Großstadtgeflüster

2.april-5.april

jetzt ist endlich wieder die straße unser zuhause.
da es schon spät ist und wir nicht im dunkeln fahren wollen, übernachten wir gleich in köycegiz. auf der fahrt von sultaniye kommt man durch diesen ort, der auch an dem tollen paddelsee liegt.
vorgestern war er noch ganz still und paddler trainierten mit ihren rennkajaks, von uns sehnsüchtig im vorbeifahren beäugt.
heute sieht er so aus und ich möchte unter gar keinen umständen im kajak sitzen:

es ist tatsächlich noch kabbeliger als es auf dem bild wirkt.

es geht am nächsten morgen gleich weiter nach norden, nach izmir/smyrna. eine progressive und moderne stadt.
es ist regnerisch. überall sieht man überschwemmungen. wasser steht auf den feldern, hier und da hat es erdrutsche gegeben. wir kommen an schaf- oder ziegenherden vorbei, die am straßenrand den tag verbringen, immer bewacht von ihrem hirten.
einmal sehen wir eine kleine hütte. daneben große erdhaufen aus denen es qualmt. hier arbeitet noch ein richtiger köhler und macht holzkohle. leider schaffe ich es nicht, ein foto zu machen.
die hügel sind waldig und manchmal voll mit ulkigen felsen.

ich gebe zu: ich photographiere schnöde während der fahrt aus dem auto heraus. eigentlich finde ich, man sollte einem ort wenigstens durch kurzes anhalten respekt erweisen, aber dann kämen wir nie voran.
so entsteht auch dieses bild:

wir sammeln in gedanken tatsächlich warnschilder. die vielfalt ist erstaunlich. wir kennen die warnung vor wildwechseln aus deutschland. so weit, so normal.
aber hier wird vor allem möglichem gewarnt.hier wildschweine. es gibt sie auch mit ziege, schaf und kuh. an schildkrötenschildern sind wir vorbei gefahren und vor einer straßenhunde-einrichtung an einem schild mit hund. gleich danach lagen zwei auch schon als verkehrsinsel auf der straße. ein schild warnt vor radfahrern, das steht an der autobahn.
und auf zypern gab es mufflonschilder.

in izmir schüttet es wie aus eimern. der viele verkehr ist ungewohnt und michel ist nach der langen fahrt mehr als angestrengt. einen schönen stellplatz finden wir erwartungsgemäß nicht. michel will auch nicht lange herumkurven und suchen. in einer seitenstraße finden wir einen parkplatz. leider kommt der gemüse-ladenbesitzer von gegenüber an und wundert sich. eine passantin hilft beim übersetzen. sie freut sich ungemein, daß sie mal wieder englisch sprechen kann. der gemüsemann möchte, daß wir morgen ab 7uhr den platz wieder frei machen, weil dann seine lieferung kommt. aber als michel sich sofort wieder ans steuer setzen will, schaut er sich das noch mal an und meint, wenn er noch ein bisschen zurücksetzt, wird es gehen.
die passantin erzählt, in izmir würde es seit tagen regnen und alle seien total genervt. das soll auch in den nächsten tagen so bleiben. daher beschließen wir, gleich morgen weiter zu fahren und auf die suche nach einem waschsalon und einem bezahlbaren hamam zu verzichten.

bazar von izmir

auf eine kleine stadtbesichtigung lege ich dann aber doch wert. zumal der bazar gleich in der nähe ist. das wetter ist auch einigermaßen trocken.
wir merken, daß wir in einer wirklich ulkigen gegend gelandet sind.
die hauptstraßen sind gesäumt von einem brautkleidladen nach dem nächsten. alle von edelster güte, mit kleidern wie buttercremetorten und mit glitzer noch und nöcher in den schaufenstern.
in den nebenstraßen sind die läden etwas weniger schick, aber sie verkaufen auch brautbedarf.
es gibt schuhgeschäfte und läden mit festlicher kinderkleidung, besonders für jungs zum beschneidungsfest, die dann immer wie kleine husaren ausstaffiert werden.
wir fragen uns: wer kauft dort. wer kann sich das leisten? wie rentiert sich so ein laden, wenn die ganze nachbarschaft voll davon ist? wie oft heiratet eine frau in der türkei?
ich sehe in keinem der geschäfte irgendeine kundin. gut, es ist noch vor 10uhr, vielleicht deswegen.

auch der bazar ist noch still. aber die cafes sind schon geöffnet und die händler fangen auch hier an uns anzukobern. einer läuft sogar eine ganze weile hinter uns her. und michel sieht, wie ein blinder mit seiner begleitung geradezu bedrängt wird. der händler stellt sich dem blinden derart in den weg, daß michel kurz davor ist, einzugreifen.
da geloben wir uns die insel capri. wie wir lesen durften ist dort das massive ankobern von touristen mittlerweile unter strafe gestellt. dort haben sie verstanden, daß das ansprechen und bedrängen von passanten diese eher vertreibt als anlockt, und daß es schädlich für alle geschäfte ist.
aber es gibt auch stille ecken auf dem bazar und solche, wo die einheimischen kaufen und auch wohnen. dort werden wir freundlich gegrüßt und in ruhe gelassen.

eine sehenswürdigkeit ist dieser uhrenturm.
auf dem platz gibt es unfassbar viele tauben. eine ist dicker als die andere. kein wunder, da straßenhändler weizenkörner zum füttern verkaufen, damit touristen fotos machen können.
izmir verabschiedet sich mit hochhäusern vor schwerem himmel, nachdem ich bei ‚unserem‘ gemüsehändler noch eingekauft habe.

Izmir ist eine durch und durch neue und moderne Stadt. Es gibt quasi keine Altstadt und kaum historische Häuser. Das liegt daran, dass hier bis 1922 das griechische Smyrna lag. Dieses wurde nach der Eroberung durch die türkische Armee geplündert und niedergebrannt. Seine Bevölkerung zum einen Teil abgeschlachtet, zum anderen vertrieben. Ihre Nachfahren leben heute zum Großteil in den Athen.

beobachtungsschniepsel:

  • immer wieder haben trecker eine art schonbezug über ihrem motorgehäuse. die sind aus stoff, wildgemustert und bunt, wie schonbezüge für autositze. sie sehen dann ein bischen aus wie kinderspielzeug
  • es gibt immer wieder verkaufsstellen für tiny-häuser in verschiedensten ausführungen, die scheinen hier sehr beliebt zu sein. auch ’nur-dach-häuser‘ (gebäude, deren dach bis auf den boden hinunter geht) sehen wir oft. besonders in ferienorten für gäste.
  • an den straßen stehen oft reihenweise bienenstöcke und überall wird honig verkauft. auch die orangenernte ist hier in vollem gange, und an der straße steht alle 200m ein verkaufsstand für früchte, frisch gepressten saft und marmelade.
  • diese wechseln sich ab mit verkaufsständen für tonware aus der fabrik. amphoren, blumentöpfe, krüge in allen formen und größen, dazu windmühlen aus ton, aber mit beweglichen flügeln, die man sich in den vorgarten stellt.
  • wohnblocks haben oft sehr große balkone. viele davon sind dunkel, ja fast schwarz verglast. wir fragen uns: wie dunkel muß es dann in den räumen dahinter sein und würden wir da wirklich wohnen wollen?

die dardanellen

und dann verlassen wir tatsächlich den asiatischen kontinent.
eigentlich wollen wir in canakkale übernachten, nachdem wir uns orientiert haben, wie das mit der fähre funktioniert.
aber nachdem wir am hafentor 16.-€ gezahlt haben, winkt uns der mensch gleich weiter. die fähre liegt in sichtweite und legt auch gleich ab, nachdem wir an bord gefahren sind.
also werden wir wieder in europa (naja, auf dem kontinent) schlafen.
die überfahrt dauert nicht lange und ich muß tatsächlich ein bisschen heulen, als ich dem asiatischen ufer nachschaue, wie es immer schmaler am horizont wird.

wir fahren noch von eceabat auf die andere seite der halbinsel richtung anzac-bucht, die sich michel anschauen will.
ich wünsche mir nach so vielen nächten mal wieder einen schlafplatz in der natur, an dem wir nicht alle fenster verhängen müssen.
wir finden auch schnell einen picknickplatz mit toilette und ebener fläche direkt am meer unter bäumen, gleich neben einem denkmal (siehe nächstes kapitel).
aber während in der dämmerung unser gasbrenner die tomatensauce kocht, hält ein polizeiauto, und ein freundlicher polizist erklärt uns in gebrochenem englisch, daß wir hier leider nicht übernachten dürften. wir könnten zwar zuende kochen und essen, aber mögen dann doch bitte zurück nach eceabat zurück fahren.
und so machen wir bulli wieder fahrtauglich.
michel hat ja recht. der polizist ist überaus freundlich und wir stehen ja auch quasi auf einem friedhof, das wäre schon pietätlos. aber ich bin so enttäuscht, daß ich bei bisschen mit den bullitüren knalle um mich abzureagieren. (entschuldige, kleiner gefährte!).
so stehen wir wieder in eceabat am hafen hinter einem ehemaligen hotel. wenigstens haben wir meeresblick.
aber der nächste morgen entschädigt alles:
wir sind grade mit dem frühstück fertig, michel bringt den müll weg und macht einen gang an der mole entlang.
dann kommt er angerannt: ‚komm schnell, die delfine sind in der bucht!!!!!!‘
rasch die kamera, den restlichen tee und die becher gegriffen und sich ans ufer gesetzt:

besser kriege ich es leider nicht hin…..

drei oder vier stück sehen wir. offensichtlich ist die futtersituation in der bucht nicht die schlechteste, denn sie tauchen auf und ab, schwimmen hin und her und sind sichtbar auf der jagd.
danke schön für diese entschädigung!
wie so häufig finden wir einen tolleren stellplatz oder erleben etwas schönes, wenn wir irgendwo nicht stehen dürfen.