Roadmovie mit Pannen
Di-Fr 9.-12. Sept. 25
Unsere Tage sind wie ein Roadmovie von Wim Wenders. Wir legen jeden Tag etwa über 600km zurück. Die meiste Zeit schweigend, hin und wieder mit Gesprächen.
Der Bulli wirkt wie ein rollendes Sofa, so dass sich Entschleunigung und Entspannung einstellen.
Auf dem Weg nach Süden ändern sich langsam Landschaft und Klima. Wenn man über die Alpen nach Italien fährt, überschreitet man ja eine relativ klar erlebbare Grenze. Bis zum Brenner oder Gotthardtunnel ist man gefühlt in Nordeuropa. Mit dem Überschreiten des Alpenhauptkammes erreicht man dann den Mittelmeerraum und damit Südeuropa.
Da wir die Alpen östlich umfahren, geschieht der Übergang allmählich über mehrere Tage hinweg.
Und nicht nur das Klima ändert sich! Je weiter wir kommen, desto mehr werden Ruinen ein normaler Teil der Landschaft, wobei der Übergang von der Bau- zur Verfallsruine oft fließend ist. Müll wird zunehmend einfach in die Gegend geschmissen. Auch die Straßen werden im großen und ganzen schlechter. Und Verkehrsregeln verlieren zunehmend an Gültigkeit.
Der Übertritt der serbisch-bulgarischen Grenze gestaltet sich unkompliziert, obwohl wir eine EU-Außengrenze in Richtung EU passieren (Serbien gehört ja nicht dazu!), und es durchaus Gründe zu genauerer Kontrolle geben könnte.
Gleichzeitig betreten wir eine neue Zeitzone. Wir sind ja die letzten Tage sowohl nach Süden als auch nach Osten gefahren. In Bulgarien ist es eine Stunde später. Wir führen wieder unsere „Bullizeit“ ein, welche der deutschen Sommerzeit entspricht.
Ein paar Stunden später, um halb drei Uhr nachmittags (Bullizeit!) verlassen wir Bulgarien. Auf der türkischen Seite der Grenze gibt es dann das ganze Programm. Grimmiger Blick, Reisepässe, Fahrzeugpapiere, grüne Versicherungskarte, alles einscannen… Nur damit genau das Selbe 20m weiter am nächsten (ebenfalls türkischen) Zöllnerhäuschen nochmal passiert. Dann wirft eineinzelner Zöllner einen kritischen Blick von außen in den Bulli und gebietet uns, dass wir uns mit unserem Bus an der Schlange fürs Gamma-Röntgen anstellen sollen. Genau wie alle anderen WoMos und einige PKW, die nach mir unerfindlichen Kriterien ausgewählt wurden.

Bulli in der Warteschlange fürs Röntgen.
Es dauert ewig, weil nur eine einzelne Frau da ist, die das Röntgengerät bedient, die Autos einweist und die Bilder auswertet.
Als wir etwas über 2 Stunden in der Schlange stehen, verkündet sie, dass sie jetzt Feierabend habe und die Ablösung in 10 Minuten da sein werde. Da die Ablösung (wie erwartet) nicht pünktlich erscheint, fängt bina an zu kochen.

Nach einer halben Stunde erscheint die Ablösung dann doch und winkt erst mal ungefähr die Hälfte der PKW aus der Schlange. Sie müssen jetzt doch nicht durchleuchtet werden.
Irgendwann sind wir dann endlich dran! Natürlich müssen dazu noch einmal Pässe und Fahrzeugpapiere eingescannt werden. Nach dem Röntgen müssen wir uns bei einem weiteren Schalter melden, wo genau die selben Papiere zum vierten Mal eingescannt werden, und wo man uns einen Platz in einer Halle zur Durchsuchung des Bullis zuweist. – Der Durchsuchungsbeamte läßt sich dann erst mal wieder alle Papiere aushändigen. Weist mich in harschem Tonfall an, mich auf eine Wartebank vor seinem Büro zu setzen. (Dort scannt er vermutlich alle Dokumente ein..) Und dann sagt er mir ohne auch nur einen Blick in den Bulli geworfen zu haben, wir dürften weiterfahren.

Als wir den türkischen Zoll endlich verlassen wird es bereits dunkel. Es ist 7 Uhr Bullizeit und wir haben 4,5 Stunden am Zoll herumgewartet.
Wir halten das Ganze für eine reine Machtdemonstration. Was soll man von Europa in die Türkei schmuggeln wollen? Flüchtlinge? Waffen? Drogen? – Das passiert doch alles eher in der Gegenrichtung.
Wir schlafen dann auf einem Parkplatz kurz hinter der Grenze.

Am Mittwoch geht es an Istanbul vorbei und bis kurz hinter die halbe Strecke Istanbul-Ankara.
Das aber mit zwei Pannen! Erst reißt uns kurz vor Istanbul der nächste Keilriemen. Er hat nur etwa 2.000km gehalten. Dafür schaffen wir den Wechsel in deutlich unter einer halben Stunde. (Wir haben jetzt noch 2 Reserveriemen im Staufach.)
Dann platzt uns auf halber Strecke von Istanbul nach Ankara in der bisher längsten steilen Bergaufstrecke unserer Reise ein Kühlwasserschlauch. Wir fahren auf die Standspur, der Motor dampft wie eine Dampflok. Und man sieht praktischerweise nach Öffnen der Motorklappe sofort die Stelle, an der das Wasser ausschießt. Der Abschleppdienst ist fast sofort da, denn selbst wir haben auf diesem Anstieg mindestens ein halbes Dutzend Autos mit Kühlwasserschaden überholt. Aber wir müssen nicht abgeschleppt werden. Wir flicken das Leck mit Druckschlauchflickband, das wir sicherheitshalber noch mit normalem Isolierband überkleben. Dann Wasser auffüllen und weiter. Am ersten Parkplatz nach der Steigung, Werkzeug aufräumen und Schaden genauer begutachten. Dann fahren wir noch zwei Parkplätze weiter und beenden dort die heutige Etappe.
An dieser Stelle ein ganz großes Dankeschön an unsere Weltbeste Automechanikerin C. aus L., von der ich fast alles, was ich über Autos reparieren weiß, gelernt habe. – Grüße an dich und N.
Bina vorm Bulli mit romantischem Blick auf die Autobahn.


Besuch von der ortsansässigen Streunerkatze. Die natürlich etwas zu Essen bekommt.
Bevor wir am Donnerstag weiter fahren, kippe ich noch schwarzen Pfeffer in das Kühlwasser, ein alter Trick. Der Pfeffer verstopft kleine Kühlwasserleckagen. Und der restliche Kühlwasserverlust ist auch wirklich so gering, dass wir erst fast 800km weiter, vier Dutzend Kilometer vor Adana Kühlwasser nachfüllen müssen.
Als wir am Donnerstag in Wedel gestartet sind, stand Bullis Kilometerzähler auf auf 396.211km.
Beim Auffüllen des Kühlwassers kurz vor Adana steht er auf knapp über 400.000 km (in Worten vierhunderttausend Kilometer).

ich bin froh, daß michel diesen pannen mit humor und der leisen freude, mal wieder mcgyvver (kennt diese fernsehserie überhaupt noch jemand??) spielen zu dürfen, begegnet.
beide male saß ich grad hinterm steuer und ich kann mir gut vorstellen, daß er bis zypern lieber selber fährt. ich würde mich auf dem fahrersitz auch unwohl fühlen. einmal, weil ich schiß vor der nächsten panne habe, und weil michel als beifahrer nicht glücklich ist.
Seit unserem letzten Sabbathjahr hat die türkische Lira eine Inflation von gut 1.250% hingelegt. Also jedes Jahr über 43% Inflation. So dass eine türkische Lira jetzt noch 8% ihres damaligen hat. (Also relativ zum Euro, der in den letzten 7 Jahren ja auch ein wenig an Wert verloren hat.)

Michel, mit 160€ in türkischen Lira. (In beiden Händen zusammen!)
mir geht es beim (bei-)fahren nach solchen pannen nicht so gut. ich sitze völlig verkrampft neben michel, jedem mototergeräusch lauschend, das armaturenbrett im blick, mit der nase jeden möglichen verdächtigen geruch aufnehmend und michels gesicht beobachtend. daher versuche ich mich mit landschaftsbetrachtungen abzulenken. das gelingt gut und es gibt schönes zu sehen.
anatolien ist hellbeige. anders kann man es nicht sagen. entweder gibt es steppenartiges grasland oder abgemähte kornfelder. manchmal ist die landschaft hügelig, manchmal flach. weit schauen kann man aber immer.


Das Problem ist, dass wir in Deutschland wissen: Wenn es nach Gummi riecht, reisst gleich unser Keilriemen, und bei komischen Geräuschen ist was mit dem Motor nicht in Ordnung. Hier haben wir alle Nase lang Gummigeruch in der Nase. Entweder verbrrannter Müll oder ein anderes Auto. Und die Geräusche, die türkische Autos machen, lassen das Soundstudio von Pink Floyd vor Neid erblassen.
die autobahn ist oft mit einem zaun von den feldern abgegrenzt und ganz häufig sitzen auf den pfeilern bussarde. auf ein paar kilometern sah ich bestimmt 30 stück. teilweise alle 150 meter einen. dick und rund, ein wenig heller in der färbung als unsere und gelassen hockten sie da und beobachteten das feld.
ein paar hocken auch auf baumspitzen, das sind wohl die traditionalisten unter den bussarden. leider war ich zu dumm und habe kein foto gemacht.
manchmal tauchen schafherden auf:


und das straßenbegleitgrün wird mühselig bewässert und man kann streckenweise der erosion bei der arbeit zusehen:

und plötzlich fühlte ich mich irgendwie seltsam beobachtet.

ein salzsee taucht in der ferne auf.
und mit einem mal wird die landschaft wieder grüner und die hügel muten irisch an.

Naja: Irland ist deutlich, deutlich, deutlich grüner. Aber die Form und Menschenleere der Landschaft, das kommt absolut hin!
in der ferne taucht die bergkette auf mit teilweise bergen von über 3000 m höhe. Und an der autobahnn wird es auch steil:

ein letzter langer anstieg, an dem wir sicherheitshalber zweimal halten, um den motor zu schonen, und dann sind wir in adana. ich hätte nie gedacht, das ich diese gegend der welt noch mal wiedersehe.
an der küstenstraße richtung silifke wurde in den letzten jahren gebaut hastewaskannste. ein hochhaushotel neben dem nächsten, ’gatet communitys’ noch und nöcher. HILFE!!!!!
ich erinnere mich an den kleinen kuscheligen campingplatz von aishe auf der letzten reise, den ich nicht wieder fand. aber michel und ich sind uns auch uneins, wo der genau war. ich bin der meinung irgendwo bei silifke. michel denkt, der war irgendwo auf dem weg nach mersin. wir sollten unseren eigenen blog von der ersten reise noch mal selber lesen.

Bina beim Freitagsfrühstück am Hafen von Tasucu. Links von der Straße leerstehende verfallende Häuser, die bei unserem letzen Besuch hier noch nicht da oder im Bau waren, rechts eine neu gebaute Gatet-Community, bei der die Mehrzahl der Wohnungen leer steht.
liebe t. und lieber j.: kennt ihr diese tasse noch? sie ist aus dem bulli nicht mehr weg zu denken!
nun sind wir in tasucu sitzen in einem hotelgarten direkt am meer bei türkischem bier, signalen mit s. und e. und gönnen uns zwei tage am meer, bevor es morgen abend nach zypern geht.
wir haben es tatsächlich geschafft!
