Von Tel Aviv nach Hebron

Freitag, 3. Okt.

Wir stehen früh auf, um vor Beginn des Schabbats bei Dämmerung und möglichst auch vor der Nachmittagshitze da zu sein. Erst mit dem Zug von Tel Aviv nach Jerusalem (West), dann mit dem Siedlerbus von Jerusalem nach Hebron. In Tel Aviv sind gefühlt die Säkularen in der Mehrheit, in Jerusalem die „Nervösen Religiösen“, im Bus nach Hebron dann die Klerikalfaschisten. Wir machen auf Touristen und rutschen ohne Probleme durch.

Sobald wir Jerusalem verlassen, beginnt das Labyrinth des Westjordanlandes aus Trennmauern, Siedlungen, palästinensischen Dörfern und Städten, „sterilen“ Straßen, auf denen nur Israelis fahren dürfen, und „normalen“ Straßen, auf denen auch Palästinenser fahren dürfen.

Trennmauer, welche die „sterile“ Siedlerstraße vor den Menschen in Betlehem „schützt“.

An der Machpela (der angeblichen Grabhöhle Abrahams und seiner Familie) steigen wir aus. Wir kommen keine zehn Meter weit, schon stoppen uns ein Soldat und eine Soldatin von hinten und wollen wissen, ob wir Juden, Christen oder Muslime seien. Als wir „Christen“ sagen, wollen sie unsere Pässe sehen. Sie sind offensichtlich irritiert, dass in deutschen Pässen die Religion nicht vermerkt ist. (Das kennen wir schon.) Sie fragen mindestens ein halbes Dutzend mal nach, ob wir wirklich keine Muslime sind. Irgendwann schlage ich dem männlichen Soldaten vor, dass wir kurz um die Ecke gehen, damit ich ihm meinen unbeschnittenen Penis zeigen und die Sache beweisen kann. Darauf verzichtet er dann doch und sie lassen uns ziehen.

Die Shuhada Street in der sterilen Zone von Hebron. In den Häusern wohnen Palästinenser*innen, die ihre Häuser aber nur über die Dächer nach hinten betreten und verlassen können. Die Vordertüren und Läden sind von Siedlern und der Armee zugeschweißt, die Balkone zum Schutz vor Wurfgeschossen in Käfige verwandelt worden.

Im Sumud-Zentrum von Youth Against Settlements (YAS) anzukommen, ist wie nach Hause kommen.

Als wir ankommen, ist gerade eine interationale Delegation da und wird palästinensisch gastfreundlich bewirtet.
Wir genießen den Nachmittag im Schatten der Olivenbäume mit Blick auf die Machpela (im Hintergrund).
Direkt hinter dem Haus liegt die Siedlung Tel Rumeidah, im Schatten des Unterstandes der diensthabende Soldat. Der Zaun ist unserer – zum Schutz vor Siedlerübergriffen.


Das Kino kommt

Seit zwei, drei Jahren arbeitet YAS aktiv daran, im Sumud-Zentrum ein Kino einzurichten. Die Idee hatten sie schon als wir 2017/18 da waren, aber damals sollte es noch in einem anderen Haus – hier im komplett israelisch kontrollierten Teil Hebrons – untergebracht werden.

Natürlich versuchen die Siedler und die Armee das auf jeden Fall zu verhindern. Sie haben da schlechte Erfahrungen gemacht, als YAS vor etwa zehn Jahren einen Kindergarten in einem Haus eröffnete, das sie eigentlich besetzen wollten. Damals wurde alles für den Kindergarten hineingeschmuggelt. Und das müssen sie (wir) auch diesmal tun.

Heute kommt der letzte Baustein des Kinos: die Leinwand. Der Raum ist schon gebaut. Die Stühle sind da. Alles ist fertig. Trotz theoretischer Totalkontrolle ist es erstaunlich einfach, unbemerkt hier hereinzukommen. Wenn man sich auskennt! Als die Leinwand etwa 100m vor dem Sumud-Zentrum ist, bemerkt sie der wachhabende Soldat hinter dem Haus. Er funkt hektisch. Doch seine Kollegen haben erfahrungsgemäß eine Reaktionszeit von etwa acht Minuten. Das reicht uns 🙂

Die Kinoleinwand (die aus juristischen Gründen de facto ein Riesenfernseher ist) wird im Kinosaal ausgepackt. Ganz links das ebenfalls hereingeschmuggelte Kamerateam, das einen Film darüber dreht.

Anschließend laden die linken Israelis aus Tel Aviv, welche die Leinwand besorgt und hergebracht hatten, die Palästinenser und uns zum Neujahrsessen ein. Eigentlich ist das eine Tradition für Rosh ha-Schana, was schon vor einer Woche war. Aber so, wie das Neue Jahr in Deutschland eigentlich erst mit dem Dreikönigstag so richtig anfängt, fängt bei den Juden das Neue Jahr erst mit Yom Kippur richtig an.

In Honig getauchte Früchte: „Shana Tova!“ – „Süßes neues Jahr!“


Historischer Comic


Bei Dan und fluff habe ich das Comic „Not the Israel my Parents promised me!“ gelesen. Sehr gut! – Auch wenn die palästinensische Sichtweise (wie üblich) komplett fehlt.

Hier zwei historisch korrekte Zitate aus dem Comic: