Sa. 5. April
Das Überschriftenzitat stammt aus der Irishen Ballade „Foggy Dew“, welche den Osteraufstand 1916 besingt und dabei aber auch zweimal auf die Suvla-Bucht auf der Gallipoli-Halbinsel verweist.
Während des ersten Weltkrieges, hatte die Britische Marine, den Plan, mit einer Flotte vom Mittelmeer aus durch die Dardanellen-Meerenge zu fahren, vom dahinter liegenden Bosporus aus Istanbul mit schwerer Schiffsartillerie zu beschießen und so das Osmanische Reich zur Kapitulation zu zwingen. Da der Durchbruch durch die, an der engsten Stelle nur eine Meile breiten, Dardanellen nicht gelang, beschloss man eine große Landeoperation. Bei Tagesanbruch des 25. April 1915 landeten Britische und Französische Truppen an der Spitze der Halbinsel, sowie Australische und Neuseeländische einige Kilometer entfernt an der mittelmeerseitigen Flanke derselben.
Die Gallipoli-Kampagne wird in den verschiedenen beteiligten Ländern sehr unterschiedlich erinnert. In Frankreich wird sie durch die Schlachten auf dem heimischen Boden (wie Verdun) überdeckt. In England wird vor allem der erfolgreiche Rückzug am Ende der ansonsten katastrophal erfolglosen Kampagne erinnert. Entgegen Clausewitzes Aussage, „Nichts ist schwerer als der Rückzug aus einer Unhaltbaren Position.“, war es nach mehreren Monaten erbitterten Stellungskrieges gelungen mehrere zehntausend Soldaten so heimlich und dann so überraschend abzuziehen, dass die Osmanen es erst mitbekamen, nachdem das letzte Boot mit den letzten Soldaten abgelegt hatte. Einen besonderen Platz haben die Schlachten um Gallipoli aber in den Erinnerungen der Türkei, Australiens, Neuseelands und Irlands.
Türkei:
Hier ist Gallipoli zentraler Bestandteil des Atatürk-Mythos. Dieser war damals Offizier auf Gallipoli. Ihm wird das Verdienst zugeschrieben, die Linien gehalten und den Feind wieder ins Meer geworfen zu haben. Unter anderem soll er am Landungstag, den Soldaten des 57ten Regimentes, nachdem ihnen die Munition ausgegangen war und ihnen nur noch ihre Bajonette blieben, befohlen haben „nicht zu kämpfen, sondern zu sterben“, was erstaunlicher Weise tatsächlich funktioniert hat. Das gesamte Regiment wurde ausgelöscht, hielt die Landungstruppen aber lange genug auf, dass neue Soldaten ihre Stellungen übernehmen konnten.
Gallipoli war der größte Erfolg, der ansonsten nicht besonders erfolgreichen osmanischen Armee im ersten Weltkrieg. Und dann noch mit Atatürk himself! – Natürlich sind die türkischen Stellungen und Gräber eine nationale Pilgerstätte. Und das zugehörige Museum strotzt nur so vor Kraft und Nationalstolz. – Weshalb wir es uns auch nur von außen angesehen und nicht photographiert haben.
Australien & Neuseeland:
In beiden Ländern ist der 25. April, der Tag der Landung, als „ANZAC-Day“, ein nationaler Feiertag. Der ANZAC-Spirit, der Kampfgeist des „Australian-New-Sealand-Army-Chorps“ Er wird als Ausgangspunkt des eigenen Nationalbewusstseins und Nationalstolzes betrachtet. Bis dahin habe man sich nur als britische Kolonie betrachtet, nicht als eigene Nation.

Während bei Sud-el-Bahr an der Spitze der Halbinsel, die gelandeten Truppen wenigstens einige Kilometer weit vordringen konnten, bevor sie im Stellungskrieg feststeckten, gelang es an der ANZAC-Bucht nur ein paar hundert Meter hinter den Strand zu kommen.


Nach mehreren Monaten erbitterten Stellungskrieges versuchten die Briten im August mit einer weiteren Landung an der Suvla-Bucht hinter die osmanischen Stellungen zu gelangen und die Front wieder in Bewegung zu bringen. Aber nach wenigen Quadratkilometern Geländegewinn steckte sie wieder fest. Diesmal bis zur endgültigen Evakuierung der Brückenköpfe im Dezember.

Irland:
An der Landung in der Suvla-Bucht waren besonders viele Soldaten aus Irland beteiligt, das damals noch komplett vom Vereinigten Königreich besetzt war. Und so starben hier auch besonders viele irische Soldaten. – In „Foggy Dew“ heißt es dazu:
„‚Twas better to die ’neath an Irish sky than at Suvla or Sud-el-Bar.“
Es war also besser als irischer Rebell im Aufstand gegen die verhassten Engländer zu sterben, als weit entfernt der Heimat in ihren Diensten. In einem Land das einem nichts getan hatte. Und später im Lied:
„But their lonely graves are by Suvla’s waves, or the fringe of the great North Sea. Oh, had they died by Pearse’s side or fought with Cathal Brugha,“
Ihre einsamen Gräber liegen an fremden Gestaden fern der Heimat. Oh, wären sie doch mit Patrick Pearse (also im Osteraufstand) gestorben oder hätten an der Seite von Cathal Brugha (für die Freiheit Irlands) gekämpft.
Das Schlachtfeld von vor über hundert Jahren ist heute flächendeckend Gedenkstätte und Nationalpark. Für die Natur ist das hervorragend. Ohne die Schrecken von damals würden an diesen tollen Stränden und Buchten heute sicherlich große Hotelanlagen für Touristen stehen. Nachdem wir dem Wahnsinn des ersten Weltkrieges und seiner Opfer gedacht haben, gönnen wir es uns, den Nachmittag über die Naturschönheit der Suvla-Bucht zu genießen.


Da Camping hier in nachvollziehbarer Weise aus Gründen des Naturschutzes und der Pietät verboten ist, fahren wir zum Übernachten (mit einigen Umwegen) zur nördlichsten Bucht der Halbinsel. Also ganz zur oberen rechten Ecke des Mittelmeeres auf der Karte. Hier erleben wir einen letzten schönen Sonnenuntergang am Mittelmeer, bevor wir dieses in Richtung Schwarzes Meer verlassen werden:


(Und hier kann bina auch ohne Vorhänge in der Natur schlafen! – Vom Bett aus betrachten wir durch die offene Tür die aus der Dämmerung auftauchenden ersten Sterne und die Fledermäuse.)
