Thessaloniki

Samstag 23.9.

wir machen uns nach thessaloniki auf. aber nach einem imbiss in einem vorort und einer kurzen radtour in die innenstadt haben wir von großstadt und ihrem verkehr und gewurle die nase voll! Nach athen haben wir erst einmal genug großstadt gehabt.

wir finden ein cafe in einer stillen gasse mit netter karibischer musik, trinken was, lesen und radeln wieder zurück zu bulli.

paranthese: in den straßen, an eingängen von supermärkten treffen wir immer wieder auf bettler. es sind immer roma, sie sind fast immer weiblich und haben dann auch immer kinder dabei.

nein, die lebenssituation der roma ist nicht lustig und steht keinem staat und keiner gesellschaft gut zu gesicht. aber kinder und jugendliche statt zum kindergarten/zur schule zum betteln zu schicken finde ich nicht richtig. was macht es mit kleinen mädchen auf lange sicht, wenn sie so früh von der mutter lernen, fremde männer niedlich anzuschauen, in der hoffnung etwas zu bekommen? den gedanken mag ich nicht zuende denken. und die 15-jährige, die, ein bischen auf einem akkordeon klimpernd, bei uns am cafetisch um geld fragt, sollte um die mittagszeit in der schule sein und nicht auf der straße.

mir fällt es nicht schwer, kein geld zu geben. das hab ich damals in afrika schon gelernt. mir fällt es auch nicht schwer, in landessprache deutlich ’nein‘ zu sagen. ich möchte nur noch lernen, so grade zu sein und ihnen dabei in die augen schauen zu können. für mich hat das etwas mit respekt und mit nicht- wegschauen zu tun.

Das Lage der Roma beschäftigt und unser Umgang mit ihnen beschäftigt uns seit Wochen uns seit immer wieder. Weil wir immer wieder auf ihre armseligen Hütten, ihre zerlumpte Kleidung und ihre bettelnden Kinder stoßen. Das Problem ist offensichtlich von beiden Seiten verfestigt: Die Mehrheitsgesellschaften haben Vorurteile gegen die Roma und schließen sie aus dem normalen Leben und Wirtschaftsleben aus. Die Roma erfüllen diese Vorurteile (zumindest zum Teil). Sie schicken ihre Kinder nicht zur Schule, sondern lassen sie betteln. Lernen keine ordentlichen Berufe. Vermüllen die Umgebung ihrer Siedlungen.

Unsere Überlegung ist, dass die Kinder der beste Ansatzpunkt wären. Sie müssen zur Schule gehen und einen Beruf lernen. Man könnte dies durch eine Art „Schulgeld“ erreichen. Die Familien bekommen Geld dafür, dass ihre Kinder zur Schule gehen. Fehlen sie, so gibt es Gehaltsabzüge. Schulbegleitend müßte man ihnen ab der 5ten oder 7ten Klasse das erlernen eines Handwerks ermöglichen. Gute Handwerker finden immer gute Arbeit.

Soweit unsere Überlegungen…

Von Griechenland in die Türkei

Sonntag 24.9.

wir treten aufs gaspedal (nein, liebe lieblingsschrauberin, keine angst. über 90km/h geht der tacho nie!) und rollen weiter nach osten richtung türkische grenze.

Diese Grenze ist wirklich ernst gemeint. Sie ist ein seltsamer und unheimlicher Ort. Was durch den Waldbrand auf der türkischen Seite noch verstärkt wird.

Auf der Grenze!

Wir schlafen irgendwo zwischen der Grenze und Istanbul.

Von Istanbul nach Ankara

Montag 25.9.

Heute ist Autofahren pur angesagt. Von vor Istanbul bis hinter Ankara.

Sagten wir Athen sei ein Moloch? Gestrichen. Istanbul ist unglaublich! Wenn man das Frankfurter Hochhausviertel und dazu Berlin-Marzahn in einem beliebigen Vorort von Istanbul abwerfen würde. Es würde nicht weiter auffallen. So viele Hochhäuser haben wir noch nie gesehen. Wir fahren auf der Autobahn von Hochhausviertel zu Hochhausviertel. Laut ADAC-Atlas hat Istanbul nur 4,6 Millionen Einwohner, nur 200 Tausend mehr als der Großraum Berlin. Das kann nicht stimmen, es müssen mehr sein.

Einer der vielen Vororte von Istanbul.
Der Bosporus.

Mit dem Anhalter den wir von Istanbul nach Ankara mitnehmen können wir uns leider nicht unterhalten. Nett ist er trotzdem. Und dafür schenkt uns ein Mann an der Raste selbstgemachte Marmelade und selbtgebackenes Brot von seiner Mutter. Einfach so. Nur weil wir aus Deutschland und Gäste in seinem Land sind.

Zwischen Istanbul und Ankara verändert sich die Landschaft langsam. Anfangs fühlen wir uns vom Himmel, den Bäumen, Feldern und dem Grün her, fast wie in Deutschland. Am Ende fahren wir durch eine beige Steppenlandschaft, die so aussieht, wie wir uns Anatolien vorstellen.

Ankara hat einen Bauboom. Wer soll in all diesen Mietskasernen und Hochhäusern wohnen? Nachts sehen wir von unserem Schlafplatz aus, dass fast alle Hochhäuser dunkel bleiben. Sie stehen also leer, obwohl sie eindeutig als Wohnhäuser konzipiert sind. An der Börse würde ich darauf spekulieren, dass in der Türkei demnächst eine Immobilienblase platzt.

Nachtrag: Der Bosporus

Montag 25.09.17

der bosporus! wir verlassen den europäischen kontinent und sind in asien. das finde ich wirklich bedeutend. ich fühle mich plötzlich sehr weit weg von zu hause und bedauere es – sorry – keineswegs.

Route 66-feeling nach Adana

Dienstag 26.09.17

heute geht es weiter richtung adana.

nach einer nacht im nirgendwo übernehme ich mal wieder das steuer und genieße das sehr.

die straße ist gut und bulli ist willig. die anatolischen berge sind durchaus beeindruckend, die monokulturen mit mandarinen in der steppe davor auch.

istanbul und ankara mit den irrwitzigen hochhäusern erscheinen uns irrsinnig. wer braucht die? erdogan zur machtdemonstration, der aktienmarkt für spekulationenß wer soll da wohnen? viele der wolkenkratzer stehen leer.

rechts und links sehen wir leicht hügelige steppe. kein busch, kein strauch, mal ein paar verlassene häuser, daneben neuere, bewohnte. ab und zu schafe, ziegen, kühe. und über allem eine immer noch heiße sonne. die vierspurige straße führt schnurgerade gradeaus. ab und zu eine große tankstelle. sonst nichts.

Route 66 feeling
Bulli als rollendes Wohnzimmer. Während Michel fährt schreibt bina am Blog.

oh, wir sind mal wieder durch ein dimensionsloch gerutscht und befinden uns irgendwo auf der route 66 in … !

Ja, die beiden Tage zwischen Istanbul und Adana fühlen sich an, als führen wir auf der Route 66. Langsam ändert sich die Landschaft von mitteleuropäisch zu Steppe. Außerhalb der großen Städte, die (wie gesagt) wahre Moloche sind, ist die Landschaft menschenleer. Irgendwann hinter Ankara kommen dann ein riesiger Salzsee und Tafelberge, dazu verlassene Dörfer, die als Geisterstädte in der Gegend stehen. Ich höre die Filmmusik von Wim Wenders Roadmovie „Paris-Texas“ in meinem inneren Ohr. Wir rollen mit konstanten 90 km/h auf schnurgerader Straße meilenweit durch diese unwirkliche Kulisse. Unser Bulli wird zum rollenden Wohnzimmer. Dann irgendwann ein Gebirge und dahinter die Küstenebene. Nein, es sind nicht die Rocky Mountains und Californien. Wir erreichen bei Adana wieder das Mittelmeer.

zwischendrin sehen wir immer mal wieder flüchtlingslager, zwischen nichts und gar nichts und in gleißender sonne.

in den kleinen städten sehen wir manchmal bettelnde syrer an den straßenkreuzungen.

wir beschließen, ihnen immer was zu geben. diesmal auch kindern, obwohl wir uns eigentlich vorgenommen haben, kindern grundsätzlich nichts zu geben, weil sie lieber zur schule gehen sollten. Aber gibt es für alle flüchtlinge eine schule in der türkei? was ist mit sprachschule oder sozialhilfe? wovon leben sie? manchmal verkaufen sie etwas. das nehmen wir nur, wenn wir es irgendwie brauchen können, wie wasser oder taschentücher.

glücklich die flüchtlinge, die es nach deutschland geschafft haben. wirklich!!!

Hamburg-Süd / Turkey

Mittwoch 27.09.17

in mersin machen wir uns auf zur reederei, mit der wir hoffen nach haifa zu kommen.

ein herr ersin spricht gut englisch, wir sollen ihn montag morgen anrufen, er wird sich mit uns am hafen treffen und dann versuchen, uns beide mit bulli auf den frachter zu bringen, obwohl eigentlich keine privatpersonen mitfahren dürfen. nur lkw-fahrer – maximal 12 stück.

im selben haus befindet sich die hamburg-süd. filiale mersin. wir stürmen hinein, rufen einmal laut ‚MOIN!!‘ und haben sofort gökşin und gökhan an der seite, denen wir herzliche grüße aus hamburg mitbringen.

es gibt tee für uns und eine gründliche einführung in die freizeitmöglichkeiten der umgebung.

schnorcheln ist da und da schön, tarsus hat eine hübsche altstadt, kişkaheli sollen wir uns anschauen und an der syrischen grenze sei es überhaupt nicht schön.

lieber gökşin, hallo göksan: das waren tolle tips von euch. wir hatten viel spaß. danke!

Wir mit den Jungs von Hamburg Süd.

ein bummel durch mersin. ich dachte, ich bin mit rock und hemdchen für anatolien zu freizügig angezogen, aber das stimmt nicht. die verschleierung bei frauen geht tatsächlich vom tshador in voller montur, über lange röcke, mäntel und kopftuch und nur eben über die haare geworfenden stoff, über jeans und shirt bis zu minikleidern, pumps und wehenden haaren. alles geht entspannt miteinander um, nichts scheint ein problem zu sein.

Die sprechen zwar kein Deutsch, aber sehr gut Englisch. Und sind in ihrer Hilfsbereitschaft kaum aufzuhalten. Ein typisch türkischer Wesenszug.

Sie bestätigen übrigens unsere Beobachtung, dass in allen Großstädten der Türkei, wie irre neue Hochhäuser gebaut werden. Und auch sie wissen nicht, wer darin wohnen soll. Wir beiden tippen darauf, dass mit dem Bauboom eine Scheinkonjunktur aufrechterhalten wird. Der Tourismus ist hier ja komplett zusammengebrochen. Und Erdogan braucht wirtschaftliche erfolge. Also macht er sie sich selbst. Dass diese Blase irgendwann platzten muss ist klar. Wem wird dann die Schuld gegeben werden?

Dank Tirana und Athen bin ich auf türkischen Stadtverkehr gut vorbereitet und passe mich gut ein. Auch wenn ich nach hiesigen Verhältnissen zum verzweifeln defensiv fahre. Typische Situation: 90km/h im Stadgebiet (erlaubt sind 50 oder 30 – interresiert eh keinen) und ich habe fast 2 Wagenlängen abstand zum Vordermann. Hinter mir hupt es, dann ein Überholmanöver von rechts (obwohl da nach deutschem Verständnis gar keine Fahrspur ist) und rein in die riesige Lücke, die ich Deutscher gelassen habe. Wenn ich hier tatsächlich 50km/h fahren und 3 Fahrzeuglängen abstand halten würde, wäre das hier wirklich verkehrsgefährdend.

Utopien in der Hängematte

Donnerstag/Freitag 28./29.9.17

das davut-hotel hat einen kleinen campingplatz, auf dem wir herzlich willkommen geheißen werden.

aishe umsorgt uns wie eine mutter. zum einchecken gibt es tee, abends zur begrüßung ein paar teller mit essen und die einladung, wir könnten auch im restaurant essen, was wir einmal auch tun werden.

unsere hängematte hängt zwischen den palmen, das meer rauscht, ist richtig warm und voller fische.

aishes sohn elias sitzt unter dem großen baum im hof und macht schularbeiten, die kleine katze kommt angeschnurrt. blumen blühen. klingt idyllisch. ist idyllisch!!!

ich hänge in der hängematte rum, genieße die dusche mit viel seife und freue mich, daß ich nur schnell zum haus laufen muß, wenn ich aufs klo will und nicht unser porta potti organisieren muß.

das abendessen bei aishe ist schlicht, lecker und auch nicht ganz billig. aber schließlich sind auch eine flasche wein und ein halber liter raki dabei, mit dem wir uns bei sternenlicht und meeresrauschen ein bischen betrinken .

aber nachmittags stand auch plötzlich ein riesenteller mit obst und gemüse aus dem garten auf unserem tisch. nur so…

nachts beobachten wir ein gewitter über dem meer, das morgens unseren kleinen campingplatz erreicht und uns für eine halbe stunde in starkregen, sturm, donner und geblitz taucht.

in hamburg wäre von unwetter die rede gewesen. hier freuen sich alle über das bischen naß von oben.

Dass Gewitter hat zu „Temperatursturz“ geführt. Von „Affenhitze“ zu „Aushaltbar“. Gegen Mittag hat sich das Wette erholt. Und auch in der kommenden Nacht brauchen wir keinen Bettdecken. Die Bettbezüge reichen vollkommen.

Wir hängen übrigens nicht nur in der Hängematte rum. Nein! Wir gehen auch Schnorcheln, denn direkt vorm Campingplatz gibt ordentlich Fische zu sehen.