Das Mafiahaus

Sonntag 15.10.17

Wir besuchen auf Empfehlung unseres Reinigungsinhabers das „Blaue Haus“, das Haus eines italienisch-griechischen Mafioso und Waffenschmugglers in den Bergen am Ostende der Nordküste Zyperns, bei Camlibel.

Das Haus liegt auf einem türkischen Militärgelände und ist trotzdem der Öffentlichkeit zugänglich. Es muss dem türkischen Militär also sehr wichtig sein, denn sonst lassen sie nichts und niemanden auf ihre Stützpunkte, Kasernen und Übungsplätze (von denen es in Nordzypern übrigens unglaublich viele gibt). Leider bleiben sie aber so paranoid, dass sie auch im Haus das Photographieren verbieten, wie in und um jedes Militärobjekt.

Es ist wieder das gleiche Spiel wie im Museum des Nationalen Kampfes. Hier wollen sie vor allem zeigen, wie gut die Drahtzieher der Griechen lebten, während die Inseltürken unter ihrer Brutalität litten. Und wieder werden Zahlen, Daten und Fakten weggelassen. Diesmal ersetzt durch Geschichten, die zwar gut sind, aber schon einem oberflächlichen Plausibilitäts-Check nicht standhalten.

– Vor 1960 ging es den Inseltürken nicht schlechter als ihren griechischen Landsleuten. Danach vermutlich ja. Aber der Beweis wird hier nicht geführt.

– Der Inhaber des Hauses lebte offensichtlich gut (immerhin in einer Villa mit Pool). Aber überschwelgend? Nein! Da haben es der Zeitungsmogul Hearst, Ludwig II von Bayern oder Berlusconi ganz anders krachen lassen.

– Zwar wird behauptet, dass der Hausbesitzer einer der größten Waffenhändler des Nahen Ostens war, aber es wird keine einziger Transport oder Deal von ihm als Beispiel konkret benannt.

– Die Geschichte, dass er seine Villa deshalb geschickt in die Berge gesetzt hat, dass er einerseits einen guten Blick auf Umgebung und Küste hat, man andererseits das Haus von außerhalb des Grundstückes nicht sehen kann, weil seine Waffentransporte über seine Villa liefen, ist unglaubwürdig. Kein Mafiapate lagert seine illegale Ware in der eigenen Villa. Deshalb ist er ja der Pate. Dieses Risiko lagert er (im Wortsinne) aus und schiebt es irgendeinem kleinen Gefolgsmann zu.

Was wir sehen ist eine 50er-Jahre-Villa, die vermutlich wirklich einem Mafioso gehörte. Dafür sprechen u.a. die Existenz eines Fluchttunnels und das versteckte liegende Wachhäuschen mit Schiessscharten. Aber vor allem fällt mir auf, dass sie erstaunlich funktional und geschmackvoll eingerichtet ist. Die Lage und Größe der Räume empfinde ich als angenehm. Und es gibt viele kleine Details, die zeigen, dass Architekt und Innenarchitekt wirklich nachgedacht haben. Zum Beispiel:

– Das nach Süden liegende Esszimmer hat einen überdachten Balkon, der dafür sorgt, dass es morgens und abends Sonne, mittags jedoch Schatten hat.

– Auf der Anrichte im zentralen Flur des Gebäudes steht eine bronzene Ballerinenstatue, die so ausbalanciert ist, dass sie bei einem leichten Erdbebenstoß mit lautem Krachen umfällt, was im ganzen Haus zu hören ist. Da leichte Erdbebenstöße oft Vorbeben für stärkere Stöße sind, ist dies ein geniales und elegantes Frühwarnsystem.

Einen Nebenaspekt der Führung, den ich bezaubernd finde ist, dass den Besuchern, die ja meist Muslime sind, beim einem Gemälde der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm erklärt wird, wen das Bild zeigt, dass dies ein im Christentum häufiges Motiv ist und dass die Kreise aus Blattgold hinter den Köpfen (die Heiligenscheine) die Heiligkeit der Personen darstellen. – Dass die Verwendung von Blattgold für die Heiligenscheine als Beleg für den Luxus und die Prunksucht des Hauseigentümers gewertet wird, ist hingegen keine glaubwürdige Argumentation. Blattgold war und ist erstaunlich billig. Wir haben zu hause genug Blattgold für mindestens zweieinhalb Heiligenscheine herumliegen.

Anschließend fahren wir noch bis zur Küste unterhalb der Burg Kantara und verbringen den Nachmittag mit herumlungern und lesen.

Lungern im Bulli

Antiochia: Wir sind im Orient!

Dienstag 03.10.17

wo fange ich nur an?

bei der tourist-info. der mensch drückt uns erst lachend die hand, dann süßigkeiten hinein und gibt uns anschließend eine große tüte mit englischem infomaterial, welches wirklich brauchbar ist.

wahrscheinlich sind wir die ersten seit einer woche, die ihn besuchen.

endlich gibt es für mich einen bazar. diese engen unebenen gassen, gerüche, farben, menschen, geräusche! ab und zu ein geschobener karren oder ein verwegenes mofa.

abseites eine kleine bar, der kaffee delikat, nebenan männer beim backgammonspiel. junge männer laufen hin und her, tabletts mit tee oder kaffee für die umliegenden händler in der hand und mit leeren gläsern zurückkommend.

ein alter mann, der uns als deutsche erkennt, selbst in köln war und sich freut. mit mir zu schlecht gesungenen kölner karnevalsliedern ein kurzes tänzchen auf der gasse wagt. alle lachen.

Du kriegst den Mann aus Köln raus! Aber nicht den Karneval aus dem Mann!

ich kaufe mir ein kopftuch, für später zur moschee-besichtigung und hab spaß am feilschen. michel findet einfache, aber bequeme schlappen.

Bina in einer Moschee.

diese berge an gewürzen, oliven, getrockneten pilzen und paprika. schuhe, schuhe, schuhe. dann kleidung noch und nöcher. und immer wieder läden mit schulränzeln. dazwischen bäckereien mit feueröfen hinten im laden. schmuck.

ich erkenne den nachteil einer langen reise. am liebsten würde ich groß einkaufen, auch wenn ich nicht weiß, wofür man das alles nutzt. und dann bald nach hause, es ausprobieren. aber wir wollen ja noch weiter und das alles mitschleppen…?

Der Basar – Arabisch: „Shuk“

wir sind offentsichtlich die einzigen touristen. werden angesprochen. nicht um uns was zu verkaufen, sondern weil wir wohl zu einer selten gewordenen spezies gehören.

wie bin ich entschädigt für diesen spinner von gestern nacht!

abseits des bazars ein viertel auch mit vielen engen gassen und 2-geschossigen wohnhäusern. darin in schattigen innenhöfen kneipen, bars und cafes.

cafe bagdad. es riecht nach shisha, dort machen wir pause. jemand singt zur gitarre wunderschöne hiesige lieder. wir sitzen alle zusammen und klönen. irgendwer kann immer irgendwie ein bischen englisch. wir fragen nach dem alten hamam, den wir auf dem weg sahen. ja, der ist tags für frauen und männer, aber abends nur für männer.

hin da! und leider doch nur für männer. michel würde gern, verzichtet mir zuliebe und mir bricht ein bischen das herz. er freut sich doch so darauf. ich frage nach dem frauenhamam und es gibt sogar zwei im bazar, aber die seien nicht schön. natürlich nicht. bei frauens ist alles immer einfacher gehalten.

in einen gehe ich und michel verschwindet in seinem.

es ist wunderbar. was von mir für ein dreck in röllchen runterkommt! peinlich! spaghetti, lacht marine, mit der ich mich mit händen und füßen unterhalte und ihr erkläre, warum ich so dreckig bin. sie schrubbt und badet mich, massiert mich ein bischen durch, wovon ich mir doch ein wenig mehr versprach. aber entspannt bin ich trotzdem und lümmele mich auf dem heißen stein. ich bin ganz allein. irgendwo plätschert wasser, von draußen dringt kein geräusch des bazars zu mir hinein. leider kommt marine irgendwann, um mich zu holen.

im sherai sitze ich noch eine weile, höre den frauen zu, die zusammensitzen und reden und verabschiede mich irgendwann. das ganze hat keine 15.-€ gekostet. hamam in hamburg ist viiiieel teurer.

michel fühlt sich genau so sauber wie ich und wir essen zusammen künefe bei murat, der in einem künefe-cafe arbeitet und einer von denen ist, die uns so freudig angequatscht hatten.

künefe ist eine sensation. eine hiesige spezialität. eine art baklava mit käse gefüllt, in großen pfannen knusprig frisch gebraten, mit viel zuckersirup und dick mit geriebenen pistazien bestreut.

die frage von murat, ob wir wirklich noch eis wollen, ist berechtigt.

Tagesabschluß mit Kalorienbombe.

zwei weitere „touris“ kommen währenddessen auf den kleinen platz, wir laden sie an unseren tisch ein. er ein türkischer doktorand, der seine doktorarbeit in kiel schreibt. sie eine türkische programmiererin, die mit ihm nach norddeutschland gezogen ist. wir unterhalten uns auf englisch, da ihr englisch wesentlich besser als ihr deutsch ist. das gespräch dauert bis weit nach dem dunkelwerden, der platz hat sich längst geleert, alle läden schließen nach und nach mit dem gesang des muezzin zum sonnenuntergang.

Die Türkei ist sowohl von ihrer geographischen Lage als auch von Kultur und Gesellschaft her eine Brücke zwischen Orient und Okzident. Antiochia hingegen ist purer Orient! Historisch gehört Antiochia zu Syrien, konnte sich 1937 aber von den französischen Kolonialherren befreien und beschloss nach einem Jahr als freie Republik sich der damals noch jungen Türkei anzuschließen. Gegenüber den Französischen Kolonialisten das kleinere Übel.

Heute ist die Stadt zu etwa ¾ arabischsprachig und etwa ¼ türkischsprachig. Wobei die offiziellen Schilder alle auf Türkisch (und zum Teil auf Englisch sind). Die beiden in Deutschland lebenden Türken, von denen bina schon geschrieben hat, haben uns bestätigt, dass für sie Antiochia gefühltes orientalisches Ausland ist, weil die meisten Leute Arabisch sprechen.

Touristen kommen hier derzeit offensichtlich so selten her, dass die Einheimischen uns mehr bestaunen, als wir sie.

Vom Basar mit seinen Händlern, Gewürzen und Gerüchen hat bina ja schon erzählt. Ich will hier noch eine besondere Art Läden erwähnen, die zu photogaphieren ich mich nicht getraut habe. Im Basar gibt es mehrere Dessousläden deren Angebot als „Reizwäsche“ zu bezeichnen eine Untertreibung ist. Die Verkäuferinnen und ein großer Teil der Kundinnen sind sittsam und halal gekleidet, mit Kopftuch, bedeckten Armen und allem. Manchmal sogar mit Gesichtsschleier! So verschlossen die Kleidung dieser Frauen also für Fremde ist, der eigene Mann scheint im Schlafzimmer (oder sollte ich Harem sagen) wirklich etwas geboten zu bekommen.

Die Männer hier sind übrigens eine Augenweide für bina, die sich an ihnen offensichtlich kaum satt sehen kann.

Die Bäder (Hamam) sind streng nach Geschlechtern getrennt. Was aber für eine ganz eigene entspannte Atmosphäre sorgt. Männer (bzw. Frauen) unter sich im Bad achten nicht so auf Außenwirkung und geben sich der Hitze, den warmen Güssen, der Erholung, dem Schrubben und der Massage voll und ganz hin.

bulli hatten wir an einer straße mit parkscheinpflicht stehen. eigentlich wollten wir nur für drei stunden bleiben, aber da man erst bei abfahrt zahlt, blieben wir länger. leider wußten wir nicht, dass die bezahlzeit nur bis 18.30h ging. außerdem betreute ein stadtangestellter diesen bereich und kassierte das geld der autobesitzer.

als wir nun um 19.30h kamen, rannte er uns schon entgegen. total erleichtert, dass wir endlich da waren und er doch seine 18 Tl (Etwa 4,5€) bekam. er hatte auf uns extra gewartet und konnte endlich feierabend machen.

er bekam ein trinkgeld und es war uns sehr peinlich.

lieber mensch aus antakia: bitte entschuldige uns nachlässige touristen. wir passen nächstes mal besser auf.

In der Nacht wurden wir dann von Polizei geweckt, die mit Taschenlampen in unseren Bulli leuchtete. Es gab aber keinen Ärger. Sie waren nur um unsere Sicherheit besorgt. Einer von ihnen rief ein befreundetes Hotel in der Nähe an, auf dessen Parkplatz wir uns stellen sollten, damit wir gut bewacht seien. Wir zogen also mit 2 Polizeiautos Geleitschutz um und schliefen den Rest der Nacht gut bewacht.

Auch das ist Antiochia: ein Armenviertel gleich neben der Peterskirche.
Ebenfalls traurige Realität: Ein Kind sucht im Müll nach Plastik, das es sammelt, um es zu verkaufen.

Antiochia: Die älteste Kirche der Welt

Montag 02.10.17 das erneute telefonat mit herrn ersin ergibt, das die fähre heute nicht fährt, weil in israel feiertage sind. die nächste geht am freitag und wir sollen donnerstag noch mal anrufen.

na gut. also fahren wir noch weiter in den süden.

wir sind in antiochia (das auf türkisch hatay heißt und auf arabisch antakia). diese historische stadt hat viele namen.

und ist echter orient. eine türkisch und arabisch gemischte stadt.

und – oh wunder – keine wirklichen wolkenkratzer, sondern eine stadt nach unseren vorstellungen, wo die kirchtürme, hier minarette höher sind, als die umliegenden häuser.

st. peter, die wohl älteste kirche der welt. wahnsinn!

Die wohl älteste Kirche der Welt in Antiochia.

 

Das antike Antiochia war um das Jahr Null unserer Zeitrechnung die viertgrößte Stadt des Römischen Imperiums. Hier traf sich die zweite Gemeinde von Anhängern des Jesus von Nazareth in einer Grotte am Rande der Stadt. Was die Petruskirche zur ältesten Kirche der Welt macht. Und hier wurden die Anhänger Jesu auch zum ersten Mal „Christen“ genannt.

Der 1. Kreuzzug hätte in Antiochia beinahe mit einer vernichtenden Niederlage der Kreuzritter geendet. Doch die belagerten christlichen Ritter glaubten in der Grotte die „Heilige Lanze“ gefunden zu haben, mit der die römischen Soldaten dem am Kreuz hängenden Jesus in die Seite gestochen hatten. Mit dieser Lanze vorneweg machten sie einen verzweifelten Ausfall und besiegten gegen jede Chance das völlig überraschte muslimische Heer.

Nach der Besichtigung der Kirche essen wir mit einem kurdischen Pärchen zu Abend. Die einzigen „Touristen“, die wir in der Türkei treffen sind übrigens Türken, die im eigenen Land Urlaub machen, oder im Ausland lebende Türken auf Heimaturlaub. Deutsche, Russen, Engländer… Fehlanzeige!

Fremde sind Freunde, die man noch kennen lernen muss.

weniger schön ist, das ich abends auf dem platz vor der Kirche, wo wir eigentlich schlafen wollten, von einem hormongesteuerten jungen mann massivst belästigt werde, der auch nicht nachließ, als michel sich vor ihm aufbaute, so daß wir lieber woanders schliefen.

kein sonderlich guter start für den besuch einer historisch großen stadt.

Idioten gibt es überall. Und auf viele sehr freundliche und hilfsbereite Türkinnen und Türken kommt halt dieser (wortwörtliche) Wixer! Während ich gerade im Bulli bin steht er plötzlich am Rande des Platzes und versucht binas Aufmerksamkeit zu erregen. Als sie hingeht hat er sein „Bestes Stück“ in der Hand und… (Ja genau das!) Keine Ahnung was er erwartete, aber bina ist eine gestandene Frau, war Punkerin und hat jahrelang auf dem Kiez in St. Pauli gelebt. Wenn er die erschrecken will, muss er früher aufstehen. Sie lacht ihn laut schallend aus. Leider läßt er sich weder davon noch von mir dauerhaft vertreiben. Wir haben also die Wahl ihn zu ertragen, massiv zu eskalieren oder das Feld zu räumen. – Wir räumen und schlafen woanders.

Am nächten Morgen frühstücken wir aber vor der Kirche. Schon aus Prinzip.

Von Istanbul nach Ankara

Montag 25.9.

Heute ist Autofahren pur angesagt. Von vor Istanbul bis hinter Ankara.

Sagten wir Athen sei ein Moloch? Gestrichen. Istanbul ist unglaublich! Wenn man das Frankfurter Hochhausviertel und dazu Berlin-Marzahn in einem beliebigen Vorort von Istanbul abwerfen würde. Es würde nicht weiter auffallen. So viele Hochhäuser haben wir noch nie gesehen. Wir fahren auf der Autobahn von Hochhausviertel zu Hochhausviertel. Laut ADAC-Atlas hat Istanbul nur 4,6 Millionen Einwohner, nur 200 Tausend mehr als der Großraum Berlin. Das kann nicht stimmen, es müssen mehr sein.

Einer der vielen Vororte von Istanbul.
Der Bosporus.

Mit dem Anhalter den wir von Istanbul nach Ankara mitnehmen können wir uns leider nicht unterhalten. Nett ist er trotzdem. Und dafür schenkt uns ein Mann an der Raste selbstgemachte Marmelade und selbtgebackenes Brot von seiner Mutter. Einfach so. Nur weil wir aus Deutschland und Gäste in seinem Land sind.

Zwischen Istanbul und Ankara verändert sich die Landschaft langsam. Anfangs fühlen wir uns vom Himmel, den Bäumen, Feldern und dem Grün her, fast wie in Deutschland. Am Ende fahren wir durch eine beige Steppenlandschaft, die so aussieht, wie wir uns Anatolien vorstellen.

Ankara hat einen Bauboom. Wer soll in all diesen Mietskasernen und Hochhäusern wohnen? Nachts sehen wir von unserem Schlafplatz aus, dass fast alle Hochhäuser dunkel bleiben. Sie stehen also leer, obwohl sie eindeutig als Wohnhäuser konzipiert sind. An der Börse würde ich darauf spekulieren, dass in der Türkei demnächst eine Immobilienblase platzt.

Von Griechenland in die Türkei

Sonntag 24.9.

wir treten aufs gaspedal (nein, liebe lieblingsschrauberin, keine angst. über 90km/h geht der tacho nie!) und rollen weiter nach osten richtung türkische grenze.

Diese Grenze ist wirklich ernst gemeint. Sie ist ein seltsamer und unheimlicher Ort. Was durch den Waldbrand auf der türkischen Seite noch verstärkt wird.

Auf der Grenze!

Wir schlafen irgendwo zwischen der Grenze und Istanbul.

Thessaloniki

Samstag 23.9.

wir machen uns nach thessaloniki auf. aber nach einem imbiss in einem vorort und einer kurzen radtour in die innenstadt haben wir von großstadt und ihrem verkehr und gewurle die nase voll! Nach athen haben wir erst einmal genug großstadt gehabt.

wir finden ein cafe in einer stillen gasse mit netter karibischer musik, trinken was, lesen und radeln wieder zurück zu bulli.

paranthese: in den straßen, an eingängen von supermärkten treffen wir immer wieder auf bettler. es sind immer roma, sie sind fast immer weiblich und haben dann auch immer kinder dabei.

nein, die lebenssituation der roma ist nicht lustig und steht keinem staat und keiner gesellschaft gut zu gesicht. aber kinder und jugendliche statt zum kindergarten/zur schule zum betteln zu schicken finde ich nicht richtig. was macht es mit kleinen mädchen auf lange sicht, wenn sie so früh von der mutter lernen, fremde männer niedlich anzuschauen, in der hoffnung etwas zu bekommen? den gedanken mag ich nicht zuende denken. und die 15-jährige, die, ein bischen auf einem akkordeon klimpernd, bei uns am cafetisch um geld fragt, sollte um die mittagszeit in der schule sein und nicht auf der straße.

mir fällt es nicht schwer, kein geld zu geben. das hab ich damals in afrika schon gelernt. mir fällt es auch nicht schwer, in landessprache deutlich ’nein‘ zu sagen. ich möchte nur noch lernen, so grade zu sein und ihnen dabei in die augen schauen zu können. für mich hat das etwas mit respekt und mit nicht- wegschauen zu tun.

Das Lage der Roma beschäftigt und unser Umgang mit ihnen beschäftigt uns seit Wochen uns seit immer wieder. Weil wir immer wieder auf ihre armseligen Hütten, ihre zerlumpte Kleidung und ihre bettelnden Kinder stoßen. Das Problem ist offensichtlich von beiden Seiten verfestigt: Die Mehrheitsgesellschaften haben Vorurteile gegen die Roma und schließen sie aus dem normalen Leben und Wirtschaftsleben aus. Die Roma erfüllen diese Vorurteile (zumindest zum Teil). Sie schicken ihre Kinder nicht zur Schule, sondern lassen sie betteln. Lernen keine ordentlichen Berufe. Vermüllen die Umgebung ihrer Siedlungen.

Unsere Überlegung ist, dass die Kinder der beste Ansatzpunkt wären. Sie müssen zur Schule gehen und einen Beruf lernen. Man könnte dies durch eine Art „Schulgeld“ erreichen. Die Familien bekommen Geld dafür, dass ihre Kinder zur Schule gehen. Fehlen sie, so gibt es Gehaltsabzüge. Schulbegleitend müßte man ihnen ab der 5ten oder 7ten Klasse das erlernen eines Handwerks ermöglichen. Gute Handwerker finden immer gute Arbeit.

Soweit unsere Überlegungen…

Thermopylen aber gründlich

Freitag 22.9.

athen ist anstrengend. mir tun die beine weh und blasen an den füßen hab ich auch. aber das knie! das hält!!!! daher kaufen wir noch einmal groß ein und fahren zurück zu den thermopylen, wo wir uns stundenlang im wasser ahlen und auch die nacht verbringen.

immer wieder begegnen uns straßehunden- und katzen. aber mal ehrlich: ich finde, sie sehen bis auf einige ausnahmen nicht wirklich schlecht aus. flöhe haben sie, und auch mal das eine oder andere hinkebein. sie treten oft in rudeln auf, wirken entspannt, haben sogar den nerv, miteinander zu spielen und sind meist gut genährt. ich hab schlimmeres befürchtet.

trotzdem kauften wir trockenfutter und wenn wir abends irgendwo in der wildnis neben einem straßenhund essen, kriegt er ein schüsselchen ab.

Ein kleines Stück neben den Heißen Quellen stehen ein paar Wohnblocks in denen ein Flüchtlingslager untergebracht ist. Die nächste Stadt und damit auch der nächste Laden sind ein ganzes Stück weit weg. Zwar haben die Flüchtlinge auf diese Weise ein kostenloses Spaßbad, das sie ab dem Abend auch benutzen, aber sie sitzen quasi auf einer Insel fest. Der Versuch uns mit ihnen zu Verständigen scheitert …

Akropolis

Donnerstag, 21.9.

heute ist die akropolis fällig ich freue mich darauf. auch für die herrn auf ihren kavallierstouren gehörte dieser ort zu jenen, die unbedingt zu besuchen waren.

so viel davon gehört, so manches gelesen, viele bilder gesehen und doch stehe ich staunend davor und mag es kaum fassen. sie ist schön in der nachmittagssonne trotz baugerüst auf einer seite. erhaben, faszinierend ob der physik, die der architektur innewohnt.

auch der kleine tempel nebenan, der blick über die stadt, unter mir das theater, in dem die theaterkunst beründet wurde. wass für ein bedeutender ort! überall liegen steine. sortiert übereinandergestabelt, oder einzeln. mal unbehauen, mal als säulenteile erkennbar, ich gehe über von touristenfüßen glattgeschliffene steine. manchmal erkenne ich darin runde oder eckige löcher und schleifspuren. zeugen aus der zeit, als die akropolis gebaut wurde.

wieviele bedeutende oder unbedeutende füße sind hier über jeden quadratmeter gelaufen in all den jahrhunderten. es ist schlicht ergreifend.

Nachsaison auf dem Weg hinauf zur Akropolis. Normalerweise schieben sich hier die Touristen.
Der berühmte Parthenon Tempel.
Der Tempel der Athene.

Vor der Akropolis kommt noch der obligatorische Irish Pub! Oben auf der Akropolis bin ich dann erst erschlagen von so viel Ästhetik und geschichtlicher Bedeutung. Doch dann erkläre ich bina besserwisserisch die Mathematik des Parthenons: Goldener Schnitt, konvexe Vertikalen, konkave Horizontalen und so weiter.

Michel im Irish Pub zu Füßen der Athener Akropolis.

das fand ich üüüüüüberhaupt nicht besserwisserisch. ganz im gegenteil. diese dinge wußte ich nicht und ließen mich das gebäude noch mal mit anderen augen sehen!!!!!!

Anschließend bin ich wieder in mich versunken und leise: dort unten auf der Agora hat Sokrates die Leute so lange mit seinen Fragen genervt, bis sie ihm den Schierlingsbecher reichten. Dort hat sich Diogenes aus Protest öffentlich … (Nein das schreib ich nicht. – Ist heutzutage nicht mehr jugentfrei. Damals schon!)…, um gegen die hohen brotpreise zu demonstrieren.

völlig erledigt und hungrig gehen wir wieder in die stadt hinunter. die restaurants in plaka sind zu teuer. doch plötzlich rutschen wir scheinbar durch ein dimensionsloch und landen in ‚klein-pakistan‘.

fremde schrift und fremde sprache überall, keine frauen auf der straße und ein imbiss, wo wir für 2.50€ einen teller exellentes pakistanisches essen bekommen, incl. bollywood-schmachtfetzen im fernsehen.

gabeln gibt es nicht. man nimmt brot, um salat und fleisch in den mund zu bringen.

zwei straßen weiter sind wir anschließend wieder in europa und in athen.

Danach ein zweiter Besuch in Exarchia. Bei Sonnenuntergang sitzen wir auf der Dachterasse eines besetzten Hauses. Ich habe noch nie ein Autonomes Zentrum gesehen, das so sauber ist. Man könnte tatsächlich vom Fußboden essen. Aber die politischen Ansichten sind schon schräg. Die abgefackelten Autos beim G20 Gipfel in Hamburg finden sie hier total toll. Sie wollen uns weder glauben, dass das die Autos kleiner Leute waren (und keine Bonzenkarren), noch dass das Anzünden solcher Autos in Deutschland keinem Menschen vermittelbar ist (was ihnen aber auch egal zu sein scheint).

Nur damit kein Mißverständnis aufkommt: Auch wenn die angezündeten Autos reichen Leuten gehört hätten, wäre es falsch gewesen. Sowohl moralisch, als auch politisch und überhaupt.

Exarchia und Party

Mittwoch 20.9.

athen! wie soll ichs beschreiben. ein paar breite straßen, dazwischen sträßlein und gassen und hohe häuser. die meisten 7-stöckig. ein moloch. die meisten haben die fensterläden geschlossen. kein wunder bei der hitze. wir haben immer noch über 30 grad. balkone, grad in höheren stockwerken quellen manchmal über von grünpflanzen. ein schöner anblick. aber viele häuser stehen leer, sind ruinen, graffiti und plakate an den wänden. nicht nur in exarchia, dem anarchistischen viertel der stadt.

autos autos autos. kleine läden, restaurants, cafes. die schmalen bürgersteige fast nicht vorhanden. uneben, mit löchern, plötzlich endend oder mit mofas und autos oder kram zugestellt. ab und an eine pfütze. kondenswasser der klimaanlagen, das von den balkonen heruntertropft. müll hier und da. leute, die auf der straße sitzen. aber immer irgendwie eine riffel-leitlinie für blinde mit langstöcken.

ab und zu ein bäumchen. schöne griechinnen, oft sehr elegant und erschreckend lieblos gewandete männer dazu. michel bekommt eindeutig mehr fürs auge geboten.

Dazu verweigere ich die Aussage! Nein im Ernst: der Unterschied ist schon auffällig! – Die griechischen Frauen sind deutlich modebewußter als deutsche Frauen. Sie legen offensichtlich Wert auf ihr äußeres und sind sowohl geschmackvoll als auch individuell gekleidet. Die griechischen Männer hingegen legen deutlich weniger Wert auf ihr Äußeres, als ihre deutschen Geschlechtsgenossen. (Das sind jetzt natürlich Durchschnittsaussagen, die nichts über einzelne Individuen aussagen!)

wir stromern durch exarchia, das morgens noch leer ist. gehen ein bischen shoppen. mittags zurück auf dem campingplatz, vorschlafen für eine party am abend. michel will die nacht durchmachen. die hitze läßt uns nur dösen.

Ein besetztes Haus in Exarchia, Athen.
St. Pauli Fanshop in Exarchia, Athen.

die party in einem nachtclub ist furchtbar laut, gespräche sind nicht möglich.wir bleiben dennoch lange, der letzte bus um 23.00h ist schon lange weg und wir verbringen nach einem langen gang in die stadt zurück die zeit schlafend am haupteingang vom bahnhof, bis um 5.00h uns der erste bus wieder zum platz fährt.

Schade, da ist man schon über Freunde von Freunden zu einer privaten Party in Athen eingeladen, und dann ist da so ein Technogewummer, dass man kaum ein Gespräch führen kann. Wir verlassen die Party trotzem erst kurz nach zwei Uhr früh. Der Rückweg ist zwar anstrengend, aber auch irgendwie cool. Ich vermutlich schon seit fast 20 Jahren nicht mehr auf dem Fußboden eines Bahnhofs geschlafen. Das ist endlich wieder Punkrock!

Thermopylen

Dienstag, 19.9.

der tag beginnt mit einem besuch in einer autowerkstatt. die blinker tun nicht, der zusatzmotor für die kühlung hat wohl schon in albanien die straße in thith nicht überstanden.

der mechaniker spricht englisch, beugt sich gleich in den motorraum. eine stunde später können wir mit wieder genesendem gefährten weiter.

Die Werkstatt ist so kompetent wie günstig. 35€ inclusive Kurzschulung zum Thema Sicherungen, Relais und so.

auf geht’s zu den termophylen und zu der enge, wo 300 spartaner die persische übermacht 3 tage lang aufgehalten haben.

wir staunen. ein wasserfall, natürliche sprudelbecken, mit einer anschließenden badegumpe. ein paar betonierte zugänge und halteseile. es stinkt nach faulen eiern. 40 grad heißes solewasser mit viel kalk. davor ein parkplatz mit einem mann, der für 1 euro äpfel verkauft, später kommt ein zweiter mit marmelade und likören. beide verdienen an uns und wir genießen das heiße bad. sonst ist nichts los. ein paar einheimische kommen noch zum baden. man nickt sich kurz zu sortiert sich in den strudeln, genießt und geht wieder.

Bina, duscht im Wasserfall der Thermopylen.

ähhh… hallo???… hier wurde weltgeschichte geschrieben! wo ist das museum, wo ist das tor, an dem eintritt zu entrichten ist? vielleicht der wellnesstempel? nix gibts. ein entspannter ort für alle. wunderbar.

Unglaublich, dass man in so berühmten heißen Quellen einfach so baden kann. Ich hatte ein Kurbad mit Eintritt und allem Brimborium erwartet. Statt dessen der frei zugänglicher Wasserfall mit natürlichen Wirlpools darunter und einem Schimmbecken.

Die Thermopylen. Von vorne nach hinten: Schwimmbecken, Whirlpools, Wasserfall.

Die Schlacht scheint mich mehr zu beeindrucken als bina. Zweimal laufe ich zwischen der Infotafel, die den Ort und den Verlauf der Schlacht erklärt und dem Hügel, auf dem die Spartaner ihren letzten Stand hatten, hin und her und stehe beeindruckt vor der berühmten Inschrift, die ich aufgrund mangelnder Griechischkenntisse zwar nicht lesen kann, deren Inhalt mich aber schon im Geschichtsunterricht beeindruckt hatte: „Wanderer kommst du nach Sparta, erzähle dort, dass du uns hier hast liegen sehen, wie es das Gesetz befahl.“

Michel betrachtet die Gedenkplatte für die 300 Spartaner.

mich beeindruckt dieser ort durchaus. nur auf andere weise als michel.

ich bin nicht so erpicht darauf, nachvollziehen zu können, wer wo wie und mit wievielen stand. ich denke an die menschen, die hier lagerten, sich für die letzte schlacht vorbereiteten. sich ölten, schminkten, damit sie ja schön sterben. ich denke daran, wie die geschichte der welt wohl verlaufen wäre, wenn es diese letzte schlacht nicht gegeben. ich versuche mir farben, gerüche, geräusche vor zu stellen.

nach athen schaffen wir es heute auch noch. die gegend besteht aus bebuschten hügeln mit vielen steinen und in den weiten tälern monokulturen von baumwolle, tabak und dem einen oder anderen dorf. den campingplatz finden wir erst nach vielem hin-und-hergefahre und leute fragen. dafür ist er aber recht schön und gut ausgestattet, hat gute busverbindungen in die stadt und die herrlichsten duschen mit viel heißem wasser.