Am Freitag, den 24. Oktober, abends gegen 19:00 Uhr verschaffen sich israelische Soldaten Zugang zur Terrasse des Sumud-Zentrums.
Sie befehlen allen anwesenden Palästinensern – mit Ausnahme von Issa Amro – sowohl Haus und Terrasse als auch die Geisterstadt zu verlassen. Obwohl sie alle in der Geisterstadt oder sogar hier im Haus gemeldet sind. Anschließend nehmen sie die Italienerin (Gracia) mit, bringen sie zum Checkpoint und werfen auch sie aus der Geisterstadt raus.
Als Begründung liefern die Soldaten, dass das Haus ein einer „Closed Military Zone“ liege. Diesmal haben sie sogar eine schriftliche Verfügung nebst Karte der geschlossenen Zone dabei – zum ersten Mal seit wir hier sind. Die Zone soll bestehen vom 20. Oktober bis zum 27. November diesen Jahres, somit die gesamte Zeit der Olivenernte. Diese Zone umfasst nur die palästinensischen Olivenhaine in der Nachbarschaft. Alle Häuser liegen aber außerhalb der Zone. Auch das unsere: Das Sumud-Zentrum ist zwar von drei Seiten von der „Closed Military Zone“ umgeben, liegt aber selbst nicht darin.
Das Sumud-Zentrum liegt ein kleines Stücken rechts unterhalb der Kartenmitte: da, wo die Verbotszone an einer Stelle so schmal ist, dass sie nur ein schwarzer Strich ist.
Die Razzia und der Rauswurf sind also rechtswidrig, weil weder Haus noch Terrasse von der Verbotszone betroffen sind. Aber unter einem Regime ohne Rechtsstaat kann man nur schwer gegen Maschinengewehre anargumentieren.
Und wir? Wir waren kurz vorher im Haus verschwunden, weil sich schon vorher abzeichnete, dass es eine Razzia geben würde. Gracia war leider nicht so vorsichtig.
Das Vorspiel zur Razzia war, dass sich der wachhabende Soldat auf der Siedlerterrasse hinter uns über die anwesenden Palästinenser beschwerte und ankündigte, unsere Terrasse räumen zu lassen. (Sofern Michel das richtig mitbekommen hatte.)
Der Soldat, der die Razzia leitet, ist übrigens derselbe, der unsere kurzzeitige Festnahme und den Rauswurf aus der Geisterstadt am 4. Oktober befehligte (er hatte am Ende ja seine Vermummung abgenommen). Er war auch derjenige, der Mohammad Nadschi am Mittag des 7. Oktober auf der Terrasse festgenommen und – gemeinsam mit anderen Soldaten– krankenhausreif geschlagen hatte. Dann hatten sie Mohammad einfach auf der Straße liegen zu lassen. Alle drei Aktionen sind selbst nach israelischem Recht illegal. Dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag zufolge ist die gesamte Besatzung illegal – und damit schon die bloße Anwesenheit im Westjordanland.
Erneuter Olivendiebstahl
Am Nachmittag vor der Razzia hatten dieselben beiden Siedler-Teenager sich daran gemacht, die direkt vor dem Sumud-Zentrum wachsenden Oliven der Familie al-Natischa zu stehlen, die das auch schon letzen Freitag gemacht hatten (demnach vor genau einer Woche).
Wieder waren sie von einem Soldaten begleitet, der ihre Sicherheit gewährleistete.
Irgendwann haben die Siedler-Teenager dann aufgehört. Vermutlich war ihnen doch unwohl dabei, dass so viele Kameras auf sie gerichtet waren.
Die Polizei weigerte sich (wie üblich) zunächst auf Issas Anruf zu reagieren. Schließlich sagten sie doch zu, bei der Armee anzurufen. Diese hat daraufhin sofort den wachhabenden Soldaten außerplanmäßig ausgetauscht. Wäre die Polizei gekommen, hätte der neue Soldat sagen können, er habe nichts gesehen. Natürlich ist die Polizei nicht gekommen. Weil sie auch in diesem Fall kein Ermittlungsverfahren eröffnen wird. Wie in allen bisher von uns in diesem Blog dokumentierten Fällen.
Wasserleitung sabotiert
Nebenbei konnte Issa dokumentieren, dass die Wasserleitung zu unseren Nachbarn sabotiert wurde:
Wasser ist ein wichtiges Thema hier!
Wasser ist rationiert. Einem Siedler aber steht zehn Mal so viel Wasser wie einem Palästinenser zu. Eigentlich hat das Westjordanland viel Wasser. Immerhin ist es im Wesentlichen ein Gebirge, an dem sich die vom Mittelmeer kommenden Wolken abregnen: Das Sumud-Zentrum in Hebron liegt etwa 1.000 über Meeresspiegel.
Aber den Palästinensern ist das Graben von Brunnen verboten. Sie dürfen nur Zisternen anlegen, die jedoch oft Ziel von Siedlerattacken sind. Der Wasserreichtum des Westjordangebirges wird nach Israel umgeleitet. Die palästinensischen Städte können so ihr Wasser nur zu erhöhten Preisen von der israelischen Wassergesellschaft kaufen, welche die meisten Brunnen im Westjordanland kontrolliert.
Die Soldaten haben die App „Blue Wolf“ auf ihren Smartphones und Tablets installiert und können damit auf die in der „Wolf Pack“-Datenbank gespeicherten Informationen sofort zugreifen.
Der Soldat scannt das Gesicht eines Palästinensers und die App gibt ihm alle Informationen über diese Person.
Als Zusatzmotivation bietet die „Blue Wolf“-App außerdem eine Bestenliste. Sie gibt wöchentlich eine Punktzahl basierend auf der Anzahl der gescannten Palästinenser aus. Militäreinheiten, die wöchentlich die meisten palästinensischen Gesichter fotografieren, erhalten Belohnungen wie beispielsweise bezahlten Urlaub.
Das erklärt auch, warum einige Soldaten unbedingt darauf bestanden hatten, unsere Gesichter zu scannen, so als seien wir zwei besonders seltene und wertvolle Pokemons in Pokemon-Go. Und es erklärt auch, woher die Soldaten die Informationen hatten, um die italienische Aktivistin online stalken zu können.
Smile, You are on Camera!
Was uns auffällt, wenn wir uns in Hebrons Geisterstadt bewegen, ist nicht nur, wie menschenleer und still es ist, sondern auch, dass wir uns auf Schritt und Tritt beobachtet fühlen. Die Straßen sind voller Überwachungskameras, die an Gebäudewänden, Laternenpfählen, Überwachungstürmen und Dächern angebracht sind.
Alleine der schwer ausgerüstete Checkpoint 56, ist nach Zählung von Amnesty International mit mindestens 24 audiovisuellen Überwachungsgeräten und anderen Sensoren ausgestattet. Und die Zählung fand statt, bevor er mit dem vollautonomen KI-gesteuerten Maschinengewehr über dem Eingang ausgestattet wurde!
Wolf Pack:KI-Datenbank
Hebron-H2 wird vom israelischen Militär als „Smart City“ bezeichnet. Diese „smarte“ Überwachung basiert auf der umfangreichen Datenbank „Wolf Pack“, die alle verfügbaren Informationen über Palästinenser aus den besetzten palästinensischen Gebieten enthält, darunter ihren Wohnort, ihre Familienangehörigen und ob sie von den israelischen Behörden gesucht werden.
Auf dieser Datenbank laufen dann mehrere miteinander verwobene KI-Systeme, die in Hebron außerdem von dem oben genannten, dichten Netzwerk von Überwachungskameras (CCTV) mit Gesichtserkennungstechnologie gefüttert werden.
Die enormen Serverkapazitäten, die hierfür benötigt werden, wurden bisher von „Microsoft Azure: Cloud Computing Services“ zur Verfügung gestellt. Auf den Servern, die in den Niederlanden und zu einem kleineren Teil in Irland stehen, waren im Juli diesen Jahres 11.500 Terabyte an Daten des israelischen Militärs gespeichert – das entspricht etwa 200 Millionen Stunden Audioaufnahmen.
Unter anderem werden hier alle Anrufe aller Palästinenser etwa einen Monat lang in der Cloud vollständig gespeichert.
Quellen aus der Einheit 8200 (der IT-Einheit des Militärnachrichtendienstes) sagen dem Guardian zufolge, dass gespeicherte Informationen genutzt worden seien, Menschen zu erpressen, sie in Haft zu nehmen oder sogar ihre Tötung nachträglich zu rechtfertigen: „Wenn sie jemanden verhaften müssen und es keinen ausreichenden Grund dafür gibt, finden sie dort die Ausrede“.
Red Wolf: Checkpoints
An den Checkpoints in Hebron wird das Gesichtserkennungssystems „Red Wolf“ eingesetzt, das mit „Wolf Pack“ und „Blue Wolf“ verwoben ist.
Wenn ein Palästinenser einen Kontrollpunkt passiert, wird sein Gesicht ohne sein Wissen oder seine Zustimmung gescannt und mit biometrischen Daten verglichen. Der Soldat, der das Drehkreuz bedient, sieht dann eine Ampel – grün, gelb, rot. Bei Rot kann der Palästinenser die Grenze nicht passieren.
Soziale Auswirkungen
Die palästinensischen Bewohner Hebrons berichteten Amnesty International, wie allgegenwärtige Überwachungskameras ihre Privatsphäre verletzen, wie Aktivismus unterdrückt und soziales Leben ausgehöhlt wird. Totalüberwachung vermittelt ihnen das Gefühl ständigen Ausgeliefertseins.
Neben der permanenten Bedrohung durch exzessive Gewalt und willkürliche Verhaftungen müssen sich Palästinenser nun auch mit dem Risiko auseinandersetzen, von einem Algorithmus verfolgt oder aufgrund von Informationen aus diskriminierenden Überwachungsdatenbanken am Betreten ihrer eigenen Viertel gehindert zu werden.
Youth Aganist Settlements gibt Workshops für die Menschen in Hebron, in denen sie über die KI-Überwachungsmethoden aufklären und über die (begrenzten) Möglichkeiten der Gegenwehr informieren.
Aus einem Gespräch mit Issa Amro wissen wir, dass Kameras zum Teil direkt auf Häuser der Aktivisten gerichtet sind, um jede Form von Versammlung, Zusammenkunft oder Familienleben zu unterbinden. Das Ziel scheint zu sein, die Palästinenser dazu zu bringen, sich so ruhig wie möglich zu verhalten, während nach und nach eine ethnische Säuberung stattfindet.
Die Menschen fangen an, verdächtige Freunde nicht mehr zu besuchen, um die KI nicht auf sich aufmerksam zu machen. Im letzten Workshop fragte eine Frau: „Können sie uns in unserem Schlafzimmer sehen?“
Auch weiß Issa zu berichten, dass gezielt nach „dunklen Geheimnissen“ wie Homosexualität, Schulden oder dergleichen gesucht wird. Dann wird versucht, diese Leute gezielt zur Zusammenarbeit zu erpressen.
Ein weiteres wichtiges Mittel der Überwachung scheinen Smartphones zu sein. Denn das israelische Militär reagiert vermehrt aggressiv auf die zunehmende Verwendung analoger Telephone in Hebron. Ein analoges Telephon zu benutzen kann zu einem längeren Verhör führen, in dem man gedrängt wird, doch ein Smartphone zu nutzen, um eine erneute Festnahme mit Verhör zu vermeiden.
Mehrere Aktivisten von YAS haben uns unabhängig voneinander erzählt, dass an Checkpoints und in Verhören versucht wurde, sie von der Nutzung von Smartphones zu „überzeugen“.
Erwähnten wir schon die Drohnen, die hier täglich herumfliegen?
Die Informationen zu Microsoft Cloud Azure stammen aus diesem Artikel im The Guardian, wobei die Zeitung sich komplett auf die Recherche von +972mag stützt. Eine Nachrichtenquelle zu Palästina und Israel, die wir übrigens nur empfehlen können.
Am Dienstag letzter Woche ist Issa nach New York abgereist. Er ist auf die „Time100-Next-Gala“ des Time-Magazins eingeladen, weil er auf der diesjährigen Time-100-Liste ist. Er wird etwa eine Woche in New York bleiben und dort unter anderem auch einen Vortrag an der Columbia University halten. – Und weil es offiziell ist, müssen wir davon ausgehen, dass die Siedler wissen, dass er eine Woche lang nicht da ist.
Issa Amro auf dem roten Teppich der Time100-Next-Gala 2025.
Für uns und die Jungs von YAS heißt das: Stallwache! Die erste Priorität ist, das Haus zu halten. Die zweite Priorität ist, das Haus zu halten. Das Haus liegt wie ein Pfropfen zwischen der Siedlung Tel-Rumeida und den Olivenheinen, die sich den Berg hinunter bis zur Shuhada Street ziehen. Die Siedler sind scharf auf dieses Haus, wie vermutlich auf kein zweites Grundstück (mit Ausnahme des Tempelberges). Wenn sie dieses Haus kriegen, bekommen sie genug Raum um ein ganzes Stadtviertel mitten in Hebron und mit Blick auf die Machpela zu bauen.
Wir bleiben also die ganze Woche im Sumud-Zentrum. Gehen nicht ein einziges Mal raus. Betreten nur das Viertel der Terrasse, das von Siedlern und Soldaten garantiert nicht eingesehen werden kann. Unterhalten uns draußen nur flüsternd. Sie wissen, dass hier Leute sind, aber nicht wer und wie viele. Das soll so bleiben. Und die Soldaten sollen keine Handhabe haben, uns beide rauszuschmeißen, damit die Siedler anschließend mit den Palästinensern Tabula Rasa machen können.
Jede Nacht übernehmen wir beide ab ein Uhr die Nachtwache. (Wir sitzen rechts auf der Bank an der Wand.)
Wenigsten haben wir viel Zeit für die Katzen.
Einmal kommt mitten in der Nacht plötzlich Wasser aus der städtischen Leitung. Sofort werden alle Tanks aufgefüllt. Das Haus hat 7 Wassertanks, die jeder 1.500 Liter fassen, sowie einige kleinere Tanks um die (wortwörtlichen) Durststrecken zwischen den unregelmäßigen Wasserlieferungen zu überbrücken.
Am Samstag haben die Siedler hinter uns eine große Party. Es ist der 30te Jahrestag der Ermordung des israelischen Premierministers Yitzhak Rabin, und das feiern sie. Sie lassen seinen Mörder, Yigal Amir hoch leben. Er war hier in der Hebroner Siedler-Comunity sehr aktiv. Mit Yitzak Rabin ist (vereinfacht gesagt) auch der Friedensprozess gestorben. Und seine Mörder sind jetzt an der Regierung. Zum Beispiel Ben Gvir, der etwa 2km von hier wohnt und auch schon persönlich an Angriffen auf dieses Haus beteiligt war.
Am Sonntag kommen dann gleich drei Gruppen hier im Sumud-Zentrum vorbei.
Tour von Breaking the Silence auf einer unserer Überwachungskameras.
Am spannendsten ist die Delegation der Slowenischen Botschaft. Der Botschafter höchst persönlich gibt sich die Ehre. Und er ist wirklich interessiert. Er will wissen, was die Slowenische Regierung, die Botschaft und er selber tun können, um die Palästinenser möglichst effektiv zu unterstützen. Der zentrale Begriff, der in dieser Diskussion immer wieder fällt ist: SANKTIONEN! Gegen Siedler, gegen Firmen die in Siedlungen produzieren, gegen alles was an der Besatzung und Ethnischen Säuberung im Westjordanland, sowie dem Genozid in Gaza beteiligt ist oder daran verdient. – „Die Besatzung teuer machen!“
In der Nacht von Montag auf Dienstag brennt es unten in der Altstadt. Einer der 1.500 Jahre alten Wohntürme, der direkt an eine Siedlung grenzt, sowie ein daneben geparktes Auto brennen. Die auf Erfahrung basierende Vermutung hier ist: Brandstiftung von interessierter Seite.
Auf dem letzten Bild erkennt man nicht nur an den Flutlichtern, dass das brennende Haus von drei Seiten (vorne, hinten, rechts) von israelischen Armeeposten und der Siedlung umgeben ist. Wer gut hinsieht, erkennt auch mindestens drei Überwachungskameras auf dem Bild.
Nach einer Woche Stallwache haben wir Lagerkoller und sind froh, dass am Dienstag genug Aktivisten da sind, so dass wir (mit den üblichen Sicherheitsvorkehrungen) einen Ausflug in den lebendigen Teil von Hebron machen können.
Neben einem Einkauf steht als wichtigster Punkt ein Besuch bei Abeers Buchladen auf dem Programm.
Abeer liest uns aus dem Buch vor, das sie gerade mit ihrer Kindergruppe liest. Die Kinder lernen dabei, wie sie durch Atemübungen ihre Angst in den Griff bekommen können. – Angst ist bei den palästinensischen Kindern hier ein großes Thema und Problem.
Bevor es zurück geht, gönnen wir uns noch einen Tee und eine Argila (Wasserpfeife).
siebentage können eine lange zeit sein. was hilft ist disziplin. wie deutsche halt so sind….
wir stehen morgens pünktlich um 09.00h auf. michel kocht tee, füttert die katzen und macht frühstück. ich verschwinde im bad. wer uns kennt, weiß, daß dies verkehrte welt ist. morgenverrichtungen sindsonst jamein job. nach dem frühstück gibt es schnell die tagesmeldung auf signal. irgendwann kommt mohammad, kocht sich kaffee, hockt sich vor den eingang außer sicht und verschwindet irgendwann zum anderen mohammad nach oben. die wunderbare plattform vorne mit der schönen aussicht bleibt meistens leer.
wir lesen nachrichten, ich wasche alle paar tage wäsche mit der hand, die dann auf der improvisierten leine im zimmer hängt. michel legt längere arabisch-lern-einheiten ein und ist damit sehr fleißig. mich plagt ein schlechtes gewissen, ich sollte eigentlich genauso fleißig sein, schaffe das nur bedingt. aber ich kriege auch so langsam die lernkurve…. die terrasse wird hin und wieder schnell gefegt. die bäume verlieren ihr laub und die oliven ihre früchte. letzteres ist unendlich bitter. oder ich räume unser zimmer auf und fege durch.
ich hänge viel am smart-phone und bin ehrlich froh, das wir es hier lassen, wenn wir wieder ausreisen.dies verdammte ding hat extremen suchtcharakter, so nützlich es auch grade ist. aber zum lesen kommen wir auch und ich schreibe täglich ein paar zeilen tagebuch.
wenn jemand kommt, verschwinden wir aus sicherheitsgründen für eine weile im haus. es kann immer sein, das soldaten hinterher kommen, die wissen wollen wer hier ist. sie brauchen nicht zu wissen, daß wir noch da sind. der nachtschicht-mohammad geht oft tagsüber nach hause und wenn er zur nachtschicht wieder kommt, hat er oft eine leckerei dabei. kleine puddings oder mal mais, den er zu popcorn macht. mit salz und käsegeschmack.
wir haben eindeutig zu wenig bewegung. mir schmerzt vom sitzen der rücken, michel tapert oft hin und her und zuweilen machen wir gymnastik. mittags legen wir uns oft noch ein bischen schlafen. manchmal überkommt uns auch der lagerkoller und wir verschwinden einfach für längere zeit im bett. und ich koche öfter am späten nachmittag, wenn es keine gruppen gibt, die ebenfalls von den YAS-jungs bekocht werden oder nachtschicht-mohammad steht am herd, was er gerne tut und gut kann. wir putzen dann anschließend die küche und gehen früh für die ersterunde schlafen.
um zehn vor eins in der nacht klingelt der wecker, um 01.00h sitzt dann ein älteres ehepaar auf der bank an der hauswand, hat oft die katzen um sich herum und lauscht in die umgebung, in der hoffnung, es bleibt ruhig. ich aktiviere die kamera-app auf meinem handy, damit wir schnell schauen könen, ob sich draussen was tut. manchmal sirren drohnen am himmel, dann vershwinden wir ins haus oder ziehen unsere kaputzenpulli-kaputzen über den kopf. ab 03.00h können wir davon ausgehen, daß es ruhig bleibt und wir schauen einen film. meist etwas heiteres, obwohl wir interessante filme aus oder über palästina finden. aber palästina haben wir um uns herum genug. um 05.00 ist unsere schicht beendet und das ältere ehepaar geht wieder schlafen. die katzen dürfen mit ins zimmer. adam liegt meist neben dem bett auf einem stuhl mit einer decke, lilith am fußende. und wir freuen uns, daß wir auch dieses mal eine ruhige nacht hatten.
Heute Abend hatten wir als Neuheit neben Qadrokopterdrohnen und echten Hubschraubern ala „Apocalypse Now“ eine große Flugzeugdrohne über uns kreisen. Vermutlich eine Heron, Spannweite ca. 16m, High-Tech-Kameras, kann (wenn bewaffnet) ganze Wohnblocks in Schutt und Asche legen, bis zu 52 Stunden Flugzeit und nervtötend, wenn sie über einem kreist. – Zum Glück war ihr nach etwa einer Stunde langweilig, und sie hat sich getrollt.
Mittwoch-Samstag, 5.-8. November Die letzten Tage waren bis auf die üblichen unregelmäßigen kleinen Attacken der Siedlerkinder relativ ruhig. Die Kinder werden anscheinend von ihren Eltern angehalten, hin und wieder ein paar Steine auf das Haus zu schmeißen oder kräftig am Zaun zu rütteln. Das sind Testballons, um zu sehen ob jemand da ist. Die Aktivisten von YAS sagen, wenn niemand reagiert, dann holen sie die Erwachsenen, welche dann versuchen in das leere Haus einzusteigen und möglichst viel Schaden anzurichten.
Olivenernte in Wadi Fukin
Samstag-Sonntag, 8.-9. November Am Samstagnachmittag bekommen wir die Anfrage, ob wir bereit sind, sonntagfrüh nach Wadi Fukin zu fahren, um dort für 2 bis 6 Tage bei der Olivenernte zu helfen.
Wadi Fukin liegt etwa 8km westlich von Betlehem, eingequetscht zwischen der Sperrmauer (die hier im Wesentlichen auf der Grünen Line verläuft) und der Siedlung Betar Illit.
Natürlich sagen wir zu! Sonntag schleichen wir uns mit möglichst leichtem Gepäck und möglichst unauffällig aus der Hebroner Geisterstadt. Draußen werden wir von unserem Fahrer abgeholt.
Hebron-H1 ist ein wenig wie West-Berlin. Die Stadt ist vollkommen von Mauern und Zäunen umgeben und man kommt nur über wenige „Grenzübergänge“ in die Stadt hinein oder heraus. (Das Selbe gilt für alle von der palästinensischen Automieverwaltung kontrollierten Städte im Westjordanland. Sie liegen wie Inseln im vollständig israelisch kontrollierten C-Gebiet, welches 61% des Westjordanlandes ausmacht.)
In der Schlange vor dem Checkpoint am Stadtausgang warten wir knapp über eine halbe Stunde. Das ist für hiesige Verhältnisse nicht lange.Am Checkpoint kommt ein gewisses „Dreilinden-Gefühl“ auf: Strenge Blicke, Fragen wohin wir wollen (Betlehem) und was wir da wollen (Geburtskirche besichtigen), kritische Inspektion der Pässe. – Etwas in mir wartet darauf, dass er auf Sächsisch sagt: „Gänse-fleisch ma‘ das Oha frei mache!“ (Sorry, der Witz ist Ü50!)
Kaum sind wir durch den Checkpoint durch, kommt ein Anruf aus Wadi Fukin: Als sie morgens zu ihren Olivenbäumen gehen wollten, um zu ernten, sind sie von Siedlern aus Betar Illit beschossen worden. Die Armee hat darauf hin die Olivenernte in dem Dorf verboten. Sie sind alle sicher zurück im Dorf und versuchen jetzt vor Gericht eine Erntegenehmigung zu erklagen. (Nun gibt es hier aber keinen Rechtsstaat, hohe deutsche und andere EU-Diplomaten uns mehrfach einhellig gesagt haben.)
Der Vorfall in Wadi Fukin schafft es nicht einmal hier vor Ort in die Nachrichten oder auch nur in die Instagram-Newsfeeds der Aktivisten, weil es einfach zu viele schlimmere Angriffe von Siedlern und Soldaten auf die Olivenernte gibt, und auf palästinensische Familien, auswärtige Unterstützer*innen und Journalist*innen. Ein Überfall ohne ernsthaft Verletzte oder einem guten Video wird in dieser Flut von Angriffen nicht einmal hier vor Ort noch ernsthaft wahrgenommen.
Das folgende Video ist ein Zusammenschnitt, den die Gruppe „Rabbies for Human Rights“ aus den Bildern gemacht hat, die sie selber an den letzten drei Schabbaten (den letzten drei Samstagen) gemacht haben. – Die anderen Tage der Wochen waren auch gewalttätig, aber der Schabbat ist für Rabbiner natürlich besonders wichtig. Und es gab viele Angriffe, bei denen die Rabbies for Human Rights nicht vor Ort waren.
Zur unterlegten Musik schreiben die Rabbiner: “Shalom Aleichem,” the traditional hymn sung to welcome Shabbat — a prayer inviting angels of peace into our homes.
Tatort des Brandanschlages
Wir drehen also um, fahren zurück nach Hebron, und wenn wir schon mal aus der Geisterstadt verlassen, dann nutzen wir den Tag auch.
Zuerst besichtigen dort den Ort des Brandanschlages, dessen Rauchwolken wir während der Nachtwache von Montag auf Dienstag von der Terrasse aus gesehen hatten. (Siehe letzter Blogeintrag!)
Die Aktivisten von YAS hatten mit ihrer auf Erfahrung basierenden Vermutung, dass es Brandstiftung durch Siedler war, recht.
Rechts sieht man die rußgeschwärzte Tür der ausgebrannten Schneiderei von Mashhour Sidqi Al-Tamimi. Links daneben eines von mehreren hebräischen Graffiti, das die Täter hinterlassen haben. – Es wird vermutlich nicht „Make Love not War“ heißen.Im Schatten, wo die Gasse unter dem Haus durchführt, sieht man das rußgeschwärzte Tor. Rechts oben die auf den Dächern der palästinensischen Häusern gebaute Siedlung. Den Maschendraht haben die Palästinenser zum Schutz vor Wurfgeschossen der Siedler gespannt.
ich wünschte, ich hätte so rosa zauberglitzer, den ich über dem land ausstreuen könnte und alle würden zur vernunft kommen.
Wohlfühlstunden
nun haben wir einen ganzen tag zeit und setzen uns erst mal in ein cafè auf tee und argila. wir werden immer noch mit vielen blicken bedacht, denn wir sind gefühlt die einzigen europäer ganz hebron. frauen schauen uns oft verstohlen, aber manchmal auch ganz offen an und wenn ich lächele oder winke, kommt ein lächeln oder winken zurück. ein alter mann kommt vorbei und legt jedem gast an den tischen einen bonbon hin, quatscht ein bisschen mit den männern am nebentisch und geht weiter.
bei dem souvenierhändler, den die jungs vom YAS auf ihren touren immer ansteuern, sitzt in der ecke ein freund des ladenbesitzers, der ganz wunderbar alte palästinensische volkslieder zu singen weiß. sie klingen wunderschön und natürlich singen auch wir etwas. zu unserer überraschung hängt über der tür zum hinterzimmer eine irische fahne, daher gibt es von uns irisches zu hören. ‚ich liebe irland‘ sagt der händler. eine nachfrage bleibt unbeantwortet – leider – weil wir uns traditionelle kleidung für ein foto anziehen sollen.
der ladenbesitzer (re.) und sein freundin der hand hält bina eine oudin ruhe essen können wir selten, es gibt immer jemanden, der sich mit uns unterhalten möchte.der ibn-rushd-platz
dieser ort ist mitten in der stadt eine kleine saubere oase zwischen verkehrskollaps, händlergeschreiundmüllbergen. jugendliche treffen sich hier nach der schule oderuni, alte leute machen pause von ihren einkaufstouren, die frauen deponieren ihre großen tüten bei ihren männern oder umgekehrt. man holt sich am kiosk ein getränk und ergeht sich.
Schüsse in der Nacht
In der Nacht auf Montag halten wir wieder Nachtwache (und schreiben diesen Blogbeitrag). Gegen halb zwei sind in der Ferne (vermutlich 1km bis 2km entfernt) wieder mal Maschinengewehre zu hören. Einzelne Feuerstöße, Salven, diesmal ein längeres Gefecht von fast einer Viertelstunde. Kurz darauf aus der entgegen gesetzen Himmelsrichtung noch einmal kurz Schüsse. Dann ist es den Rest der Nacht ruhig.
Wir haben das jetzt schon öfter erlebt und wundern uns, wie unspektakulär Maschinengewehre klingen, zumindest aus der Distanz. Hollywood ist vom Sound her deutlich spektakulärer als die Realität.
Car-Content
Statt mit Cat-Content enden wir dieses Mal mit Car-Content:
Jedes Auto ist besser mit einer Deutschlandflagge! – Das ist zumindest die einhellige Meinung vieler palästinensischer Autobesitzer 😉
Fr. 14. Nov. In Absprache mit Issa Amro und den anderen YAS-Aktivisten fahren wir nach Jerusalem, um an der „Mass Solidarity Olive Harvest“ teilzunehmen, zu der die 5 „großen“ israelischen Organisationen aufrufen, die die palästinenser durch ihre Präsenz bei der Olivenernte schützen und unterstützen.
Es gibt Busse aus Jerusalem, Tel Aviv, Haifa und Beer Scheva. Wir fahren von Jerusalem aus und sind überpünktlich da. Wir sind die dritte und vierte Person am Treffpunkt. Die fünfte ist der erste Polizist, der sofort rüde verlangt, unsere Pässe zu sehen.
Die Ernteaktion soll bei Burin und Beita’a im nördlichen Westjordanland stattfinden. Als Antwort darauf, dass dort letztes Wochenende mehrere einheimische Bauern, auswärtige Aktivisten sowie eine Reuters Reporterin von Siedlern mit Knüppeln zusammengeschlagen wurden. Wir treffen uns mit den Bussen aus den anderen Städten kurz vor Tel Aviv. Gemeinsam soll es nun mit insgesamt 7 Bussen aus dem israelischen Kernland ins besetzte Westjordanland gehen…
Aber schon am Checkpoint an der Sperrmauer ist Schluss. Das israelische Militär hat gegen alle an der Aktion beteiligten eine „Order of Supression“ erlassen. (Eine „Anordnung zur Unterdrückung“, was ich einen erstaunlich ehrlichen Namen finde!) Für uns ist hier also Schluß! Im Gegensatz zu den Siedlern!
Also steigen wir alle aus den Bussen aus, für eine spontane Demonstration auf der Hauptzufahrtsstraße für die meisten Siedlungen im nördlichen Westjordanland.
Armee und Grenzpolizei haben zwar genügend Kräfte vor Ort, um die Busse am Überqueren des Checkpoints zu hindern, aber nicht um unsere Demonstration zu unterbinden. Obwohl wir nur 300 Demonstrant*innen sind.
Dafür haben wir gewichtige Unterstützung dabei!
Einen Knessetabgeordneten,…internationale Presse, hier Italiens RAI1…… und einen Clown!Sorry eine Clownin!Die Siedler zeigen deutlich,……was sie von uns halten!
es gab aber auch andere Fahrer*innen: ich schaute in lächelnde gesichter, es wurde gewunken und erhobene daumen gezeigt. das waren dann (meist) palästinenser*innen mit israelischem pass.
Wenn man den Erfolg der Aktion an der Menge der geernteten Oliven misst (Null!), dann war die Aktion ein kompletter Misserfolg. Wenn man die öffentliche Aufmerksamkeit in Israel, Palästina und vor allem international als Messlatte nimmt, und den Nachweis, dass Siedler, Armee und Regierung Hand in Hand arbeiten, dass Siedlerterror Staatsterror ist, dann war sie ein großartiger Erfolg! – So finden wir uns am Abend in einem taz-Artikel wieder. (Extrapunkte, wenn du Michel auf dem Bild des Artikels findest.)
„Siedlergewalt“ ist ein teilweise irreführender Begriff. Denn die Siedler agieren in Symbiose mit Armee und Regierung. Der Begriff verschleiert die zentrale Rolle des Staates in der langsamen ethnischen Säuberung des C-Gebietes des Westjordanlandes. Er erlaubt es israelischen Politikern und der Armee, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen, indem sie die Gewalt als das Werk von einer Handvoll von Extremisten ausgeben, während es in Wirklichkeit nahezu unmöglich ist, zwischen dem Handeln der Siedler, der Soldaten und der Polizei zu unterscheiden. (Unsere eigene Erfahrung deckt sie in diesem Punkt mit den Beobachtungen der Menschenrechtsorganisationen und europäischen Diplomaten hier im Land.)
Der Sprecher von „Rabbies for Human Rights“ findet klare Worte:
Ein Tag in Jerusalem
Do. 13. Nov. demganzen gingen ein paar stunden jerusalem voraus. wir nehmen den siedlerbus in die stadt. der wartet glücklicherweise schon an der haltestelle in der shuhada street und fährt auch gleich los, so daß wir uns nichtnoch erst durch den checkpoint quatschen müssen. aber die fahrt reicht schon aus um uns wieder unwohl zu fühlen. unter siedlern passiert uns das in unserer gesamtlage schnell. richtig luft bekommen wir erst wieder, als wir glücklich in ostjerusalem am damaskustor sitzen und uns an pita mit humus und weitrauben laben.
und dann gibt es wieder den orient pur in form eines shouk-bummels.
Genau wie vor 8 Jahren fällt mir wieder auf, dass die Geschichte, nach der Israel 1967 von angriffsbereiten Armeen in Ägypten, Jordanien und Syrien eingekreist war, und sich im Sechstagekrieg durch einen Präventivschlag aus dieser Umklammerung befreit hat, nicht ganz stimmen kann. Israel hat die Stadt in der Mitte des Krieges handstreichartig und ohne Verwendung von Artillerie eingenommen (wegen der heiligen Stätten).
Die Altstadt von Jerusalem ist ein eng bebautes Labyrinth aus schmalen Gassen über und unter der Erde und kann von jeder zusammengestoppelten Miliz mit Ortskenntnis wochen- wenn nicht monatelang gegen jeden Gegner gehalten werden. Hier war keine angriffsbereite jordanische Armee, nicht einmal ein ernstzunehmender Freischärlerverband oder auch nur eine gut ausgerüstete motivierte Polizeitruppe.
Wer genau hinsieht bemerkt, dass er auf Schritt und Tritt von Kameras überwacht wird. Amnesty International hat in der 4 Quadratkilometer großen Jerusalemer Altstadt eine Kameradichte von 2 Kameras auf 5 Metern Gasse gezählt. – Die Unmengen an Lifestream schauen sich natürlich keine Menschen an. Das machen im Wesentlichen KIs.
auf dem weg zum östereichischen hospizwird einem die ganze absurdität dieses überwachungswahnsinns gegenwärtig. (Und an an der gegenüberliegenden Hauswand waren auch Kameras!)
auf ein gutes bier, natürlich aus palästina, haben wir uns schon lange gefreut.
im hospiz treffen wir eine russische jüdin, die ihren sohn besucht. die erzählt michel ihren blick auf den ukraine-krieg und gibt uns den tip, die russisch-orthodoxe kirche um die ecke zu besuchen. die ist sehr spannend, weil hier wieder mal eine kirche unter einer kirche unter einer kirche gebaut wurde. das kenne ich eigentlich nur aus assisi.
Sieht man eigentlich wie steil diese Treppe ist?
Die unterste Kapelle (letztes Bild) ist für orthodoxe Christen übrigens der Geburtsort Marias, der Mutter von Jesus. Für katholische Christen liegt ihr Geburtsort im Haus nebenan (nächstes Bild). Diese Kirche kann zwar nicht mit einer so beeindruckenden Kapellen-Grotte aufwarten, dafür hat sie aber eine hervorragende Akustik und ist exterritoriales französisches Hoheitsgebiet mitten in Jerusalem.
wir kommen für die nacht gleich neben dem damaskustor im palm-hostel unter. ein sauberes zimmerchen mit einer winzigen dusch-toiletten-kombination. und einem aufenthaltsraum, wo sich wie üblich weitere gäste sammeln. wir sitzen mit anderen beisammen und klönen. und dann fängt es tatsächlich draußen an zu regnen. naja regen… es tröpfelt ein bisschen. in norddeutschland würden wir von feuchter luft sprechen. aber es ist die erste feuchte luft seit unserer abreise in wedel und daher bedeutsam. zum ersten mal seit längerem können wir die nacht durchschlafen. aber wir werden trotzdem pünktlich um 1.00h zur eigentlichen nachtwache wach. der wecker klingelt um 6.00h. etws frisch machen, ein schnelles frühstück und ab geht es zu fuß richtung treffpunkt für die mass-solidarity-action im der nähe der first station, wo wir 2017/18 den bulli gegenüber auf dem parkplatz stehen hatten, wenn wir in jerusalem waren.
Man beachte, wie die Plakette es schafft, keine Araber und erst recht keine Palästinenser oder Palästina zu erwähnen!
ab und an schauert es, der fußweg ist glatt wie schmierseife und am himmel sehen wir einen wunderschönen regenbogen.
es fällt uns auf, wie grün jerusalem ist, wie sauber und wie viel platz es gibt. rasenflächen überall, ein kinderspielplatz befindet sich in einer weiträumigen parkanlage, nicht auf einem abgezäunten fleckchen beton zwischen irgendwelchen häusern, ruinen oder müllbergen. was für ein durchaus erschreckender unterschied zum überfüllten hebron.
Palästinensiche Kinder können hiervon nur träumen.Jeder Baum und jedes Stück Rasen wird bewässert. Woher kommt wohl das Wasser?Solche Straßenecken gibt es nur für eines von zwei Völkern.
Zurück nach Hebron
nach einer wirklich gelungenen aktion am checkpoint sind wir mittags schnell wieder zurück in jerusalem. mit dem taxifahrer, den uns issa vemittelt hat, geht es nach hause. eigentlich wollten wir noch eine zweite nacht in jerusalem bleiben, aber in dieser woche sind wegen des „shabbat chayeisarah“über 4000gläubige juden in der stadt. in der regel wird erst gebetet, dann gegessen und viel alkohol getrunken und dann werden palästinenser geärgert. heute wird in der synagoge die stelle im altentestament gelesen, in der abraham für 400 silberschekel die machpela kauft. das ist über alle maßen bedeutsam.
da wollen wir lieber zurück sein, damit so viele menschen wie möglich im sumud-zentrum sind. der fahrer bringt uns bis vor die geschlossene stadtsperre. (diese schranken vor palästinensischen dörfern und städten sind meistens geschlossen. reine schikane!) auf der anderen seite warten wieder taxis, davon bringt uns eines nach karantina.
hinter der sperre….…fängt es……an zu schütten
aufgrund unserer ortskenntnis kommen wir gut im sumud-zentrum an. es ist schön, mohammad, die anderen aktivisten und die katzen wieder zu sehen und etwas zu essen heiß gemacht zu bekommen. issa ist im prinzip auch wieder da, steckt aber unten in der stadt fest und wird wohl später kommen.
Und die Katzen?
Mo.-Mi. 10.-12. Nov.
Ein kritischer Moment in den Tagen zwischen unseren (wortwörtlich) fruchtlosen Versuche Oliven zu ernten ist, als bei den Siedlern ein Huhn ausbricht und sich auf unsere Terasse flüchtet. Es zu behalten ist keine Option, den die Palästinenser würden dafür ohne Verfahren monatelang in Einzelhaft kommen (mindestens). Aber wie gibt man ein Huhn an solche Leute zurück ohne zusammengeschlagen oder festgenommen zu werden?
Mohannad spricht gut hebräisch, macht vorsichtig den Wachsoldaten auf sich aufmerksam, nähert sich dann ganz langsam dem Zaun, während wir filmend absichern, und wirft das Huhn rüber auf die andere Seite.
Lange haben die Siedler aber nichts von ihrem Huhn, denn es bricht wieder aus. Und diesmal fällt es Kater Adam in Krallen noch bevor es unsere Terrasse erreichen kann.
Lilith entwickelt sich unterdessen zur Extremschmusekatze.
Nur einmal bezieht sie einen provisorischen Siedlungs-Outpost in unserem Zimmer und behauptet das Zimmer würde jetzt ihr gehören, es sei ihr vor 3.000 Jahren von Gott versprochen worden.
An diesem Schabbat wird in der Synagoge der Abschnitt in der Tora gelesen, in dem Abraham die Doppelhöhle Machpela hier in Hebron vom Hetiterkönig Efron für 400 Silberstücke als Begräbnisstätte für seine Frau Sara und alle seine Nachkommen erwirbt. (Im Alten Testament, das ja textgleich mit der Tora ist, ist dies der Abschnitt Genesis 23.1-25.18.)
Aus diesem Anlass kommen jedes Jahr tausende Siedler und andere radikale Juden in die Stadt. Und der Ablauf ist immer gleich: – Erst beten sie. – Dann saufen sie. – Dann randalieren sie. (Um gegenüber den Palästinensern ihren Erbanspruch zu demonstrieren!)
Dieses Jahr regnet es zum Glück fast das ganze Wochenende durch. (Der Regen oszilliert zwischen sintflutartig und irischem Niesel.) Daher bleibt es aus Sicht der Palästinenser relativ ruhig. – Im Klartext heißt das: Es gibt nur 4 etwas größere Siederangriffe auf das Haus. Eine am Freitagabend und 3 am Samstag über den Tag verteilt.
Im Prinzip laufen die Angriffe alle gleich ab: – 2 bis 3 Dutzend Siedler rotten sich um das Haus zusammen. – Sie ergehen sich in obszönen Beleidigungen und Gesten. – Es kommt zu Steinwurfwellen von mehreren Seiten auf das Haus. – Mindestens einer von ihnen versucht, die Vordertür einzurammen, indem er sich mit voller Wucht dagegen wirft.
Ich habe nur den Nachspann des ersten Angriffs am Freitag Abend gefilmt. Als ich mit meiner extra-starken Stirnlampe durch den Zaun geleuchtet habe, haben sie ihren Angriff abgebrochen. Die Handykamera habe ich erst einig Sekunden (eine gefühlte Ewigkeit) später angemacht. Man sieht nur ihren Rückzug und hört noch einen einzelnen Stein einschlagen, der von der anderen Seite der Terrasse reinkommt:
Ansonsten gab es haufenweise einzelne mehr oder weniger Betrunkene, die einzelne Steine oder Beschimpfungen auf uns warfen.
Insgesamt haben uns, meiner Hochrechnung nach, mindestens 50 Siedler gegen die Eingangstür oder die Hauswand daneben gepinkelt. Leider standen sie meist so dicht, dass ich sie nicht filmen konnte. Aber diese Beiden, standen weiter weg, so dass ich sich gut aus der Deckung heraus drauf bekommen habe: (Den Zweiten, der uns direkt vor die Tür pinkelt, sieht man ab Sekunde 9 gut.)
Und die Soldaten? Die lassen die Palästinenser (Männer, Frauen, Kinder) am Samstagabend für über mehr als drei Stunden am Checkpoint im sintflutartigen Regen stehen. Ohne ersichtlichen Grund, außer dass sie es halt können.
Hinterlassene Spuren:
Als wir nach dem Wochenende das erste Mal aus dem Haus gehe, fallen uns die folgenden Graffiti auf. Die Palästinenser weisen uns aber darauf hin, dass einige davon schon seit Jahren existieren, und sie von den Soldaten geschützt und von den Siedlern immer wieder „restauriert“ werden.
Außerdem befindet sich die im nächsten Bild zu sehende „Leine“ am Stromkabel neben unserem Haus. Wir vermuten, dass hier Saboteure am Werk waren und gestört wurden. Es müssen Auswärtige gewesen sein, welche die „gute“ Stelle für solche Sabotageakte nicht kennen. – Die liegt weiter links, außerhalb des Bildes und des von uns gefahrlos von der Terrasse einsehbaren Sichtbereiches.
Lagerfeuer & Barbecue:
Mo. 17. Nov.
Am Montagabend wird es lustig auf der Terrasse. Wir haben Besuch. Zwei Frauen, die als internationale bei einer Frauenrechtsorganisation arbeiten sind zu Besuch. Dazu ein Schotte, der Techno-DJ ist, in London lebt und seine palästinensische Begleitung. Und natürlich die üblichen Aktivisten von YAS!
Erst gibt es ein Lagerfeuer.Dann wird dieses in einen Grill verwandelt – oder besser eine Art WOK-Herd.Und aus dem Gegrillten wird schließlich wird ein Stehbuffet gezaubert.
Nur das „Bavaria-Apfel-Bier“ wirft einen Schatten auf diesen Abend. Das ist ein alkoholfreies Bier mit Apfelgeschmack in PET-Saftflaschen, das die hiesigen Muslime Deutschen und Schotten anbieten, weil sie wissen, dass wir Bier trinken. Das Zeug ist eine Kriegserklärung an jede Bierkultur und das Bayrische Reinheitsgebot. Und dann heißt es auch noch Bavaria! Dabei brauen die palästinensischen Christen so ein gutes Bier: Das Taybeh!
Kindergärten als Widerstand
Eine Form des Sumud, des Widerstandes den die Aktivisten von YAS leisten, ist die Eröffnung von zwei Kindergärten in der Geisterstadt. Der erste wurde 2013 eröffnet, der andere 2021. In beiden Fällen wurde dadurch nicht nur das Leben der palästinensischen Familien hier verbessert. Sie haben auch den Siedlern die Häuser direkt vor der Nase weggeschnappt, in denen sie neue Außenposten errichten wollten.
Dazu mußte alles, vom Kinderstuhl bis zur Wippe, an den Soldaten und Siedlern vorbei geschmuggelt werden. – Widerstand braucht Phantasie!
Am Mittwoch besuchen wir den neueren der beiden Kindergärten.
Der Spielbereich vorm Haus sieht wegen der Schutzgitter gegen Steinwürfe aus wir der Hofgangbereich eines Hochsicherheitsknastes. (Stammheimfeeling!)Der Spielbereich hinter dem Haus ist zwar kleiner, dafür aber weniger knastartig. (Bis auf den Natodraht auf dem Zaun.)Das aktuelle Thema der Kinder ist Olivenernte. – Zum Glück die Märchenversion ohne Siedler und Soldaten!Und vor ein paar Jahren ging es offensichtlich um: Ich pflanze einen Olivenbaum.
Die Aktivisten von YAS bezahlen bei ihrem Besuch Kindergartengebühren für zwei Kinder aus armen Familien und nehmen eine Liste mit Dingen auf, die Gebraucht werden. Das geht von einer Reparatur der Wippe (Wer auf dem Bild genau hinsieht, erkennt dass sie kaputt ist.), bis zum Wunsch nach einem Mikrophon mit Lautsprecher für Kinder-Karaoke.
Luft holen in der Altstadt
Anschließend gehen wir in die Altstadt, um unter Menschen zu kommen und Luft zu holen.
Einkaufen wie in 1001-Nacht! – So geht Event-Shopping!Als wir mit Tee und Wasserpfeife in unserem Lieblings-Teehaus sitzen, können wir Horden von Kindern beobachten, die Ticken spielen oder Fußball oder Murmeln. – Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ich Kinder mit allem Ernst Murmeln spielen sehe.
Dieser Beitrag war eine Art Liveticker! Wir hatten ihn den Tag über immer weiter gefüllt und upgedated!
Die Siedler sind jetzt gerade dabei einen neuen Außenposten etwa 50 Meter vor unserer Vordertür zu errichten. Wir haben sie um etwa 9:15 Uhr heute (Do, 20. November 2025) entdeckt. Sie errichten ihn zwischen den Olivenbäumen, auf privatem palestinensischen Land, in der Closed Military Zone (die eigentlich niemand betreten darf).
Issa ist raus gegangen um mit ihnen zu reden, sie reagieren nicht. Er hat Armee und Polizei angerufen. Die Soldaten sind jetzt da, halten die Siedler aber nicht auf.
Dieser Filme ist, bevor die Soldaten da waren. Er zeigt unter anderem, wie Issa auf die Siedler und ihre Helfer zugeht.
Nach einer langen Zeit kommen Soldaten, aber sie halten die Siedler nicht auf.
Es ist 10:47 Uhr. Es sind über 60 Siedler und Helfer. Sie sprechen Englisch mit US-amerikanischem Akzent. Der größte Teil der Bautätigkeit findet direkt um die Ecke außerhalb der Sicht, die wir von der Tür aus haben, statt.
Sie haben eine Mauer hochgezogen und von ihrer bisherigen Siedlung einen neuen Zugang hierher geöffnet. Sie mähen das Gras, stutzen die Olivenbäume und räumen den Müll weg. Sie wollen ihre Siedlung hierhin erweitern. Mein Versuch die Hauptbauarbeiten zu filmen:
Mäharbeiten kurz vor unserer Tür (er ist noch deutlich dichter gekommen):
11:07 Uhr: Sie scheinen zu packen. Aber sie haben auf jeden Fall ein Stück Land, das unseren palästinensischen Nachbarn gehört, illegal und unter den Augen der Soldaten ihrer Siedlung einverleibt.
11:10 Uhr: Sie sind weg. Issa und Mohammad sind wieder im Haus. Ich trinke jetzt erst mal Tee. Wir sind heute früh ohne Frühstück direkt in den Einsatz.
Normalerweise braucht die Armee nur Minuten, um die Siedler dazu zu bringen, den Versuch, einen Outpost zu errichten, abzubrechen. Diesmal haben sie sie über eine Stunde gewähren lassen.
Die Siedler werden in einigen Stunden oder Tagen zurück kommen, um ihren Außenposten endgültig zu etablieren. – Das ist ihr übliches Vorgehen. – Anwesenheit von Presse, Aktivisten und Diplomaten hier im Haus wäre jetzt hoch willkommen!
Nachträge: 1) Der persönliche Assistent von Itamar Ben Gvir (dem Minister für Sicherheit auch die Polizei untersteht) war Teil der Siedlergruppe. Dass ist vermutlich auch der Grund, warum die Polizei sich offen weigerte zu kommen.
2) Die Siedler haben beim Einpacken im Gespräch unter einander gesagt: „We will come back later.“ Issa glaubt, damit meinen sie nicht heute, sondern in den nächsten Tagen.
Issas Blickwinkel:
Folgendes schrieb er, während er bei den Siedlern stand, saß: „The Israeli military is allowing American volunteers who came to help the Israeli fanatic settlers to work on our privately owned land in Tal Rumieda in Hebron , while access for the Palestinian landowners remains restricted. This situation supports increased settler presence on the land and raises serious concerns regarding the protection of private property and the obligations of an occupying power under international law.”
Dies das wichtigste Video von heute und das mit der besten Qualität:
Binas Blickwinkel:
Hier sieht man gut, wie die Soldaten tatenlos rumlungern:
Auf dem nächsten Video sieht man den Assistenten von Ben Gvir! Der Mann, der bei Sekunde 3 von rechts ins Bild kommt ist der Assistent des israelischen Innenministers Ben Gvir. Ja, der Typ der sein Maschinengewehr lässig auf dem Rücken trägt und kurz mit Issa redet, welcher am Stamm des Olivenbaums lehnt. Dies ist das zweitwichtigste Video von heute:
Die Siedler sind zurück!
13:35 Uhr: Die Siedler sind zurück! Seit etwa einer halben Stunde. Soldaten greifen nicht ein!
14:00 Uhr: Im Augenblick arbeiten sie auf Land, das der Stadt Hebron gehört. (Also der palästinensischen Stadtverwaltung.) Ihr Arbeitsgebiet ist somit leider außerhalb unsers Sichtbereichs vom Haus aus. Wir sehen nur den Schrott und Müll den sie von dort aus auf das private palästinensische Land einer weiteren Familie bringen.
Es sind US-Amerikanische Christen, die den Shabbath einhalten, den Evangelikalen nahe stehen. Sie selber halten sich für Juden und nennen sich „Messianische Juden“. Die anderen Juden erkennen sie nicht als Juden an. Nutzen aber ihre Hilfe.
Auf dem nächsten Film sieht man, wie die Siedler und ihre Helfer, nachdem sie zurückgekommen sind, weiter machen und Schrott von weiter Oben auf dem Land der anderen palästinensischen Familie abladen. Issa und Mohammad holen einiges davon zu uns rein. Und die Soldaten machen: NICHTS!!!
14:35 Uhr: Die Siedler und ihre christlich-jüdisch-messianischen Helfer haben anscheinend aufgehört. Oder sie machen Pause. Oder sie arbeiten woanders, wo wir sie weder sehen noch hören können.
Gegen 16:00 Uhr ist der Spuk erstmal vorbei. Die Siedler ihre US-Amerikanischen Helfer und die Soldaten sind weg.
Das übliche Vorgehen der Siedler:
Das übliche Vorgehen der Siedler hier ist, alles vorzubereiten (sauber machen, Wege anlegen, Grundmauern legen…), und dann erstmal wegzugehen. Nach ein paar Tagen kommen sie dann wieder und feiern ein Fest. Das Fest hört einfach nicht auf. Einige feiern bis in den nächsten Tag rein. Dann taucht ein Zelt auf. Und nach und nach mehr Infrastruktur. Auf diese Weise gibt es keinen klaren Anfang. Jetzt ist zu wenig da, damit es wirklich ein neuer Outpost ist. Wenn sie ihr Zelt aufstellen, ist der Outpost ja nicht neu, weil Teile schon vorher da waren. – Und das reicht, damit es für die Medien kein berichtenswertes Einzelereigneis gibt.
Das Land, auf dem die Siedler aktiv waren (sind), gehört übrigens dem Cousin von Mohammad Natschi. Das ist der, den die Soldaten am 7. Oktober zusammengeschlagen haben. Und es gab schon einmal einen Outpost auf genau diesem Stück Land. Den sind die Familie Natschi und das Sumud-Zentrum damals wieder los geworden.
Disclaimer: Ich habe diesen Beitrag unmittelbar nach den geschilderten Ereignissen geschrieben. Den größten Teil noch bevor die Polizei da war und tatenlos wieder abgezogen ist. – Beim späteren Durchlesen empfinden wir diesen Text als arg BILD-Zeitungs-haft. Wir lassen ihn als Zeitdokument trotzdem so stehen und bitten euch um kritische Distanz beim Lesen.
Richtigstellung: Sie haben eine Leiter an die Rückwand gestellt, sind aufs Dach gestiegen und haben das Dach aufgeflext. Das war im Eifer der Ereignisse aber an der arabisch-deutschen-Übersetzungsschranke hängen geblieben.
Heute Abend, Samstag 29. November, um kurz vor 23:00 Uhr, hören wir Flexgeräusche an der Rückwand im 1. Stock. Das ist die Außenwand des Kinos, das am Dienstag eröffnet werden soll. Diese Wand besteht außen aus Metall, dann innen aus Dämmaterial und USB Platten. Der Plan war offensichtlich, durch das Metall zu schneiden und dann das brennbare Material dahinter anzuzünden. Denn keine halbe Stunde davor haben sie die Wasserleitung zwischen unserem Haus und den Nachbarn mit einem Akkubohrer sabotiert. Damit wir nicht löschen können. (Aber wir haben so viele große Feuerlöscher im Haus: Wir könnten drei Häuser löschen!)
Auf diesem Video sieht man die drei Siedler auf dem Rückzug. Sie scheinen nicht damit gerechnet zu haben, dass Mohammad sie so schnell vom Dach aus filmt, und wir anderen gleichzeitig von links und rechts am Zaun Radau machen, während Issa die Polizei anruft.
Man sieht auch, dass sie einen Benzinkanister dabei haben, um Feuer zu legen. Man sieht auch den Soldaten unter dessen Augen sie agieren. Und wie viel Material sie unter seinen Augen herangeschleppt haben (Leiter, Flex, Benzinkanister, Werkzeug).
Auf dem nächsten Video sieht man die Wasserleitung, die sie mit einem Akkuschrauber angebohrt haben:
Zum Glück waren wir vorgewarnt! Denn am Nachmittag waren die Drei um das Haus herumgestromert. Und haben den Ort ihres geplanten Verbrechens ausgekundschaftet. Wir haben sie dabei gesehen und gefilmt:
Sie sind bekannt und berüchtigt. Alle drei gehören der „Hilltop Youth“ an. Einer von ihnen ist der Sohn von Moische, dem Chef der Siedlung direkt hinter uns. Sie waren schon an mehreren Angriffen auf das Haus beteiligt. Unter Anderem an dem Überfall in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober. – Alle hier wissen: Dort wo diese Typen auftauchen, gibt es Ärger.
Wir wussten auch, dass die Polizei kommt, kurz bevor sie wirklich da war. Wir haben es daran gesehen, dass die Armee den wachhabenden Soldaten ausgetauscht hat. Das ist die Standardprozedur. Der neue Soldat kann dann sagen, dass er gerade erst eingewechselt wurde und nichts gesehen hat. Der Schichtplan ist dann auch verschwunden. Das haben wir in unseren acht Wochen hier schon mehr als einmal erlebt.
Und warum genau jetzt? Sie haben vermutlich mitgekriegt, dass am Dienstag das Kino hier eröffnet wird. Eine großartige Form gewaltfreien Widerstands. Und auf gewaltfreien Widerstand kennen sie nur eine Antwort: GEWALT!
Ankündigung der Kinoeröffnung!
Die Siedler haben versucht ein Haus anzuzünden in dem Menschen schlafen! In Deutschland wäre das ein klarer Fall für die Mordkommission! Hier weigert sich die Polizei erst zu kommen und dann ein Ermittlungsverfahren zu eröffnen!
Am Donnerstag, dem 4ten Dezember, hat sich ein Soldat den falschen Moment ausgesucht um Issa zu schikanieren. Er wollte das bei den hiesigen Soldaten beliebte Spiel spielen: „Halte den Palästinenser für ein paar Stunden im Käfig des Checkpoints fest. Mit der Behauptung er sei nicht im System und du würdest ihn nicht kennen.“
Dumm für ihn, dass Issa in Begleitung des Knessetabgeordneten Ofer Cassif unterwegs war, den er törichter Weise gleich mit schikanierte:
Wobei der Soldat Issa natürlich kannte. Erst am Vortag hatte er ihn mit Namen angesprochen, als Issa mir zu Hilfe kam, weil eben dieser Soldat mir mein Smartphone abnehmen wollte. Was er nicht darf! Ich hatte eine Gruppe photographiert, die mit Izzat von YAS unterwegs war. Was ich darf! Ich habe das Bild dann trotzdem gelöscht. Nicht wegen des Soldaten! Sondern weil einige Israelis, die ich mit photographiert hatte, Angst hatten, dass sie Zuhause heftigen Ärger kriegen, wenn bekannt wird, dass sie mit Palästinensern reden. Das kann in Israel nicht nur zu „normalem“ Mobbing, sondern auch zum Verlust des Arbeitsplatzes und der Wohnung führen.
Der Soldat ist übrigens dafür bekannt, dass er gerne Palästinenser schikaniert. (Gestern, am Freitag, hat er direkt unter unserer Terrasse zwei Jungen, die das Pech hatten ihm zu begegnen, als er den Berg hoch kam, einfach den Weg nach Hause versperrt. Sie mußten einen Umweg nehmen und wir hoffen, sie sind gut bei ihrer Mutter angekommen.) Er hatte sich vermummt, weil er er auf gar keinen Fall „im Internet viral gehen will.“ [Zitat]
Tja: Dann soll er sich halt nicht vor laufender Kamera mit einem Knesset-Abgeordneten anlegen. Er musste sich auch relativ schnell geschlagen geben und Issa durchlassen. Anschließend haben wir gemeinsam auf unserer Terasse das Brot gebrochen (in dieser Weltgegend wortwörtlich), während eine Drohne so dicht über uns schwebte, dass ihr Gesumme wirklich nervig war.
Abschließend bat uns uns Ofer noch, mit ihm gemeinsam eine Nachricht an den Deutschen Botschafter in Tel-Aviv aufzunehmen. Dem sind wir gerne nachgekommen. (Diese Aufnahme ist nur der Beischuß mit unserem Handy. Die ordentliche Aufnahme hat Ofers Assistentin gemacht:)
Leider habe ich vergessen, dem Botschafter ausdrücklich für die gute konsularische Betreuung zu danken. Die machen eine prima Arbeit für uns. Inzwischen hat die Botschaft in unserer Sache zwei offizielle Protestnoten und vier erneute Nachfragen an das israelische Außenministerium geschickt. Welches aber nur mit automatischen Eingangsbestätigungen „reagiert“ hat. Eigentlich ist das ein diplomatisches No-Go. Aber Israel scheint sich der deutschen Unterstützung halt sehr sicher zu sein. Stichwort: „Staatsräson“
Outopost, Siedler & Brand:
Outpost: Gestern, am Freitag dem 5ten Dezember, wurden am neuen Outpost, der Siedlungserweiterung Flutlichter angebracht. Als nächstes rechnen wir damit, dass ein Zelt auftaucht. Das wäre das klassische Vorgehen.
Gewalttätige Siedler: Seit gestern treiben sich hier auffällig viele als gewalttätig bekannte Siedler herum. Insbesondere Angehörige der Hilltop Youth.
Die hier gehören der Hilltop Youth an und haben uns gegenüber ganz klar angekündigt, unser Haus anzuzünden und uns umzubringen.Dieser Herr war am nächtlichen Überfall auf uns und unser Haus am 8ten Oktober beteiligt. Seine Frau ist ebenfalls für ihren Mangel an Friedfertigkeit berüchtigt (vorsichtig ausgedrückt).
Die drei Gestalten, die hier nachts um unser Haus schleichen, gehören ebenfalls zur Hilltop Youth:
Brand-(Anschlag?): Pünktlich zum Ende es Shabbes, zu dem Zeitpunkt, wo es den jüdischen Siedlern wieder erlaubt ist, Feuer zu machen, brennt ein palästinensischen Haus in der Altstadt. Unserer Ortseinschätzung nach direkt am Rand des für die Palästinenser gesperrten Bereichs.
Und der britische „The Independent“ hat ein gutes Video aus unserem Material zusammengeschnitten:
Beobachtungsschniepsel:
„Kleine“ Beobachtungen und Ereignisse aus den letzten Tagen:
Der wachhabende Soldat auf der Siedlerterrasse hinter leuchtet abends aus Langeweile mit dem Ziel-Laser seines M16-MGs in die Fenster der benachbarten palästinensischen Häuser. Als Issa ihn zur Rede stellt, gibt er vor nicht zu verstehen, warum er damit bei den Nachbarn Panik auslöst. (Man stelle sich vor, wie er reagieren würde, wenn ein Palästinenser mit dem Ziel-Laser eines MGs in das Kinderzimmer SEINER Tochter leuchten würde.)
Eines Abends ist plötzlich in der gesamten Stadt Ausgangssprerre. Niemand darf vor die Tür. Drei palästinensische Aktivisten sind für die Nacht bei uns gestrandet.
Der Grund: Am Checkpoint des Hauptzugangs der Stadt hat ein palästinensisches Auto einen israelischen Soldaten leicht verletzt. Die Armee behandelt jeden Unfall mit palästinensischer Beteiligung prinzipiell als Terroranschlag. Es wird eine Ausgangssperre über die ganze Stadt verhängt und alle Krankenhäuser der Stadt werden gestürmt und durchsucht. Der 17-jährige Fahrer wird später in der Nacht erschossen. Er ist unbewaffnet, war in die Berge gefahren und hat sich in seinem Auto versteckt. Da der Soldat nur leicht verletzt ist und die Armee keine Videoaufnahmen veröffentlicht, vermute ich, dass es einfach ein Unfall war. Vielleicht ist der Palästinenser dem Soldaten über den Fuß gefahren. Auf jeden Fall haben die anderen Soldaten sofort das Feuer eröffnet.
Die Armee beschlagnahmt die Leiche. Sie beschlagnahmt prinzipiell alle Leichen von Palästinensern, die bei Auseinandersetzungen mit ihnen getötet werden, um zu verhindern, dass ihre Familien sie begraben können. Außerdem hat sie das Zelt gestürmt in dem die Familie, Freunde und Nachbarn nach der Tradition Trauer gesessen haben, hat das Zelt abgerissen und jede öffentlich sichtbare Trauer verboten. Auch das ist Standardvorgehen.
Auf der Terrasse hinter hält ein bärtiger alter Siedler eine Tirade auf Englisch. So laut, dass wir sie von der Hausecke aus verstehen können. Leider kann ich ihn wegen des Soldaten neben ihm nicht filmen. Es geht um Gaza:
„… rain hell on them! … don’t care they gave the hostages back, rain hell on them … Put all the kids in tunnels an let them starve to dead. … Yes: Genocide! Genocide! Amalek! Amalek! … (mit Geste auf unser Haus, die Nachbarn und die Stadt:) Kill! Kill! Kill all of them! …“
Die Palästinenser als „Amalek“ zu bezeichnen bedeutet, sie mit dem alttestamentarischen Volk der Amalekiter gleichzusetzen und den Völkermord an ihnen zu fordern, so konsequent und komplett wie möglich. Jeder Israeli kennt die entsprechende Stelle im alten Testament.
Samuel 15.3-11: „So zieh nun hin und schlag Amalek. Und vollstreckt den Bann an allem, was es hat; verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel. […] 9 Aber Saul und das Volk verschonten Agag und die besten Schafe und Rinder und das Mastvieh und die Lämmer und alles, was von Wert war, und sie wollten den Bann daran nicht vollstrecken; was aber nichts taugte und gering war, daran vollstreckten sie den Bann. 10 Da geschah des HERRN Wort zu Samuel: 11 Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe; denn er hat sich von mir abgewandt und meine Befehle nicht erfüllt.
Der Mann der auf dem folgenden Bild ist ein Nachbar und wurde letztes Jahr grundlos vor seinem Haus von einem Trupp Soldaten festgenommen. Seitdem braucht er eine Krücke.
In den letzten zwei Tagen haben sich die Anzeichen für eine bevorstehende Attacke dermaßen verdichtet, dass wir für die Nacht von Samstag auf Sonntag fest mit einem Angriff auf unser Haus rechnen.
Aus diesem Grund ist ein gutes halbes Dutzend Aktivisten von YAS zusätzlich ins Sumud-Zentrum gekommen und macht auf der Terrasse ein Lagerfeuer. Um die Stimmung hoch zu halten, und damit es von außen nach „im Haus ist viel los“ aussieht und riecht.
Wer braucht schon einen Weber-Grill, wenn er eine abgesägte Tonne und ein Schrottgitter hat?
Um kurz nach 21:00 Uhr hören wir aus dem Tal einen infernalischen Lärm. Ein Dutzend oder mehr MG-Magazine werden auf einen Schlag leergeschossen. Alles rennt zur Terrassenkante. Nach wenigen Minuten gibt es in der palästinensischen Nachbarschaftsgruppe auf Whatsapp die ersten Informationen und ich schreibe in die Signal-Gruppe unseres Notfallnetzwerkes in Deutschland diese leicht seltsame Nachricht:
„Die Armee hat im kurz nach Neun unten vorm Checkpoint 56 ein Auto mit Kugeln durchsiebt. Nach derzeitigen Informationen zwei Palästinenser tot. Klang von hier oben wie ein XXL- Feuerwerk. Jetzt ist hier Drohnenballett. Issa sagt, heute Nacht bleibt es ziemlich sicher ruhig. Wenn sie jemanden umgebracht haben, sind sie mit Feiern beschäftigt. Die Jungs rösten jetzt als zweiten Gang Maronen.“
Die Erleichterung der YAS-Aktivisten ist mit Händen zu greifen. Sie wissen aus Erfahrung, dass die Nacht für uns ruhig bleiben wird. Und sie behalten Recht. Der Rest des Abends ist eine entspannte Grillparty. Die Nacht bleibt tatsächlich ruhig.
Das ist makaber, aber hier Realität. Die Besatzungsarmee und die illegalen Siedler sind wie der böse Drache im Märchen, wenn er sein Jungfrauenopfer (palästinensisches Leben) bekommen hat,.Er ist vorerst besänftigt und das Dorf (Hebron) kann sicher schlafen (zumindest für eine Nacht).
Die Presseerklärung der Israelische Armee lässt keine Stunde auf sich warten: Zwei palästinensische Terroristen haben versucht mit einem Auto eine Rammattacke auf israelische Soldaten durchzuführen und wurden von diesen in Selbstverteidigung erschossen.
So wird es auch in allen israelischen Nachrichten berichtet. Dass die Armee dann Stück für Stück zurückrudern muss, findet keinen Niederschlag mehr in der Berichterstattung.
Noch in der Nacht muss die Armee zugeben, dass einer der beiden getöteten Palästinenser ein städtischer Straßenkehrer bei der Arbeit war, der das Pech hatte, die falsche Kreuzung zum falschen Zeitpunkg zu kehren. Kollateralschaden! Sein Name war Ziad Na’im Abdul-Jabbar Abu Doud. Er war 55 Jahre alt.
Die beiden Opfer. Links Ahmad, der Service-Fahrer. Rechts Ziad, der Straßenkehrer.
Das zweite Opfer heißt Ahmad Khalil Rajabi, wurde nur 20 Jahre alt und verdiente seinen Lebensunterhalt als Service-Fahrer. (Ein Service ist eine unreguliertes palästinensisches Sammeltaxi.)
Als immer mehr Videos des Vorfalls im Internet auftauchen, muss die Armee am kommenden Tag auch in Bezug auf den zweiten getöteten Palästinenser zurückrudern. Statt einer versuchten Rammattacke ist jetzt von einem Irrtum der Soldaten die Rede.
Das Auto ist offensichtlich nicht im Begriff, irgendetwas zu rammen. Es befinden sich auch keine Soldaten davor und in Lebensgefahr. Wir kennen die Straßenecke, an der das passiert ist, gut. Immerhin ist Checkpoint 56 der Ort, durch den wir die Geisterstadt verlassen, wenn wir in den lebendigen Teil der Stadt gehen. Hier halten auch die Services, mit denen wir auf dem Rückweg in den Stadteil Karantina fahren.
Die Soldaten befinden sich, bevor sie das Feuer auf das Auto eröffnen, hinter diesen Betonblöcken. Da rammt kein Auto durch!
Blick vom Standort der schießenden Soldaten über die Betonklötze hinweg.
Wir nehmen der Armee nicht ab, dass es ein Irrtum der Soldaten war. Es ist einfach zu offensichtlich, dass das Auto zu langsam und zu weit weg war und dass die Soldaten absolut sicher waren. Erst nachdem sie das Feuer eröffnet hatten, stürmten sie auf die Straße.
Unserer Meinung nach haben hier Siedlersoldaten ihre Ideologie in die Tat umgesetzt. Wir teilen die Einschätzung der Menschenrechtsorganisationen, die den Vorfall eine „field execution“, also „offene Hinrichtung“, bezeichnen.
Konsequenzen? Keine! Ein Freund schrieb uns: „Ich befürchte, dass die Soldaten jetzt 2 Wochen verschärftes Fernsehverbot erwartet!“ Man stelle sich einmal vor, Palästinensische Sicherheitskräfte hätten „irrtümlich“ einen israelischen Straßenkehrer und einen israelischen Taxifahrer aus sicherer Deckung heraus erschossen. – Das wäre in Deutschland in der Tagesschau. Und die Konsequenzen wären höllisch!
Danke Syltpunks!
Wir danken der Aktion Sylt für ihre Soldiarität mit dem gewaltfreien Widerstand gegen die Besatzung und mit uns!
Die Aktion Sylt organisiert jeden Sommer das Punker*innen-Camp auf Sylt. Und Anfang August 2026 werden sie die letzte Station unserer großen Reise, unseres Sabbathjahres, sein.