Schabbat „Chaje Sara“

Fr.-Sa. 14.-15. Nov.

An diesem Schabbat wird in der Synagoge der Abschnitt in der Tora gelesen, in dem Abraham die Doppelhöhle Machpela hier in Hebron vom Hetiterkönig Efron für 400 Silberstücke als Begräbnisstätte für seine Frau Sara und alle seine Nachkommen erwirbt. (Im Alten Testament, das ja textgleich mit der Tora ist, ist dies der Abschnitt Genesis 23.1-25.18.)

Aus diesem Anlass kommen jedes Jahr tausende Siedler und andere radikale Juden in die Stadt. Und der Ablauf ist immer gleich:
– Erst beten sie.
– Dann saufen sie.
– Dann randalieren sie.
(Um gegenüber den Palästinensern ihren Erbanspruch zu demonstrieren!)

Dieses Jahr regnet es zum Glück fast das ganze Wochenende durch. (Der Regen oszilliert zwischen sintflutartig und irischem Niesel.) Daher bleibt es aus Sicht der Palästinenser relativ ruhig. – Im Klartext heißt das: Es gibt nur 4 etwas größere Siederangriffe auf das Haus. Eine am Freitagabend und 3 am Samstag über den Tag verteilt.

Im Prinzip laufen die Angriffe alle gleich ab:
– 2 bis 3 Dutzend Siedler rotten sich um das Haus zusammen.
– Sie ergehen sich in obszönen Beleidigungen und Gesten.
– Es kommt zu Steinwurfwellen von mehreren Seiten auf das Haus.
– Mindestens einer von ihnen versucht, die Vordertür einzurammen, indem er sich mit voller Wucht dagegen wirft.

Ich habe nur den Nachspann des ersten Angriffs am Freitag Abend gefilmt. Als ich mit meiner extra-starken Stirnlampe durch den Zaun geleuchtet habe, haben sie ihren Angriff abgebrochen. Die Handykamera habe ich erst einig Sekunden (eine gefühlte Ewigkeit) später angemacht. Man sieht nur ihren Rückzug und hört noch einen einzelnen Stein einschlagen, der von der anderen Seite der Terrasse reinkommt:

Ansonsten gab es haufenweise einzelne mehr oder weniger Betrunkene, die einzelne Steine oder Beschimpfungen auf uns warfen.

Insgesamt haben uns, meiner Hochrechnung nach, mindestens 50 Siedler gegen die Eingangstür oder die Hauswand daneben gepinkelt. Leider standen sie meist so dicht, dass ich sie nicht filmen konnte. Aber diese Beiden, standen weiter weg, so dass ich sich gut aus der Deckung heraus drauf bekommen habe:
(Den Zweiten, der uns direkt vor die Tür pinkelt, sieht man ab Sekunde 9 gut.)

Und die Soldaten? Die lassen die Palästinenser (Männer, Frauen, Kinder) am Samstagabend für über mehr als drei Stunden am Checkpoint im sintflutartigen Regen stehen. Ohne ersichtlichen Grund, außer dass sie es halt können.

Hinterlassene Spuren:

Als wir nach dem Wochenende das erste Mal aus dem Haus gehe, fallen uns die folgenden Graffiti auf. Die Palästinenser weisen uns aber darauf hin, dass einige davon schon seit Jahren existieren, und sie von den Soldaten geschützt und von den Siedlern immer wieder „restauriert“ werden.

Außerdem befindet sich die im nächsten Bild zu sehende „Leine“ am Stromkabel neben unserem Haus. Wir vermuten, dass hier Saboteure am Werk waren und gestört wurden. Es müssen Auswärtige gewesen sein, welche die „gute“ Stelle für solche Sabotageakte nicht kennen. – Die liegt weiter links, außerhalb des Bildes und des von uns gefahrlos von der Terrasse einsehbaren Sichtbereiches.

Lagerfeuer & Barbecue:

Mo. 17. Nov.

Am Montagabend wird es lustig auf der Terrasse. Wir haben Besuch. Zwei Frauen, die als internationale bei einer Frauenrechtsorganisation arbeiten sind zu Besuch. Dazu ein Schotte, der Techno-DJ ist, in London lebt und seine palästinensische Begleitung. Und natürlich die üblichen Aktivisten von YAS!

Erst gibt es ein Lagerfeuer.
Dann wird dieses in einen Grill verwandelt – oder besser eine Art WOK-Herd.
Und aus dem Gegrillten wird schließlich wird ein Stehbuffet gezaubert.

Nur das „Bavaria-Apfel-Bier“ wirft einen Schatten auf diesen Abend. Das ist ein alkoholfreies Bier mit Apfelgeschmack in PET-Saftflaschen, das die hiesigen Muslime Deutschen und Schotten anbieten, weil sie wissen, dass wir Bier trinken. Das Zeug ist eine Kriegserklärung an jede Bierkultur und das Bayrische Reinheitsgebot. Und dann heißt es auch noch Bavaria! Dabei brauen die palästinensischen Christen so ein gutes Bier: Das Taybeh!

Kindergärten als Widerstand

Eine Form des Sumud, des Widerstandes den die Aktivisten von YAS leisten, ist die Eröffnung von zwei Kindergärten in der Geisterstadt. Der erste wurde 2013 eröffnet, der andere 2021. In beiden Fällen wurde dadurch nicht nur das Leben der palästinensischen Familien hier verbessert. Sie haben auch den Siedlern die Häuser direkt vor der Nase weggeschnappt, in denen sie neue Außenposten errichten wollten.

Dazu mußte alles, vom Kinderstuhl bis zur Wippe, an den Soldaten und Siedlern vorbei geschmuggelt werden. – Widerstand braucht Phantasie!

Am Mittwoch besuchen wir den neueren der beiden Kindergärten.

Der Spielbereich vorm Haus sieht wegen der Schutzgitter gegen Steinwürfe aus wir der Hofgangbereich eines Hochsicherheitsknastes. (Stammheimfeeling!)
Der Spielbereich hinter dem Haus ist zwar kleiner, dafür aber weniger knastartig. (Bis auf den Natodraht auf dem Zaun.)
Das aktuelle Thema der Kinder ist Olivenernte. – Zum Glück die Märchenversion ohne Siedler und Soldaten!
Und vor ein paar Jahren ging es offensichtlich um: Ich pflanze einen Olivenbaum.

Die Aktivisten von YAS bezahlen bei ihrem Besuch Kindergartengebühren für zwei Kinder aus armen Familien und nehmen eine Liste mit Dingen auf, die Gebraucht werden. Das geht von einer Reparatur der Wippe (Wer auf dem Bild genau hinsieht, erkennt dass sie kaputt ist.), bis zum Wunsch nach einem Mikrophon mit Lautsprecher für Kinder-Karaoke.

Luft holen in der Altstadt

Anschließend gehen wir in die Altstadt, um unter Menschen zu kommen und Luft zu holen.

Einkaufen wie in 1001-Nacht! – So geht Event-Shopping!
Als wir mit Tee und Wasserpfeife in unserem Lieblings-Teehaus sitzen, können wir Horden von Kindern beobachten, die Ticken spielen oder Fußball oder Murmeln. – Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ich Kinder mit allem Ernst Murmeln spielen sehe.

Cat-Content

Lilith nutzt Michels Hals als Schlafkissen.

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