Verbannung, Sabotage, Visa

Mohammad verbannt!

Heute wurde Mohammad Natschi auf Dauer („for ever“) aus der Hebroner Geisterstadt verbannt!

Das ist für das Sumud-Zentrum ernst und gefährlich. Denn Mohammad ist die Person, die fast jeden Tag rund um die Uhr im Sumud-Zentrum war. Er ist hier gemeldet. Und wenn Issa weg war, um Öffentlichkeitsarbeit zu machen, um Politiker zu treffen und so weiter, dann war Mohammad hier und hat das Haus bewacht. Das hat er schon vor dem 7. Oktober 2023 gemacht. Aber insbesondere danach war er ein wichtiger Grund, warum das Haus bisher trotz allem überlebt hat.

Am 7. Oktober 2023 ist Mohammad Natschi genau wie Issa Amro von Siedlern und Soldaten entführt und stundenlang gefoltert worden. Und in diesem Jahr ist er am Jahrestag seiner Folter von Soldaten mitgenommen, zusammengeschlagen und auf der Straße liegen gelassen worden. Wir berichten davon im Beitrag „Überfälle von Soldaten und Siedlern“.

Issa Amro war heute eine Stunde lang mit Mohannad am Checkpoint, um zu erreichen, dass sie ihn reinlassen. Aber es war nichts zu machen! Die Entscheidung kam von ganz oben, vom „Hebron District Command“. Ohne Angabe einer Begründung oder einer Rechtsgrundlage.

Noch gestern Abend hat Issa mit uns darüber geredet, dass die Soldaten die Aktivisten von YAS gezielt schikanieren und versuchen, sie aus der Geisterstadt und dem Sumud-Zentrum heraus zu halten. Um ihn und das Haus zu isolieren und verwundbar zu machen. Die heutige Verbannung von Mohammad Natschi gibt ihm offensichtlich Recht. Und das ist für ihn, YAS und das Sumud-Zentrum wirklich gefährlich.

Es war Sabotage!

Die beiden Stromausfälle, über die wir inm letzten Blogeintrag berichten, waren doch Sabotage!

Die Siedler haben in beiden Fällen vom Rande ihrer Terrasse hinter dem Sumud-Zentrum aus die Strom-Hauptleitung kurzgeschlossen. Die Stelle, an der sie es gemacht haben, ist von ihrer Terrasse aus gut mit einer Stange zu erreichen. Ja, von der Terrasse aus, auf der rund um die Uhr immer mindestens ein Soldat Wache schiebt.
Von uns aus war das aber nur einsehbar von einem Bereich, den man kaum betreten kann, weil einen dann sofort der Wachsoldat im Blick hat, bedroht und verscheucht.

Sie haben Kurzschlüsse verursacht. Und weil es dreiadriger Drehstrom ist, hat der Adernkontakt beim ersten Mal zu den Spannungsspitzen geführt, die unsere Geräte haben abrauchen lassen.

Es ist übrigens keineswegs das erste Mal, dass Siedler die Hauptstromleitung ihrer palästinensischen Nachbarn sabotieren. Einmal haben sie den Strom an vier Nächten in Folge ausfallen lassen: Immer durch Sabotage an derselben Stelle, direkt vor dem wachhabenden Soldaten! Oder zusammen mit dem Soldaten?

Habemus Visa!

Die Auskunft unserer Anwältin und des Deutschen Vertretungsbüros in Ramallah sind eindeutig: Unsere aktuellen Visa sind vom Widerruf unserer ETA-ILs nicht betroffen (Zumindest mit sehr, sehr großer Wahrscheinlichkeit…) Der Entzug der ETA-ILs verhindert nur, dass wir nicht wieder einreisen können, sobald wir einmal ausgereist sein werden.

Und sonst?

Alles ruhig, nur das Übliche: Heute Abend war mal wieder ein Trupp Soldaten an der Tür und wollte wissen, wer sich alles im Haus aufhält. Und es gab heute nur ein einziges Mal Drohnenalarm: Das ist ungewöhnlich wenig.
Ach ja, und gestern war eine Delegation schwedischer Diplomaten mit einer Führung von Breaking the Silence da. Im Orient nichts Neues… 🙂

{Text behutsam redigiert von vS}

Stromausfälle und Ausflug

Sonntag-Dienstag (19.-21.10.)

so langsam schleicht sich hier eine art routine ein.

es ist klar, wer wann in etwa kommt und unser haus mit beschützt. mohammad bringt immer irgendwas vom laden mit. meist pita, weil mittlerweile klar ist, dass wir dies wunderbare brot quasi wegatmen. aber auch kleine quarkpuddings, die wie ein pflaster für unsere eigentlich dauerhaft angespannten nerven sind.
und wenn wir auch manchmal das gefühl haben, wir machten mehr mühe als dass wir nützlich wären, sind das die kleinigkeiten, die uns zeigen, dass wir gern gesehen und unsere anwesenheit hier für die palästinenser wertvoll ist.

wir machen oft keine richtigen nachtwachen, trotzdem klingelt der wecker um 01.00h und wir sind bis 03.00h halbwegs wach, falls wir nächtlichen besuch bekommen. wir schlafen halb angezogen, sicherheitshalber. aber es bleibt ruhig.

tagsüber sitzen wir viel auf unserer bank an der hauswand (nur bei drohnenalarm gehen wir schnell rein), ich wasche ein paar sachen durch oder scheuere die küchenschränke aus, die es dringend nötig haben.

Was für eine Nacht!

der wassertank auf dem dach war leer und es läuft nun den halben tag lang bis in die nacht hinein eine pumpe auf der terrasse unter unserem fenster. zudem neigt sich das gas dem ende zu und wir müssen damit ein bisschen sparen. die küche bleibt kalt. wir sind gespannt, wie ersatz herangeschafft wird (wie sich später herausstellt: ganz einfach, die 2. flasche auf der treppe ist noch voll!). irgendwann macht mohammad die pumpe aus und wir hören vom dach wasser tröpfeln und rinnen (er hat wohl zu viel reingepumpt).

um 01.00h klingelt wie gewohnt unser wecker und dann fängt gegen 02.00h das licht an zu flackern. die kabelverbindungen britzeln und beginnen zu rauchen, genau so wie eine steckdose und die neonröhre in unserem zimmer. dann gibt es ein paar funken und alles ist dunkel.
na klar, kurzschluß wegen des rinnenden wassers, denken wir erst, aber letztlich sind es spannungsschwankungen, wie wir sie in deutschland nicht kennen. zwei ladekabel schmoren durch und eine der neonröhren im zimmer. gott sei dank haben wir keine geräte zum aufladen am kabel.

aber im sekundentakt piept der stromzähler neben uns im flur und meldet fehler.
der schlaf bleibt dünn.

Sabotage der Hauptstomleitung?

So, 19.10:
tagsüber haben wir dann wieder elektrizität, aber mit dem laden von unseren geräten sind wir mehr als vorsichtig und lassen sie derweil nicht unbeaufsichtigt.

eine attacke oder sabotage durch die siedler oder so? eher nein, sonst hätten wir in der nacht noch ‚besuch‘ bekommen. außerdem ist hier in der geisterstadt und in H2 alles irgendwie improvisiert. hinein dürfen nur palästinensische menschen, die hier gemeldet sind: nur mit glück wohnt hier auch ein handwerker. deshalb sind die leute von YAS auch so wichtig und willkommen, denn sie helfen den menschen im alltag und bei reparaturen.
es würde uns wundern, wenn die stromleitungen irgendeiner norm entsprächen.

Fast jeder der Aktivisten von YAS hat ein anderes Handwerk gelernt. Als mobiler Reparatur- und Bautrupp wären die bei uns in Deutschland der Hammer!

in der nächsten nacht haben wir wieder keinen strom. diesmal sind aber keine schäden zu beklagen und hammad stellt auch den stromzähler stumm.

nicht nur unser haus ist dunkel. die palästinensischen häuser in der umgebung sind alle dunkel. nur der israelische wachposten auf dem haus nebenan hat wie üblich seine stadionbeleuchtung an und die siedler oberhalb von uns haben auch licht.

hammad vermutet, dass diesmal die palästinensische hauptstromleitung mutwillig gekappt wurde – von den üblichen verdächtigen …

Für diese Hypothese spricht auch, dass Siedler und Soldaten mitten in der Nacht bereitstehen, um Reparaturversuche der Palästinenser zu unterbinden.

Ausflug in die Stadt am Montag (20.10.)

trotz allem müssen wir heute in die stadt zum einkaufen. wir brauchen einiges. vor allem einen bankomaten.

über einen checkpoint hinaus zu kommen ist kein problem, eine kontrolle findet nicht statt. den weg dorthin bestreiten wir zügig. nur nicht unnötig aufmerksamkeit erregen.
dann der lärm der stadt, die vielen menschen, die farben, die gerüche, das chaos einer nahöstlichen stadt … wie gut das tut!
und auch die wärme. in der stadt ist es immer noch sehr warm, während bei uns oben ständig ein kühlerer wind weht.

michel kauft sich neue schuhe in einem größeren laden. zwei verkäufer überschlagen sich fast, beschäftigen einen dritten hinten im lager, ich werde auf einen hocker genötigt, es gibt erst mal kaffee. das am häufigsten verwendete wort ist : shwayy shwayy (langsam langsam, immer mit der ruhe).
michel findet was er braucht und zahlt umgerechnet unter 20 € für zwei paar schuhe.

eine drogerie macht mit uns ehrliche geschäfte und mich mit hautmilch glücklich, ein straßenhändler freut sich, dass er uns drei bund frischer pfefferminze verkaufen kann.
von einem hühnerfleisch-händler werden wir übers ohr gehauen, denn er nimmt uns für zwei größere packungen geschnittenes fleisch, was für die katzen sein soll, fast 20 € ab.
das lehrt uns VORHER nach dem preis zu fragen und dann auch weiter zu gehen, wenn wir nicht einverstanden sind.

vielleicht hätten wir doch eine gasse weiter auf dem hühnermarkt kaufen sollen …

in dem elektroladen ersteht michel eine weitere stirnlampe, die eher ein scheinwerfer ist. sie kostet 10 €.
dafür ist in dem kleinen lebensmittelladen, in den wir hineinschneien, der spendierte kaffee ausgesprochen lecker.

nun noch äpfel und limo und chips an verschiedenen ständen erstehen und die hiesigen, superleckeren erdnussflips. einen weiteren kaffee schenkt uns der souvenierhändler im shouk, wo wir unsere kuffiyyes kauften und jetzt auf einer bank davor sitzen.
wir sollten unsere favorisierten geschäfte nach der qualität ihres angebotenen kaffees aussuchen!

wir beschließen, durch den checkpoint an der machpela zu gehen. der wird von vielen touristen genutzt und auf touri machen können wir ja.
erst mal werden wir zusammen mit einem gehörlosen palästinenser eine halbe stunde davor stehen gelassen, bis die wachposten merken, dass nicht nur er da ist, sondern auch touristen.

Der Checkpoint an der Machpela (dem angeblichen Grab Abrahams und seiner Familie). Vor uns wartet ein Gehörloser auf Durchlass. Versucht auf sich aufmerksam zu machen. Aber die Soldat*innen machen sich einen Spaß daraus, ihn zu ignorieren.

sie lassen sich lediglich unsere pässe zeigen und wollen nur wissen, wohin wir wollen.
„zum bus richtung jerusalem.“ neiiiin, wir seien weder juden noch moslems, sondern christen. „zur moschee????? ach, was sollen wir da??????

Was mich aufregt: Erst machen die Soldat*innen sich eine halbe Stunde lang einen Spaß daraus, einen gehörlosen Palästinenser zu ignorieren. Und anschließend wollen sie von uns hören, wie toll wir Israel finden. Sie haben doch gemerkt, dass wir mitbekommen hatten, wie sie vorher den gehörlosen Mann behandelt haben. So lange, bis sie realisierten, dass hinter ihm „Touristen“ stehen. (Die schlimmsten Mobber, die ich in meinen Schulklassen hatte, hatten mehr Gerechtigkeitsempfinden und Empathie.)

Gleich hinter der Machpela sehen wir diese geschlossenen Läden und es zerreißt uns das Herz.

es ist traurig, die geschlossenen läden von achbed, seinen kollegen nebenan und der töpferei zu sehen. sie waren 2017 immer ein sumud-bollwerk und ein bunt-lebendiger fleck auf dem weg über die shuhada street. wenigstens ist die töpferei „nur“ in den shouk in H1 umgezogen. So sah es hier damals aus:

Sein Haus, das diese zwei Läden und drei dahinter liegende Apartements beherbergt, liegt am strategisch wichtigsten Punkt Hebrons.

Im Januar 2018 hatten wir unter dem Titel: Der 100-Millionen-Dollar-Mann über Ahbed und seinen Laden geschrieben: „Er hat sich weder durch Gewalt und Schikane vertreiben, noch kaufen lassen.“ – Leider haben sie ihn und seine Familie offensichtlich im Laufe der Jahre und der zunehmenden Brutalisierung und Enthemmung der Siedler und Soldaten doch klein gekriegt.

wir gehen durch die neue apardheitstraße, von der wir ja schon erzählten, beschäftigen die soldaten am nächsten checkpoint mit fröhlichen fragen nach der abrahamsquelle und wie die auf hebräisch heißt. (‚mayyan avrahim‘. wasser heißt auf arabisch mayy.)
es funktioniert und wir werden nicht weiter aufgehalten. die einzige schwierigkeit für uns ist, kein arabisch zu radebrechen, sondern die drei worte hebräisch rauszulassen, die wir können.

Die Shuhada Street ist für Palästinenser komplett gesperrt – auch für diejenigen, die hier wohnen: sie müssen ihre Häuser von hinten über die Dächer der Nachbarn betreten. Siedler haben sie in die, hebräisch, „König-David-Straße“ umbenannt (was leider sogar google.maps mitmacht). Dann sehen wir dieses Schild:

was für eine infame, wahrheitsverdrehende schönfärberei! im englischen gibt es dafür das wort ‚spinning‘

wir gehen durch die tote shuhadastreet und ich versuche, mich mit großen begeisterten blicken umzuschauen. nicht, dass es etwas schönes zu sehen gäbe (die verschweißten, einsamen läden, in denen so viel leben herrschen könnte, sind kein schöner anblick), aber so bleibe ich im touristenmodus.

Wir schrieben ja, dass es für die Palästinenser in der Geisterstadt unmöglich ist, im Notfall einen Krankenwagen kommen zu lassen. Hinten im Bild sieht man zwei von drei Krankenwägen, die wir auf der Shuhada Street gesehen haben. Sie stehen dort rund um die Uhr bereit, nehmen aber nur Juden mit.

an der abrahams quelle machen wir sicherheitshalber ein foto und falls wir von soldaten angesprochen werden: wir sind auf dem weg zu den ausgrabungsstellen in tel rumeida.

Man beachte die Fantadose (Bildmitte links), die ein Siedler oder Soldat in die heilige Quelle geworfen hat. Die Palästinenser meiden diesen für sie gefährlichen Ort.

aber wir werden in ruhe gelassen und machen noch dieses foto:

der baum ist übrigens gut und gern 2000 jahre alt

das sumud ist schon in sicht, umm temer (mutter von temer) öffnet schnell die tür und wir sind wieder in sicherheit.
hammad lacht sehr über unsere schilderung der heimkehr und schüttelt verwundert den kopf.

mittlerweile ist auch europäische verstärkung gekommen. gracia aus italien hat es hierher geschafft, nachdem sie bei der einreise vier stunden lang in eilat interviewt worden war und dann auch noch am checkpoint festgehalten wurde.

hammad kann mit einer gruppe elektriker die angeschnittenen stromkabel zumindest zum teil reparieren. allerdings wird er erst von einem soldaten und einem siedler daran gehindert. es konnte auch nicht alles repariert werden, sondern nur ein kabel. jetzt gibt es zwar wieder strom, aber noch nicht genug.

eine jüdische besuchergruppe macht mal wieder eine besichtigungstour. wir würden zu gern mal einer beiwohnen, damit wir erfahren, was so erzählt wird. sie benehmen sich irgendwie wie kauf-interessenten auf einem baugrundstück, denen das gelände fast schon gehört.

wir halten wieder aktiv nachtwache. mohammad wurde nicht hineingelassen, hammad muß irgendwann auch mal nach hause. er hat schließlich frau und kinder.
so sind wir also nur zu dritt.
aber die nacht bleibt ruhig und wir sind froh, dass wir dies immer wieder schreiben dürfen.

In den Checkpoints, durch die man in die Geisterstadt kommt, sind Schikanierungen die Regel, nicht die Ausnahme. Die Italienerin musste zweimal durch, und wurde zweimal je eine dreiviertel Stunde festgehalten und befragt. Und jetzt stalken die Soldaten sie auf Linkedin … und so weiter. Hamad haben sie heute früh auch eine halbe Stunde festgehalten und befragt. Es ist eine Nachricht, wenn jemand mal keine Schikane erlebt.

{Text behutsam redigiert von vS}

Olivendiebstahl

Closed Military Zone

Der Donnerstag (16. Oktober) verläuft weitgehend unauffällig. Drohnen, Soldaten und Siedler, aber nichts davon betrifft uns und das Sumud-Zentrum direkt. Die Deutsche Botschaft in Tel Aviv schickt ihrer Beschwerde in unserer Sache ans israelische Außenministerium eine Erinnerung hinterher, weil die Israelis sich mit ihrer Reaktion so viel Zeit lassen. Das scheint in Diplomatenkreisen unüblich zu sein.

Am späten Nachmittag erfahren wir dann von Issa Amro, dass das Haus zum geschlossenen Militärgebiet erklärt wurde (Closed Military Zone). Schon wieder! Dieses Mal bis 17:00 Uhr des folgenden Tages. – Also müssen wir wieder einmal dafür sorgen, dass wir von den Soldaten nicht gesehen werden. Nur die hier gemeldeten Bewohner des Hauses dürfen hier sein.

Breaking the Silence

Am Freitagmittag besucht dann eine geführte Gruppe von Breaking the Silence das Sumud-Zentrum. Zwölf jüdisch israelische Student*innen, die von Yehuda Shaul eine Führung durch die Geisterstadt von Hebron bekommen. – Zunächst will der Soldat, der plötzlich vor der Tür steht, sie nicht ins Haus lassen, weil es ja eine „closed military zone“ ist. Dann läßt er sie doch durch. Vermutlich, weil es alles jüdische Israelis sind, weil die Tour angemeldet ist, und sie eine offizielle Gemehmigung haben.

Viele der israelischen Studenten scheinen zum ersten Mal in ihrem Leben einem Plalästinenser zuzuhören. Ihm wirklich zuzuhören, was er erlebt hat, was Besatzung und Apartheid für ihn bedeuten.
Anschließend brechen wir (wortwörtlich) das Brot miteinander, die Israelis stellen Fragen, und Izzat antwortet.
Als die Gruppe aufbricht, nutzen bina und ich die Gelegenheit für ein Promi-Selfie mit Yehuda Shaul. Dem Gründer von Breaking the Silence.

Olivendiebstahl

Etwa eine halbe Stunde später ist plötzlich Alarm. Soldaten an der Tür, mindesten 6 Mann.

Mohammad Amro und Izzat haben die Polizei angerufen, weil Siedlerkinder Oliven von den Bäumen der palästinensischen Nachbarn stehlen. Statt der Polizei kommt die Armee, welche den beiden nicht glaubt. Aber sie haben es gefilmt:

Natürlich lassen die Soldaten die Siedlerkinder unbehelligt. Statt dessen erklären sie den Olivenhain vor dem Sumud zur „Closed Military Zone“ und nehmen Mohammad und Izzat mit. Die Siedlerkinder feixen sich derweil einen.

Zum Glück werden Mohammad und Izzat nur zum Checkpoint geleitet und aus der Geisterstadt rausgeschmissen. (Eigentlich ist das illegal, weil sie ja hier im Haus gemeldet sind. – Aber so etwas wie Gesetze scheint die Soldaten hier schon lange nicht mehr zu interessieren.)

Mohammad (der andere Mohammad – der, den die Soldaten vor einer Woche krankenhausreif geprügelt haben) und wir verstecken uns im Haus, um nicht auch rausgeschmissen zu werden und das Sumud-Zentrum schutzlos zurück zu lassen.

Gegen 17:00 Uhr hören wir Schüsse (kurze Salven und Einzelschüsse). Wir vermuten, dass die Siedler in die Luft schießen, damit ja kein Palästinenser den Kopf rausstreckt, während sie deren Oliven klauen. Denn die Überwachungskamera über dem Eingang des Sumud-Zentrums zeigt, wie sie die Oliven von den Bäumen direkt vorm Eingang stehlen. – Zumindest zum Teil. Denn sehr weit kommen sie nicht, weil kurz danach der Shabbat anfängt. Und da ist alle Arbeit verboten. Einschließlich des Stehlens von Oliven.

Blinder Fleck deutscher Medien

Dadurch, dass wir deutschsprachige, englischsprachige und zum Teil (mit Übersetzungsprogramm) hiesige Medien verfolgen, fällt uns auf, wie groß der Blinde Fleck ist, den deutsche Medien in Bezug auf Israel haben.

Ich nenne hier nur zwei Beispiele, für die ich als Quelle The Guardian anführen kann. Meiner Meinung nach, eine der besten und vertrauenswürdigsten Zeitungen der Welt.

Israel erschießt trotz Waffenstillstand Zivilisten:
Am Montag, dem 13. Oktober, war in deutschen Medien zu Recht viel über die 20 Geiseln zu lesen, die die Hamas an diesem Tag frei gelassen hat. Aber es war nichts darüber zu erfahren, dass die Israelische Armee alleine am Vormittag mindestens 10 Zivilisten im Gazastreifen erschossen hat. In zwei separaten Vorfällen hat Israels Militär 6 Menschen erschossen, die ihm zu nahe kamen. Und 4 Menschen wurden von einer Drohne erschossen, als sie bei der Rückkehr ihre Häuser inspizierten. [Quelle]

Man stelle sich die Bereichterstattung vor, wenn die Hamas trotz Waffenstillstands 10 israelische Zivilisten erschossen hätte!

Hinweise auf Folter & Hinrichtung palästinensischer Gefangener:
Israel gibt für jede Leiche einer Geisel, die die Hamas zurückgibt, 15 Leichen von palästinensischen Gefangenen zurück. The Guradian schreibt über die ersten 90 palästinensischen Leichen die übergeben wurden (Deepl-übersetzt):

„„Fast alle hatten verbundene Augen, waren gefesselt und hatten Schusswunden zwischen den Augen. Fast alle waren hingerichtet worden“, sagte Dr. Ahmed al-Farra, Leiter der Kinderabteilung des Nasser-Krankenhauses.

„Es gab auch Narben und verfärbte Hautstellen, die darauf hindeuten, dass sie vor ihrer Ermordung geschlagen worden waren. Es gab auch Anzeichen dafür, dass ihre Leichen nach ihrer Ermordung misshandelt worden waren.““ [Quelle]

Die Angaben der Krankenhäuser und Ärzte in Gaza haben sich in den vergangenen Gaza-Kriegen immer als sehr zuverlässig erwiesen!

VORSICHT: Der Link am Ende dieses Absatzes führt zum Foto einer der von Israel zurückgegebenen Leichen eines palästinensischen Gefangenen. Man sieht die Abdrücke der Kabelbinder an Hand- und Ellenbogengelenken, die Augenbinde hängt noch um den Hals, Hautabschürfungen und ähnliches sind zu sehen. Ein Bild das Alpträume macht.
Hier der LINK!

The Guardian schreibt dazu:
„The graphic images, seen by the Guardian, show bodies with plastic restraints visible around their wrists, consistent with being bound before death. Photos depict prisoners who appear beaten, bruised and blindfolded, with fabric still wrapped tightly around the heads of some of the deceased.
The release of the photographs follows earlier Guardian reporting in which Palestinians freed from Israeli prisons described severe mistreatment, including beatings, binding and exposure to extreme conditions during detention“

Amnesty International Petition

An dieser Stelle bitten wir euch die Petition von amnesty international: „Menschen in Gaza retten, Genozid stoppen!“ zu unterschreiben!
Vielen Dank!

Alltag?

Di & Mi, 14. & 15. Okt.

wir schlagen immer noch reichlich zeit tot.
sitzen viel wie ein altes ehepaar auf unserer bank unter dem olivenbaum, lächeln die anderen aktivisten an, die an uns vorbei gehen in ihrem tun.
die katzen gesellen sich zu uns, wenn sie möchten und wir freuen uns, wenn sie gestreichelt werden wollen. wir lesen, surfen im internet, ich versuche zu stricken. zum arabisch lernen fehlt uns die konzentration. ab und zu kommt jemand vorbei und schenkt uns tee oder kaffee ein.

wir haben immer ein ohr auf die tür rechts von uns, auf den soldatenposten links hinter dem haus und auf eventuelles drohnengesirre über uns.
gestern nacht war der himmel voll davon. manche sausten herum und manche standen am himmel wie der stern von bethlehem.

die finden wir wirklich unangenehm. nicht körperlich, aber emotional. dies gefühl, beobachtet zu werden von einer maschine, während irgendwo in einer militärbasis ein soldat hockt und die bilder anschaut. er kann nah heran und zurück zoomen, von rechts oder links schauen und man hat kein gesicht zu der person. aber er weiß, was wir frühstücken.

ein vorteil: wir wissen, dass sie nicht schießen werden, im gegensatz zu anderen drohnen in gaza.

Blinkende Drohnen bei Nacht. Nur die größeren, die höher fliegen, haben Positionslichter. Die kleineren, die dichter an uns dran sind, haben sie nicht.

simrath torah, ein weiterer jüdischer feiertag, ist in der nacht in vollem gange, wir hören von unten vom vorplatz der machpela musik und die siedler tanzen die ganze zeit mit der torah, wie es an diesem festtag brauch ist.

dienstag morgens hieß es, dass die wiederholte gefahr auf nächtlichen stress mit siedlern, ziemlich hoch sei. deshalb sind wir eher angespannt, als muhammad und mohannad nach hause gehen und wir allein sind. issa ist noch auf einem nachträglichen festakt zum tag der deutschen einheit im deutschen konsulat in ramallah. wann er kommt, ist ungewiss.

als er endlich auftaucht und hält issa keine nachtschichten für nötig. die siedler sind wohl doch zu sehr mit ihrem feiern beschäftigt. er stellt uns sogar in aussicht, dass wir uns morgen ruhig in die stadt hinunter trauen könnten. so gehen wir fröhlich zu bett.

in einem unserer kurzen ausflüge auf den vorderen teil der terrasse machen wir diese fotos:

das sind israelische miliärposten in H1, die dort gar nicht sein dürften. in H1 hat das israelische militär eigentlich nichts zu suchen. das ist der machtbereich der palästinensichen autonomie-behörde. aber die armee interessiert das nicht.
diese posten hätten eigentlich mit dem 1997
unterschriebenen hebron-abkommen abgebaut werden müssen, aber die armee hat sich nicht daran gehalten, denn sie stehen strategisch äußerst günstig auf bergen innerhalb hebrons.

hebron liegt in einem sehr engen tal. unten in H1 ist gerade mal platz für zwei schmale straßenzüge, bevor es rechts und links wieder die hänge hinauf geht.
von dort oben können die posten die ganze stadt überblicken und natürlich auch kontrollieren.

am mittwoch morgen fängt der tag – eigentlich wie immer – mit gemütlichem frühstück an. issa trinkt einen tee mit uns, die katzen kommen zum schmusen und wir freuen uns an dem immer noch recht warmen wetter.

mittags kommt eine gruppe britischer diplomat*innen zum sumud-zentrum hinauf. sie haben eine walking-tour mit ‚breaking the silence‘ gemacht und lassen sich hier oben von izzat erzählen, wie sich das leben in hebron für palästienser anfühlt und was das YAS und das sumud-zentrum sind.
‚breaking the silence‘ ist eine organisation ehemaliger soldaten, die den mut aufbringen zu veröffentlichen und zu erzählen, was sie während ihrer zeit in der israelischen armee gemacht haben. das bedeutet für sie viel, denn sie werden von vielen seiten angegriffen. die regierung versucht ihre arbeit zu behindern, für die armee sind sie verräter und wir wissen von einigen, deren gesamte familie sich von ihnen losgesagt haben, weil sie ihr tun öffentlich machen.

Links (mit Kippa) der ehemalige Soldat, der die Gruppe herumführt. Geradeaus sitzt Izzat, der erzählt. Die britischen Diplomat*innen hören gebannt zu, stellen anschließend neugierige Fragen, und werden hoffentlich dafür sorgen, dass das Vereinigte Königreich eine bessere Nahostpolitik macht.

für uns ist dieser besuch eine willkommene abwechselung.

aber kaum, dass die gäste wieder verschwunden sind, müssen wir im haus verschwinden, weil soldaten an die tür schlagen.
aufstehen, sachen vom tisch mitnehmen und schnell und leise im haus verschwinden, ist mittlerweile eine bewegung. dann noch leise die küchentür und unser zimmer von innen abschließen, das licht ausmachen und am fenster lauschen, was geredet wird.
dieses mal wird nach ‚internationalen‘ und nach frauen gefragt und es heißt, es stünden an die 50 soldaten um das haus herum. sie lassen sich abwimmeln. issa wird informiert und meint, die sind auf irgendeiner übungstour, zeigen präsenz und belästigen palästinensische nachbarn.
50 soldaten, 50 std. arbeitszeit … was für ein geldverbrennen!


Und dazu noch die Drohnen, die dieses Aufgebot begleiten und ums Haus schwirren.

die spinnen, die israelis!!!!!

a pro pos „palästinenser belästigen“: unten an der machpela gibt es wieder eine apartheitsstraße. das heißt, den breiten teil der straße dürfen nur siedler, sonstige israelis und internationale betreten, während der schmale, unwegsame teil hinter einem langen absperrgitter für die palästinenser bleibt.

Issa hat es heute auf seinem Instagram-Account veröffentlicht.

beobachtungsschnippsel:

  • kaffee und tee wird abwechselnd immer in denselben langstieligen töpfen auf dem gasfeuer gekocht. und der tee schmeckt trotzdem immer nach tee und dem kaffee merkt man auch nicht an, dass vorher tee in der kanne war.
    wenn ich daran denke, welches theater zuhause immer gemacht wird, tee- und kaffeekannen ja getrennt zu halten, denn wie scheußlich es schmeckte, wenn sich mal jemand vertut. liegt´s am unterschiedlichen material?
  • mich würde auch interessieren, nach welchem system der muezzin welche lieder erklingen läßt. sie klingen so unterschiedlich. gibt es auch dort eine art liturgie?
  • und oben, im ersten stock des sumud-zentrums, singt mit seiner schönen stimme mohammad seine gebete, während der muezzin noch ruft.

Sumud


Die Lage entspannt sich

Die Lage scheint sich zunehmend zu enstpannen. Was damit zu tun haben könnte, dass das siebentätige Laubhüttenfest (Sukkot) zu Ende geht. Die nationalreligiösen Pilger, die für das Fest in der Stadt waren, sind wieder weg. Die Siedlerkolonie ist wieder auf ihre normale Größe geschrumpft. Die Belästigung durch Drohnen hat massiv abgenommen. Am Sonntag (12. Okt.) haben wir keine einzige Drohne gesehen oder gehört. Und die Soldaten erscheinen uns auch weniger aufdringlich.

und während ich den text grade gegenlese, höre ich eine drohne.

Die Nachtwache von Samstag auf Sonntag (11.-12. Okt) ist so ruhig, dass wir sie nutzen, um Hauskater Adam an uns zu gewöhnen.

Eigentlich ist Adam zu scheu, um sich streicheln zu lassen. Aber während der Nachtwache rücken wir ihm über Stunden ruhig und beharrlich näher.
Bei Sonnenaufgang…
… darf Michel schon zu ihm auf den Boden und ihn mit beiden Händen kraulen.
Beim Frühstück kommt er zu bina aufs Sofa.

Am Sonntagnachmittag meldet sich das Deutsche Vertretungsbüro in Ramallah bei uns. Sie wollen wissen, wie es Issa und uns geht. Sie teilen uns mit, dass die Botschaft in Tel Aviv noch auf die offizielle Reaktion aus dem israelischen Außenministerium wartet – also auf die Reaktion auf ihre Protestnote in unserer Sache.

Am Sonntagabend teilen Soldaten Issa mit, dass es keine „Closed Military Zone“ rund um sein Haus (mehr) gibt. Ob es sie jemals wirklich gab, bezweifeln wir. Eine offizielle Bekanntmachung – oder eine Karte – blieben ja ebenso beharrlich aus wie gute Fotos vom Loch-Ness-Monster.

Um 19:00 Uhr wird allerdings ein Niederländer, der zum Sumud-Zentrum wollte, für anderthalb Stunden von Soldaten im Checkpoint 56 festgesetzt – bevor ihm der Zutritt zur Geisterstadt verboten wurde (genau wie bei uns am 4. Oktober). Seit wir hier sind, war er der erste EU-Bürger, der hierher kommen wollte. Das Zutrittsverbot ist aber möglicherweise nur ganz normale Willkür und Schikane.

Was insofern wahrscheinlich ist, als dass auch die Nacht von Sonntag auf Montag (12. -13. Okt.) ruhig bleibt.

Damit das hier jetzt nicht zu entspannt wirkt: Das palästinensische Haus, das zwischen Umm Temers Haus und dem Sumud-Zentrum liegt, hat eine Israelische Armeestellung auf dem Dach. Die Soldaten erreichen ihren Posten über das private Treppenhaus der Familie.

Sumud: Was ist das eigentlich?

Wir verwenden in diesem Blog immer wieder den Begriff „Sumud“. Issa Amros Haus ist das Sumud-Zentrum. Übrigens: die Flottille aus ca. 50 zivilen Schiffen mit humanitärer Hilfe an Bord, die versucht hat, die Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen, hieß „Global Sumud Flotilla“.

Sumud bedeutet „Standhaftigkeit“ oder „unerschütterliche Beharrlichkeit“

Sumud ist ein palästinensisch kultureller Wert, eine politische Strategie, die nach der Besetzung des Westjordanlands und des Gazastreifens im Sechstagekrieg 1967 vom palästinensischen Volk als Mittel des Widerstands gegen die eigene Unterdrückung entwickelt wurde. Ein Mann, der Sumud zeigt, wird als ṣamid bezeichnet, eine Frau als ṣamida.

Sumud ist für Palästinenser in etwa das, was Ghandis „Satyagraha“ für die Inder war während ihres gewaltfreien Unabhängigkeitskampfes gegen die Briten. Oder den schwarzen Südafrikanern „Ubuntu“ war im Kampf gegen die Apartheid.

Im Wesentlichen werden zwei Hauptformen von Sumud unterschieden:

  • Der „statische Sumud” ist eher passiv und wird meist als „Verbleib der Palästinenser auf ihrem Land” definiert.
  • Die „Widerstands-Sumud”, ist dynamischer, mit dem Ziel, Wege zum Aufbau alternativer Institutionen zu finden, um der israelischen Besetzung Palästinas zu widerstehen und sie zu untergraben.

Das Symbol des Sumud und des Gefühls der Verwurzelung der Palästinenser mit ihrem Land ist der Olivenbaum, der in ganz Palästina allgegenwärtig ist. Er ist tief in der Erde verwurzelt, übersteht Katastrophen wie Feuer und Dürre, und wird sehr alt. (Manche Olivenbäume vor dem Sumud-Zentrum wurden zur Zeit des römischen Imperiums gepflanzt.)
Ein weiteres Symbol für Sumud ist eine schwangere Bäuerin.

Statisches Sumud

Statisches Sumud ist von der Entschlossenheit geprägt, auf dem eigenen Land zu bleiben. Es zeichnet sich aber leider auch durch eine Haltung der Resignation aus: Für die einzelne Familie ist das Ziel, einfach mit der eigenen Familie an Ort und Stelle zu bleiben. Das kolliktive Ziel ist es, eine zweite ethnische Säuberung zu vermeiden. Die Staatsgründung Israels im Jahr 1948 war mit der planvollen und gewaltsamen ethnischen Säuberung des heutigen Staatsgebiets von Israel verbunden, der die Palästinenser als Nakba (Katastrophe) gedenken.

Dass Issa, die anderen Aktivisten von YAS und ihre palästinensischen Nachbarn sich schlicht und ergreifend weigern, sich von der Gewalt der Siedler und den Schikanen der Armee vertreiben zu lassen, ist statische Sumud. Dass die Menschen sich hier in einem unglaublichen Maße gegenseitig helfen und beistehen, indem sie zum Beispiel dem Nachbarn die Waschmaschine reparieren, die von Siedlern eingetretene Tür schweißen oder nach einer Razzia der Armee mit Tee und Gebäck kommen und beim Aufräumen helfen, ist statisches Sumud. Dass die Olivenbäume auch unter Gewalt und Schikane geerntet werden, ist Sumud.

Widerstands-Sumud

Widerstands-Sumud ist sehr oft konstruktiv. Ein gutes Beispiel sind die ehrenamtlichen Kliniken, die palästinensische Ärzte in den 1980er Jahren in vielen Dörfern einrichteten und betrieben.

In Bezug auf Youth Against Settlements (YAS) fallen mir in diesem Zusammenhang der Kindergarten ein, den sie in einem Haus eingerichtet haben, das die Siedler übernehmen wollten. (Sie haben ihn klandestin eingerichtet und wirklich alles dafür reingeschmuggelt!) Oder das Kino, das derzeit im oberen Stockwerk des Sumud-Zentrums entsteht. Und ihr Programm, Palästinenser systematisch mit Kameras auszustatten und in medienwirksamer und gerichtsfester Dokumentation von Armee- und Siedlergewalt zu schulen.

Gewaltfreier ziviler Ungehorsam

Auch Generalstreiks, Boykotte und Demonstrationen sind in Palästina eng mit dem Konzept des Sumud verbunden.

Diese Version des Sumud kam während der Ersten Intifada (1987–1993) voll zum Ausdruck, deren Schwerpunkt darauf lag, sich von der Abhängigkeit von Israel zu befreien, indem man die Zusammenarbeit verweigert und unabhängige Institutionen aufbaut.

Händler im Gazastreifen und im Westjordanland schlossen ihre Geschäfte. Palästinensische Frauen begannen zuvor unbewirtschaftetes Land zu bebauen, um die Abhängigkeit von israelischen Produkten zu schmälern. Palästinenser eröffneten Untergrundschulen, um auf die Schließung von 900 Bildungseinrichtungen in den besetzten Gebieten durch Israel zu reagieren. Die Palästinenser weigerten sich flächendeckend Steuern zu zahlen.

Im September und Oktober 1989, als Israel versuchte, die Intifada niederzuschlagen, wurden Steuerrazzien durchgeführt, bei denen israelische Streitkräfte und Steuerbeamte in eine Stadt einmarschierten und mit Millionen von Euro an Ersparnissen, Waren und Haushaltsgegenständen wieder abzogen. Persönliche Gegenstände, Möbel, Fabrikmaschinen und Autos wurden beschlagnahmt.

Wegen des brutalen Niederschlagens des gewaltfreien palästinensischen Widerstands durch die Israelische Armee setzten damals leider immer mehr Palästinenser auf militanten Widerstand – der dann die Wahrnehumg der Ersten Intifada in den westlichen Medien bestimmte.

Die Worte einer Ärztin aus Gaza

Am Ende der Operation „Guardian of the Walls“ 2021, dem letzten Gazakrieg vor dem Genozid, sagte eine Ärztin aus Gaza zur israelischen Journalistin Amira Hass:

„Jetzt sind wir wieder zu Hause. Ich war so glücklich, in den Garten und zu unseren Tauben zurückzukehren. Sie sind nicht gestorben, obwohl wir sie vier Tage lang nicht gefüttert hatten. Wie wir kennen auch sie die Bedeutung von Sumud (Standhaftigkeit) … Generation für Generation dauert die Nakba (Katastrophe von 1948) an. Wohin wir auch gehen, die Juden verfolgen uns. Aber sie werden uns nicht auslöschen, das ist unmöglich. Das müssen sie verstehen. Wir sind keine (amerikanischen) Indianer. Wir werden bleiben und uns vermehren. Und wir werden auch nicht vergessen … Wir glauben nicht an Parteien, [nicht] an die Hamas oder die Fatah. Die können zur Hölle fahren. Aber wir glauben an Gott, an unser Volk, an unser Land, an unsere Heimat.“

Der Olivenbaum ist über 2400 Jahre alt und damit der älteste , den E. in seinem Hain besaß. Er könnte in einer Höhle im Stamm schlafen, vor deren Eingang er sitzt.

Das Bild haben wir im Januar 2018 aufgenommen. Inzwischen ist Edris gestorben und der Olivenbaum schräg unterhalb des Sumud-Zentrums von Siedlern abgebrannt – zusammen mit den anderen alten Olivenbäumen auf dieser Terrasse. Die Aktivisten von YAS und die Nachbarn konnten immerhin das Übergreifen des Feuers auf andere Olivenbäume auf Terrassen darüber und darunter verhindern.

{Text behutsam redigiert von vS}

Altstadtführung

Stille Nacht

Die Nacht von Freitag, dem 10ten auf Samstag, den 11ten Oktober ist so ruhig und sicher, dass wir keine Nachtwache schieben müssen. Es ist Shabbat, und ihre Religion gebietet den Siedlern, dass sie nach dem Shabbatmahl Sex haben. Denn die Shabbatnacht ist die heiligste Nacht der Woche. Die in dieser Nacht gezeugten Kinder sind daher besonders heilig. (NEIN! Das ist KEIN Witz!!!)

Während im Olivenhein vorm Sumud ein paar Soldaten herrumlungern…
…machen wir drinnen Knafe…
…das auf dem Grill „gebraten“ wird.

Knafe ist eine orientalische Delikatesse. Man kann es sich in etwa als Kreuzung aus süßem Baklava und Grillkäse vorstellen. Mit viel Zuckersirup und orientalischer Pistazienorgie. Die Frage, wer den besten Knafe macht, diskutieren Syrer und Palästinenser ebenso leidenschaftlich, wie Iren und Schotten die Frage, wer den besten Whisk(e)y macht. Die Türken sind bei Knafe (unserer Meinung nach) keine ernstzunehmenden Mitbewerber. Ebenso wenig wie die US-Amerikaner mit ihrem Bourbon, beim Whisk(e)y!

Hebron: Was ist Wo?

Die Karte ist von 2017 und der Broschüre „Geisterstadt Hebron“ entnommen.

Hebron ist eine palästinensische Großstadt etwa 30km südlich von Jerusalem, mit etwas über 250.000 Einwohnern. Sie ist in zwei Gebiete geteilt.

Im Gebiet H1 hat gemäß des sogenannten Osloer Friedensabkommens die Palästinensische Automoniebehörde die alleinige Kontrolle (was Israel aber oft ignoriert). Es ist eine der vielen Autonomie-Inseln des Westjordanlandes, die alle von einander getrennt und vollständig von israelisch kontrolliertem Gebiet umgeben sind.

Im Gebiet H2, das wie eine Halbinsel in H1 hineinragt, ist dem Osloer Abkommen zufolge Israel für die Sicherheit zuständig und die Autonomiebehörde für die Zivilverwaltung. Dem Abkommen zufolge muss Israel den Palästinensern hier Bewegungsfreiheit gewähren. – Daran hält es sich in keiner Weise, denn:

Einen nicht kleinen Teil von H2 bildet die „Geisterstadt“. Das ist der in der Karte violett gefärbte Bereich. Hier dürfen sich Palästinenser nur mit Sondergenehmigung oder gar nicht bewegen. Die rot gezeichneten Straßen dürfen sie gar nicht betreten. Auf den Violetten dürfen sich nur Anwohner mit Sondererlaubnis bewegen, und das auch nur zu Fuß. (Auch keine Krankenwägen. Nichts!) Die Siedler dürfen natürlich auf beiden Straßentypen Auto fahren. In der Geisterstadt liegen zum einen die Machpela (das mythische Grab Abrahams und seiner Familie – auf der Karte Tomb of the Patriarchs) und zum anderen alle israelischen Siedlungen in der Stadt. Insgesamt leben hier 600-800 Siedler, bewacht von etwa 2.000 Soldaten. Ungefähr 1.800 Läden sind deswegen geschlossen und 1.000 Häuser stehen leer. Die palästinensischen Familien in diesem Gebiet leben in ihren Häusern unter Belagerung. Kein Besuch, kein Handwerker und kein Notarzt darf in den gesperrten Gebieten zu ihnen. Nie wissen sie, ob sie das Haus verlassen können, ob die Checkpoints auf haben, ob es eine Armeerazzia gibt, wann der nächste Siedlerüberfall kommt.

Das Sumud-Zentrum liegt auf der Karte genau unter dem „T“ von „Tel Rumeida“. Und seine Rückwand ist die Grenze der gleichnamigen Siedlung. Der Checkpoint 56, heißt bei den Palästinensern Checkpoint „Bab al-Zawiya“, nach dem entsprechenden Stadtviertel. Auf der Karte liegt er am linken Ende der Shuhada Street (dort wo sie gelb-violett-gestreift ist).

Wer sich genauer einlesen will, dem sei die Broschüre „Geisterstadt Hebron“ empfohlen, die 2017 von von „Youth Against Settlements“ und der „KURVE Wustrow“ herausgegeben wurde. Sie ist, wie die Karte, etwas veraltet. Es gilt die Faustregel: Alles ist seit dem schlimmer geworden! Jedes Detail! Manches nur wenig, manches massiv!

Altstadtführung

Samstag 11. Oktober: Sobald wir die Geisterstadt verlassen trifft uns wieder die Lebendigkeit dieser palästinensischen Großstadt wie ein Schlag.

vor allem auch deshalb, weil wir seit letzter woche nur die terrasse des sumud-zentrums gesehen haben und dort meist nur im hinteren teil an der hauswand saßen, wo uns die soldaten nicht sehen können.
dieser lärm, diese vielen menschen, hupende autos, so viele verkaufsstände an der straße, die irgendwo ein megaphon hängen haben, aus denen marktschreierisch die angebote gequäkt werden. ‚ashara-ahsara-ahsara‘ (zehn (schekel)-zehn-zehn….den rest verstehen wir nicht mehr) aber nach 5 sekunden geht es wieder los. eine unfasssbare kakophonie!

dazu müll und dreck auf der straße. ständig treten wir auf plastikmüll, weichen leeren kartons und halb verfaultem gemüse aus, sehen staunend einen mann einen plastikbehälter wasser halb leer trinken und einfach wegwerfen.
kinder rennen hinter uns her, versuchen uns wasser in flaschen zu verkaufen und lassen sich nur mit mühe abwimmeln. einmal muß michel einen jungen regelrecht anschreien, bis er in ruhe gelassen wird.
wir werden alle paar meter aber auch im vorbeigehen willkommen geheißen, angelächelt, gefragt, woher wir kommen. wie froh sind wir über unsere wenigen arabischkenntnisse, so können wir einigermaßen standesgemäß antworten.
autofahrer hupen uns an, einerseits um zu winken, andererseits um deutlich zu machen: achtung, hier komme ich. denn es ist manchmal leichter, einfach auf der straße zu gehen, als sich auf dem bürgersteig durch die menschen und verkaufsstände hindurch zu wühlen.

Keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, ein Bild mit so wenig Autos und Gewusel zu machen. – In Wirklichkeit ist es quirliger!
Man beachte die hebräsche Schrift auf den Kartons. Die Siedler haben den Palästinensern das meiste fruchtbare Land im Westjordanland geklaut. Israel hindert sie daran aus z.B. Jordanien zu importieren und zwingt sie so dazu israelische Produkte zu kaufen. Das stärkt die israelische Wirtschaft und hält die Palästinenser abhängig.

Vor Checkpoint 56 treffen wir eine kleine Gruppe junger US-Amerikaner, die über ein Stipendium ein Jahr lang an palästinensischen Schulen in Jerusalem Englisch unterrichten. Leider ist der Checkpoint heute nur ein eine Richtung durchlässig. Wir kommen zwar aus der Geisterstadt raus, aber niemand kommt hier heute rein. Also führt die Tour nicht wie geplant durch die Geisterstadt, sondern durch die Altstadt, immer an der Grenze zur Geisterstadt entlang.

Die Stadt Hebron ist etwa 5.000 Jahre alt, die Häuser in der Altstadt großenteils 1.200 Jahre. Im Juni 1967 wurde die Stadt einen Tag nach dem Sechstagekrieg von der israelischen Armee erobert. Ja! Einen Tag DANACH! Israel hat sich damals einseitig nicht an den Waffenstillstand gehalten.

Die Geisterstadt gibt es im Wesentlichen seit 1994, seit dem Massaker in der Machpela. Damals ist der Siedler Baruch Goldstein am letzten Tag des Ramadan in die Moschee eingedrungen und hat das Feuer auf die zum Morgengebet niederknienden Menschen eröffnet. Er ermordete 29 Menschen und verletzte mindestens 150. Der Held, der ihn schließlich mit einem Feuerlöscher erschlug, wurde von seiner Witwe auf Schmerzensgeld verklagt. Baruch Goldstein hat ein Ehrengrab und Denkmal in der Siedlung Kirjat Arba, keine 2km von der Machpela entfernt, und die Siedler feiern dort jedes Jahr seinen Tag. Aus Sorge vor Racheakten (die niemals eintraten) wurde damals die Shuhada Street für Palästinenser geschlossen und das Gebiet um die Siedlungen abgeriegelt. – Ja: Ein Siedler begeht ein Massaker und die Siedler gewinnen an Boden, die Palästinenser verlieren an Boden. – Und seitdem wächst die Geisterstadt schleichend weiter.

Diese Läden wurden 2004 per Anordnung geschlossen. Die Landeninhaber klagten und bekamen vor Gericht recht. Doch die Siedler haben Ladeninhaber und Kunden dann so lange von oben mit Steinen, Müll und Fäkalien beworfen, bis alle Läden aufgaben.
Dies war der Goldmarkt. Er ist geschlossen, seit die Siedler illegal einen Basketballplatz auf den Dächern darüber eingerichtet haben. Nachdem er geschlossen war, sind die Siedler dann in die Läden eingebrochen, haben die alten verzierten Schränke und Vitrinen geklaut und öffentlich im Freudenfeuer zum jüdischen Feiertag „Lag baOmer“ verbrannt.
Die Hebroner Altstadt ist UNESCO Weltkulturerbe. Für die Siedlungsblöcke machen sie dieses Erbe einfach platt. – Ist ja irgendwie nicht ihr Erbe. Anscheinend.
Dies war der Geflügelmarkt. Hier hat Schweden die Renovierung des Weltkulturerbes bezahlt. Leider zu dicht an der oben-hinten zu sehenden Siedlung.

Die Gassen der Casbah sind oft nur so lange romantisch, bis man nach oben schaut und den von Siedlern herunter geworfenen Unrat sieht…

… oder den Stacheldrahtverhau des Wachpostens, der die Siedler schützt aber nicht die Palästinenser.

Wir könnten gefühlt ewig so weiter machen, aber es wird zu lang.

Hamam

und dann führt uns issa in einen toten winkel des gassengewirrs. blitzsauber ist es hier. eine künstlerin hat ihr atelier geöffnet, katzen lungern vor einem geschäft herum. nur die betonmauer, die die straße übermannshoch absperrt, stört den frieden. hinter ihr beginnt die geisterstadt.

ein schmaler durchgang kaum 2m breit, ein paar stufen hinunter. plötzlich denken wir, wir riechen nicht richtig! es duftet nach argila (wasserpfleife), aber vor allem nach seife und shampoo. ein vorraum, noch eine treppe hinab, eine tür…. und wir stehen in einem hamam!!!!! wir können es kaum fassen!!!!! in all dieser ungerechtigkeit, dieser menschenrechtsverletzungen gibt es tatsächlich eine kleine oase der erholung, etwas schönes. der besitzer erklärt, was ein hamam ist und wir können tatsächlich einen termin vereinbaren! es ist ein gemischter hamam, aber wahrscheinlich nur für europäer.

auf die weitere tour zur machpela verzichten wir. am ersten der beiden checkpoints, durch die man zu ihr kommt, kehren michel und ich um.

kleidung ablegen und erst mal auf dem heißen stein (hier marmorplatten) entspannen. leider klappt das nur bedingt, denn der untergrund ist in der mitte so heiß, dass wir nicht still liegen können, aber am rand geht es. nach 10 minuten kommt der besitzer mit frischer zitrone, seife und salz und mit dieser mischung werde ich abgeschrubbt. ich merke richtig, wie sich dreck und alte haut lösen. michel ist dran und dann ruhen wir wieder eine weile, bis michel zum waschen und massieren abgeholt wird. ich bleibe liegen und höre wasser rauschen und ihn bald auf der massagebank wohlig brummen. zweimal schreit er auf und ich frage mich, was wohl mit ihm gemacht wird.
ich bin dran.
das viele heiße wassser auf der haut tut unfassbar gut und die massage mit öl ist wunderbar. ich muß dem besitzer nur klar machen, dass er vergessen soll, dass ich eine europäische frau bin und das er sich gerne richtig ins zeug legen darf. das macht er dann auch.

er kann es mit jedem deutschen pysiotherapeuten oder osteopathen problemlos aufnehmen und mit jedem ostfriesischen knochenbrecher auch.

anschließend spüle ich mich noch einmal ab, wasche schnell meine haare.
abtrocknen und anziehen und sich noch ein bisschen zum besitzer im vorraum gesellen, der seine argila schmökt und uns erzählt, dass der hamam 300 jahre alt ist.
seit 160 jahren befindet er sich in seiner familie. michel rechnet und kommt auf acht generationen.
al-naim heißt dieser ort, paradies, es ist das älteste bad in hebron.
wir bekommen noch gesundheitstipps mit auf den weg. michels problemzone ist der rücken, meine die beine. am besten, wir kämen einmal die woche, dann würde er uns schon wieder hinbekommen. wir zahlen zusammen 200 schekel, ca. 50€.

und vor zwei monaten kamen israelische soldaten in den hamam und haben fast alles kurz und klein geschlagen…

Schrödingers „Closed Military Zone“

Heute um 9:30 Uhr kommt ein Trupp Soldaten an die Vordertür des Sumud-Zentrums. Sie wollen, dass wir mitkommen. Als Issa ihnen sagt, dass nur die Polizei uns mitnehmen darf, wollen sie uns nur mitteilen, dass wir gehen müssen, weil dies ja eine „Closed Military Zone“ sei. Issa weist sie zum wiederholten Mal darauf hin, dass sie verpflichtet sind, ihm eine Karte dieser geschlossenen Zone zu geben, mit Unterschrift, Stempel und vor allem den Daten, von wann sie besteht. Eine solche Karte haben sie auch diesmal wieder nicht dabei.

Es ist offensichtlich eine schrödingersche Zone. Die gleichzeitig existiert und nicht existiert.

Zumal sie ständig ihre Größe und Bestandszeit ändert. Erst sollte sie die gesamte „Geisterstadt“ hinter den Checkpoints umfassen. Dann nur Issas Haus, das Sumud. Jetzt das Haus und die Umgebung. („Umgebung“ ist ja ein so schön dehnbarer Begriff.) Erst sollte sie den ganzen Monat Oktober bestehen. Dann nur bis zum Abend des 9ten (also gestern). Jetzt bis morgen Abend (also dem 11ten).

Die Soldaten wußten nicht nur, dass wir im Sumud sind, sondern auch, was wir frühstücken. Vermutlich die Drohnen, die hier ständig rumfliegen. Oft steht eine von ihnen für über eine Viertelstunde über dem Sumud, wie der Stern über Betlehem.

Dafür wissen sie offensichtlich noch nichts vom Widerruf unserer Visa.

Ihre Vorwürfe gegen uns sind:

  • Wir hätten sie gefilmt. (Wir haben sie fotographiert.)
  • Das dürften wir nicht. (Doch, das dürfen wir. Das ist hier legal.)
  • Wir hätten sie als Mörder beschimpft. (Nein, haben wir nicht!)

Letzteres, weil wir bisher noch überhaupt nicht inhaltlich mit den Soldaten hier diskutiert haben. – Also außer über die jeweils konkreten Fragen, ob wir hier sein dürfen oder ob sie uns festnehmen dürfen.

Dann ziehen die Soldaten ab!

Ruhige Nacht

Die Nacht war ruhig.

Abends wurde die vordere Terassentür des Sumud massiv verstärkt. Bei ihrem nächtlichen Überfall waren die Siedler und Soldaten ja fast durchgebrochen. Das wird an dieser Stelle nicht wieder passieren.

Nur gegen 21:00 Uhr gab es dann ein paar wenige Steinwürfe von der Terasse der Siedlung hinter uns. Die Terasse der Siedlung ist gleichzeitig Posten des Wachsoldaten der Siedlung. Der Soldat wollte nichts gesehen oder gehört haben haben. Währenddessen standen die beiden Missetäter grinsend links und rechts neben ihm. Dudley Dursley und sein Freund. Beide etwa 13 Jahre alt.

Wir halten in Schichten Nachtwache. Die Nacht ist so ruhig, dass der wachhabende Soldat der Siedlung bei Sonnenaufgang tief eingeschlafen ist. (Im Gegensatz zu uns)

Selfie mit Prommi

Nach dem Soldatenbesuch gibt es Frühstück, und danach machen wir noch ein gemeinsames Selfie.

Es geht uns gut!

Geschehnisse unten in der Stadt

gestern war unten aus der stadt viel ungewöhnlicher lärm zu hören. stimmengewirr, rufen, knallen, wie schüsse….
issa sagt (und die hiesigen nachrichten bestätigen das am abend), alle checkpoints seien geschlossen und es gab von jetzt auf gleich eine anordnung, daß wegen des jüdischen laubhüttenfestes 400 arabischen läden geschlossen werden müssen, was die soldaten umsetzen.
für die menschen bedeutet das wieder mal kein umsatz, ausgeliefert sein an willkür und machtdemonstration seitens der israelischen soldaten.
das alles in der zone h1, wo israelische soldaten eigentlich nichts zu suchen haben. das ist das a-gebiet, wo die palästinensiche autonomiebehörde das alleinige sagen hat – oder besser: haben sollte.
darauf es gab demonstrationen und die soldaten schossen mit tränengas, blend- und knallgranaten auf die menschen.
drei kindern wurden mit gummigeschossen in die beine geschossen.

die isralischen gummigeschosse können durchaus menschen töten. und tun das oft auch. da es metallgeschosse sind, die nur mit gummi ummantelt sind. und das tränengas ist, anders als in deutschland, mit einer chemikalie versetzt, die dem gehirn suggeriert, daß der körper nicht atmen kann.

von unten, dies mal eher von der rechten seite ist heute eine große demonstration zu hören, jemand spricht lange auf arabisch und es klingt, als hätten sie die lautsprecher aller moscheen für die ansprachen umfunktioniert, bis auf einen, aus dem der muezzin singt.

Israelische Visa widerufen

Wir haben heute früh Emails von der „Israel population and immigration Authority“ bekommen:

„Thank you […],
Due to a change in circumstances in your case, the ETA-IL
approval for application number […]
which was granted to you as of 17/09/2025 is revoked.“

Außerdem ist unsere hiesige Telephonnummer tot. Es war die letzte oder vorletzte Nummer, die Mohammad am 7. Oktober vor seiner Festnahme und dem Krankenhausreifschlagen durch die Soldaten angerufen hat.

Wie der hochrangige deutsche Diplomat, mit dem wir derzeit im Dauerkontakt stehen richtig sagte: Es gibt hier keinen Rechtsstaat, und im deutschen Sinne auch keine Polizei, die an Recht und Gesetz gebunden, und zu deren Durchsetzung verpflichtet wäre.

Ein einigermaßen entspannter Tag

Mittwoch/Donnerstag, 8.+9.Okt.

michel führt gleich morgens ein sehr nettes, informatives und konstruktives gespräch mit der deutschen vertretung in ramallah.
der stellvertretende konsul ist außerordentlich auf zack, hat michels mail gelesen und die dringlichkeit verstanden, schickt uns umgehend eine protestnote, sprich beschwerde, die an den deutschen botschafter in tel aviv, geht, der diese an das israelische außenministerium weiterleitet. der konsul regt sehr fürsorglich an, die hebron doch vielleicht zu verlassen, da es hier nicht unbedingt sicher sei. als wir das ablehnen, bittet er uns, doch bitte vorsichtig zu sein und er wünsche uns alles gute.

der tag ansonsten ist im gegensatz zu gestern ruhig. die siedler sind mit dem laubhüttenfest (sokkot) beschäftigt. überall wird gefeiert. sokkot ist das jüdische erntedankfest und geht eine woche lang. aber richtig feiertag ist für liberale juden nur der erste tag. die konservativen juden haben zwei feiertage, der rest sind sogenannte halbfeiertage (wohl etwa so wie unser 24. dez.)

soldaten sitzen am hang zum olivenhain und genießen die aussicht.

und siedler sind auf dem weg von und zur machpela

und wir haben tatsächlich gelegenheit, das noch gut warme wetter draußen zu genießen.

über die laute musik sind wir recht froh..
denn fast ununterbrochen hört man die lautsprecher der verkaufswagen, die oberhalb des sumud durch die straßen fahren und aus denen in dauerschleife schief tönende quäkende melodien mal lauter mal leiser als erkennungszeichen ertönen.
happy birthday‘, oder ‚morgen kommt der weihnachtsmann‘ (kein witz, die meldodie hat hier wohl eine andere bedeutung. als ich mohammad erzähle, das das bei uns ein weihnachtslied ist, will er es mir nicht glauben) und noch was anderes.
happy birthday‘ verkauft gasflaschen, der andere wasserkanister.

über uns kreisen öfters drohnen. issa und die anderen können unterscheiden, welche von den siedlern sind und welche von den soldaten. sicherheitshalber verziehen wir uns unter das dichte blätterdach der olivenbäume. das militärische sperrgebiet, zu dem das sumud-zentrum vielleicht erklärt wurde und in dem wir uns dann eigentlich nach wie vor nicht aufhalten dürfen wird erst donnerstag abend wieder aufgehoben. so hat es zumindest ein soldat issa mitgeteilt.

auch so ein zwiespalt: vor den soldaten müssen wir besser ausser sicht bleiben, die siedler sollen aber wissen, dass issa hier nicht allein ist.

eigentlich sollen wir heute mit issa eine altstadt-tour machen, er hat eine verabredung mit zwei italienischen parlamentarier*innen. leider wird daraus nichts, denn mohammad wird im checkpoint oberhalb von sumud zentrum festgehalten und kann keine stallwache übernehmen. das ist der checkpiont, an dem wir am samstag hätten kontrolliert werden sollen, wo aber der soldat lieber auf seinem handy gedaddelt hat.
sie haben ihm angekreidet, dass er die tür nicht richtig zu gemacht hat, obwohl es einen seilzug für die soldaten gibt, mit denen sie die tür schließen können ohne aufzustehen. ja, solche schickanen sind an checkpoints üblich. das ist das täglich brot von palästinensern. zum glück für mohammad kam umm temer auch durch den checkpoint und gab sich als seine mutter aus, die krank sei und nicht den halben tag auf ihren sohn warten könne. darauf hin ließ man ihn schon nach etwas über 2 ½ stunden raus.

das schloß der vordertür haben die siedler-jugendlichen wirklich gründlich kaputt gekriegt. das neue schloss ist zwar schnell eingebaut, aber den schweren riegel kriegt man trotz einölen und zurechtbiegen nach wie vor nur noch mit einer alten feldhacke aufgeschlagen.

wir müssen auch mit essen versorgt werden und es fällt mir nicht leicht, um einkäufe zu bitten, alle haben schließlich genug zu tun. auch wenn wir nicht viel brauchen. humus, pita, äpfel…vielleicht tomaten. aber wir können hier ja grade nicht weg und der kühlschrank ist leer.

issa bringt volle tüten mit. und michel hat endlich wieder genug von seinen geliebten äpfeln. abends stelle ich mich in die küche und versuche, etwas möglichst palästinensisches auf den tisch zu bringen. uns schmeckt es, aber ob die aussage von issa, dass es sehr lecker sei richtig ist, weiß ich nicht.

und noch ein überlegung:
entweder sind die siedler heute nacht mit feiern beschäftigt und haben keine zeit, das sumud-zentrum zu belästigen oder sie sind extra auf krawall gebürstet und lassen uns wieder nicht in ruhe.
deshalb gehen wir früh und wieder in klamotten schlafen, während issa wache hält und wir übernehmen ab mitternacht draußen die wache.

die nacht bleibt ruhig.
nur der kleine schwarze kater adam, der sonst wegflitzt, wenn man sich auf zwei meter nährt (es sei denn, man steht in der küche, dann schmust er einem um die beine), kuschelt sich auf die decke an unsere füße und schnurrt so laut, dass ich angst habe, die soldaten werden auf uns aufmerksam. und gaaaanz ganz vorsichtig dürfen wir ihn auch streicheln. erst mit einem finger, dann mit vieren und schließlich mit der ganzen hand. und dann mag er gar nicht genug davon bekommen.

ab und zu hört man den soldaten am checkpoint nebenan husten, er hat einen der siedlerjungs zeitweise als gesellschaft. warum das knäblein nachts um 4.00h nicht ins bett gejagt wird, wissen wir auch nicht.
hier und da bellen mal die hunde, der muezzin beginnt sein schönes nächtliches lied. wir hören issa leise durch das offene, aber vergitterte fenster schnarchen.
und wie angenehm ist es, sich ins bett verkriechen zu können, als er wach wird und die morgenwache übernimmt, bevor er aus dem haus geht.

Nächtlicher Überfall

Um viertel vor zwei wachen wir vom Lärm auf der Terrasse auf. Offensichtlich werden Steine gegen das Haus und auf die Terrasse geschmissen. Dann ist Krawall an der Vordertür der Terrasse (dem Haupteingang des festungsartig gesicherten Sumud-Geländes). Wir haben in Klamotten geschlafen und sind sofort einsatzbereit.

Siedler versuchen die Tür einzuschlagen und die darüber angebrachte Überwachungskamera zu stehlen. Dieses Video zeigt, wie einer der drei an dem Überfall beteiligten Söhne von Mosche, dem Chef der Siedlung Tel-Rumeida direkt hinter uns, versucht die Kamera zu stehlen:

Issa geht dann erst mal alleine raus. Wir sollen drinnen bleiben und mit einsatzbereiten Kameras warten, bis er uns hinausruft. Auf diesem Video sieht man, wie Issa rausgeht und die Sichtklappe der Vordertür öffnet:

Sobald Issa die Sichtklappe öffnet hauen die Siedler kurzfristig ab. Hier sieht man die Siedler abhauen:

Wir kommen dann auch raus, ziehen uns aufgrund einer Barrage von Steinen aber wieder zurück. Das scheinen die Siedler beabsichtigt haben. Denn sie kommen wieder. Auf diesem Video sieht man wie erst mal ein Soldat gefolgt von einem bewaffneten Siedler guckt, ob die Luft rein ist und dann die anderen Siedler zurückkommen (der Soldat kommt erst bei Sekunde 25 ins Bild):

Der Junge Siedler mit dem schwarzen NBA-Hoody, der relativ spät ins Bild kommt, hat am Abend außen an der Terrasse rumgepöbelt und Issa angedroht, dass sie ihn umbringen werden.

Wir kommen also wieder raus. Bina und ich filmen und fotographieren, während Issa, die Polizei anruft. Hier unser Film:

Unten bei der Machpela (Abrahams Grab) gibt es eine Polizeistation. Aber die Polizei sagt, sie glaube uns nicht und sie könne nicht kommen. Das selbe hat sie schon am Siedlerüberfall am Nachmittag gesagt. – Das ist sehr praktisch für die Siedler. Denn die Soldaten sind ja nur für ihren Schutz zuständig. Alles andere ist Sache der Polizei.

Dann kommt auf Issas Telefonieren hin endlich ein anderer Trupp Soldaten. Wir beide ziehen uns wieder ins Haus zurück. Zunächst können sie nicht hinein, da die Vordertür durch die Rammversuche der Siedler verzogen ist. Das Schloß ist kaputt. Nur mit dem Riegel und Gewalt lässt sie sich am Ende wieder schließen. Die Soldaten verschaffen sich Zugang zur Terrasse und wollen Issa festnehmen. Durch den Fensterschlitz machen wir diese Bilder:

Weil das Gespräch hauptsächlich auf Englisch geführt wird, verstehen wir das meiste: Die Siedler beschuldigen Issa, er habe sie von der Terasse aus mit Steinen beworfen, als sie nur friedlich ihres Weges gingen. Sie hätten sich nur verteidigt. Die Soldaten glauben ihnen zunächst und wollen Issa festnehmen. Doch Issa kann mittels der Bilder der Überwachungskameras beweisen, was wann passiert ist. Die Soldaten glauben auch nicht, dass andere Soldaten beteiligt waren. Aber auch das ist auf den Videos ja eindeutig zu sehen.

Erst als die Soldaten die Videos gesehen haben, und keine Möglichkeit mehr finden, den Sachverhalt zu leugnen, rufen sie die Polizei an.

Die Polizistin, die dann kommt glaubt auch erst mal den Siedlern. Sie gibt dann zu, dass Issa nicht mit Steinen geworfen hat. Aber sie kann weder Steinwürfe von Siedlern, noch einen Vandalismus gegen die Tür, noch den Versuch eine Überwachungskamera zu stehlen, noch einen versuchten Einbruch erkennen. Wir haben ja keine Videos, auf denen man richtig sieht, wie die Siedler werfen und wie sie aktiv die Tür eintreten. Außerdem ist die Kamera ja noch da. Und ganz reingekommen sind sie ja auch nicht. – Also will sie keine Anzeige gegen die Siedler aufnehmen.

Als die Polizei weg ist, kommen wir raus, kochen Kaffee und halten mit Issa gemeinsam Wache. Auf der Terrasse liegen mehr als faustgroße Steine herum.

Mohammad

Mohammad haben sie auf dem Militärstützpunkt mit 40 Soldaten verprügelt, und dann mit gebrochenen Knochen vor einem Checkpoint auf die Straße geschmissen und liegen lassen. – Aber auch da wird es vermutlich mangels Zeugen und Videobeweis weder Gerichtsverfahren noch Verurteilung geben. Das kennen YAS und wir schon.

Mohammads „Verbrechen“ scheint es übrigens gewesen zu sein, dass er filmen wollte, was sie mit den beiden Palästinensern, die den Hügel hochkamen, machen. (Die Soldaten mögen halt keine Leute, die Zeugen sind, und schon gar keine Beweise in Form von Bildern und Filmen.)

Steinwürfe am Abend

Direkt nachdem wir gestern Abend den letzten Blogbeitrag hochgeladen, flogen von der Siedlung hinter uns einzelne kleinere Steine auf das Haus und die Terrasse. Der wachhabende Soldat behauptete nichts gesehen zu haben, während der Missetäter ein feister Junge, der so aussieht, wie ich mir Dudley Dursley vorstelle, mit ebenso feistem Grinsen neben ihm stand.

Der Soldat, der nix gesehen hat. Den feisten Jungen neben ihm habe ich wegen des Baumes nicht scharf fotografiert bekommen.

Lärmbelästigung

Um etwa halb zwölf Uhr in der Nacht war draußen plötzlich laute Musik. Einige junge Siedler beschallten ihre palästinensischen Nachbarn etwa eine Stunde lang mit lauter Musik, die für uns wie Goa klang. – Dabei hatten sie sich so gestellt, dass ihre eigenen Siedlungen von dem Lärm nicht so betroffen waren.

Adam ist stabil

Adam, der Kater des Sumud, bleibt bei all dem stabil!