Testballon-Attacken
Mittwoch-Samstag, 5.-8. November
Die letzten Tage waren bis auf die üblichen unregelmäßigen kleinen Attacken der Siedlerkinder relativ ruhig. Die Kinder werden anscheinend von ihren Eltern angehalten, hin und wieder ein paar Steine auf das Haus zu schmeißen oder kräftig am Zaun zu rütteln. Das sind Testballons, um zu sehen ob jemand da ist. Die Aktivisten von YAS sagen, wenn niemand reagiert, dann holen sie die Erwachsenen, welche dann versuchen in das leere Haus einzusteigen und möglichst viel Schaden anzurichten.
Olivenernte in Wadi Fukin
Samstag-Sonntag, 8.-9. November
Am Samstagnachmittag bekommen wir die Anfrage, ob wir bereit sind, sonntagfrüh nach Wadi Fukin zu fahren, um dort für 2 bis 6 Tage bei der Olivenernte zu helfen.

Natürlich sagen wir zu! Sonntag schleichen wir uns mit möglichst leichtem Gepäck und möglichst unauffällig aus der Hebroner Geisterstadt. Draußen werden wir von unserem Fahrer abgeholt.
Hebron-H1 ist ein wenig wie West-Berlin. Die Stadt ist vollkommen von Mauern und Zäunen umgeben und man kommt nur über wenige „Grenzübergänge“ in die Stadt hinein oder heraus. (Das Selbe gilt für alle von der palästinensischen Automieverwaltung kontrollierten Städte im Westjordanland. Sie liegen wie Inseln im vollständig israelisch kontrollierten C-Gebiet, welches 61% des Westjordanlandes ausmacht.)


Kaum sind wir durch den Checkpoint durch, kommt ein Anruf aus Wadi Fukin: Als sie morgens zu ihren Olivenbäumen gehen wollten, um zu ernten, sind sie von Siedlern aus Betar Illit beschossen worden. Die Armee hat darauf hin die Olivenernte in dem Dorf verboten. Sie sind alle sicher zurück im Dorf und versuchen jetzt vor Gericht eine Erntegenehmigung zu erklagen. (Nun gibt es hier aber keinen Rechtsstaat, hohe deutsche und andere EU-Diplomaten uns mehrfach einhellig gesagt haben.)
Der Vorfall in Wadi Fukin schafft es nicht einmal hier vor Ort in die Nachrichten oder auch nur in die Instagram-Newsfeeds der Aktivisten, weil es einfach zu viele schlimmere Angriffe von Siedlern und Soldaten auf die Olivenernte gibt, und auf palästinensische Familien, auswärtige Unterstützer*innen und Journalist*innen. Ein Überfall ohne ernsthaft Verletzte oder einem guten Video wird in dieser Flut von Angriffen nicht einmal hier vor Ort noch ernsthaft wahrgenommen.
Das folgende Video ist ein Zusammenschnitt, den die Gruppe „Rabbies for Human Rights“ aus den Bildern gemacht hat, die sie selber an den letzten drei Schabbaten (den letzten drei Samstagen) gemacht haben. – Die anderen Tage der Wochen waren auch gewalttätig, aber der Schabbat ist für Rabbiner natürlich besonders wichtig. Und es gab viele Angriffe, bei denen die Rabbies for Human Rights nicht vor Ort waren.
Zur unterlegten Musik schreiben die Rabbiner: “Shalom Aleichem,” the traditional hymn sung to welcome Shabbat — a prayer inviting angels of peace into our homes.
Tatort des Brandanschlages
Wir drehen also um, fahren zurück nach Hebron, und wenn wir schon mal aus der Geisterstadt verlassen, dann nutzen wir den Tag auch.
Zuerst besichtigen dort den Ort des Brandanschlages, dessen Rauchwolken wir während der Nachtwache von Montag auf Dienstag von der Terrasse aus gesehen hatten. (Siehe letzter Blogeintrag!)
Die Aktivisten von YAS hatten mit ihrer auf Erfahrung basierenden Vermutung, dass es Brandstiftung durch Siedler war, recht.


Die nächsten Bilder sind nicht von uns, sondern von Aktivisten des „International Solidarity Movement (ISM)“:


ich wünschte, ich hätte so rosa zauberglitzer, den ich über dem land ausstreuen könnte und alle würden zur vernunft kommen.
Wohlfühlstunden
nun haben wir einen ganzen tag zeit und setzen uns erst mal in ein cafè auf tee und argila.
wir werden immer noch mit vielen blicken bedacht, denn wir sind gefühlt die einzigen europäer ganz hebron. frauen schauen uns oft verstohlen, aber manchmal auch ganz offen an und wenn ich lächele oder winke, kommt ein lächeln oder winken zurück.
ein alter mann kommt vorbei und legt jedem gast an den tischen einen bonbon hin, quatscht ein bisschen mit den männern am nebentisch und geht weiter.

bei dem souvenierhändler, den die jungs vom YAS auf ihren touren immer ansteuern, sitzt in der ecke ein freund des ladenbesitzers, der ganz wunderbar alte palästinensische volkslieder zu singen weiß. sie klingen wunderschön und natürlich singen auch wir etwas.
zu unserer überraschung hängt über der tür zum hinterzimmer eine irische fahne, daher gibt es von uns irisches zu hören.
‚ich liebe irland‘ sagt der händler. eine nachfrage bleibt unbeantwortet – leider – weil wir uns traditionelle kleidung für ein foto anziehen sollen.




dieser ort ist mitten in der stadt eine kleine saubere oase zwischen verkehrskollaps, händlergeschrei und müllbergen. jugendliche treffen sich hier nach der schule oder uni, alte leute machen pause von ihren einkaufstouren, die frauen deponieren ihre großen tüten bei ihren männern oder umgekehrt. man holt sich am kiosk ein getränk und ergeht sich.
Schüsse in der Nacht
In der Nacht auf Montag halten wir wieder Nachtwache (und schreiben diesen Blogbeitrag).
Gegen halb zwei sind in der Ferne (vermutlich 1km bis 2km entfernt) wieder mal Maschinengewehre zu hören. Einzelne Feuerstöße, Salven, diesmal ein längeres Gefecht von fast einer Viertelstunde. Kurz darauf aus der entgegen gesetzen Himmelsrichtung noch einmal kurz Schüsse. Dann ist es den Rest der Nacht ruhig.
Wir haben das jetzt schon öfter erlebt und wundern uns, wie unspektakulär Maschinengewehre klingen, zumindest aus der Distanz. Hollywood ist vom Sound her deutlich spektakulärer als die Realität.
Car-Content
Statt mit Cat-Content enden wir dieses Mal mit Car-Content:


Eine Antwort auf „Versuchte Olivenernte“
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