Am Donnerstag, dem 4ten Dezember, hat sich ein Soldat den falschen Moment ausgesucht um Issa zu schikanieren. Er wollte das bei den hiesigen Soldaten beliebte Spiel spielen: „Halte den Palästinenser für ein paar Stunden im Käfig des Checkpoints fest. Mit der Behauptung er sei nicht im System und du würdest ihn nicht kennen.“
Dumm für ihn, dass Issa in Begleitung des Knessetabgeordneten Ofer Cassif unterwegs war, den er törichter Weise gleich mit schikanierte:
Wobei der Soldat Issa natürlich kannte. Erst am Vortag hatte er ihn mit Namen angesprochen, als Issa mir zu Hilfe kam, weil eben dieser Soldat mir mein Smartphone abnehmen wollte.
Was er nicht darf!
Ich hatte eine Gruppe photographiert, die mit Izzat von YAS unterwegs war.
Was ich darf!
Ich habe das Bild dann trotzdem gelöscht. Nicht wegen des Soldaten! Sondern weil einige Israelis, die ich mit photographiert hatte, Angst hatten, dass sie Zuhause heftigen Ärger kriegen, wenn bekannt wird, dass sie mit Palästinensern reden. Das kann in Israel nicht nur zu „normalem“ Mobbing, sondern auch zum Verlust des Arbeitsplatzes und der Wohnung führen.
Der Soldat ist übrigens dafür bekannt, dass er gerne Palästinenser schikaniert. (Gestern, am Freitag, hat er direkt unter unserer Terrasse zwei Jungen, die das Pech hatten ihm zu begegnen, als er den Berg hoch kam, einfach den Weg nach Hause versperrt. Sie mußten einen Umweg nehmen und wir hoffen, sie sind gut bei ihrer Mutter angekommen.) Er hatte sich vermummt, weil er er auf gar keinen Fall „im Internet viral gehen will.“ [Zitat]
Tja: Dann soll er sich halt nicht vor laufender Kamera mit einem Knesset-Abgeordneten anlegen. Er musste sich auch relativ schnell geschlagen geben und Issa durchlassen. Anschließend haben wir gemeinsam auf unserer Terasse das Brot gebrochen (in dieser Weltgegend wortwörtlich), während eine Drohne so dicht über uns schwebte, dass ihr Gesumme wirklich nervig war.
Abschließend bat uns uns Ofer noch, mit ihm gemeinsam eine Nachricht an den Deutschen Botschafter in Tel-Aviv aufzunehmen. Dem sind wir gerne nachgekommen. (Diese Aufnahme ist nur der Beischuß mit unserem Handy. Die ordentliche Aufnahme hat Ofers Assistentin gemacht:)
Leider habe ich vergessen, dem Botschafter ausdrücklich für die gute konsularische Betreuung zu danken. Die machen eine prima Arbeit für uns.
Inzwischen hat die Botschaft in unserer Sache zwei offizielle Protestnoten und vier erneute Nachfragen an das israelische Außenministerium geschickt. Welches aber nur mit automatischen Eingangsbestätigungen „reagiert“ hat. Eigentlich ist das ein diplomatisches No-Go. Aber Israel scheint sich der deutschen Unterstützung halt sehr sicher zu sein. Stichwort: „Staatsräson“
Outopost, Siedler & Brand:
Outpost:
Gestern, am Freitag dem 5ten Dezember, wurden am neuen Outpost, der Siedlungserweiterung Flutlichter angebracht. Als nächstes rechnen wir damit, dass ein Zelt auftaucht. Das wäre das klassische Vorgehen.

Gewalttätige Siedler:
Seit gestern treiben sich hier auffällig viele als gewalttätig bekannte Siedler herum. Insbesondere Angehörige der Hilltop Youth.




Diese Beiden gehören auch der Hilltop Youth an und waren sowohl am nächtlichen Überfall am 8ten Oktober beteiligt, als auch am versuchten Brandanschlag auf uns und unser Haus am 29ten November (also vor genau einer Woche). Der Bruder des einen ist übrigens Soldat hier in Hebron.
Die drei Gestalten, die hier nachts um unser Haus schleichen, gehören ebenfalls zur Hilltop Youth:
Brand-(Anschlag?):
Pünktlich zum Ende es Shabbes, zu dem Zeitpunkt, wo es den jüdischen Siedlern wieder erlaubt ist, Feuer zu machen, brennt ein palästinensischen Haus in der Altstadt. Unserer Ortseinschätzung nach direkt am Rand des für die Palästinenser gesperrten Bereichs.



Beim letzten Brand dieser Art hatten die Aktivisten von YAS aus Erfahrung sofort darauf getippt, dass es ein Siedleranschlag ist, und Recht behalten.
Medienecho:
In der taz ist ein guter Artikel über Issa, das Haus und uns erschienen, in dem sogar dieser Blog verlinkt wurde:
Und der britische „The Independent“ hat ein gutes Video aus unserem Material zusammengeschnitten:
Beobachtungsschniepsel:
„Kleine“ Beobachtungen und Ereignisse aus den letzten Tagen:
- Der wachhabende Soldat auf der Siedlerterrasse hinter leuchtet abends aus Langeweile mit dem Ziel-Laser seines M16-MGs in die Fenster der benachbarten palästinensischen Häuser. Als Issa ihn zur Rede stellt, gibt er vor nicht zu verstehen, warum er damit bei den Nachbarn Panik auslöst. (Man stelle sich vor, wie er reagieren würde, wenn ein Palästinenser mit dem Ziel-Laser eines MGs in das Kinderzimmer SEINER Tochter leuchten würde.)
- Eines Abends ist plötzlich in der gesamten Stadt Ausgangssprerre. Niemand darf vor die Tür. Drei palästinensische Aktivisten sind für die Nacht bei uns gestrandet.
Der Grund: Am Checkpoint des Hauptzugangs der Stadt hat ein palästinensisches Auto einen israelischen Soldaten leicht verletzt. Die Armee behandelt jeden Unfall mit palästinensischer Beteiligung prinzipiell als Terroranschlag. Es wird eine Ausgangssperre über die ganze Stadt verhängt und alle Krankenhäuser der Stadt werden gestürmt und durchsucht. Der 17-jährige Fahrer wird später in der Nacht erschossen. Er ist unbewaffnet, war in die Berge gefahren und hat sich in seinem Auto versteckt.
Da der Soldat nur leicht verletzt ist und die Armee keine Videoaufnahmen veröffentlicht, vermute ich, dass es einfach ein Unfall war. Vielleicht ist der Palästinenser dem Soldaten über den Fuß gefahren. Auf jeden Fall haben die anderen Soldaten sofort das Feuer eröffnet.
Die Armee beschlagnahmt die Leiche. Sie beschlagnahmt prinzipiell alle Leichen von Palästinensern, die bei Auseinandersetzungen mit ihnen getötet werden, um zu verhindern, dass ihre Familien sie begraben können. Außerdem hat sie das Zelt gestürmt in dem die Familie, Freunde und Nachbarn nach der Tradition Trauer gesessen haben, hat das Zelt abgerissen und jede öffentlich sichtbare Trauer verboten. Auch das ist Standardvorgehen. - Auf der Terrasse hinter hält ein bärtiger alter Siedler eine Tirade auf Englisch. So laut, dass wir sie von der Hausecke aus verstehen können. Leider kann ich ihn wegen des Soldaten neben ihm nicht filmen. Es geht um Gaza:
„… rain hell on them! … don’t care they gave the hostages back, rain hell on them … Put all the kids in tunnels an let them starve to dead. … Yes: Genocide! Genocide! Amalek! Amalek! … (mit Geste auf unser Haus, die Nachbarn und die Stadt:) Kill! Kill! Kill all of them! …“
Die Palästinenser als „Amalek“ zu bezeichnen bedeutet, sie mit dem alttestamentarischen Volk der Amalekiter gleichzusetzen und den Völkermord an ihnen zu fordern, so konsequent und komplett wie möglich. Jeder Israeli kennt die entsprechende Stelle im alten Testament.
Samuel 15.3-11: „So zieh nun hin und schlag Amalek. Und vollstreckt den Bann an allem, was es hat; verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel. […] 9 Aber Saul und das Volk verschonten Agag und die besten Schafe und Rinder und das Mastvieh und die Lämmer und alles, was von Wert war, und sie wollten den Bann daran nicht vollstrecken; was aber nichts taugte und gering war, daran vollstreckten sie den Bann. 10 Da geschah des HERRN Wort zu Samuel: 11 Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe; denn er hat sich von mir abgewandt und meine Befehle nicht erfüllt. - Der Mann der auf dem folgenden Bild ist ein Nachbar und wurde letztes Jahr grundlos vor seinem Haus von einem Trupp Soldaten festgenommen. Seitdem braucht er eine Krücke.

