wieder prima die bäume rauf und runter. sie verschläft den trubel die meiste zeit in unserem zimmer.
Gestern, am 1. Advent, war zusätzliche zu uns ein gutes halbes Dutzend Leute hier, um am Kino zu arbeiten und es rechtzeitig fertig zu bekommen. Um kurz nach neun Uhr abends hagelte es dann plötzlich Steine. Sie kamen von der Terrasse der Siedlung direkt hinter uns, dort wo immer der Soldat steht und Wache schiebt.
Das Video ist ziemlich am Ende des Steinhagels aufgenommen, als die Intensität schon sehr stark nachgelassen hatte. Ab Sekunde 24 sieht man sehr gut, dass die Steine zum Teil von direkt hinter dem Wachhäuschen des Soldaten geworfen werden.
Und diesmal waren es keine kleinen Steinchen, wie sie die Kinder der Siedler fast täglich werfen!
Es waren weitaus größere Steine dabei! Dies hier ist einfach das, was ich mir aus dem Schutz der Hausecke angeln konnte, ohne ein zu großes Risiko einzugehen, um damit ins Bad zu gehen, es zu fotografieren und das Bild an Presse zu schicken, noch während der Angriff lief.
Bald darauf tauchten Soldaten am Vordereingang der Terrasse auf, Siedler im Schlepptau, und erzwangen sich Zutritt zur Terrasse und zum Kino. Es gelang Issa zum Glück, dass die Siedler draußen bleiben mussten. Im zweiten Teil des nächsten Videos sieht man die Soldaten und Siedler an unserer Vordertür.
Zum Einen behaupteten die Siedler (wie jedes Mal), dass wir sie angegriffen hätten, und nicht sie uns. Was die Soldaten ihnen natürlich glaubten(wie jedes Mal) . Und wir konnten es zum Glück mit den Bildern unserer Überwachungskameras widerlegen (wie bisher jedes Mal).
Zum Anderen behaupteten die Siedler, dass das Kino illegal gebaut würde, und die Soldaten waren da um die Bauarbeiten zu stoppen und den Abriss durchzusetzen. Aber da die Außenhülle des Kinos schon seit Jahren existiert, ist es kein Neubau und kein neuer Anbau. (Auch das konnte Issa mit Bildern nachweisen.) Und da die Leinwand technisch gesehen ein riesengroßer Fernseher ist, ist es formal einfach nur ein sehr sehr großer Fernsehraum. In den Issa und YAS halt Freunde einladen 🙂
Irgendwann zogen die Soldaten unverrichteter Dinge wieder ab.
Den Siedlern geht es offensichtlich sehr gegen den Strich, dass hier morgen ein Kino aufmacht und damit ein Ort der Kultur und des sozialen Austauschs für Palästinenser geschaffen wird. Wir werden also weiterhin mit Angriffen und Sabotage rechnen müssen, und weiterhin jede Nacht Nachtschicht schieben.
Für die Nachtschichten werden mit solchen Bildern bei Sonnenaufgang belohnt!
Psychoanalyse
ob wir wohl jemals wieder normal ticken werden? hier in hebron und in der umgebung sind so viele dinge anders als wir es gewohnt sind. das hat nichts mit dem wetter zu tun, das es uns ermöglicht, vormittags in der sonne auf dem vorderen teil der terrasse zu sitzen, die aussicht zu genießen und es eindeutig zu heiß zu finden. die nerven werden langsam dünn, und ich frage mich, an welchen stellen wir schon paranoid sind. michel und ich neigen untereinander verstärkt unter kleinen missverständnissen, die unter normalen umständen keiner weiteren erläuterung bedurft hätten. bedenken manchmal jedes wort oder einen tonfall oder eine geste eine mimik des anderen, die uns sonst nicht aufgefallen wäre. aber wir achten auch mehr aufeinander. im positiven sinne. was brauchen wir jetzt?
ich habe immer mehr eine schere im kopf. regnet es zum beispiel während der nachschicht, ich frage mich: ist das gut, dann bleiben die siedler lieber zu hause, haben keine lust gegen das sumud-zentrum anzugehen? oder ist das schlecht und sie kommen erst recht, weil sie wissen, daß auch wir dann auch lieber drinnen hocken und nicht so viel mitbekommen? haben wir heute ruhe, weil wieder ein besonderer feiertag ist, oder müssen wir extra aufmerksam sein, weil die siedler an diesem feiertag nichts zu tun haben und deshalb auf dumme gedanken kommen. man weiß es immer nicht. gehen siedler am haus vorbei, stellen wir uns immer die frage, warum sie ausgerechnet hier entlang gehen. kommen soldaten vorbei, ist immer die frage: wie viele? wollen die zu uns? warum tun sie das? (okay, das würde ich mich zu hause auch fragen, mehr noch als hier, wo der anblick solcher personen alltag ist) dieser tage brachten wir besuch zum siedlerbus und gingen auf dem rückweg durch den olivenhain. dort fanden wir eine tora oder einen talmud an einem baum liegen. ich fragte mich sofort: hat dass nur jemand vergessen, oder hat derjenige damit seine besitzansprüche auf den baum, den hain geltend gemacht?
gestern saß ein siedler unter einem der bäume an dem ort, an dem sie neulich sauber gemacht hatten. augenblicklich wird überlegt: ist das einer aus der siedlung? eine vorhut für weitere siedler um an der erweiterung ihres teils von tel rumeida weiter zu bauen (ich weigere mich, das wort outpost in den mund zu nehmen)? oder ist es nur ein besucher, der beim gebet den blick ins tal auf die machpela genießt? was ihm zu gönnen wäre. an der kleidung konnten wir schon sehen, daß es kein hiesiger war. gleichzeitig werkelt der palästinensische nachbar eine terrasse weiter unten mit seinem sohn herum. es könnte so ein schönes bild des friedens sein. ist es aber leider nicht:
ungefähr alle zwei tage hören wir unten aus der stadt oder von den anderen talhängen knallen oder donnern. ja, auch mal eindeutig ein maschinengewehr. und immer fragen wir uns: was ist jetzt wieder passiert??? oder es steigt irgendwo rauch auf. gleich die überlegung: ist das ein haus, ein auto? und warum brennt es? oder ist es nur müll?
ichsehne mich nach dem tag , an dem ich bei anblick eines buches in der gegend einfach nur denke: oh, das hat jemand vergessen, ist es spannend? ich möchte bei einem knall nur überlegen müssen: welcher bengel hatte noch knaller von silvester übrig? und ich möchte mich an leuten freuen, die eine schöne aussicht genießen. so wie wir am freitagabend zu beginn des schabbat, als wir ausnahmsweise vor dem haus auf der treppe hockten und auf hebron schauten. zum ersten mal seit langem ohne schutzgitter, das den blick abfängt.
ich sehne mich auch danach, nach einer kurzen nacht, aber nach bunten träumen, mal ohne flaues gefühl im magen aufzuwachen. eigentlich brauche ich fast immer eine weile, bis ich realisiere, wo ich bin. aber dann geht gleich eine gedankenflut los: was ist heute zu tun? hoffentlich sind wir nicht zu lange allein! wie schaffen wir es wohl aus der stadt wieder zurück ins haus? ich freue mich darauf, mal wieder die augen auf zu machen und den gedanken zu haben: hurra, der tag ist mein freund!
Kleine Olivenernten:
Am Freitagmittag schallte plötzlich Kinderlachen aus den Olivenhainen am Hang herauf. Am Abend zuvor war die Closed Military Zone ausgelaufen, die allen Palästinensern das Betreten aller Olivenhaine hier am Hang seit Mitte Oktober unmöglich machte. Jetzt war die erste Familie da und erntete ihre Oliven. Es sind etwa ein halbes Dutzend erntender Erwachsene und ein halbes Dutzend herumtobender Kinder.
Doch nach kaum einer Stunde ist es vorbei. Ein Trupp Soldaten verbietet die weitere Ernte. Issa kann zumindest Festnahmen verhindern und erreichen, dass zwei Tage später am Sonntag vielleicht weiter geerntet werden darf.
Am Sonntag in aller Frühe erntet eine Familie die Oliven direkt vor unserer Tür.
Sie schaffen nur zwei Bäume, dann müssen sie aufhören. Wegen der Siedler ist es zu gefährlich. Sie ernten auch nur einen Bruchteil dessen, was diese Bäume normalerweise hergeben würden. Eigentlich hätten sie ja im Oktober ernten wollen und müssen. Inzwischen liegen die meisten Oliven als Matsch am Boden. – Aber es geht ums Prinzip! Um Sumud! Darum, sich nicht vertreiben zu lassen!
Outpost wird schleichend ausgebaut!
Während wir diesen Beitrag schreiben (Montagnachmittag), sind die Siedler mit einem Auto mit Anhänger gekommen und haben einen Picknicktisch mit angebauten Bänken auf den Platz ihres neuen Outpost oder besser ihrer geplanten illegalen Siedlungserweiterung gestellt. Das ist die Fläche vor unserer Haustür, die sie vor etwa anderthalb Wochen bearbeitet haben. Und die Fläche, auf der die Palästinenser gestern einen kleinen Teil ihrer Oliven ernten konnten. Vielleicht zum letzten Mal. Schleichend klauen die Siedler der Familie Natschi so ihr Land und ihre Oliven.
Schönes und Gutes
Carina aus den USA war für eine Nacht da und hat schöne Bilder von uns gemacht:
wie ruhig der nächste tag wirkt, wenn der vorherige so viel aufregung mit sich brachte. draußen ist alles still, aber innerlich sind wir alle nach diesen geschehnissen aufgewühlt und nachdenklich. was wird passieren? wann kommen die siedler wieder? wie weit hätten sie gebaut, wenn wir sie nicht so früh entdeckt hätten? schaffen wir es, diesen outpost zu verhindernundwie? wie sieht ein leben in diesem haus aus, wenn wir einen weiteren outpost direkt vor der nase haben?
issa sitzt auf dem sofa unter unserem fenster und hat seine telephone in reichweite. entweder er telefoniert oder er starrt gedankenverloren in die stadt hinunter. irgendwann muß er wie üblich aus dem haus. wir wissen nie, wohin er geht und wanner wieder kommt. er sagt uns letzteres nur, wenn er ein paar tage fort bleibt. er wird wohl familien hier besuchen, sich zu interviews treffen, walking-tours machen…. wir telephonieren und schreiben nachrichten, versuchen menschen als schützende unterstützung hierher zu kriegen.das ist nicht leicht, weil überall im land dörfer, familien, organisationen um unterstützung gegen gewalttätige siedler bitten und wir nur eine kleine gruppe sind, die selten zeit hat irgendwo einen hilferuf zu posten. statt dessen bekommen wir aufrufe geschickt, denen wir aber nicht nachkommen wollen, weil uns unser sumud-zentrum wichtiger ist. aber ein fernsehteam vom ZDF will noch kommen.
wir brauchen beschäftigung um uns ein bischen abzulenken. und so machen wir uns daran, den ersten olivenbaum auf der terrasse abzuernten. irgendwoher taucht eine große plane auf, eimer, eine kleine säge für dickere äste, harken, stöcke. die plane kommt unter den baum, mohammad klettert ins astwerk und sägt die äste herunter, von denen der baum sowieso befreit werden muß. wir stehen unten und strippen die oliven on den zweigen. so schöne früchte! dick und saftig und in großer zahl. DAS wird ein öl!!!!!!!
Das Fernsehen ist da!
mit fünf leuten kommen sie über die freifläche unter dem haus mit film- und fotokamera, rollkoffer, stativen, mikro-angeln. was man als filmteam so braucht. sofort lassen wir alles stehen und liegen. issa und michel ziehen sich gute hemden an, ich und mohammad bleiben wie wir sind. kaum geben wir ihnen, noch vor der tür, die ersten informationen über das, was sie sehen und wo sie hier sind, kommt auch schon ein soldat an und verbietet allen den aufenthalt vor der tür.
Für das ZDF-Team und uns gilt die Closed Military Zone, für die Siedler und ihre US-amerikanischen Helfer nicht.
immerhin werden sie nicht komplett aus H2 hinaus komplimentiert.
drinnen wird schnell besprochen, was aufgenommen werden soll, von wo und aus welcher perspektive, dann bekommt issa sein interview, weil gleich danach aus dem haus muß. wir sollen uns mit kaffee hinsetzen und ungezwungen plaudern, wir sollen uns an die gitter auf der oberen terrasse stellen und über den ausblick reden. wir werden beim olivensammeln gefilmt.
also: solche berichte sind mitnichten mitten aus dem leben gegriffen. da wird gestellt, werden dialog-themen vorgegebenund regieanweisungen gemacht.
und während das team in einer drehpauseauf den seitlichen bänken vor dem schutzgitter sitzt, knallt plötzlich ein geworfener stein dagegen. willkommen in unserer welt. bewundernswert, dass niemand hektisch aufspringt, sondern sich alle nur anschauen und jetzt hoffentlich eine ahnung von dem haben, was hier so gut wie jeden tag passiert. michel wird auch noch interviewt:
und von dem ganzen aufriss bleibt vielleicht ein drittel übrig. der rest wird geschnitten.
in der zwischenzeit schneit darcy herein, eine weitere aktivistin aus amerika. sie hat über einen freund von issa amro erfahren und dachte sich, sie schaut mal vorbei. sie ist zum ersten mal in palästina und erfreulich gut informiert. sie weiß, wo sie hier ist und ist sofort bereit, mohammad weiter bei den oliven zu helfen.
michel und ich müssen dringend runter in die stadt in ein cafe mit gutem internet. das ZDF-team will noch bilder und filme in besserer qualität haben, als es signal bieten kann. zurück zuhause haben darcy und mohammad fast alle oliven vom baum geholt. die obersten äste fehlen noch. ca. zwei 10l-eimer sind voll geworden. ich freue mich schon auf die anderen bäume, die auch voll hängen.
der samstag bleibt auch ruhig. aber wir schauen alle stunde mal durch die luken in der vordertür, ob sich in natschis olivennhain wieder siedler zu schaffen machen. nur kätzchen adam geht es nicht so gut. er frißt nicht, liegt nur angespannt mit geweiteten augen herum und läßt sich nicht anfassen. na, nächste woche bringen wir ihn ohnehin zur kastration zum tierarzt.
Der fertige Bericht wird dann am Mittwoch 26. November um kurz nach Mitternacht gesendet: heute journal update (Vorspringen zu 9 Minuten 43 Sekunden, letzten Sprungmarke.) Typisch Deutschland: Es wird eine Ausgewogenheit suggeriert, die nicht der Realität entspricht.
die wahrnehmung, was normal ist und was nicht, was also was filmenswert ist, ist für die menschen hier extrem unterschiedlich zu dem, was in deuschland normal ist.
normal ist es hier, dass sich vier soldaten auf einen nachbarn stürzen, den sie auf patrouille treffen und ihn zu boden werfen.
normal ist es, dass der neue nachbar verhaftet und zum verhör mitgenommen wird, weil er jeden abend zur selben zeit am wachposten vorbei geht. klar, wer regelmäßig zur arbeit geht hat auch regelmäßig feierabend und muß dann am wachposten vorbei, der zwischen den checkpoints und seinem haus liegt. geregelte arbeit! das geht ja gar nicht….
normal ist es, dass man angeschnauzt und weggeschickt wird, wenn man den seitlichen teil der EIGENEN terrasse unterhalb der siedlung betritt.
normal ist es, dass die italienerin noch zwei tage versucht durch den checkpoint 56 zu kommen, weil sie noch sachen im sumud-zentrum hat, und beide male abgewiesen wird. mit der lüge, das gesamte gebiet auf dieser seite des checkpoints, sei eine closed military zone. sie ist dann mit ablauf ihres visums und unverrichteter dinge über jordanien ausgereist.
auch für uns ist es inzwischen normal, dass wir bei drohnengeräuschen im haus verschwinden.(michel witzelt: ‚was machst du für einen sport?‘ – ‚ich renne ins haus, wenn drohnen kommen.‘)
dass soldaten und siedler mit waffen herumlaufen, denen man aus dem weg geht.
dass wir uns auf den seltenen gängen nach H1 aus dem haus und wieder hinein stehlen und vorher klären, ob es sicher ist.
normal, dass die siedlerjugendlichen so gut wie jeden tag die oliven aus der palästinensischen nachbarschaft stehlen. soldaten meist mit dabei sind und (fast) nie eingreifen.
die jungs vom YAS beobachten das nur, rufen die ‚civil administration‘ an, die aber doch nie kommt. würden sie hinausgehen, bekämen sie ärger. auch das ist normal.
für die menschen hier ist das alles nicht mehr filmens- und berichtenswert und wir bekommen hinweise, wann filmen unnötig ist und wann wichtig.wichtig ist es dann, wenn siedler oder soldaten auf die terrasse eindringen,und wenn die YAS-aktivisten involviert sind und ihnenanschließendtätlichkeiten unterstellt werden könnten.
Olivenklau – wieder mal
so geschah es am sonntag den, 26.10. und auch am montag. dieses mal am baum direkt an unserer tür. wir können über die kameras sehen, wie die jugendlichen eine sehr lange stange zusammenstecken, eine plane unter den baum legen und die oliven von den zweigen schlagen.
Das sind jetzt der 3. und 4. Olivendiebstahl der beiden Siedler-Teenager. Die ersten beiden waren letzten Freitag und vorletzten Freitag. Immer um 15:00 oder 16:00 Uhr. Hier ein Video vom 3. Olivendiebstahl, bei dem ein Siedler vorbeikommt, der mit seinem Hund spazieren geht, und kurz mit den beiden Dieben redet. (Kein Palästinenser kann sich trauen hier einfach so spazieren zu gehen.)
beim letzten olivendiebstahl sehen wir auch, und das wundert uns wirklich, dass zwei soldaten versuchen, es den jungs zu verbieten. aber die soldaten haben keine handhabe, denn für siedler-angelegenheiten ist die polizei zuständig. issa wird angerufen und ist tatsächlich wie angekündigt nach 5 minuten da. wir sehen, dass die jugendlichen ihn sofort angehen wollen und beobachten (es geschehen noch zeichen und wunder), dass die soldaten das aktiv verhindern und issa unbeschadet das haus betreten kann. die diebe verschwinden dann auch.
Der Diebe lassen sich von den Soldaten nicht von ihrem Tun abhalten.Ein dritte Siedler-Teenager, der dazugekommen ist, um zu helfen, geht sofort aggresiv auf Issa los, als dieser nach Hause kommt. Aber die Soldaten halten ihn tatsächlich zurück. Leider eine große Ausnahme, nicht die Regel, gegen ihre Einsatzrichtilinien. – Siedler, die Palästinenser angreifen dürfen NICHT von Soldaten gestoppt werden.
Sumud: Olivenbäume überleben!
zu unserer großen freude schlagen die beiden uralten olivenbäume aus diesem video, die am 7. September 2023 von siedlern angezündet wurden (genau einen Monat VOR dem Hamas-Überfall), wieder aus.
Ja,……es sind die selben Bäume,……nur aus anderen Perspektiven.
Immer noch keine Antwort
Die deutsche Botschaft hat weder auf ihre offizielle Beschwerde in unserer Sache, noch auf die beiden Erinnerungsschreiben mehr als automatisierte Eingangsbestätigungen vom Israelischen Außenministerium bekommen.
Sofern ich den hohen deutschen Diplomaten, mit dem ich darüber gesprochen habe, richtig verstanden habe, ist das eigentlich ist das ein diplomatischer Affront, aber für Israel im Umgang mit Deutschland derzeit normal. Israel scheint in Anbetracht der Deutschen Staatraison keinen Anlass zu sehen, sich an diplomatische Regeln und Gepflogenheiten zu halten.
Selbst das grundlegende Rechte auf konsularischen Beistand für deutsche Staatsbürger in israelischer Haft setzen sie außer Kraft, ohne dass Deutschland ernsthaft reagiert. Letzte Woche saß eine deutsche Aktivistin, die Palästinensern bei der Olivenernte geholfen hatte, drei Tage in Abschiebehaft, ohne dass ihr Kontakt zur deutschen Botschaft gewährt oder die Botschaft auch nur informiert wurde.
Trotzdem ein Ausflug
erst mal geht es in den hammam.
Die Rituale und Abläufe im Hammam sind hier in Hebron anders, als alles, was wir kennen. Während man auf dem heißen Stein liegt, wird man mit halben Zitronen und Soda abgerieben. Die Massage ist ohne Seifenschaum. Aber der größte Unterschied ist, dass es ein kleines Tauchbecken gibt:
Wenn man dieses 300 Jahre alte Tauchbecken einem Archäologen zeigt, wird er es mit sicherheit als jüdische Mikwe identifizieren. Als jüdisches Ritualbad. – Jetzt ist Hebron bekannt dafür, dass hier sehr viele sehr alte Traditionen gepflegt werden, weil die Familien hier ja sehr alt, konservativ und traditionsbewußt sind. Wir fragen uns, ob diese mikweartigen Tauchbecken in den Hammams hier ein Überbleibsel aus der Zeit vor zweitausend Jahren sind, als eben diese Familien jüdisch waren. (Wir schrieben ja, dass sie nachweislich seit der Bronzezeit vor 4.400 Jahren kontinuierlich hier leben.)
aber es ist auch schmerzhaft, denn wir werden mit einem schröpfkopf massiert. dazu nimmt der inhaber einen einfachen keramikbecher, in dem ein benzingetränkter wattebausch angezündet wird, presst ihn auf die haut und zieht ihn über den körper. es tut höllisch weh, aber hinterher ist es schön. wir wußten nicht, das teebecher auch foltergeräte sein können.
leider kommt er mir über die massage hinaus auf eine weise nahe, die ich nicht mehr gut finde. ich muß seine zudringlichkeiten sehr deutlich abwehren und wir beschließen, issa zu bitten, das bei ihm anzusprechen. er hat zu ihm die kulturelle augenhöhe und kann das als muttersprachler sicher weniger verletzend als ich. es ist aber auch verwirrend. ich renne, sauna-gewöhnt, nackig und bestimmt einladend herum und will dann doch nicht. nächstes mal wickele ich mir das laken um, dass man anfangs bekommt und auf dem man auf dem heißen stein und der massagebank liegt.
auf dem weg zurück entdecken wir tatsächlich den buchladen von abeer:
der einzige buchladen in der altstadt und der erste überhaupt. abeer sagt, es hätte wohl mal einen schreibwarenladen gegeben, aber keinen buchladen. sie hat ein sammelsurium aus gebrauchten und neuen büchern, hauptsächlich auf arabisch, und wir erstehen buch von gerry adams auf englisch. gerry adams ist der ehemalige präsident der irischen sinn fein, soll bei der ira gewesen sein und war maßgeblich am karfreitagsabkommen in irland beteiligt. abeer bietet auch unterschiedliche zeichenkurse und vorleserunden für kinder und frauen an und kriegt jedes mal zuviel, wenn die siedler ihre samstags-spaziergänge durch die altstadt machen und die soldaten dann ihren laden schließen. michel organisiert tee, wir klönen eine weile und werden sie bestimmt wieder besuchen.
danach treibt uns der hunger an einen der imbiss-stände (neudeutsch: street-food). nirgendwo schmeckt schlichtes kebab mit gegrillten zwiebeln und tomaten im pitta so gut, wie von einem stand bei dessen anblick jeder deutsche amtsarzt zustände kriegen würde.
michel plündert noch einen bankautomaten und wir stromern weiter ins q-candy, einem cafè amerikanischer art, das wir noch von 2017 kennen. es gibt kaffee und kuchen. unfassbar, es hat sich nichts verändert. aber uns fällt auf, das es auf dem weg dorthin sehr viel mehr schicke läden gibt als damals.
in der dämmerung gehen wir dann zurück zum abfahrtsplatz der service-autos am checckpoint 56 und dort treffen wir ashwaq. eine junge rechtsanwältin, die auch in unsere richtung will, recht gut englisch spricht und ganz begeistert von unserer bekanntschaft ist. sie lädt uns zu sich nach hause ein. ihre ganze familie strömt zusammen, die nachbarn dazu und immer kommt noch jemand hereingeschneit und will sehen, wen ashwaq da mitgebracht hat. der zirkus (also wir) ist in der stadt.
Das ist der kleinere Teil der Familie. Die meisten waren kamerascheu. Es waren allein neun Geschwister von Ashwaq, zum Teil deren Gatten und Kinder, sowie Ashwaqs Eltern, Großeltern, Onkels, ich glaube Tanten und… Ich habe den Überblick verloren.
es gibt für uns essen und cola und anschließend kaffee, staunende blicke und leider auch viel schweigen, weil nur ashwaq übersetzen kann, aber die ganze zeit hin und her flitzt und uns serviert. grade die frauen sind zu schüchtern, ihre fragen zu stellen und so nehme ich meinen kaffee und bitte die frauen nach nebenan. offensichtlich ist das genau das richtige. sie trauen sich zwar immer noch nicht zu fragen und mir wird nur gesagt, wie hübsch ich bin, aber alle legen schwatzend und kichernd ihre kopftücher ab und zeigen mir ihre haare. was kommen da für wallemähnen unter den hidjabs hervor! dick und teilweise oberschenkellang!
nach einer stunde müssen wir wieder gehen. das sumud-zentrum wartet auf uns und die tagwache will nach hause. michel war so klug und hat das gleich am anfang deutlich gemacht, so dass es nicht, wie wir es bei unseren syrischen freunden in deutschland schon erlebt haben, zu irritationen kommt, weil wir so plötzlich aufspringen. schnell ist jemand gefunden, der uns zu der stelle fährt, wo wir auch aus dem service aussteigen würden um schnell zum haus zu kommen. die nacht ist ruhig. nur vom wachposten hören wir stimmen. die soldaten haben mal wieder besuch, was auch ärger bedeuten könnte. und wir riechen massive haschisch-wolken, die zu uns herunter wabern.
Das ist gut! Wer bekifft ist, wirft keine Steine.
Cat Content
Adam und Lilith die beiden Katzen des Sumud sind bei uns inzwischen komplett handzahm und haben letzten Morgen (nach der Nachtschicht) das erste Mal beide mit bei uns im Bett geschlafen.