Wir haben auf einem wilden Parkplatz am Beckenrand neben dem Hotelstrand geschlafen, und frühstücken auch dort.
Bulli am Beckenrand. (Nur ganz rechts am Bildrand ahnt man, dass dies nicht mehr der tiefste Punkt der Erde ist, da das echte Tote Meer inzwischen gute 40m tiefer liegt.)
Anschließend geht es am Toten Meer entlang (oder da, wo es mal war) zurück. Die sieht zwischendrin so aus, dass man hier einen US-amerikanischen Roadmovie oder „Lawrence von Arabien“ drehen könnte. – Wobei Letzterer wirklich hier war.
US-Amerikanischer Roadmovie oder Lawrence von Arabien?
Bei En Gedi (etwas nördlich vom „En Gedi Spa“) sehen wir uns den Campingplatz an, auf dem wir vor 6 Jahren am Toten Meer gezeltet haben. Inzwischen ist er geschlossen, weil er in einem Sinklochgebiet liegt. Da der Grundwasserspiegel sinkt, löst sich das Salz aus dem Untergrund. Das Grundwasser ist hier eine gesättigte Salzlösung und das Salz bildet teilweise den Untergrund. So entstehen Hölen, die irgendwann einstürzen. Im Prinzip wie Karst nur schneller und gefährlicher.
„Me Worry?“ Zitat: Alfed E. Neumann (MAD-Magazin)Die ehemalige Zufahrtsstraße zum Zeltplatz.Irgendwo am hinteren Kraterrand haben wir vor 6 Jahren gezeltet.
Wir halten uns im Sinklochgebiet übrigens immer an eine frische LKW-Spur, die es hier gibt. Wenn der Boden gestern oder vorgestern noch einen LKW getragen hat, dann wird er heute auch einen Menschen tragen. Und dann treffen wir zwischen Sinklöchern und Ufer zwei K… und F…! Die beiden kommen aus Elmshorn, haben ihre Lehren beendet und machen jetzt eine Weltreise mit dem Fahrrad. Und was machen 4 Norddeutsche in der Wüste? Natürlich erstmal Tee trinken:
Teetied in der Wüste! Eigentlich genau wie daheim hinterm Deich. Nur wärmer und trockener.
Wir kaufen in Jericho in den uns schon bekannten Läden ein, und fahren über Jerusalem zum übernachten nach Betlehem. Wo wir den Abend wieder im Walled-Off verbringen.
Einer der 3 Checkpoints an denen wir heute kontrolliert wurden.
Die Nacht auf Sonntag schlafen wir wieder gut bewacht in Betlehem an der Sperrmauer.
Home is where we park it!
Da das AIC immernoch keinen Job für uns hat, entscheiden wir uns, Ramallah anzugucken. Ramallah ist für uns nicht weiter von Betlehem entfernt, als Pinneberg von Elmshorn (etwa 20km). Über den Checkpoint durch die Sperrmauer nach Jerusalem, von Süden durch Jerusalem durch nach Norden, und auf der anderen Seite wieder über einen Checkpoint durch die Mauer nach Ramallah. Für die in der Westbank lebenden Palästinenser ist der Weg deutlich weiter: Vom Betlehem runter nach Jericho und wieder hoch nach Ramallah. Mindestens 100km und 1.200 Höhenmeter runter und wieder rauf. Denn sie müssen ja die Sperrmauer rund um Jerusalem und die östlich davon liegende Siedlung Maale Adumin umgehen. Anzahl der Checkpoints auf dem Weg: Ungewiß und je nach Lage!
Sperrmauer im Norden Jerusalems, Richtung Ramallah. Anhand der großen Wassertanks auf den Dächern sieht man, dass auf beiden Seiten der Mauer Palästinenser wohnen, deren Stadtteile hier zerschnitten wurden.
Ramallah ist eine quirlige Stadt. Nicht alt oder schön, aber lebendig. Wir haben den Eindruck, dass das Bildungsniveau der jungen Leute hier höher ist, als in den anderen uns bisher bekannten palästinenschen Städten und dass die jungen Frauen hier emanzipierter sind und zum Beispiel ganz selbstverständlich gemeinsam in Cafes sitzen und öffentlich Argila (Shisha) rauchen. Wir führen dies darauf zurück, dass in und bei Ramallah die palästinensischen Universitäten liegen.
Wir stürzen uns mit Lust und Entdeckerfreude zwei Tage lang in das arabische Stadtgewühl.
Die Innenstadt von Ramallah. Eine Fußgängerzone ist das, was man dazu macht.Er mag das Familienoberhaupt sein. Sie sagt aber, wo’s langgeht.Der Markt. Leider nur der realtiv langweilige Obst- und Gemüse-Bereich. Denn hier gibt’s wirklich alles.Ein innerstädtisches Flüchtlingslager, in dem die 1948 aus dem heutigen Israel Vertriebenen und ihre Nachkommen leben. Inzwischen ist es fast ein normaler Stadtteil. Aber die Straßen sind enger und schlechter und die Häuser von geringerer Qualität. – Die gelben Wimpel sind Fatah-Fahnen.Eine andere Straße im selben Flüchtlingslager.
Ramallah ist die Hauptstadt der autonomen palästinensischen Gebiete, oder des Staates Palästina – je nach Auffassung. Auf jeden Fall, landen wir irgendwann im Außenministerium, um nach dem Weg zu fragen. Und im Verzeichnis der Diplomatischden Vertretungen an der Rezeption sehen wir folgendes:
Wo liegt der Fehler? Tipp: „Auferstanden aus Ruinen, und der Zukunft zugewandt…“
Als sie merken, dass wir uns amüsieren und ich ein Foto von der Seite machen will, werden die Herren von der Sicherheit nervös. Ich versuche sie zu beruhigen und erkläre, dass wir Deutsche sind und welchen Fehler sie gemacht haben. Sofort wird das Buch zur Verschlußsache, „Nur zum internen Gebrauch“ erklärt. Ich beteure, noch kein Foto gemacht zu haben und werde mit (ungelogen) acht BewaffnetenMännern als Begleitschutz die zehn Meter zur Tür eskortiert.
(ein idiot in uniform ist immer noch ein idiot…ein idiot in uniform ist immer noch in uniform!) zitat: das allseits beliebte känguru!
eigentlich ist es schade. nun treffen diese herrn in dieser, für sie ohne zweifel delikaten, angelegenheit auf deutsche, die das total lustig finden und humor beweisen und sie wissen das nicht zu würdigen.
Da Ramallah stadtweit freies Wlan hat (die Router sitzen in den Straßenlaternen), muckeln wir uns einen Abend im Bulli ein, liegen im Bett und gucken einen Kinofilm.
beobachtungsschniepsel:
in jericho fahren nur jungs fahrrad. mädchen gehen zu fuß.
pferde und maultiere haben vor dem karren einen einheitstrab. sie kennen nur den stand und dieses eine tempo, egal wie schwer die last ist.
hier gibt es beide arten von tauben: die normale, die wir auch aus deutschland kennen und die schlankere friedenstauben-artige, die wir schon auf zypern und so gesehen haben.
eine dose hummus hält genau zwei tage. und zwar völlig unabhängig von der größe. wir haben es mit 500, 750 und 1000 gramm getestet.
an sehr vielen autos (meist deutschen fabrikats) klebt irgendwo einen deuschland-flaggen-aufkleber. manchmal ist er sogar mit akribie selbst gebastelt. wir haben jemanden gefragt und der sagte, das täten sie, weil sie deutsche autos lieben (na, dafür werden wir lieber gemocht als für hitler)
palmen und straßenbegleitgrün wachsen hier nicht einfach so, auch wenns so aussieht. bei den israelis wird jede einzelne palme, jedes fleckchen rasen einzeln bewässert. überall sieht man drainageschläuche, die als erstes in der erde versenkt werden, bevor etwas gepflanzt wird. dann gehen, abends oder in den frühen morgenstunden und computergesteuert, die wasserhähne auf. – den palästinensern fehlt das wasser für solchen luxus wiebegrünte, bewässerte verkehrsinseln.
Wir fahren ins ein dutzend Kilometer von Ramallah entfernte Taybeh, welches das letzte komplett von Christen bewohnte Dorf Palästinas ist.
Checkpoint zwischen der palästinensischen Autonomie-Insel, auf der Ramallah liegt, und der Autonomie-Insel, auf der Taybeh liegt.Straßenunterführung durch welche die Straße für die Palästinenser (unten) von der deutlich besser ausgebauten Straße für die israelischen Siedler abgekoppelt wird.
Es gibt hier 3 Kirchen für die 3 Konfessionen, römische Katholiken, griechisch Orthodoxe und griechische Katholiken (Meltiken). Weihnachten und Ostern feiern sie übrigens alle gemeinsam. Aber für uns viel interessanter: Hier liegt die Brauerei Palästinas. – Irgendwer muß die hiesigen Muslime ja mit dem ihnen verbotenen alkoholhaltigen Gerstensaft versorgen, und wer eignet sich besser dazu als die Christen?
Der Braumeister hat sein Handwerk in Bayern gelernt und braut (natürlich) nach Deutschem Reinheitsgebot. Und das merkt man dem Bier auch an! Es ist ein ehrliches deutsches – pardon, ein ehrliches bayrisches(!) Bier. Sie feiern hier sogar ein Oktoberfest und zwar, wie es sich gehört, im September. Wie das münchner Original! Und die bayrische Staatskanzlei schickt jedes Jahr eine Blaskapelle.
Da der Braumeister ist nicht da ist, führt uns seine Frau durch die kleine Brauerei. Zum Abschluß gibts noch ein Bier aufs Haus. „Prost!“ oder „Psahtek!“, wie es auf arabisch heißt.
Anschließend genießen wir noch die Dörfliche Idylle und die Landschaft und schlafen auch hier.
Wir haben Bulli vor der meltikischen Kirche stehen. Die Nachbarin bringt uns zwei arabische Kaffee vorbei und versucht uns zu allem möglichen einzuladen. Wir nehmen den Kaffee danken an, lehnen die Einladungen erfolgreich ab und geben das Tablett, wie es sich gehört, nicht leer zurück.Sonnenuntergang über dem nördlichen Westjordanland oder Samaria – je nach Sichtweise.
Am Mittwochvormittag habe ich in Jerusalem ein wenig Bürokratie abzuarbeiten, während bina Bulli klarzieht und Bilder und Texte in unseren (diesen) Blog einstellt.
Anschließend beschließen wir für ein paar Tage nach Eilat ans Rote Meer zu fahren, da das AIC immer noch keinen Job für uns hat.
Das erste Viertel des Weges führt über die Siedlerstraße durch das südliche Westjordanland, der restelichen Dreiviertel durch die Wüste Negev.
Auf der Siedlerstraße zu fahren ist ein komisches Gefühl. Direkt südlich von Jerusalem stößt sie mit zwei Tunneln und einer großen Brücken durch den palästinensischen Ballungsraum rund um Betlehem hindurch.
Nach der Brücke in den zweiten Tunnel, von hohen Mauern gegen die auf dem Bergrücken lebenden Palästinenser abgeriegelt.
Danach entspannt sich die Lage und es gibt einfach Landschaft zu sehen. An jeder Kreuzung liegt ein befestigter Posten der Israelischen Armee, jeweils mit Mauer und Zaun, Wachturm, Wasserkanister und Baracke. Die Posten wirken wie Forts im Indianerland.
Die Posten der Israelischen Armee wirken wie Forts im Indianerland.
Die Siedlungen selbst, bestehen oft Häusern, deren Architektur in Deutschland zwar gut in die Landschaft passen würde, die mit ihren roten Ziegeldächern in dieser Gegend extrem fehlplaziert wirken. – Vielleicht macht die folgende wahre(!) Geschichte deutlich, wie fehlplaziert sie hier wirken: In seiner ersten Woche in Deutschland fragte mich A…, der Vater der mit uns befreundeten syrischen Familie, warum wir diese komischen spitzen roten Dinger auf unseren Dächern hätten. Ich verstand erst nicht, was er meinte. Bis ich begriff, dass er die Dächer selber meinte. Denn die Dächer in der arabischen Welt sind fast alle flach. Vielleicht mit einem Sonnensegel und ein paar Stühlen drauf oder so. Denn unsere schiefen Ziegeldächer sind ja vor allem dazu da, dass das Regenwasser ordentlich abläuft. Ein Problem, dass in dieser Weltgegend nur eine untergeordenet Rolle spielt.
Mit ihren europäschen Ziegeldächern bleiben die Siedlungen architektonische Fremdkörper in der Landschaft.
Aber auch sowas gibt es zu sehen:
Herbstlicher Weinberg im Westjordanland.
Dann kommt der Negev: 240 Kilometer großartige Wüstenlandschaft.
Dabei sind das hier doch meist (wie auch auf dem Schild) Dromedare.Beduinen mit gemischter Schaf- und Ziegenherde.Der Kraterrand von Mizpe Ramon. (Kurz vor dieser Stelle haben wir geschlafen.)Wüst und Leer. – OK, voll mit Bergen.Beeindruckend.Immer noch beeindruckend.Zwischendrin geht die Straße schnurgerade geradeaus so weit das Auge blicken kann.Neben der Straße ein Potjemkinsches Dorf, in dem die Israelische Armee Häuserkampf übt.Israelische Panzer im Manöver.
israel kommt uns manchmal nicht mehr vor wie ein staat mir einer armee, sondern wie eine armee mit einem staat. die checkpoints im Westjordanland gehören mittlerweile zur routine für uns. sie halten uns lediglich ein bischen auf. als ausländer dürfen wir ja überall hin. was wir wirklich irritierend finden, ist die präsenz von militär und waffen im alltäglichen leben. so mancher israeli rennt mit sichtbarer waffe im holster herum. oft kommen uns auf der straße die unterschiedlichsten militärfahrzeuge entgegen.
in der jerusalemer altstadt patroullieren soldaten mit gewehr vor der brust durch die gassen. ist eine gruppe soldat/Innen in der freizeit unterwegs und ist diese gruppe größer als 3 personen, muß immer eine/r ein mg dabei haben.
Und wieder Wüste. Man beachte die Gesteinsschichtungen.Die Wüste wartet mit erstaunlich unterschiedlichen Landschaften auf.
Am Donnerstagnachmittag gehen wir noch im Roten Meer schnorcheln und besuchen Nemo und Dorie – aber dazu mehr im nächsten Beitrag.
„Ich wollt ich wär, unter dem Meer, im Garten eines Kraken möcht ich sein…“ (Deutsche Sesamstraßenversion des Beatles-Songs)
Eilat liegt ganz im Süden Israels, wo Israel etwa 10km Küste am Roten Meer hat. Eingeklemmt zwischen Ägypten im Westen und Jordanien im Osten. Die Korallenriffe hier sind sicher nicht so groß, wie die in Hugharda oder Sharm el Sheikh. Aber dafür sind sie für uns mit Bulli erreichbar. Denn nach Ägypten darf Bulli nicht einreisen, weil er einen Dieselmotor hat. Jordanien hat am Roten Meer etwa genau so weniger Küste wie Israel. Und der anderen Seite Jordaniens liegt Saudi Arabiens. Und Badeurlaub bei den wahabitischen Saudis … Nein!
Wir stehen mit Bulli 150m von der Ägyptischen Grenze und 50m vom Meer entfernt und machen zwei bis drei ausgedehnte Schnorchelgänge pro Tag. So wenig es hier über Wasser zu sehen gibt, so unglaublich viel gibt es unter Wasser zu sehen. Aber seht selbst, wir haben bei einigen Schnorchelgängen mein Handy dabei gehabt. Einem Kraken sind wir auch begegnet. Aber er war für mich Amateur unphotographierbar, weil er sich so gut tarnen konnte und dann zwischendrin blitzschnell den Standort wechselte. Und das Handy ist zwar wasserdicht, aber leider nur als Behelfskamera geeignet.
Graue Muräne.Sehen aus wie Goldfische, sind es aber nicht.Arabischer Picassodrücker.Wenn ich groß bin will ich ein gefährliches Riff werden. -Links vorne eine Tischkoralle. Die beiden anderen kennen wir nicht und finden sie einfach nur schön.Hochgiftige Seeschlange und harmlose braune Seegurke.„Nemo!“ – Zwei Clownfische oder Anemonenfische mit zugehöriger Anemone.Papageifisch oder Buntkarpfen?Koralle oder Schwamm?Muräne mit Indo-Pazifischen Feldwebeln.Mördermuschel.„Dorie!“ – Ein Blauer Segelflossendoktor.Wimmelbild.Tabak-Falterfisch.Indo-Pazifische Feldwebel.Masken-Kugelfisch.Arabischer Doktorfisch.Wimpelfische. – Leider verschwommen 😉Nochmal zwei Nemos. Äh, Anemonenfische. Wie viele andere Fische leben sie übrigens zu zweit.Eine blaue Schönheit.
eine treppe führt vom steg ins wasser. kühl ist es, mit wenig wellen. von oben sieht man schon die dunklen stellen, wo die riffe sind. noch mal tief luft geholt (im ersten moment ist das wasser kalt) und hinein ins abenteuer!
es sind viele. auffällig die doktorfische in dunkel lila und mit knallgelbenflossen und schwänzen. dann die schwarz-weiß-gestreiften, diese immer um einen herum, omnipräsent. ein schwarm seenadel-ähnliche, größer als im mittelmeer, direkt unter der wasseroberfläche. ein stück weiter die ersten riffe. hirnkorallen in allen größen und formen. tischkorallen, die aussehen wie raumschiff enterprise, knallgrüne dinger, geformt wie krepppapier zumbasteln. blaulippige mördermuscheln und… oh, da ist ja nemo! so klein, aber knallorange mit schwarzem rumpf und weißen streifen. gleich zwei davon und wie es sich gehört bei einer anemone. und da kommt ein buntbarsch. dunkelrot, fast schwarz, aber mit neonblauen pünktchen, die leuchten. gleich hinteran ein weiterer, aber in allen grüntönen schimmernd. ohne eile an den riffen entlang bummelnd. ach, und diese kleinen schwarzenmit den weißen hinterteilen, die durch die korallen huschen. ein schwarm giftgrün-blau schillernder fischchen, die eine kleine koralle nach fressen absuchen und sie mit ihrem schillern schmücken, wie kleine edelsteine. und da kommt ein großer um die ecke, dunkelblau mit hellblauen akzenten wie mit dem lineal auf den schlanken leib gezogen. und der schwarm an dem großen stein. dunkelrot, aber nicht weniger leuchtend. verdammt, jetzt hätte ich fast den kleinen kofferfisch übersehen, der so lustig eckig ist, das ich mich frage, wie hoch sein cw-wert ist. und tatsächlich: ein kugelfisch. braun-weiß gemustert. schade, das er sich grad nicht kugelig macht. und da kommen zwei buntbarsche auf einmal und gleich dahinter das ganze noch mal in pastell. in allen regenbogenfarben changierend und mit knallgelben pünktchen.
hin und wieder schwebt eine kleine qualle vorbei. gläsern, aber mit kleinen ‚leuchtdioden‘ an fäden in ihrem körper, der sich, wenn man ihn versehentlich berührt, wie eine wolke auseinander bewegt kann.
noch ein kugelfisch, dies mal mit kleinen braunen punkten. schwarz-weiß gestreifte fische mit gelben konturen, die aussehen, als wären sie von einem computer designed. und dann die picasso-fische. in den tuschkasten gefallen und noch ein bischen mit schwarz, weiß und gelb akzente auf den rücken gesetzt und einen blauen fleck an den rücken gemalt. dazu diese auffällige körperform.
hier ein schwarm knall-orangenes, goldfische? (kann nicht sein, goldfische sind süßwasserfische! sehen aber so aus!) auf dem meeresboden dicke braune würste: seegurken.
und dann endlich ein octopus! mist, einmal weggeschaut und schon ist er mit seiner hervorragenden tarnung verschwunden und beim besten willen nicht wiederzufinden. sieht jetzt vermutlich aus wie ein stein oder so. ein buntbarsch in pastell, aber mit knallorangener hinterflosse.
eine seeschlange am boden. höchst giftig. die beißt einen nur einmal im leben (am ende). aber: ich schwimme oben und sie unten, wir kommen höflich grüßend aneinander vorbei. eine muräne, fast weiß und gut 80cm lang windet sich durch die korallen und später eine weitere, größere im sand an der kante, auch auf der suche nach futter.
und dann dieser ganze schwarm langweilig aussehenden braunen fische. aber ach, wie hübsch! ein hauchdünner knallblau leuchtender rand, wie mit dem dünnsten pinsel der welt gemalt, einmal an der ganzen kante jeden einzelnen fisches entlang. hauchfein schimmernd.
so sieht es aus, bei eilat im roten meer. ich habe noch längst nicht alle fische beschrieben. von ihrer vielzahl fange ich gar nicht erst an.
aber jetzt muß ich aus dem wasser raus, sonst krieg ich nen farbenflash. außerdem merke ich, wie kalt mir ist.
Am zweiten Tag Schnorcheln wir im Coral-Reef Nationalpark, der 3km von uns entfernt liegt. Denn das schönste Korallenriff liegt geschützt in diesem Nationalpark. Dort begegnen wir einem Taucher, der sich aufführt, wie die Axt im Wald. Er taucht rückwärts, rammt dabei ein Riff und bricht einen kompletten „Korallenbaum“ ab. Er schaut sich zwar kurz um. Aber als ich ihm per Zeichensprache signalisiere, „Idiot! Koralle abgebrochen!“, signalisert er zurück, „Egal!“ Wir sind stinksauer und verfolgen ihn. Er versucht einen auf dem Boden, halb in einer Höhle liegenden großen Fisch anzufassen. Taucht immer wieder in die mit einem Bojenband abgesperrte Verbotene Zone. (Menschen müssen aus Schutzgründen zu den Hauptriffen etwas Abstand halten.) Und taucht sogar wieder rückwärts und riskiert so, weitere Korallen zu rammen.
Während wir ihn verfolgen, treffen wir einen Parkranger, mit dem wir am frühen morgen schon gesprochen hatten. Wir waren die Ersten im Park und wollten wissen, wie und wo wir am besten einen Kraken zu sehen bekommen. Ihm ist der Taucher auch schon aufgefallen und er verfolgt ihn ebenfalls. Er spricht uns auf den Kraken an, und wir sagen ihm, dass wir gerade einen Taucher verfolgen, der sich wie die Axt im Wald benimmt und unter anderem eine Koralle abgebrochen hat. Er läßt sich die abgebrochene Koralle zeigen und photographiert sie. Dann verfolgt er den Taucher weiter und nimmt ihn fest.
An Land geben wir dann unsere Zeugenaussage zu Protokoll. Als ich am nächsten Tag nochmal vorbei komme, um unsere Pässe vorzuzeigen, die wir beim Schnorcheln nicht dabei hatten, wissen sowohl die Frau an der Kasse, als auch alle Ranger, wer wir sind. Und wir kriegen für den Rest unseres Aufenthaltes freien Eintritt. Außrdem gibt uns unser Ranger seine Karte. Falls wir in irgend einem anderen Nationalpark Hilfe brauchen. Als er uns zwei Tage später am Strand trifft, kommt er zum Quatschen zu uns. – Sie scheinen es nicht sehr oft zu erleben, dass ihren Gästen der Schutz des Riffes wichtig ist.
uns interssiert brennend, was mit dem taucher passieren wird. die ranger diskutieren noch darüber. aber er wird wohl aufgrund unserer zeugenaussage nicht nur eine einfache, sondern gleich eine doppelte abmahnung bekommen und umgerechnet rund 600.-€ bußgeld. was für eine befriedigung!
Gruppenfoto mit Z…, unserem Ranger.
An einem der Abende treffen wir T… und F… am Strand. Die Beiden sind für ein paar Tage von Deutschland nach Eilat geflogen. Wir lernen, dass es seit Neuestem Flüge von Ryanair von Bremen und von Frankfurt-Hahn aus nach Eilat gibt. Und dass Hin- und Rückflug 20€ kosten. (Was uns inzwischen von weiteren Reisenden, die wir hier getroffen haben bestätigt wurde.) Das Ganze lohnt sich anscheinend deshalb für Ryanair, weil Israel und die Hoteliers in Eilat dem Flugunternehmen etwa 60€ pro Passagier zahlen, das es nach Eilat bringt.
Zu fortgeschrittener Stunde mit T… und F… am Strand unmittelbar, nachdem wir unseren Biervorrat von acht Flaschen Taybeh aufgebraucht haben.
den letzten schluck des hervorragenden rums, den wir von einer lieben arbeitskollegin von michel auf die reise mitbekommen haben und aus der nur zu besonderen anlässen eingeschenkt wurde, durfte t… trinken, der ein großer kuba- und rumliebhaber ist. er war von dem rum sehr angetan.
in der frühe aufgestanden, gut gefrühstückt, wanderstiefel angezogen und mal wieder losgelaufen.
nach so viel wasser brauchen wir wieder steine um uns herum. und dies mal bitte nicht bunt! der farbenflash von gestern hält noch an.
die sehr brauchbare touristeninfo in eilat empfahl eine 3 stunden-tour von der field-school (so heißen in israel die staatlichen camping- bzw. rastplätze) in die berge hinein und durch einen wadi zurück. wir nehmen erst einmal den falschen weg. das macht nichts, haben wir halt eine stunde mehr wanderung in den beinen.
Aufstieg vom Roten Meer in die Bergwüste.
der richtige weg führt uns erst bequem, dann steiler und steiniger auf einen gipfel hinauf. so viele steine. so viele töne von braun. die sonne ist heiß, aber erträglich. wenn man bedenkt, daß es hier in den sommermonaten über 50 grad heiß werden kann.
Bina auf dem Gipfel. Die Berge im Hintergrund gehören schon zu Ägypten.
Der orange Sack in binas Hand ist übrigens unsere DAV-„Bergfextüte“. Ein Wort und eine Angewohnheit, die wir von meinem Vater übernommen haben. Wir haben bei Wanderungen immer diese wiederverwertbare Mülltüte dabei und nehmen mehr Müll aus der Natur mit raus, als wir selber produzieren.
Stacheldraht und Nationalfahne statt Gipfelkreuz. Links von der Fahne die jordanische Küste und rechts die saudi arabische.
der abstieg ist nicht weniger steil. man kann richtig sehen, wie sich das gebirge über die jahrtausende aus verschiedensten gesteinsschichten aufgetürmt hat. selten, aber immer häufiger kommen wir an grünem buschwerk und sogar an bäumen vorbei. eine eidechse sehen wir auch. der wadi ist deutlich erkennbar.
wenn es hier mal regnet, regnet’s richtig. das wasser kommt dann schnell steigend aus den bergen herunter. dann heißt es: raus hier aus dem wadi und zwar zügig! in der wüste ertrinken mehr menschen, als verdursten.
am zugang zum wadi steht deshalb auch ein großes hinweisschild.
Fifty Shades of Ocker.Besonders beeindruckend fanden wir das rote Gesteinsband. (Ein Photo ist leider nie die Realität…)Nicht brennender Dornbusch.
da wir mit den rädern zum ausgangspunkt fuhren, die wir am coral-beach-natur-reservat angeschlossen hatten, radeln wir wieder zurück und gönnen uns kurz vor sonnenuntergang doch noch einen schnorchelgang.
Hier sieht man sehr gut, mit welchem Aufwand hier jedes Blumenbeet, jedes Rasenstück und jeder Baum (auch Palmen) bewässert werden muß.Platz ist in der kleinsten Küche.
ausnahmsweise wird unsere nachtruhe gestört. oberhalb des parkplatzes befindet sich ein gästehaus, wo nachmittags zwei busse mit schulklassen eingezogen sind. und da gibt es für die jugendlichen heute abend disco.
wir ziehen uns wieder an, packen bulli fahrtauglich zusammen und verholen ihn ein paar kilometer weiter richtung eilat auf einen anderen kostenlosen parkplatz.
morgens brechen wir endgültig nach jerusalem auf. wir nehmen noch 4 polnische tramper mit, die ans tote meer wollen. auch sie sind mit einem ryan-air-billigflug gekommen.
ja, bulli ist nur für 4 personen zugelassen, aber „this is israel there are no rules!“ (israelischer standardspruch)
und dann kommen wir durch sodom und gomorrah. sodom hat immerhin das sedom (sodom) ressort, daß wir uns sehr spannend vorstellen. gomorrah ist leider bloß eine große industrie-landschaft. da hatten wir aber etwas anderes erwartet.
Abfahrt zum „Sedom Ressort“ am Ort des für seine Unzucht berüchtigten Sodom.Chemische Industrie in Sodom und Gomorrah – irgendwie ja auch passend.
es folgt noch ein groß-einkauf in jericho, weil lebensmittel dort signifikant billiger sind. beim gemüsehändler werden wir wieder freudig begrüßt und kriegen alle naslang ein stück obst zum gleichessen in die hand gedrückt.
bald darauf sind wir wieder im kühlen jerusalem.
Das kühle Jerusalem bedeutet, dass die Temperaturen von „heißer Hochsommertag“ auf „heißer Spätsommertag“ zurückgehen. Abends haben wir dann wieder einen Workshop im „Jerusalem House for Pride and Tolerance“.
Der Mittwoch ist ein richtiger Regentag. So einer, wie es ihn in Hamburg im Herbst für gewöhnlich mindestens zwei Wochen lang am Stück gibt. Für uns derzeit aber wohl nur einmal alle zwei Wochen! Und wir verbringen einen Gutteil des Nachmittages im Österreichischen Hospiz mit Wiener Melange, Sachertorte und Apfelstrudel.
Der Generalstreik
Der Donnerstag fängt mit einem Frühstück im Bett an, bei dem bina ihren geliebten Panettone anschneidet. Das ist ein italienischer Weihnachtskuchen, den sie über ihre in Italien lebende Mutter kennengelernt hat. Für bina Weihnachten ohne Panettone kein richtiges Weihnachten.
Eine glückliche bina mit ihrem Panettone.
Anschließend gehen wir in die Altstadt. Wir wollen heute auf den Tempelberg und auf die Dachterasse des Österreichischen Hospizes. Doch im Shouk fällt uns auf, dass irgendetwas nicht stimmt, denn fast alle Läden sind geschlossen.
Generalstreik in der Jerusalemer Altstadt.
Auf Nachfrage erfahren wir, dass Trump gestern Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hat, und es deshalb heute einen Generalstreik gibt. Es soll auch eine Demonstration geben, aber keiner weiß wann und wo. Wir beschließen trotzdem erstmal auf den Tempelberg zu gehen.
ich frage mich, ob ein generalstreik an dieser stelle wirklich der richtige weg hier in israel/palästina ist. dieser shouk wird von touristen besucht und die nicht-jüdische, also arabische bevölkerung kauft hier ein. geschlossene läden bewirken meiner ansicht nach nur, daß keine geschäfte mit gästen gemacht werden können und die eigene bevölkerung sich nichts für den täglichen bedarf besorgen kann. damit schneidet man sich ins eigene fleisch. die orthodoxen juden und die siedler haben den shouk für sich allein, wie so manche/r es ohnehin wahrscheinlich gern hätte. sie kaufen ja auch nur in den eigenen läden.
pilgergruppen laufen verloren durch die leeren gassen und wundern sich. ich bezweifele, daß sie sich dafür interessieren, was hier grade passiert. und selbst wenn der shouk auf längere zeit schlösse, würden die pilger trotzdem kommen und geld in die israelische kasse spülen, denn der pilgergang auf der via dolorosa zur grabeskirche ist ja trotzdem möglich.
Klagemauer vom Aufgang zum Tempelberg für Nichtmuslime aus gesehen. Links der Männerbereich, rechts der durch eine Palisade abgetrennte Frauenbereich. Man beachte, dass die Frauen alle auf Stühle gestiegen sind, um über die Palisade rüberzuschauen.
Auf dem Tempelberg ist es gespenstisch leer. Wenige Touristen sind da und noch weniger muslimische Gläubige.
als wir vor sechs jahren hier oben waren, gab es viel mehr touristen und und viel viel mehr muslime. überall saßen gläubige beim koranstudium , waren auf dem weg zum gebet oder hielten sich unter den bäummen auf.
Bina vorm Felsendom auf dem Tempelberg.Katze in buddhistischer Ruhe.
Anschließend geht es ins Österreichische Hospiz. Das Hospiz ist eine Insel österreichischer Lebensart, ein Wiener Ringstraßenpalais mitten in der arabischen Altstadt Jerusalems. Mit einem Wiener Kaffehaus, Mozartmusik und „Gnädige Herrschaften wünschen?“ als Anrede. Das Absurdeste dabei ist, dass es irgendwie tatsächlich hierherpaßt.
Bina im Österreichischen Hospiz. (Sie hat vom Tempelberg noch ihr Kopftuch auf).Ein Wiener Kaffeehaus im Nahen Osten. (Bitte Musik von Mozart oder Chopin dazudenken.)
Und von der Dachterasse aus hat man einen wunderbaren Blick über die Altstadt.
Blick von der Dachterasse des Österreichischen Hospizes.
Hier haben wir auch freies W-Lan und erfahren, was genau eigentlich los ist. Und dass mittags eine Kundgebung am Damaskustor (einem der Tore zur jerusalemer Altstadt) angesetzt ist. Wir beschließen uns noch schnell in einem der wenigen offenen Läden etwas Demoverpflegung zu kaufen (Wasser, Kekse, Schokolade) und dann zur Kundgebung zu gehen.
Auf der Demo
Die Kundgebung ist deutlich kleiner als wir und wohl auch die zahlreich erschienene Presse erwartet haben. Insgesamt vielleicht 500 Demonstranten und mindestens 20 Kamerateams. Wir sind schon recht früh da und setzen uns erstmal zu einigen Frauen, von denen wir herzlich aufgenommen werden.
Die Frau, die bina umarmt, ist R… eine Buchautorin, die Frau ohne Kopftuch, die in binas Richtung redet, eine Abgeordnete des Palästinensichen Parlaments, und das Mädchen ohne Kopftuch vorne lernt in der Schule Deutsch, war aber zu schüchtern mit uns Deutsch zu reden.
Polizei und Armee (der Übergang schien mir fließend zu sein) waren sehr rigide darin alles zu unterbinden, was in ihren Augen verboten war.
Wann immer die Presse einen Demonstranten interviewen wollte, wurde sie auf die andere Seite des Platzes abgeschoben. Bilder von brüllenden Arabern waren anscheinend genehm, differenzierte Meinungen und Argumente hingegen nicht.Als eine der Frauen eine Palästinensiche Fahne aus ihrer Tasche holt, wird in Sekundenschnelle eingeschritten und die Fahne beschlagnahmt.Doch die wenigen Sekunden haben einem Reuters-Photographen gereicht, so dass die Fahne es trotzdem in die deutschen Nachrichten geschafft hat. [Quelle: tagesschau.de]Und jüngere Männer werden abgedrängt.Ältere Männer hingegen werden in der Regel in Ruhe gelassen.
Die Soldaten und Polizisten sind sehr wenige und haben fast alle ein Maschinengewehr im Anschlag. Das heißt, sie haben im Konfliktfall nur die Eskalationsstufen „mit-einer-Hand-schubsen“ und „scharf-schießen“. Das, was man auf Demonstrationen von Schlagstock über Wasserwerfer bis Pfefferspray kennt, fällt hier weg.
Soldaten vor dem Pressebereich.Scharfschütze auf der Altstadmauer.
Andererseits sind sie dadurch aber auch vollkommen hilflos, wenn man sich auf das Geschubse nicht einläßt, und sich, wie die Frauen, die uns am Anfang so herzlich bei sich aufgenommen haben, einfach hinsetzt, sobald sie einen abdrängen wollen.
Jetzt sitzen wir. Der Versuch, uns abzudrängen, ist fehlgeschlagen.
Oberhalb auf der angrenzenden Hauptverkehrstraße entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel, zwischen den Soldaten/Polizisten und den abgedrängten Jugendlichen.
Was uns hierbei auffällt, ist daß die Pozeipferde hier bei weitem nicht so gut ausgebildet sind wie in Deutschland. Eine Parolen skandierende Menge in 50m Abstand genügt, damit sie Scheuen und Austreten. – Andererseits sorgt das dafür, dass alle Demonstranten gebührenden Abstand den Pferden halten.
Die Polizeipferde scheuen vor der 50m entfernten, Parolen skandierenden Menge.
sie haben meine geliebten friesen als polizeipferde! damit bin ich nicht einverstanden!!!!!!
Irgendwann hat sieht die Einsatzleitung offensichtlich ein, daß das Abgeränge keinen Zweck hat und läßt die jungen Männer auf den Platz.
Auch die jungen Männer haben es auf den Platz vorm Damaskustor geschafft.
Das militanteste was diese dann machen, ist zu demonstrieren, dass dieser Teil der Stadt arabisch-muslimisch ist, indem sie öffentlich beeten.
Demonstratives öffentliches muslimisches Gebet.
Polizei Armee haben sich derweil an die Ränder des Platzes zurückgezogen.
Inzwischen haben sie zumindest auch(!) Schlagstöcke dabei, und der Uniformierte vorne links hält ein Gewehr zum Verschießen von Tränengasgranaten in der Hand.
Von Demonstrantenseite bleibt es dabei die ganze Zeit so friedlich, dass selbst Ultraorthodoxe Juden ungestört mitten durch die Demonstration gehen können.
Ein Haredim ist gerade unbehelligt durch die Demo gegangen, und steigt nun die Stufen zur oberhalb liegenden Hauptverkehrsstraße hoch.
Kurz vor Sonnenuntergang machen wir uns auf den Heimweg. Bulli steht (zu unserer Beruhigung) sicher in einem gutsituierten, leicht abgelegenen Stadtteil von Westjerusalem.
Auf dem Heimweg begegnen wir noch einigen Patrouillen in der Altstadt.Die Altstadt ist jetzt etwas belebter, und die Siedlerhäuser sind immer noch störende Fremdkörper.Und in West-Jerusalem haben sie überall „God bless Trump“ plakatiert.
Wir wissen, dass die Nachrichten gerade voll sind von palästinensischen Ausschreitungen. Aber dies ist das, was wir erlebt haben.
Wir fahren vom Busbahnhof am Damaskustor, zum Checkpoint Qalandia zwischen Jerusalem und Ramallah. Dort ist es (fast) menschenleer. Drei Beobachter von EAPPI (einer kirchlichen Organisation, die in Palästina unter anderem Beobachter an Checkpoints und auf Demonstrationen schickt) sagen uns, dass die vollkommen ungewöhnlich sei. Normalerweise würden die Menschen sich hier drängen. Aber heute hätten alle Angst, weil Ausschreitungen in Jerusalem und an den Checkpoints angekündigt seien. Wir kennen das Menschengedränge auch noch von vor 6 Jahren.
Der Checkpoint selbst ist eine Stahl und Beton gewordene orwellsche Phantasie. Man muß durch mehrere Drehtüren, durch Gitterkäfige und vergitterte Gänge. Und ist von den Grenzern immer durch Panzerglasscheiben getrennt.
Bina hinter der ersten Drehtür im ersten Käfig,…Hier muß man normalerweise seinen Pass durch die Luken den hinter den Panzerglasscheiben sitzenden Kontrolleuren reichen. Heute war der Weg nach Ramallah hinein ohne Kontrolle. Raus war es mit Kontrolle und Durchleuchten des Rucksacks. (Von einer hinter Panzerglas sitzenden Beamtin überwacht, die den Ausgang unseres Käfigs erst ferngesteuert öffnete, als wir brav alles durch das Röntgengerät geschoben hatten, auch meinen Gürtel.)Blick rüber zum Tigerkäfig auf dem Weg raus aus Ramallah. In diesem Käfig warten sonst Hunderte darauf, in die Einzelkäfige zur Kontrolle gelassen zu werden.Der Weg in den Massenkäfig, durch den man in die Einzelkäfige zum Verlassen Ramallahs gelangt.
man muß sich das vorstellen: menschenmassen, die dichtgedrängt manchmal stundenlang warten, durchgelassen zu werden. sie haben in jerusalem vielleicht termine, müssen zur arbeit und geld verdienen und wissen nicht, ob sie hindurch dürfen. jetzt ist es um diese jahreszeit kühl, aber im sommer bei über 40 grad?
Auf der palästinensischen Seite des Checkpoints ist auch noch alles ruhig.
Mit dem Taxi fahren wir nach Bil’in das grob 15km westlich von Ramallah liegt. Bil’in ist ein 1500 Einwohner zählendes Dorf im Westjordanland, das vor etwa 10 Jahren von einem Großteil seiner Olivenbäume und Felder durch die Sperrmauer abgeschnitten wurde. Die Mauer schloß das Dorf von drei Seiten ein, um möglichst viel Raum für die Siedler der angrenzenden Siedlung zu schaffen. Seitdem gibt es jeden Freitag nach dem Gebet eine Demonstration zur Mauer. Bil’in ist bekannt für seinen gewaltfreien Widerstand. Wir haben hier auch 2011 schon an einer Demonstration teilgenommen.
Der Generalstreik scheint vorbei zu sein oder er wird nicht eingehalten. Die Läden im Dorf haben auf. Alles wirkt entspannt und ruhig. Der Metzger zerlegt öffentlich eine Kuh. (Eine Schleswig-Holsteiner Schwarzbunte!)
Da weiß man wenigstens genau, wo das Fleisch herkommt.
Das Freitagsgebet hat hier, genau wie in Nikosia, einen gleitenden Beginn. Die Gläubigen kommen so nach und nach. Die Älteren gehen in die Moschee, die Jüngeren lungern eher davor rum, und die Jungens spielen auf dem angrenzenden Friedhof Murmeln. Predigt und Gebet sind per Megaphon im ganzen Dorf zu hören. Bina geht in die Moschee, weil sie von einer Einheimischen zum Beten eingeladen wurde. Ich beteilige mich derweil am Lungern. Erst zum Abschlußgebet strömen auch Jugendlichen in die Moschee und die Kinder unterbrechen kurz ihr Murmelspiel.
wenn einen eine alte frau auf dem weg zum frauenteil zu sich winkt und einen nötigt, mit zu kommen, lehnt man besser nicht ab. die frauen beten im keller, der erst mal ein wenig aufgeräumt werden muß. ein kopftuch habe ich dabei. aber da mein rock nicht lang genug ist, hole ich mir einen aus einem regal, wo welche für notfälle liegen. komischerweise kommen nur ein paar ältere frauen zum gebet und einige ganz junge mädchen. die mittlere altersklasse ist nicht dabei, bzw. wird von mir vertreten, die sich so gut es geht beim beten blamiert. aber wer blamiert sich bei egal welchem gottesdienst nicht, wenn er/sie die liturgie nicht recht beherrscht.
Rumlungern vor der Moschee.Murmelspiel auf dem Friedhof.
Dann geht es auf zur Mauer.
Die Straße von der Moschee zur Mauer haben sie „Freedom Street“ getauft.
Vor sechs Jahren hatte Bil’in einen großen Erfolg. Die Israelis verlegten die Mauer etwa einen Kilometer zurück. Vermutlich weil die Lage so dicht am Dorf und auf abschüssigem Gebiet strategisch eher ungünstig war. Jetzt verläuft die Mauer am Beginn des nächsten Anstiegs, was für ihre Verteidigung deutlich günstiger ist. Als letzte Tat hatten die Siedler damals alles in dem zu räumenden Gebiet angezündet und im Wortsinne verbrannte Erde hinterlassen.
An der Stelle, an der wir den alten Mauerverlauf passieren, steht ein Gedenkstein für Bassem, der hier von israelischen Soldaten erschossen wurde. Insgesamt wurden meines Wissens drei Menschen bei Protesten in Bil’in erschossen. Am bekanntesten ist der Fall eines Palästinensers, den sie erschossen haben, weil er einen Kinderdrachen steigen gelassen und somit die israelische Lufthoheit verletzt hat. Deshalb ist EU-europäische und US-amerikanische Unterstützung hier so wichtig. Wenn wir da sind, dürfen die israelischen Soldaten nicht scharf schießen, es sei denn, sie werden angegeriffen. Ein erschossener Deutscher gibt sehr viel mehr internationale Scherereien als ein erschossener Palästinenser.
Wer die Geschichte von Bassem lesen will, muß auf das Bild klicken und etwas hineinzoomen.
Es sind verschiedene kleine Gruppen im Gelände. Als wir mit unserer kleinen Gruppe noch etwa 500m von der Mauer entfernt sind, kommen seitlich Soldaten aus der (einem palästinenschem Bauern gehörenden) Olivenplantage.
Armeepatroille auf Abfangkurs.
Sie verbieten uns weiter zu gehen und es entwickelt sich ein Standoff. Eine Situation, die wir nutzen um deutlich zu machen, dass wir Deutsche sind.
Die Soldaten haben die Straße dicht gemacht.Das Gewehr mit dem dicken Lauf verschießt Tränengasgranaten. Wenn diese Frontal auf ein paar Meter Entfernung auf einen Menschen abgefeuert werden bringen sie ihn um. – Was unseres Wissens der häufigste „Unfall“ bei Demonstrationen hier ist.
Ahmad, ein 16 Jähriger Junge, hat versucht, sich an den Soldaten vorbeizuschleichen und wird festgenommen.
Die Soldaten haben soeben Ahmad festgenommen.
Als wir anderen protestieren und auf die Soldaten zugehen, eskaliert die Situation. Einer der Soldaten wirft eine Schock-Granate (die einfach nur einen sehr lauten Knall macht), ein anderer eine Tränengasgranate.
Die Tränengasgranate ist genau neben mir niedergegangen.
Dann fliegen ein paar Steine, geworfen von Jugendlichen, die sich weiter hinten halten. Sofort verschießt der Soldat mit dem Gewehr für Tränengasgranaten sein ganzes Magazin auf die Jugendlichen, die weglaufen und sich verstreuen.
Jugendliche im Tränengas.
Gegen die Schock-Granaten (die, wie gesagt, nur einen lauten Knall machen) hilft es, kurz beiseite zu treten, sich die Ohren zuzuhalten und Mund aufzumachen. Wegen des Schalldrucks! Eigentlich sind es nur besonders gute Sylvesterböller.
Bei Tränengas ist es angeraten bergauf und/oder gegen den Wind wegzugehen. Das Gas ist schwerer als Luft und wird mit dem Wind mitgetrieben. Und es ist für uns sinnvoll, zu den Soldaten hin zu gehen, und nicht von ihnen weg. Denn sie können das Gas ja nicht zu dicht an sich dran einsetzen, da sie keine Gasmasken dabei haben. Wenn man das Gas richtig abbekommt (was uns nicht passiert ist) ist es gut eine Zwiebel dabei zu haben (was wir haben!) Das Gas brennt nämlich nicht nur in Augen, Nase und Mund. Ab einer gewissen Dosis bekommt das Gehirn nicht mehr mit, dass man atmet, weil die Nerven ihm das nicht mehr melden. Wenn man dann in die Zwiebel beißt, wird dieser Reiz zum Gehirn durchgestellt und damit auch die Information über das Atmen.
Bina geleitet ein Mädchen aus dem Tränengas hinaus.Einem anderen Mädchen ist im Gas schwindelig geworden. Bina versorgt sie im Schatten eines Olivenbaumes. (Später erfahren wir, dass der Festgenommene der Bruder einer der beiden ist.)
Dann entwickelt sich wieder eine Zeitlang ein Standoff, während die Soldaten auf Anweisung warten, was sie mit ihrem Gefangenen machen sollen. Die meisten palästinensischen Erwachsenen bleiben hinter der von den Soldaten festgelegten Grenze stehen. Die Mädchen und wir gehen am Feldrand zu Achmed und den ihn bewachenden Soldaten hin. Die Mädchen durch ihr Geschlecht und ihr junges Alter geschützt, wir durch unseren Pass.
Der Festgenommene Ahmad vom Feldrand aus gesehen.Einer Soldaten reißt einem der Mädchen sein Plakat aus der Hand. Vorher hat er der anderen schon eine Wasserflasche aus der Hand geschlagen, die sie Achmad geben wollt. Aber alle Versuche, die Mädchen dauerhaft zu vertreiben schlagen fehl.Irgendwann, werden die palästinensischen Erwachsenen außerhalb des Sichtbereichs abgeschoben.Blick auf die Sperrmauer und die dahinterliegende Siedlung. (Man beachte die Bautätigkeit.)Hinter uns die Soldaten mit Ahmad und dahinter Mauer und Siedlung.
Etwa eine dreiviertel Stunde nachdem sie ihn festgenommen haben, bekommen die Soldaten den Befehl Ahmad mit hinter die Mauer zu nehmen. Da wir inzwischen sehr wenige und mit den Soldaten alleine sind, die sehr eindeutig klar machen dass hier ihre „Red Line“ [Zitat Soldat] ist, folgen wir nicht weiter sondern gehen zurück.
Viel Glück Ahmad.
Ahmad kommt nun vermutlich in Administrativhaft. In der C-Zone des Westjordanlands gilt für Palästinenser Militärrecht, während für Siedler und Ausländer Zivilrecht gilt. Hätten die Soldaten uns festgenommen, hätten sie uns ziemlich schnell wieder frei lassen müssen, weil kein Zivilrichter jemanden in den Knast steckt, weil er an einem Soldaten vorbei gegangen ist. Den Palästinenser Ahmad hingegen können sie 6 Monate ohne Anklage in Administrativhaft nehmen. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie das auch machen. Eine häufiges Vorgehen ist auch, die Gefangenen nach 6 Monaten kurz frei zu lassen, und dann innerhalb von 5 Minuten wieder zu verhaften. Es sitzen hier zu jedem Zeitpunkt tausende Palästinenser in Administrativhaft und es gibt oft Hungerstreiks mit der Forderung nach einer Anklage und einem Prozeß.
In Südafrika nannte man das Konzept zweier Rechte für zwei Bevölkerungsgruppen „Apartheid“!
Wir werden zusammen mit den Mädchen von einem Autofahrer eingesammelt, der sich als Vater von Ahmad und einem der Mädchen herausstellt. Als wir zwischendrin noch einmal anhalten, um weitere Kinder und Bekannte von ihm einzuladen, macht bina dieses Foto:
„’Jango! Das D ist stumm.“
In den Olivenplantagen, an denen wir vorbeifahren, gehen die Scharmützel noch weiter.
Die Jugendlichen haben zum Teil Davidschleudern in den Händen und der schwarze Rauch kommt vermutlich von einem brennenden Autoreifen.Da insgesamt 8 Personen im Auto zurück nach Bil’in fuhren, mußten die Mädchen und Michel im Kofferaum sitzen.
Achmads Vater kennen wir tatsächlich aus dem Film „5 broken cameras“ und erkennen ihn auch wieder. Allen, die mehr über Bil’in erfahren wollen, empfehlen wir diesen Film, der sogar für einen Oskar nominiert war.
Achmads Vater lädt empfängt uns mit arabischer Gastfreundschaft.
Erstmal will er von uns und den Mädchen wissen, ob Achmad wirklich keine Steine geschmissen hat. – Nein, hat er nicht! – Denn wenn er welche geschmissen hätte, hätte er den Rückhalt der Familie verloren. Anschließend erzählt er seine Geschichte. Er saß 18 Monate in Administrativhaft weil er nicht aufhört gegen die Mauer zu demonstrieren. Die Soldaten haben ihm auf einer friedlichen Demonstration 4 Kugeln ins Bein geschossen. (Er zeigt uns den Filmausschnitt, in dem das zu sehen ist, auf dem Smartphone.) Und sie haben ihm das Handgelenk gebrochen.
Mit dem Versprechen wiederzukommen verabschieden wir uns und fahren mit dem Sammeltaxi, das hier Service heißt, nach Ramallah und von dort zum Checkpoint Qalandia.
Hier sind noch die Reste der Randale vom Mittag zu sehen. Wir kennen die beeindruckenden Bilder aus den Nachrichten. Aber von dem her, was wir gesehen haben, hatten die Krawalle hier in etwa die Ausmaße dessen, was die Autonomen jedes Jahr im Schanzenviertel zum 1. Mai veranstalten (also jetzt nicht G20, sondern der ganz normale 1. Mai.). Wenn wir Betlehem und so weiter dazunehmen, dann kommen wir darauf, dass das Ganze die Ausmaße der normalen Maikrawalle im hamburger Schanzenviertel, berliner Kreuzberg und Göttingen hat. Der entscheidende Unterschied ist die Reaktion der Gegenseite. Die deutsche Polizei hat Schilde, Knüppel und Wasserwerfer. Hier haben sie Maschinengewehre. Man stelle sich vor, in Deutschland würde die Polizei zum 1. Mai zwei Demonstranten erschießen, ohne dass sie ernsthaft verletzte Polizisten zu vermelden hätte. Was würden wir dann in den Nachrichten sehen und hören?
Vorm Checkpoint Qalandia: Ein Reifen brennt noch.Aber am Checkpoint selbst sehen wir die ganz normale Abfertigungsschlange – nur deutlich kürzer als sonst. (Hinten im Bild sieht man die Anzeigentafel über der Straße, die auch auf dem Bild oben zu sehen ist.)
Auf der Rückfahrt kommen wir in Ostjerusalem an Sheikh Jarrah vorbei. Hier demonstrieren israelische Friedensgruppen seit 8 Jahren jeden Freitag. In Sheikh Jarrah haben Siedler behauptet, dass sie einige der Häuser gekauft hätten. Das hiesige „Recht“ ist so, dass in einem solchen Fall nicht die Siedler ihren rechtmäßigen Kauf beweisen müssen, sondern die Palästinenser müssen beweisen, dass das Haus tatsächlich ihnen gehört. Mit lückenloser Beweisführung bis zurück in die osmanische Zeit. Das ist den Palästinensern hier zwar am Ende gelungen, aber da die Siedler schon in den Häusern drin sind, gilt der Status Quo. Die Häuser gehören den Palästinensern, die auch Strom und Wasser zahlen, und die Siedler leben mietfrei darin.
Wir gesellen uns kurz zu den Friedensaktivisten in Sheikh Jarrah. Dann wird die Demo beendet.
Von dort aus gehen wir zu Fuß nach Hause (zum Bulli).
Ultraorthodoxes Pärchen, mutmaßlich auf dem Weg zur Klagemauer.Der Shabbes beginnt und die Straßen der ultraorthodoxen Viertel werden abgesperrt.Da am Shabbes die öffentlichen Verkehrsmittel ruhen, kann man auf den Gleisen der S-Bahn gehen.Ultraorthodoxe „Kleinfamilie“ 😉
sabbat in jerusalem. die ultra-orthodoxen begehen ihn mit ihren üblichen ritualen, die übrigen bewohner ergehen sich bei schönem, wenn auch kühlem wetter, als wäre nichts passiert und sie wirken, als ginge sie die ganze aufregung um jerusalem nichts an.
Ein ganz normaler Samstag, die Cafes in West-Jerusalem sind gut gefüllt. Hier an der First Station, in bei unserem Bulliparkplatz.
im shouk sind wieder fast alle geschäfte geöffnet. nur geringfügig mehr als sonst sind geschlossen. und das kann alle möglichen gründe haben. die stimmung in den gassen ist entspannt. es wird ver- und gekauft, waren angeboten und gehandelt wie immer.
mich beruhigt das ein bischen. die hamas hat zum generalstreik aufgerufen und in der westbank und hier in der altstadt kümmert man sich wenig darum. das kann doch nur heißen, daß den menschen die butter auf dem brot (bzw. der hummus auf der pitta) wichtiger ist, als die aufrufe der hamas. in gaza sieht das bestimmt wieder anders aus.
Ich sehe das etwas anders. Ich sehe hier vor allem die Kampfesmüdigkeit, Schwäche, Rat- und Hoffnungslosigkeit der Palästinenser.
am damaskustor warten ein paar wenige jugendliche und ältere menschen darauf, daß vielleicht noch mehr kommen, aber nichts passiert. scharen von reportern langweilen sich neben den aufgestellten kameras.
den nachmittag verbringen wir im shouk bei argila und tee in der kleinen teestube am rande des arabischen viertels, in der wir vor sechs jahren schon so gern gesessen haben.
a… setzt sich auf einen kaffee zu uns. tochter chassidischer juden aus antwerpen, eltern in auschwitz getötet, lehrerin und brückenbauerin zwischen palästinensern und israelis. sie lädt uns beizeiten zu einem sabbatmahl ein. wir werden dann mehr von ihr zu erzählen wissen.
A… mit Michel.
A… ist im muslimischen Viertel wohlbekannt und wohlgelitten, alle grüßen sie und sie grüßt alle. Offensichtlich ist sie auch in den Augen der Palästinenser nicht Siedlerin sondern Friedens- und Versöhnungsaktivistin.
auf dem weg nach hause schauen wir noch bei der koptischen kapelle auf dem dach der Grabeskirche vorbei, wo grad an der station IX der via dolorosa eine gruppe chinesen betet. sie haben sich ein kreuz von der ausleihstelle am garten gethsemane mitgebracht und singen, beten und weinen, teilweise auf knien mit dem kopf am boden. ihre inbrunst hat etwas sehr anrührendes.
Oben auf dem Haus, in dem unser Cafe liegt, haben sich Siedler breit gemacht. Links der Spielplatz ihrer Kinder, die ja nicht mit den Araberkindern auf der Straße spielen dürfen, rechts der ständig besetzte Wachposten der israelischen Armee.Jeder der Chinesen stellt sich einmal ans Kreuz, während die anderen inbrünstig einen chinesischen Choral singen.Auf dem Dach de Grabeskirche befindet sich auch ein äthiopisches Kloster. (Im Hintergrund der Turm der evangelisch-lutherischen Kirche.Von der koptischen Kapelle aus gelangt man über eine lange enge Treppe zu einer Zisterne mit wunderbarer Akkustik, aus der angeblich die Heilige Helena getrunken haben soll.
dieser ruhige tag gibt mir wieder gelegenheit, ein bischen vom alltag in israel und palästina zu erzählen.
warum ist die zahl der demonstranten so klein?
wir wissen es auch nicht. ist es angst? sind sie kampfesmüde?
wenn man kein realistisches ziel vor augen hat, das man erreichen wollen könnte und keine idee, was man fordern könnte (z.b. einen eigenen staat oder die vollen bürgerrechte des staates israel), dann macht sich resignation breit. dann stellt man keine konkreten forderungen mehr, sondern schmeißt, wie die jugentlichen in ramallah, bethlehem und nablus, aus frust nur noch steine und zündet autoreifen an.
Gestern kamen wir noch mit drei beieinanderstehenden Reporten ins Gespräch, einem vom ZDF, einem von RTL und wofür der Dritte arbeitet haben wir vergessen. Wir waren von ihren Kommentaren wirklich überrascht. Sie sagten, daß sowohl in Ramallah, als auch in Jerusalem und Bethlehem die Eskalation bei den Demos ganz klar von den israelischen Soldaten ausgegangen ist. Und sie wandten, als wir „Gummigeschosse“ erwähnten, sofort ein, dass diese mitnichten ‚ungefährlich‘ seien. Es handele sich um Stahlgeschosse, die nur mit Gummi ummantelt seien, und die ohne weiteres jemanden umbrächten.
Den gesamten Gesprächsverlauf hier wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen. Aber wenn die Berichterstattung in Deutschland so wäre, wie diese Reporter privat mit uns gesprochen haben, käme israel deutlich schlechter weg und ‚apartheit‘ wäre beim Thema Israel-Palästina ein häufiges Wort in den Nachrichten.
Orts und Straßennamen
straßennamen sind zum oft nur schall und rauch. vor sechs jahren sind wir in jerusalem fast wahnsinnig geworden, weil grade alle straßen umbenannt, sprich israelisiertwurden und wir einen nicht mehr so ganz aktuellen stadtplan hatten. auf den straßenschildern stand manchmal was ganz anderes als auf der karte. mittlerweile sind sie damit fertig und die straßennamen auf schildern und im plan haben zumindest eine gewisse ähnlichkeit. steht im plan z.b. ‚iszaac rabin‘, kann auf den schildern ‚rabin av.‘ stehen. gemeint ist die selbe straße.
jaffa wird auf dem einen straßenschild jaffa geschrieben, auf einem nächsten yafo oder jaffo und jafa steht auf der landkarte.
schlimmer wird es, wenn wir leute nach dem weg gefragt haben. In tel aviv spricht jeder die gesuchte straße anders aus und wir fragen oft nach, ob wir auch die selbe meinen. im stadtplan steht es dann irgendwie so ähnlich.
richtig lustig wird es in palästina. in ramallah zum beispiel haben nur die größeren straßen einen namen. aber was auf dem schild steht, hat oft nichts damit zu tun, wie die menschen die straße nennen. und da muß man unterscheiden zwischen den leuten, die diese straße nur kennen oder denen, die dort auch wohnen. die nennen sie dann wieder ganz anders. daher ist es sinnvoll, sich große wichtige gebäude in der nähe zu merken und nach denen zu fragen. ein hotel, eine große bank, eine behörde. das klappt eigentlich immer und ist auch unter einheimischen üblich.
In dem Teil des Westjordanlandes, den die Israelis komplett kontrollieren, ist es dann auf gewisse Weise wieder einfach: Es gibt meistens keine Straßennamen, weil es die Palästinenser im israelischen Weltbild ja eigentlich nicht gibt.
Busse, Taxen, Sammeltaxen
anders ist es bei öffentlichen verkehrsmitteln. wir sind nach bil’in damit gefahren. wenn wir gefragt haben, wo wer fährt, war die antwort immer sofort richtig.
hinter dem damaskustor gibt es einen großen busbahnhof, von wo aus wir nach qalandia wollten. gleich der erste linienbus war der richtige, die fahrt sollte laut fahrer 3 schekel (nis) kosten und er würde in 10 min. losfahren. pünktlich(!) 10 minuten später waren wir für 3 nis auf der straße und zügig am checkpoint.
dort machten wir den fehler und ließen uns auf ein taxi ein, das uns direkt nach bil’in bringen sollte.
es gibt zugelassene taxis, die sind gelb und inoffizielle taxis. wir stiegen in ein letzteres, nicht ohne vorher den preis geklärt zu haben. 120 nis sollte das kosten. ich konnte auf 100 runterhandeln und fand das trotzdem zu teuer. aber gut. dann stellte sich heraus, wir waren schon angeschnallt, daß der fahrer unter bil’in etwas anderes verstanden hatte als das dorf, zu dem wir wollten und plötzlich sollte die fahrt 200 kosten, denn das sei ja gar nicht ‚um die ecke‘. wir handelten zwar noch auf 150 runter, sagten dann aber zähneknirschend zu. ein paar straßen hinter dem checkpoint hielt unser fahrer an, diskutierte mit einem offiziellen taxifahrer und hieß uns umsteigen. wir haben keine ahnung, warum. wahrscheinlich kannte er den weg nicht oder wollte eigentlich nach jerusalem zurück. die beiden teilten sich unser geld und wir wurden auf direktem weg nach bil’in gefahren. allerdings mit dem wissen, lehrgeld bezahlt zu haben.
zurück ging es mit dem sogenannten ’service‘. das sind kleinbusse und sammeltaxen. mit so einem sind wir schon vom flughafen nach haifa gefahren, die in israel sheruk heißen. sie sind überall zu finden, in israel sind sie in topzustand, in palästina in mehr oder weniger gutem zustand und oft ziemlich überfüllt.
wir wanderten einfach richtung ramallah an der straße lang und als ein service noch im dorf am horizont auftauchte, brauchten wir nur die hand auszustrecken und er hielt an. wir fragten, ob er nach ramallah fährt, erkundigten uns nach dem preis (7nis), sagten zu den anderen fahrgästen ’salam‘ und schon ging es weiter.michel vorne zwischen zwei männern, ich auf der hinteren bank neben einer mutter mit drei kindern. eine weitere mutter mit kind kam dazu, wir rückten halt alle ein bischen zusammen und die kleinsten standen während der fahrt zwischen den knien der mütter.auf der fahrt stieg zwischendrin mal einer ausoder jemand dazu und in kurzer zeit waren wir in ramallah. lustigerweise auf einem parkplatz gleich in der nähe unseres stellplatzes von neulich.
in der stadt fragten wir nach einem service nach qalandia, ein paar straßen weiter standen welche von denen einer auch gleich fuhr. nach dem preis fragen (3nis), einsteigen und los.
bezahlt wurde irgendwann während der fahrt, am besten passend, denn der fahrer hatte keine hand frei, um wechselgeld raus zu geben. er mußte telefonieren. einen beleg gab es nicht. von qalandia gings dann mit dem linienbus wieder zurück nach jerusalem.
solche fahrten sind klasse!
man erlebt menschen im alltag, kommt mit sitznachbarn ins gespräch, die es offensichtlich nicht kennen, daß touristen mit dem service fahren. ich mußte es aushalten, von den frauen ein wenig befremdlich und von den kindern baß erstaunt angestarrt zu werden. aber wir haben uns gemeinsam dem geruckel der heruntergefahrenen stoßdämpfer des autos hingegeben, wir sind alle zusammengerückt, als noch jemand einsteigen wollte und wir haben alle ‚auf wiedersehen‘ gesagt, als jemand ausstieg, uns an der endhaltestelle bei gepäck und kindern geholfen und die jungs, die vorne bei michel saßen, wollten unbedingt noch ein abschiedsfoto mit uns machen.