ich bin mit der gesamtsituation unzufrieden: da versuchen wir in israel/palästina alles, um endlich vom mossad oder wem auch immer beachtet zu werden und der weigert sich einfach. keine interviews am flughafen, keine durchsuchungen von bulli, nichts. wir werden einfach durchgewunken. es ist ein skandal.
ich frage mich, was die horrenden hafengebüren und die sonstigen kosten rechtfertigt, die wir sowohl in haifa als auch in limasol zu entrichten hatten.
Es hat sich anscheinend ausgezahlt, dass wir in Hebron meistens lieber einen Umweg gegangen sind, als eine Datenspur beim Checkpoint zu hinterlassen, dass wir beim Verlassen des Westjordanlands meistens über einen bestimmten Checkpoint gefahren sind, der keine Kamera zum Aufzeichnen der Autokennzeichen hat, dass wir kein Smartphone haben, dass wir Facebook und Twitter meiden und dass wir “Leo und Molly” erfunden haben.
Wir hatten uns auf ein solides Kreuzverhör am Flughafen Tel Aviv eingestellt, wie wir es aus Erzählungen anderer Aktivisten kannten. Aber alles was kommt ist: “Wo kommen Sie gerade her?” – “Tel Aviv.” – “Wo haben sie dort geschlafen?” – “Bei Freunden.” – “Danke.”
In der Reihe vor uns fliegt eine Hochzeitsgesellschaft.
In Israel hat das orthodoxe Rabbinat das Monopol auf Eheschließungen für Juden. Eine Zivilehe gibt es für Juden nicht, und die Eheschließung durch liberale Rabbiner ist illegal. Juden, die zivil oder liberal heiraten wollen, können dies nur im Ausland tun, was zu einem regelrechten Heiratstourismus von Israel nach Zypern führt.
Ob es die Zivilehe für palästinensische Israelis gibt, und wie Mischehen geschlossen werden, wissen wir nicht.
wie dem auch sei: in aller herrgottsfrühe lassen wir uns von tel aviv zum flughafen fahren, checken ohne schwierigkeiten ein, fliegen mal eben nach larnaka und fahren von da aus mit dem bus nach limasol, bulli aus dem hafen kratzen.
wir sind tatsächlich eher im hafen als bulli, dessen schiff gegen 12.30 anlanden soll. wir müssen warten und ich werde langsam nervös, weil der zoll um 15.00h feierabend macht, es freitag ist, am wochenende nicht gearbeitet wird und wir keine lust haben, zwei tage im hostel zu verbringen. nach 5 std. hin und her klappt aber alles grade noch rechtzeitig. sogar ohne agenten, der uns durchs abfertigungsgewirr hätte leiten sollen und auch noch was kosten würde. um 10 min nach 3 muß der hafenarbeiter, der uns bulli aus seinem vergitterten hafenareal aushändigen muß, zwar aus seinem feierabend zurückgepfiffen werden, nachdem ich demjenigen, der uns vom tor dorthin fuhr, klar mache, daß bulli unser zuhause ist und wir ohne ihn aufgeschmissen sind, aber dann ist die familie wieder vereint.
unseren ersten zypriotischen kaffee bekommen wir übrigens geschenkt. am zollbüro ist ein cafe, wo wir uns die wartezeit verkürzen. der kaffee wird nicht einfach über einer gasflamme erhitzt, sondern in einer metallschale mit heißem sand, der die kanne von allen seiten wärmt. das schmeckt man und die bedienung freut sich offentsichtlich über unser interesse, das sie nichts für die beiden tassen haben will.
Bulli nach von Israel nach Zypern verschiffen kostet uns knapp über 1.500€ – woran die Hafengebühren einen guten Anteil haben.
wir verbringen den abend mit einem gut gedeckten arabischen mezze-tisch und (ja, ich gebe es zu) ich betrinke mich gründlich.
das brauche ich grade. ich muß es irgendwie schaffen, die emotionalen strapazen aus palästina hinter mir zu lassen, damit ich mich auf die weitere reise freuen kann, ohne die wut im bauch zu verlieren, die dafür sorgen wird, daß ich zu hause mit der arbeit gegen die besatzung weitermachen kann. da kommt der gute zypriotische rotwein in gesellschaft von michel und interessanten, lieben bekannten grade recht.
Eine temporäre Campingplatz-Idylle auf dem Parkplatz. Von links nach rechts: Ex-Straßenhund Erica, bina sitzt am Tisch mit W…, dahinter Sohn K… an der Beifahrertür des Familienbullis, J… beim Abwasch.
Aydin vermittelt uns an “Unite Cyprus Now” (UCN), eine bikommunale (also türkisch-griechisch-zypriotische) Initative, die verhindern will, dass der Status Quo schleichend zur dauerhaften Teilung der Insel führt. Sie sind unter anderem jeden Samstag zwischen 11 und 12 Uhr in der UN-Pufferzone zwischen den Checkpoints am “Grenz”-Übergang Ledra-Street mit zypriotischer Musik vom Band und einer Ausstellung von Zypern-Cartoons präsent und verteilen Flugblätter. – So waren wir schon im Oktober an ihr Flugblatt und ihren Aufkleber gekommen. Damals aber ohne weiteren Kontakt.
Unite Cyprus Now hat auch einen Veranstaltungs- und Lagerraum mit Toilette und Teeküche in der Pufferzone. Nach der Flugblattverteilstunde halten sie hier ihr wöchentliches Gruppentreffen ab. Aber nicht drinnen, sondern öffentlich davor.
1. Samstag: Gruppentreffen in Pufferzone
Am ersten Samstag bittet Tina (unten im Bild links neben Michel) uns darum, kurz von unserem Aufenthalt in Israel/Palästina und unseren Erfahrung in Hebron zu erzählen und schlägt vor, dass wir am nächsten Samstag um 12 Uhr vor einem etwas größeren Publikum eine Slideshow zu dem Thema machen, für die dann auch gezielt auf der Facebookseite der Gruppe geworben wird. Unser kurzes Erzählen wird durch viele Nachfragen zu einem etwas längeren Erzählen, das dann mit dem Verweis auf nächsten Samstag abgebrochen wird. – Außerdem werden wir zu zwei Abendessen der Gruppe am Mittwoch und Freitag eingeladen.
Gruppentreffen von Unite Cyprus Now in der UN-Pufferzone des Übergangs Ledra-Street.
Anschließend gehen wir noch zum gemeinsam Mittagessen in ein nahegelegenes Restaurant mit. Als wir am Ende unseren Anteil zahlen wollen, sind wir zu spät dran. Alles ist schon beglichen.
so ein essen erschlägt einen fast. in nullkommanix biegt sich der tisch vor leckereien, der wirt kommt mit einem schüsselchen nach dem anderen. daß wir eigentlich nur ein bier mit trinken wollen, wird nicht akzeptiert. es werden drei gespräche auf einmal geführt, alles quatscht durcheinander, es geht lebhaft durch alle themen kreuz und quer.
wir haben das gefühl, sofort in dieser gruppe nicht nur herzlich empfangen, sondern auch auf verschiedensten ebenen sofort aufgenommen worden zu sein. michel quatscht mit thomas über religion (thomas gehört hier zur maronitischen minderheit), ich hocke neben tina und wir plaudern über meditation, mit ioli berate ich, welcher zivania am besten ist und verschiedene andere dinge. mir gegenüber hockt natalie, die mich über das katzensterilisationsprogramm auf zypern aufschlaut. viele dieser menschen sind auch über die politischen interessen hinaus hoch interessant.
Mittwoch: Zypernkonflikt trifft Israelkonflikt
Am Mittwochabend ist Unite Cyprus Now mit einer etwa 40 Personen zählenden Gruppe des israelischen Projekt “Living Together” verabredet. “Living Together” lädt ein und zahlt das Abendessen. Die Gruppe besucht für eine paar Tage Zypern, um über den Zypernkonflikt einen anderen Blickwinkel auf ihren eigenen Konflikt zu bekommen. Doch anders als von Unite Cyprus Now erwartet, bildet die “Living Together”-Gruppe nicht den israelisch-palästinensischen Konflikt ab, sondern die innerisraelischen Konflikte. Sie besteht vor allem aus nationalreligiösen Siedlern, ultraorthodoxen Haredim und säkularen Zionisten, dazu einige linke Israelis (die in Deutschland als rechts gelten würden) und drei arabischen Israelis (die alle drei die israelische Staatsbürgerschaft haben und von denen sich zwei als Israelis und nur eine als Palästinenserin bezeichnet). – Palästinenser aus dem Westjordanland, Gaza, Ostjerusalem, nicht anerkannten Dörfen in Israel und so weiter fehlen vollständig.
Entsprechend einseitig israelisch geprägt sind die Sichtweisen in der Gruppe auf den israelisch-palästinensischen Konflikt. Die Konfliktfragen innerhalb der Gruppe drehen sich darum, wie die grundverschiedenen israelischen Gesellschaften aus denen sie kommen zusammenleben können. – Palästinenser kommen (außer bei der einen Palästinenserin) nur als “die Anderen” vor, die zu einem Problem werden, weil die Nationalreligösen das “ganze Land”, die säkularen einen “demokratischen Staat” und die Ultraorthodoxen einen “jüdischen Staat” haben wollen.
Wir werden zum Abendessen gemischt auf die Tische verteilt und es ist furchtbar interessant:
So sitze ich neben einem nationalreligösen Siedler aus einer Siedlung bei Hebron, der mich sogar zu sich einlädt.
Eine ultraorthodoxe Jüdin rauscht beleidigt ab, als ich sie wegen ihres Kopftuchs für eine muslimische Palästinenserin halte.
Der Aufwand, der für das koschere Essen der Haredim getrieben wird, ist unglaublich. Nicht nur koscher zubereitetes Essen, auch steriles Einweggeschirr, dass garantiert nicht kontaminiert ist und zu Trinken nur aus der eigenen Einwegdose, nicht aus der Wasserflasche auf dem Tisch, aus der auch die Goi (wir Nichtjuden) trinken.
Ich beobachte als mit beiden Konflikten bekannter Außenstehender gebannt, wie Israelis und Zyprioten permanent aneinander vorbei reden, weil sie die Kategorien des jeweils eigenen Konflikts auf den den jeweils anderen Konflikt übertragen. So gehen sowohl die Fragen, als auch die Antworten und das Hören der Antworten an den jeweils Anderen vorbei. (Ein interessantes Anwendungsbeispiel für Luhmanns Systhemtheorie! Grob vereinfacht: Jedes Systhem verarbeitet alles in den ihm eigenen Kategorien.)
Leider durfte zum Schutz der jüdisch religiösen Teilnehmer nicht photographiert werden, da zum Beispiel die ultraorthodoxe Frau, mit der ich am Tisch saß, massiven Ärger ihrer Gemeinde bekommen würde, wenn die mitbekäme, dass sie mit wildfremden Männern, mit Säkularen und Goi gemeinsam am Tisch sitzt.
an meinem tisch saßen ein national-religiöser jude, die eine linke israelin, ein weiterer, gemäßigter orthodoxer, der erfreulicherweise tatsächlich ‘palästinenser’ sagte und nicht ‘araber’ und der meinte, der zypern-konflikt sei ein sehr komfortabler konflikt. thomas von unite cyprus now und auch c… war dabei, die wir ja ein paar tage vorher im H4C mit mann und ihrer tante getroffen hatten, sowie ein weiterer israelischer palästinenser.
wir diskutierten u.a. über das palästinensische bildungssystem, das den konflikt nur sehr einseitig lehre und darin eine ursache für die nichtlösbarkeit des problems zu suchen sei. zum glück gab es auch meine stimme und die der linken israelin, daß die israelischen schulbücher auch nicht besser seien.
2. Samstag: Slidshow Hebron
Wir sind zu früh da. Einige von den anderen auch und sitzen schon mit irgendeinem Dokumentarfilmer im Yaja Viktoria auf der griechischen Seite des Checkpoints. Irgendwann schleiche ich mich weg, um diesmal der Einladende, der Zahlende zu sein. Als der Kellner mir die Rechnung hinhält und ich das Portmonnaie schon in der Hand habe, ruft Thomas etwas auf Griechisch und ich bin aus dem Rennen. – Der Kellner gestikuliert “Entschuldigung – Basta”. Thomas hat Heimvorteil und lädt uns ein.
Pünktlich um 11 Uhr werden dann in der Pufferzone Flugblätter verteilt, Musikanlage raus- und angestellt, Transparent und Cartoons aufgehängt.
Flugblätter verteilen geht mit einem Lächeln besser.Zwischendrin geben wir ein Interview für ein hiesiges Freies Radio.
Wir denken schon: “Whow, sind die gut organisiert!” Doch dann: “Welcome to the Middle East!” Das Kabel vom Laptop zum Beamer passt nicht , das herbeitelefonierte Kabel kommt zu spät und ist das falsche, der Beamer ist zu lichtschwach…
Wir beginnen unseren Vortrag mit einer halben Stunde Verspätung, dem Laptopbildschirm als Beamerersatz und einer handgezeichneten Skizze am Flipchart statt einer ausgedruckten Karte. – Aber alle außer uns scheinen das gewohnt zu sein. Von den etwa 40 Zuhörern wäre ohnehin kaum die Hälfte rechtzeitig da gewesen.
jungejunge, bin ich nervös! auf deutsch hätte ich meine beiträge so rausgehauen, aber mit meiner stümperhaften englisch-grammatik finde ich das dreimal schwieriger. ich hab vorher richtig ein bischen geübt. als wir dann vor dem publikum stehen und ich sehe, wie sie erschrocken sind über das, was wir ihnen erzählen und ich das gefühl habe, auf offene ohren und herzen zu stoßen, ist es ganz leicht. michel hat da keine probleme. er steht ja auch zu hause jeden tag vor einer schulklasse.
Der “Große Marsch der Rückkehr” wurde nicht (wie man als deutscher Zeitunsleser vermuten könnte) von der Hamas, sondern von lokalen Aktivisten und Journalisten organisiert. Deren Planung für Kampagne ist Lehrbuchbeispiel für gewaltfreie Aktionen. Sechs Wochen lang sollte in Camps in etwa 700m Entfernung zu dem Zaun, der den Gazastreifen umschließt, demonstriert werden. Insbesondere an den Freitagen waren größere Aktionen geplant. Höhepunkt und Abschluß sollte der 15te Mai sein, an dem zehntausende Menschen sich an den Händen haltend friedlich auf den Gazazaun zugehen und ihn überklettern würden. Den Aktivisten war klar, dass sie damit rechnen mußten, dass die Israelische Armee scharf schießen würde. Aber die Lage der Menschen in Gaza ist verzweifelt. Und der politische Preis dafür hunderte gewaltfrei demonstrierende Menschen zu erschießen, würde hoffentlich zu hoch sein.
Der 15te Mai ist gut gewählt. Er wird von den Israelis als Tag der Staatsgründung gefeiert, während die Palästinenser als “Nakbah-Tag” begehen und der ethnischen Säuberung Palästinas im Jahr 1948 gedenken.
Dass Trump die US-Botschaft ausgerechnet einen Tag vorher nach Jerusalem verlegt, läßt auf eine ganz besondere Art diplomatischen Fingerspitzengefühls schließen.
Die Forderungen des “Goßen Marsches der Rückkehr” sind:
Rückkehrrecht für die 1948 aus ihrer Heimat vertriebenen Palästinenser und ihrer Nachkommen zu den Orten ihrer alten Dörfer und Städte.
Beendigung der Blockade des Gazastreifens.
Keine Verlegung der US-Botschaft von Tel-Aviv nach Jerusalem.
Doch schon am 30ten März, dem ersten Aktionstag, läuft die Sache aus dem Ruder. Eine medienwirksame Minderheit vor allem jugendlicher Demonstranten zündet Autoreifen und schmeißt Steine. Die israelische Armee erschießt 19 Palästinenser, ohne das ein einziger Israeli (weder Soldat noch Zivilist) verletzt würde. Die Hamas, die sich bisher nicht um die Kampagne gekümmert hat, nutzt die Medienaufmerksamkeit für sich. Und der israelischen Armee gelingt es ihre unverhältnismäßige Gewaltanwendung in den Augen Vieler gerechtfertigt erscheinen zu lassen.
In den folgenen Wochen wiederholt sich diese Tragödie mehrmals, allerdings ohne so viele Tote an einem einzigen Tag.
Bina und ich befürchten für den 15ten Mai das Schlimmste und wollen unbedingt solidarisch vor der israelischen Botschaft in Athen demonstrieren.
Da wir kein Griechisch können, finden wir im Internet zunächst nur eine Motorraddemo einer kleinen anarchistischen Splittergruppe am Freitag, den 11ten Mai. Hier erfahren wir dann, wann und wo die Demos am 14ten und 15ten Mai stattfinden.
Auftakt der Palästina-Solidaritäts-Motorrad-Demo am 11ten Mai.
Die Kundgebung am 14ten Mai findet vor dem griechischen Außenministerium statt und ist leider fast genauso klein, wie die Motorraddemo am 11ten.
Dafür ziehen auf der Demo am 15ten Mai über 1.000 Menschen von der US-amerikanischen zur israelischen Botschaft. Die Tatsache, dass am Tag zuvor mindestens 60 Palästinenser getötet und etwa 2.700 verwundet wurden, hat wohl mobilisierend gewirkt. Die israelische Armee hat an diesem Tag übrigens ihren ersten und einzigen leicht verwundeten Soldaten während der gesamten Kampagne zu beklagen.
Über 1.000 Menschen ziehen von der US- zur israelischen Botschaft.
Die griechische Polizei agiert taktisch äußerst geschickt und professionell. Auf dem Demonstrationsweg hält sie sich fast vollkommen zurück. Nur einige Motorradpolizisten zur Verkehrsregelung sind zu sehen. Und das, obwohl einige Demonstranten vermummt und ihre Fahnen bisweilen nur schlecht getarnte Knüppel sind. Erst direkt vor der israelischen Botschaft ist die Straße abgesperrt. Aber nicht mit Polizeiketten, sondern mit alten vergitterten Bussen. Nur ganz links und rechts auf dem Bürgersteig ist jeweils ein Dutzend Bereitschaftspolizisten zu sehen.
Die Polizei duldet sogar, dass die Busse, mit denen die Botschaft abgesperrt ist, erklettert werden. Michel ist gerne behilflich.Erst nach einiger Zeit zieht Bereitschaftspolizei auf und fordert die Busbesetzer auf runter zu kommen.Viele Fahnen sind nur schlecht getarnte Knüppel.
In dem Moment, wo die Demo beginnt wieder abzuziehen, fliegen plötzlich Steine. Wir rechnen mit einer Eskalation. Aber die Polizeikette, die inzwischen vor den Bussen steht, zieht sich einfach schnell hinter die Busse zurück. Lieber ein paar Beulen in den alten Bussen, als einen Stein am Kopf! Die Organisatoren fordern die Leute auf abzuziehen. Die große Masse tut dies auch geordnet. Und sobald den Jugendlichen die Menge fehlt, aus denen sie agieren können, hören sie auf und ziehen auch ab. Die große Eskalation, die es in einer solchen Situation in Deutschland garantiert gegeben hätte, bleibt aus.
Wir sind von der griechischen Polizei und der Demoleitung schwer beeindruckt. Davon können wir in Deutschland wirklich etwas lernen!
Alles andere als beeindruckt sind wir von der deutschen und internationalen Presse zum “Großen Marsch der Rückkehr” am Gazazaun. Die beste Kommentar kommt tatsächlich von der Satireseite Der Postillon: “Faustregel: Wenn es auf Seiten der Demonstranten 60 Tote und weit über 2000 Verletzte gibt, auf Ihrer Seite jedoch keine Verluste zu beklagen sind, dann könnte das ein Zeichen sein, dass Ihr Abzugsfinger womöglich zu locker war.”
Als Hintergrundinformation empfehlen wir folgenden Artikel auf der Hompage von Medico International:“ Eskalation mit Ansage: Die Eskalation an der Grenze zu Israel verdeckt die legitimen Ziele der Protestierenden. Davon profitieren vor allem die israelische Regierung und die Hamas…”
Dort ist auch zu lesen, was unsere Freunde von YAS in Hebron gemacht haben: “Als eine Insel der Vernunft erwies sich der kleine Hügel im israelisch kontrollierten Teil Hebrons, auf dem die palästinensische Organisation Youth Against Settlements (YAS) ihr Zentrum hat. In unmittelbarer Nachbarschaft zu radikalen Siedlern organisierte Breaking the Silence dort mit YAS einen Sederabend zum Pessachfest, bei dem palästinensische Aktivist*innen demonstrativ jüdische Besatzungsgegner*innen zu Gast hatten. “
Wir wollen Anfang Oktober rechtzeitig zur Olivenernte in Hebron in Palästina sein. Dort wollen wir dann 3 Monate lang, also bis Ende Dezember, als internationale Freiwillige für Youth Against Settlements aktiv sein. Wir wollen uns mit unseren Körpern und unseren deutschen Pässen der Apartheid und der ethnischen Säuberung entgegensetzen.
Als Deutsche brauchen wir eigentlich keine Visa für Israel. Aber seit ein paar Monaten muss man sich online anmelden, damit man überhaupt nach Israel fliegen darf. Man muss also eine Abflugserlaubnis beantragen. Das ist noch nicht die Einreiseerlaubnis. Über diese entscheidet dann der Zoll vor Ort am Flughafen in Tel-Aviv.
Es gibt übrigens ein zweites Land dass dieses neuartige sogenannte ETA-System eingeführt hat: Die USA unter Trump…
Da wir vermuten, dass für das ETA-Verfahren u.a. das Netz mit einer KI durchsucht wird, haben wir für die Zeit zwischen ETA-Beantragung und erfolgter Einreise in Israel diesen Blog hinter einem Passwort versteckt.
Die ETA-Approvals haben wir übrigens schon wenige Minuten nach Antragstellung erhalten. Wobei ich schon unangenehm fand, was die alles wissen wollten: Nicht nur unsere Daten, sondern auch die unserer Eltern und unserer Arbeitgeber.
Mit der Onlinebuchung unserer Flüge bin ich zunächst mehrfach gescheitert, weil das Netz am Strand so schwach war. Und bei jedem neuen Versuch stieg der Preis, weil es aus Sicht des Systems ja offensichtlich eine große Nachfrage gab. Also haben wir die Flüge oldschool direkt am Flughafen in Larnaca gebucht.
Michel am Ticketschalter im Flughafen Larnaca.
Dort waren gerade auch jede Menge jüdischer Männer, die auf dem Weg von Israel nach Uman in der Ukraine waren. Dort wollen sie das Jüdische Neujahrsfest „Rosch ha-Schana“ (dieses Jahr 22.-24. September) am Grab von Rabbi Nachman verbringen.
Ich fand ihre Witze über Gaza und Völkermord nur schwer zu ertragen! Dass sie sich ständig vordrängelt haben, und jedes „Bitte“ und „Danke“, jede Höflichkeit gegenüber den Frauen hinter dem Schalter haben fehlen lassen, hat es nicht besser gemacht. Und dass wirklich jeder noch einmal von vorne diskutieren musste, warum er in Euro und nicht in US-Dollar bezahlen muss, obwohl der doch mit bekommen hat, dass die zehn Männer vor ihm auch nicht in US-Dollar zahlen durften, war nicht nur für die Frauen hinter dem Schalter wirklich anstrengend.
Seit Dezember 2023 führt die Britische Royal Airforce täglich (oder fast täglich) Spionageflüge von ihrer Basis Akrotiri auf Zypern über Gaza durch.
Was genau sie dort machen ist (natürlich) nicht ganz klar. Unter anderem, weil sie auf halbem Weg ihre Transponder abschalten. Einmal haben sie es jedoch vergessen und an dem Tag sind sie über zwei Stunden über Khan-Junis gekreist, wo zu der Zeit der Schwerpunkt der Offensive des Israelischen Militärs war und wo damals nicht einmal die Israelis irgendwelche Geiseln vermuteten.
Das passt nicht zur offiziellen Version, dass es bei den Flügen nur um Geiselbefreiung geht. Zumal Dank investigativer britischer Journalisten bekannt ist, dass die Informationen in Echtzeit mit der Israelischen Armee geteilt werden.
Inzwischen werden die Flüge offiziell nicht mehr von der Royal Air Force selbst durchgeführt, sondern von einer „privaten“ Firma, die normalerweise für die US-Air Force (und vermutlich die NSA) arbeitet.
Am Sonntag gibt es daher 3 Demonstrationen in 3 Ländern, die aufeinander Bezug nehmen. In Nicosia auf Zypern vorm Britischen Hochkomissariat, in London vorm Geheimdiensthauptqartier GCHQ und in Nevada, wo die „private“ Firma sitzt.
Das Britische Hochkomissariat liegt in der Pufferzone, im Niemandsland. Besser gesagt: An dieser Stelle ist es die Pufferzone. Dadurch führt die Demo durch eine zum Teil absurde „Landschaft“.
Neben der Solidarität mit Palästina und dem Genozid in Gaza geht es auch um die Britischen Basen auf Zypern, die immerhin 3% der Insel ausmachen. Die Briten haben, als sie Zypern 1960 in die Unabhängigkeit entließen, ihre wichtigsten Liegenschaften als „Souvereign Base Areas“ behalten. Also de facto als Kronkolonien wie Gibraltar. Das sind insbesondere die Aktotiri und Dhekelia. Akrotiri beherbergt eine Airbase, auf der auch über 100 US-Soldaten dauerhaft stationiert sind. Obwohl die Amerikaner offiziell nicht da sind. Akrotiri ist die zentrale Startrampe für fast jede Bombardierung der Britten und mutmaßlich so einiger Aktivitäten der Amerikaner im Nahen Osten. Dhekelia beherbergt den zentrale Geheimdienstkontenpunkt von GCHQ und NSA im östlichen Mittelmeer. Wie wir dank Edward Snowden wissen. Briten und Amerikaner teilen sich den Unterhalt brüderlich fifty-fifty.
im geiste memorieren wir immer wieder, was wir sowohl in larnaca am flughafen als auch in tel aviv bei den kontrollen sagen wollen.
nachdem wir die großen rucksäcke mit der folie eingepackt haben, stehen wir endlich am check-in.
ich habe steine im magen, aber ich lächele genau wie michel sehr sonnig und tue so, als würde ich mich auf die reise nach israel unbändig freuen. die dame checkt unsere pässe sehr gründlich, hat etliche fragen an eine kollegin. die wiederum einen anderen kollegen fragt. ich gäbe was dafür, wenn ich griechisch könnte. ich wüßte zu gern was sie besprechen.
dann fragen sie nach dem visum für israel, und in unserer aufgeregtheit begreifen wir nicht sofort, daß sie das eta-il meinen. als michel das herzeigen kann, geht es schnell. wir müssen nur unser gepäck am schalter für besonderes gepäck abgeben und haben es dann bis hierhin geschafft.
wir machen lustige witze, singen wanderlieder auf unserem langen weg duch die absperrungen und sind an der personenkontrolle.
unser handgepäck und michel gehen anstandslos durch und bei mir fängt der körperscanner an zu revoltieren. mein halsreif wird zuerst verdächtig, aber der ist eigendlich nicht ferro-magnetisch, weil titan. man schickt mich ein ums andere mal durch das tor. es piept. bis mir einfällt, daß es meine schönen neuen knie sein könnten. ich zeige meine narben, dann geht das fräulein vom scanner noch mal mit einem extra-gerät um mich herum und die schuldigen stehen fest. und dann haben wir es geschafft.
jetzt heißt es, am gate zu warten. aber was müssen wir hören: unser flug fällt aus wegen irgendwelchen schäden an der maschine, die auf dem herflug von tel aviv festgestellt wurden. vier stunden lungern wir herum, dann steht eine neue maschine zur verfügung und wir können endlich einsteigen.
die zusammensetzung der passagiere ist interessant. wir sind fast die einzigen nicht-israelis. diese sind eine mischung aus säkularen israelis bis hin zu ganzen haredim-familien mit an die sechs kindern und einer wieder schwangeren mutter. jungendliche, die auf ihren koscheren smartphones spielen, zwei betende in voller gebetsmontur in verschiedenen ecken des warteraumes. eine regenbogenfamile, ein paar geschäftsreisende.
uns fällt auf, daß die höchstmaße an handgepäck sehr flexibel gehandhabt werden. während wir akribisch darauf achteten, kommen die anderen mit koffern an bord, die deutlich größer sind. wahrscheinlich hat das flughafenpersonal es irgendwann einfach aufgegeben zu diskutieren, im wissen, daß flüge zum ben gurion einfach anders sind und daß mit haredim über vorschriften zu diskusstieren, ein aussichtsloses und nervenaufreibendes unterfangen sei …
Der Flug ist kurz und problemlos.Da wir einmal halb um den Flughafen herumfliegen, um von Osten her zu landen, können wir im Landeanflug israelische Siedlungen im Westjordanland und die Sperrmauern sehen.
am ben gurion ist es noch heißer als in larnaka. egal. wir nähern uns dem punkt, auf den es wirklich ankommt: lassen uns die israelis einreisen oder nicht? werden wir stundenlang interviewt oder nicht?
wir streifen in der warteschlange bei der passkontrolle unsere imaginären hawaii-hemden über, ich bringe meinen kuschelwolf hurz in stellung und dann werden wir von einem wachmenschen einer schlange vor einem kontrollschalter zugeteilt. die frau darin wirkt sympatisch. sie will wissen, was wir in israel wollen, wo wir unterkommen werden, wie die freunde heißen, die wir besuchen werden und warum wir so lange bleiben wollen. daß wir freunde wiedersehen wollen, war übrigens in allen gesprächen der tür-öffner.
michel und ich ‚streiten‘ uns ein bisschen, weil ich gleich zur irish-trad.-session ins molly malone will, er aber das schnorcheln im roten meer zuerst erwähnt und den queeren stammtisch in jerusalem auch. mein boarding-ticket habe ich bei hurtz untergebracht und als sie die flugnummer wissen will, hat er einen kleinen auftritt. das ist als ‚hawaii-hemd‘ auch immer gut.
daß wir die erwähnten freunde nicht beim richtigen namen kennen, wie in einer queeren umgebung oft üblich, scheint ok zu sein. daß wir im östereichischen hospiz übernachten wollen auch. ganz vergaß ich, einen besuch in yad vaschem zu erwähnen, aber das war nicht mehr nötig. nach knapp zehn minuten lächelt sie und reicht uns unsere pässe mitsamt der 90-tage-aufenthaltserlaubnis durch das fenster. jetzt heißt es noch eine weile haltung zu bewahren und nicht gleich vor freude auszuflippen, zumal wir auch unser gepäck erst abholen müssen. das geht sehr schnell und nach kurzer zeit stehen wir am schalter zum geld wechseln und am fahrkartenautomat für den zug. an der verabredeten haltestelle holt uns unser freund ab. was für ein schönes wiedersehen!
nach einem kurzen lunch in einem türkischen imbiss sind wir bei ihm und seiner freundin endlich zu hause. nachmittags gegen 16.00h statt am späten vormittag.
Olivenernte in Hebron
Am 10. Oktober beginnt die jährliche Olivenernte-Kampagne von Youth Against Settlements. Nicht, dass wir besser Oliven ernten können, als die Einheimischen. Aber unsere Anwesenheit erhöht die Chanchen, die Ernte erfolgreich durchzuführen.
Denn das Gesetz hier ist: Wenn Siedler, Militär und Bürokratie es in drei aufeinanderfolgenden Jahren schaffen, die Olivenernte zu verhindern, dann fällt der Olivenhain an die Siedler.
Und Issa Amro, unsere Kontaktperson bei Youth Against Settlements, ist auf der 100-Personen-Liste „The Worlds most influencial Rising Stars“ des Time Magazins 2025. Hier der Link!
Zone of Interest
Dan und fluff wiederzutreffen ist wie nach Hause zu kommen. Die beiden sind queere Freunde aus Israel, die wir in unserem letzten Sabbathjahr kennen gelernt haben. Damals war fluff politisch links, dem Friedenslager zugehörig und klassifizierte Israel als „Apartheid, even worse than the South African version“. Aber sie war nicht wirklich politisch aktiv. Und Dan war ein politisch desillusionierter Zyniker.
Jetzt sind die beiden politische Vollaktivisten. Im Schnitt zwei Demos die Woche, gegen den Genozid, gegen die Regierung, gegen den Rechtsruck, gegen die Entmachtung der Justiz, für die Befreiung der Geiseln.
Fluffs einsatzbereite Demotasche an der Tür. Die Aufkleber sind von Standing Together. Der rechte Aufkleber sagt „Nein zum Krieg“ auf Hebräisch und Arabisch, der linke „Gegen ihren Krieg“ (gemeint sind die abgebildeten Netanjahu, Smodrich und Ben Gvir). Der Taschenaufdruck sagt: „Bringt sie jetzt nach Hause“.
Hier der Link zu Standing Together! Wikipedia beschreibt sie als: „eine politsch linke Bewegung in Israel mit dem Ziel, arabische und jüdische Israelis für einen Frieden im israelsche-palästinensischen Konflikt zu gewinnen und im Kampf um Gleichheit und soziale Gerechtigkeit zu vereinen. Sie entstand 2015 und hatte Ende 2024 rund 5.300 Mitglieder. Seit 2023 engagiert sie sich vor allem gegen den Gazakrieg.“
Wie fühlt sich das Leben in einer Stadt in 30 Autominuten Entfernung zu einem Genozid an? Irritierend normal! Menschen sitzen im Cafe und kaufen beim Bäcker ein. Nur wir scheinen den riesigen blinden Fleck zu sehen. Vor allem fluff verzweifelt daran.
Wir stehen früh auf, um vor Beginn des Schabbats bei Dämmerung und möglichst auch vor der Nachmittagshitze da zu sein. Erst mit dem Zug von Tel Aviv nach Jerusalem (West), dann mit dem Siedlerbus von Jerusalem nach Hebron. In Tel Aviv sind gefühlt die Säkularen in der Mehrheit, in Jerusalem die „Nervösen Religiösen“, im Bus nach Hebron dann die Klerikalfaschisten. Wir machen auf Touristen und rutschen ohne Probleme durch.
Sobald wir Jerusalem verlassen, beginnt das Labyrinth des Westjordanlandes aus Trennmauern, Siedlungen, palästinensischen Dörfern und Städten, „sterilen“ Straßen, auf denen nur Israelis fahren dürfen, und „normalen“ Straßen, auf denen auch Palästinenser fahren dürfen.
Trennmauer, welche die „sterile“ Siedlerstraße vor den Menschen in Betlehem „schützt“.
An der Machpela (der angeblichen Grabhöhle Abrahams und seiner Familie) steigen wir aus. Wir kommen keine zehn Meter weit, schon stoppen uns ein Soldat und eine Soldatin von hinten und wollen wissen, ob wir Juden, Christen oder Muslime seien. Als wir „Christen“ sagen, wollen sie unsere Pässe sehen. Sie sind offensichtlich irritiert, dass in deutschen Pässen die Religion nicht vermerkt ist. (Das kennen wir schon.) Sie fragen mindestens ein halbes Dutzend mal nach, ob wir wirklich keine Muslime sind. Irgendwann schlage ich dem männlichen Soldaten vor, dass wir kurz um die Ecke gehen, damit ich ihm meinen unbeschnittenen Penis zeigen und die Sache beweisen kann. Darauf verzichtet er dann doch und sie lassen uns ziehen.
Die Shuhada Street in der sterilen Zone von Hebron. In den Häusern wohnen Palästinenser*innen, die ihre Häuser aber nur über die Dächer nach hinten betreten und verlassen können. Die Vordertüren und Läden sind von Siedlern und der Armee zugeschweißt, die Balkone zum Schutz vor Wurfgeschossen in Käfige verwandelt worden.
Im Sumud-Zentrum von Youth Against Settlements (YAS) anzukommen, ist wie nach Hause kommen.
Als wir ankommen, ist gerade eine interationale Delegation da und wird palästinensisch gastfreundlich bewirtet.Wir genießen den Nachmittag im Schatten der Olivenbäume mit Blick auf die Machpela (im Hintergrund).Direkt hinter dem Haus liegt die Siedlung Tel Rumeidah, im Schatten des Unterstandes der diensthabende Soldat. Der Zaun ist unserer – zum Schutz vor Siedlerübergriffen.
Das Kino kommt
Seit zwei, drei Jahren arbeitet YAS aktiv daran, im Sumud-Zentrum ein Kino einzurichten. Die Idee hatten sie schon als wir 2017/18 da waren, aber damals sollte es noch in einem anderen Haus – hier im komplett israelisch kontrollierten Teil Hebrons – untergebracht werden.
Natürlich versuchen die Siedler und die Armee das auf jeden Fall zu verhindern. Sie haben da schlechte Erfahrungen gemacht, als YAS vor etwa zehn Jahren einen Kindergarten in einem Haus eröffnete, das sie eigentlich besetzen wollten. Damals wurde alles für den Kindergarten hineingeschmuggelt. Und das müssen sie (wir) auch diesmal tun.
Heute kommt der letzte Baustein des Kinos: die Leinwand. Der Raum ist schon gebaut. Die Stühle sind da. Alles ist fertig. Trotz theoretischer Totalkontrolle ist es erstaunlich einfach, unbemerkt hier hereinzukommen. Wenn man sich auskennt! Als die Leinwand etwa 100m vor dem Sumud-Zentrum ist, bemerkt sie der wachhabende Soldat hinter dem Haus. Er funkt hektisch. Doch seine Kollegen haben erfahrungsgemäß eine Reaktionszeit von etwa acht Minuten. Das reicht uns 🙂
Die Kinoleinwand (die aus juristischen Gründen de facto ein Riesenfernseher ist) wird im Kinosaal ausgepackt. Ganz links das ebenfalls hereingeschmuggelte Kamerateam, das einen Film darüber dreht.
Anschließend laden die linken Israelis aus Tel Aviv, welche die Leinwand besorgt und hergebracht hatten, die Palästinenser und uns zum Neujahrsessen ein. Eigentlich ist das eine Tradition für Rosh ha-Schana, was schon vor einer Woche war. Aber so, wie das Neue Jahr in Deutschland eigentlich erst mit dem Dreikönigstag so richtig anfängt, fängt bei den Juden das Neue Jahr erst mit Yom Kippur richtig an.
In Honig getauchte Früchte: „Shana Tova!“ – „Süßes neues Jahr!“
Historischer Comic
Bei Dan und fluff habe ich das Comic „Not the Israel my Parents promised me!“ gelesen. Sehr gut! – Auch wenn die palästinensische Sichtweise (wie üblich) komplett fehlt.
Hier zwei historisch korrekte Zitate aus dem Comic:
Es gibt eine allgemeine Einsatzregel bei der Israelischen Armee im Westjordanland: „Sich so verhalten, dass die Palästinenser und alle, die mit ihnen sind, merken, dass sie unter Besatzung sind und dass die Soldaten der Boss sind.“ Sie nennen das, „Die Besatzung spürbar machen!“ – Und heute haben sie das getan.
Geburtstagsfrühstück mit Soldaten
Wir waren beim Geburtstagsfrühstück, haben die Ruhe genossen und die Vögel Papageien fotografiert, die zwar eine invasive Art sind, aber schön. Ach ja, und zwischendurch zeigten uns jugendliche Siedlerjungen auf dem Weg zur Synagoge (es ist Schabbat) den Stinkefinger.
Dann kamen ein Trupp Soldaten den Hügel hoch. Sobald sie uns sahen, begannen sie, sich zu vermummen. Sie kamen an den Zaun und behaupteten, dass es sowohl verboten sei, hier zu fotografieren, als auch auf der umzäunten Terasse zu sitzen. Was beides nicht stimmt. Sie versuchten uns ins Haus zu verbannen. – Als ich vorgab, die Botschaft anzurufen trollten sie sich.
Noch haben sich erst die Anführer vermummt, der Rest folgt kurz darauf.
KI-Maschinengewehr
Nach dem Frühstück gehen wir in die Stadt, ein paar Besorgungen machen. Dazu passieren wir Checkpoint 56 am Ende der Shuhada Street. Dieser besitzt das erste vollständig autonome Maschinengewehr der Welt. (Inzwischen ist es nicht mehr das einzige.) Es ist auch das erste seiner Art, das vollständig autonom Menschen erschossen hat. Und das (im selben Atemzug) erste, das unschuldige Zivilisten erschossen hat. – Die KI hatte sich wohl vertan? Oder?
Lebendiger Shuk & Neue Siedlungen
Sobald wir die sterile Zone verlassen, erschlägt und die Lebendigkeit dieser Stadt.
Aber im Shuk merken wir doch schnell, dass die Siedler sich ausgebreitet haben.
Die Gitter und Dächer über der Straße dienen zum Schutz vor Steinen, Müll und Exkrementen, welche die Siedler aus ihren in den oberen Stockwerken liegenden Siedlungsausbuchtungen auf die unten einkaufenden Palästinenser schmeißen.Diese Gitter und Dächer waren bei unserem letzen Aufenhalt 2017/18 noch nicht da.Im Jahr 2022 hat Deutschland die Renovierung dieser UNESCO-Kulturerbe Alststadthäuser bezahlt.Danach haben die Siedler der dahinter liegenden Siedlung sich die oberen Etagen unter den Nagel gerissen. – Warum hat Deutschland nicht deutlich hörbar Protest dagegen eingelegt?Wir kaufen unsere Kufiye in einem Laden der direkt unter der zweitjüngsten Siedlung der Stadt liegt.Direkt gegenüber einer der „alten“ Siedlungen. Die genau am Rand der sterilen Zone liegt.
Die Siedler machen jeden Schabbes einen Spaziergang durch den Shuk, für den die Armee jeweils alle Straßen, durch die sie wollen, abriegelt. Das haben sie vor genau vier Wochen, am 6. September 2025 genutzt, um unter dem Schutz der Soldaten dieses halbe Haus neu dazu zu besetzen.
Anderthalbstunden im Käfig
Auf dem Rückweg wollen wir wieder Checkpoint 56 passieren.
Bina betritt den Checkpoint.
Ich mache ein Foto von bina im Checkpoint. Daraufhin drehen die Soldaten auf. Erst wollen sie Kamera und Smartphone samt Pincode haben. Als sie das nicht bekommen, bestehen sie auf Löschung der Fotos. (Sie können uns unsere Sachen nicht so ohne weiteres mit Gewalt abnehmen. Ihr eigener Tigerkäfig, in dem wir stecken, hindert sie daran. Und dass sie wegen ihrer Gewehre nur eine Hand frei haben.) Ich lösche die Fotos; für sie durch die Gitterstäbe gut sichtbar. Trotzem drohen sie uns und halten uns anderthalb Stunden in dem Käfig gefangen.
Anschließend sagen sie, wir dürfen den Käfig/Checkpoint nur in die Richtung verlassen, aus der wir gekommen sind. Und sie Beschuldigen uns, dass die Palästinenser wegen uns warten mussten. (Auf unseren Vorschlag, dass wir im Käfig zur Seite treten, und sie die anderen durchlassen, sind sie vorher etwa ein halbes Dutzend Mal nicht eingegangen.)
Umweg mit neuen Siedlungen & so
Gut, dann gehen wir eben außen rum zurück nach Hause. Die Checkpoints haben ja eher wenig mit Sicherheit und viel mit Schikane des Alltagslebens der Palästinenser zu tun. Mit einer halben Stunde Fußmarsch kommt man problemlos hintenrum rein. Die einzigen beiden Soldaden, die wir beide sehen, starren so gebannt auf ihre Smartphones, dass sie kaum Notiz von uns nehmen.
Unser Weg führt über den Schulhof einer ebenfalls von Deutschland finanzierten Mädchenschule, die von ihren Schülerinnen seit Juli fast nur noch über Trampelpfade von hinten betreten werden kann. Seit die Siedler zwei Mobile-Homes auf die Brachfläche vor der Schule gestellt haben. Sie behaupten, die Fläche sei Teil eines alten jüdischen Friedhofs, der ein kleines Stück entfernt liegt. – Was sie nachweislich nicht ist!
Das besondere an genau dieser Siedlung ist, dass sie in H1 liegt. Dem Teil von Hebron, in dem gemäß des Oslo-Abkommens die palästinensische Autonomiebehörde das sagen hat, und den weder israelische Soldaten noch Siedler ohne deren Erlaubnis betreten dürfen. – Die israelische Verwaltung hat daraufhin eine Hebronkarte mit einer am Computer veränderten Grenzlinie veröffentlich. Aber es gibt im Netz Fotos, von der originalen Karte, die dort schon sehr sehr lange stehen. Und es gibt alte Karten aus Papier. – Orwell wäre von den Israelis beeindruckt!
Der Schulhof. Rechts hinterm Zaun eines der beiden Mobile-Homes.
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Nicht gerade sehr ordentlich die Siedler. Vermutlich Hilltop-Youth!
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Theoretisch gibt es auf unserem Weg einen Checkpoint. Aber wir gehen einfach rechts an der Schranke vorbei, während der Soldat links hinter Panzerglas auf sein Smartphone starrt.
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Die Geschichte dieses Siedlerhauses finden wir besonders perfide. Als die dort wohnende Familie im Ramadan diesen Jahres abends auf einem gemeinsamen Fastenbrechen mit anderen Familien war, sind die Siedler eingebrochen und haben sich festgesetzt.
Als letztes passieren wir die archäologische Ausgrabung der Siedler.
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Dieses Bild hat die Aktivisten von YAS besonders intersssiert. Diese Ausgrabung ist neu.
Die Siedler fangen einfach an, auf privatem Land zu graben. Wenn sie alte Steine finden, dann sperrt die Armee das Grundstück für sie ab. Um die Archäologisch wertvolle Stätte zu schützen. Und wenn sie lange genug ungestört sind, finden sie immer etwas. Immerhin ist das hier Hebron! Besiedelt seit der Bronzezeit!
Kurz nach 19.00 Uhr Ortszeit (dann ist es hier schon dunkel), dringen plötzlich vier vermummte Soldaten mit vorgehaltenen Waffen überfallartig ins Sumud-Zentrum ein. „We want the Germans!“ Sie halten mit vorgehaltener Waffe auf bina zu und sehen mich erst mal nicht.
Ich sitze am Laptop und schreibe am heutigen Eintrag für diesen Reiseblog. So kann ich noch schnell einen Alarm an unser Unterstützernetzwerk absetzen und den unfertigen Beitrag „Die Besatzung spürbar machen“ veröffentlichen, bevor ich den Rechner unauffällig verschwinden lasse. (Wir lassen den Beitrag zur Dokumentation unvollendet.)
Ihr Ton ist laut und ruppig. Sie wollen unsere Pässe und Telephone. Wir sollen unsere wichtigsten Sachen nehmen und mit ihnen mitkommen. Sie hätten „a warrent“ für uns! In amerikanischen Filmen ist das immer ein Haftbefehl. Den Warrant müßten sie uns nicht zeigen.
Kaum sind wir mit den Soldaten aus dem Tor, stürmen zwei von Ihnen zurück, weil sie sehen, dass einer der YAS-Aktivisten sie mit seinem Handy filmt. Sie unterbinden das erfolgreich, aber das Sumud-Zentrum hat überall Kameras, deren Bilder sofort auf einen Server außerhalb Israels geladen werden. Die beiden anderen Soldaten warten mit uns, bis ihre Kameraden wieder da sind.
Sie sagen uns, dass sie uns nur aus der sterilen Zone rausschmeißen, aber nicht abknasten werden. Wir glauben ihnen nicht so richtig. Unterwegs rotiert ihr Verhalten zwischen drei Zuständen:
Smalltalk: „Ihr kommt aus Hamburg? Da war ich schon. Ich liebe Deutschland …“
Inquisitorische Fragen: „Warum seid ihr hier? Wen kennt ihr? Wie seid ihr ohne Checkpoint hier reingekommen? …“
Sprechverbot: „Shut up! You are not allowed a single word!“
Manchmal mehreres davon gleichzeitig. Inquisitorische Fragen vom einen, Sprechverbot vom anderen. Entweder wollen sie uns verwirren, oder sie haben keinen klaren Plan.
Dann erreichen wir eine Schranke. Dort geben sie uns unsere Pässe und das Smartphone wieder und befehlen uns in Richtung weg von dem Gebiet mit den Siedlern zu entfernen. Sie sagen, der Teil mit den Siedlungen sei ein geschlossenes militärisches Gebiet. Sie hätten einen „Warrent“, wir dürften dort nicht mehr hinein. Wenn wir das Gebiet an den Checkpoints vorbei wieder beträten, würden sie uns ohne Vorwarnung erschießen. Wir sollen das bitte nicht tun. Sie würden uns ungern erschießen.
Den Warrent zeigen sie uns auch auf Nachfrage nicht. Sie seien hier das Gesetz. Sie müssten uns das nicht geben. Und uns ihre Namen zu sagen, verweigern sie uns natürlich auch. – Wir beugen uns der Gewalt der erhobenen Waffe und gehen.
Kaum 200m weiter befindet sich ein offener Kleinsupermarkt, der uns WLAN gibt. So können wir unserem Rettungsnetzwerk Entwarnung geben. Danach rufen wir Issa Amro von YAS an. Er weiß schon Bescheid, fragt, wo wir sind und schickt uns jemanden. Diese Person ruft uns nochmal an und bringt bina ihre Medikamente und mir meinen Laptop.
Während ich diese Zeilen schreibe, befinden wir uns in einem sicheren Haus außerhalb der Sperrzone, in dem wir auch schlafen werden.
Belagerung
Vorher, gegen 2 Uhr am Nachmittag, waren schon einmal vier vermummte Soldaten am Sumud-Zentrum. (Andere als am Abend. Das ist trotz Vermummung klar.) Sie wollten, dass wir beiden zu ihnen rauskommen, uns von ihnen fotografieren lassen und ihnen ein paar Fragen beantworten. Wir sind zwar bis zur Tür gekommen und haben durch die offene Tür mit ihnen geredet. Aber wir haben uns geweigert hinauszukommen und für Fotos zu posieren. Wir haben ihnen gesagt, dass ihre Kollegen am Checkpoint 56 uns und unsere Pässe schon ausgiebig fotografiert, gescannt und überprüft haben. – Wie sie ja offensichtlich wußten.
Die Fragen waren dann eher absurd. Einer von ihnen sprach Deutsch. Wollte wissen, woher in Deutschland wir kämen. Und als wir „Hamburg“ sagten, fragte er nach St. Pauli und HSV, und was wir von der Fanfreundschaft zwischen St. Pauli und Maccabi Tel-Aviv hielten. Wir haben möglichst nichtssagend geantwortet.
Unsere wiederholte Bitte, ihre Vermummung abzulegen, wurde abgelehnt. Ebenso unser Angebot, dass wir rauskommen und uns fotografieren lassen, wenn sie sich im Gegenzug von uns ebenfalls fotografieren ließen, gerne auch mit Vermummung.
Da wir uns beharrlich weigerten, die Terrasse zu verlassen, haben sie uns gedroht. Sie seien hier das Gesetz, sie dürften hier alles. Sie sind aber nicht gewaltsam eingedrungen. Statt dessen haben sie noch eine Zeitlang vor der Tür herumgelungert und ihre Vorgesetzten angefunkt.
Weil wir das als Belagerung empfunden haben, haben wir bei unserem Rettungsnetzwerk in Deutschland Alarm geschlagen und die Botschaft angerufen. – Sie haben sich dann aber irgendwann getrollt.