Nachdem der Deutsche Vizekonsul auf Solidaritätsbesuch hier war, hatten wir fast zwei Wochen komplette Ruhe vor Sieder- und Soldatenangriffen. Die Deutsche und Französische Botschaft hatten auf allen diplomatischen Kanälen mächtig Druck gemacht und der hat gewirkt.
Fast zwei Wochen lang flog kein einziger Stein auf das Haus. Vorher gab es keine zwei Tage ohne Steinwürfe in Folge. Erst diesen Samstagabend, dem vorletzten Abend von Chanukka flog wieder einmal ein Stein. Am Nachmittag zuvor war ich von mehreren bewaffneten Siedlern bespuckt worden, als ich ihnen auf dem Weg begegnete. – Aber immerhin nur bespuckt, nicht angegriffen. In solchen Fällen darf man nicht reagieren, sie suchen nur einen Anlass um zu eskalieren. Die Siedler und Soldaten sind offensichtlich wirklich sauer darüber, dass sie auf Ansage von oben nicht machen können, wie sie wollen. – Ein Soldat hat mir mit dem Zielerfassungs-Laser seines MGs ins Gesicht gestrahlt und mit Namen gegrüßt. Ein anderer hat bina photografiert und bekommt jetzt vielleicht Extra-Punkte im Blue-Wolf-System. Wir hören, dass Soldatentrupps über Deutsche reden, wenn sie am Haus vorbeigehen. Inzwischen sind wir also Teil des Briefings für die Soldaten hier.
Ansonsten war die letzte Woche hier das, was man hier wohl als gemütlichen Alltag bezeichnen kann. Wir passen aufs Haus auf, empfangen Besuchsgruppen und Journalist*innen.

Weil an den Checkpoints aus Sicherheitsgründen fast nichts durchgelassen wird, wird von den Palästinensern fast alles rein geschmuggelt. Jedes Küchenmesser, jede Gasflasche zum Kochen, jedes Möbelstück. Die Totalüberwachung des israelischen Militärs sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Vorne an den Checkpoints Sicherheitstheater (die Frauen haben besondere BHs, weil sie sonst wegen der Metallverschlüsse am Checkpoint zum kompletten Ausziehen gezwungen werden), hinten keine Schleichwege, sondern regelrechte Schleichautobahnen.


Die Situation ist sogar so entspannt, dass wir mit der Nachbarin Umm Temer und einer Aktivistin, die Arabisch und Englisch spricht, auf den Second-Hand-Markt im Stadteil Karantina gehen. Gleich hinter unserer abgeriegelten Geisterstadt und doch eine andere Welt. Nur am Ende des Marktes, kommt dann leider die Straßensperre der israelischen Armee und erinnert uns an die Realität der Besatzung.
auf diesem markt gibt es buchstäblich alles, was es für einen haushalt braucht.
berge von kleidung, einfach auf dem boden ausgebreitet. umm temer stellt sich einfach mitten hinein, um nach passendem zu suchen.
möbel, werkzeug noch und nöcher. so viele gebrauchte bohrmaschinen, kettensägen, schleifer habe ich noch nie auf einem haufen gesehen.
auch neues werkzeug und haushaltswaren sehen wir. das besteck aus unserem haus kommt von hier.
umm temer kommt aus dem begrüßen und hallo-sagen kaum heraus. verständlich, daß sie diesem Markt für soziale kontakte nutzt, die sie sonst in der einsamkeit ihres hauses nicht hat.
ein junger mann filmt und spricht mit mit der aktivistin für einen live-stream im internet.
wir finden für unsere rückreise zwei mehr als große rucksäcke, in die alles hineinpassen wird, was wir haben. und wir kaufen noch ein paar sachen für die küche, denn ich habe im laufe der wochen einen topf kaputt gemacht. auch eine pfanne, die weniger zerkratzt ist als die vorhandene schadet nicht. sowie werkzeug, denn was wir im haus sehen, ist meist kaputt oder stumpf. mit einer astsäge soldaten zu begegnen ist für uns auch weniger gefährlich als für einen palästinenser. und wir haben ein paar sachen, die wir dem haus zu weihnachten schenken können.
umm temer ist eine knallharte verhandlerin um den preis und das hilft sehr.
später, beim tee in ihrem haus, erzählt sie, das alles aus ihrem wohnzimmer vom secondhand markt kommt.


Hin und wieder hören wir in der Ferne Maschinengewehre oder Granaten. Einmal steigt am Horizont Rauch auf, der keine Müllverbrennung zu sein scheint. Es brennt die ganze Nacht. Ich vermute, ein palästinensisches Haus brennt aus.

Frühstück mit Katze
Auch Mitte Dezember frühstücken wir meist auf der Terrasse und in Katzenbegleitung.



