Jetzt wird’s spannend!

Dienstag-mittwoch, 30.sep.-1.okt.

im geiste memorieren wir immer wieder, was wir sowohl in larnaca am flughafen als auch in tel aviv bei den kontrollen sagen wollen.

nachdem wir die großen rucksäcke mit der folie eingepackt haben, stehen wir endlich am check-in.

ich habe steine im magen, aber ich lächele genau wie michel sehr sonnig und tue so, als würde ich mich auf die reise nach israel unbändig freuen. die dame checkt unsere pässe sehr gründlich, hat etliche fragen an eine kollegin. die wiederum einen anderen kollegen fragt. ich gäbe was dafür, wenn ich griechisch könnte. ich wüßte zu gern was sie besprechen.

dann fragen sie nach dem visum für israel, und in unserer aufgeregtheit begreifen wir nicht sofort, daß sie das eta-il meinen. als michel das herzeigen kann, geht es schnell. wir müssen nur unser gepäck am schalter für besonderes gepäck abgeben und haben es dann bis hierhin geschafft.

wir machen lustige witze, singen wanderlieder auf unserem langen weg duch die absperrungen und sind an der personenkontrolle.

unser handgepäck und michel gehen anstandslos durch und bei mir fängt der körperscanner an zu revoltieren. mein halsreif wird zuerst verdächtig, aber der ist eigendlich nicht ferro-magnetisch, weil titan.
man schickt mich ein ums andere mal durch das tor. es piept.
bis mir einfällt, daß es meine schönen neuen knie sein könnten. ich zeige meine narben, dann geht das fräulein vom scanner noch mal mit einem extra-gerät um mich herum und die schuldigen stehen fest.
und dann haben wir es geschafft.

jetzt heißt es, am gate zu warten.
aber was müssen wir hören: unser flug fällt aus wegen irgendwelchen schäden an
der maschine, die auf dem herflug von tel aviv festgestellt wurden.
vier stunden lungern wir herum, dann steht eine neue maschine zur verfügung und wir können endlich einsteigen.

die zusammensetzung der passagiere ist interessant. wir sind fast die einzigen nicht-israelis. diese sind eine mischung aus säkularen israelis bis hin zu ganzen haredim-familien mit an die sechs kindern und einer wieder schwangeren mutter. jungendliche, die auf ihren koscheren smartphones spielen, zwei betende in voller gebetsmontur in verschiedenen ecken des warteraumes. eine regenbogenfamile, ein paar geschäftsreisende.

uns fällt auf, daß die höchstmaße an handgepäck sehr flexibel gehandhabt werden.
während wir akribisch darauf achteten, kommen die anderen mit koffern an bord, die deutlich größer sind.
wahrscheinlich hat das flughafenpersonal es irgendwann einfach aufgegeben zu diskutieren, im wissen, daß flüge zum ben gurion einfach anders sind und daß mit haredim über vorschriften zu diskusstieren, ein aussichtsloses und nervenaufreibendes unterfangen sei …

Der Flug ist kurz und problemlos.
Da wir einmal halb um den Flughafen herumfliegen, um von Osten her zu landen, können wir im Landeanflug israelische Siedlungen im Westjordanland und die Sperrmauern sehen.

am ben gurion ist es noch heißer als in larnaka. egal.
wir nähern uns dem punkt, auf den es wirklich ankommt:
lassen uns die israelis einreisen oder nicht? werden wir stundenlang interviewt oder nicht?

wir streifen in der warteschlange bei der passkontrolle unsere imaginären hawaii-hemden über, ich bringe meinen kuschelwolf hurz in stellung und dann werden wir von einem wachmenschen einer schlange vor einem kontrollschalter zugeteilt.
die frau darin wirkt sympatisch.
sie will wissen, was wir in israel wollen, wo wir unterkommen werden, wie die freunde heißen, die wir besuchen werden und warum wir so lange bleiben wollen.
daß wir freunde wiedersehen wollen, war übrigens in allen gesprächen der tür-öffner.

michel und ich ‚streiten‘ uns ein bisschen, weil ich gleich zur irish-trad.-session ins molly malone will, er aber das schnorcheln im roten meer zuerst erwähnt und den queeren stammtisch in jerusalem auch.
mein boarding-ticket habe ich bei hurtz untergebracht und als sie die flugnummer wissen will, hat er einen kleinen auftritt. das ist als ‚hawaii-hemd‘ auch immer gut.

daß wir die erwähnten freunde nicht beim richtigen namen kennen, wie in einer queeren umgebung oft üblich, scheint ok zu sein. daß wir im östereichischen hospiz übernachten wollen auch. ganz vergaß ich, einen besuch in yad vaschem zu erwähnen, aber das war nicht mehr nötig.
nach knapp zehn minuten lächelt sie und reicht uns unsere pässe mitsamt der 90-tage-aufenthaltserlaubnis durch das fenster.
jetzt heißt es noch eine weile haltung zu bewahren und nicht gleich vor freude auszuflippen, zumal wir auch unser gepäck erst abholen müssen.
das geht sehr schnell und nach kurzer zeit stehen wir am schalter zum geld wechseln und am fahrkartenautomat für den zug.
an der verabredeten haltestelle holt uns unser freund ab. was für ein schönes wiedersehen!

nach einem kurzen lunch in einem türkischen imbiss sind wir bei ihm und seiner freundin endlich zu hause. nachmittags gegen 16.00h statt am späten vormittag.

Olivenernte in Hebron

Am 10. Oktober beginnt die jährliche Olivenernte-Kampagne von Youth Against Settlements. Nicht, dass wir besser Oliven ernten können, als die Einheimischen. Aber unsere Anwesenheit erhöht die Chanchen, die Ernte erfolgreich durchzuführen.

Denn das Gesetz hier ist: Wenn Siedler, Militär und Bürokratie es in drei aufeinanderfolgenden Jahren schaffen, die Olivenernte zu verhindern, dann fällt der Olivenhain an die Siedler.

Und Issa Amro, unsere Kontaktperson bei Youth Against Settlements, ist auf der 100-Personen-Liste „The Worlds most influencial Rising Stars“ des Time Magazins 2025. Hier der Link!

Zone of Interest

Dan und fluff wiederzutreffen ist wie nach Hause zu kommen. Die beiden sind queere Freunde aus Israel, die wir in unserem letzten Sabbathjahr kennen gelernt haben. Damals war fluff politisch links, dem Friedenslager zugehörig und klassifizierte Israel als „Apartheid, even worse than the South African version“. Aber sie war nicht wirklich politisch aktiv. Und Dan war ein politisch desillusionierter Zyniker.

Jetzt sind die beiden politische Vollaktivisten. Im Schnitt zwei Demos die Woche, gegen den Genozid, gegen die Regierung, gegen den Rechtsruck, gegen die Entmachtung der Justiz, für die Befreiung der Geiseln.

Fluffs einsatzbereite Demotasche an der Tür. Die Aufkleber sind von Standing Together. Der rechte Aufkleber sagt „Nein zum Krieg“ auf Hebräisch und Arabisch, der linke „Gegen ihren Krieg“ (gemeint sind die abgebildeten Netanjahu, Smodrich und Ben Gvir). Der Taschenaufdruck sagt: „Bringt sie jetzt nach Hause“.

Hier der Link zu Standing Together! Wikipedia beschreibt sie als: „eine politsch linke Bewegung in Israel mit dem Ziel, arabische und jüdische Israelis für einen Frieden im israelsche-palästinensischen Konflikt zu gewinnen und im Kampf um Gleichheit und soziale Gerechtigkeit zu vereinen. Sie entstand 2015 und hatte Ende 2024 rund 5.300 Mitglieder. Seit 2023 engagiert sie sich vor allem gegen den Gazakrieg.“

Wie fühlt sich das Leben in einer Stadt in 30 Autominuten Entfernung zu einem Genozid an? Irritierend normal! Menschen sitzen im Cafe und kaufen beim Bäcker ein. Nur wir scheinen den riesigen blinden Fleck zu sehen. Vor allem fluff verzweifelt daran.

Die Hungersnot ist 30 Autominuten entfernt.