Olivenernte und Fernsehen

fr. 21.11-sa. 22.11

wie ruhig der nächste tag wirkt, wenn der vorherige so viel aufregung mit sich brachte.
draußen ist alles still, aber innerlich sind wir alle nach diesen geschehnissen aufgewühlt und nachdenklich.
was wird passieren?
wann kommen die siedler wieder?
wie weit hätten sie gebaut, wenn wir sie nicht so früh entdeckt hätten?
schaffen wir es, diesen outpost zu verhindern und wie?
wie sieht ein leben in diesem haus aus, wenn wir einen weiteren outpost direkt vor der nase haben?

issa sitzt auf dem sofa unter unserem fenster und hat seine telephone in reichweite. entweder er telefoniert oder er starrt gedankenverloren in die stadt hinunter.
irgendwann muß er wie üblich aus dem haus.
wir wissen nie, wohin er geht und wann er wieder kommt. er sagt uns letzteres nur, wenn er ein paar tage fort bleibt.
er wird wohl familien hier besuchen, sich zu interviews treffen, walking-tours machen….
wir telephonieren und schreiben nachrichten, versuchen menschen als schützende unterstützung hierher zu kriegen. das ist nicht leicht, weil überall im land dörfer, familien, organisationen um unterstützung gegen gewalttätige siedler bitten und wir nur eine kleine gruppe sind, die selten zeit hat irgendwo einen hilferuf zu posten.
statt dessen bekommen wir aufrufe geschickt, denen wir aber nicht nachkommen wollen, weil uns unser sumud-zentrum wichtiger ist.
aber ein fernsehteam vom ZDF will noch kommen.

wir brauchen beschäftigung um uns ein bischen abzulenken.
und so machen wir uns daran, den ersten olivenbaum auf der terrasse abzuernten.
irgendwoher taucht eine große plane auf, eimer, eine kleine säge für dickere äste, harken, stöcke.
die plane kommt unter den baum, mohammad klettert ins astwerk und sägt die äste herunter, von denen der baum sowieso befreit werden muß. wir stehen unten und strippen die oliven on den zweigen.
so schöne früchte! dick und saftig und in großer zahl. DAS wird ein öl!!!!!!!

Das Fernsehen ist da!

mit fünf leuten kommen sie über die freifläche unter dem haus mit film- und fotokamera, rollkoffer, stativen, mikro-angeln. was man als filmteam so braucht.
sofort lassen wir alles stehen und liegen. issa und michel ziehen sich gute hemden an, ich und mohammad bleiben wie wir sind.
kaum geben wir ihnen, noch vor der tür, die ersten informationen über das, was sie sehen und wo sie hier sind, kommt auch schon ein soldat an und verbietet allen den aufenthalt vor der tür.

Für das ZDF-Team und uns gilt die Closed Military Zone, für die Siedler und ihre US-amerikanischen Helfer nicht.

immerhin werden sie nicht komplett aus H2 hinaus komplimentiert.

drinnen wird schnell besprochen, was aufgenommen werden soll, von wo und aus welcher perspektive, dann bekommt issa sein interview, weil gleich danach aus dem haus muß.
wir sollen uns mit kaffee hinsetzen und ungezwungen plaudern, wir sollen uns an die gitter auf der oberen terrasse stellen und über den ausblick reden. wir werden beim olivensammeln gefilmt.

also: solche berichte sind mitnichten mitten aus dem leben gegriffen. da wird gestellt, werden dialog-themen vorgegeben und regieanweisungen gemacht.

und während das team in einer drehpause auf den seitlichen bänken vor dem schutzgitter sitzt, knallt plötzlich ein geworfener stein dagegen.
willkommen in unserer welt.
bewundernswert, dass niemand hektisch aufspringt, sondern sich alle nur anschauen und jetzt hoffentlich eine ahnung von dem haben, was hier so gut wie jeden tag passiert.
michel wird auch noch interviewt:

und von dem ganzen aufriss bleibt vielleicht ein drittel übrig. der rest wird geschnitten.

in der zwischenzeit schneit darcy herein, eine weitere aktivistin aus amerika. sie hat über einen freund von issa amro erfahren und dachte sich, sie schaut mal vorbei.
sie ist zum ersten mal in palästina und erfreulich gut informiert. sie weiß, wo sie hier ist und ist sofort bereit, mohammad weiter bei den oliven zu helfen.

michel und ich müssen dringend runter in die stadt in ein cafe mit gutem internet.
das ZDF-team will noch bilder und filme in besserer qualität haben, als es signal bieten kann.
zurück zuhause haben darcy und mohammad fast alle oliven vom baum geholt. die obersten äste fehlen noch. ca. zwei 10l-eimer sind voll geworden.
ich freue mich schon auf die anderen bäume, die auch voll hängen.

der samstag bleibt auch ruhig. aber wir schauen alle stunde mal durch die luken in der vordertür, ob sich in natschis olivennhain wieder siedler zu schaffen machen.
nur kätzchen adam geht es nicht so gut. er frißt nicht, liegt nur angespannt mit geweiteten augen herum und läßt sich nicht anfassen.
na, nächste woche bringen wir ihn ohnehin zur kastration zum tierarzt.

Der fertige Bericht wird dann am Mittwoch 26. November um kurz nach Mitternacht gesendet: heute journal update
(Vorspringen zu 9 Minuten 43 Sekunden, letzten Sprungmarke.)
Typisch Deutschland: Es wird eine Ausgewogenheit suggeriert, die nicht der Realität entspricht.