Samstag 6. Dezember 2025
In den letzten zwei Tagen haben sich die Anzeichen für eine bevorstehende Attacke dermaßen verdichtet, dass wir für die Nacht von Samstag auf Sonntag fest mit einem Angriff auf unser Haus rechnen.
Aus diesem Grund ist ein gutes halbes Dutzend Aktivisten von YAS zusätzlich ins Sumud-Zentrum gekommen und macht auf der Terrasse ein Lagerfeuer. Um die Stimmung hoch zu halten, und damit es von außen nach „im Haus ist viel los“ aussieht und riecht.

Um kurz nach 21:00 Uhr hören wir aus dem Tal einen infernalischen Lärm. Ein Dutzend oder mehr MG-Magazine werden auf einen Schlag leergeschossen. Alles rennt zur Terrassenkante. Nach wenigen Minuten gibt es in der palästinensischen Nachbarschaftsgruppe auf Whatsapp die ersten Informationen und ich schreibe in die Signal-Gruppe unseres Notfallnetzwerkes in Deutschland diese leicht seltsame Nachricht:
„Die Armee hat im kurz nach Neun unten vorm Checkpoint 56 ein Auto mit Kugeln durchsiebt. Nach derzeitigen Informationen zwei Palästinenser tot. Klang von hier oben wie ein XXL- Feuerwerk.
Jetzt ist hier Drohnenballett.
Issa sagt, heute Nacht bleibt es ziemlich sicher ruhig. Wenn sie jemanden umgebracht haben, sind sie mit Feiern beschäftigt.
Die Jungs rösten jetzt als zweiten Gang Maronen.“
Die Erleichterung der YAS-Aktivisten ist mit Händen zu greifen. Sie wissen aus Erfahrung, dass die Nacht für uns ruhig bleiben wird. Und sie behalten Recht. Der Rest des Abends ist eine entspannte Grillparty. Die Nacht bleibt tatsächlich ruhig.
Das ist makaber, aber hier Realität. Die Besatzungsarmee und die illegalen Siedler sind wie der böse Drache im Märchen, wenn er sein Jungfrauenopfer (palästinensisches Leben) bekommen hat,.Er ist vorerst besänftigt und das Dorf (Hebron) kann sicher schlafen (zumindest für eine Nacht).

Die Presseerklärung der Israelische Armee lässt keine Stunde auf sich warten: Zwei palästinensische Terroristen haben versucht mit einem Auto eine Rammattacke auf israelische Soldaten durchzuführen und wurden von diesen in Selbstverteidigung erschossen.
So wird es auch in allen israelischen Nachrichten berichtet. Dass die Armee dann Stück für Stück zurückrudern muss, findet keinen Niederschlag mehr in der Berichterstattung.
Noch in der Nacht muss die Armee zugeben, dass einer der beiden getöteten Palästinenser ein städtischer Straßenkehrer bei der Arbeit war, der das Pech hatte, die falsche Kreuzung zum falschen Zeitpunkg zu kehren. Kollateralschaden! Sein Name war Ziad Na’im Abdul-Jabbar Abu Doud. Er war 55 Jahre alt.

Das zweite Opfer heißt Ahmad Khalil Rajabi, wurde nur 20 Jahre alt und verdiente seinen Lebensunterhalt als Service-Fahrer. (Ein Service ist eine unreguliertes palästinensisches Sammeltaxi.)
Als immer mehr Videos des Vorfalls im Internet auftauchen, muss die Armee am kommenden Tag auch in Bezug auf den zweiten getöteten Palästinenser zurückrudern. Statt einer versuchten Rammattacke ist jetzt von einem Irrtum der Soldaten die Rede.
Das Auto ist offensichtlich nicht im Begriff, irgendetwas zu rammen. Es befinden sich auch keine Soldaten davor und in Lebensgefahr. Wir kennen die Straßenecke, an der das passiert ist, gut. Immerhin ist Checkpoint 56 der Ort, durch den wir die Geisterstadt verlassen, wenn wir in den lebendigen Teil der Stadt gehen. Hier halten auch die Services, mit denen wir auf dem Rückweg in den Stadteil Karantina fahren.
Die Soldaten befinden sich, bevor sie das Feuer auf das Auto eröffnen, hinter diesen Betonblöcken. Da rammt kein Auto durch!

Wir nehmen der Armee nicht ab, dass es ein Irrtum der Soldaten war. Es ist einfach zu offensichtlich, dass das Auto zu langsam und zu weit weg war und dass die Soldaten absolut sicher waren. Erst nachdem sie das Feuer eröffnet hatten, stürmten sie auf die Straße.
Unserer Meinung nach haben hier Siedlersoldaten ihre Ideologie in die Tat umgesetzt. Wir teilen die Einschätzung der Menschenrechtsorganisationen, die den Vorfall eine „field execution“, also „offene Hinrichtung“, bezeichnen.
Konsequenzen? Keine! Ein Freund schrieb uns: „Ich befürchte, dass die Soldaten jetzt 2 Wochen verschärftes Fernsehverbot erwartet!“ Man stelle sich einmal vor, Palästinensische Sicherheitskräfte hätten „irrtümlich“ einen israelischen Straßenkehrer und einen israelischen Taxifahrer aus sicherer Deckung heraus erschossen. – Das wäre in Deutschland in der Tagesschau. Und die Konsequenzen wären höllisch!
Danke Syltpunks!
Wir danken der Aktion Sylt für ihre Soldiarität mit dem gewaltfreien Widerstand gegen die Besatzung und mit uns!




Die Aktion Sylt organisiert jeden Sommer das Punker*innen-Camp auf Sylt.
Und Anfang August 2026 werden sie die letzte Station unserer großen Reise, unseres Sabbathjahres, sein.
