Überfälle von Soldaten und Siedlern

Zu Issa Amro & dem Sumud

Issa Amro, dessen Gäste wir sind, ist eine international hoch geachtete Person:

  • Er wurde letztes Jahr mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet (dem Right Livelihood Award).
  • Letzte Woche befand er sich in der „2025 TIME100 Next“-Liste des Time Magazins.
  • Am 10. Dezember letzten Jahres, dem Tag der Menschenrechte, wurde er mit dem deutsch-französischen Preis für Menschenrechte ausgezeichnet.
  • Die Norwegischen Zeitungen handeln ihn als einen der 3 wahrscheinlichsten Kandidaten für den diesjährigen Friedensnobelpreis.

Attacken im heutigen Ausmaß hat es aus diesem Grund seit dem Oktober 2023 nicht mehr gegeben. Am 7. Oktober 2023 ( heute genau vor 2 Jahren – dem Tag des Hamasüberfalls) haben Soldaten und Siedler Issa und Mohammad aus dem Sumud entführt und sie stundenlang gefoltert. Umm Temer haben sie an dem Tag in ihrem Folterknast glaubwürdig angedroht, sie vor den Augen ihrer Tochter zu vergewaltigen.

Überfall Soldaten

Der Vormittag verläuft friedlich. Issa ist in der Stadt. Mohammad und wir sind die Stallwache des Sumud.

Kurz nach 12:00 Uhr kommen zwei Palästinenser den Hügel hoch. Die Soldaten in der Siedlung hinter uns rufen sie an und befehlen ihnen anscheinend, stehen zu bleiben. Die Männer setzten sich ziemlich genau vor dem Tor des Hintereingangs des Sumud hin und zwei Soldaten kommen zu ihnen runter. Mohammad schließt den „Käfig“ auf der die Zuwegung auf dieser Seite des Sumud bildet und geht zum äußeren Tor.

Der Käfig des hinteren Zuwegs vom Sumud aus gesehen.

Plötzlich springt ein Soldat von oben in den Käfig. Mohammad zieht sich auf die Terasse zurück, die Soldaten folgen ihm. Und wir ziehen uns, wie es unsere Anweisung ist, ins Haus zurück, schließen ab und dokumentieren. Hier das Video, das Mohammad von seiner eigenen Festnahme aufgenommen hat:

Hier der Live-Ticker, den wir in der Signal-Gruppe unseres „Notfallteam-im-Hintergrund-in-Deutschland“ gesendet haben:

  • „Soldaten auf der Terrasse.
  • Schlagen Mohammad.
  • Wir sind im Haus Tür ist verschlossen.
  • Sie wollen Mohammads Telefon.
  • Issa ist nicht da. Es sind 2 Soldaten.
  • Sie haben Mohammad mitgenommen.
  • Issa schreibt, er kommt gleich!
  • Die Soldaten sind weg. Wir bleiben im Haus. Fensterläden und Türen aus Metall sind abgeschlossen.
  • Es gab gerade einen Anruf mit sofort wieder Auflegen von Mohammads Telephon. Sie haben es also gefunden und testen, wen er zuletzt angerufen hat.
  • Ich bin nicht dran gegangen. Sie haben so schnell aufgelegt, dass ich gar nicht dran gehen konnte.
  • WICHTIG: Lasst euch von dem, was wir hier schreiben, nicht verrückt machen. Wir sind deutsche Staatsbürger. Im Gegensatz zu Mohammad haben wir Rechte und konsularischen Beistand. Wir sitzen sicher hinter einer verschlossenen Stahltür. Es sind keine Soldaten mehr da. Hier ist alles von YAS Kameraüberwacht.
  • Issa ist da.
  • Wir gehen wieder in den Normalmodus und melden uns morgen wieder. Also wenn nichts passiert!

Hier die beiden Videos der Überwachungskameras, die Issa Amro auf seinem Instagram-Kanal hochgeladen hat:

Die Soldaten sind ziemlich geschickt und schlagen Mohammad nur mit kurzen Schlägen hinten in der Ecke, wo es die Kamera kaum sieht. Auf Militärbasis sind sie dann offensichtlich nicht mehr so zimperlich. Abends bekommen wir dieses Bild von ihm:

Überfall Siedler

Der Nachmittag ist dann erst mal ruhig. Issa telefoniert mit Anwälten, Presse, Unterstützer*innen und was weiß ich wem. Wir versuchen uns nützlich zu machen und ihm den Rücken frei zu halten.

Bina kocht! Ohne Mapf kein Kampf

Plötzlich fliegen Steine. Bina und ich ziehen uns auf Issas Ansage hin erst mal ins Haus zurück.

Dort setzen wir wieder einen Liveticker an unsere Signal-Gruppe ab:

  • Siedler bewerfen das Haus mit Steinen.
  • Entwarnung, das ist hier normal. Es sind nur Siedler, keine Soldaten.

Doch dann sind auf einmal auf allen drei Seiten des Sumud Siedler und scheinen zu versuchen einzudringen. Wir drei teilen uns auf. Jeder filmt zu einer Seite. Das hält sie zumindest von Steinewerfen und allzu überzeugenden Eindringversuchen ab.

auch ich stehe zunächst mit an der vordertür, bevor issa sagt, ich soll den hinteren teil der terrasse beobachten, weil er selber aufs dach muß. ich versuche, die jugendlichen so gut es geht durch das gitter zu photographieren. einer kommt grinsend auf mich zu und spuckt mich an.
das mag in vielen kulturen eine abgrundtiefe beleidigung sein. mich juckt das nicht. spucke kann man abwischen. ein stein, der trifft macht üblere verletzungen.

Hier mein Film, durch die Sichtklappen der Vordertür der Terasse gefilmt:

Hier noch ein paar Bilder in Großaufnahme, in der leisen Hoffnung, dass sie eines Tages dazu führen, dass diese Kerle nicht mehr in die EU einreisen dürfen. – Denn die Besetzung und Besiedlung des Westjordanlandes mit eigener Bevölkerung, sind nach internationalem Recht ein Kriegsverbrechen. Genau wie die Besetzung und Besiedlung der Krim mit eigener Bevölkerung durch Russland. – Aber aufgrund des Einflusses Deutschlands innerhalb der EU, wird darauf nur bei der Krim mit Sanktionen gegen die Siedler reagiert, nicht im Westjordanland.

Die Soldaten fordern die jugendlichen Siedler dann höflich auf zu gehen. Was diese auch teilweise tun. Nur unterhalb des Hauses sind noch Siedlerkids und pöbeln. Und nach einer Salve Abschiedssteinwürfe trollen auch sie sich.

Dann kommt mit Umm Temer auch die erste Unterstützerin zur Verstärkung.

Sie und Issa sitzen vorne auf der Terasse und reden mit Soldaten. Dem Ton nach zu urteilen, geben die Soldaten YAS die Schuld.

Menschenrechtsaktivist*innen mit unflätigem Soldaten. – Zur Sicherheit durch einen Fensterschlitz fotografiert.

Frieden auf der Oberfläche:

Der Abend ist dann auf der Oberfläche irritierend friedlich. Nach und nach kommen mehr Unterstützer. Und wir machen noch diese romantischen Aufnahmen:

Nur ein einzelner Siedler stört zwischendrin den Frieden noch durch Pöbelei und Beschimpfungen…

es ist erstaunlich, wie ruhig man wird, wenns drauf ankommt.
sicher, sowohl michel als auch ich waren aufgeregt, wenn wir nicht wußten, was passiert. als mohammad mitgenommen wurde, als soldaten kamen und wir die worte von drinnen versucht haben zu verstehen. aufgeregt auch, weil es bei denen auch für uns gefährlich werden kann.
trotzdem funktioniert der instinkt: vor dem rückzug ins haus alles von der terrasse mitnehmen, was auf uns deuten könnte. möglichst kein geräusch machen, keine überflüssige bewegung machen, das beschleunigt den rückzug. dann schnell die tür zu, 2x abschließen, licht aus und leise sein.
bei siedlern ist die auftragslage klar: filmen, photographieren, friedlich bleiben. und immer mit einem ohr bei issa, bzw. den anderen sein um keine anordnung zu überhören. michel und ich funktionieren in diesen situationen reibungslos miteinander. und meine hand umfaßt die kamera, wie sie es auch vor 7 jahren schon tat, als hätte sie in der zwischenzeit nichts anderes getan. ich werde mir nur angewöhnen müssen, sie bei jedem gang auf die terrasse oder später dann nach draußen in einer tasche an der frau zu haben. da hab ich heute noch defizite gehabt.

warten auf godot

sonntag & montag, 5. & 6. okt.

wir schlafen ziemlich gut und bekommen morgens ein tolles frühstück auf den tisch gestellt. frisches brot, ful (warme bohnen als eine art suppe), verschiedene arten humus, gemüse, falafel.

und dann heißt es warten.

wir verzweifeln ein bisschen an der arabischen mentalität. erst sagt uns h., der besitzer der wohnung, issa kommt vormittags, dann sollte er nachmittags auftauchen und dann abends, inshallah. es wäre uns lieber gewesen, wenn wir gesagt bekommen hätten, daß sie es nicht wissen. damit kann man arbeiten.

dazu kommt, daß michel eigentlich mit der botschaft hätte telefonieren wollen, aber nur noch 6 ils (israelische schekel) guthaben hatte, weil das aufladen der neuen simkarte mit hilfe eines anderen aktivisten wegen des soldateneinsatzes nicht mehr geklappt hat.

ich habe netterweise nicht nur meine tabletten gebracht bekommen, sondern auch mein strickzeug. so kann ich ein bischen meine hände rühren. und wir schwatzen per signal mit unserer tochter und samara. das ist schön.

als es dunkel ist gehen h. und michel dann los, und michel hat danach guthaben für mobile daten auf dem handy. und er hat auch zahnbürsten und -pasta nebst etwas nervennahrung besorgt.

zurück im sumud

dann taucht m. auf und sagt sie wollen uns ins sumud zentrum zurück bringen. ob das sinnvoll sei? ja, sei es. das ist überraschend, denn wir dachten eigentlich, nach dem gestrigen tag seien wir für hebron ‚verbrannt‘, weil jeder checkpoint unsere nasen kennt.
aber gut. unsere wenigen sachen sind schnell gepackt.

über den weg zurück, schweigen wir uns aus offensichtlichen gründen mal aus…, aber wir gehen auf offiziellen wegen zurück, vorbei an soldaten, die mit ihren smartphones beschäftigt sind.

issa ist da und gibt uns hinweise, wie wir das nächste mal auf soldaten reagieren sollen, was sie dürfen und was nicht.

nicht die hände heben oder die soldaten gar anfassen, wir sollen deutsch reden, nach der polizei verlangen und nach einem ‚warrent‘.

wir stehen als nichtpalästinenser unter zivilrecht, womit die polizei für uns zuständig ist. palästinenser stehen unter militärrecht und müssen sich mit soldaten herumschlagen.

beide institutionen dürfen auch nicht unser handy einsehen, das darf nur das gericht.

wir sollen darauf drängen, botschaft und rechtsanwalt anrufen zu dürfen. issa gibt uns die nummer der rechtsanwältin von yas und alles ist jetzt per direktwahl eingespeichert.

einer italienischen journalistin ist gestern das gleiche wie uns passiert. sie ist bereits seit längerem in palästina, wollte das sumud zentrum besuchen und ist bisher unbehelligt geblieben. gestern haben sie sie jedoch trotz akkreditierung am checkpoint abgewiesen, mit der begründung „closed military area“.

willkür contra rechte

und was unsere zukünftige arbeit hier betrifft:

heute heißt es noch mal abwarten. das militär hat issa gesagt, sie hätten sein haus, das sumud-zentrum, für einen monat zum gesperrten miliärischen gebiet erklärt. das widerspricht dem, was die soldaten uns gesagt haben: daß die gesamte geisterstadt hinter den checkpoints militärisches sperrgebiet sei. alle warten jetzt darauf, daß issas anwältin der offizielle bescheid zugestellt wird. dann werden sie widerspruch dagegen einlegen.

die olivenernte steht vor der tür und selbst wenn wir nicht hier in der geisterstadt bleiben können, gibt es außerhalb dieser zone genug bauern, die ebenso dringend unsere hilfe brauchen.
olivenernte ist immer eine zeit, in der die siedler besonders erpicht sind, den menschen das leben schwer zu machen.
es ist ja so: bestellt ein bauer drei jahre lang seine felder nicht, gehen sie automatisch an den iraelischen staat und damit an die siedler. der besitzer muß sehen, wo er bleibt und wie er zukünftig seine familie ernährt. der verkauf der ernte ist oft die einzige einnahmequelle der bauern.
und es wird schon sehr gründlich dafür gesorgt, daß die felder nicht bestellt werden können. sei es durch straßensperren oder neu gebaute straßen nur für israelis, die verhindern, daß die menschen ihre felder nicht bestellen können. oder sie werden während der ernte direkt angegangen und an der arbeit gehindert.
internationale helfer stellen einen gewissen schutz dar. ein verprügelter palästinenser erregt kein aufsehen, ein verletzter eurpäer schon.
und die ernte geht auch ein bisschen schneller, wenn 4-6 hände mehr zupacken, auch wenn es ungeübte hände sind.

jedenfalls ist es schön, wieder ‚zuhause‘ zu sein.

Der juristische Crashkurs, den wir gestern bekommen haben, wird uns in Zukunft sehr nützlich sein. Die Soldaten haben vielfach rechtswidrig gehandelt. Sie sind es halt gewohnt, dass sie es mit Palästinensern zu tun haben, mit denen sie machen können, was sie wollen. Aber wir stehen als Nicht-Palästinenser unter Zivilrecht (genau wie die Siedler).

Das heißt, wir haben Rechte (die die Palästinenser nicht haben): Nur die Polizei darf uns festnehmen. Sie müssen einen Grund dafür haben. Wir haben das Recht, einen Anwalt und unsere Botschaft zu kontaktieren. Nur das Gericht darf Einsicht in unser Handy nehmen. Wir haben das Recht, Haftbefehle, Verbotsverfügungen und ähnliches gezeigt zu bekommen. Wir haben das Recht auf einen Dolmetscher. …

Wir (und die Siedler) haben alle diese Rechte; Palästinenser hingegen können jederzeit ohne Angabe von Gründen, ohne Anwalt, ohne irgendwas, für sechs Monate in „Administrativhaft“ genommen werden. Diese Rechtsungleichheit ist Teil der hier herrschenden Apartheid: Diese „Administrativhaft“ hat Israel von Südafrika übernommen. Und oft werden Administrativhäftlinge nach sechs Monaten freigelassen und beim Verlassen des Gefängnisses sofort wieder festgenommen. Wieder und wieder. Ohne Anklage, ohne Verfahren, ohne Richter und ohne Anwalt. Jedes Jahr tausendfach!

Die vier vermummten Soldaten, die uns mitgenommen hatten, haben also mehrfach rechtswidrig gehandelt. Und wir haben heute früh bei der Deutschen Vertretung in Ramallah angerufen und im Anschluss daran eine offizielle E-Mail mit Beschwerde und Sachverhaltsschilderung an sie geschickt. Sie werden jetzt wohl offiziell Beschwerde einlegen. Immerhin liefert Deutschland ja einen Teil der Waffen und Ausrüstung hier. Und die Siedlungen leben zu einem Gutteil vom Verkauf ihrer Waren nach Europa: rund um Hebron ist das vor allem auf gestohlenem Land angebauter Wein.

Cat Content 😉

Weil wir aus guten Gründen weder vom sicheren Haus, noch vom Weg zurück ins Sumud Zentrum Bilder gemacht haben, hier zum Trost etwas Cat-Content!

Adam, der Hauskater des Sumud, hat soeben binas Strickzeug entdeckt!
(zeitliche Reihenfolge der Bilder: von unten nach oben und von rechts nach links.)

Fotos zu: „Die Besatzung…“

Wir reichen hier die Fotos nach, die wir aufgrund der Festnahme während des Blogschreibens (siehe: „Festnahme und Rausschmiss“) im Blogbeitrag „Die Besatzung spürbar machen!“ nicht mehr hochgeladen hatten.

Nicht gerade sehr ordentlich die Siedler. Vermutlich Hilltop-Youth!
Theoretisch gibt es auf unserem Weg einen Checkpoint. Aber wir gehen einfach rechts an der Schranke vorbei, während der Soldat links hinter Panzerglas auf sein Smartphone starrt.
Die Geschichte dieses Siedlerhauses finden wir besonders perfide. Als die dort wohnende Familie im Ramadan diesen Jahres abends auf einem gemeinsamen Fastenbrechen mit anderen Familien war, sind die Siedler eingebrochen und haben sich festgesetzt.
Dieses Bild hat die Aktivisten von YAS besonders intersssiert. Diese Ausgrabung ist neu.
Die Siedler fangen einfach an, auf privatem Land zu graben. Wenn sie alte Steine finden, dann sperrt die Armee das Grundstück für sie ab. Um die archäologisch wertvolle Stätte zu schützen. Und wenn sie lange genug ungestört sind, finden sie immer etwas. Immerhin ist das hier Hebron! Besiedelt seit der Bronzezeit!

Festnahme & Rausschmiss

Kurz nach 19.00 Uhr Ortszeit (dann ist es hier schon dunkel), dringen plötzlich vier vermummte Soldaten mit vorgehaltenen Waffen überfallartig ins Sumud-Zentrum ein. „We want the Germans!“ Sie halten mit vorgehaltener Waffe auf bina zu und sehen mich erst mal nicht.

Ich sitze am Laptop und schreibe am heutigen Eintrag für diesen Reiseblog. So kann ich noch schnell einen Alarm an unser Unterstützernetzwerk absetzen und den unfertigen Beitrag „Die Besatzung spürbar machen“ veröffentlichen, bevor ich den Rechner unauffällig verschwinden lasse. (Wir lassen den Beitrag zur Dokumentation unvollendet.)

Ihr Ton ist laut und ruppig. Sie wollen unsere Pässe und Telephone. Wir sollen unsere wichtigsten Sachen nehmen und mit ihnen mitkommen. Sie hätten „a warrent“ für uns! In amerikanischen Filmen ist das immer ein Haftbefehl. Den Warrant müßten sie uns nicht zeigen.

Kaum sind wir mit den Soldaten aus dem Tor, stürmen zwei von Ihnen zurück, weil sie sehen, dass einer der YAS-Aktivisten sie mit seinem Handy filmt. Sie unterbinden das erfolgreich, aber das Sumud-Zentrum hat überall Kameras, deren Bilder sofort auf einen Server außerhalb Israels geladen werden. Die beiden anderen Soldaten warten mit uns, bis ihre Kameraden wieder da sind.

Sie sagen uns, dass sie uns nur aus der sterilen Zone rausschmeißen, aber nicht abknasten werden. Wir glauben ihnen nicht so richtig. Unterwegs rotiert ihr Verhalten zwischen drei Zuständen:

  • Smalltalk: „Ihr kommt aus Hamburg? Da war ich schon. Ich liebe Deutschland …“
  • Inquisitorische Fragen: „Warum seid ihr hier? Wen kennt ihr? Wie seid ihr ohne Checkpoint hier reingekommen? …“
  • Sprechverbot: „Shut up! You are not allowed a single word!“

Manchmal mehreres davon gleichzeitig. Inquisitorische Fragen vom einen, Sprechverbot vom anderen. Entweder wollen sie uns verwirren, oder sie haben keinen klaren Plan.

Dann erreichen wir eine Schranke. Dort geben sie uns unsere Pässe und das Smartphone wieder und befehlen uns in Richtung weg von dem Gebiet mit den Siedlern zu entfernen. Sie sagen, der Teil mit den Siedlungen sei ein geschlossenes militärisches Gebiet. Sie hätten einen „Warrent“, wir dürften dort nicht mehr hinein. Wenn wir das Gebiet an den Checkpoints vorbei wieder beträten, würden sie uns ohne Vorwarnung erschießen. Wir sollen das bitte nicht tun. Sie würden uns ungern erschießen.

Den Warrent zeigen sie uns auch auf Nachfrage nicht. Sie seien hier das Gesetz. Sie müssten uns das nicht geben. Und uns ihre Namen zu sagen, verweigern sie uns natürlich auch. – Wir beugen uns der Gewalt der erhobenen Waffe und gehen.

Kaum 200m weiter befindet sich ein offener Kleinsupermarkt, der uns WLAN gibt. So können wir unserem Rettungsnetzwerk Entwarnung geben. Danach rufen wir Issa Amro von YAS an. Er weiß schon Bescheid, fragt, wo wir sind und schickt uns jemanden. Diese Person ruft uns nochmal an und bringt bina ihre Medikamente und mir meinen Laptop.

Während ich diese Zeilen schreibe, befinden wir uns in einem sicheren Haus außerhalb der Sperrzone, in dem wir auch schlafen werden.

Belagerung

Vorher, gegen 2 Uhr am Nachmittag, waren schon einmal vier vermummte Soldaten am Sumud-Zentrum. (Andere als am Abend. Das ist trotz Vermummung klar.) Sie wollten, dass wir beiden zu ihnen rauskommen, uns von ihnen fotografieren lassen und ihnen ein paar Fragen beantworten. Wir sind zwar bis zur Tür gekommen und haben durch die offene Tür mit ihnen geredet. Aber wir haben uns geweigert hinauszukommen und für Fotos zu posieren. Wir haben ihnen gesagt, dass ihre Kollegen am Checkpoint 56 uns und unsere Pässe schon ausgiebig fotografiert, gescannt und überprüft haben. – Wie sie ja offensichtlich wußten.

Die Fragen waren dann eher absurd. Einer von ihnen sprach Deutsch. Wollte wissen, woher in Deutschland wir kämen. Und als wir „Hamburg“ sagten, fragte er nach St. Pauli und HSV, und was wir von der Fanfreundschaft zwischen St. Pauli und Maccabi Tel-Aviv hielten. Wir haben möglichst nichtssagend geantwortet.

Unsere wiederholte Bitte, ihre Vermummung abzulegen, wurde abgelehnt. Ebenso unser Angebot, dass wir rauskommen und uns fotografieren lassen, wenn sie sich im Gegenzug von uns ebenfalls fotografieren ließen, gerne auch mit Vermummung.

Da wir uns beharrlich weigerten, die Terrasse zu verlassen, haben sie uns gedroht. Sie seien hier das Gesetz, sie dürften hier alles. Sie sind aber nicht gewaltsam eingedrungen. Statt dessen haben sie noch eine Zeitlang vor der Tür herumgelungert und ihre Vorgesetzten angefunkt.

Weil wir das als Belagerung empfunden haben, haben wir bei unserem Rettungsnetzwerk in Deutschland Alarm geschlagen und die Botschaft angerufen. – Sie haben sich dann aber irgendwann getrollt.

Die Besatzung spürbar machen!


Es gibt eine allgemeine Einsatzregel bei der Israelischen Armee im Westjordanland: „Sich so verhalten, dass die Palästinenser und alle, die mit ihnen sind, merken, dass sie unter Besatzung sind und dass die Soldaten der Boss sind.“ Sie nennen das, „Die Besatzung spürbar machen!“ – Und heute haben sie das getan.


Geburtstagsfrühstück mit Soldaten

Wir waren beim Geburtstagsfrühstück, haben die Ruhe genossen und die Vögel Papageien fotografiert, die zwar eine invasive Art sind, aber schön. Ach ja, und zwischendurch zeigten uns jugendliche Siedlerjungen auf dem Weg zur Synagoge (es ist Schabbat) den Stinkefinger.

Dann kamen ein Trupp Soldaten den Hügel hoch. Sobald sie uns sahen, begannen sie, sich zu vermummen. Sie kamen an den Zaun und behaupteten, dass es sowohl verboten sei, hier zu fotografieren, als auch auf der umzäunten Terasse zu sitzen. Was beides nicht stimmt. Sie versuchten uns ins Haus zu verbannen. – Als ich vorgab, die Botschaft anzurufen trollten sie sich.

Noch haben sich erst die Anführer vermummt, der Rest folgt kurz darauf.

KI-Maschinengewehr

Nach dem Frühstück gehen wir in die Stadt, ein paar Besorgungen machen. Dazu passieren wir Checkpoint 56 am Ende der Shuhada Street. Dieser besitzt das erste vollständig autonome Maschinengewehr der Welt. (Inzwischen ist es nicht mehr das einzige.) Es ist auch das erste seiner Art, das vollständig autonom Menschen erschossen hat. Und das (im selben Atemzug) erste, das unschuldige Zivilisten erschossen hat. – Die KI hatte sich wohl vertan? Oder?


Lebendiger Shuk & Neue Siedlungen

Sobald wir die sterile Zone verlassen, erschlägt und die Lebendigkeit dieser Stadt.

Aber im Shuk merken wir doch schnell, dass die Siedler sich ausgebreitet haben.

Die Gitter und Dächer über der Straße dienen zum Schutz vor Steinen, Müll und Exkrementen, welche die Siedler aus ihren in den oberen Stockwerken liegenden Siedlungsausbuchtungen auf die unten einkaufenden Palästinenser schmeißen.
Diese Gitter und Dächer waren bei unserem letzen Aufenhalt 2017/18 noch nicht da.
Im Jahr 2022 hat Deutschland die Renovierung dieser UNESCO-Kulturerbe Alststadthäuser bezahlt.
Danach haben die Siedler der dahinter liegenden Siedlung sich die oberen Etagen unter den Nagel gerissen. – Warum hat Deutschland nicht deutlich hörbar Protest dagegen eingelegt?
Wir kaufen unsere Kufiye in einem Laden der direkt unter der zweitjüngsten Siedlung der Stadt liegt.
Direkt gegenüber einer der „alten“ Siedlungen. Die genau am Rand der sterilen Zone liegt.

Die Siedler machen jeden Schabbes einen Spaziergang durch den Shuk, für den die Armee jeweils alle Straßen, durch die sie wollen, abriegelt. Das haben sie vor genau vier Wochen, am 6. September 2025 genutzt, um unter dem Schutz der Soldaten dieses halbe Haus neu dazu zu besetzen.


Anderthalbstunden im Käfig

Auf dem Rückweg wollen wir wieder Checkpoint 56 passieren.

Bina betritt den Checkpoint.

Ich mache ein Foto von bina im Checkpoint. Daraufhin drehen die Soldaten auf. Erst wollen sie Kamera und Smartphone samt Pincode haben. Als sie das nicht bekommen, bestehen sie auf Löschung der Fotos. (Sie können uns unsere Sachen nicht so ohne weiteres mit Gewalt abnehmen. Ihr eigener Tigerkäfig, in dem wir stecken, hindert sie daran. Und dass sie wegen ihrer Gewehre nur eine Hand frei haben.) Ich lösche die Fotos; für sie durch die Gitterstäbe gut sichtbar. Trotzem drohen sie uns und halten uns anderthalb Stunden in dem Käfig gefangen.

Anschließend sagen sie, wir dürfen den Käfig/Checkpoint nur in die Richtung verlassen, aus der wir gekommen sind. Und sie Beschuldigen uns, dass die Palästinenser wegen uns warten mussten. (Auf unseren Vorschlag, dass wir im Käfig zur Seite treten, und sie die anderen durchlassen, sind sie vorher etwa ein halbes Dutzend Mal nicht eingegangen.)


Umweg mit neuen Siedlungen & so

Gut, dann gehen wir eben außen rum zurück nach Hause. Die Checkpoints haben ja eher wenig mit Sicherheit und viel mit Schikane des Alltagslebens der Palästinenser zu tun. Mit einer halben Stunde Fußmarsch kommt man problemlos hintenrum rein. Die einzigen beiden Soldaden, die wir beide sehen, starren so gebannt auf ihre Smartphones, dass sie kaum Notiz von uns nehmen.

Unser Weg führt über den Schulhof einer ebenfalls von Deutschland finanzierten Mädchenschule, die von ihren Schülerinnen seit Juli fast nur noch über Trampelpfade von hinten betreten werden kann. Seit die Siedler zwei Mobile-Homes auf die Brachfläche vor der Schule gestellt haben. Sie behaupten, die Fläche sei Teil eines alten jüdischen Friedhofs, der ein kleines Stück entfernt liegt. – Was sie nachweislich nicht ist!

Das besondere an genau dieser Siedlung ist, dass sie in H1 liegt. Dem Teil von Hebron, in dem gemäß des Oslo-Abkommens die palästinensische Autonomiebehörde das sagen hat, und den weder israelische Soldaten noch Siedler ohne deren Erlaubnis betreten dürfen. – Die israelische Verwaltung hat daraufhin eine Hebronkarte mit einer am Computer veränderten Grenzlinie veröffentlich. Aber es gibt im Netz Fotos, von der originalen Karte, die dort schon sehr sehr lange stehen. Und es gibt alte Karten aus Papier. – Orwell wäre von den Israelis beeindruckt!

Der Schulhof. Rechts hinterm Zaun eines der beiden Mobile-Homes.

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Nicht gerade sehr ordentlich die Siedler. Vermutlich Hilltop-Youth!

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Theoretisch gibt es auf unserem Weg einen Checkpoint. Aber wir gehen einfach rechts an der Schranke vorbei, während der Soldat links hinter Panzerglas auf sein Smartphone starrt.

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Die Geschichte dieses Siedlerhauses finden wir besonders perfide. Als die dort wohnende Familie im Ramadan diesen Jahres abends auf einem gemeinsamen Fastenbrechen mit anderen Familien war, sind die Siedler eingebrochen und haben sich festgesetzt.

Als letztes passieren wir die archäologische Ausgrabung der Siedler.

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Dieses Bild hat die Aktivisten von YAS besonders intersssiert. Diese Ausgrabung ist neu.

Die Siedler fangen einfach an, auf privatem Land zu graben. Wenn sie alte Steine finden, dann sperrt die Armee das Grundstück für sie ab. Um die Archäologisch wertvolle Stätte zu schützen. Und wenn sie lange genug ungestört sind, finden sie immer etwas. Immerhin ist das hier Hebron! Besiedelt seit der Bronzezeit!

Von Tel Aviv nach Hebron

Freitag, 3. Okt.

Wir stehen früh auf, um vor Beginn des Schabbats bei Dämmerung und möglichst auch vor der Nachmittagshitze da zu sein. Erst mit dem Zug von Tel Aviv nach Jerusalem (West), dann mit dem Siedlerbus von Jerusalem nach Hebron. In Tel Aviv sind gefühlt die Säkularen in der Mehrheit, in Jerusalem die „Nervösen Religiösen“, im Bus nach Hebron dann die Klerikalfaschisten. Wir machen auf Touristen und rutschen ohne Probleme durch.

Sobald wir Jerusalem verlassen, beginnt das Labyrinth des Westjordanlandes aus Trennmauern, Siedlungen, palästinensischen Dörfern und Städten, „sterilen“ Straßen, auf denen nur Israelis fahren dürfen, und „normalen“ Straßen, auf denen auch Palästinenser fahren dürfen.

Trennmauer, welche die „sterile“ Siedlerstraße vor den Menschen in Betlehem „schützt“.

An der Machpela (der angeblichen Grabhöhle Abrahams und seiner Familie) steigen wir aus. Wir kommen keine zehn Meter weit, schon stoppen uns ein Soldat und eine Soldatin von hinten und wollen wissen, ob wir Juden, Christen oder Muslime seien. Als wir „Christen“ sagen, wollen sie unsere Pässe sehen. Sie sind offensichtlich irritiert, dass in deutschen Pässen die Religion nicht vermerkt ist. (Das kennen wir schon.) Sie fragen mindestens ein halbes Dutzend mal nach, ob wir wirklich keine Muslime sind. Irgendwann schlage ich dem männlichen Soldaten vor, dass wir kurz um die Ecke gehen, damit ich ihm meinen unbeschnittenen Penis zeigen und die Sache beweisen kann. Darauf verzichtet er dann doch und sie lassen uns ziehen.

Die Shuhada Street in der sterilen Zone von Hebron. In den Häusern wohnen Palästinenser*innen, die ihre Häuser aber nur über die Dächer nach hinten betreten und verlassen können. Die Vordertüren und Läden sind von Siedlern und der Armee zugeschweißt, die Balkone zum Schutz vor Wurfgeschossen in Käfige verwandelt worden.

Im Sumud-Zentrum von Youth Against Settlements (YAS) anzukommen, ist wie nach Hause kommen.

Als wir ankommen, ist gerade eine interationale Delegation da und wird palästinensisch gastfreundlich bewirtet.
Wir genießen den Nachmittag im Schatten der Olivenbäume mit Blick auf die Machpela (im Hintergrund).
Direkt hinter dem Haus liegt die Siedlung Tel Rumeidah, im Schatten des Unterstandes der diensthabende Soldat. Der Zaun ist unserer – zum Schutz vor Siedlerübergriffen.


Das Kino kommt

Seit zwei, drei Jahren arbeitet YAS aktiv daran, im Sumud-Zentrum ein Kino einzurichten. Die Idee hatten sie schon als wir 2017/18 da waren, aber damals sollte es noch in einem anderen Haus – hier im komplett israelisch kontrollierten Teil Hebrons – untergebracht werden.

Natürlich versuchen die Siedler und die Armee das auf jeden Fall zu verhindern. Sie haben da schlechte Erfahrungen gemacht, als YAS vor etwa zehn Jahren einen Kindergarten in einem Haus eröffnete, das sie eigentlich besetzen wollten. Damals wurde alles für den Kindergarten hineingeschmuggelt. Und das müssen sie (wir) auch diesmal tun.

Heute kommt der letzte Baustein des Kinos: die Leinwand. Der Raum ist schon gebaut. Die Stühle sind da. Alles ist fertig. Trotz theoretischer Totalkontrolle ist es erstaunlich einfach, unbemerkt hier hereinzukommen. Wenn man sich auskennt! Als die Leinwand etwa 100m vor dem Sumud-Zentrum ist, bemerkt sie der wachhabende Soldat hinter dem Haus. Er funkt hektisch. Doch seine Kollegen haben erfahrungsgemäß eine Reaktionszeit von etwa acht Minuten. Das reicht uns 🙂

Die Kinoleinwand (die aus juristischen Gründen de facto ein Riesenfernseher ist) wird im Kinosaal ausgepackt. Ganz links das ebenfalls hereingeschmuggelte Kamerateam, das einen Film darüber dreht.

Anschließend laden die linken Israelis aus Tel Aviv, welche die Leinwand besorgt und hergebracht hatten, die Palästinenser und uns zum Neujahrsessen ein. Eigentlich ist das eine Tradition für Rosh ha-Schana, was schon vor einer Woche war. Aber so, wie das Neue Jahr in Deutschland eigentlich erst mit dem Dreikönigstag so richtig anfängt, fängt bei den Juden das Neue Jahr erst mit Yom Kippur richtig an.

In Honig getauchte Früchte: „Shana Tova!“ – „Süßes neues Jahr!“


Historischer Comic


Bei Dan und fluff habe ich das Comic „Not the Israel my Parents promised me!“ gelesen. Sehr gut! – Auch wenn die palästinensische Sichtweise (wie üblich) komplett fehlt.

Hier zwei historisch korrekte Zitate aus dem Comic:

Yom Kippur

Donnerstag, 2.okt.

die ganze stadt ist still. kein laden ist geöffnet, kein bus oder privatauto fährt. in einer stadt, in der der verkehrsinfarkt allgegenwärtig ist und es vor menschen nur so wimmelt, hört man die vögel singen. der größte spaß, besonders für die kinder, ist auf der straße rad fahren zu können und die erwachsenen haben sich stühle auf den asphalt gestellt und verbringen den tag im schatten.

häufiger als sonst kacheln krankenwägen an ihnen vorbei. an yom kippur wird vorzugweise weiß getragen und weder gegessen noch getrunken, 25 stunden lang (von abenddämmerung zu abenddämmerung). bei der hitze halten wir das für fatal und so manche/r wird kollabiert sein.

Die Straßen sind heute Spazierwege: Sitzecken für Nachbarschaften und Radrennstrecken für Kinder.
auch wir machen einen kleinen spaziergang zur autobahn, auf der sonst auto an auto mehr steht als fährt
Auf dem Ayalon-Highway ist sonst immer Rush-Hour. Er ist Israels wichtigste Nord-Süd-Verbindung, Verkehrsknotenpunkt und Tel-Avivs wichtigste innerstädtische „Schnell“straße in einem.

und im park spielen indische männer cricket.

bemerkenswert fanden wir gestern noch die hausführung.
wir in deutschland zeigen unseren gästen bei einer haus- oder wohnungsführung als erstes die toilette bzw. bad und ihr zimmer.

hier ist es wichtig, den gästen zuerst den sicheren raum in der wohnung zu zeigen und zu erklären, wie er geschlossen wird. dort hinein sollen wir gehen, wenn es raketenalarm gibt. der raum liegt im inneren des hauses. eine massive tür soll schützen und die wände, decke und boden sind verstärkt. ansonsten ist dieser raum zur abstellkammer mit einem regal voller lebensmittel umfunktioniert. ok, es gibt ein paar sitzgelegenheiten.

ich erstaune mich, wie selbstverständlich für mich ist, zu hören, dass es vielleicht 1x wöchentlich alarm gibt. ist halt so, nicht? … aber ich hoffe doch, daß ich das nicht erleben muß.

An Yom Kippur ist es so ruhig und „friedlich“, dass wir abends auf dem Balkon sogar ganz leise Explosionen aus Gaza hören können. Ein unspektakuläres Geräusch, das bei normalem Großstadtlärm keine Chance hätte. – Nur weil Dan es mir erklärt, erkenne ich den leisen Knall in der Ferne als das, was er ist.

Jetzt wird’s spannend!

Dienstag-mittwoch, 30.sep.-1.okt.

im geiste memorieren wir immer wieder, was wir sowohl in larnaca am flughafen als auch in tel aviv bei den kontrollen sagen wollen.

nachdem wir die großen rucksäcke mit der folie eingepackt haben, stehen wir endlich am check-in.

ich habe steine im magen, aber ich lächele genau wie michel sehr sonnig und tue so, als würde ich mich auf die reise nach israel unbändig freuen. die dame checkt unsere pässe sehr gründlich, hat etliche fragen an eine kollegin. die wiederum einen anderen kollegen fragt. ich gäbe was dafür, wenn ich griechisch könnte. ich wüßte zu gern was sie besprechen.

dann fragen sie nach dem visum für israel, und in unserer aufgeregtheit begreifen wir nicht sofort, daß sie das eta-il meinen. als michel das herzeigen kann, geht es schnell. wir müssen nur unser gepäck am schalter für besonderes gepäck abgeben und haben es dann bis hierhin geschafft.

wir machen lustige witze, singen wanderlieder auf unserem langen weg duch die absperrungen und sind an der personenkontrolle.

unser handgepäck und michel gehen anstandslos durch und bei mir fängt der körperscanner an zu revoltieren. mein halsreif wird zuerst verdächtig, aber der ist eigendlich nicht ferro-magnetisch, weil titan.
man schickt mich ein ums andere mal durch das tor. es piept.
bis mir einfällt, daß es meine schönen neuen knie sein könnten. ich zeige meine narben, dann geht das fräulein vom scanner noch mal mit einem extra-gerät um mich herum und die schuldigen stehen fest.
und dann haben wir es geschafft.

jetzt heißt es, am gate zu warten.
aber was müssen wir hören: unser flug fällt aus wegen irgendwelchen schäden an
der maschine, die auf dem herflug von tel aviv festgestellt wurden.
vier stunden lungern wir herum, dann steht eine neue maschine zur verfügung und wir können endlich einsteigen.

die zusammensetzung der passagiere ist interessant. wir sind fast die einzigen nicht-israelis. diese sind eine mischung aus säkularen israelis bis hin zu ganzen haredim-familien mit an die sechs kindern und einer wieder schwangeren mutter. jungendliche, die auf ihren koscheren smartphones spielen, zwei betende in voller gebetsmontur in verschiedenen ecken des warteraumes. eine regenbogenfamile, ein paar geschäftsreisende.

uns fällt auf, daß die höchstmaße an handgepäck sehr flexibel gehandhabt werden.
während wir akribisch darauf achteten, kommen die anderen mit koffern an bord, die deutlich größer sind.
wahrscheinlich hat das flughafenpersonal es irgendwann einfach aufgegeben zu diskutieren, im wissen, daß flüge zum ben gurion einfach anders sind und daß mit haredim über vorschriften zu diskusstieren, ein aussichtsloses und nervenaufreibendes unterfangen sei …

Der Flug ist kurz und problemlos.
Da wir einmal halb um den Flughafen herumfliegen, um von Osten her zu landen, können wir im Landeanflug israelische Siedlungen im Westjordanland und die Sperrmauern sehen.

am ben gurion ist es noch heißer als in larnaka. egal.
wir nähern uns dem punkt, auf den es wirklich ankommt:
lassen uns die israelis einreisen oder nicht? werden wir stundenlang interviewt oder nicht?

wir streifen in der warteschlange bei der passkontrolle unsere imaginären hawaii-hemden über, ich bringe meinen kuschelwolf hurz in stellung und dann werden wir von einem wachmenschen einer schlange vor einem kontrollschalter zugeteilt.
die frau darin wirkt sympatisch.
sie will wissen, was wir in israel wollen, wo wir unterkommen werden, wie die freunde heißen, die wir besuchen werden und warum wir so lange bleiben wollen.
daß wir freunde wiedersehen wollen, war übrigens in allen gesprächen der tür-öffner.

michel und ich ‚streiten‘ uns ein bisschen, weil ich gleich zur irish-trad.-session ins molly malone will, er aber das schnorcheln im roten meer zuerst erwähnt und den queeren stammtisch in jerusalem auch.
mein boarding-ticket habe ich bei hurtz untergebracht und als sie die flugnummer wissen will, hat er einen kleinen auftritt. das ist als ‚hawaii-hemd‘ auch immer gut.

daß wir die erwähnten freunde nicht beim richtigen namen kennen, wie in einer queeren umgebung oft üblich, scheint ok zu sein. daß wir im östereichischen hospiz übernachten wollen auch. ganz vergaß ich, einen besuch in yad vaschem zu erwähnen, aber das war nicht mehr nötig.
nach knapp zehn minuten lächelt sie und reicht uns unsere pässe mitsamt der 90-tage-aufenthaltserlaubnis durch das fenster.
jetzt heißt es noch eine weile haltung zu bewahren und nicht gleich vor freude auszuflippen, zumal wir auch unser gepäck erst abholen müssen.
das geht sehr schnell und nach kurzer zeit stehen wir am schalter zum geld wechseln und am fahrkartenautomat für den zug.
an der verabredeten haltestelle holt uns unser freund ab. was für ein schönes wiedersehen!

nach einem kurzen lunch in einem türkischen imbiss sind wir bei ihm und seiner freundin endlich zu hause. nachmittags gegen 16.00h statt am späten vormittag.

Olivenernte in Hebron

Am 10. Oktober beginnt die jährliche Olivenernte-Kampagne von Youth Against Settlements. Nicht, dass wir besser Oliven ernten können, als die Einheimischen. Aber unsere Anwesenheit erhöht die Chanchen, die Ernte erfolgreich durchzuführen.

Denn das Gesetz hier ist: Wenn Siedler, Militär und Bürokratie es in drei aufeinanderfolgenden Jahren schaffen, die Olivenernte zu verhindern, dann fällt der Olivenhain an die Siedler.

Und Issa Amro, unsere Kontaktperson bei Youth Against Settlements, ist auf der 100-Personen-Liste „The Worlds most influencial Rising Stars“ des Time Magazins 2025. Hier der Link!

Zone of Interest

Dan und fluff wiederzutreffen ist wie nach Hause zu kommen. Die beiden sind queere Freunde aus Israel, die wir in unserem letzten Sabbathjahr kennen gelernt haben. Damals war fluff politisch links, dem Friedenslager zugehörig und klassifizierte Israel als „Apartheid, even worse than the South African version“. Aber sie war nicht wirklich politisch aktiv. Und Dan war ein politisch desillusionierter Zyniker.

Jetzt sind die beiden politische Vollaktivisten. Im Schnitt zwei Demos die Woche, gegen den Genozid, gegen die Regierung, gegen den Rechtsruck, gegen die Entmachtung der Justiz, für die Befreiung der Geiseln.

Fluffs einsatzbereite Demotasche an der Tür. Die Aufkleber sind von Standing Together. Der rechte Aufkleber sagt „Nein zum Krieg“ auf Hebräisch und Arabisch, der linke „Gegen ihren Krieg“ (gemeint sind die abgebildeten Netanjahu, Smodrich und Ben Gvir). Der Taschenaufdruck sagt: „Bringt sie jetzt nach Hause“.

Hier der Link zu Standing Together! Wikipedia beschreibt sie als: „eine politsch linke Bewegung in Israel mit dem Ziel, arabische und jüdische Israelis für einen Frieden im israelsche-palästinensischen Konflikt zu gewinnen und im Kampf um Gleichheit und soziale Gerechtigkeit zu vereinen. Sie entstand 2015 und hatte Ende 2024 rund 5.300 Mitglieder. Seit 2023 engagiert sie sich vor allem gegen den Gazakrieg.“

Wie fühlt sich das Leben in einer Stadt in 30 Autominuten Entfernung zu einem Genozid an? Irritierend normal! Menschen sitzen im Cafe und kaufen beim Bäcker ein. Nur wir scheinen den riesigen blinden Fleck zu sehen. Vor allem fluff verzweifelt daran.

Die Hungersnot ist 30 Autominuten entfernt.

Demo gegen Gaza-Spionageflüge

Seit Dezember 2023 führt die Britische Royal Airforce täglich (oder fast täglich) Spionageflüge von ihrer Basis Akrotiri auf Zypern über Gaza durch.

Was genau sie dort machen ist (natürlich) nicht ganz klar. Unter anderem, weil sie auf halbem Weg ihre Transponder abschalten. Einmal haben sie es jedoch vergessen und an dem Tag sind sie über zwei Stunden über Khan-Junis gekreist, wo zu der Zeit der Schwerpunkt der Offensive des Israelischen Militärs war und wo damals nicht einmal die Israelis irgendwelche Geiseln vermuteten.

Das passt nicht zur offiziellen Version, dass es bei den Flügen nur um Geiselbefreiung geht. Zumal Dank investigativer britischer Journalisten bekannt ist, dass die Informationen in Echtzeit mit der Israelischen Armee geteilt werden.

Inzwischen werden die Flüge offiziell nicht mehr von der Royal Air Force selbst durchgeführt, sondern von einer „privaten“ Firma, die normalerweise für die US-Air Force (und vermutlich die NSA) arbeitet.

Am Sonntag gibt es daher 3 Demonstrationen in 3 Ländern, die aufeinander Bezug nehmen. In Nicosia auf Zypern vorm Britischen Hochkomissariat, in London vorm Geheimdiensthauptqartier GCHQ und in Nevada, wo die „private“ Firma sitzt.

Das Britische Hochkomissariat liegt in der Pufferzone, im Niemandsland. Besser gesagt: An dieser Stelle ist es die Pufferzone. Dadurch führt die Demo durch eine zum Teil absurde „Landschaft“.

Neben der Solidarität mit Palästina und dem Genozid in Gaza geht es auch um die Britischen Basen auf Zypern, die immerhin 3% der Insel ausmachen. Die Briten haben, als sie Zypern 1960 in die Unabhängigkeit entließen, ihre wichtigsten Liegenschaften als „Souvereign Base Areas“ behalten. Also de facto als Kronkolonien wie Gibraltar. Das sind insbesondere die Aktotiri und Dhekelia. Akrotiri beherbergt eine Airbase, auf der auch über 100 US-Soldaten dauerhaft stationiert sind. Obwohl die Amerikaner offiziell nicht da sind. Akrotiri ist die zentrale Startrampe für fast jede Bombardierung der Britten und mutmaßlich so einiger Aktivitäten der Amerikaner im Nahen Osten. Dhekelia beherbergt den zentrale Geheimdienstkontenpunkt von GCHQ und NSA im östlichen Mittelmeer. Wie wir dank Edward Snowden wissen. Briten und Amerikaner teilen sich den Unterhalt brüderlich fifty-fifty.