Hallo Odessa!

So. 12. – Do. 16. April
An unserem ersten Tag in Odessa ist orthodoxer Ostersonntag, und bis Mitternacht hat Putin eine Waffenruhe ausgerufen, die für Langstreckendrohnen auch eingehalten wird. Die Potemkinsche Treppe (bekannt aus dem Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin von Sergej Eisenstein) ist nicht nur das bekannteste Wahrzeichen der Stadt. Sie liegt auch direkt am Hafen, der das häufigste Angriffsziel russischer Drohne in der Stadt ist. Also besuchen wir sie zuerst. Während des Waffenstillstands!

Oberhalb der Treppe steht eine große Statue von von Richelieu, dem ehemaligen Stadthalter von Odessa, das aber zum Schutz von Drohnen von Sandsäcken umgeben ist und am ehesten an eine Weihnachtsbaum erinnert.

Die Stadt ist schön, viele schöne alte Gebäude, relativ wenige Neubausünden. Sie hat ihren Unesco-Weltkulturerbe-Titel verdient. Wenn es Frankreich wäre, würde man von Belle Epoque sprechen. Es gibt jede Menge Cafes und schöne Hinterhöfe. Und über den Platz mit der Statue von Richelieu und der Potemkinsche Treppe öffnet sie sich zum Hafen. Letzterer ist leider im Sozialismus verschandelt worden. Dafür gibt es südlich des Hafens einen langen Stadtstrand am Schwarzen Meer. Nach dem Krieg, spätestens wenn die Ukraine Teil der EU ist, wird diese Stadt der heiße Scheiß sein.

Anfangs ist die Stadt noch gespenstisch leer. Das liegt aber daran, dass es relativ früh am Ostersonntag ist. Die Einheimischen sind beim Gottesdienst um den Ostersegen auf sich, ihre Familie und ihren Osterkorb geben zu lassen. Oder mit der Familie beim Osterfrühstück. Es ist ungefähr so, als würde man an Heiligabend nachmittags durch die Innenstadt Hamburgs schlendern und sich wundern, dass es so leer ist.

Am zentralen Kreisverkehr der Innenstadt wird den Soldaten des Asow-Batalions gedacht, die bei der Verteidigung des Asow-Stahlwerks in Mariupol in russische Gefangenschaft geraten sind.

Was auffällt ist, dass wir in der Stadt keine Checkpoints, keine Panzersperren, keine Einschlagsorte von Drohnen sehen. Am Eingang der Stadt gab es einen Posten der Nationalgarde, die haben uns aber einfach durchgewunken. Irgendwann sehen wir an einer Straßenecke gestapelt bereitstehende Panzersperren. Das war es aber.

Das sichtbarste Zeichen des Krieges sind die Stromgeneratoren, die überall stehen. Es gibt sie in allen Größen und von allen Herstellern. Die Kabel zu den Häusern sind inzwischen meist unter dem Pflaster verlegt. Diese dezentrale Stromversorgung ist irgendetwas zwischen Provisorium und Dauerlösung. Derzeit laufen sie aber nicht. Die zentrale Stromversorgung funktioniert.

Die Oper von Odessa

was für ein gebäude!!!!

an der angebotenen führung nehmen wir gerne teil. wir und zwei ukrainische besucherinnen werden von irina herumgeführt. sie freut sich über uns deutsche besucher, da kann sie ihr deutsch ein bisschen auffrischen.
während sie auf ukrainisch erklärt, schickt sie uns los, zum schauen und bilder machen. wir haben das gefühl, als gehöre uns das ganze haus. anschließend bekommen wir es erläutert. es strotzt nur so von superlativen.

  • die oper wurde in nur drei jahren gebaut. (beat this, elphi !!!)
  • es gibt 17 stockwerke, auch wenn man von draußen meint, es seien nur drei. fünf der 17 stockwerke liegen unter der erde. drei für den rauchabzug und etliche für den „vorhang“ oberhalb der bühne
  • sie ist ’nur‘ die zweitschönste der oper welt nach wien, aber hat die beste akkustik. (wer auch immer diese ranglisten führt) man hört aus jeder reihe, jeder loge und von jedem platz aus gleich gut und die sänger brauchen keine mikrofone.
  • für die akkustik wurden viel samt und stuck verbaut, das gestühl mit klavierlack gestrichen, der boden im orchstergraben mit glas, bauschutt und zeitungen präpariert.
  • der kronleuchter ist 9m hoch. zum putzen gibt es unter dem mittelgang einen extra-kran. der leuchter wird ein stück hinunter gelassen und der putzmensch klettert hinein.
  • der „vorhang“ ist auch gleichzeitig eine brandschutzwand, ist 12m hoch und wiegt 10 tonnen (auf dem foto fehlt der samtvorhang).
  • der rauchabzug und die klimaanlage sind sonderkonstruktionen.
  • die orgel hat 3000 pfeifen, die sind versteckt und der spieltisch kann auf die bühne geschoben werden.
  • es gibt zwei treppenaufgänge, in denen 13kg gold verbaut sind. die figuren am treppenanfang sind allerdings nicht aus echtem gold. das nähme zu schnell schaden. das gold ist außerhalb der reichweite der besucher verbaut. in ihrer reichweite ist es nur goldene farbe
Michel mit Irina, die uns die Führung gibt.

leider gibt es in diesen tagen nur eine aufführung: ein ballett von ‚der wolf und die sieben geißlein‘ als familienveranstaltung. das ist leider so gar nicht unsere baustelle. wir verzichten.

Frühling und Pubs

Auf unserer Fahrt vom Mittelmeer in die Ukraine haben wir den Frühling überholt. In Odessa holt er uns mit voller Wucht wieder ein. Da die Winter hier strenger und die Sommer heißer als in Hamburg sind, hat auch der Frühling deutlich mehr Schwung als zuhause. Wir können beim ergrünen und erblühen wirklich zusehen.

Der Frühling ist da!

Auf unseren Streifzügen durch die Stadt, stolpern wir über zwei Pubs, einem schottischen, in dem wir den ersten Abend verbringen, und einen irischen, den wir am zweiten Abend besuchen und in dem wir das erste Guinness vom Fass der gesamten Reise trinken: „Slainte!“

Drohnen in der Nacht

Die erste Nacht schlafen wir auf dem Parkplatz direkt vorm Deutschen Konsulat. In den folgenden Nächten zwischen zwei Parkanlagen in einem Vorort mehrere Kilometer westlich der Innenstadt. Weit ab von allem, was ein Ziel russischer Drohnen sein könnte: Hochhäuser, Hafen, Umspannwerke, Hochspannungsleitungen, Schulen, Militärstützpunkte, Verwaltungsgebäude… Denn die russischen Drohnen kommen insbesondere nachts. (Krankheitsbedingt bleiben wir zum Auskurieren ein paar Tage komplett in der Vorstadtidylle.)

Wir erleben in Odessa keine Nacht ohne Sirenenalarme mitbekommen. Der Spitzname „Putins Schlaflied“ ist durchaus passend.

Aber es gibt sie auch tagsüber. Dann beobachten bei jedem Sirenenalarm und jedem ungewöhnlichen Geräusch die Menschen um uns herum genau. Wie verhalten sie sich? Gibt es auch nur die kleinste Veränderung? Meist reagieren sie: GAR NICHT! Das Leben geht einfach weiter. Die städtischen Arbeiter im Park vor der Oper pflanzen Blumen ein. Gespräche werden nicht einmal für eine Sekunde unterbrochen. Man geht zum Einkaufen. Niemand guckt auch nur nach oben oder horcht.

In der Mehrheit der Fälle passiert anschließend: NICHTS! – Bis irgendwann der lange Sirenenton für Entwarnung kommt. Das heißt die Drohne ist ganz woanders lang geflogen oder weit entfernt abgeschossen worden. (Die Ukrainer haben eine Abfangquote von über 95%!)
Die FLAK nehmen wir meist nur als Gewittergrollen in der Ferne wahr (also wirklich weit weg!).

Wir fragen immer wieder englischsprachige Einheimische, wie sie sich in welcher Situation verhalten, worauf sie achten, wo es gefährlich sein könnte, wie sich Gefahr ankündigt. Die sind dann auch immer sehr hilfsbereit und erklärfreudig.
Am Donnerstag sehen wir die erste Schahed-Drohne vorbei fliegen. Sie klingt wirklich wie ein Mofa, und ist auch nicht sehr schnell, wie uns neulich der junge Mann in Ismajil schon erklärte.

Von Montag auf Dienstag schlagen in der gesamten Ukraine (also ohne die Front selber) insgesamt 12 Russische Drohnen ein. Zwei davon im Hafen von Odessa. Sie verursachen Sachschäden an zwei zivilen Frachtschiffen. Einmal Flagge Panama, einmal Liberia. Keine Verletzten oder Toten. Mindestens 117 Drohnen wurden abgefangen.

Von Dienstag auf Mittwoch wird in Odessa wieder nur Hafen getroffen. Ein Lagerhaus und ein Verwaltungsgebäude. Wieder nur Sachschaden, keine Verletzten, keine Toten. Im übrigen Stadtgebiet passiert nix.

Odessa ist eine Stadt mit einer Million Einwohnern. Das ist so, als ob es am anderen Ende von Hamburg einen einzelnen Unfall gibt. In der Stadt ist, wie wir schon schrieben, das völlige Fehlen von Einschlagskratern oder getroffenen Häusern auffällig. Wir haben bisher noch nicht einen einzigen Einschlagsort in Odessa gesehen. Das was wir in der Innenstadt von Odessa mal dafür hielten, stellte sich als schnöde Kanalarbeiterbaustelle heraus. Der einzige Einschlagsort, den wir gesehen haben, war bei der Grenzstation über die wir in die Ukraine eingereist sind.

Großangriff von Mittwoch auf Donnerstag!
In dieser Nacht und an diesem Morgen wird uns doch mulmig. Um kurz nach ein Uhr Nachts gibt es ein wahres FLAK-Gewitter. Wir sehen aus im Osten (vom Hafen her) Leuchtspurmunition aufsteigen und Explosionen im Himmel. Auch aus den anderen Himmelrichtungen hören wir die FLAK. Um kurz nach vier Uhr in der Nacht werden wir von zwei Drohnen-Einschlägen südlich von uns geweckt. Also nicht am Hafen! Die Einschläge sind zwar weit weg, aber trotzdem laut. Am Donnerstagvormittag kommen weitere Drohnen-Wellen. Hier sehen wir auch die Schahed-Drohne in einiger Entfernung vorbei fliegen. Es ist weniger Verkehr und es sind weniger Fußgänger draußen als sonst.

Mittags ist dann alles vorbei. Das Leben ist wieder verblüffend normal, westeuropäisch und friedlich. Als ob nichts gewesen wäre.

Aus den Nachrichten erfahren wir, was los war: Der bisher tödlichste russische Angriff auf ukrainische Zivilisten des Jahres. Einer der größten russischen Drohnenangriff des gesamten bisherigen Krieges. Russland hat die gesamte Ukraine mit massiven Luftangriffen überzogen und dabei mindestens 18 Menschen getötet. Sie haben 659 Drohnen und 44 Raketen auf die Ukraine abgefeuert. Die Luftabwehr hat 636 Drohnen und 31 Raketen abgefangen. Aber die restlichen 23 Drohnen und 13 Raketen sind eingeschlagen. Odessa hat es am schwersten getroffen. Hier sind neun Menschen ums Leben gekommen und weitere 23 weitere verletzt worden. Es sind mindestens zwei hohe Wohnhäuser getroffen worden. Beide oberhalb des fünften Stockwerks. Außerdem sind „Objekte der kritischen Infrastruktur“ und der Hafen beschädigt worden.

Wir sind froh, dass wir Bulli zwischen zwei Vorortparks weit entfernt von alldem geparkt haben. Und wir danken der ukrainischen Armee für ihre hervorragende Luftabwehr.