Nicht gerade sehr ordentlich die Siedler. Vermutlich Hilltop-Youth!Theoretisch gibt es auf unserem Weg einen Checkpoint. Aber wir gehen einfach rechts an der Schranke vorbei, während der Soldat links hinter Panzerglas auf sein Smartphone starrt.Die Geschichte dieses Siedlerhauses finden wir besonders perfide. Als die dort wohnende Familie im Ramadan diesen Jahres abends auf einem gemeinsamen Fastenbrechen mit anderen Familien war, sind die Siedler eingebrochen und haben sich festgesetzt.Dieses Bild hat die Aktivisten von YAS besonders intersssiert. Diese Ausgrabung ist neu. Die Siedler fangen einfach an, auf privatem Land zu graben. Wenn sie alte Steine finden, dann sperrt die Armee das Grundstück für sie ab. Um die archäologisch wertvolle Stätte zu schützen. Und wenn sie lange genug ungestört sind, finden sie immer etwas. Immerhin ist das hier Hebron! Besiedelt seit der Bronzezeit!
Issa Amro, dessen Gäste wir sind, ist eine international hoch geachtete Person:
Er wurde letztes Jahr mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet (dem Right Livelihood Award).
Letzte Woche befand er sich in der „2025 TIME100 Next“-Liste des Time Magazins.
Am 10. Dezember letzten Jahres, dem Tag der Menschenrechte, wurde er mit dem deutsch-französischen Preis für Menschenrechte ausgezeichnet.
Die Norwegischen Zeitungen handeln ihn als einen der 3 wahrscheinlichsten Kandidaten für den diesjährigen Friedensnobelpreis.
Attacken im heutigen Ausmaß hat es aus diesem Grund seit dem Oktober 2023 nicht mehr gegeben. Am 7. Oktober 2023 ( heute genau vor 2 Jahren – dem Tag des Hamasüberfalls) haben Soldaten und Siedler Issa und Mohammad aus dem Sumud entführt und sie stundenlang gefoltert. Umm Temer haben sie an dem Tag in ihrem Folterknast glaubwürdig angedroht, sie vor den Augen ihrer Tochter zu vergewaltigen.
Überfall Soldaten
Der Vormittag verläuft friedlich. Issa ist in der Stadt. Mohammad und wir sind die Stallwache des Sumud.
Kurz nach 12:00 Uhr kommen zwei Palästinenser den Hügel hoch. Die Soldaten in der Siedlung hinter uns rufen sie an und befehlen ihnen anscheinend, stehen zu bleiben. Die Männer setzten sich ziemlich genau vor dem Tor des Hintereingangs des Sumud hin und zwei Soldaten kommen zu ihnen runter. Mohammad schließt den „Käfig“ auf der die Zuwegung auf dieser Seite des Sumud bildet und geht zum äußeren Tor.
Der Käfig des hinteren Zuwegs vom Sumud aus gesehen.
Plötzlich springt ein Soldat von oben in den Käfig. Mohammad zieht sich auf die Terasse zurück, die Soldaten folgen ihm. Und wir ziehen uns, wie es unsere Anweisung ist, ins Haus zurück, schließen ab und dokumentieren. Hier das Video, das Mohammad von seiner eigenen Festnahme aufgenommen hat:
Hier der Live-Ticker, den wir in der Signal-Gruppe unseres „Notfallteam-im-Hintergrund-in-Deutschland“ gesendet haben:
„Soldaten auf der Terrasse.
Schlagen Mohammad.
Wir sind im Haus Tür ist verschlossen.
Sie wollen Mohammads Telefon.
Issa ist nicht da. Es sind 2 Soldaten.
Sie haben Mohammad mitgenommen.
Issa schreibt, er kommt gleich!
Die Soldaten sind weg. Wir bleiben im Haus. Fensterläden und Türen aus Metall sind abgeschlossen.
Es gab gerade einen Anruf mit sofort wieder Auflegen von Mohammads Telephon. Sie haben es also gefunden und testen, wen er zuletzt angerufen hat.
Ich bin nicht dran gegangen. Sie haben so schnell aufgelegt, dass ich gar nicht dran gehen konnte.
WICHTIG: Lasst euch von dem, was wir hier schreiben, nicht verrückt machen. Wir sind deutsche Staatsbürger. Im Gegensatz zu Mohammad haben wir Rechte und konsularischen Beistand. Wir sitzen sicher hinter einer verschlossenen Stahltür. Es sind keine Soldaten mehr da. Hier ist alles von YAS Kameraüberwacht.
Issa ist da.
Wir gehen wieder in den Normalmodus und melden uns morgen wieder. Also wenn nichts passiert!
Hier die beiden Videos der Überwachungskameras, die Issa Amro auf seinem Instagram-Kanal hochgeladen hat:
Die Soldaten sind ziemlich geschickt und schlagen Mohammad nur mit kurzen Schlägen hinten in der Ecke, wo es die Kamera kaum sieht. Auf Militärbasis sind sie dann offensichtlich nicht mehr so zimperlich. Abends bekommen wir dieses Bild von ihm:
Überfall Siedler
Der Nachmittag ist dann erst mal ruhig. Issa telefoniert mit Anwälten, Presse, Unterstützer*innen und was weiß ich wem. Wir versuchen uns nützlich zu machen und ihm den Rücken frei zu halten.
Bina kocht! Ohne Mapf kein Kampf
Plötzlich fliegen Steine. Bina und ich ziehen uns auf Issas Ansage hin erst mal ins Haus zurück.
Dort setzen wir wieder einen Liveticker an unsere Signal-Gruppe ab:
Siedler bewerfen das Haus mit Steinen.
Entwarnung, das ist hier normal. Es sind nur Siedler, keine Soldaten.
Doch dann sind auf einmal auf allen drei Seiten des Sumud Siedler und scheinen zu versuchen einzudringen. Wir drei teilen uns auf. Jeder filmt zu einer Seite. Das hält sie zumindest von Steinewerfen und allzu überzeugenden Eindringversuchen ab.
auch ich stehe zunächst mit an der vordertür, bevor issa sagt, ich soll den hinteren teil der terrasse beobachten, weil er selber aufs dach muß. ich versuche, die jugendlichen so gut es geht durch das gitter zu photographieren. einer kommt grinsend auf mich zu und spuckt mich an. das mag in vielen kulturen eine abgrundtiefe beleidigung sein. mich juckt das nicht. spucke kann man abwischen. ein stein, der trifft macht üblere verletzungen.
Hier mein Film, durch die Sichtklappen der Vordertür der Terasse gefilmt:
Hier noch ein paar Bilder in Großaufnahme, in der leisen Hoffnung, dass sie eines Tages dazu führen, dass diese Kerle nicht mehr in die EU einreisen dürfen. – Denn die Besetzung und Besiedlung des Westjordanlandes mit eigener Bevölkerung, sind nach internationalem Recht ein Kriegsverbrechen. Genau wie die Besetzung und Besiedlung der Krim mit eigener Bevölkerung durch Russland. – Aber aufgrund des Einflusses Deutschlands innerhalb der EU, wird darauf nur bei der Krim mit Sanktionen gegen die Siedler reagiert, nicht im Westjordanland.
Die Soldaten fordern die jugendlichen Siedler dann höflich auf zu gehen. Was diese auch teilweise tun. Nur unterhalb des Hauses sind noch Siedlerkids und pöbeln. Und nach einer Salve Abschiedssteinwürfe trollen auch sie sich.
Dann kommt mit Umm Temer auch die erste Unterstützerin zur Verstärkung.
Sie und Issa sitzen vorne auf der Terasse und reden mit Soldaten. Dem Ton nach zu urteilen, geben die Soldaten YAS die Schuld.
Menschenrechtsaktivist*innen mit unflätigem Soldaten. – Zur Sicherheit durch einen Fensterschlitz fotografiert.
Frieden auf der Oberfläche:
Der Abend ist dann auf der Oberfläche irritierend friedlich. Nach und nach kommen mehr Unterstützer. Und wir machen noch diese romantischen Aufnahmen:
Nur ein einzelner Siedler stört zwischendrin den Frieden noch durch Pöbelei und Beschimpfungen…
es ist erstaunlich, wie ruhig man wird, wenns drauf ankommt. sicher, sowohl michel als auch ich waren aufgeregt, wenn wir nicht wußten, was passiert. als mohammad mitgenommen wurde, als soldaten kamen und wir die worte von drinnen versucht haben zu verstehen. aufgeregt auch, weil es bei denen auch für uns gefährlich werden kann. trotzdem funktioniert der instinkt: vor dem rückzug ins haus alles von der terrasse mitnehmen, was auf uns deuten könnte. möglichst kein geräusch machen, keine überflüssige bewegung machen, das beschleunigt den rückzug. dann schnell die tür zu, 2x abschließen, licht aus und leise sein. bei siedlern ist die auftragslage klar: filmen, photographieren, friedlich bleiben. und immer mit einem ohr bei issa, bzw. den anderen sein um keine anordnung zu überhören.michel und ich funktionieren indiesen situationen reibungslos miteinander. und meine hand umfaßt die kamera, wie sie es auch vor 7 jahren schon tat, als hätte sie in der zwischenzeit nichts anderes getan.ich werde mir nur angewöhnen müssen, sie bei jedem gang auf die terrasse oder später dann nach draußen in einer tasche an der frau zu haben.da hab ich heute noch defizite gehabt.
Um viertel vor zwei wachen wir vom Lärm auf der Terrasse auf. Offensichtlich werden Steine gegen das Haus und auf die Terrasse geschmissen. Dann ist Krawall an der Vordertür der Terrasse (dem Haupteingang des festungsartig gesicherten Sumud-Geländes). Wir haben in Klamotten geschlafen und sind sofort einsatzbereit.
Siedler versuchen die Tür einzuschlagen und die darüber angebrachte Überwachungskamera zu stehlen. Dieses Video zeigt, wie einer der drei an dem Überfall beteiligten Söhne von Mosche, dem Chef der Siedlung Tel-Rumeida direkt hinter uns, versucht die Kamera zu stehlen:
Issa geht dann erst mal alleine raus. Wir sollen drinnen bleiben und mit einsatzbereiten Kameras warten, bis er uns hinausruft. Auf diesem Video sieht man, wie Issa rausgeht und die Sichtklappe der Vordertür öffnet:
Sobald Issa die Sichtklappe öffnet hauen die Siedler kurzfristig ab. Hier sieht man die Siedler abhauen:
Wir kommen dann auch raus, ziehen uns aufgrund einer Barrage von Steinen aber wieder zurück. Das scheinen die Siedler beabsichtigt haben. Denn sie kommen wieder. Auf diesem Video sieht man wie erst mal ein Soldat gefolgt von einem bewaffneten Siedler guckt, ob die Luft rein ist und dann die anderen Siedler zurückkommen (der Soldat kommt erst bei Sekunde 25 ins Bild):
Der Junge Siedler mit dem schwarzen NBA-Hoody, der relativ spät ins Bild kommt, hat am Abend außen an der Terrasse rumgepöbelt und Issa angedroht, dass sie ihn umbringen werden.
Wir kommen also wieder raus. Bina und ich filmen und fotographieren, während Issa, die Polizei anruft. Hier unser Film:
Unten bei der Machpela (Abrahams Grab) gibt es eine Polizeistation. Aber die Polizei sagt, sie glaube uns nicht und sie könne nicht kommen. Das selbe hat sie schon am Siedlerüberfall am Nachmittag gesagt. – Das ist sehr praktisch für die Siedler. Denn die Soldaten sind ja nur für ihren Schutz zuständig. Alles andere ist Sache der Polizei.
Dann kommt auf Issas Telefonieren hin endlich ein anderer Trupp Soldaten. Wir beide ziehen uns wieder ins Haus zurück. Zunächst können sie nicht hinein, da die Vordertür durch die Rammversuche der Siedler verzogen ist. Das Schloß ist kaputt. Nur mit dem Riegel und Gewalt lässt sie sich am Ende wieder schließen. Die Soldaten verschaffen sich Zugang zur Terrasse und wollen Issa festnehmen. Durch den Fensterschlitz machen wir diese Bilder:
Weil das Gespräch hauptsächlich auf Englisch geführt wird, verstehen wir das meiste: Die Siedler beschuldigen Issa, er habe sie von der Terasse aus mit Steinen beworfen, als sie nur friedlich ihres Weges gingen. Sie hätten sich nur verteidigt. Die Soldaten glauben ihnen zunächst und wollen Issa festnehmen. Doch Issa kann mittels der Bilder der Überwachungskameras beweisen, was wann passiert ist. Die Soldaten glauben auch nicht, dass andere Soldaten beteiligt waren. Aber auch das ist auf den Videos ja eindeutig zu sehen.
Erst als die Soldaten die Videos gesehen haben, und keine Möglichkeit mehr finden, den Sachverhalt zu leugnen, rufen sie die Polizei an.
Die Polizistin, die dann kommt glaubt auch erst mal den Siedlern. Sie gibt dann zu, dass Issa nicht mit Steinen geworfen hat. Aber sie kann weder Steinwürfe von Siedlern, noch einen Vandalismus gegen die Tür, noch den Versuch eine Überwachungskamera zu stehlen, noch einen versuchten Einbruch erkennen. Wir haben ja keine Videos, auf denen man richtig sieht, wie die Siedler werfen und wie sie aktiv die Tür eintreten. Außerdem ist die Kamera ja noch da. Und ganz reingekommen sind sie ja auch nicht. – Also will sie keine Anzeige gegen die Siedler aufnehmen.
Als die Polizei weg ist, kommen wir raus, kochen Kaffee und halten mit Issa gemeinsam Wache. Auf der Terrasse liegen mehr als faustgroße Steine herum.
Mohammad
Mohammad haben sie auf dem Militärstützpunkt mit 40 Soldaten verprügelt, und dann mit gebrochenen Knochen vor einem Checkpoint auf die Straße geschmissen und liegen lassen. – Aber auch da wird es vermutlich mangels Zeugen und Videobeweis weder Gerichtsverfahren noch Verurteilung geben. Das kennen YAS und wir schon.
Mohammads „Verbrechen“ scheint es übrigens gewesen zu sein, dass er filmen wollte, was sie mit den beiden Palästinensern, die den Hügel hochkamen, machen. (Die Soldaten mögen halt keine Leute, die Zeugen sind, und schon gar keine Beweise in Form von Bildern und Filmen.)
Steinwürfe am Abend
Direkt nachdem wir gestern Abend den letzten Blogbeitrag hochgeladen, flogen von der Siedlung hinter uns einzelne kleinere Steine auf das Haus und die Terrasse. Der wachhabende Soldat behauptete nichts gesehen zu haben, während der Missetäter ein feister Junge, der so aussieht, wie ich mir Dudley Dursley vorstelle, mit ebenso feistem Grinsen neben ihm stand.
Der Soldat, der nix gesehen hat. Den feisten Jungen neben ihm habe ich wegen des Baumes nicht scharf fotografiert bekommen.
Lärmbelästigung
Um etwa halb zwölf Uhr in der Nacht war draußen plötzlich laute Musik. Einige junge Siedler beschallten ihre palästinensischen Nachbarn etwa eine Stunde lang mit lauter Musik, die für uns wie Goa klang. – Dabei hatten sie sich so gestellt, dass ihre eigenen Siedlungen von dem Lärm nicht so betroffen waren.
Adam ist stabil
Adam, der Kater des Sumud, bleibt bei all dem stabil!
Wir haben heute früh Emails von der „Israel population and immigration Authority“ bekommen:
„Thank you […], Due to a change in circumstances in your case, the ETA-IL approval for application number […] which was granted to you as of 17/09/2025 is revoked.“
Außerdem ist unsere hiesige Telephonnummer tot. Es war die letzte oder vorletzte Nummer, die Mohammad am 7. Oktober vor seiner Festnahme und dem Krankenhausreifschlagen durch die Soldaten angerufen hat.
Wie der hochrangige deutsche Diplomat, mit dem wir derzeit im Dauerkontakt stehen richtig sagte: Es gibt hier keinen Rechtsstaat, und im deutschen Sinne auch keine Polizei, die an Recht und Gesetz gebunden, und zu deren Durchsetzung verpflichtet wäre.
Heute um 9:30 Uhr kommt ein Trupp Soldaten an die Vordertür des Sumud-Zentrums. Sie wollen, dass wir mitkommen. Als Issa ihnen sagt, dass nur die Polizei uns mitnehmen darf, wollen sie uns nur mitteilen, dass wir gehen müssen, weil dies ja eine „Closed Military Zone“ sei. Issa weist sie zum wiederholten Mal darauf hin, dass sie verpflichtet sind, ihm eine Karte dieser geschlossenen Zone zu geben, mit Unterschrift, Stempel und vor allem den Daten, von wann sie besteht. Eine solche Karte haben sie auch diesmal wieder nicht dabei.
Es ist offensichtlich eine schrödingersche Zone. Die gleichzeitig existiert und nicht existiert.
Zumal sie ständig ihre Größe und Bestandszeit ändert. Erst sollte sie die gesamte „Geisterstadt“ hinter den Checkpoints umfassen. Dann nur Issas Haus, das Sumud. Jetzt das Haus und die Umgebung. („Umgebung“ ist ja ein so schön dehnbarer Begriff.) Erst sollte sie den ganzen Monat Oktober bestehen. Dann nur bis zum Abend des 9ten (also gestern). Jetzt bis morgen Abend (also dem 11ten).
Die Soldaten wußten nicht nur, dass wir im Sumud sind, sondern auch, was wir frühstücken. Vermutlich die Drohnen, die hier ständig rumfliegen. Oft steht eine von ihnen für über eine Viertelstunde über dem Sumud, wie der Stern über Betlehem.
Dafür wissen sie offensichtlich noch nichts vom Widerruf unserer Visa.
Ihre Vorwürfe gegen uns sind:
Wir hätten sie gefilmt. (Wir haben sie fotographiert.)
Das dürften wir nicht. (Doch, das dürfen wir. Das ist hier legal.)
Wir hätten sie als Mörder beschimpft. (Nein, haben wir nicht!)
Letzteres, weil wir bisher noch überhaupt nicht inhaltlich mit den Soldaten hier diskutiert haben. – Also außer über die jeweils konkreten Fragen, ob wir hier sein dürfen oder ob sie uns festnehmen dürfen.
Dann ziehen die Soldaten ab!
Ruhige Nacht
Die Nacht war ruhig.
Abends wurde die vordere Terassentür des Sumud massiv verstärkt. Bei ihrem nächtlichen Überfall waren die Siedler und Soldaten ja fast durchgebrochen. Das wird an dieser Stelle nicht wieder passieren.
Nur gegen 21:00 Uhr gab es dann ein paar wenige Steinwürfe von der Terasse der Siedlung hinter uns. Die Terasse der Siedlung ist gleichzeitig Posten des Wachsoldaten der Siedlung. Der Soldat wollte nichts gesehen oder gehört haben haben. Währenddessen standen die beiden Missetäter grinsend links und rechts neben ihm. Dudley Dursley und sein Freund. Beide etwa 13 Jahre alt.
Wir halten in Schichten Nachtwache. Die Nacht ist so ruhig, dass der wachhabende Soldat der Siedlung bei Sonnenaufgang tief eingeschlafen ist. (Im Gegensatz zu uns)
Selfie mit Prommi
Nach dem Soldatenbesuch gibt es Frühstück, und danach machen wir noch ein gemeinsames Selfie.
Es geht uns gut!
Geschehnisse unten in der Stadt
gestern war unten aus der stadt viel ungewöhnlicher lärm zu hören. stimmengewirr, rufen, knallen, wie schüsse…. issa sagt (und die hiesigen nachrichten bestätigen das am abend), alle checkpoints seien geschlossen und es gab von jetzt auf gleich eine anordnung, daß wegen des jüdischen laubhüttenfestes 400 arabischen läden geschlossen werden müssen, was die soldaten umsetzen. für die menschen bedeutet das wieder mal kein umsatz, ausgeliefert sein an willkür und machtdemonstration seitens der israelischen soldaten. das alles in der zone h1, wo israelische soldaten eigentlich nichts zu suchen haben. das ist das a-gebiet, wo die palästinensiche autonomiebehörde das alleinige sagen hat – oder besser: haben sollte. darauf es gab demonstrationen und die soldaten schossen mit tränengas, blend- und knallgranaten auf die menschen. drei kindern wurden mit gummigeschossen in die beine geschossen.
die isralischen gummigeschosse können durchaus menschen töten. und tun das oft auch. da es metallgeschosse sind, die nur mit gummi ummantelt sind. und das tränengas ist, anders als in deutschland, mit einer chemikalie versetzt, die dem gehirn suggeriert, daß der körper nicht atmen kann.
von unten, dies mal eher von der rechten seite ist heute eine große demonstration zu hören, jemand spricht lange auf arabisch und es klingt, als hätten sie die lautsprecher aller moscheen für die ansprachen umfunktioniert, bis auf einen, aus dem der muezzin singt.
Die Nacht von Freitag, dem 10ten auf Samstag, den 11ten Oktober ist so ruhig und sicher, dass wir keine Nachtwache schieben müssen. Es ist Shabbat, und ihre Religion gebietet den Siedlern, dass sie nach dem Shabbatmahl Sex haben. Denn die Shabbatnacht ist die heiligste Nacht der Woche. Die in dieser Nacht gezeugten Kinder sind daher besonders heilig. (NEIN! Das ist KEIN Witz!!!)
Während im Olivenhein vorm Sumud ein paar Soldaten herrumlungern… …machen wir drinnen Knafe……das auf dem Grill „gebraten“ wird.
Knafe ist eine orientalische Delikatesse. Man kann es sich in etwa als Kreuzung aus süßem Baklava und Grillkäse vorstellen. Mit viel Zuckersirup und orientalischer Pistazienorgie. Die Frage, wer den besten Knafe macht, diskutieren Syrer und Palästinenser ebenso leidenschaftlich, wie Iren und Schotten die Frage, wer den besten Whisk(e)y macht. Die Türken sind bei Knafe (unserer Meinung nach) keine ernstzunehmenden Mitbewerber. Ebenso wenig wie die US-Amerikaner mit ihrem Bourbon, beim Whisk(e)y!
Hebron ist eine palästinensische Großstadt etwa 30km südlich von Jerusalem, mit etwas über 250.000 Einwohnern. Sie ist in zwei Gebiete geteilt.
Im Gebiet H1 hat gemäß des sogenannten Osloer Friedensabkommens die Palästinensische Automoniebehörde die alleinige Kontrolle (was Israel aber oft ignoriert). Es ist eine der vielen Autonomie-Inseln des Westjordanlandes, die alle von einander getrennt und vollständig von israelisch kontrolliertem Gebiet umgeben sind.
Im Gebiet H2, das wie eine Halbinsel in H1 hineinragt, ist dem Osloer Abkommen zufolge Israel für die Sicherheit zuständig und die Autonomiebehörde für die Zivilverwaltung. Dem Abkommen zufolge muss Israel den Palästinensern hier Bewegungsfreiheit gewähren. – Daran hält es sich in keiner Weise, denn:
Einen nicht kleinen Teil von H2 bildet die „Geisterstadt“. Das ist der in der Karte violett gefärbte Bereich. Hier dürfen sich Palästinenser nur mit Sondergenehmigung oder gar nicht bewegen. Die rot gezeichneten Straßen dürfen sie gar nicht betreten. Auf den Violetten dürfen sich nur Anwohner mit Sondererlaubnis bewegen, und das auch nur zu Fuß. (Auch keine Krankenwägen. Nichts!) Die Siedler dürfen natürlich auf beiden Straßentypen Auto fahren. In der Geisterstadt liegen zum einen die Machpela (das mythische Grab Abrahams und seiner Familie – auf der Karte Tomb of the Patriarchs) und zum anderen alle israelischen Siedlungen in der Stadt. Insgesamt leben hier 600-800 Siedler, bewacht von etwa 2.000 Soldaten. Ungefähr 1.800 Läden sind deswegen geschlossen und 1.000 Häuser stehen leer. Die palästinensischen Familien in diesem Gebiet leben in ihren Häusern unter Belagerung. Kein Besuch, kein Handwerker und kein Notarzt darf in den gesperrten Gebieten zu ihnen. Nie wissen sie, ob sie das Haus verlassen können, ob die Checkpoints auf haben, ob es eine Armeerazzia gibt, wann der nächste Siedlerüberfall kommt.
Das Sumud-Zentrum liegt auf der Karte genau unter dem „T“ von „Tel Rumeida“. Und seine Rückwand ist die Grenze der gleichnamigen Siedlung. Der Checkpoint 56, heißt bei den Palästinensern Checkpoint „Bab al-Zawiya“, nach dem entsprechenden Stadtviertel. Auf der Karte liegt er am linken Ende der Shuhada Street (dort wo sie gelb-violett-gestreift ist).
Wer sich genauer einlesen will, dem sei die Broschüre „Geisterstadt Hebron“ empfohlen, die 2017 von von „Youth Against Settlements“ und der „KURVE Wustrow“ herausgegeben wurde. Sie ist, wie die Karte, etwas veraltet. Es gilt die Faustregel: Alles ist seit dem schlimmer geworden! Jedes Detail! Manches nur wenig, manches massiv!
Altstadtführung
Samstag 11. Oktober: Sobald wir die Geisterstadt verlassen trifft uns wieder die Lebendigkeit dieser palästinensischen Großstadt wie ein Schlag.
vor allem auch deshalb, weil wir seit letzter woche nur die terrasse des sumud-zentrums gesehen haben und dort meist nur im hinteren teil an der hauswand saßen, wo uns die soldaten nicht sehen können. dieser lärm, diese vielen menschen, hupende autos, so viele verkaufsstände an der straße, die irgendwo ein megaphon hängen haben, aus denen marktschreierisch die angebote gequäkt werden. ‚ashara-ahsara-ahsara‘ (zehn (schekel)-zehn-zehn….den rest verstehen wir nicht mehr) aber nach 5 sekunden geht es wieder los. eine unfasssbare kakophonie!
dazu müll und dreck auf der straße. ständig treten wir auf plastikmüll, weichen leeren kartons und halb verfaultem gemüse aus, sehen staunend einen mann einen plastikbehälter wasser halb leer trinken und einfach wegwerfen. kinder rennen hinter uns her, versuchen uns wasser in flaschen zu verkaufen und lassen sich nur mit mühe abwimmeln. einmal muß michel einen jungen regelrecht anschreien, bis er in ruhe gelassen wird. wir werden alle paar meter aber auch im vorbeigehen willkommen geheißen, angelächelt, gefragt, woher wir kommen. wie froh sind wir über unsere wenigen arabischkenntnisse, so können wir einigermaßen standesgemäß antworten. autofahrer hupen uns an, einerseits um zu winken, andererseits um deutlich zu machen: achtung, hier komme ich. denn es ist manchmal leichter, einfach auf der straße zu gehen, als sich auf dem bürgersteig durch die menschen und verkaufsstände hindurch zu wühlen.
Keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, ein Bild mit so wenig Autos und Gewusel zu machen. – In Wirklichkeit ist es quirliger!Man beachte die hebräsche Schrift auf den Kartons. Die Siedler haben den Palästinensern das meiste fruchtbare Land im Westjordanland geklaut. Israel hindert sie daran aus z.B. Jordanien zu importieren und zwingt sie so dazu israelische Produkte zu kaufen. Das stärkt die israelische Wirtschaft und hält die Palästinenser abhängig.
Vor Checkpoint 56 treffen wir eine kleine Gruppe junger US-Amerikaner, die über ein Stipendium ein Jahr lang an palästinensischen Schulen in Jerusalem Englisch unterrichten. Leider ist der Checkpoint heute nur ein eine Richtung durchlässig. Wir kommen zwar aus der Geisterstadt raus, aber niemand kommt hier heute rein. Also führt die Tour nicht wie geplant durch die Geisterstadt, sondern durch die Altstadt, immer an der Grenze zur Geisterstadt entlang.
Die Stadt Hebron ist etwa 5.000 Jahre alt, die Häuser in der Altstadt großenteils 1.200 Jahre. Im Juni 1967 wurde die Stadt einen Tag nach dem Sechstagekrieg von der israelischen Armee erobert. Ja! Einen Tag DANACH! Israel hat sich damals einseitig nicht an den Waffenstillstand gehalten.
Die Geisterstadt gibt es im Wesentlichen seit 1994, seit dem Massaker in der Machpela. Damals ist der Siedler Baruch Goldstein am letzten Tag des Ramadan in die Moschee eingedrungen und hat das Feuer auf die zum Morgengebet niederknienden Menschen eröffnet. Er ermordete 29 Menschen und verletzte mindestens 150. Der Held, der ihn schließlich mit einem Feuerlöscher erschlug, wurde von seiner Witwe auf Schmerzensgeld verklagt. Baruch Goldstein hat ein Ehrengrab und Denkmal in der Siedlung Kirjat Arba, keine 2km von der Machpela entfernt, und die Siedler feiern dort jedes Jahr seinen Tag. Aus Sorge vor Racheakten (die niemals eintraten) wurde damals die Shuhada Street für Palästinenser geschlossen und das Gebiet um die Siedlungen abgeriegelt. – Ja: Ein Siedler begeht ein Massaker und die Siedler gewinnen an Boden, die Palästinenser verlieren an Boden. – Und seitdem wächst die Geisterstadt schleichend weiter.
Diese Läden wurden 2004 per Anordnung geschlossen. Die Landeninhaber klagten und bekamen vor Gericht recht. Doch die Siedler haben Ladeninhaber und Kunden dann so lange von oben mit Steinen, Müll und Fäkalien beworfen, bis alle Läden aufgaben.Dies war der Goldmarkt. Er ist geschlossen, seit die Siedler illegal einen Basketballplatz auf den Dächern darüber eingerichtet haben. Nachdem er geschlossen war, sind die Siedler dann in die Läden eingebrochen, haben die alten verzierten Schränke und Vitrinen geklaut und öffentlich im Freudenfeuer zum jüdischen Feiertag „Lag baOmer“ verbrannt.Die Hebroner Altstadt ist UNESCO Weltkulturerbe. Für die Siedlungsblöcke machen sie dieses Erbe einfach platt. – Ist ja irgendwie nicht ihr Erbe. Anscheinend.Dies war der Geflügelmarkt. Hier hat Schweden die Renovierung des Weltkulturerbes bezahlt. Leider zu dicht an der oben-hinten zu sehenden Siedlung.
Die Gassen der Casbah sind oft nur so lange romantisch, bis man nach oben schaut und den von Siedlern herunter geworfenen Unrat sieht…
… oder den Stacheldrahtverhau des Wachpostens, der die Siedler schützt aber nicht die Palästinenser.
Wir könnten gefühlt ewig so weiter machen, aber es wird zu lang.
Hamam
und dann führt uns issa in einen toten winkel des gassengewirrs. blitzsauber ist es hier. eine künstlerin hat ihr atelier geöffnet, katzen lungern vor einem geschäft herum. nur die betonmauer, die die straße übermannshoch absperrt, stört den frieden. hinter ihr beginnt die geisterstadt.
ein schmaler durchgang kaum 2m breit, ein paar stufen hinunter. plötzlich denken wir, wir riechen nicht richtig! es duftet nach argila (wasserpfleife), aber vor allem nach seife und shampoo. ein vorraum, noch eine treppe hinab, eine tür…. und wir stehen in einem hamam!!!!! wir können es kaum fassen!!!!! in all dieser ungerechtigkeit, dieser menschenrechtsverletzungen gibt es tatsächlich eine kleine oase der erholung, etwas schönes. der besitzer erklärt, was ein hamam ist und wir können tatsächlich einen termin vereinbaren! es ist ein gemischter hamam, aber wahrscheinlich nur für europäer.
auf die weitere tour zur machpela verzichten wir. am ersten der beiden checkpoints, durch die man zu ihr kommt, kehren michel und ich um.
kleidung ablegen und erst mal auf dem heißen stein (hier marmorplatten) entspannen. leider klappt das nur bedingt, denn der untergrund ist in der mitte so heiß, dass wir nicht still liegen können, aber am rand geht es. nach 10 minuten kommt der besitzer mit frischer zitrone, seife und salz und mit dieser mischung werde ich abgeschrubbt. ich merke richtig, wie sich dreck und alte haut lösen. michel ist dran und dann ruhen wir wieder eine weile, bis michel zum waschen und massieren abgeholt wird. ich bleibe liegen und höre wasser rauschen und ihn bald auf der massagebank wohlig brummen. zweimal schreit er auf und ich frage mich, was wohl mit ihm gemacht wird. ich bin dran. das viele heiße wassser auf der haut tut unfassbar gut und die massage mit öl ist wunderbar. ich muß dem besitzer nur klar machen, dass er vergessen soll, dass ich eine europäische frau bin und das er sich gerne richtig ins zeug legen darf. das macht er dann auch.
er kann es mit jedem deutschen pysiotherapeuten oder osteopathen problemlos aufnehmen und mit jedem ostfriesischen knochenbrecher auch.
anschließend spüle ich mich noch einmal ab, wasche schnell meine haare. abtrocknen und anziehen und sich noch ein bisschen zum besitzer im vorraum gesellen, der seine argila schmökt und uns erzählt, dass der hamam 300 jahre alt ist. seit 160 jahren befindet er sich in seiner familie. michel rechnet und kommt auf acht generationen. al-naim heißt dieser ort, paradies, es ist das älteste bad in hebron. wir bekommen noch gesundheitstipps mit auf den weg. michels problemzone ist der rücken, meine die beine. am besten, wir kämen einmal die woche, dann würde er uns schon wieder hinbekommen. wir zahlen zusammen 200 schekel, ca. 50€.
und vor zwei monaten kamen israelische soldaten in den hamam und haben fast alles kurz und klein geschlagen…
Die Lage scheint sich zunehmend zu enstpannen. Was damit zu tun haben könnte, dass das siebentätige Laubhüttenfest (Sukkot) zu Ende geht. Die nationalreligiösen Pilger, die für das Fest in der Stadt waren, sind wieder weg. Die Siedlerkolonie ist wieder auf ihre normale Größe geschrumpft. Die Belästigung durch Drohnen hat massiv abgenommen. Am Sonntag (12. Okt.) haben wir keine einzige Drohne gesehen oder gehört. Und die Soldaten erscheinen uns auch weniger aufdringlich.
und während ich den text grade gegenlese, höre ich eine drohne.
Die Nachtwache von Samstag auf Sonntag (11.-12. Okt) ist so ruhig, dass wir sie nutzen, um Hauskater Adam an uns zu gewöhnen.
Eigentlich ist Adam zu scheu, um sich streicheln zu lassen. Aber während der Nachtwache rücken wir ihm über Stunden ruhig und beharrlich näher.Bei Sonnenaufgang…… darf Michel schon zu ihm auf den Boden und ihn mit beiden Händen kraulen. Beim Frühstück kommt er zu bina aufs Sofa.
Am Sonntagnachmittag meldet sich das Deutsche Vertretungsbüro in Ramallah bei uns. Sie wollen wissen, wie es Issa und uns geht. Sie teilen uns mit, dass die Botschaft in Tel Aviv noch auf die offizielle Reaktion aus dem israelischen Außenministerium wartet – also auf die Reaktion auf ihre Protestnote in unserer Sache.
Am Sonntagabend teilen Soldaten Issa mit, dass es keine „Closed Military Zone“ rund um sein Haus (mehr) gibt. Ob es sie jemals wirklich gab, bezweifeln wir. Eine offizielle Bekanntmachung – oder eine Karte – blieben ja ebenso beharrlich aus wie gute Fotos vom Loch-Ness-Monster.
Um 19:00 Uhr wird allerdings ein Niederländer, der zum Sumud-Zentrum wollte, für anderthalb Stunden von Soldaten im Checkpoint 56 festgesetzt – bevor ihm der Zutritt zur Geisterstadt verboten wurde (genau wie bei uns am 4. Oktober). Seit wir hier sind, war er der erste EU-Bürger, der hierher kommen wollte. Das Zutrittsverbot ist aber möglicherweise nur ganz normale Willkür und Schikane.
Was insofern wahrscheinlich ist, als dass auch die Nacht von Sonntag auf Montag (12. -13. Okt.) ruhig bleibt.
Damit das hier jetzt nicht zu entspannt wirkt: Das palästinensische Haus, das zwischen Umm Temers Haus und dem Sumud-Zentrum liegt, hat eine Israelische Armeestellung auf dem Dach. Die Soldaten erreichen ihren Posten über das private Treppenhaus der Familie.
Sumud: Was ist das eigentlich?
Wir verwenden in diesem Blog immer wieder den Begriff „Sumud“. Issa Amros Haus ist das Sumud-Zentrum. Übrigens: die Flottille aus ca. 50 zivilen Schiffen mit humanitärer Hilfe an Bord, die versucht hat, die Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen, hieß „Global Sumud Flotilla“.
Sumud bedeutet „Standhaftigkeit“ oder „unerschütterliche Beharrlichkeit“
Sumud ist ein palästinensisch kultureller Wert, eine politische Strategie, die nach der Besetzung des Westjordanlands und des Gazastreifens im Sechstagekrieg 1967 vom palästinensischen Volk als Mittel des Widerstands gegen die eigene Unterdrückung entwickelt wurde. Ein Mann, der Sumud zeigt, wird als ṣamid bezeichnet, eine Frau als ṣamida.
Sumud ist für Palästinenser in etwa das, was Ghandis „Satyagraha“ für die Inder war während ihres gewaltfreien Unabhängigkeitskampfes gegen die Briten. Oder den schwarzen Südafrikanern „Ubuntu“ war im Kampf gegen die Apartheid.
Im Wesentlichen werden zwei Hauptformen von Sumud unterschieden:
Der „statische Sumud” ist eher passiv und wird meist als „Verbleib der Palästinenser auf ihrem Land” definiert.
Die „Widerstands-Sumud”, ist dynamischer, mit dem Ziel, Wege zum Aufbau alternativer Institutionen zu finden, um der israelischen Besetzung Palästinas zu widerstehen und sie zu untergraben.
Das Symbol des Sumud und des Gefühls der Verwurzelung der Palästinenser mit ihrem Land ist der Olivenbaum, der in ganz Palästina allgegenwärtig ist. Er ist tief in der Erde verwurzelt, übersteht Katastrophen wie Feuer und Dürre, und wird sehr alt. (Manche Olivenbäume vor dem Sumud-Zentrum wurden zur Zeit des römischen Imperiums gepflanzt.) Ein weiteres Symbol für Sumud ist eine schwangere Bäuerin.
Statisches Sumud
Statisches Sumud ist von der Entschlossenheit geprägt, auf dem eigenen Land zu bleiben. Es zeichnet sich aber leider auch durch eine Haltung der Resignation aus: Für die einzelne Familie ist das Ziel, einfach mit der eigenen Familie an Ort und Stelle zu bleiben. Das kolliktive Ziel ist es, eine zweite ethnische Säuberung zu vermeiden. Die Staatsgründung Israels im Jahr 1948 war mit der planvollen und gewaltsamen ethnischen Säuberung des heutigen Staatsgebiets von Israel verbunden, der die Palästinenser als Nakba (Katastrophe) gedenken.
Dass Issa, die anderen Aktivisten von YAS und ihre palästinensischen Nachbarn sich schlicht und ergreifend weigern, sich von der Gewalt der Siedler und den Schikanen der Armee vertreiben zu lassen, ist statische Sumud. Dass die Menschen sich hier in einem unglaublichen Maße gegenseitig helfen und beistehen, indem sie zum Beispiel dem Nachbarn die Waschmaschine reparieren, die von Siedlern eingetretene Tür schweißen oder nach einer Razzia der Armee mit Tee und Gebäck kommen und beim Aufräumen helfen, ist statisches Sumud. Dass die Olivenbäume auch unter Gewalt und Schikane geerntet werden, ist Sumud.
Widerstands-Sumud
Widerstands-Sumud ist sehr oft konstruktiv. Ein gutes Beispiel sind die ehrenamtlichen Kliniken, die palästinensische Ärzte in den 1980er Jahren in vielen Dörfern einrichteten und betrieben.
In Bezug auf Youth Against Settlements (YAS) fallen mir in diesem Zusammenhang der Kindergarten ein, den sie in einem Haus eingerichtet haben, das die Siedler übernehmen wollten. (Sie haben ihn klandestin eingerichtet und wirklich alles dafür reingeschmuggelt!) Oder das Kino, das derzeit im oberen Stockwerk des Sumud-Zentrums entsteht. Und ihr Programm, Palästinenser systematisch mit Kameras auszustatten und in medienwirksamer und gerichtsfester Dokumentation von Armee- und Siedlergewalt zu schulen.
Gewaltfreier ziviler Ungehorsam
Auch Generalstreiks, Boykotte und Demonstrationen sind in Palästina eng mit dem Konzept des Sumud verbunden.
Diese Version des Sumud kam während der Ersten Intifada (1987–1993) voll zum Ausdruck, deren Schwerpunkt darauf lag, sich von der Abhängigkeit von Israel zu befreien, indem man die Zusammenarbeit verweigert und unabhängige Institutionen aufbaut.
Händler im Gazastreifen und im Westjordanland schlossen ihre Geschäfte. Palästinensische Frauen begannen zuvor unbewirtschaftetes Land zu bebauen, um die Abhängigkeit von israelischen Produkten zu schmälern. Palästinenser eröffneten Untergrundschulen, um auf die Schließung von 900 Bildungseinrichtungen in den besetzten Gebieten durch Israel zu reagieren. Die Palästinenser weigerten sich flächendeckend Steuern zu zahlen.
Im September und Oktober 1989, als Israel versuchte, die Intifada niederzuschlagen, wurden Steuerrazzien durchgeführt, bei denen israelische Streitkräfte und Steuerbeamte in eine Stadt einmarschierten und mit Millionen von Euro an Ersparnissen, Waren und Haushaltsgegenständen wieder abzogen. Persönliche Gegenstände, Möbel, Fabrikmaschinen und Autos wurden beschlagnahmt.
Wegen des brutalen Niederschlagens des gewaltfreien palästinensischen Widerstands durch die Israelische Armee setzten damals leider immer mehr Palästinenser auf militanten Widerstand – der dann die Wahrnehumg der Ersten Intifada in den westlichen Medien bestimmte.
Die Worte einer Ärztin aus Gaza
Am Ende der Operation „Guardian of the Walls“ 2021, dem letzten Gazakrieg vor dem Genozid, sagte eine Ärztin aus Gaza zur israelischen Journalistin Amira Hass:
„Jetzt sind wir wieder zu Hause. Ich war so glücklich, in den Garten und zu unseren Tauben zurückzukehren. Sie sind nicht gestorben, obwohl wir sie vier Tage lang nicht gefüttert hatten. Wie wir kennen auch sie die Bedeutung von Sumud (Standhaftigkeit) … Generation für Generation dauert die Nakba (Katastrophe von 1948) an. Wohin wir auch gehen, die Juden verfolgen uns. Aber sie werden uns nicht auslöschen, das ist unmöglich. Das müssen sie verstehen. Wir sind keine (amerikanischen) Indianer. Wir werden bleiben und uns vermehren. Und wir werden auch nicht vergessen … Wir glauben nicht an Parteien, [nicht] an die Hamas oder die Fatah. Die können zur Hölle fahren. Aber wir glauben an Gott, an unser Volk, an unser Land, an unsere Heimat.“
Der Olivenbaum ist über 2400 Jahre alt und damit der älteste , den E. in seinem Hain besaß. Er könnte in einer Höhle im Stamm schlafen, vor deren Eingang er sitzt.
Das Bild haben wir im Januar 2018 aufgenommen. Inzwischen ist Edris gestorben und der Olivenbaum schräg unterhalb des Sumud-Zentrums von Siedlern abgebrannt – zusammen mit den anderen alten Olivenbäumen auf dieser Terrasse. Die Aktivisten von YAS und die Nachbarn konnten immerhin das Übergreifen des Feuers auf andere Olivenbäume auf Terrassen darüber und darunter verhindern.
Der Donnerstag (16. Oktober) verläuft weitgehend unauffällig. Drohnen, Soldaten und Siedler, aber nichts davon betrifft uns und das Sumud-Zentrum direkt. Die Deutsche Botschaft in Tel Aviv schickt ihrer Beschwerde in unserer Sache ans israelische Außenministerium eine Erinnerung hinterher, weil die Israelis sich mit ihrer Reaktion so viel Zeit lassen. Das scheint in Diplomatenkreisen unüblich zu sein.
Am späten Nachmittag erfahren wir dann von Issa Amro, dass das Haus zum geschlossenen Militärgebiet erklärt wurde (Closed Military Zone). Schon wieder! Dieses Mal bis 17:00 Uhr des folgenden Tages. – Also müssen wir wieder einmal dafür sorgen, dass wir von den Soldaten nicht gesehen werden. Nur die hier gemeldeten Bewohner des Hauses dürfen hier sein.
Breaking the Silence
Am Freitagmittag besucht dann eine geführte Gruppe von Breaking the Silence das Sumud-Zentrum. Zwölf jüdisch israelische Student*innen, die von Yehuda Shaul eine Führung durch die Geisterstadt von Hebron bekommen. – Zunächst will der Soldat, der plötzlich vor der Tür steht, sie nicht ins Haus lassen, weil es ja eine „closed military zone“ ist. Dann läßt er sie doch durch. Vermutlich, weil es alles jüdische Israelis sind, weil die Tour angemeldet ist, und sie eine offizielle Gemehmigung haben.
Viele der israelischen Studenten scheinen zum ersten Mal in ihrem Leben einem Plalästinenser zuzuhören. Ihm wirklich zuzuhören, was er erlebt hat, was Besatzung und Apartheid für ihn bedeuten.Anschließend brechen wir (wortwörtlich) das Brot miteinander, die Israelis stellen Fragen, und Izzat antwortet.Als die Gruppe aufbricht, nutzen bina und ich die Gelegenheit für ein Promi-Selfie mit Yehuda Shaul. Dem Gründer von Breaking the Silence.
Olivendiebstahl
Etwa eine halbe Stunde später ist plötzlich Alarm. Soldaten an der Tür, mindesten 6 Mann.
Mohammad Amro und Izzat haben die Polizei angerufen, weil Siedlerkinder Oliven von den Bäumen der palästinensischen Nachbarn stehlen. Statt der Polizei kommt die Armee, welche den beiden nicht glaubt. Aber sie haben es gefilmt:
Natürlich lassen die Soldaten die Siedlerkinder unbehelligt. Statt dessen erklären sie den Olivenhain vor dem Sumud zur „Closed Military Zone“ und nehmen Mohammad und Izzat mit. Die Siedlerkinder feixen sich derweil einen.
Zum Glück werden Mohammad und Izzat nur zum Checkpoint geleitet und aus der Geisterstadt rausgeschmissen. (Eigentlich ist das illegal, weil sie ja hier im Haus gemeldet sind. – Aber so etwas wie Gesetze scheint die Soldaten hier schon lange nicht mehr zu interessieren.)
Mohammad (der andere Mohammad – der, den die Soldaten vor einer Woche krankenhausreif geprügelt haben) und wir verstecken uns im Haus, um nicht auch rausgeschmissen zu werden und das Sumud-Zentrum schutzlos zurück zu lassen.
Gegen 17:00 Uhr hören wir Schüsse (kurze Salven und Einzelschüsse). Wir vermuten, dass die Siedler in die Luft schießen, damit ja kein Palästinenser den Kopf rausstreckt, während sie deren Oliven klauen. Denn die Überwachungskamera über dem Eingang des Sumud-Zentrums zeigt, wie sie die Oliven von den Bäumen direkt vorm Eingang stehlen. – Zumindest zum Teil. Denn sehr weit kommen sie nicht, weil kurz danach der Shabbat anfängt. Und da ist alle Arbeit verboten. Einschließlich des Stehlens von Oliven.
Blinder Fleck deutscher Medien
Dadurch, dass wir deutschsprachige, englischsprachige und zum Teil (mit Übersetzungsprogramm) hiesige Medien verfolgen, fällt uns auf, wie groß der Blinde Fleck ist, den deutsche Medien in Bezug auf Israel haben.
Ich nenne hier nur zwei Beispiele, für die ich als Quelle The Guardian anführen kann. Meiner Meinung nach, eine der besten und vertrauenswürdigsten Zeitungen der Welt.
Israel erschießt trotz Waffenstillstand Zivilisten: Am Montag, dem 13. Oktober, war in deutschen Medien zu Recht viel über die 20 Geiseln zu lesen, die die Hamas an diesem Tag frei gelassen hat. Aber es war nichts darüber zu erfahren, dass die Israelische Armee alleine am Vormittag mindestens 10 Zivilisten im Gazastreifen erschossen hat. In zwei separaten Vorfällen hat Israels Militär 6 Menschen erschossen, die ihm zu nahe kamen. Und 4 Menschen wurden von einer Drohne erschossen, als sie bei der Rückkehr ihre Häuser inspizierten. [Quelle]
Man stelle sich die Bereichterstattung vor, wenn die Hamas trotz Waffenstillstands 10 israelische Zivilisten erschossen hätte!
Hinweise auf Folter & Hinrichtung palästinensischer Gefangener: Israel gibt für jede Leiche einer Geisel, die die Hamas zurückgibt, 15 Leichen von palästinensischen Gefangenen zurück. The Guradian schreibt über die ersten 90 palästinensischen Leichen die übergeben wurden (Deepl-übersetzt):
„„Fast alle hatten verbundene Augen, waren gefesselt und hatten Schusswunden zwischen den Augen. Fast alle waren hingerichtet worden“, sagte Dr. Ahmed al-Farra, Leiter der Kinderabteilung des Nasser-Krankenhauses.
„Es gab auch Narben und verfärbte Hautstellen, die darauf hindeuten, dass sie vor ihrer Ermordung geschlagen worden waren. Es gab auch Anzeichen dafür, dass ihre Leichen nach ihrer Ermordung misshandelt worden waren.““ [Quelle]
Die Angaben der Krankenhäuser und Ärzte in Gaza haben sich in den vergangenen Gaza-Kriegen immer als sehr zuverlässig erwiesen!
VORSICHT: Der Link am Ende dieses Absatzes führt zum Foto einer der von Israel zurückgegebenen Leichen eines palästinensischen Gefangenen. Man sieht die Abdrücke der Kabelbinder an Hand- und Ellenbogengelenken, die Augenbinde hängt noch um den Hals, Hautabschürfungen und ähnliches sind zu sehen. Ein Bild das Alpträume macht. Hier der LINK!
The Guardian schreibt dazu: „The graphic images, seen by the Guardian, show bodies with plastic restraints visible around their wrists, consistent with being bound before death. Photos depict prisoners who appear beaten, bruised and blindfolded, with fabric still wrapped tightly around the heads of some of the deceased. The release of the photographs follows earlier Guardian reporting in which Palestinians freed from Israeli prisons described severe mistreatment, including beatings, binding and exposure to extreme conditions during detention“
Heute wurde Mohammad Natschi auf Dauer („for ever“) aus der Hebroner Geisterstadt verbannt!
Das ist für das Sumud-Zentrum ernst und gefährlich. Denn Mohammad ist die Person, die fast jeden Tag rund um die Uhr im Sumud-Zentrum war. Er ist hier gemeldet. Und wenn Issa weg war, um Öffentlichkeitsarbeit zu machen, um Politiker zu treffen und so weiter, dann war Mohammad hier und hat das Haus bewacht. Das hat er schon vor dem 7. Oktober 2023 gemacht. Aber insbesondere danach war er ein wichtiger Grund, warum das Haus bisher trotz allem überlebt hat.
Am 7. Oktober 2023 ist Mohammad Natschi genau wie Issa Amro von Siedlern und Soldaten entführt und stundenlang gefoltert worden. Und in diesem Jahr ist er am Jahrestag seiner Folter von Soldaten mitgenommen, zusammengeschlagen und auf der Straße liegen gelassen worden. Wir berichten davon im Beitrag „Überfälle von Soldaten und Siedlern“.
Issa Amro war heute eine Stunde lang mit Mohannad am Checkpoint, um zu erreichen, dass sie ihn reinlassen. Aber es war nichts zu machen! Die Entscheidung kam von ganz oben, vom „Hebron District Command“. Ohne Angabe einer Begründung oder einer Rechtsgrundlage.
Noch gestern Abend hat Issa mit uns darüber geredet, dass die Soldaten die Aktivisten von YAS gezielt schikanieren und versuchen, sie aus der Geisterstadt und dem Sumud-Zentrum heraus zu halten. Um ihn und das Haus zu isolieren und verwundbar zu machen. Die heutige Verbannung von Mohammad Natschi gibt ihm offensichtlich Recht. Und das ist für ihn, YAS und das Sumud-Zentrum wirklich gefährlich.
Die Siedler haben in beiden Fällen vom Rande ihrer Terrasse hinter dem Sumud-Zentrum aus die Strom-Hauptleitung kurzgeschlossen. Die Stelle, an der sie es gemacht haben, ist von ihrer Terrasse aus gut mit einer Stange zu erreichen. Ja, von der Terrasse aus, auf der rund um die Uhr immer mindestens ein Soldat Wache schiebt. Von uns aus war das aber nur einsehbar von einem Bereich, den man kaum betreten kann, weil einen dann sofort der Wachsoldat im Blick hat, bedroht und verscheucht.
Sie haben Kurzschlüsse verursacht. Und weil es dreiadriger Drehstrom ist, hat der Adernkontakt beim ersten Mal zu den Spannungsspitzen geführt, die unsere Geräte haben abrauchen lassen.
Es ist übrigens keineswegs das erste Mal, dass Siedler die Hauptstromleitung ihrer palästinensischen Nachbarn sabotieren. Einmal haben sie den Strom an vier Nächten in Folge ausfallen lassen: Immer durch Sabotage an derselben Stelle, direkt vor dem wachhabenden Soldaten! Oder zusammen mit dem Soldaten?
Habemus Visa!
Die Auskunft unserer Anwältin und des Deutschen Vertretungsbüros in Ramallah sind eindeutig: Unsere aktuellen Visa sind vom Widerruf unserer ETA-ILs nicht betroffen (Zumindest mit sehr, sehr großer Wahrscheinlichkeit…) Der Entzug der ETA-ILs verhindert nur, dass wir nicht wieder einreisen können, sobald wir einmal ausgereist sein werden.
Und sonst?
Alles ruhig, nur das Übliche: Heute Abend war mal wieder ein Trupp Soldaten an der Tür und wollte wissen, wer sich alles im Haus aufhält. Und es gab heute nur ein einziges Mal Drohnenalarm: Das ist ungewöhnlich wenig. Ach ja, und gestern war eine Delegation schwedischer Diplomaten mit einer Führung von Breaking the Silence da. Im Orient nichts Neues… 🙂
Die israelische Armee hat verkündet, dass die Olivenernte dieses Jahr im gesamten Gebiet Hebron-H2 komplett verboten sei. Hebron-H2 ist der Teil der Stadt Hebron, der vollständig unter Kontrolle der israelischen Armee steht. Er macht etwa ein Fünftel des Stadtgebietes aus, ist damit ca. 15 Quadratkilometer groß und enthält die Machpela, die israelischen Siedlungen, die UNESCO-Weltkulturerbe-Altstadt Kasbah sowie dicht besiedelte Nachbarschaften. Und vor allem auch viele kleine und große Olivenhaine.
Hunderte oder tausende Olivenbäume sind vom Ernteverbot betroffen.
Dies ist das dritte Jahr in Folge, in dem das israelische Militär die Olivenernte in H2 komplett verbietet. Eine gesetzliche Regelung unter diesem Apartheidsregime bestimmt, dass eine landwirtschaftlich genutzte Fläche an den Staat fällt, wenn der palästinensische Besitzer sie drei Jahre in Folge nicht beerntet. Der israelische Staat gibt die Fläche dann normalerweise an die Siedler, die vorher durch Gewalt und Schikane dafür gesorgt hatten, dass Palästinenser nicht ernten konnten. Für uns ganz offensichtlich geschieht das alles in Zusammenarbeit und mit Unterstützung des israelischen Staates und der Armee!
Die mehr als begründete Befürchtung ist natürlich, dass genau das hier beabsichtigt ist und passieren wird. YAS und einige betroffene Olivenbauern versuchen nun gerichtlich gegen das Ernteverbot vorzugehen. Da es hier aber keinen Rechtsstaat gibt – wie ein hoher deutscher Diplomat sich ausdrückte – werden die Erfolgsaussichten vor Gericht massiv vom Grad des internationalen Drucks abhängen.
Knafeh essen gehen 🙂
Am Donnerstagabend war das Sumud-Zentrum endlich einmal gut besetzt. Es waren relativ viele Aktivisten von YAS da, weil das Wochenende hier am Donnerstagabend beginnt. Darüber hinaus nahmen auch internationale Freiwillige aus den USA, Italien und Deutschland teil (wir selbst). Es ermöglichte uns eine kurze Auszeit zu nehmen, um im lebendigen Teil der Stadt Knafeh essen zu gehen.
binas Gesichtsausdruck sagt: „Ich will nicht auf das Foto warten! Ich will endlich essen!“ Während Michel solche Benimmregeln in seiner Gier offensichtlich ignoriert …„Problem im Stadtbild“? (Deutsche Debatte über Kanzler-Satz im Oktober 2025): Hier sind es die Siedler und Soldaten, die an diesem Abend – zum Glück – auf der anderen Seite der Checkpoints bleiben.
Nachtwachen 🙁
In der Nacht steht leider eine Nachtwache an, weil am späten Abend Siedler, die uns vor zwei Wochen angegriffen hatten, wieder auftauchen und ein halbes Dutzend von ihnen bis morgens um 5 Uhr, Party auf der Siedler-Terrasse direkt hinter dem Sumud-Zentrum machen. Die Terrasse, auf der der Wachsoldat postiert ist und von der aus man die Stromleitungen der palästinensischen Nachbarn so gut sabotieren kann.
Und auch kommende Nacht werden wir wieder Wache schieben. Obwohl Schabbat ist und es dann normalerweise ruhig bleibt. In dieser und in den folgenden Wochen wird in der Synagoge „Chaje Sara“ gelesen. Das ist der Teil des Alten Testaments, in dem Abraham die Doppelhöhle Machpela in Hebron für 400 Silberstücke als Erbbegräbnisstätte vom Hetiterfürsten Efron kauft (Genesis 23.1-25.18): Die Siedler neigen dazu, diesem Erbanspruch anschließend mit Gewalt Nachdruck zu verleihen.
Fun Fact zum Erbanspruch
Eine groß angelegte genetische Untersuchungen im Jahr 2023 ergab, dass die heute hier lebenden Palästinenser genetisch gesehen zu erstaunlichen 87% die Nachfahren der Menschen sind, die hier vor 4.400 Jahren lebten, also in der Bronzezeit, und deren Nachfahren hier immer gelebt haben. [Quelle: „The Genomic History of the Bronze Age Southern Levant“]
David Ben-Gurion (Israels erster Premierminister) und Yitzhak Ben Zvi (zweiter Präsident Israels), lagen also richtig, als sie im 1918 veröffentlichten Buch „The Land of Israel in the Past and the Present“ vermuteten:
Die palästinensischen Bauern stammen von alten jüdischen Bauern ab, den „Am ha’aretz” (Menschen des Landes), die nach den jüdisch-römischen Kriegen und trotz der darauf folgenden Verfolgung wegen ihres Glaubens, weiterhin das Land bewirtschafteten. Während die wohlhabenderen, gebildeteren und religiöseren Juden das Land verließen und sich den Zentren der Religionsfreiheit in der Diaspora anschlossen, konvertierten viele der Zurückgebliebenen zunächst zum Christentum und dann zum Islam.
Wenn unten in der Machpela also wirklich mumifizierte Leichen liegen, es sich dabei tatsächlich um Abraham und seine Familie handelte und man gentechnisch den nächsten noch lebenden Nachfahren ermitteln könnte: Dann wäre es nicht abwegig zu vermuten, dass dies ein palästinensischer Bauer aus der Gegend ist, der in diesem Jahr seine Oliven nicht ernten darf.