jetzt wird‘s ernst. die flugtickets hat michel in der tasche, auch die 700 dollar hat er in bar dabei. am hafen in mersin treffen wir unseren ‚verbindungsmann‘, der michel durchs einschiffen von bulli geleiten wird. ich bin derart neben der kappe, das ich froh bin, derweil mit einem tee an der teestube gegenüber auf ihn warten zu können. nein, mir ist nicht wohl dabei, bulli allein aufs schiff zu lassen. überhaupt nicht! ich fühle mich, als würde ich unseren gefährten im stich lassen. er ist mein zuhause!!!!! die rucksäcke haben wir mit dem wichtigsten gepackt. das muß für die nächsten tage reichen.
und dann kommt michel mit dem kapitän des schiffes wieder, der total begeistert von bulli ist und mir in die hand verspricht, gut auf ihn aufzupassen. er ist richtig enttäuscht, daß auch michel fliegen wird und nicht mitfährt. mir geht es gleich viel besser. durchsucht wurde bulli nicht.
Der Kapitän des Schiffes war so begeistert von Bulli, dass er gleich ein Selfie mit Bulli machen mußte. Und dann für ein zweites Selfie zu bina aus dem Hafen rauskam.
mit dem bus fahren wir nach adana
der flug ist anstrengend. viel übliche warterei, gate suchen, herumsitzen, schlangestehen beim einchecken. auch frieren, weils in istanbul erstaunlich kalt ist. irgendwann kann ich nicht mehr sitzen, aber da sind wir zum glück schon im landeanflug auf den ben-gurion-flughafen.
mitternächtens sind wir endlich in israel, finden ein sheruk (ein sammeltaxi) nach haifa, das uns in rasanter fahrt vor das passenger-gate am hafen bringt. die wachen dort schauen erstaunt und schicken uns wieder weg, weil jetzt natürlich keiner da ist, der uns helfen kann. es ist 3:00 Uhr morgens und wir müssen sehen, daß wir noch ein bisschen schlafen. wir finden irgendwo in der stadt eine leerstehende wohnung, auf deren terasse wir etwas versteckt ein paar stunden ruhe finden.
Unsere Schlafterasse in Haifa
morgens dann beginnt die aktion ‚bulli aus dem hafen befreien‘. das zu beschreiben würde den rahmen sprengen. deshalb hier der versuch es kurz, aber unterhaltsam zu machen:
gesamtdauer: 8,5 std.
persönlich beschäftigte menschen: mind. 10 telefonisch beschäftigte menschen: mind. 5 telefonate: mind. 15 besuche bei der versicherungsagentur: 2
besuche bei der zuständigen reederei: 3 anlaufstellen, die wir nacheinander abgehakt haben (davon ein paar mehrfach): insgesamt 10
kontrolle der unterlagen und papiere von verschiedenen hafenangestellten: 4 entzifferungsversuche von deutschen autopapieren durch hafenbeamte und versicherungsangestellte: 4 erklärung unsererseits, was ein camper oder caravan ist: 3 kosten für gebüren, versicherungen etc: reichlich dazu kommen: erstaunensausbrüche ob unserer reise: 3 neidisches fragen div. angestellter: ‚ich will auch, darf ich mit???‘ : 3 begeisterungsäußerungen über bullis innenleben: 3 freundlichkeits- und hilfsbereitschaftslevel auf einer skala von 1-10: 10 gründliches bulli-durchsuchen, vielleicht röntgen, drogenhunde holen o.ä. (wir haben mit allem gerechnet): 0 (ohne witz!!!!)
unser besonderer dank gilt lissy von der schiffsgesellschaft, die ihre eigentliche arbeit im stich ließ, um uns zu helfen und christo, der unermüdlich mit uns im hafen a nach b und zurück fuhr, regelte, erklärte, die kontrolle am hafentor aufhielt, die eigentlich um 16:00 Uhr feierabend hatte, aber wir noch nicht fertig waren.
bulli steht tatsächlich wohlbehalten am kai. wir brauchen bloß einzusteigen und loszufahren. nur die radkappen hatte man abgenommen, aber sorgfältig im fußraum deponiert.
ja, ich gebe es zu: ich habe ihn zur begrüßung erst mal gestreichelt und vor erleichterung ein bischen geweint. wir fahren nicht weit. nur eben den karmel-berg hoch, oberhalb des garten der bahai, wo man am straßenrand gut stehen kann. essen, schlafen. mehr ist heute nicht mehr drin.
wir sind in israel/palästina. alle drei und wohlbehalten. wie wir uns das gewünscht hatten. ich kann es kaum glauben! wir haben es tatsächlich bis hierher geschafft!
wir haben ein visum für drei monate, eine autoversicherung für einen monat und eine adresse, wo wir beides verlängern können. mal schauen, ob es klappt.
und eine große frage wird auch gleich geklärt:
wie, zum teufel, halten diese kleinen kippas auf den stoppelhaaren der gläubigen juden. eigentlich müßten die ständig runterfallen, tun sie aber nicht.
wir fragen einen mit besonders kurzen haaren und einer kleinen und damit rutschgefährdeten kippa. er lacht und zeigt sie uns: innen befindet sich eine kleine anti-rutsch-matte, die ständige abstürze der kippa verhindert. das klämmerchen an der seite ist offentsichtlich nur zierde.
Haifa, das sich über dem Hafen den Hang des Karmel-Berg hinaufzieht, scheint eine wirklich lebenswerte Stadt zu sein. Nur leider waren wir schon mal in Israel/Palästina und kennen die große Schattenseite der so offenen liberalen israelischen Gesellschaft: die Besatzung der Westbank. Und wir wissen um die Vergangenheit: die ethnische Säuberung Palästinas. Denn hier lebten vor 1948 andere Menschen: Araber. Und die haben ihre Heimat nicht freiwillig verlassen. Sie wurden im Rahmen einer groß angelegten ethnischen Säuberung vertrieben. Planmäßig mit allem was dazu gehört, Massaker inklusive.
Ein sehr gutes Buch dazu ist „Die ethnische Säuberung Palästinas“ von Ilan Pappe, einem israelischen Historiker, der den „Plan D“ (oder „Dalet“) auf Grundlage des Archivs der Haganah, den Tagebüchern Ben Gurions und einiger anderer Quellen – wie dem Archiv des Roten Kreuzes – sehr gut aufgearbeitet hat. Er wird immer wieder mein innerer Reisebegleiter durch dieses Land sein.
Zu Haifa weiß ich noch, dass ein Großteil der Araber zur Deportation unten am Hafen zusammengetrieben worden war und dann von oben, von den Hängen des Karmel, auf die Menschenmenge geschossen wurde.
Nachdem ich zwei Probleme am Bulli behoben habe, geht es auf nach Tel Aviv. (Es mußte die Glühlampe Abblendlicht Beifahrerseite ausgewechselt werden und der Motor verlor etwas Diesel. – Ein paar Schrauben hatten sich gelockert. Nachziehen und gut.)
Auf der Fahrt von Haifa nach Tel Aviv sehe ich zum ersten Mal im Leben wilde Pelikane. Im Flug sehen sie von weitem wirklich aus wie Flugsaurier.
Ansonsten erinnert mich die Gegend zwischen Haifa und Tel Aviv stark an die Niederlande: Intensivste Landwirtschaft; eine gigantische Infrastruktur von Autobahnen, Stromleitungen, Zugtrassen und so weiter; Firmengebäude, die aussehen wie notgelandete Ufos; und Städtchen, die offensichtlich am Reißbrett geplant wurden. Klar, die Niederländer haben ihr leeres Land dem Meer abgerungen, die Israelis den Palästinensern.
Was wirklich unglaublich ist, ist die Art wie hier Baustellen betrieben werden. Da kommen auf 200m Autobahnbaustelle 20 Baustellenfahrzeuge, die alle in Betrieb sind und mindestens 50 aktive Arbeiter. Auf diese Weise wird eine Baustelle, die bei uns monatelang die Autobahn verengt, in wenigen Tagen abgearbeitet. – Wir fahren durch eine solche Turbobaustelle, und ich weiß von vor sechs Jahren noch, was die in wenigen Tagen schaffen. Damals hatten sie in drei Wochen etwa 20km Autobahn komplett erneuert. Und ich meine komplett! Warum geht das bei uns nicht?
tel aviv hat kaum parkplätze und in 90% der fälle auch nur gegen entgelt. selbst über einen solchen parkplatz nur drüberzufahren kostet 5nis (neue israelische schekel). in einer seitenstraße finden wir einen stellplatz, werden aber weggebeten, weil der nur für anwohner ist. doch etwas außerhalb gibt es einen umsonstparkplatz, wo wir die nächsten drei tage stehen bleiben. die bromptis (unsere falträder) spreche ich irgendwann heilig.
tel aviv ist ohnehin die stadt der klapp- und falträder. fast alle haben einen e-motor und flitzen mit gefühlt 50 sachen über die fahrradwege. und es ist die stadt der jogger und fitnessbegeisterten. überall wird gejoggt, es gibt am strand sehr viele außensport-anlagen, die von allen generationen und geschlechtern genutzt werden. man macht yoga am strand, dehnübungen auf dem bürgersteig. soviel sport wird noch nicht einmal im sommer an der alster getrieben.
Novembertag in Tel Aviv
am nächsten tag (freitag) ist michel nicht wohl und bleibt lieber im bett. ich erkunde die stadt.
grau ist die weiße stadt geworden. etwas morbide. nur wenige bauhaus-gebäude sind renoviert und werden dem namen der stadt gerecht. der berühmte „carmel-market“ ist tatsächlich auf den ersten blick schön. einerseits kunsthandwerk edelster güte, dann der lebensmittelmarkt wie ich ihn in antiochia sah. aber die stände werden meist von israelis betrieben. zuweilen gibt es arabische stände, einer sogar mit meinem geliebten künefe, aber nur wenige. mir kommen sie wie ein alibi vor. es ist gestohlene kultur.
nein, ich hab nichts dagegen, wenn man schöne dinge aus anderen kulturen oder von anderen völkern übernimmt. ich spiele ja auch die bodhran, obwohl ich weder irin bin noch dort lebe. aber ich behaupte nicht, die iren würde es nicht geben oder die bodhran sei ein deutsches schlaginstrument.
diese haltung erlebt man in israel immer wieder. hummus wird als israelische nationalkost bezeichnet. selbst studierte menschen wie der mann in haifa, den wir wegen der kippa fragten und der anwalt ist, sagt ohne arg: ‚dies land wurde uns von gott gegeben.‘ als hätten hier nie palästinenser gelebt. so fühlt es sich auch auf diesem markt an und ich verlasse ihn mit einem flauen gefühl im bauch.
abends spiele ich dann endlich im „molly blooms“ in der session. ich werde herzlich aufgenommen.
die regeln sind etwas anders als ich sie kenne. sets bestehen aus 4 bis 5 tunes, wenn ein tune zuende geht, sagt einer kurz den nächsten an und spielt ihn an. nicht wie im irish rover in hamburg, wo einer ein set anführt und es auch in tempo und wiederholungen zuende leitet. hier sortieren sie nur nach reels und jigs, polkas u.s.w. wir sind drei bodhrani und wir alle spielen fröhlich und gleichzeitig drauflos. ich versuche, mich im spielmuster den anderen etwas anzupassen (das gelingt mir nur zeitweise). und als wir alle drei mal päuschen machen, gibt‘s gleich beschwerde von der fiddle: ‚wo seit ihr? ich kann ohne euch nicht spielen!‘
die jigs haben noch gemäßigtes tempo, die reels und polkas sind gradezu rasant. ich verziehe mich oft aufs halbe tempo und hoffe, ich bremse die session nicht zu sehr aus. na, immerhin werde ich später gefragt, ob ich nächsten freitag wieder dabei bin.
Im Molly Blooms
dann ist am nächsten tag erst mal sabbath. aber wir wären nicht in tel aviv, wenn man das sonderlich merken würde. die ultra-orthodoxen juden bleiben zu hause und die busse fahren weniger bis gar nicht. aber der säkulare teil der bevölkerung genießt den sonnigen novembertag am strand, macht mit der familie ausflüge, geht bummeln. am hafen haben auch die geschäfte geöffnet.
wir lümmeln ebenso am strand, im queerteil selbstverständlich, der am ende der bucht liegt. lustigerweise gleich neben dem abgesperrten teil für die orthodoxen juden, der völlig sichtgeschützt ist und am sabbath für alle offen, weil die orthodoxen samstags eh nicht an den strand gehen.
Der orthodoxe Strandabschnitt ist mit Palisaden vom übrigen Strand abgegrenzt und abwechselnd je einen Tag nur für Männer und einen nur für Frauen geöffnet. Da der Strand hier die Form eines „U“ hat, kann man vom schwulen Strand direkt zu den orthodoxen rübersehen. Wie man auf die Idee kam, den orthodoxen Strand ausgerechnet zwischen den schwulen Strand und den FKK-Strand zu legen ist mir ein Rätsel. Der FKK-Strand heißt hier übrigens tatsächlich ganz offiziell „Spanner-Strand“. Ist das nun Humor oder Realitätssinn?
der strand ist toll organisiert. alle paar hundert meter gibt es einen stand mit toiletten, süßwasserduschen für nach dem baden, günstigem essen und trinken, eventuell einem surfbrett-verleih oder einen büchertausch-wagen. strandliegen kann man für wenig geld mieten, muß man aber nicht. wer trotzdem nicht im sand liegen will, hockt sich einfach auf die treppe, die stellenweise auch rundungen wie liegen hat.
ab und zu ertönt eine lautsprecherdurchsage in vier bis fünf sprachen, daß das baden verboten ist, weil die life-guards nur von april bis oktober arbeiten. es hält sich aber keiner dran und als ich im molly blooms danach gefragt habe, lachten alle auch nur.
Tel Aviv und der zugehörige Strand sind echt toll. Kein Wunder, dass die Immobilienpreise hier mit die höchsten der Welt sind. Der Strand ist feinsandig und die Infrastruktur (wie Duschen, Klos und Fitnessgeräte) ist gut und kostenlos. Für wichtige Produkte gibt es einheitliche Sozialpeise. So kostet eine Pita mit Hummus überall am Strand 12 Schekel (also etwa 3€). Wir liegen in der Sonne und sehen den Schwulen zu, die sich gegenseitig beim Workout an den Fitnessgeräten zusehen. Zwischendrin gehen wir ins Wasser oder lesen in unseren Büchern. Das einzige, was mir die Idylle trübt ist, dass ich in der Ferne Jaffa sehe. Heute ein Stadtteil von Tel Aviv, bis 1948 eine Palästinensische Stadt, deren Bewohner ins Meer getrieben wurden. Sie mußten sich mit Booten aus ihrer belagerten Stadt evakuieren. Viele ihrer Nachkommen leben heute im Gazastreifen.
Wir hätten uns vom Känguru einen „Scheißverein-Aufkleber“ mitnehmen sollen. Eigentlich wollten wir schon am Donnerstag zur Ausländerbehörde, um unsere drei Monate geltenden Touristenvisa auf fünf Monate zu verlängern. Aber der freundliche Mensch in der Securityuniforn sagte, dass wir morgens zwischen 8 und 9 Uhr zu kommen hätten. Also sind wir heute um 7:25 Uhr da und stellen uns in die lange Schlange. Um 8:30 kapieren wir, warum es nicht vorwärts geht: Wir stehen in der Schlange für Asylbewerber und die wird nachrangig abgearbeitet. Also in die andere Schlange wechseln. Wir sagen unseren Mitwartenden Bescheid und etwa ein halbes Dutzend von ihnen wechselt ebenfalls die Schlange. Dann Nummer ziehen und vier Stunden warten. Nur um von der Sachbearbeiterin angeblafft zu werden, warum wir denn so lange bleiben müßten? Wir antworten, wir müßten nicht, wir seien Touristen und wollten so lange bleiben. Die Antwort ist kurz und knackig: Touristenvisa würden prinzipiell nie(!) verlängert. – Wie machen das dann die ganzen Israelis, die mit Touristenvisa in Berlin leben?
Naja, wenigstens ist der Strand nett und das Wetter gut.
Ach ja, und die Fledermäuse hier sind erstaunlich groß! Etwas größer als bei uns die Tauben. Zwar noch keine Flughunde, aber auf jeden Fall Flederratten.
für alle, die das känguru nicht kennen: die ‚känguru-chroniken‘, das ‚känguru-manifest‘ und die ‚känguru-offenbarung‘ von marc-uwe kling. witzig, subversiv und ein bischen gemein. hörenswert: auf dem sehr bekannten filmchen-abspiel-kanal im internet ‚känguru – ausländerbehörde‘ eingeben. mich hebt’s vor lachen jedes mal aus den angeln.
Dazu, warum der ursprünglich größere Eingang der Geburtskirche so stark verkleinert wurde, kenne wir drei Geschichten. Erstens, um die Besucher der Kirche zu einer demütigen Haltung zu zwingen. Zweitens, um Überfälle und Raub zu erschweren. Drittens, damit die Kreuzritter nicht mehr zu Pferde in die Kirche reiten.
Griechisch orthodoxer Altarraum. (Ihnen gehört das Hauptkirchenschiff.)Unterhalb des heutigen Kirchenbodens befindet sich ein Mosaik aus der Zeit der heiligen Helena.Ausgang der Geburtsgrotte mit der Geburtsnische. Wir haben uns nicht angestellt, die Schlange vorm Grotteneingang war einfach zu lang.
Die Katholiken legen Wert darauf, zu betonen, dass sie zwar überirdisch nur eine Kirche neben der eigentlichen Geburtskirche haben, ihnen unterirdisch aber der größere Teil der Geburtsgrotte gehört. Zu ihrem Leidwesen liegt die Geburtsnische aber im orthodoxen Grottenteil.
Kreuzritterkritzelei im katholischen Grottenteil. Ja, dieses Gekritzel steht hinter Plexiglas, weil es über 800 Jahre alt ist.Das „heilige Spannerloch“ katholische Mönche haben dieses Loch in die Absperrwand zwischen katholischem und orthodoxen Grottenteil gebohrt, durch die man die Geburtsnische sehen kann. – Die Schlange hier war deutlich kürzer.Nebengrotten des katholischen Grottenteils.
Nette Gespräche mit Einheimischen
In der Touristeninformation treffen wir auf eine ältere Dame aus Berlin und eine palästinensische rheinische Frohnatur, die länger in Köln gelebt hat. Das Gespräch ist sehr sehr nett.
Am Abend des 23. Dezember bittet uns ein Angestellter des Hotels, auf dessen Parkplatz wir unwissentlich stehen, zum Direktor. Wir rechnen mit Ärger, werden aber stattdessen aufs überfreundlichste begrüßt und zum Kaffee eingeladen. Die Schwester des Direktors wohnt in Hamburg. Zwei Punkte des Gesprächs liegen uns allerdings anschließend wie Steine im Magen:
Unser Gastgeber kennt die Umgebung Hamburgs besser als die seiner Heimatstadt Betlehem. In Hamburg könne man sich einfach aufs Fahrrad setzen und losradeln schwärmt er. Kein Soldat wolle einen Passierschein sehen oder frage nach dem Grund des Ausflugs.
Seine Kinder, die zum Teil volljährig sind, haben noch nie das Meer gesehen. Er selber hat einen Passierschein für den Checkpoint nach Jerusalem, der gerade einmal 500m von seinem Haus entfernt liegt, weil er ein registrierter Geschäftsführer ist. Aber seine Frau und seine Kinder haben keinen Passierschein. Also bleiben sie im Westjordanland gefangen. – Laßt es euch auf dem Herzen zergehen: Noch nie das Meer gesehen! – Dabei liegt Betlehem nur halb so weit vom Mittelmeer entfernt, wie Hamburg von der Nordsee.
Gemeinsame Erklärung der christlichen Oberhäupter
Die Oberhäpter der verschiedenen christlichen Konfessionen unterzeichneten am 23. Dezember öffentlich eine Erklärung für Palästina und gegen Trump. – Man muß Trump lassen, dass er die sonst chronisch zerstrittenen Christen des Heiligen Landes geeint hat. Auch eine Leistung.
Kurzform der Erklärung auf einer Tafel vorm Betlehmer Weihnachtsbaum.Tanzende Aktivisten mit Weihnachtsmannmützen.Erzbischof Theodosius, der orthodoxe Patriarch von Jerusalem.Bruder Tack – ach ne das war Sherwood Forrest.Bina schreibt auf die offene Wand.
Im Shouk
Bestimmen in der Geburtskirche und auf dem Vorplatz Pilger aus aller Welt das Bild, ist sind wir wenige Dutzend Schritte weiter, im Shouk schon wieder die einzigen Ausländer und werden wie üblich neugierig angestarrt.
Überall in Palästina gibt es rothaarige Araber. Im Volksmund heißen sie „Kreuzritter“, weil sie der Legende nach von zum Islam konvertierten Kreuzrittern abstammen.Wie bei Aale-Dieter auf dem Hamburger Fischmarkt…Bina hat vorher gefragt, ob sie photographieren darf. Vermutlich hat sie die Erlaubnis erhalten, weil das Angebot für hiesige Verhältnisse regelrecht züchtig ist.
Empfang des lateinischen Patriarchen
Das letzte Türchen im Adventskalender öffnet sich.
Dieses Tor in der Mauer zwischen Jerusalem und Betlehem öffnet sich nur einmal im Jahr, um den lateinischen Patriarchen (also den katholischen Bischof) von Jerusalem und den ihn begleitenden Autokonvoi durchzulassen.
Das Auto des Patriarchen mit Diplomatenfähnchen.Auch der Weihnachtsmann fährt im Konvoi mit.Passendes Graffito neben dem Tor.In die Altstadt Betlehems ziehen Patriarch und Gefolge zu Fuß ein.Der Patriarch segnet ein Kind.Er wird von den christlichen Pfadfindern aller Konfessionen mit lauten Dudelsäcken empfangen.Und die einheimischen Christen folgen ihm…… bis zur Geburtskirche,…… wo die Weihnachtskrippe steht, die letztes Jahr vorm Petersdom im Vatikan stand.Das ganze ist eher Karneval als „Stille Nacht – Heilige Nacht“.Die Pfadfinder ziehen genauso lautstark wieder ab wie sie aufgezogen sind.Müdigkeit schlägt Lärm.Der syrisch orthodoxe Patriarch und der Leiter seiner Pfadfinder scheinen beide weltlichen Genüssen nicht abgeneigt zu sein, zumindest den kulinarischen Genüssen.
Wer jetzt glaubt, dass die Pfadfinder damit ihren großen Auftritt gehabt haben, der irrt. Ihren richtig großen Auftritt haben sie beim orthodoxen Weihnachtsfest am 6. Januar. Da empfangen sie um 9 Uhr den syrisch orthodoxen Patriarchen, um 9.30 den koptischen Patriarchen, um 13 Uhr den griechisch orthodoxen Patriarchen und um 15.00 Uhr den äthiopisch orthodoxen Patriarchen. Ein paar Tage später, am 18. Januar, ist dann das armenische Weihnachtsfest, zu dem der armenische Patriarch mit einer Prozession Dudelsack spielender Pfadfinder empfangen wird.
Nur die Fahrt durch das Tor am Grab der Rahel ist und bleibt ein Vorrecht des katholischen Patriarchen. Wer ja auch zu schön, wenn die Israelis da jeden durchließen!
es macht mich fertig, dies offene tor zu sehen. ich bin heilfroh, daß es michel genau so geht und wir mit dem zug des patriarchen zur geburtskirche mitgehen, bevor sich das tor wieder schließt. das schließen des tores hätte ich emotional nicht ausgehalten.
aber dann in der altstadt die vielen menschen, die fröhlich hinter den dudelsäcken hergehen, miteinander plaudern und aus ganz palästina gekommen sind. das ist wunderbar.
British High Tea im Walled Off
Bei Dunkelwerden begehen wir unser ganz persönliches Weihnachten mit einem British High Tea im Walled Off Hotel.
Frohes Fest! Und Friede auf Erden!
Beobachtungsschnipsel:
das ausgelobte bier hat unsere freundin nina gewonnen. sie indentifizierte unseren wüstenwopertinger als klippschliefer. das verwunderte uns ein wenig, vermuteten wir ihn doch als endemische art auf dem kilimandscharo. herzlichen glückwunsch, nina.
fanta hat hier eindeutig mehr farb- und geschmacksstoffe. dafür ist der arabische Schriftzug schöner.
es gibt erstaunlich viele rothaarige jungen in hebron. regelrecht irisch-rotirisch-rot.
einige bäume bekommen tatsächlich gelbe blätter, obwohl es hier nie so kalt wird, dass es nötig wäre. frage: brauche sie es noch für etwas anderes?
ein besonderer lieferservice in hebron: morgens, kurz vor ladenöffnung stehen vor vielen, noch geschlossenen eingängen termoskannen, sorgfältig in tüten verpackt. so hat der ladenbesitzer gleich heißen tee oder kaffee, wenn er seinen tag beginnt. abends sieht man dann jungen mit einkaufswagen die läden abklappern, um die kannen wieder ein zu sammeln.
am köstlichsten ist das essen an den ständen, die es in jeder altstadt oder shouk gibt. wagen mit irgendwas gekochten in pfannen oder töpfen, kleine läden mit einem rauchenden grill davor. drei köfte im pita-brot, ein bisschen gegrillte tomaten und zwiebeln dazu. Oder schnell ein bisschen gekochtes irgendwas aus dem topf geholt, mit frischen kräutern durchgehackt, ebenfalls in pita geschoben und uns für kleines geld in die hand gedrückt. es schmeckt nach innereien. jeder deutsche amtsarzt würde hintenüber fallen, sähe er, daß der mensch am stand sich schnell die hände an der schürze abwischt, um das geld entgegen zu nehmen, um dann wieder das köfte-fleisch um die spieße zu kneten, die auf einem alten stück pappe liegen.
wir sehen den ganzen müll überall in den straßen und ecken nicht mehr und regen uns auch nicht mehr über die freizügige interpretation von verkehrsregeln auf. anscheinend passen wir uns mehr und mehr unserer umwelt an.
die ganze stadt ist still. kein laden ist geöffnet, kein bus oder privatauto fährt. in einer stadt, in der der verkehrsinfarkt allgegenwärtig ist und es vor menschen nur so wimmelt, hört man die vögel singen. der größte spaß, besonders für die kinder, ist auf der straße rad fahren zu können und die erwachsenen haben sich stühle auf den asphalt gestellt und verbringen den tag im schatten.
häufiger als sonst kacheln krankenwägen an ihnen vorbei. an yom kippur wird vorzugweise weiß getragen und weder gegessen noch getrunken, 25 stunden lang (von abenddämmerung zu abenddämmerung). bei der hitze halten wir das für fatal und so manche/r wird kollabiert sein.
Die Straßen sind heute Spazierwege: Sitzecken für Nachbarschaften und Radrennstrecken für Kinder.auch wir machen einen kleinen spaziergang zur autobahn, auf der sonst auto an auto mehr steht als fährtAuf dem Ayalon-Highway ist sonst immer Rush-Hour. Er ist Israels wichtigste Nord-Süd-Verbindung, Verkehrsknotenpunkt und Tel-Avivs wichtigste innerstädtische „Schnell“straße in einem.
und im park spielen indische männer cricket.
bemerkenswert fanden wir gestern noch die hausführung. wir in deutschland zeigen unseren gästen bei einer haus- oder wohnungsführungals erstes die toilette bzw. bad und ihr zimmer.
hier ist es wichtig, den gästen zuerst den sicheren raum in der wohnung zu zeigen und zu erklären, wie er geschlossen wird. dort hinein sollen wir gehen, wenn es raketenalarm gibt. der raum liegt im inneren des hauses. eine massive tür soll schützen und die wände, decke und boden sind verstärkt. ansonsten ist dieser raum zur abstellkammer mit einem regal voller lebensmittel umfunktioniert. ok, es gibt ein paar sitzgelegenheiten.
ich erstaune mich, wie selbstverständlich für mich ist, zu hören, dass es vielleicht 1x wöchentlich alarm gibt. ist halt so, nicht? … aber ich hoffe doch, daß ich das nicht erleben muß.
An Yom Kippur ist es so ruhig und „friedlich“, dass wir abends auf dem Balkon sogar ganz leise Explosionen aus Gaza hören können. Ein unspektakuläres Geräusch, das bei normalem Großstadtlärm keine Chance hätte. – Nur weil Dan es mir erklärt, erkenne ich den leisen Knall in der Ferne als das, was er ist.
wir schlafen ziemlich gut und bekommen morgens ein tolles frühstück auf den tisch gestellt. frisches brot, ful (warme bohnen als eine art suppe), verschiedene arten humus, gemüse, falafel.
und dann heißt es warten.
wir verzweifeln ein bisschen an der arabischen mentalität. erst sagt uns h., der besitzer der wohnung, issa kommt vormittags, dann sollte er nachmittags auftauchen und dann abends, inshallah. es wäre uns lieber gewesen, wenn wir gesagt bekommen hätten, daß sie es nicht wissen. damit kann man arbeiten.
dazu kommt, daß michel eigentlich mit der botschaft hätte telefonieren wollen, aber nur noch 6 ils (israelische schekel) guthaben hatte, weil das aufladen der neuen simkarte mit hilfe eines anderen aktivisten wegen des soldateneinsatzes nicht mehr geklappt hat.
ich habe netterweise nicht nur meine tabletten gebracht bekommen, sondern auch mein strickzeug. so kann ich ein bischen meine hände rühren. und wir schwatzen per signal mit unserer tochter und samara. das ist schön.
als es dunkel ist gehen h. und michel dann los, und michel hat danach guthaben für mobile daten auf dem handy. und er hat auch zahnbürsten und -pasta nebst etwas nervennahrung besorgt.
zurück im sumud
dann taucht m. auf und sagt sie wollen uns ins sumud zentrum zurück bringen. ob das sinnvoll sei? ja, sei es. das ist überraschend, denn wir dachten eigentlich, nach dem gestrigen tag seien wir für hebron ‚verbrannt‘, weil jeder checkpoint unsere nasen kennt. aber gut. unsere wenigen sachen sind schnell gepackt.
über den weg zurück, schweigen wir uns aus offensichtlichen gründen mal aus…, aber wir gehen auf offiziellen wegen zurück, vorbei an soldaten, die mit ihren smartphones beschäftigt sind.
issa ist da und gibt uns hinweise, wie wir das nächste mal auf soldaten reagieren sollen, was sie dürfen und was nicht.
nicht die hände heben oder die soldaten gar anfassen, wir sollen deutsch reden, nach der polizei verlangen und nach einem ‚warrent‘.
wir stehen als nichtpalästinenser unter zivilrecht, womit die polizei für uns zuständig ist. palästinenser stehen unter militärrecht und müssen sich mit soldaten herumschlagen.
beide institutionen dürfen auch nicht unser handy einsehen, das darf nur das gericht.
wir sollen darauf drängen, botschaft und rechtsanwalt anrufen zu dürfen. issa gibt uns die nummer der rechtsanwältin von yas und alles ist jetzt per direktwahl eingespeichert.
einer italienischen journalistin ist gestern das gleiche wie uns passiert. sie ist bereits seit längerem in palästina, wollte das sumud zentrum besuchen und ist bisher unbehelligt geblieben. gestern haben sie sie jedoch trotz akkreditierung am checkpoint abgewiesen, mit der begründung „closed military area“.
willkür contra rechte
und was unsere zukünftige arbeit hier betrifft:
heute heißt es noch mal abwarten. das militär hat issa gesagt, sie hätten sein haus, das sumud-zentrum, für einen monat zum gesperrten miliärischen gebiet erklärt. das widerspricht dem, was die soldaten uns gesagt haben: daß die gesamte geisterstadt hinter den checkpoints militärisches sperrgebiet sei. alle warten jetzt darauf, daß issas anwältin der offizielle bescheid zugestellt wird. dann werden sie widerspruch dagegen einlegen.
die olivenernte steht vor der tür und selbst wenn wir nicht hier in der geisterstadt bleiben können, gibt es außerhalb dieser zone genug bauern, die ebenso dringend unsere hilfe brauchen. olivenernte ist immer eine zeit, in der die siedler besonders erpicht sind, den menschen das leben schwer zu machen. es ist ja so: bestellt ein bauer drei jahre lang seine felder nicht, gehen sie automatisch an den iraelischen staat und damit an die siedler. der besitzer muß sehen, wo er bleibt und wie er zukünftig seine familie ernährt. der verkauf der ernte ist oft die einzige einnahmequelle der bauern. und es wird schon sehr gründlich dafür gesorgt, daß die felder nicht bestellt werden können. sei es durch straßensperren oder neu gebaute straßen nur für israelis, die verhindern, daß die menschen ihre felder nicht bestellen können. oder sie werden während der ernte direkt angegangen und an der arbeit gehindert. internationale helfer stellen einen gewissen schutz dar. ein verprügelter palästinenser erregt kein aufsehen, ein verletzter eurpäer schon. und die ernte geht auch ein bisschen schneller, wenn 4-6 hände mehr zupacken, auch wenn es ungeübte hände sind.
jedenfalls ist es schön, wieder ‚zuhause‘ zu sein.
Der juristische Crashkurs, den wir gestern bekommen haben, wird uns in Zukunft sehr nützlich sein. Die Soldaten haben vielfach rechtswidrig gehandelt. Sie sind es halt gewohnt, dass sie es mit Palästinensern zu tun haben, mit denen sie machen können, was sie wollen. Aber wir stehen als Nicht-Palästinenser unter Zivilrecht (genau wie die Siedler).
Das heißt, wir haben Rechte (die die Palästinenser nicht haben): Nur die Polizei darf uns festnehmen. Sie müssen einen Grund dafür haben. Wir haben das Recht, einen Anwalt und unsere Botschaft zu kontaktieren. Nur das Gericht darf Einsicht in unser Handy nehmen. Wir haben das Recht, Haftbefehle, Verbotsverfügungen und ähnliches gezeigt zu bekommen. Wir haben das Recht auf einen Dolmetscher. …
Wir (und die Siedler) haben alle diese Rechte; Palästinenser hingegen können jederzeit ohne Angabe von Gründen, ohne Anwalt, ohne irgendwas, für sechs Monate in „Administrativhaft“ genommen werden. Diese Rechtsungleichheit ist Teil der hier herrschenden Apartheid: Diese „Administrativhaft“ hat Israel von Südafrika übernommen. Und oft werden Administrativhäftlinge nach sechs Monaten freigelassen und beim Verlassen des Gefängnisses sofort wieder festgenommen. Wieder und wieder. Ohne Anklage, ohne Verfahren, ohne Richter und ohne Anwalt. Jedes Jahr tausendfach!
Die vier vermummten Soldaten, die uns mitgenommen hatten, haben also mehrfach rechtswidrig gehandelt. Und wir haben heute früh bei der Deutschen Vertretung in Ramallah angerufen und im Anschluss daran eine offizielle E-Mail mit Beschwerde und Sachverhaltsschilderung an sie geschickt. Sie werden jetzt wohl offiziell Beschwerde einlegen. Immerhin liefert Deutschland ja einen Teil der Waffen und Ausrüstung hier. Und die Siedlungen leben zu einem Gutteil vom Verkauf ihrer Waren nach Europa: rund um Hebron ist das vor allem auf gestohlenem Land angebauter Wein.
Cat Content 😉
Weil wir aus guten Gründen weder vom sicheren Haus, noch vom Weg zurück ins Sumud Zentrum Bilder gemacht haben, hier zum Trost etwas Cat-Content!
Adam, der Hauskater des Sumud, hat soeben binas Strickzeug entdeckt! (zeitliche Reihenfolge der Bilder: von unten nach oben und von rechts nach links.)
michel führt gleich morgens ein sehr nettes, informatives und konstruktives gespräch mit der deutschen vertretung in ramallah. der stellvertretende konsul ist außerordentlich auf zack, hat michels mail gelesen und die dringlichkeit verstanden, schickt uns umgehend eine protestnote, sprich beschwerde, die an den deutschen botschafter in tel aviv, geht, der diese an das israelische außenministerium weiterleitet. der konsul regt sehr fürsorglich an, die hebron doch vielleicht zu verlassen, da es hier nicht unbedingt sicher sei. als wir das ablehnen, bittet er uns, doch bitte vorsichtig zu sein und er wünsche uns alles gute.
der tag ansonsten ist im gegensatz zu gestern ruhig. die siedler sind mit dem laubhüttenfest (sokkot) beschäftigt. überall wird gefeiert. sokkot ist das jüdische erntedankfest und geht eine woche lang. aber richtig feiertag ist für liberale juden nur der erste tag. die konservativen juden haben zwei feiertage, der rest sind sogenannte halbfeiertage (wohl etwa so wie unser 24. dez.)
soldaten sitzen am hang zum olivenhain und genießen die aussicht.
und siedler sind auf dem weg von und zur machpela
und wir haben tatsächlich gelegenheit, das noch gut warme wetter draußen zu genießen.
über die laute musik sind wir recht froh.. denn fast ununterbrochen hört man die lautsprecher der verkaufswagen, die oberhalb des sumud durch die straßen fahren und aus denen in dauerschleife schief tönende quäkende melodien mal lauter mal leiser als erkennungszeichen ertönen.‚happy birthday‘, oder ‚morgen kommt der weihnachtsmann‘ (kein witz, die meldodie hat hier wohl eine andere bedeutung. als ich mohammad erzähle, das das bei uns ein weihnachtslied ist, will er es mir nicht glauben) und noch was anderes. happy birthday‘ verkauft gasflaschen, der andere wasserkanister.
über uns kreisen öfters drohnen. issa und die anderen können unterscheiden, welche von den siedlern sind und welche von den soldaten. sicherheitshalber verziehen wir uns unter das dichte blätterdach der olivenbäume. das militärische sperrgebiet, zu dem das sumud-zentrum vielleicht erklärt wurde und in dem wir uns dann eigentlich nach wie vor nicht aufhalten dürfen wird erst donnerstag abend wieder aufgehoben. so hat es zumindest ein soldat issa mitgeteilt.
auch so ein zwiespalt: vor den soldaten müssen wir besser ausser sicht bleiben, die siedler sollen aber wissen, dass issa hier nicht allein ist.
eigentlich sollen wir heute mit issa eine altstadt-tour machen, er hat eine verabredung mit zwei italienischen parlamentarier*innen. leider wird daraus nichts, denn mohammad wird im checkpoint oberhalb von sumud zentrum festgehalten und kann keine stallwache übernehmen. das ist der checkpiont, an dem wir am samstag hätten kontrolliert werden sollen, wo aber der soldat lieber auf seinem handy gedaddelt hat. sie haben ihm angekreidet, dass er die tür nicht richtig zu gemacht hat, obwohl es einen seilzug für die soldaten gibt, mit denen sie die tür schließen können ohne aufzustehen. ja, solche schickanen sind an checkpoints üblich. das ist das täglich brot von palästinensern. zum glück für mohammad kam umm temer auch durch den checkpoint und gab sich als seine mutter aus, die krank sei und nicht den halben tag auf ihren sohn warten könne. darauf hin ließ man ihn schon nach etwas über 2 ½ stunden raus.
das schloß der vordertür haben die siedler-jugendlichen wirklich gründlich kaputt gekriegt. das neue schloss ist zwar schnell eingebaut, aber den schweren riegel kriegt man trotz einölen und zurechtbiegen nach wie vor nur noch mit einer alten feldhacke aufgeschlagen.
wir müssen auch mit essen versorgt werden und es fällt mir nicht leicht, um einkäufe zu bitten, alle haben schließlich genug zu tun. auch wenn wir nicht viel brauchen. humus, pita, äpfel…vielleicht tomaten. aber wir können hier ja grade nicht weg und der kühlschrank ist leer.
issa bringt volle tüten mit. und michel hat endlich wieder genug von seinen geliebten äpfeln. abends stelle ich mich in die küche und versuche, etwas möglichst palästinensisches auf den tisch zu bringen. uns schmeckt es, aber ob die aussage von issa, dass es sehr lecker sei richtig ist, weiß ich nicht.
und noch ein überlegung: entweder sind die siedler heute nacht mit feiern beschäftigt und haben keine zeit, das sumud-zentrum zu belästigen oder sie sind extra auf krawall gebürstet und lassen uns wieder nicht in ruhe. deshalb gehen wir früh und wieder in klamotten schlafen, während issa wache hält und wir übernehmen ab mitternacht draußen die wache.
die nacht bleibt ruhig. nurder kleine schwarze kater adam, der sonst wegflitzt, wenn man sich auf zwei meter nährt (es sei denn, man steht in der küche, dann schmust er einem um die beine), kuschelt sich auf die decke an unsere füße und schnurrt so laut, dass ich angst habe, die soldaten werden auf uns aufmerksam. und gaaaanz ganz vorsichtig dürfen wir ihn auch streicheln. erst mit einem finger, dann mit vieren und schließlich mit der ganzen hand. und dann mag er gar nicht genug davon bekommen.
ab und zu hört man den soldaten am checkpoint nebenan husten, er hat einen der siedlerjungs zeitweise als gesellschaft. warum das knäblein nachts um 4.00h nicht ins bett gejagt wird, wissen wir auch nicht. hier und da bellen mal die hunde, der muezzin beginnt sein schönes nächtliches lied. wir hören issa leise durch das offene, aber vergitterte fenster schnarchen. und wie angenehm ist es, sich ins bett verkriechen zu können, als er wach wird und die morgenwache übernimmt, bevor er aus dem haus geht.
wir schlagen immer noch reichlich zeit tot. sitzen viel wie ein altes ehepaar auf unserer bank unter dem olivenbaum, lächeln die anderen aktivisten an, die an uns vorbei gehen in ihrem tun. die katzen gesellen sich zu uns, wenn sie möchten und wir freuen uns, wenn sie gestreichelt werden wollen. wir lesen, surfen im internet, ich versuche zu stricken. zum arabisch lernen fehlt uns die konzentration. ab und zu kommt jemand vorbei und schenkt uns tee oder kaffee ein.
wir haben immer ein ohr auf die tür rechts von uns, auf den soldatenposten links hinter dem haus und auf eventuelles drohnengesirre über uns. gestern nacht war der himmel voll davon. manche sausten herum und manche standen am himmel wie der stern von bethlehem.
die finden wir wirklich unangenehm. nicht körperlich, aber emotional. dies gefühl, beobachtet zu werden von einer maschine, während irgendwo in einer militärbasis ein soldat hockt und die bilder anschaut. er kann nah heran und zurück zoomen, von rechts oder links schauen und man hat kein gesicht zu der person. aber er weiß, was wir frühstücken.
ein vorteil: wir wissen, dass sie nicht schießen werden, im gegensatz zu anderen drohnen in gaza.
Blinkende Drohnen bei Nacht. Nur die größeren, die höher fliegen, haben Positionslichter. Die kleineren, die dichter an uns dran sind, haben sie nicht.
simrath torah, ein weiterer jüdischer feiertag, ist in der nacht in vollem gange, wir hören von unten vom vorplatz der machpela musik und die siedler tanzen die ganze zeit mit der torah, wie es an diesem festtag brauch ist.
dienstag morgens hieß es, dass die wiederholte gefahr auf nächtlichen stress mit siedlern, ziemlich hoch sei. deshalb sind wir eher angespannt, als muhammad und mohannad nach hause gehen und wir allein sind. issa ist noch auf einem nachträglichen festakt zum tag der deutschen einheit im deutschen konsulat in ramallah. wann er kommt, ist ungewiss.
als er endlich auftaucht und hält issa keine nachtschichten für nötig. die siedler sind wohl doch zu sehr mit ihrem feiern beschäftigt. er stellt uns sogar in aussicht, dass wir uns morgen ruhig in die stadt hinunter trauen könnten. so gehen wir fröhlich zu bett.
in einem unserer kurzen ausflüge auf den vorderen teil der terrasse machen wir diese fotos:
das sind israelische miliärposten in H1, die dort gar nicht sein dürften. in H1 hat das israelische militär eigentlich nichts zu suchen. das ist der machtbereich der palästinensichen autonomie-behörde. aber die armee interessiert das nicht. diese posten hätten eigentlich mit dem 1997 unterschriebenen hebron-abkommen abgebaut werden müssen, aber die armee hat sich nicht daran gehalten, denn sie stehen strategisch äußerst günstig auf bergen innerhalb hebrons.
hebron liegt in einem sehr engen tal. unten in H1 ist gerade mal platz für zwei schmale straßenzüge, bevor es rechts und links wieder die hänge hinauf geht. von dort oben können die posten die ganze stadt überblicken und natürlich auch kontrollieren.
am mittwoch morgen fängt der tag – eigentlich wie immer – mit gemütlichem frühstück an. issa trinkt einen tee mit uns, die katzen kommen zum schmusen und wir freuen uns an dem immer noch recht warmen wetter.
mittags kommt eine gruppe britischer diplomat*innen zum sumud-zentrum hinauf. sie haben eine walking-tour mit ‚breaking the silence‘ gemacht und lassen sich hier oben von izzat erzählen, wie sich das leben in hebron für palästienser anfühlt und was das YAS und das sumud-zentrum sind. ‚breaking the silence‘ ist eine organisation ehemaliger soldaten, die den mut aufbringen zu veröffentlichen und zu erzählen, was sie während ihrer zeit in der israelischen armee gemacht haben. das bedeutet für sie viel, denn sie werden von vielen seiten angegriffen. die regierung versucht ihre arbeit zu behindern, für die armee sind sie verräter und wir wissen von einigen, deren gesamte familie sich von ihnen losgesagt haben, weil sie ihr tun öffentlich machen.
Links (mit Kippa) der ehemalige Soldat, der die Gruppe herumführt. Geradeaus sitzt Izzat, der erzählt. Die britischen Diplomat*innen hören gebannt zu, stellen anschließend neugierige Fragen, und werden hoffentlich dafür sorgen, dass das Vereinigte Königreich eine bessere Nahostpolitik macht.
für uns ist dieser besuch eine willkommene abwechselung.
aber kaum, dass die gäste wieder verschwunden sind, müssen wir im haus verschwinden, weil soldaten an die tür schlagen. aufstehen, sachen vom tisch mitnehmen und schnell und leise im haus verschwinden, ist mittlerweile eine bewegung. dann noch leise die küchentür und unser zimmer von innen abschließen, das licht ausmachen und am fenster lauschen, was geredet wird. dieses mal wird nach ‚internationalen‘ und nach frauen gefragt und es heißt, es stünden an die 50 soldaten um das haus herum. sie lassen sich abwimmeln. issa wird informiert und meint, die sind auf irgendeiner übungstour, zeigen präsenz und belästigen palästinensische nachbarn. 50 soldaten, 50 std. arbeitszeit … was für ein geldverbrennen!
Und dazu noch die Drohnen, die dieses Aufgebot begleiten und ums Haus schwirren.
die spinnen, die israelis!!!!!
a pro pos „palästinenser belästigen“: unten an der machpela gibt es wieder eine apartheitsstraße. das heißt, den breiten teil der straße dürfen nur siedler, sonstige israelis und internationale betreten, während der schmale, unwegsame teil hinter einem langen absperrgitter für die palästinenser bleibt.
kaffee und tee wird abwechselnd immer in denselben langstieligen töpfen auf dem gasfeuer gekocht. und der tee schmeckt trotzdem immer nach tee und dem kaffee merkt man auch nicht an, dass vorher tee in der kanne war. wenn ich daran denke, welches theater zuhause immer gemacht wird, tee- und kaffeekannen ja getrennt zu halten, denn wie scheußlich es schmeckte, wenn sich mal jemand vertut. liegt´s am unterschiedlichen material?
mich würde auch interessieren, nach welchem system der muezzin welche lieder erklingen läßt. sie klingen so unterschiedlich. gibt es auch dort eine art liturgie?
und oben, im ersten stock des sumud-zentrums, singt mit seiner schönen stimme mohammad seine gebete, während der muezzin noch ruft.
so langsam schleicht sich hier eine art routine ein.
es ist klar, wer wann in etwa kommt und unser haus mit beschützt. mohammad bringt immer irgendwas vom laden mit. meist pita, weil mittlerweile klar ist, dass wir dies wunderbare brot quasi wegatmen. aber auch kleine quarkpuddings, die wie ein pflaster für unsere eigentlich dauerhaft angespannten nerven sind. und wenn wir auch manchmal das gefühl haben, wir machten mehr mühe als dass wir nützlich wären, sind das die kleinigkeiten, die uns zeigen, dass wir gern gesehen und unsere anwesenheit hier für die palästinenser wertvoll ist.
wir machen oft keine richtigen nachtwachen, trotzdem klingelt der wecker um 01.00h und wir sind bis 03.00h halbwegs wach, falls wir nächtlichen besuch bekommen. wir schlafen halb angezogen, sicherheitshalber. aber es bleibt ruhig.
tagsüber sitzen wir viel auf unserer bank an der hauswand (nur bei drohnenalarm gehen wir schnell rein), ich wasche ein paar sachen durch oder scheuere die küchenschränke aus, die es dringend nötig haben.
Was für eine Nacht!
der wassertank auf dem dach war leer und es läuft nun den halben tag lang bis in die nacht hinein eine pumpe auf der terrasse unter unserem fenster. zudem neigt sich das gas dem ende zu und wir müssen damit ein bisschen sparen. die küche bleibt kalt. wir sind gespannt, wie ersatz herangeschafft wird (wie sich später herausstellt: ganz einfach, die 2. flasche auf der treppe ist noch voll!). irgendwann macht mohammad die pumpe aus und wir hören vom dach wasser tröpfeln und rinnen (er hat wohl zu viel reingepumpt).
um 01.00h klingelt wie gewohnt unser wecker und dann fängt gegen 02.00h das licht an zu flackern. die kabelverbindungen britzeln und beginnen zu rauchen, genau so wie eine steckdose und die neonröhre in unserem zimmer. dann gibt es ein paar funken und alles ist dunkel. na klar, kurzschluß wegen des rinnenden wassers, denken wir erst, aber letztlich sind es spannungsschwankungen, wie wir sie in deutschland nicht kennen. zwei ladekabel schmoren durch und eine der neonröhren im zimmer. gott sei dank haben wir keine geräte zum aufladen am kabel.
aber im sekundentakt piept der stromzähler neben uns im flur und meldet fehler. der schlaf bleibt dünn.
Sabotage der Hauptstomleitung?
So, 19.10: tagsüber haben wir dann wieder elektrizität, aber mit dem laden von unseren geräten sind wir mehr als vorsichtig und lassen sie derweil nicht unbeaufsichtigt.
eine attacke oder sabotage durch die siedler oder so? eher nein, sonst hätten wir in der nacht noch ‚besuch‘ bekommen. außerdem ist hier in der geisterstadt und in H2 alles irgendwie improvisiert. hinein dürfen nur palästinensische menschen, die hier gemeldet sind: nur mit glück wohnt hier auch ein handwerker. deshalb sind die leute von YAS auch so wichtig und willkommen, denn sie helfen den menschen im alltag und bei reparaturen. es würde uns wundern, wenn die stromleitungen irgendeiner norm entsprächen.
Fast jeder der Aktivisten von YAS hat ein anderes Handwerk gelernt. Als mobiler Reparatur- und Bautrupp wären die bei uns in Deutschland der Hammer!
in der nächsten nacht haben wir wieder keinen strom. diesmal sind aber keine schäden zu beklagen und hammad stellt auch den stromzähler stumm.
nicht nur unser haus ist dunkel. die palästinensischen häuser in der umgebung sind alle dunkel. nur der israelische wachposten auf dem haus nebenan hat wie üblich seine stadionbeleuchtung an und die siedler oberhalb von uns haben auch licht.
hammad vermutet, dass diesmal die palästinensische hauptstromleitung mutwillig gekappt wurde – von den üblichen verdächtigen …
Für diese Hypothese spricht auch, dass Siedler und Soldaten mitten in der Nacht bereitstehen, um Reparaturversuche der Palästinenser zu unterbinden.
Ausflug in die Stadt am Montag (20.10.)
trotz allem müssen wir heute in die stadt zum einkaufen.wir brauchen einiges. vor allem einen bankomaten.
über einen checkpoint hinaus zu kommen ist kein problem, eine kontrolle findet nicht statt. den weg dorthin bestreiten wir zügig. nur nicht unnötig aufmerksamkeit erregen. dann der lärm der stadt, die vielen menschen, die farben, die gerüche, das chaos einer nahöstlichen stadt … wie gut das tut! und auch die wärme. in der stadt ist es immer noch sehr warm, während bei uns oben ständig ein kühlerer wind weht.
michel kauft sich neue schuhe in einem größeren laden. zwei verkäufer überschlagen sich fast, beschäftigen einen dritten hinten im lager, ich werde auf einen hocker genötigt, es gibt erst mal kaffee. das am häufigsten verwendete wort ist : shwayy shwayy (langsam langsam, immer mit der ruhe). michel findet was er braucht und zahlt umgerechnet unter 20 € für zwei paar schuhe.
eine drogerie macht mit uns ehrliche geschäfte und mich mit hautmilch glücklich, ein straßenhändler freut sich, dass er uns drei bund frischer pfefferminze verkaufen kann. von einem hühnerfleisch-händler werden wir übers ohr gehauen, denn er nimmt uns für zwei größere packungen geschnittenes fleisch, was für die katzen sein soll, fast 20 € ab. das lehrt uns VORHER nach dem preis zu fragen und dann auch weiter zu gehen, wenn wir nicht einverstanden sind. vielleicht hätten wir doch eine gasse weiter auf dem hühnermarkt kaufen sollen …
in dem elektroladen ersteht michel eine weitere stirnlampe, die eher ein scheinwerfer ist. sie kostet 10 €. dafür ist in dem kleinen lebensmittelladen, in den wir hineinschneien, der spendierte kaffee ausgesprochen lecker.
nun noch äpfel und limo und chips an verschiedenen ständen erstehen und die hiesigen, superleckeren erdnussflips. einen weiteren kaffee schenkt uns der souvenierhändler im shouk, wo wir unsere kuffiyyes kauften und jetzt auf einer bank davor sitzen. wir sollten unsere favorisierten geschäfte nach der qualität ihres angebotenen kaffees aussuchen!
wir beschließen, durch den checkpoint an der machpela zu gehen. der wird von vielen touristen genutzt und auf touri machen können wir ja. erst mal werden wir zusammen mit einem gehörlosen palästinenser eine halbe stunde davor stehen gelassen, bis die wachposten merken, dass nicht nur er da ist, sondern auch touristen.
Der Checkpoint an der Machpela (dem angeblichen Grab Abrahams und seiner Familie). Vor uns wartet ein Gehörloser auf Durchlass. Versucht auf sich aufmerksam zu machen. Aber die Soldat*innen machen sich einen Spaß daraus, ihn zu ignorieren.
sie lassen sich lediglich unsere pässe zeigen und wollen nur wissen, wohin wir wollen. „zum bus richtung jerusalem.“ neiiiin, wir seien weder juden noch moslems, sondern christen. „zur moschee????? ach, was sollen wir da??????“
Was mich aufregt: Erst machen die Soldat*innen sich eine halbe Stunde lang einen Spaß daraus, einen gehörlosen Palästinenser zu ignorieren. Und anschließend wollen sie von uns hören, wie toll wir Israel finden. Sie haben doch gemerkt, dass wir mitbekommen hatten, wie sie vorher den gehörlosen Mann behandelt haben. So lange, bis sie realisierten, dass hinter ihm „Touristen“ stehen. (Die schlimmsten Mobber, die ich in meinen Schulklassen hatte, hatten mehr Gerechtigkeitsempfinden und Empathie.)
Gleich hinter der Machpela sehen wir diese geschlossenen Läden und es zerreißt uns das Herz.
es ist traurig, die geschlossenen läden von achbed, seinen kollegen nebenan und der töpferei zu sehen. sie waren 2017 immer ein sumud-bollwerk und ein bunt-lebendiger fleck auf dem weg über die shuhada street. wenigstens ist die töpferei „nur“ in den shouk in H1 umgezogen. So sah es hier damals aus:
Sein Haus, das diese zwei Läden und drei dahinter liegende Apartements beherbergt, liegt am strategisch wichtigsten Punkt Hebrons.
Im Januar 2018 hatten wir unter dem Titel: Der 100-Millionen-Dollar-Mann über Ahbed und seinen Laden geschrieben: „Er hat sich weder durch Gewalt und Schikane vertreiben, noch kaufen lassen.“ – Leider haben sie ihn und seine Familie offensichtlich im Laufe der Jahre und der zunehmenden Brutalisierung und Enthemmung der Siedler und Soldaten doch klein gekriegt.
wir gehen durch die neue apardheitstraße, von der wir ja schon erzählten, beschäftigen die soldaten am nächsten checkpoint mit fröhlichen fragen nach der abrahamsquelle und wie die auf hebräisch heißt. (‚mayyan avrahim‘. wasser heißt auf arabisch mayy.) es funktioniert und wir werden nicht weiter aufgehalten. die einzige schwierigkeit für uns ist, kein arabisch zu radebrechen, sondern die drei worte hebräisch rauszulassen, die wir können.
Die Shuhada Street ist für Palästinenser komplett gesperrt – auch für diejenigen, die hier wohnen: sie müssen ihre Häuser von hinten über die Dächer der Nachbarn betreten. Siedler haben sie in die, hebräisch, „König-David-Straße“ umbenannt (was leider sogar google.maps mitmacht). Dann sehen wir dieses Schild:
was für eine infame, wahrheitsverdrehende schönfärberei! im englischen gibt es dafür das wort ‚spinning‘
wir gehen durch die tote shuhadastreet und ich versuche, mich mit großen begeisterten blicken umzuschauen. nicht, dass es etwas schönes zu sehen gäbe (die verschweißten, einsamen läden, in denen so viel leben herrschen könnte, sind kein schöner anblick), aber so bleibe ich im touristenmodus.
Wir schrieben ja, dass es für die Palästinenser in der Geisterstadt unmöglich ist, im Notfall einen Krankenwagen kommen zu lassen. Hinten im Bild sieht man zwei von drei Krankenwägen, die wir auf der Shuhada Street gesehen haben. Sie stehen dort rund um die Uhr bereit, nehmen aber nur Juden mit.
an der abrahams quelle machen wir sicherheitshalber ein foto und falls wir von soldaten angesprochen werden: wir sind auf dem weg zu den ausgrabungsstellen in tel rumeida.
Man beachte die Fantadose (Bildmitte links), die ein Siedler oder Soldat in die heilige Quelle geworfen hat. Die Palästinenser meiden diesen für sie gefährlichen Ort.
aber wir werden in ruhe gelassen und machen noch dieses foto:
der baum ist übrigens gut und gern 2000 jahre alt
das sumud ist schon in sicht, umm temer (mutter von temer) öffnet schnell die tür und wir sind wieder in sicherheit. hammad lacht sehr über unsere schilderung der heimkehr und schüttelt verwundert den kopf.
mittlerweile ist auch europäische verstärkung gekommen. gracia aus italien hat es hierher geschafft, nachdem sie bei der einreise vier stunden lang in eilat interviewt worden war und dann auch noch am checkpoint festgehalten wurde.
hammad kann mit einer gruppe elektriker die angeschnittenen stromkabel zumindest zum teil reparieren. allerdings wird er erst von einem soldaten und einem siedler daran gehindert. es konnte auch nicht alles repariert werden, sondern nur ein kabel. jetzt gibt es zwar wieder strom, aber noch nicht genug.
eine jüdische besuchergruppe macht mal wieder eine besichtigungstour. wir würden zu gern mal einer beiwohnen, damit wir erfahren, was so erzählt wird. sie benehmen sich irgendwie wie kauf-interessenten auf einem baugrundstück, denen das gelände fast schon gehört.
wir halten wieder aktiv nachtwache. mohammad wurde nicht hineingelassen, hammad muß irgendwann auch mal nach hause. er hat schließlich frau und kinder. so sind wir also nur zu dritt. aber die nacht bleibt ruhig und wir sind froh, dass wir dies immer wieder schreiben dürfen.
In den Checkpoints, durch die man in die Geisterstadt kommt, sind Schikanierungen die Regel, nicht die Ausnahme. Die Italienerin musste zweimal durch, und wurde zweimal je eine dreiviertel Stunde festgehalten und befragt. Und jetzt stalken die Soldaten sie auf Linkedin … und so weiter. Hamad haben sie heute früh auch eine halbe Stunde festgehalten und befragt. Es ist eine Nachricht, wenn jemand mal keine Schikane erlebt.