Kurz nach 19.00 Uhr Ortszeit (dann ist es hier schon dunkel), dringen plötzlich vier vermummte Soldaten mit vorgehaltenen Waffen überfallartig ins Sumud-Zentrum ein. „We want the Germans!“ Sie halten mit vorgehaltener Waffe auf bina zu und sehen mich erst mal nicht.
Ich sitze am Laptop und schreibe am heutigen Eintrag für diesen Reiseblog. So kann ich noch schnell einen Alarm an unser Unterstützernetzwerk absetzen und den unfertigen Beitrag „Die Besatzung spürbar machen“ veröffentlichen, bevor ich den Rechner unauffällig verschwinden lasse. (Wir lassen den Beitrag zur Dokumentation unvollendet.)
Ihr Ton ist laut und ruppig. Sie wollen unsere Pässe und Telephone. Wir sollen unsere wichtigsten Sachen nehmen und mit ihnen mitkommen. Sie hätten „a warrent“ für uns! In amerikanischen Filmen ist das immer ein Haftbefehl. Den Warrant müßten sie uns nicht zeigen.
Kaum sind wir mit den Soldaten aus dem Tor, stürmen zwei von Ihnen zurück, weil sie sehen, dass einer der YAS-Aktivisten sie mit seinem Handy filmt. Sie unterbinden das erfolgreich, aber das Sumud-Zentrum hat überall Kameras, deren Bilder sofort auf einen Server außerhalb Israels geladen werden. Die beiden anderen Soldaten warten mit uns, bis ihre Kameraden wieder da sind.
Sie sagen uns, dass sie uns nur aus der sterilen Zone rausschmeißen, aber nicht abknasten werden. Wir glauben ihnen nicht so richtig. Unterwegs rotiert ihr Verhalten zwischen drei Zuständen:
- Smalltalk: „Ihr kommt aus Hamburg? Da war ich schon. Ich liebe Deutschland …“
- Inquisitorische Fragen: „Warum seid ihr hier? Wen kennt ihr? Wie seid ihr ohne Checkpoint hier reingekommen? …“
- Sprechverbot: „Shut up! You are not allowed a single word!“
Manchmal mehreres davon gleichzeitig. Inquisitorische Fragen vom einen, Sprechverbot vom anderen. Entweder wollen sie uns verwirren, oder sie haben keinen klaren Plan.
Dann erreichen wir eine Schranke. Dort geben sie uns unsere Pässe und das Smartphone wieder und befehlen uns in Richtung weg von dem Gebiet mit den Siedlern zu entfernen. Sie sagen, der Teil mit den Siedlungen sei ein geschlossenes militärisches Gebiet. Sie hätten einen „Warrent“, wir dürften dort nicht mehr hinein. Wenn wir das Gebiet an den Checkpoints vorbei wieder beträten, würden sie uns ohne Vorwarnung erschießen. Wir sollen das bitte nicht tun. Sie würden uns ungern erschießen.
Den Warrent zeigen sie uns auch auf Nachfrage nicht. Sie seien hier das Gesetz. Sie müssten uns das nicht geben. Und uns ihre Namen zu sagen, verweigern sie uns natürlich auch. – Wir beugen uns der Gewalt der erhobenen Waffe und gehen.
Kaum 200m weiter befindet sich ein offener Kleinsupermarkt, der uns WLAN gibt. So können wir unserem Rettungsnetzwerk Entwarnung geben. Danach rufen wir Issa Amro von YAS an. Er weiß schon Bescheid, fragt, wo wir sind und schickt uns jemanden. Diese Person ruft uns nochmal an und bringt bina ihre Medikamente und mir meinen Laptop.
Während ich diese Zeilen schreibe, befinden wir uns in einem sicheren Haus außerhalb der Sperrzone, in dem wir auch schlafen werden.
Belagerung
Vorher, gegen 2 Uhr am Nachmittag, waren schon einmal vier vermummte Soldaten am Sumud-Zentrum. (Andere als am Abend. Das ist trotz Vermummung klar.) Sie wollten, dass wir beiden zu ihnen rauskommen, uns von ihnen fotografieren lassen und ihnen ein paar Fragen beantworten. Wir sind zwar bis zur Tür gekommen und haben durch die offene Tür mit ihnen geredet. Aber wir haben uns geweigert hinauszukommen und für Fotos zu posieren. Wir haben ihnen gesagt, dass ihre Kollegen am Checkpoint 56 uns und unsere Pässe schon ausgiebig fotografiert, gescannt und überprüft haben. – Wie sie ja offensichtlich wußten.
Die Fragen waren dann eher absurd. Einer von ihnen sprach Deutsch. Wollte wissen, woher in Deutschland wir kämen. Und als wir „Hamburg“ sagten, fragte er nach St. Pauli und HSV, und was wir von der Fanfreundschaft zwischen St. Pauli und Maccabi Tel-Aviv hielten. Wir haben möglichst nichtssagend geantwortet.
Unsere wiederholte Bitte, ihre Vermummung abzulegen, wurde abgelehnt. Ebenso unser Angebot, dass wir rauskommen und uns fotografieren lassen, wenn sie sich im Gegenzug von uns ebenfalls fotografieren ließen, gerne auch mit Vermummung.
Da wir uns beharrlich weigerten, die Terrasse zu verlassen, haben sie uns gedroht. Sie seien hier das Gesetz, sie dürften hier alles. Sie sind aber nicht gewaltsam eingedrungen. Statt dessen haben sie noch eine Zeitlang vor der Tür herumgelungert und ihre Vorgesetzten angefunkt.
Weil wir das als Belagerung empfunden haben, haben wir bei unserem Rettungsnetzwerk in Deutschland Alarm geschlagen und die Botschaft angerufen. – Sie haben sich dann aber irgendwann getrollt.


