Am 30. Dezember laufen unsere Visa aus. Also ist genau dies der Tag unserer Ausreise. Und zwar über die Allenby-Bridge nach Jordanien. Dort ist die Wahrscheinlichkeit für das volle Programm aus Geheimdienstverhör, Leibesvisitation, genauester Gepäckkontrolle sowie Durchsuchung oder Beschlagnahme von Laptop und Telephon deutlich kleiner als bei der Ausreise über den Flughafen Tel-Aviv.
Abschied
Nach dem letzten Gang in die Stadt empfangen wir die letzten Besucher*innen. Zu unserem Erstaunen kennen wir eine von ihnen. Mit K. zusammen waren wir vor 8 Jahren, in unserem ersten Sabbatjahr, Teil der Internationalen Delegation beim Newroz-Fest (dem kurdischen Neujahrsfest) in Diyarbakir/Amed. Jetzt treffen wir sie in Palästina wieder.

Auch unser Lieblings-Streuner wird verabschiedet. Er wird von den YAS-Aktivisten gefüttert, schläft oft vor der Eingangstür des Sumud-Zentrums und verbellt Soldaten. (Sehr praktisch!)

Das Abschiedsgeschenk der Siedler fliegt über den Zaun und fällt wie zu erwarten aus:

Dafür verabschieden die Aktivisten von YAS uns mit einem Barbecue und Geschenken. Unter anderem einer holzgerahmten Keramikfliese mit einer kaligraphierten Gedichtzeile von Mahmud Darwisch, dem palästinensischen Nationaldichter, und einer kleinen arabischen Kaffeekanne, passend für den Bulli.

was für eine schöne verabschiedung.
umm temer war gestern schon da und hat mir eine flasche schöner handcreme mitgebracht. abu ahbed läßt sich leider entschuldigen, seine tochter ist krank. und abir kommt später, weil er irgendwie im krankenhaus war. es geht ihm sichtlich nicht gut. deshalb gibt es auch kein knefe, was eigentlich vorgesehen war. aber eine packung räucherwerk mit yasminduft.
abu natschi hat uns zwei kleine sträußchen mit künstlichen roten rosen mitgebracht. wir sind auch zutiefst gerührt von den vielen warmen worten, die gesprochen werden.
und wie sorgfältig sie darauf geachtet haben, daß die kleinigkeiten zu uns und in den bulli passsen!
die beiden fellbeutel schlafen auch ein letztes mal bei uns im bett. pappsatt, denn die fleischgaben vom grill fallen reichlich aus.
und die letzte nachtschicht für michel und mich fällt komplett aus.
Geschlossene Checkpoints
Die Reise beginnt mit einer Kletterpartie, weil Checkpoint 56 (Bab Al-Zawia) mindestens den dritten Tag in Folge geschlossen ist.
ehrensache, daß issa uns begleitet und zum auto bringt.
Die Soldaten haben gewechselt, und die neuen Soldaten reißen in fast jeder Schicht die Kabel aus den Computern oder ziehen den Hauptstecker ihres Checkpoints. Dann sagen sie, der Checkpoint sei wegen „Computerausfall“ geschlossen, und warten mehrere Stunden auf den Wartungsdienst. Neu dabei ist, dass sie auch den Weg raus für geschlossen geschlossen erklären. Raus aus der Geisterstadt kam man bisher immer. In diese Richtung gibt es ja keine Kontrolle, nur eine Drehtür wie Zuhause am Ausgang vom Freibad.
Das Ganze ging kurz vor Weihnachten los. Wir wissen, dass „unser“ Checkpoint 56 mindestens am 23ten, 25ten, 28ten, 29ten und 30ten Dezember für jeweils mehrere Stunden geschlossen war. (Über die anderen Tage und anderen Checkpoints haben wir keinen genauen Überblick. Aber es gab noch mehr „Computerausfälle“ an Checkpoints!)
Also schleichen wir uns gemeinsam mit einigen Studentinnen, die auf dem Weg zur Uni sind, aus der Geisterstadt raus. Das ist jetzt der 7te Schleichweg, den wir kennen. Aber der erste, bei dem wir klettern müssen:
Durchs Westjordanland
Im Sammeltaxi geht es nach Jericho. Vorbei an:







Besonders die geschlossenen Zufahrtsstraßen zu palästinensischen Dörfern machen uns wütend. Dieser krasse Kontrast zwischen den Israelischen Siedlungen, die von Parks bis Swimmingpools alles haben, und den armseligen Beduinenlagern, auf welche die Siedlungen zum Teil direkt hinab sehen.
Grenzkontrollen
In Jericho müssen wir erst durch die palästinensiche „Grenzkontrolle“. Die Palästinensische Autonomiebehörde hat keine echte Kontrolle über die Grenzen. Das kompensieren sie durch ein groß aufgezogenes Grenzkontrollen-Imitations-Theater.

Von der palestinensischen „Grenzkontrolle“ in Jericho geht es mit dem Bus und langer Warterei zur „echten“ Israelischen Grenzkontrolle. Hier rechnen wir eigentlich mit allem. Zumal wir die Berichte von anderen Aktivist*innen kennen, die kürzer da waren und eigentlich weniger aufgefallen sind, als wir. Sie haben oft das volle Geheimdienst-Verhör-Durchsuchungs-Programm bekommen. Aber zu unserem Erstaunen rutschen wir glatt durch. Unsere Taschen werden durchleuchtet. Wir müssen durch den Metalldetektor. Und bina muß wegen ihrer künstlichen Knie ihren Prothesenpass vorzeigen und wird extra gescannt.



Am Ausgang der Israelischen Kontrolle heißt es dann wieder lange warten, bis ein Bus mit Ausländern voll ist. Ausländer dürfen nämlich nicht im selben Bus wie Palästinenser über den Jordan fahren. Der Jordan selber ist ein trauriges Rinnsal, welches durch eine Wüstenlandschaft fließt. Der größte Teil seines Wassers wird am Oberlauf für Landwirtschaft und Trinkwasser abgepumpt.



An der jordanischen Grenzkontrolle ist nochmal das übliche Warten für die Grenzbürokratie angesagt. Dann sind wir offiziell in Jordanien.
Cat-Content
Wir vermissen Adam und Lilith jetzt schon. Zum Abschied haben wir ihnen kiloweise Hühnchenreste vom Schlachter eingefroren. Außerdem haben wir Issa und Abu Natschi noch einmal genaustens über Katzenfütterung und -Pflege instruiert.


