Neuer Outpost

Dieser Beitrag war eine Art Liveticker! Wir hatten ihn den Tag über immer weiter gefüllt und upgedated!

Die Siedler sind jetzt gerade dabei einen neuen Außenposten etwa 50 Meter vor unserer Vordertür zu errichten. Wir haben sie um etwa 9:15 Uhr heute (Do, 20. November 2025) entdeckt.
Sie errichten ihn zwischen den Olivenbäumen, auf privatem palestinensischen Land, in der Closed Military Zone (die eigentlich niemand betreten darf).

Issa ist raus gegangen um mit ihnen zu reden, sie reagieren nicht. Er hat Armee und Polizei angerufen. Die Soldaten sind jetzt da, halten die Siedler aber nicht auf.

Dieser Filme ist, bevor die Soldaten da waren. Er zeigt unter anderem, wie Issa auf die Siedler und ihre Helfer zugeht.

Nach einer langen Zeit kommen Soldaten, aber sie halten die Siedler nicht auf.

Es ist 10:47 Uhr. Es sind über 60 Siedler und Helfer. Sie sprechen Englisch mit US-amerikanischem Akzent. Der größte Teil der Bautätigkeit findet direkt um die Ecke außerhalb der Sicht, die wir von der Tür aus haben, statt.

Sie haben eine Mauer hochgezogen und von ihrer bisherigen Siedlung einen neuen Zugang hierher geöffnet. Sie mähen das Gras, stutzen die Olivenbäume und räumen den Müll weg. Sie wollen ihre Siedlung hierhin erweitern.
Mein Versuch die Hauptbauarbeiten zu filmen:

Mäharbeiten kurz vor unserer Tür (er ist noch deutlich dichter gekommen):

11:07 Uhr: Sie scheinen zu packen. Aber sie haben auf jeden Fall ein Stück Land, das unseren palästinensischen Nachbarn gehört, illegal und unter den Augen der Soldaten ihrer Siedlung einverleibt.

11:10 Uhr: Sie sind weg. Issa und Mohammad sind wieder im Haus. Ich trinke jetzt erst mal Tee. Wir sind heute früh ohne Frühstück direkt in den Einsatz.

Normalerweise braucht die Armee nur Minuten, um die Siedler dazu zu bringen, den Versuch, einen Outpost zu errichten, abzubrechen. Diesmal haben sie sie über eine Stunde gewähren lassen.

Die Siedler werden in einigen Stunden oder Tagen zurück kommen, um ihren Außenposten endgültig zu etablieren. – Das ist ihr übliches Vorgehen. – Anwesenheit von Presse, Aktivisten und Diplomaten hier im Haus wäre jetzt hoch willkommen!

Nachträge:
1) Der persönliche Assistent von Itamar Ben Gvir (dem Minister für Sicherheit auch die Polizei untersteht) war Teil der Siedlergruppe. Dass ist vermutlich auch der Grund, warum die Polizei sich offen weigerte zu kommen.

2) Die Siedler haben beim Einpacken im Gespräch unter einander gesagt: „We will come back later.“ Issa glaubt, damit meinen sie nicht heute, sondern in den nächsten Tagen.

Issas Blickwinkel:

Folgendes schrieb er, während er bei den Siedlern stand, saß: „The Israeli military is allowing American volunteers who came to help the Israeli fanatic settlers to work on our privately owned land in Tal Rumieda in Hebron , while access for the Palestinian landowners remains restricted. This situation supports increased settler presence on the land and raises serious concerns regarding the protection of private property and the obligations of an occupying power under international law.”

Dies das wichtigste Video von heute und das mit der besten Qualität:

Binas Blickwinkel:

Hier sieht man gut, wie die Soldaten tatenlos rumlungern:

Auf dem nächsten Video sieht man den Assistenten von Ben Gvir! Der Mann, der bei Sekunde 3 von rechts ins Bild kommt ist der Assistent des israelischen Innenministers Ben Gvir. Ja, der Typ der sein Maschinengewehr lässig auf dem Rücken trägt und kurz mit Issa redet, welcher am Stamm des Olivenbaums lehnt.
Dies ist das zweitwichtigste Video von heute:

Die Siedler sind zurück!

13:35 Uhr: Die Siedler sind zurück! Seit etwa einer halben Stunde. Soldaten greifen nicht ein!

14:00 Uhr: Im Augenblick arbeiten sie auf Land, das der Stadt Hebron gehört. (Also der palästinensischen Stadtverwaltung.) Ihr Arbeitsgebiet ist somit leider außerhalb unsers Sichtbereichs vom Haus aus. Wir sehen nur den Schrott und Müll den sie von dort aus auf das private palästinensische Land einer weiteren Familie bringen.

Es sind US-Amerikanische Christen, die den Shabbath einhalten, den Evangelikalen nahe stehen. Sie selber halten sich für Juden und nennen sich „Messianische Juden“.
Die anderen Juden erkennen sie nicht als Juden an. Nutzen aber ihre Hilfe.

Auf dem nächsten Film sieht man, wie die Siedler und ihre Helfer, nachdem sie zurückgekommen sind, weiter machen und Schrott von weiter Oben auf dem Land der anderen palästinensischen Familie abladen. Issa und Mohammad holen einiges davon zu uns rein. Und die Soldaten machen: NICHTS!!!

14:35 Uhr: Die Siedler und ihre christlich-jüdisch-messianischen Helfer haben anscheinend aufgehört. Oder sie machen Pause. Oder sie arbeiten woanders, wo wir sie weder sehen noch hören können.

Gegen 16:00 Uhr ist der Spuk erstmal vorbei. Die Siedler ihre US-Amerikanischen Helfer und die Soldaten sind weg.

Das übliche Vorgehen der Siedler:

Das übliche Vorgehen der Siedler hier ist, alles vorzubereiten (sauber machen, Wege anlegen, Grundmauern legen…), und dann erstmal wegzugehen. Nach ein paar Tagen kommen sie dann wieder und feiern ein Fest. Das Fest hört einfach nicht auf. Einige feiern bis in den nächsten Tag rein. Dann taucht ein Zelt auf. Und nach und nach mehr Infrastruktur. Auf diese Weise gibt es keinen klaren Anfang. Jetzt ist zu wenig da, damit es wirklich ein neuer Outpost ist. Wenn sie ihr Zelt aufstellen, ist der Outpost ja nicht neu, weil Teile schon vorher da waren. – Und das reicht, damit es für die Medien kein berichtenswertes Einzelereigneis gibt.

Das Land, auf dem die Siedler aktiv waren (sind), gehört übrigens dem Cousin von Mohammad Natschi. Das ist der, den die Soldaten am 7. Oktober zusammengeschlagen haben. Und es gab schon einmal einen Outpost auf genau diesem Stück Land. Den sind die Familie Natschi und das Sumud-Zentrum damals wieder los geworden.

Schabbat „Chaje Sara“

Fr.-Sa. 14.-15. Nov.

An diesem Schabbat wird in der Synagoge der Abschnitt in der Tora gelesen, in dem Abraham die Doppelhöhle Machpela hier in Hebron vom Hetiterkönig Efron für 400 Silberstücke als Begräbnisstätte für seine Frau Sara und alle seine Nachkommen erwirbt. (Im Alten Testament, das ja textgleich mit der Tora ist, ist dies der Abschnitt Genesis 23.1-25.18.)

Aus diesem Anlass kommen jedes Jahr tausende Siedler und andere radikale Juden in die Stadt. Und der Ablauf ist immer gleich:
– Erst beten sie.
– Dann saufen sie.
– Dann randalieren sie.
(Um gegenüber den Palästinensern ihren Erbanspruch zu demonstrieren!)

Dieses Jahr regnet es zum Glück fast das ganze Wochenende durch. (Der Regen oszilliert zwischen sintflutartig und irischem Niesel.) Daher bleibt es aus Sicht der Palästinenser relativ ruhig. – Im Klartext heißt das: Es gibt nur 4 etwas größere Siederangriffe auf das Haus. Eine am Freitagabend und 3 am Samstag über den Tag verteilt.

Im Prinzip laufen die Angriffe alle gleich ab:
– 2 bis 3 Dutzend Siedler rotten sich um das Haus zusammen.
– Sie ergehen sich in obszönen Beleidigungen und Gesten.
– Es kommt zu Steinwurfwellen von mehreren Seiten auf das Haus.
– Mindestens einer von ihnen versucht, die Vordertür einzurammen, indem er sich mit voller Wucht dagegen wirft.

Ich habe nur den Nachspann des ersten Angriffs am Freitag Abend gefilmt. Als ich mit meiner extra-starken Stirnlampe durch den Zaun geleuchtet habe, haben sie ihren Angriff abgebrochen. Die Handykamera habe ich erst einig Sekunden (eine gefühlte Ewigkeit) später angemacht. Man sieht nur ihren Rückzug und hört noch einen einzelnen Stein einschlagen, der von der anderen Seite der Terrasse reinkommt:

Ansonsten gab es haufenweise einzelne mehr oder weniger Betrunkene, die einzelne Steine oder Beschimpfungen auf uns warfen.

Insgesamt haben uns, meiner Hochrechnung nach, mindestens 50 Siedler gegen die Eingangstür oder die Hauswand daneben gepinkelt. Leider standen sie meist so dicht, dass ich sie nicht filmen konnte. Aber diese Beiden, standen weiter weg, so dass ich sich gut aus der Deckung heraus drauf bekommen habe:
(Den Zweiten, der uns direkt vor die Tür pinkelt, sieht man ab Sekunde 9 gut.)

Und die Soldaten? Die lassen die Palästinenser (Männer, Frauen, Kinder) am Samstagabend für über mehr als drei Stunden am Checkpoint im sintflutartigen Regen stehen. Ohne ersichtlichen Grund, außer dass sie es halt können.

Hinterlassene Spuren:

Als wir nach dem Wochenende das erste Mal aus dem Haus gehe, fallen uns die folgenden Graffiti auf. Die Palästinenser weisen uns aber darauf hin, dass einige davon schon seit Jahren existieren, und sie von den Soldaten geschützt und von den Siedlern immer wieder „restauriert“ werden.

Außerdem befindet sich die im nächsten Bild zu sehende „Leine“ am Stromkabel neben unserem Haus. Wir vermuten, dass hier Saboteure am Werk waren und gestört wurden. Es müssen Auswärtige gewesen sein, welche die „gute“ Stelle für solche Sabotageakte nicht kennen. – Die liegt weiter links, außerhalb des Bildes und des von uns gefahrlos von der Terrasse einsehbaren Sichtbereiches.

Lagerfeuer & Barbecue:

Mo. 17. Nov.

Am Montagabend wird es lustig auf der Terrasse. Wir haben Besuch. Zwei Frauen, die als internationale bei einer Frauenrechtsorganisation arbeiten sind zu Besuch. Dazu ein Schotte, der Techno-DJ ist, in London lebt und seine palästinensische Begleitung. Und natürlich die üblichen Aktivisten von YAS!

Erst gibt es ein Lagerfeuer.
Dann wird dieses in einen Grill verwandelt – oder besser eine Art WOK-Herd.
Und aus dem Gegrillten wird schließlich wird ein Stehbuffet gezaubert.

Nur das „Bavaria-Apfel-Bier“ wirft einen Schatten auf diesen Abend. Das ist ein alkoholfreies Bier mit Apfelgeschmack in PET-Saftflaschen, das die hiesigen Muslime Deutschen und Schotten anbieten, weil sie wissen, dass wir Bier trinken. Das Zeug ist eine Kriegserklärung an jede Bierkultur und das Bayrische Reinheitsgebot. Und dann heißt es auch noch Bavaria! Dabei brauen die palästinensischen Christen so ein gutes Bier: Das Taybeh!

Kindergärten als Widerstand

Eine Form des Sumud, des Widerstandes den die Aktivisten von YAS leisten, ist die Eröffnung von zwei Kindergärten in der Geisterstadt. Der erste wurde 2013 eröffnet, der andere 2021. In beiden Fällen wurde dadurch nicht nur das Leben der palästinensischen Familien hier verbessert. Sie haben auch den Siedlern die Häuser direkt vor der Nase weggeschnappt, in denen sie neue Außenposten errichten wollten.

Dazu mußte alles, vom Kinderstuhl bis zur Wippe, an den Soldaten und Siedlern vorbei geschmuggelt werden. – Widerstand braucht Phantasie!

Am Mittwoch besuchen wir den neueren der beiden Kindergärten.

Der Spielbereich vorm Haus sieht wegen der Schutzgitter gegen Steinwürfe aus wir der Hofgangbereich eines Hochsicherheitsknastes. (Stammheimfeeling!)
Der Spielbereich hinter dem Haus ist zwar kleiner, dafür aber weniger knastartig. (Bis auf den Natodraht auf dem Zaun.)
Das aktuelle Thema der Kinder ist Olivenernte. – Zum Glück die Märchenversion ohne Siedler und Soldaten!
Und vor ein paar Jahren ging es offensichtlich um: Ich pflanze einen Olivenbaum.

Die Aktivisten von YAS bezahlen bei ihrem Besuch Kindergartengebühren für zwei Kinder aus armen Familien und nehmen eine Liste mit Dingen auf, die Gebraucht werden. Das geht von einer Reparatur der Wippe (Wer auf dem Bild genau hinsieht, erkennt dass sie kaputt ist.), bis zum Wunsch nach einem Mikrophon mit Lautsprecher für Kinder-Karaoke.

Luft holen in der Altstadt

Anschließend gehen wir in die Altstadt, um unter Menschen zu kommen und Luft zu holen.

Einkaufen wie in 1001-Nacht! – So geht Event-Shopping!
Als wir mit Tee und Wasserpfeife in unserem Lieblings-Teehaus sitzen, können wir Horden von Kindern beobachten, die Ticken spielen oder Fußball oder Murmeln. – Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ich Kinder mit allem Ernst Murmeln spielen sehe.

Cat-Content

Lilith nutzt Michels Hals als Schlafkissen.

2. Versuchte Olivenernte

Fr. 14. Nov.
In Absprache mit Issa Amro und den anderen YAS-Aktivisten fahren wir nach Jerusalem, um an der „Mass Solidarity Olive Harvest“ teilzunehmen, zu der die 5 „großen“ israelischen Organisationen aufrufen, die die palästinenser durch ihre Präsenz bei der Olivenernte schützen und unterstützen.

Es gibt Busse aus Jerusalem, Tel Aviv, Haifa und Beer Scheva. Wir fahren von Jerusalem aus und sind überpünktlich da. Wir sind die dritte und vierte Person am Treffpunkt. Die fünfte ist der erste Polizist, der sofort rüde verlangt, unsere Pässe zu sehen.

Die Ernteaktion soll bei Burin und Beita’a im nördlichen Westjordanland stattfinden. Als Antwort darauf, dass dort letztes Wochenende mehrere einheimische Bauern, auswärtige Aktivisten sowie eine Reuters Reporterin von Siedlern mit Knüppeln zusammengeschlagen wurden. Wir treffen uns mit den Bussen aus den anderen Städten kurz vor Tel Aviv. Gemeinsam soll es nun mit insgesamt 7 Bussen aus dem israelischen Kernland ins besetzte Westjordanland gehen…

Aber schon am Checkpoint an der Sperrmauer ist Schluss. Das israelische Militär hat gegen alle an der Aktion beteiligten eine „Order of Supression“ erlassen. (Eine „Anordnung zur Unterdrückung“, was ich einen erstaunlich ehrlichen Namen finde!)
Für uns ist hier also Schluß!
Im Gegensatz zu den Siedlern!

Also steigen wir alle aus den Bussen aus, für eine spontane Demonstration auf der Hauptzufahrtsstraße für die meisten Siedlungen im nördlichen Westjordanland.

Armee und Grenzpolizei haben zwar genügend Kräfte vor Ort, um die Busse am Überqueren des Checkpoints zu hindern, aber nicht um unsere Demonstration zu unterbinden. Obwohl wir nur 300 Demonstrant*innen sind.

Dafür haben wir gewichtige Unterstützung dabei!

es gab aber auch andere Fahrer*innen:
ich schaute in lächelnde gesichter, es wurde gewunken und erhobene daumen gezeigt.
das waren dann (meist) palästinenser*innen mit israelischem pass.

Wenn man den Erfolg der Aktion an der Menge der geernteten Oliven misst (Null!), dann war die Aktion ein kompletter Misserfolg. Wenn man die öffentliche Aufmerksamkeit in Israel, Palästina und vor allem international als Messlatte nimmt, und den Nachweis, dass Siedler, Armee und Regierung Hand in Hand arbeiten, dass Siedlerterror Staatsterror ist, dann war sie ein großartiger Erfolg! – So finden wir uns am Abend in einem taz-Artikel wieder. (Extrapunkte, wenn du Michel auf dem Bild des Artikels findest.)

„Siedlergewalt“ ist ein teilweise irreführender Begriff. Denn die Siedler agieren in Symbiose mit Armee und Regierung. Der Begriff verschleiert die zentrale Rolle des Staates in der langsamen ethnischen Säuberung des C-Gebietes des Westjordanlandes. Er erlaubt es israelischen Politikern und der Armee, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen, indem sie die Gewalt als das Werk von einer Handvoll von Extremisten ausgeben, während es in Wirklichkeit nahezu unmöglich ist, zwischen dem Handeln der Siedler, der Soldaten und der Polizei zu unterscheiden. (Unsere eigene Erfahrung deckt sie in diesem Punkt mit den Beobachtungen der Menschenrechtsorganisationen und europäischen Diplomaten hier im Land.)

Der Sprecher von „Rabbies for Human Rights“ findet klare Worte:

Ein Tag in Jerusalem

Do. 13. Nov.
dem ganzen gingen ein paar stunden jerusalem voraus.
wir nehmen den siedlerbus in die stadt. der wartet glücklicherweise schon an der haltestelle in der shuhada street und fährt auch gleich los, so daß wir uns nicht noch erst durch den checkpoint quatschen müssen.
aber die fahrt reicht schon aus um uns wieder unwohl zu fühlen. unter siedlern passiert uns das in unserer gesamtlage schnell. richtig luft bekommen wir erst wieder, als wir glücklich in ostjerusalem am damaskustor sitzen und uns an pita mit humus und weitrauben laben.

und dann gibt es wieder den orient pur in form eines shouk-bummels.

Genau wie vor 8 Jahren fällt mir wieder auf, dass die Geschichte, nach der Israel 1967 von angriffsbereiten Armeen in Ägypten, Jordanien und Syrien eingekreist war, und sich im Sechstagekrieg durch einen Präventivschlag aus dieser Umklammerung befreit hat, nicht ganz stimmen kann. Israel hat die Stadt in der Mitte des Krieges handstreichartig und ohne Verwendung von Artillerie eingenommen (wegen der heiligen Stätten).

Die Altstadt von Jerusalem ist ein eng bebautes Labyrinth aus schmalen Gassen über und unter der Erde und kann von jeder zusammengestoppelten Miliz mit Ortskenntnis wochen- wenn nicht monatelang gegen jeden Gegner gehalten werden. Hier war keine angriffsbereite jordanische Armee, nicht einmal ein ernstzunehmender Freischärlerverband oder auch nur eine gut ausgerüstete motivierte Polizeitruppe.

Wer genau hinsieht bemerkt, dass er auf Schritt und Tritt von Kameras überwacht wird. Amnesty International hat in der 4 Quadratkilometer großen Jerusalemer Altstadt eine Kameradichte von 2 Kameras auf 5 Metern Gasse gezählt. – Die Unmengen an Lifestream schauen sich natürlich keine Menschen an. Das machen im Wesentlichen KIs.

auf dem weg zum östereichischen hospiz wird einem die ganze absurdität dieses überwachungswahnsinns gegenwärtig.
(Und an an der gegenüberliegenden Hauswand waren auch Kameras!)

auf ein gutes bier, natürlich aus palästina, haben wir uns schon lange gefreut.

im hospiz treffen wir eine russische jüdin, die ihren sohn besucht. die erzählt michel ihren blick auf den ukraine-krieg und gibt uns den tip, die russisch-orthodoxe kirche um die ecke zu besuchen.
die ist sehr spannend, weil hier wieder mal eine kirche unter einer kirche unter einer kirche gebaut wurde. das kenne ich eigentlich nur aus assisi.

Sieht man eigentlich wie steil diese Treppe ist?

Die unterste Kapelle (letztes Bild) ist für orthodoxe Christen übrigens der Geburtsort Marias, der Mutter von Jesus. Für katholische Christen liegt ihr Geburtsort im Haus nebenan (nächstes Bild). Diese Kirche kann zwar nicht mit einer so beeindruckenden Kapellen-Grotte aufwarten, dafür hat sie aber eine hervorragende Akustik und ist exterritoriales französisches Hoheitsgebiet mitten in Jerusalem.

wir kommen für die nacht gleich neben dem damaskustor im palm-hostel unter.
ein sauberes zimmerchen mit einer winzigen dusch-toiletten-kombination. und einem aufenthaltsraum, wo sich wie üblich weitere gäste sammeln. wir sitzen mit anderen beisammen und klönen.
und dann fängt es tatsächlich draußen an zu regnen. naja regen… es tröpfelt ein bisschen.
in norddeutschland würden wir von feuchter luft sprechen. aber es ist die erste feuchte luft seit unserer abreise in wedel und daher bedeutsam.
zum ersten mal seit längerem können wir die nacht durchschlafen. aber wir werden trotzdem pünktlich um 1.00h zur eigentlichen nachtwache wach.
der wecker klingelt um 6.00h. etws frisch machen, ein schnelles frühstück und ab geht es zu fuß richtung treffpunkt für die mass-solidarity-action im der nähe der first station, wo wir 2017/18 den bulli gegenüber auf dem parkplatz stehen hatten, wenn wir in jerusalem waren.

Man beachte, wie die Plakette es schafft, keine Araber und erst recht keine Palästinenser oder Palästina zu erwähnen!

ab und an schauert es, der fußweg ist glatt wie schmierseife und am himmel sehen wir einen wunderschönen regenbogen.

es fällt uns auf, wie grün jerusalem ist, wie sauber und wie viel platz es gibt.
rasenflächen überall, ein kinderspielplatz befindet sich in einer weiträumigen parkanlage, nicht auf einem abgezäunten fleckchen beton zwischen irgendwelchen häusern, ruinen oder müllbergen. was für ein durchaus erschreckender unterschied zum überfüllten hebron.

Zurück nach Hebron

nach einer wirklich gelungenen aktion am checkpoint sind wir mittags schnell wieder zurück in jerusalem. mit dem taxifahrer, den uns issa vemittelt hat, geht es nach hause.
eigentlich wollten wir noch eine zweite nacht in jerusalem bleiben, aber in dieser woche sind wegen des „shabbat chayei sarah“ über 4000 gläubige juden in der stadt. in der regel wird erst gebetet, dann gegessen und viel alkohol getrunken und dann werden palästinenser geärgert.
heute wird in der synagoge die stelle im alten testament gelesen, in der abraham für 400 silberschekel die machpela kauft. das ist über alle maßen bedeutsam.

da wollen wir lieber zurück sein, damit so viele menschen wie möglich im sumud-zentrum sind.
der fahrer bringt uns bis vor die geschlossene stadtsperre. (diese schranken vor palästinensischen dörfern und städten sind meistens geschlossen. reine schikane!) auf der anderen seite warten wieder taxis, davon bringt uns eines nach karantina.

aufgrund unserer ortskenntnis kommen wir gut im sumud-zentrum an. es ist schön, mohammad, die anderen aktivisten und die katzen wieder zu sehen und etwas zu essen heiß gemacht zu bekommen. issa ist im prinzip auch wieder da, steckt aber unten in der stadt fest und wird wohl später kommen.

Und die Katzen?

Mo.-Mi. 10.-12. Nov.

Ein kritischer Moment in den Tagen zwischen unseren (wortwörtlich) fruchtlosen Versuche Oliven zu ernten ist, als bei den Siedlern ein Huhn ausbricht und sich auf unsere Terasse flüchtet. Es zu behalten ist keine Option, den die Palästinenser würden dafür ohne Verfahren monatelang in Einzelhaft kommen (mindestens). Aber wie gibt man ein Huhn an solche Leute zurück ohne zusammengeschlagen oder festgenommen zu werden?

Mohannad spricht gut hebräisch, macht vorsichtig den Wachsoldaten auf sich aufmerksam, nähert sich dann ganz langsam dem Zaun, während wir filmend absichern, und wirft das Huhn rüber auf die andere Seite.

Lange haben die Siedler aber nichts von ihrem Huhn, denn es bricht wieder aus. Und diesmal fällt es Kater Adam in Krallen noch bevor es unsere Terrasse erreichen kann.

Lilith entwickelt sich unterdessen zur Extremschmusekatze.

Nur einmal bezieht sie einen provisorischen Siedlungs-Outpost in unserem Zimmer und behauptet das Zimmer würde jetzt ihr gehören, es sei ihr vor 3.000 Jahren von Gott versprochen worden.

Versuchte Olivenernte

Testballon-Attacken

Mittwoch-Samstag, 5.-8. November
Die letzten Tage waren bis auf die üblichen unregelmäßigen kleinen Attacken der Siedlerkinder relativ ruhig. Die Kinder werden anscheinend von ihren Eltern angehalten, hin und wieder ein paar Steine auf das Haus zu schmeißen oder kräftig am Zaun zu rütteln. Das sind Testballons, um zu sehen ob jemand da ist. Die Aktivisten von YAS sagen, wenn niemand reagiert, dann holen sie die Erwachsenen, welche dann versuchen in das leere Haus einzusteigen und möglichst viel Schaden anzurichten.

Olivenernte in Wadi Fukin

Samstag-Sonntag, 8.-9. November
Am Samstagnachmittag bekommen wir die Anfrage, ob wir bereit sind, sonntagfrüh nach Wadi Fukin zu fahren, um dort für 2 bis 6 Tage bei der Olivenernte zu helfen.

Wadi Fukin liegt etwa 8km westlich von Betlehem, eingequetscht zwischen der Sperrmauer (die hier im Wesentlichen auf der Grünen Line verläuft) und der Siedlung Betar Illit.

Natürlich sagen wir zu! Sonntag schleichen wir uns mit möglichst leichtem Gepäck und möglichst unauffällig aus der Hebroner Geisterstadt. Draußen werden wir von unserem Fahrer abgeholt.

Hebron-H1 ist ein wenig wie West-Berlin. Die Stadt ist vollkommen von Mauern und Zäunen umgeben und man kommt nur über wenige „Grenzübergänge“ in die Stadt hinein oder heraus. (Das Selbe gilt für alle von der palästinensischen Automieverwaltung kontrollierten Städte im Westjordanland. Sie liegen wie Inseln im vollständig israelisch kontrollierten C-Gebiet, welches 61% des Westjordanlandes ausmacht.)

In der Schlange vor dem Checkpoint am Stadtausgang warten wir knapp über eine halbe Stunde. Das ist für hiesige Verhältnisse nicht lange.
Am Checkpoint kommt ein gewisses „Dreilinden-Gefühl“ auf: Strenge Blicke, Fragen wohin wir wollen (Betlehem) und was wir da wollen (Geburtskirche besichtigen), kritische Inspektion der Pässe. – Etwas in mir wartet darauf, dass er auf Sächsisch sagt: „Gänse-fleisch ma‘ das Oha frei mache!“ (Sorry, der Witz ist Ü50!)

Kaum sind wir durch den Checkpoint durch, kommt ein Anruf aus Wadi Fukin: Als sie morgens zu ihren Olivenbäumen gehen wollten, um zu ernten, sind sie von Siedlern aus Betar Illit beschossen worden. Die Armee hat darauf hin die Olivenernte in dem Dorf verboten. Sie sind alle sicher zurück im Dorf und versuchen jetzt vor Gericht eine Erntegenehmigung zu erklagen. (Nun gibt es hier aber keinen Rechtsstaat, hohe deutsche und andere EU-Diplomaten uns mehrfach einhellig gesagt haben.)

Der Vorfall in Wadi Fukin schafft es nicht einmal hier vor Ort in die Nachrichten oder auch nur in die Instagram-Newsfeeds der Aktivisten, weil es einfach zu viele schlimmere Angriffe von Siedlern und Soldaten auf die Olivenernte gibt, und auf palästinensische Familien, auswärtige Unterstützer*innen und Journalist*innen. Ein Überfall ohne ernsthaft Verletzte oder einem guten Video wird in dieser Flut von Angriffen nicht einmal hier vor Ort noch ernsthaft wahrgenommen.

Das folgende Video ist ein Zusammenschnitt, den die Gruppe „Rabbies for Human Rights“ aus den Bildern gemacht hat, die sie selber an den letzten drei Schabbaten (den letzten drei Samstagen) gemacht haben. – Die anderen Tage der Wochen waren auch gewalttätig, aber der Schabbat ist für Rabbiner natürlich besonders wichtig. Und es gab viele Angriffe, bei denen die Rabbies for Human Rights nicht vor Ort waren.

Zur unterlegten Musik schreiben die Rabbiner: “Shalom Aleichem,” the traditional hymn sung to welcome Shabbat — a prayer inviting angels of peace into our homes.

Tatort des Brandanschlages

Wir drehen also um, fahren zurück nach Hebron, und wenn wir schon mal aus der Geisterstadt verlassen, dann nutzen wir den Tag auch.

Zuerst besichtigen dort den Ort des Brandanschlages, dessen Rauchwolken wir während der Nachtwache von Montag auf Dienstag von der Terrasse aus gesehen hatten. (Siehe letzter Blogeintrag!)

Die Aktivisten von YAS hatten mit ihrer auf Erfahrung basierenden Vermutung, dass es Brandstiftung durch Siedler war, recht.

Rechts sieht man die rußgeschwärzte Tür der ausgebrannten Schneiderei von Mashhour Sidqi Al-Tamimi. Links daneben eines von mehreren hebräischen Graffiti, das die Täter hinterlassen haben. – Es wird vermutlich nicht „Make Love not War“ heißen.
Im Schatten, wo die Gasse unter dem Haus durchführt, sieht man das rußgeschwärzte Tor. Rechts oben die auf den Dächern der palästinensischen Häusern gebaute Siedlung. Den Maschendraht haben die Palästinenser zum Schutz vor Wurfgeschossen der Siedler gespannt.

Die nächsten Bilder sind nicht von uns, sondern von Aktivisten des „International Solidarity Movement (ISM)“:

ich wünschte, ich hätte so rosa zauberglitzer, den ich über dem land ausstreuen könnte und alle würden zur vernunft kommen.

Wohlfühlstunden

nun haben wir einen ganzen tag zeit und setzen uns erst mal in ein cafè auf tee und argila.
wir werden immer noch mit vielen blicken bedacht, denn wir sind gefühlt die einzigen europäer ganz hebron. frauen schauen uns oft verstohlen, aber manchmal auch ganz offen an und wenn ich lächele oder winke, kommt ein lächeln oder winken zurück.
ein alter mann kommt vorbei und legt jedem gast an den tischen einen bonbon hin, quatscht ein bisschen mit den männern am nebentisch und geht weiter.

bei dem souvenierhändler, den die jungs vom YAS auf ihren touren immer ansteuern, sitzt in der ecke ein freund des ladenbesitzers, der ganz wunderbar alte palästinensische volkslieder zu singen weiß. sie klingen wunderschön und natürlich singen auch wir etwas.
zu unserer überraschung hängt über der tür zum hinterzimmer eine irische fahne, daher gibt es von uns irisches zu hören.
‚ich liebe irland‘ sagt der händler. eine nachfrage bleibt unbeantwortet – leider – weil wir uns traditionelle kleidung für ein foto anziehen sollen.

der ladenbesitzer (re.) und sein freund
in der hand hält bina eine oud
in ruhe essen können wir selten, es gibt immer jemanden, der sich mit uns unterhalten möchte.
der ibn-rushd-platz

dieser ort ist mitten in der stadt eine kleine saubere oase zwischen verkehrskollaps, händlergeschrei und müllbergen. jugendliche treffen sich hier nach der schule oder uni, alte leute machen pause von ihren einkaufstouren, die frauen deponieren ihre großen tüten bei ihren männern oder umgekehrt. man holt sich am kiosk ein getränk und ergeht sich.

Schüsse in der Nacht

In der Nacht auf Montag halten wir wieder Nachtwache (und schreiben diesen Blogbeitrag).
Gegen halb zwei sind in der Ferne (vermutlich 1km bis 2km entfernt) wieder mal Maschinengewehre zu hören. Einzelne Feuerstöße, Salven, diesmal ein längeres Gefecht von fast einer Viertelstunde. Kurz darauf aus der entgegen gesetzen Himmelsrichtung noch einmal kurz Schüsse. Dann ist es den Rest der Nacht ruhig.

Wir haben das jetzt schon öfter erlebt und wundern uns, wie unspektakulär Maschinengewehre klingen, zumindest aus der Distanz. Hollywood ist vom Sound her deutlich spektakulärer als die Realität.

Car-Content

Statt mit Cat-Content enden wir dieses Mal mit Car-Content:

Jedes Auto ist besser mit einer Deutschlandflagge! – Das ist zumindest die einhellige Meinung vieler palästinensischer Autobesitzer 😉

Stallwache

Di., 28.10.- Di., 04.11.

Am Dienstag letzter Woche ist Issa nach New York abgereist. Er ist auf die „Time100-Next-Gala“ des Time-Magazins eingeladen, weil er auf der diesjährigen Time-100-Liste ist. Er wird etwa eine Woche in New York bleiben und dort unter anderem auch einen Vortrag an der Columbia University halten. – Und weil es offiziell ist, müssen wir davon ausgehen, dass die Siedler wissen, dass er eine Woche lang nicht da ist.

Issa Amro auf dem roten Teppich der Time100-Next-Gala 2025.

Für uns und die Jungs von YAS heißt das: Stallwache!
Die erste Priorität ist, das Haus zu halten. Die zweite Priorität ist, das Haus zu halten. Das Haus liegt wie ein Pfropfen zwischen der Siedlung Tel-Rumeida und den Olivenheinen, die sich den Berg hinunter bis zur Shuhada Street ziehen. Die Siedler sind scharf auf dieses Haus, wie vermutlich auf kein zweites Grundstück (mit Ausnahme des Tempelberges). Wenn sie dieses Haus kriegen, bekommen sie genug Raum um ein ganzes Stadtviertel mitten in Hebron und mit Blick auf die Machpela zu bauen.

Wir bleiben also die ganze Woche im Sumud-Zentrum. Gehen nicht ein einziges Mal raus. Betreten nur das Viertel der Terrasse, das von Siedlern und Soldaten garantiert nicht eingesehen werden kann. Unterhalten uns draußen nur flüsternd. Sie wissen, dass hier Leute sind, aber nicht wer und wie viele. Das soll so bleiben. Und die Soldaten sollen keine Handhabe haben, uns beide rauszuschmeißen, damit die Siedler anschließend mit den Palästinensern Tabula Rasa machen können.

Jede Nacht übernehmen wir beide ab ein Uhr die Nachtwache. (Wir sitzen rechts auf der Bank an der Wand.)
Wenigsten haben wir viel Zeit für die Katzen.

Einmal kommt mitten in der Nacht plötzlich Wasser aus der städtischen Leitung. Sofort werden alle Tanks aufgefüllt. Das Haus hat 7 Wassertanks, die jeder 1.500 Liter fassen, sowie einige kleinere Tanks um die (wortwörtlichen) Durststrecken zwischen den unregelmäßigen Wasserlieferungen zu überbrücken.

Am Samstag haben die Siedler hinter uns eine große Party. Es ist der 30te Jahrestag der Ermordung des israelischen Premierministers Yitzhak Rabin, und das feiern sie. Sie lassen seinen Mörder, Yigal Amir hoch leben. Er war hier in der Hebroner Siedler-Comunity sehr aktiv. Mit Yitzak Rabin ist (vereinfacht gesagt) auch der Friedensprozess gestorben. Und seine Mörder sind jetzt an der Regierung. Zum Beispiel Ben Gvir, der etwa 2km von hier wohnt und auch schon persönlich an Angriffen auf dieses Haus beteiligt war.

Am Sonntag kommen dann gleich drei Gruppen hier im Sumud-Zentrum vorbei.

Tour von Breaking the Silence auf einer unserer Überwachungskameras.

Am spannendsten ist die Delegation der Slowenischen Botschaft. Der Botschafter höchst persönlich gibt sich die Ehre. Und er ist wirklich interessiert. Er will wissen, was die Slowenische Regierung, die Botschaft und er selber tun können, um die Palästinenser möglichst effektiv zu unterstützen. Der zentrale Begriff, der in dieser Diskussion immer wieder fällt ist: SANKTIONEN! Gegen Siedler, gegen Firmen die in Siedlungen produzieren, gegen alles was an der Besatzung und Ethnischen Säuberung im Westjordanland, sowie dem Genozid in Gaza beteiligt ist oder daran verdient. – „Die Besatzung teuer machen!“

In der Nacht von Montag auf Dienstag brennt es unten in der Altstadt. Einer der 1.500 Jahre alten Wohntürme, der direkt an eine Siedlung grenzt, sowie ein daneben geparktes Auto brennen. Die auf Erfahrung basierende Vermutung hier ist: Brandstiftung von interessierter Seite.

Auf dem letzten Bild erkennt man nicht nur an den Flutlichtern, dass das brennende Haus von drei Seiten (vorne, hinten, rechts) von israelischen Armeeposten und der Siedlung umgeben ist. Wer gut hinsieht, erkennt auch mindestens drei Überwachungskameras auf dem Bild.

Nach einer Woche Stallwache haben wir Lagerkoller und sind froh, dass am Dienstag genug Aktivisten da sind, so dass wir (mit den üblichen Sicherheitsvorkehrungen) einen Ausflug in den lebendigen Teil von Hebron machen können.

Neben einem Einkauf steht als wichtigster Punkt ein Besuch bei Abeers Buchladen auf dem Programm.

Abeer liest uns aus dem Buch vor, das sie gerade mit ihrer Kindergruppe liest. Die Kinder lernen dabei, wie sie durch Atemübungen ihre Angst in den Griff bekommen können. – Angst ist bei den palästinensischen Kindern hier ein großes Thema und Problem.

Bevor es zurück geht, gönnen wir uns noch einen Tee und eine Argila (Wasserpfeife).

sieben tage können eine lange zeit sein. was hilft ist disziplin. wie deutsche halt so sind….

wir stehen morgens pünktlich um 09.00h auf. michel kocht tee, füttert die katzen und macht frühstück. ich verschwinde im bad.
wer uns kennt, weiß, daß dies verkehrte welt ist. morgenverrichtungen sind sonst ja mein job. nach dem frühstück gibt es schnell die tagesmeldung auf signal.
irgendwann kommt mohammad, kocht sich kaffee, hockt sich vor den eingang außer sicht und verschwindet irgendwann zum anderen mohammad nach oben.
die wunderbare plattform vorne mit der schönen aussicht bleibt meistens leer.

wir lesen nachrichten, ich wasche alle paar tage wäsche mit der hand, die dann auf der improvisierten leine im zimmer hängt. michel legt längere arabisch-lern-einheiten ein und ist damit sehr fleißig. mich plagt ein schlechtes gewissen, ich sollte eigentlich genauso fleißig sein, schaffe das nur bedingt. aber ich kriege auch so langsam die lernkurve….
die terrasse wird hin und wieder schnell gefegt. die bäume verlieren ihr laub und die oliven ihre früchte. letzteres ist unendlich bitter. oder ich räume unser zimmer auf und fege durch.

ich hänge viel am smart-phone und bin ehrlich froh, das wir es hier lassen, wenn wir wieder ausreisen. dies verdammte ding hat extremen suchtcharakter, so nützlich es auch grade ist.
aber zum lesen kommen wir auch und ich schreibe täglich ein paar zeilen tagebuch.

wenn jemand kommt, verschwinden wir aus sicherheitsgründen für eine weile im haus. es kann immer sein, das soldaten hinterher kommen, die wissen wollen wer hier ist. sie brauchen nicht zu wissen, daß wir noch da sind.
der nachtschicht-mohammad geht oft tagsüber nach hause und wenn er zur nachtschicht wieder kommt, hat er oft eine leckerei dabei. kleine puddings oder mal mais, den er zu popcorn macht. mit salz und käsegeschmack.

wir haben eindeutig zu wenig bewegung. mir schmerzt vom sitzen der rücken, michel tapert oft hin und her und zuweilen machen wir gymnastik.
mittags legen wir uns oft noch ein bischen schlafen. manchmal überkommt uns auch der lagerkoller und wir verschwinden einfach für längere zeit im bett. und ich koche öfter am späten nachmittag, wenn es keine gruppen gibt, die ebenfalls von den YAS-jungs bekocht werden oder nachtschicht-mohammad steht am herd, was er gerne tut und gut kann. wir putzen dann anschließend die küche und gehen früh für die erste runde schlafen.

um zehn vor eins in der nacht klingelt der wecker, um 01.00h sitzt dann ein älteres ehepaar auf der bank an der hauswand, hat oft die katzen um sich herum und lauscht in die umgebung, in der hoffnung, es bleibt ruhig. ich aktiviere die kamera-app auf meinem handy, damit wir schnell schauen könen, ob sich draussen was tut.
manchmal sirren drohnen am himmel, dann vershwinden wir ins haus oder ziehen unsere kaputzenpulli-kaputzen über den kopf.
ab 03.00h können wir davon ausgehen, daß es ruhig bleibt und wir schauen einen film.
meist etwas heiteres, obwohl wir interessante filme aus oder über palästina finden.
aber palästina haben wir um uns herum genug.
um 05.00 ist unsere schicht beendet und das ältere ehepaar geht wieder schlafen.
die katzen dürfen mit ins zimmer. adam liegt meist neben dem bett auf einem stuhl mit einer decke, lilith am fußende.
und wir freuen uns, daß wir auch dieses mal eine ruhige nacht hatten.

Heute Abend hatten wir als Neuheit neben Qadrokopterdrohnen und echten Hubschraubern ala „Apocalypse Now“ eine große Flugzeugdrohne über uns kreisen. Vermutlich eine Heron, Spannweite ca. 16m, High-Tech-Kameras, kann (wenn bewaffnet) ganze Wohnblocks in Schutt und Asche legen, bis zu 52 Stunden Flugzeit und nervtötend, wenn sie über einem kreist. – Zum Glück war ihr nach etwa einer Stunde langweilig, und sie hat sich getrollt.

Normalverschiebung

Di., 28.10.

die wahrnehmung, was normal ist und was nicht, was also was filmenswert ist, ist für die menschen hier extrem unterschiedlich zu dem, was in deuschland normal ist.

  • normal ist es hier, dass sich vier soldaten auf einen nachbarn stürzen, den sie auf patrouille treffen und ihn zu boden werfen.
  • normal ist es, dass der neue nachbar verhaftet und zum verhör mitgenommen wird, weil er jeden abend zur selben zeit am wachposten vorbei geht. klar, wer regelmäßig zur arbeit geht hat auch regelmäßig feierabend und muß dann am wachposten vorbei, der zwischen den checkpoints und seinem haus liegt.
    geregelte arbeit! das geht ja gar nicht….
  • normal ist es, dass man angeschnauzt und weggeschickt wird, wenn man den seitlichen teil der EIGENEN terrasse unterhalb der siedlung betritt.
  • normal ist es, dass die italienerin noch zwei tage versucht durch den checkpoint 56 zu kommen, weil sie noch sachen im sumud-zentrum hat, und beide male abgewiesen wird. mit der lüge, das gesamte gebiet auf dieser seite des checkpoints, sei eine closed military zone. sie ist dann mit ablauf ihres visums und unverrichteter dinge über jordanien ausgereist.
  • auch für uns ist es inzwischen normal, dass wir bei drohnengeräuschen im haus verschwinden. (michel witzelt: ‚was machst du für einen sport?‘ – ‚ich renne ins haus, wenn drohnen kommen.‘)
  • dass soldaten und siedler mit waffen herumlaufen, denen man aus dem weg geht.
  • dass wir uns auf den seltenen gängen nach H1 aus dem haus und wieder hinein stehlen und vorher klären, ob es sicher ist.
  • normal, dass die siedlerjugendlichen so gut wie jeden tag die oliven aus der palästinensischen nachbarschaft stehlen. soldaten meist mit dabei sind und (fast) nie eingreifen.
  • die jungs vom YAS beobachten das nur, rufen die ‚civil administration‘ an, die aber doch nie kommt. würden sie hinausgehen, bekämen sie ärger.
    auch das ist normal.

für die menschen hier ist das alles nicht mehr filmens- und berichtenswert und wir bekommen hinweise, wann filmen unnötig ist und wann wichtig. wichtig ist es dann, wenn siedler oder soldaten auf die terrasse eindringen, und wenn die YAS-aktivisten involviert sind und ihnen anschließend tätlichkeiten unterstellt werden könnten.

Olivenklau – wieder mal

so geschah es am sonntag den, 26.10. und auch am montag. dieses mal am baum direkt an unserer tür. wir können über die kameras sehen, wie die jugendlichen eine sehr lange stange zusammenstecken, eine plane unter den baum legen und die oliven von den zweigen schlagen.

Das sind jetzt der 3. und 4. Olivendiebstahl der beiden Siedler-Teenager. Die ersten beiden waren letzten Freitag und vorletzten Freitag. Immer um 15:00 oder 16:00 Uhr. Hier ein Video vom 3. Olivendiebstahl, bei dem ein Siedler vorbeikommt, der mit seinem Hund spazieren geht, und kurz mit den beiden Dieben redet. (Kein Palästinenser kann sich trauen hier einfach so spazieren zu gehen.)

beim letzten olivendiebstahl sehen wir auch, und das wundert uns wirklich, dass zwei soldaten versuchen, es den jungs zu verbieten. aber die soldaten haben keine handhabe, denn für siedler-angelegenheiten ist die polizei zuständig. issa wird angerufen und ist tatsächlich wie angekündigt nach 5 minuten da. wir sehen, dass die jugendlichen ihn sofort angehen wollen und beobachten (es geschehen noch zeichen und wunder), dass die soldaten das aktiv verhindern und issa unbeschadet das haus betreten kann. die diebe verschwinden dann auch.

Der Diebe lassen sich von den Soldaten nicht von ihrem Tun abhalten.
Ein dritte Siedler-Teenager, der dazugekommen ist, um zu helfen, geht sofort aggresiv auf Issa los, als dieser nach Hause kommt. Aber die Soldaten halten ihn tatsächlich zurück. Leider eine große Ausnahme, nicht die Regel, gegen ihre Einsatzrichtilinien. – Siedler, die Palästinenser angreifen dürfen NICHT von Soldaten gestoppt werden.

Sumud: Olivenbäume überleben!

zu unserer großen freude schlagen die beiden uralten olivenbäume aus diesem video, die am 7. September 2023 von siedlern angezündet wurden (genau einen Monat VOR dem Hamas-Überfall), wieder aus.

Immer noch keine Antwort

Die deutsche Botschaft hat weder auf ihre offizielle Beschwerde in unserer Sache, noch auf die beiden Erinnerungsschreiben mehr als automatisierte Eingangsbestätigungen vom Israelischen Außenministerium bekommen.

Sofern ich den hohen deutschen Diplomaten, mit dem ich darüber gesprochen habe, richtig verstanden habe, ist das eigentlich ist das ein diplomatischer Affront, aber für Israel im Umgang mit Deutschland derzeit normal. Israel scheint in Anbetracht der Deutschen Staatraison keinen Anlass zu sehen, sich an diplomatische Regeln und Gepflogenheiten zu halten.

Selbst das grundlegende Rechte auf konsularischen Beistand für deutsche Staatsbürger in israelischer Haft setzen sie außer Kraft, ohne dass Deutschland ernsthaft reagiert. Letzte Woche saß eine deutsche Aktivistin, die Palästinensern bei der Olivenernte geholfen hatte, drei Tage in Abschiebehaft, ohne dass ihr Kontakt zur deutschen Botschaft gewährt oder die Botschaft auch nur informiert wurde.

Trotzdem ein Ausflug

erst mal geht es in den hammam.

Die Rituale und Abläufe im Hammam sind hier in Hebron anders, als alles, was wir kennen. Während man auf dem heißen Stein liegt, wird man mit halben Zitronen und Soda abgerieben. Die Massage ist ohne Seifenschaum. Aber der größte Unterschied ist, dass es ein kleines Tauchbecken gibt:

Wenn man dieses 300 Jahre alte Tauchbecken einem Archäologen zeigt, wird er es mit sicherheit als jüdische Mikwe identifizieren. Als jüdisches Ritualbad. – Jetzt ist Hebron bekannt dafür, dass hier sehr viele sehr alte Traditionen gepflegt werden, weil die Familien hier ja sehr alt, konservativ und traditionsbewußt sind. Wir fragen uns, ob diese mikweartigen Tauchbecken in den Hammams hier ein Überbleibsel aus der Zeit vor zweitausend Jahren sind, als eben diese Familien jüdisch waren. (Wir schrieben ja, dass sie nachweislich seit der Bronzezeit vor 4.400 Jahren kontinuierlich hier leben.)

aber es ist auch schmerzhaft, denn wir werden mit einem schröpfkopf massiert. dazu nimmt der inhaber einen einfachen keramikbecher, in dem ein benzingetränkter wattebausch angezündet wird, presst ihn auf die haut und zieht ihn über den körper. es tut höllisch weh, aber hinterher ist es schön. wir wußten nicht, das teebecher auch foltergeräte sein können.

leider kommt er mir über die massage hinaus auf eine weise nahe, die ich nicht mehr gut finde. ich muß seine zudringlichkeiten sehr deutlich abwehren und wir beschließen, issa zu bitten, das bei ihm anzusprechen. er hat zu ihm die kulturelle augenhöhe und kann das als muttersprachler sicher weniger verletzend als ich.
es ist aber auch verwirrend. ich renne, sauna-gewöhnt, nackig und bestimmt einladend herum und will dann doch nicht. nächstes mal wickele ich mir das laken um, dass man anfangs bekommt und auf dem man auf dem heißen stein und der massagebank liegt.

auf dem weg zurück entdecken wir tatsächlich den buchladen von abeer:

der einzige buchladen in der altstadt und der erste überhaupt. abeer sagt, es hätte wohl mal einen schreibwarenladen gegeben, aber keinen buchladen. sie hat ein sammelsurium aus gebrauchten und neuen büchern, hauptsächlich auf arabisch, und wir erstehen buch von gerry adams auf englisch. gerry adams ist der ehemalige präsident der irischen sinn fein, soll bei der ira gewesen sein und war maßgeblich am karfreitagsabkommen in irland beteiligt.
abeer bietet auch unterschiedliche zeichenkurse und vorleserunden für kinder und frauen an und kriegt jedes mal zuviel, wenn die siedler ihre samstags-spaziergänge durch die altstadt machen und die soldaten dann ihren laden schließen.
michel organisiert tee, wir klönen eine weile und werden sie bestimmt wieder besuchen.

danach treibt uns der hunger an einen der imbiss-stände (neudeutsch: street-food).
nirgendwo schmeckt schlichtes kebab mit gegrillten zwiebeln und tomaten im pitta so gut, wie von einem stand bei dessen anblick jeder deutsche amtsarzt zustände kriegen würde.

michel plündert noch einen bankautomaten und wir stromern weiter ins q-candy, einem cafè amerikanischer art, das wir noch von 2017 kennen. es gibt kaffee und kuchen. unfassbar, es hat sich nichts verändert. aber uns fällt auf, das es auf dem weg dorthin sehr viel mehr schicke läden gibt als damals.

in der dämmerung gehen wir dann zurück zum abfahrtsplatz der service-autos am checckpoint 56 und dort treffen wir ashwaq.
eine junge rechtsanwältin, die auch in unsere richtung will, recht gut englisch spricht und ganz begeistert von unserer bekanntschaft ist. sie lädt uns zu sich nach hause ein.
ihre ganze familie strömt zusammen, die nachbarn dazu und immer kommt noch jemand hereingeschneit und will sehen, wen ashwaq da mitgebracht hat.
der zirkus (also wir) ist in der stadt.

Das ist der kleinere Teil der Familie. Die meisten waren kamerascheu. Es waren allein neun Geschwister von Ashwaq, zum Teil deren Gatten und Kinder, sowie Ashwaqs Eltern, Großeltern, Onkels, ich glaube Tanten und… Ich habe den Überblick verloren.

es gibt für uns essen und cola und anschließend kaffee, staunende blicke und leider auch viel schweigen, weil nur ashwaq übersetzen kann, aber die ganze zeit hin und her flitzt und uns serviert.
grade die frauen sind zu schüchtern, ihre fragen zu stellen und so nehme ich meinen kaffee und bitte die frauen nach nebenan.
offensichtlich ist das genau das richtige. sie trauen sich zwar immer noch nicht zu fragen und mir wird nur gesagt, wie hübsch ich bin, aber alle legen schwatzend und kichernd ihre kopftücher ab und zeigen mir ihre haare. was kommen da für wallemähnen unter den hidjabs hervor! dick und teilweise oberschenkellang!

nach einer stunde müssen wir wieder gehen. das sumud-zentrum wartet auf uns und die tagwache will nach hause.
michel war so klug und hat das gleich am anfang deutlich gemacht, so dass es nicht, wie wir es bei unseren syrischen freunden in deutschland schon erlebt haben, zu irritationen kommt, weil wir so plötzlich aufspringen.
schnell ist jemand gefunden, der uns zu der stelle fährt, wo wir auch aus dem service aussteigen würden um schnell zum haus zu kommen.
die nacht ist ruhig. nur vom wachposten hören wir stimmen. die soldaten haben mal wieder besuch, was auch ärger bedeuten könnte. und wir riechen massive haschisch-wolken, die zu uns herunter wabern.

Das ist gut! Wer bekifft ist, wirft keine Steine.

Cat Content

Adam und Lilith die beiden Katzen des Sumud sind bei uns inzwischen komplett handzahm und haben letzten Morgen (nach der Nachtschicht) das erste Mal beide mit bei uns im Bett geschlafen.

Totalüberwachung

Blue Wolf: Soldaten spielen Pokemon GO

Die Soldaten haben die App „Blue Wolf“ auf ihren Smartphones und Tablets installiert und können damit auf die in der „Wolf Pack“-Datenbank gespeicherten Informationen sofort zugreifen.

Der Soldat scannt das Gesicht eines Palästinensers und die App gibt ihm alle Informationen über diese Person.

Als Zusatzmotivation bietet die „Blue Wolf“-App außerdem eine Bestenliste. Sie gibt wöchentlich eine Punktzahl basierend auf der Anzahl der gescannten Palästinenser aus. Militäreinheiten, die wöchentlich die meisten palästinensischen Gesichter fotografieren, erhalten Belohnungen wie beispielsweise bezahlten Urlaub.

Das erklärt auch, warum einige Soldaten unbedingt darauf bestanden hatten, unsere Gesichter zu scannen, so als seien wir zwei besonders seltene und wertvolle Pokemons in Pokemon-Go. Und es erklärt auch, woher die Soldaten die Informationen hatten, um die italienische Aktivistin online stalken zu können.

Smile, You are on Camera!

Was uns auffällt, wenn wir uns in Hebrons Geisterstadt bewegen, ist nicht nur, wie menschenleer und still es ist, sondern auch, dass wir uns auf Schritt und Tritt beobachtet fühlen. Die Straßen sind voller Überwachungskameras, die an Gebäudewänden, Laternenpfählen, Überwachungstürmen und Dächern angebracht sind.

Alleine der schwer ausgerüstete Checkpoint 56, ist nach Zählung von Amnesty International mit mindestens 24 audiovisuellen Überwachungsgeräten und anderen Sensoren ausgestattet. Und die Zählung fand statt, bevor er mit dem vollautonomen KI-gesteuerten Maschinengewehr über dem Eingang ausgestattet wurde!

Wolf Pack: KI-Datenbank

Hebron-H2 wird vom israelischen Militär als „Smart City“ bezeichnet. Diese „smarte“ Überwachung basiert auf der umfangreichen Datenbank „Wolf Pack“, die alle verfügbaren Informationen über Palästinenser aus den besetzten palästinensischen Gebieten enthält, darunter ihren Wohnort, ihre Familienangehörigen und ob sie von den israelischen Behörden gesucht werden.

Auf dieser Datenbank laufen dann mehrere miteinander verwobene KI-Systeme, die in Hebron außerdem von dem oben genannten, dichten Netzwerk von Überwachungskameras (CCTV) mit Gesichtserkennungstechnologie gefüttert werden.

Die enormen Serverkapazitäten, die hierfür benötigt werden, wurden bisher von „Microsoft Azure: Cloud Computing Services“ zur Verfügung gestellt. Auf den Servern, die in den Niederlanden und zu einem kleineren Teil in Irland stehen, waren im Juli diesen Jahres 11.500 Terabyte an Daten des israelischen Militärs gespeichert – das entspricht etwa 200 Millionen Stunden Audioaufnahmen.

Unter anderem werden hier alle Anrufe aller Palästinenser etwa einen Monat lang in der Cloud vollständig gespeichert.

Quellen aus der Einheit 8200 (der IT-Einheit des Militärnachrichtendienstes) sagen dem Guardian zufolge, dass gespeicherte Informationen genutzt worden seien, Menschen zu erpressen, sie in Haft zu nehmen oder sogar ihre Tötung nachträglich zu rechtfertigen: „Wenn sie jemanden verhaften müssen und es keinen ausreichenden Grund dafür gibt, finden sie dort die Ausrede“.

Red Wolf: Checkpoints

An den Checkpoints in Hebron wird das Gesichtserkennungssystems „Red Wolf“ eingesetzt, das mit „Wolf Pack“ und „Blue Wolf“ verwoben ist.

Wenn ein Palästinenser einen Kontrollpunkt passiert, wird sein Gesicht ohne sein Wissen oder seine Zustimmung gescannt und mit biometrischen Daten verglichen. Der Soldat, der das Drehkreuz bedient, sieht dann eine Ampel – grün, gelb, rot.
Bei Rot kann der Palästinenser die Grenze nicht passieren.

Soziale Auswirkungen

Die palästinensischen Bewohner Hebrons berichteten Amnesty International, wie allgegenwärtige Überwachungskameras ihre Privatsphäre verletzen, wie Aktivismus unterdrückt und soziales Leben ausgehöhlt wird. Totalüberwachung vermittelt ihnen das Gefühl ständigen Ausgeliefertseins.

Neben der permanenten Bedrohung durch exzessive Gewalt und willkürliche Verhaftungen müssen sich Palästinenser nun auch mit dem Risiko auseinandersetzen, von einem Algorithmus verfolgt oder aufgrund von Informationen aus diskriminierenden Überwachungsdatenbanken am Betreten ihrer eigenen Viertel gehindert zu werden.

Youth Aganist Settlements gibt Workshops für die Menschen in Hebron, in denen sie über die KI-Überwachungsmethoden aufklären und über die (begrenzten) Möglichkeiten der Gegenwehr informieren.

Aus einem Gespräch mit Issa Amro wissen wir, dass Kameras zum Teil direkt auf Häuser der Aktivisten gerichtet sind, um jede Form von Versammlung, Zusammenkunft oder Familienleben zu unterbinden. Das Ziel scheint zu sein, die Palästinenser dazu zu bringen, sich so ruhig wie möglich zu verhalten, während nach und nach eine ethnische Säuberung stattfindet.

Die Menschen fangen an, verdächtige Freunde nicht mehr zu besuchen, um die KI nicht auf sich aufmerksam zu machen. Im letzten Workshop fragte eine Frau: „Können sie uns in unserem Schlafzimmer sehen?“

Auch weiß Issa zu berichten, dass gezielt nach „dunklen Geheimnissen“ wie Homosexualität, Schulden oder dergleichen gesucht wird. Dann wird versucht, diese Leute gezielt zur Zusammenarbeit zu erpressen.

Ein weiteres wichtiges Mittel der Überwachung scheinen Smartphones zu sein. Denn das israelische Militär reagiert vermehrt aggressiv auf die zunehmende Verwendung analoger Telephone in Hebron. Ein analoges Telephon zu benutzen kann zu einem längeren Verhör führen, in dem man gedrängt wird, doch ein Smartphone zu nutzen, um eine erneute Festnahme mit Verhör zu vermeiden.

Mehrere Aktivisten von YAS haben uns unabhängig voneinander erzählt, dass an Checkpoints und in Verhören versucht wurde, sie von der Nutzung von Smartphones zu „überzeugen“.

Erwähnten wir schon die Drohnen, die hier täglich herumfliegen?

Quellen: Amnesty International, The Guardian

Neben unseren eigenen Beobachtungen und dem Gespräch mit Issa Amro basiert dieser Blogbeitrag vor allem auf dem 2023 von Amnesty International veröffentlichten Bericht „Automated Apartheid“, in dem die Überwachungssysteme „Red Wolf“ und „Blue Wolf“ enthüllt wurden.

Auf diesem Bericht basiert dieser Artikel in The Guardian und dieser Artikel auf der Homepage von Amnesty International.

Die Informationen zu Microsoft Cloud Azure stammen aus diesem Artikel im The Guardian, wobei die Zeitung sich komplett auf die Recherche von +­972mag stützt. Eine Nachrichtenquelle zu Palästina und Israel, die wir übrigens nur empfehlen können.

Und sonst …

… als zöge sich eine schlinge zu

während michel sich mit schreiben über das aktuelle tagesgeschehen den streß und die anspannung von der seele schreibt und auch unsere kontakte mit infos versorgt, bin ich die „gonzo fraktion“ und berichte vom ganzen drumherum.

auch ich brauche ein ventil: katzen streicheln, küche machen und dekorativ mit offenen augen und ohren herumsitzen – das reicht nicht wirklich: es fühlt sich an, als zöge sich eine schlinge immer weiter zu.

diese kurzfristigen „closed militäry zones“, die spontan und jederzeit ohne begründung ausgerufen werden. immerhin haben wir dieses mal ein dokument und eine karte zu sehen bekommen.

die ablehnung, oliven ernten zu dürfen (allein schon, daß ein olivenhainbesitzer um ernteerlaubnis bitten muß) ist perfide und auch, dass die ablehnung nicht begründet wird der bauer soll sich mit einem „ist so“ zufrieden geben und weiß ganz genau: ab nächstem jahr gehört das land nicht mehr ihm und er weiß möglicherweise nicht, woher er geld zum leben für sich und seine familie nehmen soll.

das konsquente entfernen von mitstreiter/innen aus H2, europäischen wie palästinensischen, wobei die jungs von YAS hier sogar gemeldet sind und deswegen hier sein dürfen.

die zunahme der gewalt durch die siedler und deren dreistigkeit inklusive der wachsenden rigorosität der soldaten: den seitlichen teil unserer terrasse (der von der siedlung einsehbar ist), kann derzeit niemand mehr betreten ohne dass der wachsoldat einen laut und unfreundlich wegjagt – und möglicherweise eine razzia herbei ordert. währenddessen fallen die oliven mittlerweile von den bäumen und dienen den katzen als spielzeug.

das geht mir [bina] wirklich an die nieren und michel geht es auch so.

wenn ich morgens aufwache und nach einem meist erstaunlich netten traum realisiere, wo ich bin, habe ich sofort einen großen stein im magen, der tagsüber nicht verschwindet. es ist kein wunder, daß menschen im gebiet H2 herzinfarkte bekommen und magenbeschwerden haben.

nervennahrung

das sind die leckersten erdnussflips, die ich kenne. dagegen sind die heimischen wie trockene briketts: riesengroß, auf der zunge zergehend und mit sicherheit voll mit allem, was BASF und die nahrungsmittelchemie zu bieten hat. leider sind die packungen beklemmend klein und auch nur zu einem drittel gefüllt.

Schafschur

michel war mit seinen langen haaren bisher immer mehr als gut auszumachen. sei es für die soldaten, siedler oder die drohnen. ich bin mit meinen roten haaren und immer rock tragend auch gut zu erkennen, weshalb ich in zukunft einerseits öfter hosen tragen werde, und andererseits auf der terrasse eine dunkele kefiyye dabei haben werde, die ich mir über den kopf werfen kann.

ich werde mir bei nächster gelegenheit in H1 ein schwarzes tuch kaufen, das ist unverdächtiger. hoffentlich gibt es bald eine solche gelenheit. heute ging es für michel ans haareschneiden und jetzt sieht er aus wie: „michel war ein lausejunge aus nem dorf in schweden.“ aber so ein gutaussehender!

ganz schön viel arbeit!
es macht spaß …
… sieht aber ungewohnt aus.

so kurze haare hatte michel seit mitte der 1990er nicht mehr, und er sagt beim darüber streichen, es fühle sich dennoch ganz vertraut an.

der rasierer braucht erst mal pause, morgen ist der feinschnitt dran.

how to film

wir haben gestern von mohannad eine schnelleinweisung zum filmen von geschehnissen bekommen. das war mehr als hilfreich.

wie sollen wir die kamera halten (möglichst bewegungsarm mit beiden händen gegen wegnahme, dicht vor dem körper und im querformat), worauf achten wir, wenn wir aus den türluken heraus filmen (das gesicht nicht direkt vor die luke halten, es könnte von siedlern mit tränengas gesprüht werden), wie sollen wir beim filmen stehen (möglichst in einer ecke, mit blick auf die 2. person, die filmt, sodaß man schuß und gegenschuß hat) und was gehört nach möglichkeit in das filmchen, damit es verwertbar ist und als beweismittel taugt (beide seiten der auseinandersetzung).

mohannad macht es kurz, knackig und gut umsetzbar. ich muß ihn noch fragen, in welchem modus man am besten nachts filmt.

Habemus papam?

es sieht gefährlicher aus, als es ist. hier wird wohl müll verbrannt. das ist hier durchaus üblich. wir vermuten autoreifen, aber das wissen selbst die jungs von YAS nicht so genau.

issas katzen

eigentlich ein bild des friedens

issa freut sich sichtlich über die zutraulichkeit von lilith und erzählt, daß er vor dem 7. okt. 2023 drei kleine kätzchen bei sich aufgenommen hatte. die katzenmutter kümmerte sich nicht um sie, also hat er sie gefüttert und versorgt.

dann kam das massaker der hamas am 7. okt. 2023 und am 20. okt. wurde er aus seinem haus hinausgeworfen. er sagte noch zu den soldaten, sie mögen sich bitte kümmern und die katzen füttern, ließ extra die tür offen. die soldaten versicherten ihm, sie würden sich kümmern, er solle sich keine sorgen machen.

als er 16 tage später wieder in sein haus zurückdurfte, war die tür geschlossen und die kätzchen verhungert.

wir lernen: traue nie den worten von soldaten.

{mit Bestürzung behutsam redigiert von vS}

Razzia im Sumud

Rauswurf von Palästinensern und Italienerin

Am Freitag, den 24. Oktober, abends gegen 19:00 Uhr verschaffen sich israelische Soldaten Zugang zur Terrasse des Sumud-Zentrums.

Sie befehlen allen anwesenden Palästinensern – mit Ausnahme von Issa Amro – sowohl Haus und Terrasse als auch die Geisterstadt zu verlassen. Obwohl sie alle in der Geisterstadt oder sogar hier im Haus gemeldet sind. Anschließend nehmen sie die Italienerin (Gracia) mit, bringen sie zum Checkpoint und werfen auch sie aus der Geisterstadt raus.

Als Begründung liefern die Soldaten, dass das Haus ein einer „Closed Military Zone“ liege. Diesmal haben sie sogar eine schriftliche Verfügung nebst Karte der geschlossenen Zone dabei – zum ersten Mal seit wir hier sind. Die Zone soll bestehen vom 20. Oktober bis zum 27. November diesen Jahres, somit die gesamte Zeit der Olivenernte. Diese Zone umfasst nur die palästinensischen Olivenhaine in der Nachbarschaft. Alle Häuser liegen aber außerhalb der Zone. Auch das unsere: Das Sumud-Zentrum ist zwar von drei Seiten von der „Closed Military Zone“ umgeben, liegt aber selbst nicht darin.

Das Sumud-Zentrum liegt ein kleines Stücken rechts unterhalb der Kartenmitte: da, wo die Verbotszone an einer Stelle so schmal ist, dass sie nur ein schwarzer Strich ist.

Die Razzia und der Rauswurf sind also rechtswidrig, weil weder Haus noch Terrasse von der Verbotszone betroffen sind. Aber unter einem Regime ohne Rechtsstaat kann man nur schwer gegen Maschinengewehre anargumentieren.

Und wir? Wir waren kurz vorher im Haus verschwunden, weil sich schon vorher abzeichnete, dass es eine Razzia geben würde. Gracia war leider nicht so vorsichtig.

Das Vorspiel zur Razzia war, dass sich der wachhabende Soldat auf der Siedlerterrasse hinter uns über die anwesenden Palästinenser beschwerte und ankündigte, unsere Terrasse räumen zu lassen. (Sofern Michel das richtig mitbekommen hatte.)

Der Soldat, der die Razzia leitet, ist übrigens derselbe, der unsere kurzzeitige Festnahme und den Rauswurf aus der Geisterstadt am 4. Oktober befehligte (er hatte am Ende ja seine Vermummung abgenommen). Er war auch derjenige, der Mohammad Nadschi am Mittag des 7. Oktober auf der Terrasse festgenommen und – gemeinsam mit anderen Soldaten– krankenhausreif geschlagen hatte. Dann hatten sie Mohammad einfach auf der Straße liegen zu lassen.
Alle drei Aktionen sind selbst nach israelischem Recht illegal. Dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag zufolge ist die gesamte Besatzung illegal – und damit schon die bloße Anwesenheit im Westjordanland.

Erneuter Olivendiebstahl

Am Nachmittag vor der Razzia hatten dieselben beiden Siedler-Teenager sich daran gemacht, die direkt vor dem Sumud-Zentrum wachsenden Oliven der Familie al-Natischa zu stehlen, die das auch schon letzen Freitag gemacht hatten (demnach vor genau einer Woche).

Wieder waren sie von einem Soldaten begleitet, der ihre Sicherheit gewährleistete.

Irgendwann haben die Siedler-Teenager dann aufgehört. Vermutlich war ihnen doch unwohl dabei, dass so viele Kameras auf sie gerichtet waren.

Die Polizei weigerte sich (wie üblich) zunächst auf Issas Anruf zu reagieren. Schließlich sagten sie doch zu, bei der Armee anzurufen. Diese hat daraufhin sofort den wachhabenden Soldaten außerplanmäßig ausgetauscht. Wäre die Polizei gekommen, hätte der neue Soldat sagen können, er habe nichts gesehen. Natürlich ist die Polizei nicht gekommen. Weil sie auch in diesem Fall kein Ermittlungsverfahren eröffnen wird. Wie in allen bisher von uns in diesem Blog dokumentierten Fällen.

Wasserleitung sabotiert

Nebenbei konnte Issa dokumentieren, dass die Wasserleitung zu unseren Nachbarn sabotiert wurde:

Wasser ist ein wichtiges Thema hier!

Wasser ist rationiert. Einem Siedler aber steht zehn Mal so viel Wasser wie einem Palästinenser zu. Eigentlich hat das Westjordanland viel Wasser. Immerhin ist es im Wesentlichen ein Gebirge, an dem sich die vom Mittelmeer kommenden Wolken abregnen: Das Sumud-Zentrum in Hebron liegt etwa 1.000 über Meeresspiegel.

Aber den Palästinensern ist das Graben von Brunnen verboten. Sie dürfen nur Zisternen anlegen, die jedoch oft Ziel von Siedlerattacken sind. Der Wasserreichtum des Westjordangebirges wird nach Israel umgeleitet. Die palästinensischen Städte können so ihr Wasser nur zu erhöhten Preisen von der israelischen Wassergesellschaft kaufen, welche die meisten Brunnen im Westjordanland kontrolliert.

{Text behutsam redigiert von vS}

Olivenernte verboten!

Armee verbietet Ernte in Hebron-H2

Die israelische Armee hat verkündet, dass die Olivenernte dieses Jahr im gesamten Gebiet Hebron-H2 komplett verboten sei. Hebron-H2 ist der Teil der Stadt Hebron, der vollständig unter Kontrolle der israelischen Armee steht. Er macht etwa ein Fünftel des Stadtgebietes aus, ist damit ca. 15 Quadratkilometer groß und enthält die Machpela, die israelischen Siedlungen, die UNESCO-Weltkulturerbe-Altstadt Kasbah sowie dicht besiedelte Nachbarschaften. Und vor allem auch viele kleine und große Olivenhaine.

Hunderte oder tausende Olivenbäume sind vom Ernteverbot betroffen.

Dies ist das dritte Jahr in Folge, in dem das israelische Militär die Olivenernte in H2 komplett verbietet. Eine gesetzliche Regelung unter diesem Apartheidsregime bestimmt, dass eine landwirtschaftlich genutzte Fläche an den Staat fällt, wenn der palästinensische Besitzer sie drei Jahre in Folge nicht beerntet. Der israelische Staat gibt die Fläche dann normalerweise an die Siedler, die vorher durch Gewalt und Schikane dafür gesorgt hatten, dass Palästinenser nicht ernten konnten. Für uns ganz offensichtlich geschieht das alles in Zusammenarbeit und mit Unterstützung des israelischen Staates und der Armee!

Die mehr als begründete Befürchtung ist natürlich, dass genau das hier beabsichtigt ist und passieren wird. YAS und einige betroffene Olivenbauern versuchen nun gerichtlich gegen das Ernteverbot vorzugehen. Da es hier aber keinen Rechtsstaat gibt – wie ein hoher deutscher Diplomat sich ausdrückte – werden die Erfolgsaussichten vor Gericht massiv vom Grad des internationalen Drucks abhängen.

Knafeh essen gehen 🙂

Am Donnerstagabend war das Sumud-Zentrum endlich einmal gut besetzt. Es waren relativ viele Aktivisten von YAS da, weil das Wochenende hier am Donnerstagabend beginnt. Darüber hinaus nahmen auch internationale Freiwillige aus den USA, Italien und Deutschland teil (wir selbst). Es ermöglichte uns eine kurze Auszeit zu nehmen, um im lebendigen Teil der Stadt Knafeh essen zu gehen.

binas Gesichtsausdruck sagt: „Ich will nicht auf das Foto warten! Ich will endlich essen!“ Während Michel solche Benimmregeln in seiner Gier offensichtlich ignoriert …
„Problem im Stadtbild“? (Deutsche Debatte über Kanzler-Satz im Oktober 2025): Hier sind es die Siedler und Soldaten, die an diesem Abend – zum Glück – auf der anderen Seite der Checkpoints bleiben.

Nachtwachen 🙁

In der Nacht steht leider eine Nachtwache an, weil am späten Abend Siedler, die uns vor zwei Wochen angegriffen hatten, wieder auftauchen und ein halbes Dutzend von ihnen bis morgens um 5 Uhr, Party auf der Siedler-Terrasse direkt hinter dem Sumud-Zentrum machen. Die Terrasse, auf der der Wachsoldat postiert ist und von der aus man die Stromleitungen der palästinensischen Nachbarn so gut sabotieren kann.

Und auch kommende Nacht werden wir wieder Wache schieben. Obwohl Schabbat ist und es dann normalerweise ruhig bleibt. In dieser und in den folgenden Wochen wird in der Synagoge „Chaje Sara“ gelesen. Das ist der Teil des Alten Testaments, in dem Abraham die Doppelhöhle Machpela in Hebron für 400 Silberstücke als Erbbegräbnisstätte vom Hetiterfürsten Efron kauft (Genesis 23.1-25.18): Die Siedler neigen dazu, diesem Erbanspruch anschließend mit Gewalt Nachdruck zu verleihen.

Fun Fact zum Erbanspruch

Eine groß angelegte genetische Untersuchungen im Jahr 2023 ergab, dass die heute hier lebenden Palästinenser genetisch gesehen zu erstaunlichen 87% die Nachfahren der Menschen sind, die hier vor 4.400 Jahren lebten, also in der Bronzezeit, und deren Nachfahren hier immer gelebt haben.
[Quelle: „The Genomic History of the Bronze Age Southern Levant“]

David Ben-Gurion (Israels erster Premierminister) und Yitzhak Ben Zvi (zweiter Präsident Israels), lagen also richtig, als sie im 1918 veröffentlichten Buch „The Land of Israel in the Past and the Present“ vermuteten:

Die palästinensischen Bauern stammen von alten jüdischen Bauern ab, den „Am ha’aretz” (Menschen des Landes), die nach den jüdisch-römischen Kriegen und trotz der darauf folgenden Verfolgung wegen ihres Glaubens, weiterhin das Land bewirtschafteten. Während die wohlhabenderen, gebildeteren und religiöseren Juden das Land verließen und sich den Zentren der Religionsfreiheit in der Diaspora anschlossen, konvertierten viele der Zurückgebliebenen zunächst zum Christentum und dann zum Islam.

Wenn unten in der Machpela also wirklich mumifizierte Leichen liegen, es sich dabei tatsächlich um Abraham und seine Familie handelte und man gentechnisch den nächsten noch lebenden Nachfahren ermitteln könnte: Dann wäre es nicht abwegig zu vermuten, dass dies ein palästinensischer Bauer aus der Gegend ist, der in diesem Jahr seine Oliven nicht ernten darf.

{Text behutsam redigiert von vS}