Fr. 14. Nov.
In Absprache mit Issa Amro und den anderen YAS-Aktivisten fahren wir nach Jerusalem, um an der „Mass Solidarity Olive Harvest“ teilzunehmen, zu der die 5 „großen“ israelischen Organisationen aufrufen, die die palästinenser durch ihre Präsenz bei der Olivenernte schützen und unterstützen.

Es gibt Busse aus Jerusalem, Tel Aviv, Haifa und Beer Scheva. Wir fahren von Jerusalem aus und sind überpünktlich da. Wir sind die dritte und vierte Person am Treffpunkt. Die fünfte ist der erste Polizist, der sofort rüde verlangt, unsere Pässe zu sehen.

Die Ernteaktion soll bei Burin und Beita’a im nördlichen Westjordanland stattfinden. Als Antwort darauf, dass dort letztes Wochenende mehrere einheimische Bauern, auswärtige Aktivisten sowie eine Reuters Reporterin von Siedlern mit Knüppeln zusammengeschlagen wurden. Wir treffen uns mit den Bussen aus den anderen Städten kurz vor Tel Aviv. Gemeinsam soll es nun mit insgesamt 7 Bussen aus dem israelischen Kernland ins besetzte Westjordanland gehen…

Aber schon am Checkpoint an der Sperrmauer ist Schluss. Das israelische Militär hat gegen alle an der Aktion beteiligten eine „Order of Supression“ erlassen. (Eine „Anordnung zur Unterdrückung“, was ich einen erstaunlich ehrlichen Namen finde!)
Für uns ist hier also Schluß!
Im Gegensatz zu den Siedlern!
Also steigen wir alle aus den Bussen aus, für eine spontane Demonstration auf der Hauptzufahrtsstraße für die meisten Siedlungen im nördlichen Westjordanland.

Armee und Grenzpolizei haben zwar genügend Kräfte vor Ort, um die Busse am Überqueren des Checkpoints zu hindern, aber nicht um unsere Demonstration zu unterbinden. Obwohl wir nur 300 Demonstrant*innen sind.


Dafür haben wir gewichtige Unterstützung dabei!


hier Italiens RAI1…




es gab aber auch andere Fahrer*innen:
ich schaute in lächelnde gesichter, es wurde gewunken und erhobene daumen gezeigt.
das waren dann (meist) palästinenser*innen mit israelischem pass.
Wenn man den Erfolg der Aktion an der Menge der geernteten Oliven misst (Null!), dann war die Aktion ein kompletter Misserfolg. Wenn man die öffentliche Aufmerksamkeit in Israel, Palästina und vor allem international als Messlatte nimmt, und den Nachweis, dass Siedler, Armee und Regierung Hand in Hand arbeiten, dass Siedlerterror Staatsterror ist, dann war sie ein großartiger Erfolg! – So finden wir uns am Abend in einem taz-Artikel wieder. (Extrapunkte, wenn du Michel auf dem Bild des Artikels findest.)
„Siedlergewalt“ ist ein teilweise irreführender Begriff. Denn die Siedler agieren in Symbiose mit Armee und Regierung. Der Begriff verschleiert die zentrale Rolle des Staates in der langsamen ethnischen Säuberung des C-Gebietes des Westjordanlandes. Er erlaubt es israelischen Politikern und der Armee, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen, indem sie die Gewalt als das Werk von einer Handvoll von Extremisten ausgeben, während es in Wirklichkeit nahezu unmöglich ist, zwischen dem Handeln der Siedler, der Soldaten und der Polizei zu unterscheiden. (Unsere eigene Erfahrung deckt sie in diesem Punkt mit den Beobachtungen der Menschenrechtsorganisationen und europäischen Diplomaten hier im Land.)
Der Sprecher von „Rabbies for Human Rights“ findet klare Worte:
Ein Tag in Jerusalem
Do. 13. Nov.
dem ganzen gingen ein paar stunden jerusalem voraus.
wir nehmen den siedlerbus in die stadt. der wartet glücklicherweise schon an der haltestelle in der shuhada street und fährt auch gleich los, so daß wir uns nicht noch erst durch den checkpoint quatschen müssen.
aber die fahrt reicht schon aus um uns wieder unwohl zu fühlen. unter siedlern passiert uns das in unserer gesamtlage schnell. richtig luft bekommen wir erst wieder, als wir glücklich in ostjerusalem am damaskustor sitzen und uns an pita mit humus und weitrauben laben.

und dann gibt es wieder den orient pur in form eines shouk-bummels.

Genau wie vor 8 Jahren fällt mir wieder auf, dass die Geschichte, nach der Israel 1967 von angriffsbereiten Armeen in Ägypten, Jordanien und Syrien eingekreist war, und sich im Sechstagekrieg durch einen Präventivschlag aus dieser Umklammerung befreit hat, nicht ganz stimmen kann. Israel hat die Stadt in der Mitte des Krieges handstreichartig und ohne Verwendung von Artillerie eingenommen (wegen der heiligen Stätten).
Die Altstadt von Jerusalem ist ein eng bebautes Labyrinth aus schmalen Gassen über und unter der Erde und kann von jeder zusammengestoppelten Miliz mit Ortskenntnis wochen- wenn nicht monatelang gegen jeden Gegner gehalten werden. Hier war keine angriffsbereite jordanische Armee, nicht einmal ein ernstzunehmender Freischärlerverband oder auch nur eine gut ausgerüstete motivierte Polizeitruppe.

Wer genau hinsieht bemerkt, dass er auf Schritt und Tritt von Kameras überwacht wird. Amnesty International hat in der 4 Quadratkilometer großen Jerusalemer Altstadt eine Kameradichte von 2 Kameras auf 5 Metern Gasse gezählt. – Die Unmengen an Lifestream schauen sich natürlich keine Menschen an. Das machen im Wesentlichen KIs.

auf dem weg zum östereichischen hospiz wird einem die ganze absurdität dieses überwachungswahnsinns gegenwärtig.
(Und an an der gegenüberliegenden Hauswand waren auch Kameras!)

im hospiz treffen wir eine russische jüdin, die ihren sohn besucht. die erzählt michel ihren blick auf den ukraine-krieg und gibt uns den tip, die russisch-orthodoxe kirche um die ecke zu besuchen.
die ist sehr spannend, weil hier wieder mal eine kirche unter einer kirche unter einer kirche gebaut wurde. das kenne ich eigentlich nur aus assisi.



Die unterste Kapelle (letztes Bild) ist für orthodoxe Christen übrigens der Geburtsort Marias, der Mutter von Jesus. Für katholische Christen liegt ihr Geburtsort im Haus nebenan (nächstes Bild). Diese Kirche kann zwar nicht mit einer so beeindruckenden Kapellen-Grotte aufwarten, dafür hat sie aber eine hervorragende Akustik und ist exterritoriales französisches Hoheitsgebiet mitten in Jerusalem.

wir kommen für die nacht gleich neben dem damaskustor im palm-hostel unter.
ein sauberes zimmerchen mit einer winzigen dusch-toiletten-kombination. und einem aufenthaltsraum, wo sich wie üblich weitere gäste sammeln. wir sitzen mit anderen beisammen und klönen.
und dann fängt es tatsächlich draußen an zu regnen. naja regen… es tröpfelt ein bisschen.
in norddeutschland würden wir von feuchter luft sprechen. aber es ist die erste feuchte luft seit unserer abreise in wedel und daher bedeutsam.
zum ersten mal seit längerem können wir die nacht durchschlafen. aber wir werden trotzdem pünktlich um 1.00h zur eigentlichen nachtwache wach.
der wecker klingelt um 6.00h. etws frisch machen, ein schnelles frühstück und ab geht es zu fuß richtung treffpunkt für die mass-solidarity-action im der nähe der first station, wo wir 2017/18 den bulli gegenüber auf dem parkplatz stehen hatten, wenn wir in jerusalem waren.

ab und an schauert es, der fußweg ist glatt wie schmierseife und am himmel sehen wir einen wunderschönen regenbogen.
es fällt uns auf, wie grün jerusalem ist, wie sauber und wie viel platz es gibt.
rasenflächen überall, ein kinderspielplatz befindet sich in einer weiträumigen parkanlage, nicht auf einem abgezäunten fleckchen beton zwischen irgendwelchen häusern, ruinen oder müllbergen. was für ein durchaus erschreckender unterschied zum überfüllten hebron.



Zurück nach Hebron
nach einer wirklich gelungenen aktion am checkpoint sind wir mittags schnell wieder zurück in jerusalem. mit dem taxifahrer, den uns issa vemittelt hat, geht es nach hause.
eigentlich wollten wir noch eine zweite nacht in jerusalem bleiben, aber in dieser woche sind wegen des „shabbat chayei sarah“ über 4000 gläubige juden in der stadt. in der regel wird erst gebetet, dann gegessen und viel alkohol getrunken und dann werden palästinenser geärgert.
heute wird in der synagoge die stelle im alten testament gelesen, in der abraham für 400 silberschekel die machpela kauft. das ist über alle maßen bedeutsam.
da wollen wir lieber zurück sein, damit so viele menschen wie möglich im sumud-zentrum sind.
der fahrer bringt uns bis vor die geschlossene stadtsperre. (diese schranken vor palästinensischen dörfern und städten sind meistens geschlossen. reine schikane!) auf der anderen seite warten wieder taxis, davon bringt uns eines nach karantina.



aufgrund unserer ortskenntnis kommen wir gut im sumud-zentrum an. es ist schön, mohammad, die anderen aktivisten und die katzen wieder zu sehen und etwas zu essen heiß gemacht zu bekommen. issa ist im prinzip auch wieder da, steckt aber unten in der stadt fest und wird wohl später kommen.
Und die Katzen?
Mo.-Mi. 10.-12. Nov.
Ein kritischer Moment in den Tagen zwischen unseren (wortwörtlich) fruchtlosen Versuche Oliven zu ernten ist, als bei den Siedlern ein Huhn ausbricht und sich auf unsere Terasse flüchtet. Es zu behalten ist keine Option, den die Palästinenser würden dafür ohne Verfahren monatelang in Einzelhaft kommen (mindestens). Aber wie gibt man ein Huhn an solche Leute zurück ohne zusammengeschlagen oder festgenommen zu werden?
Mohannad spricht gut hebräisch, macht vorsichtig den Wachsoldaten auf sich aufmerksam, nähert sich dann ganz langsam dem Zaun, während wir filmend absichern, und wirft das Huhn rüber auf die andere Seite.

Lange haben die Siedler aber nichts von ihrem Huhn, denn es bricht wieder aus. Und diesmal fällt es Kater Adam in Krallen noch bevor es unsere Terrasse erreichen kann.

Lilith entwickelt sich unterdessen zur Extremschmusekatze.

Nur einmal bezieht sie einen provisorischen Siedlungs-Outpost in unserem Zimmer und behauptet das Zimmer würde jetzt ihr gehören, es sei ihr vor 3.000 Jahren von Gott versprochen worden.

