Freitag, 3. Okt.
Wir stehen früh auf, um vor Beginn des Schabbats bei Dämmerung und möglichst auch vor der Nachmittagshitze da zu sein. Erst mit dem Zug von Tel Aviv nach Jerusalem (West), dann mit dem Siedlerbus von Jerusalem nach Hebron. In Tel Aviv sind gefühlt die Säkularen in der Mehrheit, in Jerusalem die „Nervösen Religiösen“, im Bus nach Hebron dann die Klerikalfaschisten. Wir machen auf Touristen und rutschen ohne Probleme durch.
Sobald wir Jerusalem verlassen, beginnt das Labyrinth des Westjordanlandes aus Trennmauern, Siedlungen, palästinensischen Dörfern und Städten, „sterilen“ Straßen, auf denen nur Israelis fahren dürfen, und „normalen“ Straßen, auf denen auch Palästinenser fahren dürfen.

An der Machpela (der angeblichen Grabhöhle Abrahams und seiner Familie) steigen wir aus. Wir kommen keine zehn Meter weit, schon stoppen uns ein Soldat und eine Soldatin von hinten und wollen wissen, ob wir Juden, Christen oder Muslime seien. Als wir „Christen“ sagen, wollen sie unsere Pässe sehen. Sie sind offensichtlich irritiert, dass in deutschen Pässen die Religion nicht vermerkt ist. (Das kennen wir schon.) Sie fragen mindestens ein halbes Dutzend mal nach, ob wir wirklich keine Muslime sind. Irgendwann schlage ich dem männlichen Soldaten vor, dass wir kurz um die Ecke gehen, damit ich ihm meinen unbeschnittenen Penis zeigen und die Sache beweisen kann. Darauf verzichtet er dann doch und sie lassen uns ziehen.

Im Sumud-Zentrum von Youth Against Settlements (YAS) anzukommen, ist wie nach Hause kommen.



Das Kino kommt
Seit zwei, drei Jahren arbeitet YAS aktiv daran, im Sumud-Zentrum ein Kino einzurichten. Die Idee hatten sie schon als wir 2017/18 da waren, aber damals sollte es noch in einem anderen Haus – hier im komplett israelisch kontrollierten Teil Hebrons – untergebracht werden.
Natürlich versuchen die Siedler und die Armee das auf jeden Fall zu verhindern. Sie haben da schlechte Erfahrungen gemacht, als YAS vor etwa zehn Jahren einen Kindergarten in einem Haus eröffnete, das sie eigentlich besetzen wollten. Damals wurde alles für den Kindergarten hineingeschmuggelt. Und das müssen sie (wir) auch diesmal tun.
Heute kommt der letzte Baustein des Kinos: die Leinwand. Der Raum ist schon gebaut. Die Stühle sind da. Alles ist fertig. Trotz theoretischer Totalkontrolle ist es erstaunlich einfach, unbemerkt hier hereinzukommen. Wenn man sich auskennt! Als die Leinwand etwa 100m vor dem Sumud-Zentrum ist, bemerkt sie der wachhabende Soldat hinter dem Haus. Er funkt hektisch. Doch seine Kollegen haben erfahrungsgemäß eine Reaktionszeit von etwa acht Minuten. Das reicht uns 🙂

Anschließend laden die linken Israelis aus Tel Aviv, welche die Leinwand besorgt und hergebracht hatten, die Palästinenser und uns zum Neujahrsessen ein. Eigentlich ist das eine Tradition für Rosh ha-Schana, was schon vor einer Woche war. Aber so, wie das Neue Jahr in Deutschland eigentlich erst mit dem Dreikönigstag so richtig anfängt, fängt bei den Juden das Neue Jahr erst mit Yom Kippur richtig an.

Historischer Comic
Bei Dan und fluff habe ich das Comic „Not the Israel my Parents promised me!“ gelesen. Sehr gut! – Auch wenn die palästinensische Sichtweise (wie üblich) komplett fehlt.
Hier zwei historisch korrekte Zitate aus dem Comic:


