Das Mafiahaus

Sonntag 15.10.17

Wir besuchen auf Empfehlung unseres Reinigungsinhabers das „Blaue Haus“, das Haus eines italienisch-griechischen Mafioso und Waffenschmugglers in den Bergen am Ostende der Nordküste Zyperns, bei Camlibel.

Das Haus liegt auf einem türkischen Militärgelände und ist trotzdem der Öffentlichkeit zugänglich. Es muss dem türkischen Militär also sehr wichtig sein, denn sonst lassen sie nichts und niemanden auf ihre Stützpunkte, Kasernen und Übungsplätze (von denen es in Nordzypern übrigens unglaublich viele gibt). Leider bleiben sie aber so paranoid, dass sie auch im Haus das Photographieren verbieten, wie in und um jedes Militärobjekt.

Es ist wieder das gleiche Spiel wie im Museum des Nationalen Kampfes. Hier wollen sie vor allem zeigen, wie gut die Drahtzieher der Griechen lebten, während die Inseltürken unter ihrer Brutalität litten. Und wieder werden Zahlen, Daten und Fakten weggelassen. Diesmal ersetzt durch Geschichten, die zwar gut sind, aber schon einem oberflächlichen Plausibilitäts-Check nicht standhalten.

– Vor 1960 ging es den Inseltürken nicht schlechter als ihren griechischen Landsleuten. Danach vermutlich ja. Aber der Beweis wird hier nicht geführt.

– Der Inhaber des Hauses lebte offensichtlich gut (immerhin in einer Villa mit Pool). Aber überschwelgend? Nein! Da haben es der Zeitungsmogul Hearst, Ludwig II von Bayern oder Berlusconi ganz anders krachen lassen.

– Zwar wird behauptet, dass der Hausbesitzer einer der größten Waffenhändler des Nahen Ostens war, aber es wird keine einziger Transport oder Deal von ihm als Beispiel konkret benannt.

– Die Geschichte, dass er seine Villa deshalb geschickt in die Berge gesetzt hat, dass er einerseits einen guten Blick auf Umgebung und Küste hat, man andererseits das Haus von außerhalb des Grundstückes nicht sehen kann, weil seine Waffentransporte über seine Villa liefen, ist unglaubwürdig. Kein Mafiapate lagert seine illegale Ware in der eigenen Villa. Deshalb ist er ja der Pate. Dieses Risiko lagert er (im Wortsinne) aus und schiebt es irgendeinem kleinen Gefolgsmann zu.

Was wir sehen ist eine 50er-Jahre-Villa, die vermutlich wirklich einem Mafioso gehörte. Dafür sprechen u.a. die Existenz eines Fluchttunnels und das versteckte liegende Wachhäuschen mit Schiessscharten. Aber vor allem fällt mir auf, dass sie erstaunlich funktional und geschmackvoll eingerichtet ist. Die Lage und Größe der Räume empfinde ich als angenehm. Und es gibt viele kleine Details, die zeigen, dass Architekt und Innenarchitekt wirklich nachgedacht haben. Zum Beispiel:

– Das nach Süden liegende Esszimmer hat einen überdachten Balkon, der dafür sorgt, dass es morgens und abends Sonne, mittags jedoch Schatten hat.

– Auf der Anrichte im zentralen Flur des Gebäudes steht eine bronzene Ballerinenstatue, die so ausbalanciert ist, dass sie bei einem leichten Erdbebenstoß mit lautem Krachen umfällt, was im ganzen Haus zu hören ist. Da leichte Erdbebenstöße oft Vorbeben für stärkere Stöße sind, ist dies ein geniales und elegantes Frühwarnsystem.

Einen Nebenaspekt der Führung, den ich bezaubernd finde ist, dass den Besuchern, die ja meist Muslime sind, beim einem Gemälde der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm erklärt wird, wen das Bild zeigt, dass dies ein im Christentum häufiges Motiv ist und dass die Kreise aus Blattgold hinter den Köpfen (die Heiligenscheine) die Heiligkeit der Personen darstellen. – Dass die Verwendung von Blattgold für die Heiligenscheine als Beleg für den Luxus und die Prunksucht des Hauseigentümers gewertet wird, ist hingegen keine glaubwürdige Argumentation. Blattgold war und ist erstaunlich billig. Wir haben zu hause genug Blattgold für mindestens zweieinhalb Heiligenscheine herumliegen.

Anschließend fahren wir noch bis zur Küste unterhalb der Burg Kantara und verbringen den Nachmittag mit herumlungern und lesen.

Lungern im Bulli

Wanderung, Chamäleon, Antikes Salamis

Montag 16.10.17

Wir holen die Wanderung von Kantara zur Burg und zurück nach. Die uns vor einer Woche aufgrund, der Autorallye nicht sehr attrakiv erschien. Eine schöne dreistündige Bergwanderung ohne große Höhenunterschiede. Auf der einen Seite des Bergzuges hin und auf der anderen zurück. Vor allem der Hinweg wartet mit atemberaubenden Ausblicken auf.

Ausblicke

Den Höhepunkt bildet jedoch unsere zweite Chamäleonsichtung. Auf dem Weg ist es leicht zu übersehen, wenn man es jedoch einmal gesehen hat, ist seine Tarnung futsch. Im Gebüsch ist das etwas ganz anderes, selbst wenn es nur 20cm entfernt ist, und man genau weiß, wo es ist, ist es kaum zu sehen. Wir verlieren es immer wieder aus den Augen, und als es kaum 40cm von uns entfernt verschwindet es endgültig. Neben seiner farblichen Tarnung, ist es aufgrund seines Körperbaus schwer im Auge zu behalten (von oben ist es erstaunlich schmal) und aufgrund der Tatsache, dass es nicht huscht. Wenn etwas huscht, sieht man es sofort. Das Chamäleon bewegt sich jedoch langsam bis mittelzügig und wechselt ständig Geschwindigkeit und Richtung.

Das Chamäleon ist im Gebüsch nicht zu sehen. Wirklich nicht!!!
Auf der Wanderung

Im Abendlicht besuchen wir noch Salamis, die antike griechische Stadt und spätere antike römische Stadt am Strand bei Famagusta. Außer der Tatsache, dass nichts abgesperrt ist und man überall drauf und rein kann, beeindrucken mich insbesondere die Thermen, von denen noch erstaunlich viel erhalten ist. Warum gibt es keine nachgebaute antike griechische Therme? So mit allem: Mosaiken, Fußbodenheizung, warmen und kalten Schwimmbecken, feuchtheißem Raum zum Schwitzen und einem Säulengang zum Wandeln. Das müßte doch eine Marktlücke sein, so etwas originalgetreu nachzubauen und zu betreiben.

Das Heißwasserbecken des Bades

Außerdem fasziniert mich die öffentliche Toilette. Man saß ein einem Halbkreis von etwa 8m Durchmesser, jeder konnte jeden sehen und mit ihm reden, und der Halbkreis war zum Forum hin geöffnet, gleich gegenüber lagen die Thermen. So wohnte man auch beim erledigen seines Geschäftes noch den Staatsgeschäften, der Gerichtsverhandlung oder dem Markt bei. Das gibt dem Begriff „öffentliche Toilette“ eine ganz neue Dimension. Die Toilette selbst ist übrigens fast ein modernes WC. Vorne eine Rinne, in der frisches Wasser fließt, hinten eine tiefere Rinne, in die man hineinscheißt. Es lagen Schwämme an Stielen bereit, mit denen man sich anschließend säuberte. (Diese öffentlichen Schwämme müssen ein hervorragender Verbreitungsweg für Parasiten gewesen sein.)

Öffentliche Toilette im wahrsten Sinne des Wortes

wenn ich es mir recht überlege, finde auch ich unsere deutsche sauna- und badekulur armselig. trotz allen bioenergethik,-salz,-und sonstigen dekosaunen. ein römisches bad, der hamam, auch die russische banja, japanisches zento und natürlich eine finnische schwitzhütte mit 120 grad.

es gibt so tolle beispiele in der welt. ich wünschte mir eine sauna- und badelandschaft, die diese schwitz- und badekulturen unter einem dach vereint.

salamis ist faszinierend. so vieles ist noch da. die steine und fliesen, auf denen wir wandeln, sind original. wer hat da nicht alles schon seinen fuß hingesetzt, wo ich zufällig grad stehe. irgendwo hat jemand scherben gefunden und sie auf einem säulenrest abgelegt, wie zum mitnehmen. teile der fußbodenheizung sind sichtbar. fast meine ich den lärm, die gespräche der badegäste zu hören. irgendwo bietet jemand schreiend seine ware an, jemand macht musik, von ferne höre ich pferdehufe auf der straße. mir bleibt so manches mal der mund offen stehen.

Das Theater von Salamis
Wunderschön, aber warum versammeln sich Schnecken am oberen Ende eines Pflanzenstiels um zu sterben?
Eine erstaunlich große Echse oder ein erstaunlich kleiner Drache.
Je nachdem.

Nach einem Bad in den Wellen schlafen wir oberhalb des Strandes 100m von den Ruinen entfernt.

Famagusta und ein türkischer Hitler-Fan

Dienstag 17.10.17

ein tag in famagusta. ich bin irgendwie dermaßen voll mit eindrücken und erlebnissen aus den letzten tagen, daß mir nur stichpunkte im gedächtnis geblieben sind.

ich erinnere mich an eine kathedralenruine neben der nächsten. zypern war, nachdem die kreuzfahrer aus dem heiligen land rausgeflogen waren, deren letzte bastion und da haben sie natürlich noch einmal richtig zeichen setzen müssen. als ob es kein morgen gäbe. auch hier wurde eine kathedrale in eine moschee umgewandelt. mittlerweile kommen so viele touristen, daß die moschee innen mit absperrband gesichert ist.

und von den grabplatten der luisignans, die michelvor 12 jahren noch vom hausmeister gezeigt bekommen hat, weiß der mensch, der am eingang sitzt, nichts. er achtet auch nicht auf angemessene kleidung der frauen, obwohl ich glaube, das dies sein job ist. dann eben nicht.

wieder sind es nur einige wenige straßen in der altstadt, in denen die touristen herumlaufen. schon am othello-turm an der stadtmauer ist es stiller und wir genießen die ausblicke über die stadt.

Die Luisignans haben sich in Famagusta noch zu Königen von Jerusalem krönen lassen, als in Jerusalem selbst schon lange wieder die Muslime regierten. Und so viele Kirchen und Kirchenruinen wie hier gibt auf einem Quadratkilometer sonst vermutlich nirgends. Alleine drei ordentliche gothische Kathedralen keine 200m auseinander. Dazu Extrakirchen für die Tempelritter, die Hospitaliter und was weiß ich wen noch.

Absperrung gegen zu viele Touristen
Die Konsequenz, mit der Gebetsräume neben WCs und WCs neben Moscheen liegen, ist bemerkenswert.
Kathedralen in Steinwurf-Abstand. Die dritte Kathedrale ganz links passte nicht mehr aufs Bild.
Kathedralen-Durchblick
Kartenstudium. Zu welcher Kathedralenruine gehen wir jetzt?

am rand irgendwo sind auch unterirdische kirchen. mit dem stadtplan ist das suchen ein bischen wie eine schnitzeljagd und wo die eine kirche eingezeichnet ist, finden wir einen kleinen laden. der besitzer erlebt es wohl öfter, das leute kommen und sich wundern und er zeigt uns voller freundlichkeit die richtige straßenecke. nach der besichtigung kaufen wir bei ihm ein.

Diese Untergrundkirche war mal katholisch und mal orthodox.
Straßenkatzen sieht man hier überall, und erstaunlich viele Menschen füttern sie regelmäßig.

und dann treffen wir zufällig serkan aus istanbul, seinen bruder und seine mutter wieder, mit denen wir schon in girne zusammen mit den beiden irischen pärchen im pub zusammengesessen hatten.

bei einem kaffee haben wir nun ein sehr interessantes und anstrengendes gespräch, denn serkan sagt uns, wie toll er adolf hitler findet. die stärke, die dieser mann vermittelt hat, beeindruckt ihn über alle maßen.

Serkan (li.) und seine Familie

Solche Hitlerfans haben wir in der Türkei schon ein paar getroffen, und natürlich sofort gegengehalten. Aber da die Betreffenden bisher immer kein oder kaum Englisch konnten, war es uns kaum möglich, auch nur zu versuchen, ihnen klar zu machen, dass Hitler ein Verbrecher und Massenmörder war, und wir Deutschen wirklich nicht stolz auf ihn sind. Oder dass, wenn Hitler heute in Deutschland an die Macht käme, sein erstes Ziel vermutlich wäre das Land „türkenrein“ zu machen.

Michel und ich versuchen ihm klar zu machen, daß wir in keiner weise stolz auf hitler sind. sondern dass wir uns schämen, das der holocaust geschehen konnte, daß wir auf die zeit des 3. reiches als deutsche eine komplett andere sichtweise haben. er jedoch erwidert, die schaffung eines großdeutschen reiches sei doch eine gute absicht. michel versucht es mehrfach. aber für serkan sind die 8 millionen ermordeten nur eine fußnote, für ihn zählt vor allem, dass hitler deutschland stark gemacht hat, dass alle welt ihn respektiert hat. wir dringen gar nicht zu ihm durch. er kann oder will uns nicht verstehen, und fragt mehrfach, welches hitlers fehler war, mit dem er den eigentlich guten nationalsozialismus verdorben hat.

irgendwann geben wir auf. dennoch bin ich ein bischen zufrieden. wir haben unsere meinung gesagt und wir verabschieden uns trotz allem freundlich voneinander.

Und der Mann ist Anwalt und lebt in Istanbul. Sollte also zur aufgeklärten Elite des Landes gehören…

hinter famagusta fängt gleich wieder die grenze an. das müssen wir uns noch anschauen.

Vorne Sonnenliegen auf dem Strand, hinten Ruinen im militärischen Sperrgebiet. Mit Einschußlöchern von 1974.

hier in varosha entstand in den 70ern der ballermann von zypern. ein hochhaushotel neben dem anderen, bars, geschäfte. dann kamen das türkische militär, das gebiet wurde zur miltärzone und verfällt. gespenstisch ist das einzige wort, was mir dazu einfällt. vor allem, weil direkt am strand der zaun anfängt, der immer noch wie ein provisorium aussieht. davor badende menschen, dahinter ruinen. serkan und familie treffen wir dort wieder, sie stört das überhaupt nicht, nehmen es zur kenntnis und schwärmen von dem tollen strand.

eine weitere nacht schlafen wir bei salamis. dahin ist es ja nur ein katzensprung.

Ab in den Süden / zwei Gleichgesinnte

Mittwoch 18.10.17

eigentlich wollen wir über die britische area südlich von famagusta nach griechisch-zypern einreisen. aber der mensch am grenzerhäuschen erlaubt uns das nicht. wir sollen zum übergang nach lefkosa fahren, dort kämen wir rüber. na gut, es ist ja nicht weit. wir machen uns auf probleme gefaßt, schließlich sind wir irgendwie immer noch illegal im land, aber der polizist legt nur unsere pässe wie üblich in den scanner und winkt uns weiter. vielleicht macht er nur einfach die augen zu, weil er keine lust hat. bulli stellen wir an der stadtmauer ab, gleich auf der anderen seite vom ledra-palas. wir können sogar rüberschauen. die häuserzeile, an der wir auf dem weg von der stadt vorbei mußten. der kleine laden, wo michel morgens brot gekauft hat. ich hab komischerweise schon jetzt sehnsucht.

südnikosia brummt. es fühlt sich wie eine großstadt an. diese vielen eleganten geschäfte. daneben h&m, mc-doof, starbucks. die häuser in den seitenstraßen sehen genau so aus wie auf der anderen seite. nur meist weniger kaputt. und immer wieder stoßen wir auf die grenze. sie wirkt von dieser seite bunter, entspannter, weniger bedrohlich.

Meine Lieblingsstraßensperre in Lefkosia/Nicosia auf griechischer Seite.

und dann treffen wir g… und s… nach ein bischen plauderei stellen wir bei einem gemeinsamen kaffee fest, das wir die selben bekannten haben, michel und g… kommen beide aus der graswurzelbewegung, ich müßte s… noch aus der hafenstraße kennen und wir haben uns eigentlich sehr viel zu sagen. aber die beiden hatten die letzten tage schon so viele verabredungen und wollten sich jetzt einfach nur mal entspannt die stadt ansehen und abends zum abendessen in pafos wieder im hotel sein, das wir uns beizeiten verabschiedeten.

als michel und ich am bulli ankommen und grade bedauern, das wir nicht auf die idee gekommen sind, uns mit ihnen nach dem essen in pafos zu verabreden, kommen s… und g… um die ecke und haben die idee, daß wir uns ja nach dem essen in pafos… ist das nicht wundervoll?????

also ab nach pafos in den süden und einen wunderbaren abend mit netten gesprächen und plaudereien im pub neben dem hotel verbracht. es ist auch mal schön, gleichgesinnte am tisch zu haben, denen man nicht ständig widersprechen möchte.

Die Beiden hatten sich unmittelbar vorher mit einem Zypriotischen Kriegsdienstverweigerer getroffen, und die politischen Gespräche waren wirklich gut und zum Thema „Griechenland, Türkei, Zypern“ sehr informativ für uns. Aber wir gehen hier aber nicht weiter drauf ein. Privatsphäre und so. Auch bei queeren Themen haben wir einige Berührungspunkte mit ihnen.

Auf dem Weg nach Pafos kommen wir dann an der Stelle vorbei, an der Aphrodite dem Schaum des Meeres entstiegen sein soll. Da muss bina natürlich…:

bina, die Schaumgeborene

Hausaufgabe für geneigte LeserInnen über 18: Woraus entstand der Schaum, dem Aphrodite entstieg?

Ein muslimischer Friedhof im Süden der Insel. Genauso verlassen, wie die Kirchen im Norden.

Wasserrutschenpark und Strandtag

Donnerstag 19.10.17, Fr. 20.10.17

einer der größten wasserrutschenparks europas wartet auf uns. es ist großartig. weil nachsaison ist, gibt es keine langen warteschlagen und wir haben muskelkater vom vielen treppensteigen, prächtige laune und abends einen herrlichen strandstellplatz zum schlafen.

Hier der Link zum Wasserpark:

HERZLICH WILLKOMMEN

morgens hab ich kopfweh bis zur übelkeit und wir beschließen einen strandtag pause zu machen.

schlafen, lungern, ein bischen schwimmen.

Ruhetag am Strand

Hala Sultan Tekke & Gebeine des Heilige Barnabass

Samstag 21.10.17

Am Vormittag besuchen wir die Hala Sultan Tekke bei Larnaka, eine Moschee wie aus dem Bilderbuch: Eine Halbinsel in einem Salzsee, darauf zwischen Palmen die Moschee mit Kuppel und Minarett, wie man sie sich vorstellt.

die Hala-Sultan-Tekke

Das wichtigste muslimische Heiligtum der Insel liegt im griechischen Inselsüden, sozusagen als Gegengewicht zum Andreaskloster, das als wichtigstes orthodoxes Heiligtum im türkischen Norden liegt. Nach Meinung der hiesigen Muslime ist sie das viertwichtigste muslimische Heiiligtum nach der Kaaba in Mecka, dem Schrein von Mohammed in Medina und dem Felsendom in Jerusalem. Da besteht aber offensichtlich noch Diskussionsbedarf, denn nach Meinung der Syrer ist die Ommaiyadenmoschee in Damaskus und nach Meinung der Palästinenser das Patriarchengrab (Abraham / Ibrahim & co) in Hebron das viertwichtigste Heiligtum des Islam. Vermutlich gibt es noch mehr Viertwichtigste…

Im ältesten Teil der Moschee liegt Umm Haram begraben, die oft fälschlicher Weise als Mohammeds Tante bezeichnet wird, in Wirklichkeit aber „nur“ eine von ihm sehr geschätzte „mütterliche“ Beraterin war. Sie soll an dieser Stelle im Jahr 649 (unserer Zeitrechnung, also nach Christi) beim ersten Überfall der Muslime auf die Insel vom Esel gefallen und gestorben sein.

Interessant finden wir hier insbesonder drei Dinge:

1) Die Omnipräsenz der Katzen in und um die Moschee:

Durstige Katze beim rituellen Füßewaschen.
Katzen in der Moschee sind offensichtlich erlaubt!

Ob die Katzen hier offiziell gehalten werden, wie die Katzen im orthodoxen Kloster „St. Niclas of the Cats“ bei Limassol, welche die Stadt angeblich von einer Schlangenplage befreit haben, wissen wir nicht.

2) Die Bildlichen Ornamente und die Davidsterne, die die Gebetsnische umrahmen:

Es gibt sie doch! Bildliche Darstellungen in einer Moschee.

Unseres Wissens sind bildliche Darstellungen in Moscheen ein Tabu. Und Davidsterne… Naja…

3) Umm Haram ist eine wundertätige Heilige:

So haben beispielsweise die Einwohner von Damaskus, als sie von einer langen Dürre geplagt waren, zu ihr gebetet, dass sie Gott bitten möge, ihnen Regen zu schicken. Und auch jetzt noch kommen Pilger zu ihrem Grab, um sie im Beistand zu bitten. Dies ist in sofern erstaunlich, als dass es im Islam ein Beistellungsverbot gibt. Man darf eigentlich nur zu Gott direkt beten. Das katholische Konzept der Fürbitte durch Heilige ist dem Islam fremd. Aber zumindest in dieser Region scheint die „Tante des Propheten“ Umm Haram die Rolle einzunehmen, die für viele Katholiken die „Gottesmutter“ Maria hat.

Bina auf dem Salzsee mit (genau!) Salz in der Hand.

Nachmittags sind wir in Lympia, dem griechischen Ort gleich unterhalb der südlichsten Stellung der türkischen Armee auf Zypern. Also dem Ort und der Stellung, die wir vor einer Woche vom UN-Posten aus photographiert haben. Diesmal halten wir uns an die Demarkationslinie, können uns ein Photo aber nicht verkneifen:

Türkische Stellung oberhalb von Lympia. Diesmal vom griechischen Dorf aus. (Ja, innerhalb der türkischen Stellung befindet sich eine orthodoxe Kirche.)

Abends bleiben wir unplanmäßig in Peristerona, nördlich des Troodosgebirges, obwohl wir eigentlich noch im Gebirge übernachten wollten. Aber in Peristerona ist Kirchweihfest. Das ganze Städtchen ist auf den Beinen. Das Hauptsträßchen ist von Buden mit Süßkram, Kinderspielzeug und Klamotten gesäumt. Gegen Sonnenuntergang gibt es eine Messe, die per Megaphon auch auf den Marktplatz und in die umliegenden Cafes übertragen wird. Die Messe dauert die (bei den orthodoxen) üblichen drei Stunden. Aber sie ist keine geschlossene Veranstaltung. Vorne in der Kirche sind Heiligkeit und Andacht, hinten das pralle Leben. Die Leute unterhalten sich, gehen ein und aus, und auch die Kinder schauen zwischendrin mal rein, während sie draußen Fußball spielen.

Am Ende der Messe werden Teller mit gekochter Getreidemischung geweiht. Eigentlich wollen wir aus Höflichkeit nichts davon nehmen. Aber da haben wir unsere Rechnung ohne die griechischen Hausfrauen gemacht…

Als die Kirche sich nach der Messe weitgehend geleert hat, gehen wir noch einmal hinein, um uns in Ruhe umzusehen. (Vorher hatten wir uns hinten im Pralles-Leben-Bereich gehalten.) Die Reliquien des Heiligen Barnabas, dem die Kirche geweiht ist, sind in einer offenen Silberschatulle vorm Altarraum ausgestellt. Schädel, Oberschenkelknochen und … tja dann versagen meine anatomischen Kenntnisse.

(fingerknochen diagnostiziert die altenpflegerin)

Die Gläubigen küssen sie genauso wie die verschiedenen Ikonostasen. Sogar zwei Mädchen, die ihr Fangenspiel vom Marktplatz in die Kirche geführt hat, schlagen schnell das Kreuz, küssen die Gebeine des Heiligen und rennen dann in ihrem Spiel durch die Stuhlreihen wieder nach draußen.

Scheunendachkirchen: Außen Pfui – Innen Hui!

Sonntag 22.10.17

wir fahren ins troodos-gebirge, scheunenkirchen ansehen. ich stelle mir kirchen vor, die in der gegend stehen und erst mal wie schafställe aussehen. durch die doppelten wände haben sich diese kirchen verdammt gut erhalten,weshalb sie zum unseco-kulturerbe zählen.

michel kennt sie ja schon von vor 12 jahren. ich bin gespannt.

von den drei kirchen, die wir uns anschauen, will ich vor allem von der zweiten berichten, die erste hatte zwar ältere fresken (aus dem 12. jahrhundert) aber die zweite hat uns am meisten beeindruckt.

es geht los mit diesen herrn hier, der im cafe sitzt, wo man sich bei bedarf den schlüssel zur kirche holen kann.

Der Priester der Kirche wird uns gleich mitnehmen.

er legt gesteigerten wert darauf, nicht mit seiner zigarette photographiert zu werden, und auch darauf, uns den kaffee auszugeben, den wir bestellen und fährt sehr rasant die berge hinauf, laute musik im radio.

ich habe schon öfter festgestellt, daß die popen sehr gewichtig aussehen und ihre gemeinde im griff haben, aber bestimmten weltlichen dingen durchaus zugeneigt sind. neulich sah ich einen, der sich, gemeinsam durch eine gasse bummelnd, im gespräch mit einer frau befand und dabei genüßlich sein großes eis aß.

von außen ist diese kirche tatsächlich wie eine scheune.

Scheune oder Kirche?

aber innen erschlagen mich die fresken. gut erhalten ist völlig untertrieben!!!! so leuchtend, präsent, vollständig. und doch aus dem 15. jahrhundert. nicht wie in kathedralen zig meter hoch unter der decke, sondern direkt vor mir, weil die kirche so klein ist. jede ecke ausgemalt, jeder pinselstrich zu sehen, jedes gesicht zu erkennen. die geschichte jesu wie ein bilderbuch vor mir ausgebreitet.

Die Farben sind in Wirklichkeit viel leuchtender.
Aus dem Bilderzyklus ‚Die Geschichte Jesu‘ in der Scheunendachkirche: Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld.

die außenwände desgleichen. hier ist die hölle abgebildet und was man für welche sünden bekommt.

Strafenregister für Sünden. Die untere Reihe von links nach rechts: Mord, „Haben-wir-vergessen“, falsch Wiegen, seinen Eid Brechen.

die farben auf den fotos werden der wirklichkeit nicht gerecht. durch die beiden massiven wände konnten sie sich erhalten, wie tee, der in einer doppelwandigen thermoskanne lange heiß bleibt.

nach dem wir uns zwar nicht satt- aber müde gesehen haben, schließt der pope seinen schatz mit dem riesigen, alten schlüssel wieder ab, wässert noch schnell die tagetes-rabatten und nimmt uns in ebenso rasanter fahrt wieder mit ins dorf zurück.

nebenbei: so langsam wird es herbst. zumindest im gebirge.

Auch im Troodosgebirge wird es so langsam ein wenig herbstlich.
Ein Unwetter zieht über dem Troodos auf.

wir wollen an der souveränen britischen basis bei limassol schlafen, finden nach längerer fahrt durch etwas unwegsames gelände die südlichsten frei zugänglichen stelle am meer mit fulminantem sonnenuntergang.

Sonnenuntergang am südlichsten freizugänglichen Punkt Europas. (Links der erste Zaun der britischen Airbase.)

und während wir gemütlich noch ein bischen im bett lesen, kommt die polizei. diesmal britische von der „souvereign base area“, die hier stationiert ist. wir streifen sofort wieder unsere hawaii-hemden über. personalien werden aufgenommen, das kennen wir ja schon, und wir werden weggeschickt. hier schlafen ginge auf keinen fall. sie selbst seien ja nur von der polizei und noch entspannt, aber wenn erst die soldaten der royal airforce ihre patrouille machten, gäbs richtig ärger. also fahren wir besser, obwohl es schon dunkel ist. bedauerlicherweise werden wir diesmal nicht eskortiert.

wir landen in der englischen siedlung direkt vorm eingang der luftwaffenbasis und sehen plötzlich große fahnen, auf denen ‚münchner hofbräu‘ steht. anhalten und reingehen! und wieder fallen wir in ein dimensionsloch. die bedienungen in hübschen dirndln, ein deutscher fernsehsender, bayrische festzeltmusik. brezn auf einem ständer, haxn auf der karte und anständige bayrische biere im zapfhahn.

Jürgen aus Dortmund und bina im Münchner Hofbräu, im britischen Gebiet bei Limassol.

der mann hinterm zapfhahn heißt jürgen, kommt aus dortmund und scheint halb wirt und halb freier journalist zu sein. er erzählt uns ein bischen von sich und spannende dinge von seinen reisen durch den nahen osten, die durchaus nützlich für uns sind, und schlaut uns ein wenig über die briten auf zypern auf.

aus dem einen bier werden drei und ich bin froh, daß bulli gegenüber auf dem hausparkplatz steht und wir selbstverständlich dort schlafen dürfen.

ist oft so, daß, wenn wir von einem stellplatz weggeschickt werden, etwas besseres, spannenderes oder ungewöhnlicheres zum übernachten finden.

Wobei es auf dieser Reise das erste Mal ist, dass wir weggeschickt werden. Dass wir in solchen Fällen meist was besseres finden, ist eine Erfahrung aus früheren Urlauben.

Aus der Republik Zypern rauseskortiert

Montag 23.10.17.

heute wollen wir uns endlich um die überfahrt nach haifa kümmern.

salamis-shipping fährt regelmäßig. in deren büro werden wir zum neuen hafen weiter geschickt, nachdem die angestellte unsere geschichte gehört hat und skeptisch geworden ist. bulli und menschen nach israel verschiffen? an sich kein problem. aber wir wären über den norden und somit illegal eingereist und bräuchten jetzt viel glück. wenn wir im ‚customer-office‘ eine ausreisegenehmigung bekommen, kann sie alles organisieren, sonst nicht.

im customer-office wird man sofort blaß, als wir unser anliegen vorbringen und an den vorgesetzten vom vorgesetzten weitergereicht. der wird richtig sauer, weil wir offentlichtlich eine größere eselei verzapft haben, da wir über girne gekommen sind. telefonate werden geführt und wir werden mehrfach deutlichst ermahnt, so einen mist nicht wieder zu machen. die ausreisegenehmigung bekommen wir nicht, aber die ansage, daß jemand unseren fall weiter bearbeiten und dann zur grenze nach nikosia/lefkosia eskortieren wird.

ich habe den eindruck, das die leute dezent überfordert sind, weil so etwas wahrscheinlich selten bis gar nicht vorkommt. (ich frage mich, warum eigentlich nicht?) sie können nicht nachvollziehen, warum man uns an den grenzen durchgelassen hat. und außerdem hätten wir keine ausfuhrgenemigung für unseren bulli, beim nächsten mal mögen wir uns bitte schön über die regeln informieren. wir wüßten ja hoffentlich, in welcher situation man hier auf der insel ist.

im nächsten büro hat der mensch am schreibtisch etwas mehr humor, läßt sich alles erzählen, wundert sich nur und hofft, daß wir trotz dieser malesche ein wenig vom schönen griechisch-zypern gesehen haben. wir kriegen sogar einen kaffee.

wir dürfen sogar während des jetzigen aufenthaltes wieder nach süden einreisen.

nur den menschen, der uns eskortieren wird, müssen wir mit knapp 95€ bezahlen. dafür gibt es noch mehr formulare und stempel und dann kriegen wir endlich auch unsere eskorte zur grenze, die in diesem teil der insel aber nicht so genannt werden darf.

Unsere Eskorte vom (griechisch) zypriotischen Zoll.

Dass die Einreise nach Zypern über Nordzypern aus südzypriotischer Sicht illegal ist, war uns bewußt. Auch dass sie Nicht-EU-Bürger dafür durchaus für ein paar Tage in den Knast stecken, uns aber (EU-Freizügigkeit sei Dank) nichts anhaben können. Was Bulli angeht, haben wir damit gerechnet, eine Strafe zahlen zu müssen, und dann weiterfahren zu können. Das Konzept, „Sie sind illegal eingereist, also müssen Sie auch illegal ausreisen!“, finde ich allerding juristisch innovativ.

Die Eskorte zum Checkpoint bekamen wir nicht, weil wir über den Norden eingereist waren, sondern weil wir uns an der Grenze kein CP-5-Dokument für Bulli haben aushändigen lassen. Nachdem wir zurück im Norden sind, könnten wir das beim erneuten Übertritt über die nicht anerkannte Grenze zwar nachholen, aber Ausreisen dürfen wir trotzdem nur über den „illegalen Hafen“ in Girne/Kyrenia. Wir beschließen Bulli im Norden zu lassen, werden aber in der nächsten Woche, die wir in Nikosia verbringen, bis zu 8 mal täglich mit dem Fahrrad über die „Grenze“ fahren.

abends stehen wir in nordnikosia/lefkosa wieder auf unserem geliebten stammplatz unterhalb des türkischen checkpoints am übergang ledra-palace.

Eine Woche in Nikosia

Montag, 30.10.2017

Wir bleiben eine gute Woche in Nikosia. Bulli bleibt im Nordteil der Stadt am angestammten Platz zwischen dem türkischen Checkpoint am Übergang Ledra Palace und der venizianischen Stadtmauer, während wir uns zu Fuß und mit unseren Fahrrädern freier in beiden Teilen der Stadt hin und her bewegen als es manchem Grenzer lieb ist. – Einer hat uns ziemlich angeblafft, was wir denn ständig im anderen Teil der Stadt zu suchen hätten.

Zunächst müssen wir uns neu orientieren und unsere Weiterreise planen. Und das geht hier sehr gut, weil wir im Home for Cooperation (H4C) in der UN-Pufferzone gutes Internet haben, EU-Europäisches Mobilfunknetz ohne Roaminggebühren sowie die Möglichkeit schnell mal was auszudrucken. Während wir organisieren, stellen wir fest, dass es uns hier immer besser gefällt, wir mehr und mehr Kontakte kriegen, und die Stadt so zunehmend vielfältiger und interessanter für uns wird.

Was unsere weitere Reiseplanung angeht, so haben wir nach gründlicher Recherche nach Fähren, Flügen und Frachtschiffen, politischen und militärischen Lagen sowie einigen Botschaftsbesuchen beschlossen: Wir fahren Anfang November zurück in die Türkei. Bulli schicken wir dann mit dem RoRo-Frachtschiff von Mersin nach Haifa, während wir mit dem Flugzeug von Adana über Istanbul nach Tel-Aviv fliegen.

Wir werden nicht versuchen, diese Woche chronologisch wiederzugeben. Vieles ist einfach durch die Stadt radeln und schlendern, in netten Cafes sitzen, nette Menschen treffen und wiedertreffen. Und natürlich gehen wir auch noch einmal ins Hamam.

Im Folgenden wollen wir aber ein paar Ereignisse und Begegnungen wiedergeben, die sich in dieser Woche ergeben haben:

1) Die Unheimlichen Dattelwerfer

Nachts wird Bulli immer wieder mit halb aufgegessenen Datteln beworfen. Wobei die nächste Dattelpalme etwa 50m entfernt steht. Auch treten wir immer wieder in das Zeug (wie Hundescheiße, nur deutlich appetitlicher). Was ist hier los? Des Rätsels Lösung: Es gibt hier fruchtfressende Fledermäuse, endemisch hier im einzigen „Land“ in Europa. Und die Bäume, unter denen wir stehen, sind offensichtlich ihr Esszimmer. Die scharfen Blätter der Palmen sind anscheinend nicht wirklich gut geeignet, um sich als Fledermaus daranzuhängen. Also pflücken sie dort nur die Datteln und hängen sich zum Fressen in die Laubbäume über uns. In der Dämmerung sehen wir sie auch.

2) Das Katzenbaby

Beim Abendessen und die ganze Nacht hindurch hören wir irgendwo hinter unserem Bulli ein kleines Kätzchen nach seiner Mutter schreien. Aber immer wenn wir aufstehen, um es zu suchen, ist es ruhig. Wir können es einfach nicht orten. Morgens setze ich mich mit einem Buch hinter den Bulli und bin ganz ruhig. Nach einiger Zeit hab ich´s: Die Kätzchenschreie kommen nicht von hinter dem Bulli, sondern quasi aus dem Bulli. Das Kleine sitzt hinter dem linken Hinterrad im Radkasten.

Ich ziehe es raus und bina mutiert sofort zur Katzenmami. Das Woll­knäu­el ist 2-3 Wochen alt, kann schon normal essen und wird von uns „Heathcliff“ getauft. Von dem, was wir ihm anbieten können, mag es am liebsten Weichkäse.

Heathcliff mit Katzenmami bina beim Frühstück.

Wir verbringen den Tag damit es zu hätscheln und jemanden zu suchen, der es aufzieht. Mitnehmen können wir es ja nicht. Dabei schmuggeln wir es auch zweimal über die Grenze. Am späten Nachmittag treffen wir im H4C eine Frau mit Katzentick. Sie ist aus Limassol und wird Heathcliff aufziehen bis er alt genug ist, für sich selber zu sorgen.

Die Frau ist vom „Commitee on Missing People“ (CMP). Einer Organisation, in der griechische und türkische Zyprioten in gemischten Teams nach den etwa 2000 Menschen suchen, die auf der Insel vermisst werden. Die meisten seit der türkischen Invasion 1974. Etwa die Hälfte der Vermissten haben sie bisher gefunden, ausgegraben und den Angehörigen übergeben, so dass diese sie ordentlich beerdigen konnten. Neun von elf Suchteams graben im Inselnorden, denn die meisten der Vermissten sind Griechen, welche die türkische Armee 1974 bei ihrem Vormarsch, der gleichzeitig eine ethnische Säuberung war, umgebracht hat. Viele einfach deshalb, weil sie sich nicht vertreiben lassen wollten. Das Suchteam unserer neuen Katzenmami hat gerade Teamsitzung auf der Terasse des H4C . Sie reden auf Englisch, aber die beiden Griechen nehmen inzwischen Türkischunterricht und die beiden Türken Griechischunterricht. – Hier geschieht großartige Völkerverständigung im Kleinen.

Heathcliff auf der Schulter seiner neuen Mami. – Daneben eine den Tränen nahe bina.

3) Armenische Zyprioten

Wir sehen im H4C die Premiere des Films „Together“, in dem ältere armenische Zyprioten über ihre Geschichte und die Geschichte ihrer Familien interviewt werden. Es gibt auf Zypern schon sehr lange eine armenische Gemeinde, aber die Familien der meisten interviewten Armenier kamen erst am Ende des Ersten Weltkriegs als Flüchtlinge. Ihre Familien stammten aus Adana oder Mersin und waren im Zuge des Völkermordes und der Vertreibung der Armenier auf wochenlange Hunger-und-Durst-Märschen nach Syrien geschickt worden, die viele der Marschierenden nicht überlebten. Von Syrien aus kamen sie illegal über das Mittelmeer nach Zypern. In Nikosia siedelten sie sich vor allem in und am Rand der türkischen Stadtteile an, weil sie die türkische Sprache sprachen. Als 1963 die Auseinandersetztungen zwischen Griechen und Türken auf der Insel begannen (also so richtig begannen mit Barrikaden, Vertreibungen, Paramilitärs und so), wurden sie von der TMT (der türkischen paramilitärischen Organisation) aus diesen Vierteln vertrieben, da sie als Christen den Griechen zugeordnet wurden. Heute leben sie im Inselsüden. Das alte Armenische Viertel liegt direkt oberhalb unseres Bullis. Einer der Interviewten wohnte in dem Haus, auf das die Abendsonne immer so schön scheint:

Die Altstadthäuser oberhalb unseres Schlafplatzes im Abendlicht.

Als das Licht wieder angeht, sehen wir, dass etwa 2/3 der Interviewten im Publikum sitzen. Einige von Ihnen kommen noch nach vorne und sagen etwas. Sie sprechen im Wesentlichen Türkisch und werden auf Englisch übersetzt. Ihre Kernbotschaften sind Frieden und Versöhnung. Sie sind lebende innerzypriotische Bindeglieder: Türkisch sprechende Christen. (Oder sie sitzen zwischen den Stühlen, je nachdem, wie man es sieht.)

Besonders anrührend finde ich, dass einer der Interviewten den Filmemachern zum Dank ein Friedensgemälde schenkt. Er hat die Hala Sultan Tekke, die im griechischen Teil der Insel liegende wichtigste Moschee Zyperns, gemalt. Dass jemand, dessen Familie im 20. Jahrhundert zweimal von muslimischen Türken vertrieben wurde, eine Moschee als Vesöhnungssymbol wählt…

4) Freitagsgebet

Wir nehmen am Freitagsgebet in der „Kathedralenmoschee“ teil. (Also der Kathedrale Nikosias, die seit der Übernahme durch die Osmanen 1571 eine Moschee ist.) Das Ganze läuft auffallend leger ab. Was auch daran liegen kann, dass die Zyperntürken als die unmuslimischsten Muslime der islamischen Welt gelten. Ab dem Mittagsruf des Muezzin kommen die Gläubigen (überwiegend die Männer) nach und nach herein, verrichten ihr Gebet und setzen sich dann gemütlich lungernd, meditierend auf den Teppich. Ein „Imam“ (wir glauben, es ist ein Imam) sitzt in der Gebetsnische und liest eine Stelle aus dem Koran vor und interpretiert sie dann für die heutige Zeit. Offensichtlich geht es um die weltlichen Ablenkungen und Versuchungen von Handy und Facebook. Schließlich kommt der Mufti (wir glauben er ist es) und erzählt etwas von der Kanzel. Immernoch kommen nach und nach die Gläubigen hinzu. Erst ganz am Ende als gemeinsam gebetet wird, sind alle da.

Wir finden die ganze Atmosphäre sehr angenehm. Die Gebetsbewegungen schauen wir uns ab, verbinden sie aber mit einem „Vaterunser“. Wer oder was Gott/Allah auch immer ist, wird uns schon verstehen.

Zwei Dinge bleiben aber als unangenehmer Nachgeschmack:

Erstens: Menschen bringen sich tatsächlich gegenseitig um, weil der eine auf einer Holzbank und der andere auf einem Teppich zum gleichen Gott betet. Warum nicht freitags so und sonntags so, gerne auch im gleichen Haus.

Zweitens: Immer wieder ignorieren Touristengruppen sowohl die mitten im Eingang stehenden Schilder, dass jetzt Gebetszeit sei und der Besuch der Moschee unerwünscht, als auch deutlichen Hinweise, dass Frauen sich eines der bereit hängenden Tücher über die Haare legen mögen. Sie trampeln mitten durch den Gottesdienst und regen sich über mangelnde Toleranz auf, wenn sie höflich hinaus gebeten werden.

ich sitze derweil im hinteren teil des raumes bei den frauen. er ist nicht abgeschirmt oder auf einem balkon irgendwo, sondern großräumig mit einer kleinen balustrade abgegrenzt offen einsehbar.

eine frau geht sogar während des gebetes zwischen den männern hindurch zum bücherschrank, um sich ein surenbuch zu holen.

nur fünf oder sechs frauen sind da. suren lesend, bei den vorlesungen genau so bequem sitzend wie die männer, die gemeinsamen gebete mitmachend. ich falle höchstens dadurch auf, daß ich kein türkisch spreche und mit meinen gebetsbewegungen etwas hinterher hinke. aber ich fühle mich pudelwohl.

beim hinausgehen nimmt sich jeder eine kleine süßigkeit von einem tisch. einen bonbon, einen in alufolie gewickelten kleinen kuchen. was für eine schöne geste!

5) Kaugummi-Eis

mir war schon öfter der kleine eiswagen aufgefallen, dessen verkäufer einem immer ein ‚eiscreme!‘ entgegenbrüllt, wenn man vorbei geht und der so lustige bunte kleidung trägt. ich dachte immer: jaja, touristenshow…

einmal hält michel an, weil es sich um spezielles, kaugummiartiges eis handelt, von dem ihm schon einer seiner schüler erzählt hat. der verkäufer macht aus seinem verkauf eine richtige kleine schau. gibt mir die waffel… und doch nicht. füllt eis hinein… und doch nicht… jongliert damit in verschiedener weise, weil das eis irgendwie ein eigenleben führt, bis ich schon ein bischen genervt reagiere, weil ich endlich wissen will, wie es schmeckt. aber der verkäufer lacht und läßt sich zeit bis ich endlich mein eis in der hand habe. jaja, touristenshow… lecker ist es und tatsächlich ein wenig klebrig wie kaugummi. bis mir michel erzählt, dass diese schow zum eis dazu gehört. dass das jeder verkäufer macht und dass er das auch von seinem schüler weiß, mich aber überraschen wollte. ich schäme mich über meine eigene ungeduld und meine vorurteile.

Ja, E… hat recht gehabt: Eine großartige Show mit leckerem Eis!

6) Cycling accross Barricades

eine abendliche fahrradtour mit einem türkischen und einem griechischen zyprioten, kreuz und quer durch die altstadt nikosias, über die grenzen hinweg und wieder zurück. wir kennen die meisten ecken und gebäude, die wir passieren, und erhalten kaum neue informationen über den konflikt an sich.

Einblick in die Verbotene Zone, links die Griechen, rechts die Türken.

Aber es lohnt sich Aydin zuzuhören. Die 70 Jahre alte türkische Zypriotin und jahrzehntelange Friedens- und Völkerverständigungsaktivistin steuert vieles aus ihrer eigenen Erfahrung bei. Über ihre griechisch-zypriotische Mädchenfreundin aus dem Nachbarhaus, und wie eines Nachts 1963 plötzlich türkische Paramilitärs von der TMT in ihrem Schlafzimmer standen und von dort aus das Haus ihrer Freundin mit Molotow-Coktails bewerfen wollten. Oder wie es war, als ihre Heimatstadt plötzlich geteilt war und alle Köpfe voll mit Vorurteilen über die „andere Seite“.

Die Gruppe vor der alten britischen Kolonialverwaltung.

erstaunlich sind die anderen teilnehmer. hauptsächlich mitglieder eines erasmus-programms. dass zwei davon nicht rad fahren können… sei´s drum, aber es sind zwei griechische zypriotinnen aus nikosia dabei, anfang bis mitte 20, die für die caritas arbeiten und noch nie im türkischen teil waren. – ok, eine war einmal drüben, im auto, aber nicht ausgestiegen. sie waren unsicher, vielleicht sogar ängstlich auf unserer fahrt durch den türkischen teil. weiß der himmel, was man ihnen zeit ihres lebens von den menschen auf der anderen seite erzählt hat. kein schritt in die kathedralen-moschee und auf die frage, warum nicht, kam keine richtige antwort.

sie entspannten sich erst als wir wieder im griechischen teil waren. ich fürchte, mit solchen menschen wird es noch sehr lange dauern, bis ein entspanntes miteinander möglich ist.

Die beiden Friedensaktivisten, die die Radtour organisieren, schätzen, dass etwa die Hälfte der griechischen Zyprioten noch nie im Norden war, und über „die Türken“ nur Vorurteile aber keine persönlichen Erfahrungen hat. Das Gute daran sei, dass diese Vorurteile extrem leicht aufzubrechen seien, wenn man die Menschen nur einmal auf die andere Seite und in Kontakt mit den Menschen dort brächte. – Aber genau das zu schaffen sei sehr schwer.

Abendstimmung im Südteil der Stadt.

7) Aydin: Aktivistin für Frieden, Völkerverständigung, Radfahren und so

Aus einem kurzen, netten Gespräch mit den beiden Organisatoren der „Cycling-accross-Barricades“-Radtour ergibt sich eine Verabredung mit Aydin am kommenden Tag. Wir gehen zusammen in das queere Cafe in Nordnikosia.

Aydin redet und brennt lichterloh.

Die Frau ist ein Wirbelsturm. Unglaublich, dass sie 70 Jahre alt ist! Was sie schon alles an Projekten angeschoben hat geht auf keine Kuhhaut (andere Aktivisten im H4C, denen gegenüber wir sie erwähnen, bestätigen das ungefragt). Neben ihren persönlichen Erfahrungen und ihrem Geschichtswissen ist vor allem ihre ungeheure Power beeindruckend. Wenn wir mit 70 Jahren auch nur halb so energiegeladen und engagiert sind, ist alles gut gelaufen.

Vom Inhalt des Gesprächs will ich hier nur einen Splitter wiedergeben: Nordzypern wird immer mehr zum Spielplatz der Türkischen Mafia. Sie bauen Hotels mit Casinos, waschen Geld, betreiben Prostitution und so weiter. Eigentlich müßte dem spätestens jetzt Einhalt geboten werden. Aber die Mafia hat halt gut geschmierte Verbindungen zu den Mächtigen in Türkei, Nordzypern und Militär. – Mit diesem Wissen können wir einiges, was wir gesehen haben, besser einsortieren, beispielsweise ein Dorf am Westende der Nordküste, das nur aus Bordellen besteht (die Reeperbahn ist nix dagegen!), oder die vielen Spielcasinos.

Sie schenkt uns noch zwei Bücher, die sie (mit-)geschrieben hat, ihr Kurzgeschichtenbuch „Forbidden Zones“ schwerpunktmäßig über die heutige und historische Situation auf Zypern, und ein Buch über die Identität der türkischen Zyprioten in der Literatur. – Wir revangieren uns mit einer CD des Films „Together“ und dem Aufzeigen der zum Teil frappierenden Ähnlichkeiten zwischen Zypern und Nordirland.

8) „Museum des Nationalen Kampfes“ (zypern-griechische Version)

Auch Südnikosia hat ein „Museum of National Struggle“ es ist dem Guerillakrieg der griechisch-zypriotischen EOKA gegen die britischen Kolonialherren von 1955 bis 1959 gewidmet. Die türkischen Zyprioten kommen hier nur insoweit vor, als sie sich von den Briten im Rahmen von deren „Teile und Herrsche“ Politik instrumentalisieren ließen. Das Museum steht seinem türkisch-zypriotischen Gegenstück in Nordnikosia bezüglich Propagandasprache und Einseitigkeit nur wenig nach. Der 1. Platz in diesem Wettstreit geht jedoch trotz heftigen Bemühens des Südens an den Norden.

Zum Museum im Norden hatten wir ja schon etwas geschrieben, zu dem im Süden nur ein paar Anmerkungen:

I) Mit „The Holocaust at Kourdali“ wird ein Unfall bezeichnet, bei dem sich vier EOKA-Kämpfer mit ihrer eigenen Bombe in ihrem eigenen Haus in die Luft gesprengt haben. Zivilisten kamen nicht zu Schaden. Das ist sicherlich ein tragischer Unfall, aber es ist noch nicht mal ein Mord durch die Briten, geschweige denn ein Massenmord an Unschuldigen, keinesfalls zu reden von einem Völkermord, und das Ganze als Holocaust zu bezeichnen ist aus unserer Sicht schlicht und ergreifend geschmacklos.

II) Die Internierungslager, in welche die Britten über 3.000 mutmaßlichen EOKA-Unterstützer steckten, werden hier als „The Concentration Camps“ bezeichnet. Nun waren die Britten zwar selbst so feinfühlig, sie so zu nennen. Was sie übrigens auch mit ihren Internierungslagern in Nordirland taten. Aber die Iren sind so ehrlich und sprechen von „Internment Camps“ und „Internment without trial“. Denn es gibt einen massiven Unterschied zwischen diesen Internierungslagern, in denen keiner hungern mußte, in denen vielfältige Aktivitäten erlaubt waren und in denen vor allem keiner umgebracht wurde, und den deutschen Konzentrationslagern, welche die meisten Insassen nicht lebend verließen.

III) Eine sparsamere Verwendung von Begriffen wie „hero“ oder „sacrifice“ zugunsten einer objektiveren Sicht täte dem Ganzen, zumindest von außen gesehen, extrem gut. Wenn man in einem dreizeiligen Absatz fünfmal das Wort „Held“ liest, weil jeder EOKA-Kämpfer bei jeder Erwähnung als Held bezeichnet wird, hat das für einen Außenstehenden etwas absurdes. Aber bei den diese Propagandasprache gewohnten Einheimischen scheint es zu funktionieren. Genau wie im Norden bei den türkischen Zyprioten.

ich habs ja befürchtet: die griechen sind in dieser hinsicht auch nicht besser als die türken.

Und sonst:

Betyl im H4C. Eine spannende Gesprächspartnerin, die gerade auf ihre Tochter wartet, die im Goetheinstitut (das auch in der UN-Pufferzone liegt) den Deutschtest „A2“ macht.
Zeitungsbild der Demo gegen die Abholzung von Bäumen für Straßen vorm Parlament in Südnikosia. (Ganz links sind wir.)
Straßenfest zum Tag der Deutschen Sprache.
Bina tanzt auf dem Straßenfest zu Lateinamerikanischen Rhythmen mit dem 3. von der Deutschen Botschaft ausgegebenen Freibier in der Hand.
Im „Buchclub“ Tagesmitgliedschaft 5€, zwei Kaffee inklusive. Abends gibt es auch Kino und so.

Wir könnten unser halbes Sabbathjahr auf Zypern verbringen.

stimmt. dank aydins bekanntschaftsgrad in beiden teilen von nikosia und ihrer fähigkeit menschen miteinander bekannt zu machen, fällt es mir schwer, diese insel zu verlassen. sie stellte mich z.b. dem initiator des queer-cafes vor, an den ich gern einige fragen gerichtet hätte.

auch sie selbst hätte ich gern noch so einiges gefragt. ich hätte mich noch viel länger dem kultur- und stadtleben hingeben mögen, es genießend, auf beide seiten der grenze tiefer in die gesellschaft einzutauchen.

dann die natur. es gibt noch so viele wanderwege, die spannend sind, so viele kleine buchten, die beschnorchelt werden könnten. ich habe noch nicht genug chamäleons gesehen, noch nicht genug johannisbrot geknabbert und unser ‚baf sakisi‘, das zypriotische naturkaugummi, welches nach weihrauch schmeckt, geht auch zur neige.

Wanderung zu Armenischer Klosterruine

Dienstag, 31.10.2017

Heute ist Halloween oder Reformationstag, je nachdem. Für zypriotische Verhältnisse ist Herbst, für uns fühlen sich die Tage eher wie sehr(!) warme Spätsommertage an. Morgens ist es noch angenehm kühl, und erst im Laufe des Tages wird es heiß. Es gibt angenehme Wolken, aber keine Wolkendecke, die den ganzen Tag keine Sonne durchläßt. Und es hat in den letzten Tagen auch schon dreimal geregnet. Von der Intensität her waren es Nieselregen, von der Dauer her Schauer – ideale Wanderbedingungen!

mich dürstet danach, einen fuß vor den anderen zu setzen. es geht kreuz und quer in angenehmen steigungen durch den wald, über lichtungen, über feldwege irgendwo östlich vom fünf-finger-berg.

Der Fünf-Finger-Berg.

plötzlich ruft michel halloween-gerecht ‚eine schlange!!‘. eine viper lag auf dem weg und sonnte sich. von uns aufgeschreckt, verkriecht sie sich unter einen stein. unser abstand bleibt gebührlich. sollte sie sich ernsthaft bedroht fühlen, angreifen und zubeißen, wäre das nächste krankenhaus wahrscheinlich zu weit weg.

Unter dem Stein stehen einige Teile der Schlange hervor. (Leider etwas unscharf!)

wir kommen an der ruine des armenischen klosters ‚sourp magar‘ vorbei, das im 11. Jahrhundert gegründet wurde und nach der türkischen invasion 1974 aufgegeben werden mußte.

in den räumen stehen noch die betten, schränke, stühle und tische. die mönche lebten in dreibettzellen. ein zierbrunnen, den man nur ein wenig sauber machen müßte, der altar in der kirche zerstört und die fliesen davor noch fast vollständig. unter einem mandarinenbaum voller früchte die klosterquelle, die nur mit einer eisenplatte abgedeckt wurde. und hinter der küche noch zwei intakte backöfen aus ziegeln und lehm, wie sie überall in gärten und innenhöfen zu finden sind. einen so traurigen ort haben wir schon lange nicht mehr gesehen. weil so vieles noch da ist. ich laufe mit tränen in den augen über die innenhöfe und mir bleibt doch nur, drei mandarinen zu pflücken und sie als gruß und gebet auf die reste des altars zu legen.

Innenhof des Klosters, links die Klosterkirche, rechts der Mandarinenbaum.
Durchblick von der Kapelle zur Kirche.
Bina mit den gepflückten Mandarinen auf dem Weg zur Kirche.

wie zum trost entdecken wir, dass der wald und die wiesen nach der langen trockenheit ganz vorsichtig wieder grün werden. wir sehen die ersten blümchen, sprößlinge, die mit macht durch die ausgetrocknete erde brechen und den hiesigen herbst als zweite blütezeit nutzen. das beruhigt das herz.

Frisches Grün im Herbst.

die nacht verbringen wir auf einem öffentlichen picknickplatz im gebirge bei stürmischer kühle und unter ‚bewachung‘ eines katzenrudels, von denen einige, ungelogen, derart fett sind, dass wir sie, wären sie normale hauskatzen, sofort auf diät gesetzt hätten.

Unser Schlafplatz.