Istanbul: Ankunft

Mo 2. Apr 2018

Wir haben an einer Truckerkneipe genächtigt, an der anscheinend noch nie Touristen gehalten haben. Als wir zu Abend essen, überschlägt sich das Inhaberpärchen förmlich vor Neugierde, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft.

Ein Dutzend absolut identische Melonenstände.

dies system verstehen wir einfach nicht. wären jetzt rechts und links melonenplantagen, okay, aber diese stände befinden sich zwischen nichts und gar nichts. alle haben das selbe sortiment und auch die selben preise. woran orientiert sich der kaufwillige kunde? am aussehen des autos, das davor steht? ist der verkäufer vielleicht der bruder von der nachbarin zu hause? Wir haben keine idee!

Von Yalova aus nehmen wir die Fähre über das Marmarameer. Das ist finanziell und zeitlich günstiger als außenrum zu fahren.

Moloch Istanbul! Außenbezirke auf der asiatischen Seite der Stadt. Das Zentrum ist wirklich noch nicht einmal ansatzweise in der Nähe.
Anfahrt auf das Stadtzentrum. Von links nach rechts: Blaue Moschee, Hagia Sophia, Topkapi-Serail, Bosporusbrücke und Bosporus.

Nachdem wir Bulli auf einem billigen, bewachen Parkplatz am direkt am Goldenen Horn unterhalb des Topkapi-Serails abgestellt haben, machen wir einen Spaziergang über die Galatabrücke auf die andere Seite des Goldenen Horns.

die galatabrücke ist eine enttäuschung. von wegen kleine windige imbisse und buden, wie michel sie auf dem interrail-und-tramp-trip nach seinem abi erlebt hat. ein schickes restaurant kommt nach dem nächsten, die beschriftung über der tür ist bei allen ähnlich und die speisekarten sehen auch alle gleich aus. so lecker das abendliche bier und so romantisch die abendstimmung auch ist, ich habs mir anders vorgestellt. das studium des lonely planet offenbart, daß die brücke 1994 neu gebaut wurde und im zuge dessen alle aufregenden geschäfte und buden verschwunden sind und diese restaurants aufgemacht haben.

Angelschnüre an der Galatabrücke. Auf der oberen Ebene steht wirklich ein Angler neben dem anderen.
Wie romantisch! Rosen bedeuten auf der ganzen Welt das gleiche.
Zwei Polizisten kontrollieren Passanten, vor allem männliche Türken.

Zwar sind Polizei und Militär im Stadtzenrum Istanbuls wesentlich weniger aufdringlich, auffällig und martialisch, als in weniger touristischen Teilen der Türkei. Dafür können wir sie deutlich besser und vor allem gefahrloser photographieren, denn zwischen all den anderen anderen Touristen hier fallen wir nicht weiter auf. Die Polizisten und Soldaten können es sich hier einfach nicht leisten jeden, der sie photographiert, festzunehmen. Denn 99 von 100 Festgehnommenen wären ahnungslose Touristen.

Die beiden halbzivilen Polizisten ziehen einen Einheimischen nach dem anderen aus dem Strom der Fußgänger heraus und kontrollieren seinen Pass. Einige lassen sie dann schnell weiter gehen, bei anderen geben sie die Daten an ihre Zentrale durch und durchsuchen, während sie auf Antwort warten, das Smartphones der Kontrollierten. Wir sehen die Tage über mehrere solcher fliegenden Kontrollen. Die anderen Touristen bekommen davon interessanter Weise nichts mit. Vermutlich, weil solche fliegenden halbzivilen Polizeikontrollen einfach außerhalb ihres Erfahrungsbereichs liegen und sie ja im Augenblick auch nicht davon betroffen sind.

Auf dem Rückweg trinken wir ein Sonnenuntergangsbier auf der Galatabrücke und genießen das Schauspiel von Licht, Stadt und Fluß.

Ephesos

So. 1. April 2018

das muß sein! daran kommen wir einfach nicht vorbei. schon auf dem parkplatz wimmelt es von touristen, die aus riesen reisebussen fallen. egal. es verteilt sich, als wir erst mal auf dem gelände sind.

wir gehen durch eine stadt, die in der frühzeit gegründet wurde und eine wechselvolle geschichte hinter sich hat. ich laufe barfuß über den marmor. er fühlt sich wunderbar kühl und ganz samtig an. kein wunder bei so vielen füßen, die vor jahrtausenden darüber gelaufen sind. überall liegen katzenauf den warmen steinen und lassen sich durch die menschenmassen in keiner weise stören.

wir schlendern die sogenannte marmorstraße hinunter. was für eine prächtige stadt ephesos war und auch noch ist!

Drei von hunderten Säulen, die von Anfang an unseren Weg säumen.
Das Odeion, das kleinere der beiden Theater.
So viele Menschen. Und die Saison hat noch gar nicht angefangen!
Wozu sind diese Dellen im Marmor da?

wir wundern uns ein bischen über eine längsreihe marmorsteine, in die ganz regelmäßige dellen geschlagen wurden. wozu machte man das? anti-rutschmaßnahme für pferde? kennzeichnung von irgendwas?

Mosaik in einer ehemaligen Ladenzeile.
Der Hadrianstempel.
Ein Relief des Hadrianstempels zeigt Medusa.
Die Latrinen. Solche sozialen Treffpunkte kennen wir schon aus Salamis. Sie gehören zu unseren Lieblingsplätzen antiker Städte.
Die berühmte Celsus-Bibliothek.
Blick die drei Stockwerke hohe Fassade der Bibliothek hoch.
Eine der vier Figuren vor dem Bibliothekseingang: Sofia, die anthropomorphe Personifizierung der Weisheit.

ab der bibliothek wird es etwas ruhiger.

Dahinter steckt immer ein kluger Kopf. (Oder auch nicht…)
Das große Theater mit 24.000 Plätzen. Hier fanden auch die Volksversammlungen statt.

wir gehen nicht durch den offiziellen ausgang zurück. lieber gehen wir durch ephesos zurück, schauen wir uns alles noch einmal an und staunen zum beispiel über die tiefen spurrillen, dei die pferdewagen über die jahrhunderte in den Marmor geschliffen haben.

Michels Füße in den Spurrillen – zum Größenvergleich.
“This is no photo opportunity!”
Ein Mosaikdetail neben der Marmorstraße.
Wir fahren weiter Richtung Istanbul und fragen uns in Izmir/Smyrna, ob diese Wolkenkratzer als Ruinen auch so beeindruckend aussehen werden.

Karmylassos: eine griechische Geisterstadt

Sa/So 31. Mrz / 1. Apr 2018

Von Olympos nach Westen wird die Straße schmal und windet sich immer abenteuerlicher die Küste entlang. So schön das ist, so anstrengend ist es auf die Dauer.

Wir übernachten in dem ehemaligen griechischen Städchen Karmylassos, das heute eine Geisterstadt ist, die von den Türken Kayaköy genannt wird. Im Vertrag von Lausanne von 1923 wurde ein vom Völkerbund überwachter Bevölkerungsaustausch (ja, das ist ein Euphemismus) zwischen der Türkei und Griechenland vereinbart. Der Vertrag war das Ergebnis des gescheiterten Versuchs der griechischen Armee, große Teile Kleinasiens zu erobern oder, je nach Sichtweise, zurückzuerobern.

Auf jeden Fall wurden 1,5 Millionen Griechen von der Türkei nach Griechenland “umgesiedelt”, während 400 Tausend Türken (also weniger, als ein Drittel soviele) von Griechenland in die Türkei “umgesiedelt” wurden. Die führte zu akuter Wohnungsnot und Flüchtlingslagern in Griechenland und zu leerstehenden Dörfern und Städten in der Türkei. Unserer Meinung nach wäre es fairer gewesen, zum Beispiel Smyrna (das heutige Izmir) mit seinem Umland bei Griechenland zu belassen. Smyrna war eine fast ausschließlich griechische Stadt mit über 500.000 griechischen Einwohnern an der Kleinasiatischen Küste. Heute ist Smyrna/Izmir eine boomende Millionenmetropole und die drittgrößte Stadt der Türkei. Das kleine Karmylassos hingegen ist eine aus etwa 2.000 Steinhäusern bestehende Geisterstadt.

Am Rande der Unterstadt haben sich einige Freaks eingerichtet und leben von den Touristen.
Karmylassos im Morgennebel.
Blütenpracht innerhalb der Ruinenromantik.

nicht nur mohn wächst hier. ich finde zwischen den häusern die schönsten kräuter. wilde kamille, salbei, thymian, wilder oregano. davon nehme ich mir eine handvoll mit und mache uns daraus ein extra leckeres sößchen für die nudeln.

Man stelle sich vor, wir würden oberhalb der Ruinen einer, sagen wir mal, polnischen Stadt eine deutsche Fahne hissen.
Wir sind hin und her gerissen zwischen dem Zauber der Ruinen im Morgenlicht und der Wut über die Ungerechtigkeit. Wir haben das Gefühl, das Lärmen der Kinder, die Tritte auf den Stufen der Gassen und das Geklapper in den Küchen und das Läuten der Glocken fast noch hören zu können.
Unten am alten Brunnen aus dem 17ten Jahrhundert treffen wir die ersten türkischen Touristen des Tages und können es uns nicht verkneifen, sie auf griechisch zu grüßen: „Kalimera!“

Burg Mamure – Olympia – Chimaira

Fr/Sa 30./31. Mrz. 2018

bei der ganzen fahrerei machen wir trotzdem ein bischen sightseeing. den ersten zwischenstop machen wir bei der burg mamure am Kap Anamur, der am besten erhaltenen und größten burg des gesamten mittelmeers, aus dem 12. jahrhundert.

leider ist sie wegen restaurierung geschlossen und wir stehen ein wenig deppert in der gegend herum. da kommt ein einheimischer angeschlendert, den wir ansprechen, aber so wie es aussieht, bleibt die burg bis ins nächste jahr geschlossen. wir plaudern ein bischen und dann sagt mit einem verschmitzten grinsen: ‘es gibt einen weg in die burg rein, den kann ich euch zeigen, aber dazu müßt ihr ein bischen kraxeln. könnt ihr das?’ klar können wir. wir müssen die überwachungskameras ein wenig umgehen, ein paar meter am strand entlang und über einen mauerrest kraxeln und schon sind wir drin. der einheimische führt uns duch die burg, erklärt dies und das und wir dürfen fotos machen. dann verabschiedet sich wieder, nachdem er uns einen anderen weg nach draußen gezeigt hat.

Es geht immer an der wunderschönen Küste entlang.
Alle 36 Türme der Burg stehen noch.
Der äußerste der vier Burghöfe.
Der Ausblick ist atemberaubend.
Die Moschee stammt natürlich nicht aus dem 12. Jahrhundert.

die fahrt geht weiter. irgendwo unterwegs machen wir dieses photo:

Eine landestypische Ansammlung von Bankautomaten.

manchmal stehen noch viel mehr automaten nebeneinander. einmal haben wir neun stück gezählt. das prinzip durchschauen wir nicht. gibt es ein gesetz, daß bankautomaten nur an bestimmten stellen erlaubt und sie sich deshalb sammeln? greift hier auch das basar-prinzip, wo sich die geschäfte nach straßen sortieren und man einen juwelier oder schneider neben dem anderen sieht?

kurz vor alanya werden wir dann doch wieder an einem checkpoint kontrolliert. diesmal wollen die uniformierten (miliär oder nur polizei?) nicht nur die pässe sehen, sondern auch das smartphone. aber wir haben nur ein altmodisches handy und das auslesen der ISMI-nummer (sozusagen der fahrgestellnummer des telefons) bringt keine ergebnisse. Desweiteren fragt er nach unserer handynummer, unserer e-mail-adresse und will zugang zu unserem facebookprofilen, um den verlauf zu kontrollieren. er gibt sich erstaunlicherweise damit zufrieden, dass michel sagt, wir hätten weder smartphone, noch facebook oder email-adresse. der uniformierte schickt die handydaten an irgendeine zentrale, hört sich staunend unsere sabath-jahr-geschichte an, während er auf antwort wartet und läßt, als ihm die überwachungszentrale, an die er all unsere daten geschickt hat, das ok gibt, nach einer gefühlten halben stunde weiterfahren. was sind wir froh, daß wir unser handy so selten benutzen!

Eigentlich dachten wir, wir seien raus aus der kritischen Zone. Doch kurz vor den Touristenhochburgen Alanya und Antalya kommt die heikelste Kontrolle. Das hätte auch ganz schnell schief gehen können. Zum Glück haben wir keinen Facebookaccount, das Liken einer Erdogansatire oder einer Kritik am türkischen Einmarsch in Afrin hätten katastrophale Folgen für uns haben können. Wie gut, dass der Computer weitgehend durchsuchungssicher in der “Grube” verstaut ist, dass wir unser Handy meistens ausgeschaltet hatten und nur zwei harmlose Telephonate nach Deutschland gemacht haben. – Solltest du, lieber Leser, also vor haben, Urlaub in der Türkei zu machen, räume vorher dein Facebookprofil, dein Emailkonto, deinen Browser und deine Festplatte auf.

dann geht es durch die türkischen touristenhochburgen. ganz ehrlich: es könnte schlimmer sein. natürlich stehen die hotels dicht an dicht und manchmal paßt nur eine schmale reihe palmen dazwischen. aber wir haben immer 70er-jahre-hotelbunker vor augen gehabt, wenn wir antalya hörten und was wir hier sehen, ist meist interessant gestaltete, durchaus vielfältige hotelarchitektur.

Mitten in Atalya: Diese spannenden Berge im Hintergrund haben wir hier nicht erwartet.

das etappenziel für heute ist olympos/türkei südlich von kemer. dort gibt eine art hippiekolonie am strand, die es sich dort mit kleinen hotels, bunten läden und bars und freizeitaktivitäten gemütlich eingerichtet hat. der platz ist optimal. ein breiter strand, viele wanderwege, berge zum ernsthafteren klettern, ruinen und der ‘brennende berg’, den wir morgen anschauen wollen.

Frühstück am Strand vor schöner Kulisse.
Blick in Gegenrichtung auf dem schöne-Kulissen-Frühstücks-Strand.
Um zum Strand hin und wieder zurück zu kommen, muß Bulli durch den Bach und bekommt mal wieder nasse Füße.

chimaira heißt der der ort, wo seit jahrtausenden methanhaltiges gas aus dem felshang strömt. ein gut angelegter fußweg führt von einem parkplatz und ein paar buden aus hinauf. das solche gasquellen vor sich hin brennen, ist nicht die frage. warum entzünden sie sich selbst? das ist uns ein rätsel. kein wunder, daß hier auch die ruinen eines tempels des feuergottes hephaistos stehen.

Eine der ewigen Flammen von Chimaira.
Der Brennende Berg sieht nachts bestimmt beeindruckend aus.
Unten am Parkplatz mag die sehr verschmuste Wachkatze tatsächlich Eis am Stiel!

Olympos ist wirklich unglaublich. Der perfekte Urlaubsstrand, wenn das Problem mit Erdogan und der Demokratie nicht wäre. Tolles Meer, spannende Berge zum Klettern und Wandern, alte Ruinen, Baumhaus-Camps zum Übernachten, wilde Gebirgsbäche zum Canyoning und Rafting, coole Strandkneipen mit Reggea-Party-Musik, alles direkt auf einem Haufen und als Dreingabe ein brennender Berg und die niedrigen Preise (weil die türkische Lira so schlecht steht). – Sobald die Türkei wieder demokratischer wird, kommen wir wieder. Flug nach Antalya, Sammeltaxi und fertig.

Musa Dagh & das letzte armenische Dorf der Türkei

Di. 29. Mrz 2018

Gestern abend haben wir Bulli auf einem Vorsprung an den Hängen des Musa Dagh (des Mosesberges) mit tollem Blick auf die Mittelmeerküste abgestellt. Doch irgendwann in der Nacht wurde es so stürmisch, dass uns mulmig wurde und wir unser Schneckenhaus lieber an einen etwas windgeschützteren Ort weiter weg vom Abrund umbeparkt haben.

Die “40 Tage des Musa Dagh” spielen in der Geschichte des Völkermordes an den Armeniern in etwa die gleiche Rolle, die der Aufstand im Ghetto Warschau in der Geschichte des Holocaust spielte. Anstatt sich widerstandslos deportieren und umbringen zu lassen, haben sich die hiesigen Armenier in die Gipfelregionen des Musa Dagh zurückgezogen und dort verschanzt. Nach 40 Tagen der Belagerung wurden sie von einem französischen Kriegsschiff entsetzt.

Der österreichische Schriftsteller Franz Werfel hat diesem Ereignis mit dem Roman “Die 40 Tage des Musa Dagh” ein literarisches Denkmal gesetzt. Das Buch war Marcel Reich-Ranicki zufolge übrigens eine wichtige Inspirationsquelle für die Kämpfer des Warschauer Ghettos. Vor dem Aufstand ging es von Hand zu Hand.

Als der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk 2005, zum 90ten Jahrestag des Völkermordes anregte, die Türkei solle sich bei den Opfern, den Armeniern entschuldigen, wurde er wegen “öffentlicher Herabsetzung des Türkentums” angeklagt. Er kam jedoch mit einer relativ geringen Schadensersatzzahlung von 6.000 türkischen Lira davon. Wozu vermutlich beigetragen hat, dass er zwischenzeitlich den Literaturnobelpreis erhalten hatte und der Fall deshalb unangenehm viel Aufmerksamkeit erhielt.

An den Hängen des Musa Dagh liegt Vaklifi, das letzte armenische Dorf der Türkei. Nach dem 1. Weltkrieg war die Region um Antiochia zunächst Syrien zugeschlagen worden, zu der sie historisch auch gehört. Erst 1939 schloß sie sich freiwillig der Türkei an. (Die Alternative wäre gewesen, von den französischen Kolonialtruppen erobert zu werden.) Damals gab es hier noch sechs armenische Dörfer. Aber als Antiochia (Antakya/Hatay) an die Türkei ging, wurden fast alle Armenier in den Libanon verfrachtet.

Die Kirche von Vaklifi, dem letzten armenischen Dorf der Türkei.

Heute leben noch 130-140 Armenier in Vaklifi. Überwiegend ältere Menschen. Es scheint dem Dorf gut zu gehen. Wir haben den Verdacht, dass die Türkei das Dorf als Schaufenster mißbraucht. Nach dem Motto: “Seht her! So nett sind wir zu den Armeniern! Wir bezahlen ihnen sogar eine neue Kirche und all die schönen Parkbänke.

Von Vaklifi aus wollen wir immer die Küste entlang nach Westen fahren, bis Istanbul. Doch schnell fällt uns auf, dass die direkte Küstenstraße nicht immer der klügste Weg ist.

OK, ist halt eine Nebenstrecke…
Die Straße wird immer mehr zur Piste.
Vielleicht hätten wir die Schilder “Durchfahrt Verboten” und “Steinschlag” doch ernst nehmen sollen?
Irgendwann wird die “Straße” wieder besser. Im Hintergrund der Musa Dagh.
Durch das Offroad-Geruckle ist das Regalblech hinten im Schrank durchgebogen. Endlich mal wieder ein Fall für McGyver!

Als wir nach etwa 40 Kilometern wieder die Hauptstraße erreichen, beschließen wir, auf ihr zu bleiben, legen an diesem Tag noch mehrere hundert Kilometer zurück und erreichen (fast) den Golf von Antalya.

Antiochia revisited

Mi. 28. Mrz. 2018

ab sanliurfa verlassen wir langsam kurdistan. eine richtige grenze gibt es nicht, aber es ist auffallend, daß die checkpoints weniger werden und auch nicht mehr so bedrohlich wirken. fast immer werden wir einfach weitergewunken, die sandsackbarrikaden werden kleiner und es steht auch nicht jedesmal ein radpanzer daneben. die baustellenschilder, die in kurdistan noch auf ein militärfort hindeuteten, weisen wieder richtige baustellen aus. aber die landschaft ist nach wie vor beeindruckend.

Landschaft unterwegs. Es gibt immer etwas zu sehen.

auffallend sind die geisterfahrer, die uns auf autobahnen und landstraßen auf der standspur entgegen kommen. die straße hat über lange strecken eine mittelleitplanke. bei dörfern oder größeren abzweigungen kommt relativ selten mal ein kleiner kreisverkehr, wo u-turns ausdrücklich erlaubt sind. aber wer aus einer ausfahrt raus nach links will, muß erstmal lange in die gegenrichtung fahren, ehe der nächste kreisel kommt. also werden wie warnblinker angeschaltet und der eine oder andere kilometer mal eben geistergefahren. da das vermutlich alle machen und es deshalb öfter vorkommt, rechnen auch alle damit und es gibt keine unfälle.

Einer der vielen Geisterfahrer.

Irgendwann kommen uns tatsächlich innerhalb einer halben Stunde in halbes Dutzend Geisterfahrer entgegen. Auf einer Straße, die in Deutschland problemlos als Autobahn durchginge. Dort würde sich jetzt der Verkehrsfunk überschlagen und zusammenbrechen. Hier dauert es eine Weile, bis uns auffällt, dass das etwas Berichtenswertes für unseren Blog sein könnte.

wir besuchen ein zweites mal antiochia. die hamami rufen, der bazar und auch das leckere künefe.

michel verschwindet im männerhamam, ich in dem für frauen. ich bin erst etwas entäuscht. die kassiererin drückt mir unfreundlich ein eimerchen, shampoo und ein paar gebrauchte lappen in die hand, heißt mich umziehen und in die hinteren räume zum waschen gehen. dort nimmt mich die masseurin in empfang. sie ist resolut aber netter, sorgt erst mal dafür, daß ich eine gute schale und einen neuen lappen nebst seife bekomme. haarewaschen verbietet sie mir, das sei später ihr job. auf dem heißen stein im hamam sitzen etliche frauen und quatschen. wie peinlich: alle haben wenigstens einen schlüpfer an, nur ich bin nackt. ich hätte mich gern dazu gesellt, aber die masseurin platziert mich allein auf einem stein an der seite, während sie sich um die anderen gäste kümmert.

dann fangen einige frauen an zu singen und auf ihren mitgebrachten spüleimern zu trommeln. ich setze mich hin, begeistert von der musik. aber als sie das bemerken, stellen sie klönen und singen ein und auf dem stein wird es still. eine alte frau kommt am stock aus einem seitenbad, starrt mich an und reagiert nicht auf meinen gruß. ich fühle mich wie ein störfaktor und äußerst unwohl. am liebsten würde ich gehen, aber das wäre ja auch blöd.

dann kommt die masseurin und hat drei frauen im schlepptau. mutter, tochter, enkeltochter. die tochter spricht fließend deutsch, ist aus trier und besucht grad ihre familie. sie will mir erklären, wie hamam geht. als ich erkläre, daß ich schon mal hier war und hamam kenne, nicht aber die speziellen regeln in diesem bad, wofür ich um entschuldigung bitte und sie alles übersetzt hat, wird es plötzlich wieder laut und fröhlich. sie erklären mir die zahlungsüblichkeiten, das man der masseurin ein trinkgeld von 10-20 türkischen lira direkt gibt und das man hier seine spülschalen und tücher meist selbst mitbringt. also bezahle ich erstmal. mein geld ist draußen in meiner umkleidekabine bei meinen sachen. auf dem weg hocken etliche frauen im vorraum auf einem kalten stein im halbdunkel und machen picknick. ich soll mich dazu setzen, aber ich mache ihnen klar, daß ich erst bezahlen und baden möchte, ich käme dann später dazu.

das bad, die waschungen, die massage sind herrlich, mit der masseurin, die kurdin ist, unterhalte ich mich mit händen und füßen und protze ein bischen mit meinen drei worten kurdisch, worüber sie sich freut. anschießend setze ich mich zu den anderen frauen draußen, werde mit großem hallo begrüßt, bekomme essen in den mund geschoben und softdrinks in die hand gedrückt, sie wollen wissen, woher ich bin und dann fangen sie wieder an zu singen und ihre spüleimer als trommeln zu benutzen. eine fängt an zu tanzen und auch ich stehe auf und versuche mich. die freude ist groß.

noch größer wird sie, als ich mir einen trommeleimer schnappe und ein jiddisches lied singe, zu dem man sich auf einer trommel begleitet. aber dann muß ich los. michel wartet bestimmt schon bei unserem künefeladen und wundert sich, wo ich bleibe. ich werde wie eine freundin verabschiedet. fotos von und aus dem hamam gibt es leider nicht. es wäre unpassend gewesen, welche zu machen.

das künefe ist wie immer köstlich. m… erkennt uns von unserem letzten besuch wieder und zeigt uns voller stolz die urkunde: der laden wurde 2017 als das beste künefelokal der stadt ausgezeichnet. und das zu recht. frisch aus der großen pfanne ist es immer noch am besten.

Das Zertifikat: Hier gibt es das beste Künefe der Stadt. Und Hatay/Antakya/Antiochia hat vermutlich das beste Künefe der Welt.

der basar der stadt kommt uns anders als beim letzten mal gar nicht mehr so exotisch und orientalisch vor. das liegt vermutlich daran, dass wir seit über einem halben jahr im orient sind, und vieles nicht mehr als exotisch, sondern als normal empfinden.

wir haben in antiochia alles erledigt. sind geschrubbt und satt vom künefe und können beruhigt zum musa dagh und dem letzten armenischen dorf der türkei weiterfahren.

Sanliurfa

Di. 27. Mrz 2018

Urfa oder Sanliurfa, das heilige Urfa, gilt als die religiöseste Stadt der Türkei. Tatsächlich ist der Anteil der Frauen mit Kopftuch oder gar Gesichtsschleier höher als in der übrigen von uns bereisten Türkei.

Begegnung beim Tanken. Diese Herren fallen hier weniger auf, als wir mit unserem Bulli.
Die Geburtsgrotte Abrahams (der hier Ibrahim genannt wird) in Urfa.

Während an Abrahams (Ibrahims) Grabeshöhle in Hebron nach Religionen und Geschlechtern getrennt gebetet wird, wird an seiner Geburtshöhle nur nach Geschlechtern getrennt gebetet. – Und rund um Abrahams Geburtshöhle ist alles mögliche heilig, Tauben, Karpfen, Teiche und sogar Rosenbeete (in die er gefallen sein soll).

Automat für Futter für die heiligen Tauben.
Die heiligen Tauben haben einen abgesperrten Teil auf dem Platz mit einem kleinen Bächlein zum trinken und baden.
Die heiligen Karpfen. Wer einen ißt, der erblindet – heißt es.

Interessanter als die heiligen Orte finden wir (natürlich) den Basar.

Wirklich absolut typische Auslage eines Kleidungsgeschäftes: Keusches und Züchtiges für tagsüber und oben drüber, Verruchtes und Neckisches für nachts und unten drunter. – Die Auswahl drinnen läßt normalerweise Beate Uhse blass aussehen.
Bina sucht sich in der Schmiedegasse Kaffeekannen für türkischen (griechischen, zypriotischen), arabischen und kurdischen Kaffee aus.
Gegenüber auf der anderen Gassenseite befindet sich die Werkstatt.
An die ausgesuchte Ware wird letzte Hand angelegt.
Michel entdeckt ein Stück die Gasse runter eine Werkstatt, in der gerade Hamamschalen gefertigt werden.
Gegenüber der Werkstatt befindet sich der Laden, wo die Schalen verkauft werden. Er kauft sich zwei.

bei dem menschen, der mir die kannen verkauft, bekomme ich gleich eine einführung in qualitätskunde. schwer müssen die kannen sein. und die kanten oben müssen rund sein. ich soll die kannen auf eine grade fläche stellen, um zu schauen, ob der boden plan ist, der stiel darf nicht wackeln. er zeigt mir auch billigware, um zu demonstrieren, was er meint. in keinem moment habe ich das gefühl, daß er mir das billige zeug ausreden und das teure verkaufen will. 90 türkische lira zahle ich für drei kannen. das sind keine 8€ pro stück. handgemacht und wunderschön. wo kann man sonst den kupferschlägern auf die finger schauen, die das auch gern zulassen und im laden gegenüber handel treiben. ich liebe das und würde am liebsten den hammer in die hand nehmen und mitspielen.

Nach getätigtem Einkauf gehen wir noch einen Tee trinken. Kein Basarbesuch ohne Teetrinken in einer der Karawansereien.

Diese Augen!
Das Teehaus ist eine Männerdomäne.

Wir fahren weiter Richtung Antiochia (Antakya/Hatay).

Im Abendlicht legen wir eine kurze Pause ein und knipsen am Ufer des Euphrat ein Beweisbild, dass wir da waren.

Mardin

Mo. 26. Mrz. 2018

wir fahren immer an der mauer (an der grenze) entlang nach mardin. ein wachposten folgt dem nächsten. jeder ist besetzt. wer mit dem auto anhält, macht sich verdächtig.

Auf der anderen Seite ist Syrien. Dort liegt Rojava.
Straßenverengung vor einem der Militärforts. Das Fort liegt rechts von der Straße.

wohlgemerkt: diese fotos zu machen ist nicht ungefährlich. die türkische armee versteht mit dem photographieren ihrer militäranlagen keinen spaß. hätten sie uns mit diesen (und anderen) bildern erwischt, wären wir für vermutlich wegen spionage im gefängnis gelandet. grade deshalb zeigen wir sie im blog immer wieder. so sieht es aus an der türkisch-syrischen grenze. ein zaun nach dem anderen, die mauer, ein geharkter sandstreifen, damit man fußspuren sehen kann, besetzte wachposten, radpanzer, dann wieder ein zaun und gelände, das nicht betreten werden darf und irgendwann dann die straße.

ungefähr alle 5-10km hat die armee forts eingerichtet. der verkehr wird auf die gegenfahrbahn umgeleitet, damit platz ist für betonwände, um das fort vor anschlägen zu schützen. oft stehen auch da radpanzer davor, vielleicht auch noch ein wasserwerfer. dann fahren wir möglichst ruhig in gleichmäßigem tempo daran vorbei. bloß kein aufsehen erregen.

nach den gefährlichen bildern machen wir immer sofort ein paar harmlose, die wir bei kontrollen zeigen können, wenn das verlangt wird.

Auf dem Weg nach Mardin.
Die Stadt windet sich um den halben Berg herum.

wir stellen bulli am straßenrand ab, um in einem vorort mardins obiges foto zu machen. währenddessen schaut eine gruppe frauen mit kindern sehr neugierig in den bulli hinein. ich denke mir: sei mal nett, zeig ihnen unseren kleinen, so einen bus haben sie bestimmt noch nie gesehen und mache die seitentür auf. aber sie interessieren sich nicht für bullis innenleben, sie fragen ‘mardin, mardin?’ und steigen alle miteinander ein. die erwachsenen quetschen sich auf die bank, die kinder davor, tüten und taschen irgendwie dazwischen. oben in der stadt rufen sie irgendwas, weil sie aussteigen wollen. wir machen noch fotos und sie verschwinden in ihren häusern, vor denen ihre männer sitzen und ungläubig schauen, mit was für einem gefährt ihre frauen zurück kommen.

Bulli als Taxi. Wir nehmen oft Anhalter mit. Aber so voll und so lustig war es im Bulli noch nie!

mardin ist eine herrlich lebendige kleinstadt. ausnahmsweise noch intakt, denn sie wurde beim städtekrieg nicht bombardiert. menschen unterschiedlichster kulturen und religionen leben hier und es macht spaß, durch die gassen zu bummeln.

Dieser Junge wollte unbedingt mit aufs Bild. Meist fragen wir, wenn wir jemanden photographieren möchten. Selten hören wir ein Nein.
Eine Gasse in Mardins Altstadt
Der Blick über die mesopotamische Ebene von der Dachterrasse eines Cafes reicht bis weit nach Syrien hinein.
Ein Radpanzer mitten in der Stadt. Für die Leute hier ein ganz alltäglicher Anblick.

Im für hiesige Verhältnisse touristischen Mardin und aus der sicheren Entfernung der Dachterrasse trauen wir uns einen der Panzer zu photographieren, die hier im Straßenbild so normal sind.

auffällig ist, wie oft wir auf der reise hochzeitspaaren beim photos machen treffen. die braut wie eine buttercremetorte, der bräutigam wie ein gentleman gekleidet. ein ganzes team von maskenbildnerin, helfern, die sich um licht, accessoires und kameras schleppen kümmern. vielleicht eine brautjungfer, die brautstrauß oder schleppe trägt und assistiert.

‘Making of Hochzeitsbild’ auf der Treppe der Post von Mardin, einem sehr sehenswerten Gebäude.
Michel im Innenhof der vermutlich schönsten Post Nordkurdistans.
Die Haupattraktion Mardins ist der Basar in den Altstadtgassen.
Ein wunderschönes Minarett, das man schon unten von der Ebene aus sehen kann.

Durchs zivilisierte Kurdistan

Natürlich hatten wir, als wir nach Kurdistan fuhren Karl Mays Buchtitel “Durchs wilde Kurdistan” im Ohr. Erstaunlich wie sehr dieser Titel irrt. Nicht durchs wilde, nein, durchs zivilisierte Kurdistan fahren wir.

Die Kurden haben drei Sprachen, die zwar dem Arabischen, Griechischen und sogar entfernt dem indogermanischen Deutschen verwandt sind, nicht jedoch dem Türkischen, dessen Wurzeln viel weiter östlich liegen.Sie beherbergen viele alte Kulturen und Religionen. Die christlich aramäische und armenische, die jesidische und die muslimische, und überhaupt die traditionen des alten Mesopotamien. Die Kurden sind stolz, als Volk all diese Kulturen und Religionen zu beherbergen. – So habe ich bei mehreren muslimische Kurden Kreuze oder einen Anhänger gesehen, den ich von einem jesidischen Kollegen kenne. Ein Wesen halb Mensch, halb Vogel. Auf Nachfrage, warum sie ihn tragen: Weil wir stolz sind, dass sie zu uns gehören! – Eine tolle Einstellung!

ja, sie sind stolz! das ist es, was ich in ihren gesichtern lese. eine angenehme art stolz. nicht arrogant oder überheblich. sie strahlen aus, daß sie rückgrad haben. kein wunder nach all dem, was ihnen widerfahren ist und noch widerfährt. sie haben trotz alledem auch das lachen nicht verlernt.

Die kurdische Gastfreundschaft ist überwältigend. Selbst nach Maßstäben des Nahen Ostens. Nicht einmal unsere Erlebnisse bei den Palästinensern reichen an das heran, was wir hier erleben. Wir werden förmlich durchs Land getragen. Jede Türe, an die wir klopfen, öffnet sich. Jede Hilfe, die wir brauche könnten, wird uns angeboten. Wenn nötig und möglich wird jemand herbeigeholt, der Englisch oder Deutsch spricht. – Und ist es nicht möglich, so wird es möglich gemacht!

wir haben eine große freigiebigkeit erlebt. ich habe mir sehr schnell abgewöhnt, einer frau ein kompliment zu machen, weil ihr z.b. der ohrring mit den federn so gut stand, oder die haarspange toll zu ihren haaren paßte. weil in solchen fällen wollten sie mir das stück sofort schenken. ich habe mich in beiden oben genannten fällen nur schwer wehren können. zum glück habe ich keine ohrlöcher und die haarspange stand IHR gut, wüder sich aber in meinen haaren verlieren.

Zu den Punkten Gleichberechtigung, Organisationsfähigkeit, Zuverlässigkeit und Demokratie haben wir ja schon einiges geschrieben.

Und was Gesprächsthemen angeht, nur ein Beispiel: Wenn Türken uns auf einen berühmten Deutschen ansprechen, dann auf Hitler. Am Besten mit dem Hinweis, dass wir stolz auf ihn sein sollten, weil Deutschland groß gemacht habe, genau wie es Erdogan mit der Türkei mache. (Das ist uns tatsächlich mehr als einmal passiert.) Von Kurden wurden wir tatsächlich kein einziges Mal auf Hitler angesprochen. Dafür drei Mal von unterschiedlichen Leuten in völlig unterschiedlichen Situationen auf den Philosophen Kant. Diese Menschen trafen alsozwei Deutsche und wollten tatsächlich als Erstes mit ihnen darüber reden, dass Aufklärung “der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit” ist und den kategorischen Imperativ diskutieren.

Als Letztes sei das Verhalten im Straßenverkehr angeführt: Zwar würden die Kurden mit ihrem Fahrverhalten in Deutschland auch allesamt in kürzester Zeit ihre Führerscheine loswerden. Dennoch fahren sie viel rücksichtsvoller, als alle uns bekannten sie umgebenden Völker. Mit Ausnahme der Zyprioten!

Beobachtungsschniepsel:

  • frauen tragen oft schmuck. sehr viel schmuck. doch trotz der größe der stücke, des glitzern des goldes und der vielzahl an einer einzelnen person, wirkt er nicht aufdringlich. auch die farben der kleider sind zwar leuchtend und kräftig, aber insgesamt nicht schreiend.
  • was wahrer luxus ist: im hotel in diyarbakir/amed fand ich jeden tag ein neues schuhputzschwämmchen für meine verstaubten schuhe im schrank.
  • in diyarbakir/amed sind verkehrsampeln an kreuzungen üblich. aber es gibt nur unregelmäßig auch fußgängerampeln. oder nur für eine straßenhälfte. die fußgänger dürfen dann raten, wann sie gehen dürfen. zum glück halten die autos für fußgänger jederzeit an.
  • aus dem hotel ein tolles rezept für wasser mit natürlichem geschmack: petersilie, pfefferminze, äpfel und gurken grob zerkleinert, halbe zitronen, ganze zimtstangen in leitungswasser ziehen lassen und genießen. LECKER!
  • angesichts der steinigen landschaft habe ich den verdacht, daß strockensteinmauern von kurdischen schaf- oder ziegenhirten erfunden wurden. genauso wie die aufeinander gelegten steintürmchen, die wir überall sahen (nicht nur auf dieser reise , sondern auch auf korsika, in bayern und in irland). das sind bestimmt geduldsspiele zum zeitvertreib während eines langen, einsamen hütetages.
  • die alten häuser in diyarbakir/amed sind aus granitsteinen und wie auf etlichen fotos zu sehen, oft typisch grau-weiß gestreift. die ursprünglichen, teilweise richtig großen jurtenähnlichen nomadenzelte sind aus ziegenhaar gewebt und genau so grau-weiß gestreift. wir haben in einem solchen in hasankeyf am tigris beim tee gesessen.

Cizre, Grenze, Nusaybin

So/Mo 25./26. Mrz. 2018

Nach Befragung mehrerer Einheimischer und reiflicher Überlegung, beschließen wir, es zu riskieren und nach Cizre und von dort aus entlang der türkisch-syrischen Grenze nach Nusaybin zu fahren.

wir haben wirklich lange hin und her überlegt, uns gefragt: sind wir noch verrückt oder schon wahnsinnig. aber dann siegt die neugier und bei mir auch das gefühl, feige zu sein, wenn wir diese möglichkeit nicht wahrnehmen würden. all die menschen in diyarbakir/amed riskieren tag für tag ins gefängnis zu wandern, indem sie sich für ihre landsleute einsetzen und gegen die vernichtung ihrer kultur und indentität kämpfen. da werden wir es ja wohl auf die offizielle straße an der grenze nach syrien wagen! so locker-flockig, wie wir letztes jahr bei antiochia an den grenzübergang gefahren sind und lustig fotos gemacht haben, sind wir jetzt nicht mehr unterwegs. die 24-stunden-notfalltelefonnummer der deutschen botschaft ist im handy eingespeichert und im notizbuch notiert.

Doch erstmal stecken wir im Stau.
Die jungen Lämmer werden in den Seitentaschen der Esel getragen.

Cizre: Phosphorbomben auf Zivilsten

Zwar gibt es an jedem Ortseingang Kontrollposten mit Panzern, Sandsäcken, verbunkertem Kontainern, Schießscharten und Soldaten mit Kalaschnikow im Anschlag, an denen Autos rausgewunken werden. Doch normalerweise werden wir als Freaks einfach durchgewunken. Der Kontrollposten am Ortseingang von Cizre ist deutlich solider und es wird offensichtlich wirklich jeder kontrolliert. Was insofern erklärlich ist, als Cizre wirklich direkt an der türkisch-syrischen Grenze liegt und die türkische Armee im Städtekrieg 2015/16 hier besonders heftig gewütet hat.

Zum Glück haben wir einen Anhalter mitgenommen, den wir am Kreisverkehr vor dem Checkpoint rauslassen. So haben wir kurz Zeit, die Situation einzuschätzen. Da wir keine glaubwürdige Touristenstory haben, warum wir nach Cizre wollen, entscheiden wir uns für die Umgehungsstraße.

Cizre mit dem Zoom von der Umgehungsstraße aus gesehen.

Von der Umgehungsstraße ist das Einzige, was einem an Cizre auffällt die selbst für hiesige Verhältnisse ernome Anzahl von Neubauten, die Bautätigkeit und das absolute Fehlen einer wie auch immer gearteten Altstadt.

Im von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Magazin “Aus Politik und Zeitgeschichte “ von 27. Februar 2017 (also kaum ein Jahr alt) steht dazu:

“Bis heute verweigert die Regierung Menschenrechts- und Nichtregierungsorganisationen sowie dem Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte den Zugang in die von Ausgangssperren und Sperrzonen betroffenen mehr als 20 Städte, um Menschenrechtsverletzungen bei Militäraktionen nachzugehen. Ungeklärt sind vor allem die schweren Vorfälle in Cizre während der Ausganssperre zwischen Dezember 2015 und März 2016. Nach Augenzeugenberichten sollen mehr als 100 Menschen – darunter Zivilisten und verletzte Kämpfer – von Sicherheitskräften bei lebendigerm Leib in Häuserkellern verbrannt worden sein, wo sie sich verschanzt hatten. Human Rights Watch dokumentierte die Tötung von acht Zivilisten in Cizre als widerrechtliche Tötungen durch Sicherheitskräfte, darunter ein 11- und ein 13-jähriges Kind und ein drei Monate altes Baby.”

Grenze: Deutschland finanziert Mauertote

Als wir am Ende der Umgehungsstraße auf die Straße nach Nusaybin und Mardin einbiegen kommt der nächste Kontrollposten. Aber hier sind sie entspannter. Vermutlich, weil sie glauben auf der Strecke weniger zu verbergen zu haben. Unsere Geschichte, dass wir zwei Freaks auf Weltreise sind, uns das berühmte Kloster bei Midyat angesehen haben und nun zum noch berühmteren Mardin wollen, wird geglaubt. – In sowas sind wir inzwischen ziemlich gut.

Die Straße führt unmittelbar an der türkisch-syrische Grenze entlang. Hinter der Mauer liegt Rojava, der kurdische Teil Syriens.

Wir sind stark an die ehemalige innerdeutsche Grenze erinnert. Eine hunderte Kilometer lange Mauer, Wärmebildkameras, Hinterlandzaun, Wachposten und Schießbefehl. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte starben von September bis März mindestens 42 Menschen bei dem Versuch, denn Grenzwall zu überwinden.

Das Ganze wurde von uns, Deutschland und der Europäischen Union, mit bezahlt. Laut dem Magazin “Der Spiegel” vom 24. März diesen Jahres haben wir der türkischen Regierung für über 80 Millonen Euro Überwachungstechnologie geliefert. Außerdem haben wir gepanzerte Militärfahrzeuge für 35,6 Millionen Euro (im “Spiegel” steht Milliarden, was wir für einen Druckfehler halten) bei der türkischen Firma OTOKAR und für 30 Millionen bei der türkischen Rüstungskonzern Aselan in Auftrag gegeben. (Wir fördern also noch nicht einmal unsere eigene Rüstungsindustrie, sondern die der Türkei!) Und wo wir schon dabei waren, schenkten wir Erdogan noch sechs niederländische Patrouillenboote für 18 Millionen Euro.

Der Spiegel kommentiert dies: “Es sterben nun weniger Menschen in der Ägäis, wo die Zahl der Bootsüberfahrten nach Griechenland nach Abschluß des Deals zurückgegangen ist. Sie sterben an der türkisch-syrischen Grenze”

Überwältigend weite Landschaft.
Ölförderung auf kurdisch-syrischem Gebiet. – Herr Inspektor, wir haben ein Motiv.

Verlassene Dörfer

Über die Hälfte der Dörfer, auf der türkischen Seite der Grenze sehen, sind verlassen. Eines davon sehen wir uns genauer an.

Verlassenes Dorf.
Traditionelle Lehmbauweise im verlassenen Dorf.

Die Häuser stehen offensichtlich schon länger leer. Aber warum? Normale Landflucht? Wir wissen, dass die Türkei in den 80er und 90er Jahren viele Döfer evakuiert hat, um die PKK zu bekämpfen, indem sie ihr die unterstützende Bevölkerung entzieht. Das ist eine klassische Methode der Guerrillabekämpfung: Da die Guerrilla sich, wie Che Guevara sagt, im Volk bewegt, wie der Fisch im Wasser, muß man das Wasser ablassen. Dann zappelt der Fisch auf dem Trockenen. – Risiken und Nebenwirkungen? Die tragen die Menschen, nicht das Militär. – Wir fragen uns, ob das hier ein Teil der betreffenden Dörfer ist?

Trotz allem: Die Landschaft ist herrlich,…

Nusaybin

Am Ortseingang von Nusaybin gibt es die gründlichste Kontrolle, die wir bisher auf dieser Fahrt erlebt haben. Nachdem die Typen vom Checkpoint die Daten unserer Personalausweise per Funk durchgegeben haben, eilen sogar extra irgendwelche Spezialisten herbei. Geheimdienst? Ausländerpolizei? Keine Ahnung. Auf jeden Fall serviert uns die Chekpointbesatzung Tee, während wir warten. Sie sind halt doch Türken und somit eigentlich supernette, gastfreundliche Kerle. Die Spezialisten lassen sich das Auto so gründlich zeigen wie kein anderer vor oder nach ihnen. Doch auch sie gehen nach Lehrbuch und Schema-F vor: Kofferraum aufmachen, Rückbank hochklappen und so weiter. Das Entscheidende übersehen sie aber, genau wie alle anderen: Zwischen Rückbank und Kofferraum (also dem Schrank hinten am Bulli) befindet sich unter unserem Bettzeug die sogenannte “Grube”, die so groß ist, dass wir problemlos einen Menschen schmuggeln könnten und in der wir alles Wichtige und Verdächtige verstaut haben. Vom Laptop, über Literatur, bis zu Tüchern in kurdisch-rot-gelb-grün.

Nusaybin. Man beachte die türkisch-syrische Grenze und die gleichmäßig grauen Flächen rechts oben und links unten.

Nusaybin ragt wie eine Nase nach Syrien hinein und ist im Städtekrieg 2015/16 sehr schwer beschädigt worden. Auf dem Satellitenbild von Google-Maps sieht man oben rechts und unten links graue Bereiche, wo Google-Maps zwar Straßen einzeichnet, aber keine Straßen und Häuser sind. Diese Stadtviertel wurden im Städtekrieg 2015/16 von Panzern, schwerer Artillerie und Bomben wortwörtlich ausradiert.

Auf dem Basar sind wir, nachdem wir Halstücher für Damen gekauft haben, zum Tee eingeladen.
Quirliges Leben im noch stehenden Teil der Stadt.
Augenschmaus: Kurdischer Kaffe ist ein Genuß für alle Sinne.
Private Einladung zum Abendessen.

Wobei Einladung das falsche Wort ist. Sie hatten uns eine Falle gestellt! Nachdem die Einladung unserer Stellplatznachbarn zum Abendessen zwar höflich aber klar, eindeutig und wiederholt ausgeschlagen haben, laden sie uns zum Tee ein. Das können wir nicht ausschlagen, ohne ihre Ehre als Gastgeber zu verletzen. Also nehmen wir an. Doch sobald sie uns ins Haus gelockt haben, setzen sie uns das Abendessen vor.

Es gibt noch schönere Bilder von diesem Abend, auf dem auch unsere Gastgeber zu sehen sind. Aber wie bei all den anderen schönen, persönlichen Begegnungen in Kurdistan gilt: Um unsere Gastgeber in noch größere Gefahr zu bringen, als sie sich ohnehin schon begeben, indem sie uns eingeladen haben, verzichten wir darauf, Bilder von ihnen hochzuladen. – Und, ja, es reicht in diesem Land aus, Ausländer zu sich nach Hause eingeladen zu haben, um von der Polizei die Tür eingetreten zu bekommen.

Ein Frühstück, dass sich die Tische biegen.

Da wir unsere Chancen, im oder vorm Bulli zu frühstücken ohne von irgendwelchen Nachbarn eingeladen zu werden, auf 0% einschätzen, gehen wir zum Frühstück in ein Cafe direkt an der Grenze. Als das Frühstück aufgetragen wird, denken wir erst, es habe ein Mißverständnis bei er Bestellung gegeben. Aber nein, das ist hier tatsächlich ein Frühstück für zwei. Inklusive mehrer kurdischer Kaffees, Tees und Trinkgeld zahlen wir am Ende gerade einmal umgerechnet 10€.

Blick über den teilweise abgefressenen Frühstückstisch auf die Grenze und Syrien.

Bitte vergrößert das Bild mal durch draufklicken: Oberhalb der Ketchupflasche sieht man im Hintergrund einen Radpanzer vor einer Mauer. Das ist die Grenze, dahinter ist Syrien. Rechts neben binas Schulter sieht man oberhalb des Autos einen türkischen Wachturm.

Die alte aramäische Kirche von Nusaybin.
Die Krypta mit dem Grab des Heiligen Jakob.
Der provisorische Altar rührt uns durch seine Schlichtheit mehr an als der größte und eindrucksvollste Dom.
Reste einer Barrikade aus dem Städtekrieg vor zwei Jahren.

es berührt immer wieder, wie sehr sich die leute freuen, uns zu sehen. in diyarbakir/amed war das schon auffällig, aber da waren wir auch in offizieller mission unterwegs. hier in nusaybin wissen wir uns gar nicht zu retten. wir werden nie belagert oder bedrängt, wir werden auch nicht mit offenem mund angestarrt. aber die augen, die die unseren treffen beim vorübergehen auf der straße, leuchten und der mund zeigt ein ehrliches lächeln. in einer winzigen drogerie, nur ein paar quadratmeter groß, die erstaunlicherweise voller männer ist, will ich nur meinen gewohnten deostift kaufen. ich muß mir erst mal ein paar lustige sprüche anhören, die ich nicht verstehe (aber ich verstehe das fröhliche gelächter) und mir eine wohl ausgesuchte parfümprobe auf die arme sprühen lassen. michel, der draußen wartet, kann sich nur mit mühe gegen das parfüm wehren, das für ihn ausgesucht wurde. noch tagelang hab ich das parfüm an meinem kleid und erinnert mich an die leute

beim frühstück spricht die bediehnung michel mit ‘brother’ an und es kommen leute vorbei, die uns einfach nur guten tag sagen wollen und uns dann aber wieder in ruhe essen lassen. als wir uns verabschieden, bekommen wir einen alten stadtplan von nusaybin geschenkt und alberne sonnenschirme an einem stirnband. letztere brauchen wir nun wirklich nicht, aber die geste ist bezaubernd

aber als wir in sichtweite der mauer in einem kleinen park spazieren gehen und offentsichtliich zu lange stehen bleiben, um zu schauen, schreit uns einer der soldaten von einem wachturm an, daß wir weiter gehen sollen.

Midyat, Aramäer & Staubsturm

Sa./So. 24./25. Mrz. 2018

midyat heißt unser nächstes ziel. hier gibt es noch eine realtiv große aramäische gemeinde. sieben christliche kirchen sind noch in gebrauch, vier davon regelmäßig. das war zumindest der stand vor dem städtekrieg. eine der kirchen besuchen wir. als wir einen parkplatz fürs auto suchen, wo wir eventuell auch übernachten können, fällt uns auf, daß es an jeder straßenecke kameras gibt. die bewohner dieser stadt und auch wir stehen unter ständiger beobachtung. wir sind ziemlich sicher, daß irgendwo ein mensch am monitor sitzt. nicht wie in deutschland, wo oft genug die kameras herumhängen und nur bei bedarf die bilder angeschaut werden.

Big Brother is watching you.

Eigentlich sind alle kurdischen Städte flächendeckend kameraüberwacht. Hasankeyf ist halt eine Ausnahme, weil es sich da einfach nicht mehr lohnt. Nächstes oder übernächstes Jahr ist es ohnehin weg.

Eine der aramäischen Kirchen in Midyat.

da die stadt uns ansonsten nicht weiter reizt, fahren wir nach einem imbiss und einem einkauf weiter und beschließen, bei dem kloster des heiligen gabriel, einem aramäischen kloster in der nähe zu übernachten, das unser reisebuch zur besichtigung empfielt.

unterwegs wird die sicht immer schlechter. schon gestern war es seltsam diesig gewesen, was wir mit dichter wolkendecke und dunst rechtfertigten. jemand in hasankeyf sagte, das sei ein staubsturm, der bei südwind aus syrien über das land geht. das gibt es ganz selten und viel schwächer auch in deutschland. bei bestimmten wetterbedingungen kriegen wir dort sogar saharastaub ab. aber hier in dieser gegend sehen wir jetzt immer weniger. die luft ist ganz gelblich, ich habe einen ungewöhnlich trockenen mund und noch vor dem horizont hört die welt irgendwie auf.

Staubsturm.

Der Begriff Sturm ist etwas irreführend. Es ist ein ganz normaler Südwind, der halt einen Nebel aus feinem Sand mit sich trägt.

als wir am kloster ankommen, macht das in einer halben stunde zu. wir schauen es uns morgen an und gucken gelbe luft auf dem klosterparkplatz. die landschaft dahinter muß herrlich sein…

dann fängt es an zu regnen. ein paar dicke tropfen nur und die reichen nicht, um die luft sauber zu waschen. im gegenteil. der regen ist so staubig, daß bulli völlig blind auf den scheiben wird.

Bulli am nächsten Morgen. Ein klarer Fall für eine Waschanlage.

Das Kloster ist beeindruckend. Es wurde im Jahr 397 gegründet und blickt auf ein 1621-jähriges durchgehendes Klosterleben zurück. Noch beeindruckender ist, dass die Mönche hier tatsächlich Altaramäisch sprechen. Wenn Jesus, der ja Aramäisch gesprochen hat (und nicht etwa Hebräisch oder Latein), hier und heute wiederauferstehen würde, könnte er sich mit den Mönchen problemlos in seiner Muttersprache unterhalten.

Eine der Kirchen und Kapellen des Klosters. (Bina liebt Kuppeln!)

keine ahnung, was mich an kuppeln so fasziniert. die architektur, sicher. die baukunst auch. es macht ein gebäude ungeheuer erhaben und wenn eine kuppel ausgemalt ist, bin ich besonders angetan.

Zugang zu einer der Krypten in denen die Äbte beigesetzt sind.
Einer der Innenhöfe des Klosters.

Wir treffen einen Aramäer aus Stuttgart, der hier ist um neben Neu- auch Altaramäisch zu lernen. Traurigerweise haben die Türkei und die übrigen nahöstlichen Staaten die aramäischen Christen nämlich relativ erfolgreich vertrieben, so dass die Stadt mit der Größten aramäischen Gemeinde der Welt heute in Gütersloh ist. – Ja, Du hast richtig gelesen: Gütersloh!