Steinhagel

Gestern, am 1. Advent, war zusätzliche zu uns ein gutes halbes Dutzend Leute hier, um am Kino zu arbeiten und es rechtzeitig fertig zu bekommen. Um kurz nach neun Uhr abends hagelte es dann plötzlich Steine. Sie kamen von der Terrasse der Siedlung direkt hinter uns, dort wo immer der Soldat steht und Wache schiebt.

Das Video ist ziemlich am Ende des Steinhagels aufgenommen, als die Intensität schon sehr stark nachgelassen hatte. Ab Sekunde 24 sieht man sehr gut, dass die Steine zum Teil von direkt hinter dem Wachhäuschen des Soldaten geworfen werden.

Und diesmal waren es keine kleinen Steinchen, wie sie die Kinder der Siedler fast täglich werfen!

Es waren weitaus größere Steine dabei! Dies hier ist einfach das, was ich mir aus dem Schutz der Hausecke angeln konnte, ohne ein zu großes Risiko einzugehen, um damit ins Bad zu gehen, es zu fotografieren und das Bild an Presse zu schicken, noch während der Angriff lief.

Bald darauf tauchten Soldaten am Vordereingang der Terrasse auf, Siedler im Schlepptau, und erzwangen sich Zutritt zur Terrasse und zum Kino. Es gelang Issa zum Glück, dass die Siedler draußen bleiben mussten. Im zweiten Teil des nächsten Videos sieht man die Soldaten und Siedler an unserer Vordertür.

Zum Einen behaupteten die Siedler (wie jedes Mal), dass wir sie angegriffen hätten, und nicht sie uns. Was die Soldaten ihnen natürlich glaubten(wie jedes Mal) . Und wir konnten es zum Glück mit den Bildern unserer Überwachungskameras widerlegen (wie bisher jedes Mal).

Zum Anderen behaupteten die Siedler, dass das Kino illegal gebaut würde, und die Soldaten waren da um die Bauarbeiten zu stoppen und den Abriss durchzusetzen. Aber da die Außenhülle des Kinos schon seit Jahren existiert, ist es kein Neubau und kein neuer Anbau. (Auch das konnte Issa mit Bildern nachweisen.) Und da die Leinwand technisch gesehen ein riesengroßer Fernseher ist, ist es formal einfach nur ein sehr sehr großer Fernsehraum. In den Issa und YAS halt Freunde einladen 🙂

Irgendwann zogen die Soldaten unverrichteter Dinge wieder ab.

Den Siedlern geht es offensichtlich sehr gegen den Strich, dass hier morgen ein Kino aufmacht und damit ein Ort der Kultur und des sozialen Austauschs für Palästinenser geschaffen wird. Wir werden also weiterhin mit Angriffen und Sabotage rechnen müssen, und weiterhin jede Nacht Nachtschicht schieben.

Für die Nachtschichten werden mit solchen Bildern bei Sonnenaufgang belohnt!

Psychoanalyse

ob wir wohl jemals wieder normal ticken werden?
hier in hebron und in der umgebung sind so viele dinge anders als wir es gewohnt sind.
das hat nichts mit dem wetter zu tun, das es uns ermöglicht, vormittags in der sonne auf dem vorderen teil der terrasse zu sitzen, die aussicht zu genießen und es eindeutig zu heiß zu finden.
die nerven werden langsam dünn, und ich frage mich, an welchen stellen wir schon paranoid sind.
michel und ich neigen untereinander verstärkt unter kleinen missverständnissen, die unter normalen umständen keiner weiteren erläuterung bedurft hätten. bedenken manchmal jedes wort oder einen tonfall oder eine geste eine mimik des anderen, die uns sonst nicht aufgefallen wäre.
aber wir achten auch mehr aufeinander. im positiven sinne. was brauchen wir jetzt?

ich habe immer mehr eine schere im kopf.
regnet es zum beispiel während der nachschicht, ich frage mich:
ist das gut, dann bleiben die siedler lieber zu hause, haben keine lust gegen das sumud-zentrum anzugehen?
oder ist das schlecht und sie kommen erst recht, weil sie wissen, daß auch wir dann auch lieber drinnen hocken und nicht so viel mitbekommen?
haben wir heute ruhe, weil wieder ein besonderer feiertag ist, oder müssen wir extra aufmerksam sein, weil die siedler an diesem feiertag nichts zu tun haben und deshalb auf dumme gedanken kommen. man weiß es immer nicht.
gehen siedler am haus vorbei, stellen wir uns immer die frage, warum sie ausgerechnet hier entlang gehen.

kommen soldaten vorbei, ist immer die frage: wie viele? wollen die zu uns? warum tun sie das? (okay, das würde ich mich zu hause auch fragen, mehr noch als hier, wo der anblick solcher personen alltag ist)
dieser tage brachten wir besuch zum siedlerbus und gingen auf dem rückweg durch den olivenhain. dort fanden wir eine tora oder einen talmud an einem baum liegen. ich fragte mich sofort: hat dass nur jemand vergessen, oder hat derjenige damit seine besitzansprüche auf den baum, den hain geltend gemacht?

gestern saß ein siedler unter einem der bäume an dem ort, an dem sie neulich sauber gemacht hatten. augenblicklich wird überlegt:
ist das einer aus der siedlung? eine vorhut für weitere siedler um an der erweiterung ihres teils von tel rumeida weiter zu bauen (ich weigere mich, das wort outpost in den mund zu nehmen)? oder ist es nur ein besucher, der beim gebet den blick ins tal auf die machpela genießt? was ihm zu gönnen wäre. an der kleidung konnten wir schon sehen, daß es kein hiesiger war.
gleichzeitig werkelt der palästinensische nachbar eine terrasse weiter unten mit seinem sohn herum. es könnte so ein schönes bild des friedens sein. ist es aber leider nicht:


ungefähr alle zwei tage hören wir unten aus der stadt oder von den anderen talhängen knallen oder donnern. ja, auch mal eindeutig ein maschinengewehr. und immer fragen wir uns: was ist jetzt wieder passiert???
oder es steigt irgendwo rauch auf. gleich die überlegung: ist das ein haus, ein auto? und warum brennt es? oder ist es nur müll?

ich sehne mich nach dem tag , an dem ich bei anblick eines buches in der gegend einfach nur denke: oh, das hat jemand vergessen, ist es spannend?
ich möchte bei einem knall nur überlegen müssen: welcher bengel hatte noch knaller von silvester übrig?
und ich möchte mich an leuten freuen, die eine schöne aussicht genießen. so wie wir am freitagabend zu beginn des schabbat, als wir ausnahmsweise vor dem haus auf der treppe hockten und auf hebron schauten. zum ersten mal seit langem ohne schutzgitter, das den blick abfängt.

ich sehne mich auch danach, nach einer kurzen nacht, aber nach bunten träumen, mal ohne flaues gefühl im magen aufzuwachen.
eigentlich brauche ich fast immer eine weile, bis ich realisiere, wo ich bin.
aber dann geht gleich eine gedankenflut los: was ist heute zu tun? hoffentlich sind wir nicht zu lange allein! wie schaffen wir es wohl aus der stadt wieder zurück ins haus?
ich freue mich darauf, mal wieder die augen auf zu machen und den gedanken zu haben: hurra, der tag ist mein freund!

Kleine Olivenernten:

Am Freitagmittag schallte plötzlich Kinderlachen aus den Olivenhainen am Hang herauf. Am Abend zuvor war die Closed Military Zone ausgelaufen, die allen Palästinensern das Betreten aller Olivenhaine hier am Hang seit Mitte Oktober unmöglich machte. Jetzt war die erste Familie da und erntete ihre Oliven. Es sind etwa ein halbes Dutzend erntender Erwachsene und ein halbes Dutzend herumtobender Kinder.

Doch nach kaum einer Stunde ist es vorbei. Ein Trupp Soldaten verbietet die weitere Ernte. Issa kann zumindest Festnahmen verhindern und erreichen, dass zwei Tage später am Sonntag vielleicht weiter geerntet werden darf.

Am Sonntag in aller Frühe erntet eine Familie die Oliven direkt vor unserer Tür.

Sie schaffen nur zwei Bäume, dann müssen sie aufhören. Wegen der Siedler ist es zu gefährlich. Sie ernten auch nur einen Bruchteil dessen, was diese Bäume normalerweise hergeben würden. Eigentlich hätten sie ja im Oktober ernten wollen und müssen. Inzwischen liegen die meisten Oliven als Matsch am Boden. – Aber es geht ums Prinzip! Um Sumud! Darum, sich nicht vertreiben zu lassen!

Outpost wird schleichend ausgebaut!

Während wir diesen Beitrag schreiben (Montagnachmittag), sind die Siedler mit einem Auto mit Anhänger gekommen und haben einen Picknicktisch mit angebauten Bänken auf den Platz ihres neuen Outpost oder besser ihrer geplanten illegalen Siedlungserweiterung gestellt. Das ist die Fläche vor unserer Haustür, die sie vor etwa anderthalb Wochen bearbeitet haben. Und die Fläche, auf der die Palästinenser gestern einen kleinen Teil ihrer Oliven ernten konnten. Vielleicht zum letzten Mal. Schleichend klauen die Siedler der Familie Natschi so ihr Land und ihre Oliven.

Schönes und Gutes

Carina aus den USA war für eine Nacht da und hat schöne Bilder von uns gemacht:

Im Indipendent ist ein guter Artikel über die Angriffe von Siedlern und Soldaten auf Issa und das Haus erschienen, in dem wir zitiert werden.